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Deine Lakaien - "XXX - The 30 Years Retrospektive"-Tour - Jahrhunderthalle, Bochum - 14.01.2017

03.02.2017

Veranstaltungsort:

 

Stadt: Bochum, Deutschland

Location: Jahrhunderthalle

 

Kapazität: ca. 1.800

 

Stehplätze: Nein

 

Sitzplätze: Ja

 

Homepage: http://www.jahrhunderthalle-bochum.de

 

Einleitung:

 

Dem ein oder anderen Leser dürfte die im Folgenden beschriebene Situation nicht unbedingt unbekannt vorkommen: So manches Mal hält der eigene Terminkalender neben den alltäglichen Aufgaben und Programmpunkten, die es zuerst meist chronologisch abzuarbeiten galt, auch spezielle Tage für einen bereit, auf die man sich ganz besonders freut. Heute ist genau einer dieser Tage und seit der Ankündigung im Herbst letzten Jahres konnte tatsächlich so einiges an Zeit verstreichen, um die Vorfreude auf der Euphorie-Skala beständig nach oben klettern zu lassen. Dazu kommt noch, dass sich die Rahmenbedingungen für mich persönlich dieses Mal ganz besonders komfortabel gestalten, denn anders als sonst muss ich mich nicht erst auf große Reise begeben, sondern kann dem anstehenden Ereignis zur Abwechslung äußerst gelassen entgegensehen. Die perfekten Voraussetzungen für einen gelungenen Abend also. Ebenso wenig alltäglich wie diese durchaus erfreulichen Gegebenheiten, ist der bloße Anlass an sich. Was die Besucher in wenigen Stunden nämlich erwarten soll, ist keine gängige Konzertreihe, denn viel mehr ein exklusives Gala-Event. Das alles im Rahmen der aktuellen Retrospektive "XXX", sowie sage und schreibe dreißig Jahren Bangeschichte der Avantgardisten von "Deine Lakaien". Anlässlich der großen Feierlichkeiten setzte das beständige Duo für 2017 deutschlandweit lediglich sechs Termine in ausgewählten Locations an, die neben ausreichend Platz für alle anreisenden Gäste, auch einen hervorragenden Klang garantieren. So wurde für den einzigen Termin in Nordrhein-Westfalen das unermüdlich pulsierende Herz tief im Westen des Ruhrgebiets, die Stadt Bochum, als Austragungsort auserkoren. Nur bezieht man zum Jubiläum nicht etwa wieder die lauschige Christuskirche im Zentrum, sondern die deutlich geräumigere Jahrhunderthalle im naturbelassenen Westpark etwas weiter außerhalb. Die im Jahre 1902 durch den Bochumer Verein errichtete Lokalität fungierte seinerzeit als Gebläsemaschinenhalle für die Hochöfen und ist seitdem nicht mehr aus dem örtlichen Kulturkreis wegzudenken. Gut für mich, immerhin könnte ich die gesamte Strecke dorthin bequem in weniger als zwanzig Minuten laufen und außerdem finden für meinen Geschmack in dieser doch sehr atmosphärischen Venue leider viel zu wenige Konzerte statt. Nicht selten ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass ich mir nach Feierabend immer wieder noch einen kleinen, entspannten Spaziergang durch die Anlage erlaubt habe, um den einmaligen Charakter aus Industrie und Grünflächen auf dem Heimweg zu erleben. Es kann durchaus etwas sehr beruhigendes an sich haben, die Seele auf diese Art baumeln zu lassen und dem Alltag somit für einen kurzen Augenblick zu entkommen. Leider hat es das vorherrschende Wetter heute nicht allzu gut mit Bochum gemeint und so verhängen dunkelgraue Wolken schon seit dem Nachmittag den gesamten Himmel. Erst als ich meine Tasche fertig gepackt habe und bereit bin, fängt es in wechselnden Abständen zu regnen und zu schneien an. Nicht gerade der Idealfall für einen idyllischen Marsch und so fällt mein geplantes Vorhaben leider wortwörtlich ins Wasser. Zwar nicht zu Fuß, dafür aber umso trockener, gelange ich schließlich vor dem Gelände an. Obwohl der offizielle Einlass schon seit einer guten halben Stunde gestartet ist, sind noch auffällig viele Personen zu beobachten, die entweder vor dem großen Parkhaus stehen oder mit mir gemeinsam die kleine Anhöhe zum Vorplatz des Veranstaltungsorts hinaufsteigen. Wenig später ist es dann geschafft und der große, beleuchtete Wasserturm ist in nicht allzu weiter Ferne auszumachen.

