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Udo Lindenberg - "Stärker Als Die Zeit"-Tour - Westfalenhalle, Dortmund - 30.05.2017

23.06.2017

Veranstaltungsort:

 

Stadt: Dortmund, Deutschland
 

Location: Westfalenhalle 1

 

Kapazität: ca. 12.000

 

Stehplätze: Ja

 

Sitzplätze: Ja

 

Homepage: http://www.westfalenhallen.de

 

Einleitung:

 

Als ich ungefähr gegen 18.00 Uhr auf dem asphaltierten Vorplatz der Westfalenhallen in Dortmund eintreffe, ist es ob der rapide angestiegenen Temperaturen nicht nur ziemlich warm, sondern vor allem auch ziemlich voll. Der Einlass hat offensichtlich schon begonnen, doch ein Großteil der Angereisten scheint es nicht sonderlich eilige zu haben. Viele von ihnen ziehen es verständlicherweise vor, die Wartezeit auf die Ankunft Lindenbergs lieber an der frischen Luft, denn in einer sperrlich klimatisierten Konzerthalle zuzubringen. So halten sich die Besucher jeweils an einem der zahlreichen Verkaufsstände auf und nehmen das ein oder andere kühle Getränk zu sich. Ich navigiere durch das Gewirr und steuere zielstrebig auf den Haupteingang zu. Die Kontrollen fallen trotz der vorab veröffentlichten, in den jüngsten Ereignissen begründeten, Regelungen sonderbar lasch aus und so befinde ich mich nur wenige Minuten später schon im ausladenden Foyer. Dort angekommen, fällt mir als erstes ein meterlanges Banner auf, welches für den Verkauf handgefertigter Bronzestatuen von Lindenberg wirbt. Eine originalgetreue Replikation zum mitnehmen, in enger Anlehnung an das jüngst errichtete Denkmal in seiner Heimatstadt Gronau. Der Preis für die kleinste Anfertigung? Weit über Tausend Euro! Ich verwerfe den kurzzeitig aufkommenden Gedanken an ein besonderes Mitbringsel gleich wieder und begebe mich lieber zum offiziellen Merchandising-Stand direkt gegenüber. Hier gibt es kreative Accessoires und einige neue T-Shirts, neben der klassischen Tour-Edition beispielsweise etwa zum Song "Coole Socke". Ich entscheide mich für das Motiv "Udo For President", sowie für einen USB-Stick und Schlüsselanhänger im typisch panischen Zeichenstil. So gefüllt sich der Außenbereich präsentiert, so leer ist es derzeit noch im Rund der Konzerthalle selbst. Hier gibt es keinerlei Probleme dabei, kalte Getränke und Speisen zu ordern. Die allgemeinen Wartezeiten gestalten sich äußerst moderat und drei verschieden bedruckte Tourbecher gibt es sogar auch. Mit meinen gerade erworbenen Fanartikeln in der einen und dem Ticket in der anderen Hand, steige ich die Treppen eine Etage höher hinauf und suche, auf der ersten Ebene angelangt, meinen zugewiesenen Block. Als ich die jeweilige Tür zum Unterrang öffne, verdoppelt sich meine Vorfreude. Von hier aus kann ich die komplette Bühne einsehen und bin zudem gar nicht allzu weit von dieser entfernt. Beste Sicht also! Gerade als ich mich probehalber auf meinen nummerierten Platz gesetzt habe, irrt eine ältere Dame in der Reihe vor mir umher. "Entschuldigung, junger Mann? Könnten Sie mir vielleicht einmal sagen, welcher Block das hier ist?", fragt sie freundlich lächelnd. Ich werfe zur Sicherheit nochmals einen Blick auf meine Karte und gebe ihr die gewünschte Information. "Oh, dann muss ich wohl noch ein Stück weiter nach Links.", schmunzelt sie und wirft anschließend einen prüfenden Blick in die Halle. "Hm, das mit dem UFO könnte ja hier sogar klappen!", freut sie sich. "Ach, haben Sie die Show auch schon mal gesehen? Ich war letztes Jahr in Gelsenkirchen mit dabei.", erkundige ich mich verwundert. "Ach, wie schön. Da war ich ja auch. Das war toll und dann noch zu Udos Geburtstag! Ich hatte wirklich Spaß, aber um mich herum sind so wenige aufgestanden. So schade und dabei waren die doch alle jünger als ich...", schüttelt die Dame den Kopf und wir plaudern noch eine kleine Runde. Auf der großen Leinwand im Hintergrund wechseln sich derweil verschiedene Werbespots für die neue Shirt-Kollektion, das Solo-Album von Josephine Busch und ein interaktives Museum mit dem ominösen Namen "Panik City" in Hamburg ab. Auch einige Musik-Videos aus dem Panik-Archiv gibt es hier in regelmäßigen Abständen zu sehen, was die Stimmung bereits über eine Stunde vor Beginn schon in die richtigen Bahnen lenkt. Als mit dem Refrain von "Plan B" aktuellere Töne anklingen, verabschiedet sich die Frau mit den Worten "Jaja... Je älter desto besser!" und festem Blick auf das Lindenberg'sche Konterfei, schließlich beseelt tänzelnd in den nebenliegenden Block. Amüsiert lächelnd und erfreut über die Tatsache, dass man offenbar auch im hohen Alter noch Spaß an Konzerten finden kann, schaue ich ihr nach, bevor ich noch auf eine letzte Zigarette vor dem nahenden Auftritt an die warme Sommerluft im eigenen Raucherbereich hinaustrete. Genau wie der Zeremonienmeister selbst: Einfach positiv verrückt!