 

In der Tat ist der wuchtige Bau nur schwer zu übersehen, durch dessen verglaste Front schon von weitem das weitläufige Foyer zu erkennen ist, dessen helles Licht einladend warm durch die Dunkelheit scheint. Vor den Toren findet zumindest zum jetzigen Zeitpunkt keine Kontrolle mehr statt, sodass ich ohne Probleme schnell in das Innere komme. Ich scheine nicht der einzige Nachzügler zu sein und so reihe ich mich in die erstaunlich beträchtliche Schlange ein. Schön, dass der Betreiber so kulant war, diesen Prozess ob der Witterungsbedingungen nach drinnen zu verlegen. Da man gleich mehrere Eingänge nutzt, dauert es auch gar nicht lange, bis man nach einem kurzen Eintrittskarten- und Taschencheck durch die freundlichen Mitarbeiter weiter vordringen darf. Zuerst herrscht jedoch allgemeine Verwunderung, denn anstatt der zuvor auf dem Saalplan kommunizierten Tribünen, sieht man sich einer länglichen Eisfläche und winterlicher Dekoration gegenüber. Für einen Moment hatte ich fast vergessen, dass eine Teilfläche der Jahrhunderthalle derzeit für den beliebten Wintersport genutzt wird und laut Medienberichten gut angenommen zu werden scheint. Ringsherum sind einige Bänke und Tische aufgestellt, an welchen sich die Gäste in warme Decken hüllen und bei heißen Getränken und Speisen aufwärmen können. Auch wenn die Schlittschuhe heute selbstverständlich unter Verschluss bleiben, habe die Konzertbesucher dennoch die Möglichkeit dazu, sich an einem reichhaltigen Buffet umzusehen und hier Platz zu nehmen. Eine wirklich schöne Idee! In dem Getümmel geht der verhältnismäßig kleine Merchandising-Stand der Lakaien fast ein wenig unter, an welchem es mit einigen originellen T-Shirts, Zippern, Postern und CDs eine kleine aber feine Auswahl an Artikeln zu erstehen gibt. Der zweite Teil der Einrichtung, der mit einem großen Vorhang abgetrennt ist, liegt direkt nebenan. Von hier aus gelangt man in den ausnahmslos bestuhlten Innenraum und über die seitlichen Aufgänge zu den dreiteiligen Blocks. Eine freie Platzwahl gibt es zugunsten eines gesitteten Ablaufs nicht, jeder Ticketinhaber hat einen fest zugewiesenen, nummerierten Platz. Hier soll also die baldige Show stattfinden, wie die imposante Bühne im Zentrum unmissverständlich verdeutlicht. Diese ist traditionell schlicht gehalten, denn heute soll es ganz um die Musik gehen. Im Hintergrund ragen sechs eindrucksvolle Beleuchtungsmasten in die Höhe. Jeweils einer zu den Seiten, die übrigen Vier, über welche flächendeckend große Tücher gespannt sind, omnipräsent in der Mitte thronend. Über die Treppen erreiche ich schnellen Schrittes den hinteren Block auf der linken Seite und suche mir, das Ticket zur Sicherheit direkt vor Augen, meinen rechtmäßigen Platz. Die beiden freundlichen Damen in der Reihe machen direkt Platz und obwohl man sich nicht kennt, begrüßt man sich. Generell hat die Atmosphäre im großen Saal, trotz des hohen Besucheraufkommens, etwas sonderbar vertrautes, persönliches und intimes. Ganz anders als bei anderen Veranstaltungen herrscht von Beginn an eine nahezu andächtige Stille. Es wird nicht laut gesprochen, eher getuschelt. Von hier oben aus habe ich wider Erwarten eine exzellente Sicht auf das gesamte Geschehen und nur kurz nachdem ich meinen Mantel über die Lehne meines bequemen Stuhls gehangen habe, soll es dann auch endlich soweit sein...

 

"Deine Lakaien":

 

Pünktlich um 19.30 Uhr werden die schweren Vorhänge zu den Seiten des zweiten Foyers zugezogen und langsam die Lichter gedimmt, bis der gesamte Saal in einer ganz und gar geheimnisvollen Dunkelheit versinkt. Lediglich die weiten Segel zwischen den Masten illuminieren in kräftigem Rot, Grün und Blau die ersten Reihen des Parketts und zeichnen die Umrisse der auf der weitläufigen Bühne befindlichen Instrumente ab. Die Luft ist vor Anspannung zum schneiden dünn und die mit einem Höchstmaß an Vorfreude gepaarte Spannung scheint fast zum greifen nah. Jeder Platz der ausverkauften Jahrhunderthalle ist bis auf den letzten Sitz ausgefüllt und doch ist es so still, dass nun jedes noch so kleine Geräusch glasklar zu hören wäre. Eine ganze Zeit lang geschieht nichts, das Publikum scheint wie versteinert und die Zeit für einen ewig anmutenden Augenblick angehalten worden zu sein. Plötzlich brandet aus den ersten Reihen anerkennender Beifall auf. Erst mit einer höflichen Zurückhaltung, dann immer euphorischer und lauter. Durch die fast vollkommene Finsternis sind nun die Silhouetten mehrerer Personen zu erkennen, die sich vor dem dreifarbigen Kollektiv auf ihre Positionen begeben, durch welche nur vage erraten werden kann, welcher der schemenhaften Musiker gerade genau den jeweiligen Platz ausfüllt. Langsam schreitet augenscheinlich ein weiterer Akteur in das Zentrum des Geschehens, dessen markantes Profil jedoch sofort erkennbar ist. Das bemerken nicht nur die weiter vorn sitzenden Gäste und so spendet die gesamte Halle einen herzlichen Willkommensapplaus. Es ist niemand Geringerer als Sänger Alexander Veljanov, welcher nun mit gemächlichen Schritten die Bretter begeht und schließlich seinen Platz an einem beleuchteten Flügel lehnend findet. Wie von Geisterhand bewegen sich dessen Tasten von allein und lassen die ersten Töne der herzzerreißenden Ballade "Away" erklingen, die den Opener des heutigen Abends markiert. Erst im emotionalen Refrain erhält der geneigte Zuschauer dann einen Blick auf weitere Teile des Ensembles, als das sanfte Licht der zahlreichen Scheinwerfer abwechselnd die unterstützende, dreiteilige Streicher-Fraktion erhellt: Katharina "Sharifa" Garrard und Yvonne "Ivee Leon" Fechner an der Violine, sowie Tobias "B.Deutung" Unterberg am Cello. Die Begeisterung ist allgegenwärtig, doch lassen die Lakaien dem Publikum vorerst ganz bewusst keinen Raum für freudige Bekundungen und so strömt im direkten Anschluss ein frostiges Wispern durch die Reihen, dessen Echo im historischen Industriebau atmosphärisch widerhallt. Das kühle "Colour-Ize" knüpft nahtlos an den Beginn an und entfaltet, als Kontrast zur zaghaft reduzierten Eröffnung, sein volles Spektrum, bei welchem nun das gesamte Aufgebot gefordert ist: Slobodan Kajkut am Schlagwerk, Igor Zotik am Keyboard, Goran Trajkoski an der Gitarre und natürlich auch Ernst Horn an den Synthesizern. Erst als die letzten Klänge langsam verhallen, setzen erneute Jubelstürme ein und Veljanov richtet einige Worte an das Bochumer Auditorium: "Einen wunderschönen guten Abend und herzlich Willkommen! Es ist aber wirklich etwas kalt hier... Aber ich denke mal, dass uns allen gleich sicher noch wärmer werden wird.". Das beliebte "Gone" soll dann im Folgenden maßgeblich dazu beitragen, das sprichwörtliche Eis weiter aufzubrechen, während mit "Lonely" eher ruhigere Töne angeschlagen werden. Neben den teilweise neu arrangierten Titeln und einer passgenauen, auf den jeweiligen Grundcharakter zugeschnittenen Instrumentierung, fallen vor allem die wechselnden Konstellationen auf der Bühne auf. So stellen sich die Musiker individuell auf jedes einzelne der vorgetragenen Stücke ein und verleihen diesen damit eine unvergleichliche, persönliche Note. Besteht die Besetzung nun lediglich noch aus Zotik, Trajkoski und dem Gründungsduo, kann es bereits schon wenige Minuten danach ganz anders aussehen und vor allem anders klingen. Ein gut gelungener Schachzug und eine hervorragend umgesetzte Inszenierung des eigenen Schaffens, wie auch ein Fan auf den oberen Rängen unüberhörbar befindet: "Scheiße ist das geil, Danke!".