 

"Udo Lindenberg":

 

Einige Minuten vor der offiziell angesetzten Spielzeit, wird die stetig wechselnde Mischung aus Musik-Videos und werbewirksamen Spots schließlich wie bei einer Theateraufführung durch einen roten, hier allerdings rein digitalen Vorhang abgelöst. Während der virtuelle Stoff stilvoll und dabei augenzwinkernd den großflächigen Hintergrund verhüllt, erklingen, konträr zum bald folgenden Programm, klassische Operetten aus den zahlreichen Boxen. Ein gänzlich verqueres, irgendwie unwirklich anmutendes Gesamtbild, welches angesichts des bevorstehenden Kreativ-Chaos dennoch mehr als passend gewählt zu sein scheint. Pünktlich um 20.00 Uhr verstummen die befremdlichen Klänge dann und geben dem kurz darauf aufbrandendem Jubelsturm ihren Platz zur ausreichenden Entfaltung. Erst als die ausverkaufte Westfalenhalle im Anschluss in vollkommener Dunkelheit versinkt, wird es schrittweise langsam ruhiger. Gespannte Stille liegt in der Luft und das auch völlig zurecht. Zur epochal arrangierten Symphonie des aktuellen Titeltracks "Stärker Als Die Zeit", welche in ihrem unverkennbaren Original dem zeitlosen Film-Klassiker "Der Pate" entlehnt ist, gibt die gigantische LED-Leinwand nun den Blick auf das gesamte Geschehen frei. Langsam fährt die Kamera durch eine futuristisch anmutende Kulisse, vorbei an fantasievoll konstruierten Gebäudekomplexen und tiefen Häuserschluchten, geradewegs auf ein riesiges Abbild Lindenbergs zu, das frappierende Ähnlichkeit mit der ikonischen Freiheitsstatue Amerikas aufweist. Unter dessen stählernen Trägern hindurch, offenbart sich dem aufmerksamen Publikum nun der majestätische Ausblick auf das weite Meer vor einem bezaubernden Sonnenuntergang. Allzu lange soll die kurzzeitige Idylle jedoch nicht anhalten und mit einem ruckartigen Schwenk taucht der gesamte Ruhrpott tief in die ungewissen Tiefen, direkt ins kühle Nass hinein. Vorbei an kleinen und großen Schwärmen einiger bunter Fische, treffen die Zuschauer unversehens auf ein kleines Kollektiv betörender Meerjungfrauen, welche ihnen nun mit einem bezaubernden Lächeln lockend zuwinken, nur um keine Sekunde später ihre wahren Gesichter zu offenbaren und sich mit einem gellenden Schrei als gefährliche Sirenen zu entpuppen. Erschrocken von dieser schier unerwarteten Wandlung, windet sich Dortmund panisch aus den bedrohlichen Fängen der tückischen Häscher. Hektisch fährt die Perspektive umher, sucht einen rettenden Ausweg. Unzählige Luftblasen verdecken das gesamte Bild, der Atem wird langsam