 

Nun verlassen alle bis auf Ernst Horn das Geschehen, der sich auch sogleich an den Flügel setzt. Als wenige Augenblicke später Sabine Lutzenberger hinzutritt, wird klar: Es ist Zeit für "Helium Vola"! Als Horn vor mehr als einer Dekade "Qntal" verließ, gründete der versierte Lakai im Jahr 2001 ebenjenes Projekt, welches sich weitestgehend auf eine konzeptorientierte Interpretation mittelalterlicher Lyrik in zumeist altdeutscher, lateinischer, italienischer und mittelfranzösischer Sprache im Gewand moderner Elektronik konzentriert. Wie heißt es so schön? "Gegensätze ziehen sich an". Definitiv ein seit jeher interessantes, weil einfach andersartiges Hörerlebnis. Speziell für die "XXX"-Galas hat sich das Zweigespann etwas ganz besonderes einfallen lassen und mit "Mahnung", "Dormi" und "Selig" einen kleinen Querschnitt durch bekannte Stücke in Unplugged-Versionen vorbereitet. Durch diesen Kunstgriff wirken die ausgewählten Stücke um einiges nahbarer und tragen dem Grundgedanken einer durchweg intimen Session vor großem Publikum nur allzu sehr bei. Vor allem aber lassen die bewusst reduzierten Arrangements dem imposanten Sopran genau die Aufmerksamkeit zukommen, die er verdient. Der perfekte Klang innerhalb der Jahrhunderthalle bietet die passende Basis. Die während des kurzen Sets vorherrschende Kollektiv-Stille, quittiert das richtige, aufgewandte Gespür für die richtige Lokalität nur noch zusätzlich und unterstreicht den Status der vollblütigen Ausnahmekünstler. Nach der Verabschiedung von Lutzenberger kehren dann alle Musiker für "Over And Done" und das schwelgerische "Where You Are" wieder zurück, bei denen die ausgezeichnete Lightshow erstmals voll zur Geltung kommt. Atmosphärisch passend wechseln sich die Farben im Hintergrund ab, während gebündelte Lichtkegel durch die Lüfte ziehen. Überdies ist erfreulich, dass die jeweils agierenden Künstler stets voll angeleuchtet und damit auch von weiter hinten für alle gut sichtbar sind. Nicht unbedingt selbstverständlich, wie so manch versierte Konzertbesucher wissen dürfte. Wie im Vorfeld bereits kommuniziert wurde, wolle man die Solo-Projekte des Duos nicht in den Schatten eines kurzen Support-Slots stellen, sondern möglichst stimmig in den gesamten Abend einbinden. Wie gut das wechselhafte Verweben verschiedenster Schaffensphasen und Ausdrucksformen gelungen kann, zeigte zuvor schon "Helium Vola". Doch auch die Aktivitäten der Front-Stimme sollen nicht unerwähnt bleiben, weswegen man sich dazu entschied, "Veljanov" ebenfalls miteinzubeziehen. Wieder ändert sich das Line-Up auf der Bühne und schon gibt es mit "Man With The Silver Gun" weitere Eindrücke zu verzeichnen. Das nachfolgende "The Sweet Life" fordert dann aufgrund technischer Probleme situationsbedingte Spontanität: Es gilt die Zeit zu überbrücken. Alexander Veljanov blickt sich zuerst fragend um und ergreift entgegen seiner sonstigen Zurückhaltung schließlich die Gelegenheit, mit den Gästen in den Dialog zu treten. "Bei der Kälte haben sich offensichtlich die Saiten verstimmt... Ich bitte vielmals um Verzeihung dafür, dass wir noch mit echten Instrumenten spielen.", wirft er mit stark ironischem Unterton ein und sorgt damit sogleich für einige herzliche Lacher. "Ist euch eigentlich auch so kalt? Ich friere zum ersten Mal seit dreißig Jahren auf der Bühne. Selbst schuld, wenn man eine Tour im Januar macht.", stellt er fest und ist deutlich erleichtert, als die Widrigkeiten behoben scheinen. Eine der seltenen, dafür aber umso sympathischeren Ansagen des sonst so wortkargen Sängers, welche die Zwischenzeit bestens überbrückt hat. Mit "Return" geht man dann wieder zum Repertoire von "Deine Lakaien" über, bevor nach dem wuchtigen "Fighting The Green" vorerst eine Pause auf dem Plan steht.