spürbar knapp. Wieder an der schützenden Wasseroberfläche angelangt, hat die Umgebung einen erheblichen Wetterumschwung erfahren. Pechschwarze Wolken sind am weiten Himmel aufgezogen und haben die zuvor noch hell strahlende Sonne endgültig abgelöst. Schwerer Regen prasselt unablässig hinab, grelle Blitze zerreißen das bruchstückhafte Firmament und durchleuchten in unregelmäßigen Abständen die sonst so stockdunkle Nacht. Auch der gesamte Wellengang hat damit einhergehend erheblich angezogen. Wo sich noch vor kurzem ein friedliches Panorama erstreckte peitschen jetzt unbezwingbare Urgewalten. Es herrscht Windstärke Zehn - Vorsicht, Sturmgefahr! Als wäre das alles noch nicht genug gewesen, überschlagen sich die ganzen Ereignisse nun um ein Vielfaches. Direkt in unmittelbarer Nähe des gemeinsamen Sichtfelds, erhebt sich aus den wogenden Wassermassen abrupt der gigantische Bug eines riesigen Kreuzfahrtschiffs. "Rock Liner" ist in dunkelroten Lettern flüchtig auf diesem zu lesen. Erste, laute Jubelstürme lenken die gesammelten Blicke von der einnehmenden Leinwand jäh weg und reißen wieder in die Realität hinein. Unter anerkennendem Applaus betreten Schlagzeuger Bertram Engel, Pianist Jean-Jacques Kravetz, Keyboarder Hendrik Schaper, Bassistin Steffi Stephan, wie auch die beiden Gitarristen Hannes Bauer und Jörg Sander schnellen Schrittes die weitläufige Bühne. Das Panik-Orchester ist komplett! Die druckvollen Drums geben klar dominierend die folgende Marschrichtung vor, während jetzt unzählige Hände im Takt klatschen. Auf einem hohen Podest direkt hinter der Band, stellt sich nun klar sichtbar ein Chor aus drei Personen auf. In dessen Mitte Ole Feddersen, seit Mitte 2012 neben Nathalie Dorra und Stephanie Crutchfield festes Mitglied im panischen Ensemble. Mit Rhiannah Kitching, Heather Urquhart, Hayley Ainsley, Rose Grace Hartigan, Ellie Smale und Amy Taylor entern nun zuletzt auch die Tänzerinnen die Bretter, gekleidet in himmelblaue Neoprenanzüge. Während sich erstgenanntes Quartett mit schweren Kanistern auf dem Rücken positioniert, beschreiten Smale und Taylor den langen Laufsteg Richtung Publikum, bis sie schließlich am äußersten Ende zum stehen kommen. Zwei Fluglotsen gleich, erheben sie die signalisierend leuchtenden Stäbe in ihren Händen hoch in die Luft, scheinen ein bis dato unbekanntes, herannahendes Flugobjekt zu sich heranzuwinken. Alle Blicke fahren in der Halle umher. Wer oder was könnte nur damit gemeint sein? Die Antwort soll nicht mehr lange auf sich warten lassen...