 

Die Band verlässt geschlossen die Bühne, das Licht geht wieder an und ein Großteil der Besucher verlässt den Saal, um einen kleinen Snack zu sich zu nehmen, für Nachschub an Getränken zu sorgen, sich die Beine zu vertreten oder vor den Toren dem Laster zu frönen. Auch am Merchandising ist es jetzt richtig voll geworden und zahlreiche Interessenten tummeln sich um den Stand des kleinen Shop-Teams. In dieser Viertelstunde ist dann auch genügend Zeit dazu, sich ausreichend über das Erlebte auszutauschen. Das Feedback allerorts fällt, wenig überraschend, fast ausnahmslos positiv aus. Nur wenige Gäste zeigen sich ob der bisherigen Dreiteilung der Projekte ein wenig enttäuscht, hätten sich mehr Songs aus dem Lakaien-Universum gewünscht. Doch sollen sie im zweiten Part noch ganz sicher auf ihre Kosten kommen. Kurz darauf ist die Zeit auch schon wieder um und schwarmartig strömen alle wieder in die Haupthalle zurück. Erneut erfolgt eine Kontrolle der Taschen, dann werden die Plätze aufgesucht. Als langsam wieder Ruhe in das Geschehen einkehrt, wird es langsam dunkel. "Walk To The Moon" gibt einen ruhigen Einstieg in den zweiten Teil und schlägt so eine gekonnte Brücke zu den vergangenen neunzig Minuten, bevor das brachiale "Contact" in wuchtigere Fahrwasser hinein führt, die letztlich im beschwingten "Where The Winds Don't Blow" münden. Die stetigen Wechsel, die sich nicht nur rein auf der Bühne bemerkbar machen, sondern auch im Rahmen der breit gefächerten Setlist stattfinden, sorgen maßgeblich für ein hohes Maß an erfreulicher Abwechslung. Dies ist der dadurch geschaffenen Dramaturgie ähnlich zuträglich, wie bei einer professionell inszenierten Theateraufführung. Überhaupt ist der Grundgedanke klar nachvollziehbar und lückenlos stimmungsvoll, zieht sich der Vorsatz einer durchdachten Retrospektive doch wie ein roter Faden durch nahezu jede einzelne Sekunde. Das anspruchsvolle Vorhaben, dem Hörer einen umfassenden Überblick über das beeindruckende Schaffen von dreißig Jahren Bandgeschichte zu bieten, ohne dabei jedes Stück spielen zu können oder sich lediglich auf die bekanntesten Hits beschränken zu müssen, erfordert neben einem Höchstmaß an Erfahrung auch den festen Willen, es sich nicht so einfach wie möglich machen zu wollen. Daran scheiterten in der Vergangenheit schon viele, nicht so "Deine Lakaien". Für den zweiten Block von "Helium Vola", welcher mit dem ergreifenden "Begirlich In Dem Hertzen Min" eröffnet wird, bilden zuerst Horn und Lutzenberger das Zentrum der Aufmerksamkeit. Erst zum epochalen "Omnis Mundi Creatura" erhalten sie gesangliche Unterstützung von Kajkut, Garrard und Fechner. Ein wahres Monument der ureigenen Historie! Das verquere "Cupids Desease" hingegen, übergibt den Stab dann wieder an Veljanov und geleitet anschließend mit "Seraphim", "Mein Weg" und "We Can't Turn Back" wieder zu seinen Solo-Werken. Die Lakaien-Evergreens "Reincarnation" und "Dark Star" versetzen das Auditorium leicht in sofortige Verzückung und setzen den vorläufigen Schlusspunkt. Als das Ensemble nach mehr als zwei Stunden Spielzeit von der Bühne geht, erheben sich die Reihen nach und nach. Standing Ovations und "Zugabe"-Rufe sind die Folge. Niemand möchte, dass dieser Abend endet. Natürlich kehren "Deine Lakaien" ein weiteres Mal für ihre Fans zurück, immerhin soll diese Nacht eine ganz besondere sein und einige Favoriten blieben bisher aus. Als Horn und Veljanov vor das Bochumer Publikum treten, wird es nach einem beglückten Applaus wieder Zeit, die Plätze einzunehmen. Gespannte Stille legt sich über die Tribünen. Plötzlich ist von irgendwoher ein Zuruf zu vernehmen: "Ich liebe euch!". "Wie bitte?", fragt der Sänger verwundert in die Runde. "Ich liebe euch!", tönt es nochmal um einiges lauter aus der Dunkelheit. "Es ist so kalt, ich höre nichts.", entgegnet Veljanov trocken. Erheiterung allerorts. "One Night" bietet man in Zweier-Konstellation mit Horn am Flügel dar. Die nachdenkliche Ballade entfaltet in ihrer Akustik-Version erst ihre volle Wirkung und hüllt die Jahrhunderthalle in einen Schleier fern des Weltlichen. "I need a machine... A machine for my mind...", gibt sich der Bandkopf geheimnisvoll, doch hat so mancher Fan den versteckten Hinweis deutlich hörbar erkannt. Das vertrackte "Mindmachine" weicht in seiner Umsetzung deutlich von der Studioversion ab, wirkt orchestraler, fast gezähmt klassisch und ist dabei doch unverkennbar. Eine erneute technische Störung verhindert den weiteren Ablauf. Während ein Techniker um die Lösung des Problems bemüht ist, wird Ernst Sieber kurzerhand als Ersatz-Bassist auserkoren. "Are you ready, bist du bereit? Der hier geht immer!", kommentiert Alexander Veljanov das Geschehen trocken und setzt zum schmissigen "Overpaid" an. Auch wenn Bochum die Lakaien noch nicht so recht ziehen lassen will, so ist es doch nicht von der Hand zu weisen, dass es zwischenzeitlich wirklich spät geworden ist. Mit "Pilgrim" und dem viel geforderten "Love Me To The End" wird das Finale gebildet, bevor "Deine Lakaien" schließlich unter tosendem Beifall ihr Set und damit eine weitreichende Zeitreise durch dreißig Jahre Musikgeschichte beenden.