 

Zur markant rockenden Melodie des heutigen Openers "Odyssee", hält Panik-Präsident Udo Lindenberg seinen bereits bekannten, spektakulären Einzug. Gewohnt lässig mit der obligatorischen Zigarre im Mund und dabei auf einer kleinen, an stählernen Schienen befestigten Plattform stehend, schwebt Udo Lindenberg unter den schwindelerregenden Höhen der breiten Hallendecke herein. Aufgrund der, im direkten Vergleich zu den letztjährigen Stadion-Spektakeln, gänzlich limitierten Gegebenheiten einer jeden Veranstaltungshalle, fällt die Strecke seiner Flugbahn jedoch um einiges kürzer und somit nicht mehr über die Köpfe des gesamten Publikums aus. Besonders schade, da es nun zur Folge hat, dass aus entsprechenden Zeitgründen lediglich der hymnenhafte Refrain zum Besten gegeben wird. Schließlich auf dem als Landebahn fungierenden Laufsteg angekommen, wird er von seinem Lift abgeschnallt und eilt sodann schnellen Schrittes in Richtung Bühne, während die dort positionierten Tänzerinnen zur Begrüßung hohe CO2-Fontänen in die Luft verschießen. Das ohrenbetäubende Geräusch eines Schiffshorns markiert den Abschluss der imposanten Eröffnungszeremonie und gleichzeitig den Start in den noch jungen Abend. Mit dem nonchalanten "Einer Muss Den Job Ja Machen" vom aktuellen Album, lässt Lindenberg augenzwinkernd den berühmten Rockstar raushängen und untermauert auch im Anschluss äußerst sympathisch: "Ich Mach Mein Ding". Ein weiteres Highlight der großen Inszenierung liefert "Cello", welches gerade in den letzten Jahren ein gern gehörter Dauergast in diversen Medien war. Wurde der eingängige Titel bei den vergangenen Shows gern zu einem stimmungsvollen Duett mit einem der zahlreichen Stargäste, wie etwa Thomas "Clueso" Hübner oder Daniel Wirtz, umfunktioniert, so übernimmt heute Background-Sänger Ole diesen Part. Fürs Auge wird auch eine ganze Menge geboten, als ein eindrucksvolles Gestell in Form des besungenen Klangkörpers über dem breiten Innenraum schwebt, in dessen Zentrum sich einige Trapezkünstlerinnen zum Takt der Musik räkeln. Zum großen Finale erhebt sich vor der gigantischen Videowand ein Balken in die Höhe, auf dem drei Statistinnen in langen, roten Gewändern das berühmte Streichinstrument bearbeiten. Ein überwältigendes Bild! Ein wenig Entschleunigung birgt danach die emotionale Trennungsballade "Ich Lieb' Dich Überhaupt Nicht Mehr" und auch die erste Single-Auskopplung der neuesten Veröffentlichung, "Durch Die Schweren Zeiten", fügt sich diesem Stil passend an, bevor mit dem selbstbewussten "Plan B" der zweite, aktuelle Radio-Hit folgt und es mit "Rock 'N Roller" deutlich temporeicher wird.

 