 

Als das Licht im Saal ein letztes Mal wieder angeht, ist es weit nach 23.00 Uhr. Was für ein Abend! Viele Besucher stehen zufrieden auf und verlassen gesittet nacheinander ihre Plätze, einige andere bleiben jedoch noch ein wenig auf diesen sitzen und genießen den Moment. Was für ein Abend! Als ich gerade meinen Mantel wieder anziehen möchte, komme ich zufällig ins Gespräch mit einem Mann, der das gesamte Konzert über in der letzten Reihe hinter mir saß. Er stellt sich freundlich als Maik vor und plötzlich entwickelt sich ein reger Austausch rund um Musik, interessante Begegnungen und bisherige Erlebnisse. Das geht so lange, bis wir von einer der netten Security-Damen gebeten werden den Saal zu verlassen, woraufhin wir unser Fachgesimpel erst ins Foyer und schließlich nach draußen auf den Heimweg verlegen. Ein begrüßenswerter Nebeneffekt, den es derart, ob teils strikter Gruppenbildungen und realitätsferner Smartphone-Abhängigkeit, nur noch selten auf Events zu verzeichnen gibt. Überhaupt erwies sich das anwesende Publikum als genauso niveauvoll und bunt gemischt, wie das gesamte Konzert. Vom Oldschool-Goth und Klassikliebhaber, über den unauffälligen Normalo, bis hin zum Rentner im hohen Alter, war wirklich jede Zielgruppe an Interessenten vertreten. Der gegenseitige Respekt, nicht nur zwischen Band und Fans, sondern vor allem auch untereinander, war der unumstößliche Beleg dafür, dass Toleranz zwischen Gegensätzen aller Art nicht immer nur reines Wunschdenken sein muss. An diesem Abend waren alle Eins, mit einem gemeinsamen Ziel, einer Passion, die seit jeher zu verbinden weiß: Musik. Und davon gab es an diesem Abend reichlich. Nicht nur von "Deine Lakaien", sondern auch von "Helium Vola" und "Veljanov", die durch eine kluge Implementierung in das reguläre Set nicht zu gewollt erzwungen oder gar aufgesetzt, sondern immer leidenschaftlich und authentisch wirkte. Das meisterhafte Ensemble, bestehend aus aus langjährigen Weggefährten und Freunden des kreativen Duos, wusste den jeweiligen Interpretationen zu jeder Zeit ihren einerseits bekannten und manchmal dann doch ganz neuen Charakter einzuhauchen. Der pointierte Einsatz von Licht- und Schattenspielen schuf den stimmigen Rahmen, während der exzellente Klang in der Jahrhunderthalle wahre Bände sprach. Für viele, wenn nicht sogar alle Gäste, ein unvergesslicher Live-Meilenstein im eigenen Erfahrungsschatz, der zeigt, dass Musik mit Herz und Hirn niemals alt, sondern immer aktuell bleiben wird. In diesem Sinne: Auf die nächsten dreißig Jahre!

 

Setlist:

 

01. Intro

02. Away

03. Colour-Ize

04. Gone

05. Lonely

06. Mahnung ("Helium Vola")

07. Dormi ("Helium Vola")

08. Selig ("Helium Vola")

09. Over And Done

10. Where You Are

11. The Man With The Silver Gun ("Veljanov")

12. The Sweet Life ("Veljanov")

13. Return

14. Fighting The Green

15. Walk To The Moon

16. Contact

17. Where The Winds Don't Blow

18. Begirlich In Dem Hertzen Min ("Helium Vola")

19. Omnis Mundi Creatura ("Helium Vola")

20. Cupids Desease

21. Seraphim ("Veljanov")

22. Mein Weg ("Veljanov")

23. We Can't Turn Back ("Veljanov")

24. Reincarnation

25. Dark Star

26. One Night

27. Mindmachine

28. Overpaid

29. Pilgrim

30. Love Me To The End

 

Informationen:

 

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