Seit Anbruch der frischen Udo-Ära, sind auch die sogenannten "Kids On Stage" ein großer und wichtiger Bestandteil des panischen Ensembles, welche jetzt im Refrain von "Wozu Sind Kriege Da" ihren ersten, viel beklatschten Auftritt im Rahmen einer ergreifenden Chor-Einlage haben. Insbesondere ein kleines Mädchen, das nun ganz alleine den Endpart übernimmt, darf sich über herzliche Reaktionen in der altehrwürdigen Westfalenhalle freuen. Früh übt sich! Doch Lindenberg wäre nicht Lindenberg, wenn er seine Attitüde und den Punk vergangener Tage längst verloren hätte. Das klare Gegenteil ist der Fall, noch immer ist der umtriebige Wahl-Hamburger politisch höchst engagiert und lässt es sich auch heute Abend keineswegs nehmen, seine Meinung ein weiteres Mal öffentlich zu vertreten, um vor allem in dunklen Tagen wie diesen, ein unverkennbares Zeichen gegen den Terror und Rassismus, aber für den Weltfrieden und kollektiven Zusammenhalt zu setzen. Natürlich klar, dass es da noch die richtigen Songs als argumentativen Verstärker braucht. Und was würde sich da wohl besser eigenen, als das funkige "Straßenfieber" und "Sie Brauchen Keinen Führer", zu welchem nun humoristische Videosequenzen mit verunglimpfenden Abbildungen rechtsgesinnter Politiker im Hintergrund zu sehen sind. Gemeinsam mit Josephine Busch, welche eine der beiden Hauptrollen im Musical "Hinterm Horizont" besetzt, geht es dann immer weiter "Gegen Die Strömung", während zum spaßigen Heinz Rühmann-Cover "Ich Brech' Die Herzen Der Stolzesten Frauen" eine von Lindenbergs berühmten Karikaturen als großformatiger Ballon aufgepustet wird. Zu "Bunte Republik Deutschland" ist dann wieder richtig viel los auf der Bühne, die jetzt wieder von zahlreichen Statisten in schillernden Kostümen bewohnt wird. "Stärker Als Die Zeit" markiert dann einen weiteren Höhepunkt auf der Agenda, wird der Titeltrack des letztjährig veröffentlichten Albums doch auf dem zweiten Teil dieser Tournee zum ersten Mal live gespielt. Eine aufrichtige Ode an alle Wegbegleiter, ganz gleich ob Fans oder Panik-Familie. Dankbar, authentisch und einfach echt. Mit "Das Leben" und "Sternenreise" hält man diesen anrührenden Standard noch eine ganz Weile weiterhin aufrecht, nur um dann erneut tief in die Trickkiste zu greifen. Plötzlich richten sich alle Blicke gen Hallendecke, als undefinierbare Töne erklingen und hellgrüne Laserstrahlen durch die dichten Reihen des Innenraums flackern. In den luftigen Höhen wird nun doch tatsächlich ein riesiges UFO sichtbar, welches sich zielstrebig seinen Weg zu einem geeigneten Landeplatz sucht. Über dem Laufsteg angekommen, seilen sich einige der Akrobatinnen schwungvoll gen Boden ab. Ein Außerirdischer folgt sogleich darauf: "Gerhard Gösebrecht". Lindenberg, der nach eigenen Aussagen ebenfalls nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint, begrüßt den Neuankömmling und versucht, mit der fremden Spezies zu kommunizieren. Das Vorhaben soll gelingen und so offenbart das Wesen dann doch den Grund seines hohen Besuchs: Rock 'n Roll. Nichts leichter als das, oder? Um Gösebrecht seine versprochene Dosis Panik zu injizieren, eröffnet man mit erneuter Unterstützung der "Kids On Stage", die berüchtigte "Honky Tonky Show", bevor vor der atemberaubenden Kulisse des Brandenburger Tors mit "Horizont" der Vorhang vorerst fällt.

 

Selbstverständlich möchte Dortmund den selbsternannten "Dr. Feelgood" noch nicht gehen lassen, doch allzu lange soll es heuer gar nicht mehr dauern, bis sich Lindenberg für mehrere Zugaben blicken lässt. Die erste davon ist "Bis Ans Ende Der Welt", wohingegen das Portfolio des darauf folgenden Hit-Blocks mindestens so bunt ausfällt, wie das Treiben auf den Brettern selbst. Zur jazzigen Mafioso-Hymne "Johnny Controlletti" etwa, erstrahlt die gesamte Bühne im New Yorker Broadway-Stil: Unzählige Reklametafeln und rund Tausend kleine Lichter blinken bunt und wild im Takt der temporeichen Musik, auf einem breiten Stahlträger werden vergnügt schunkelnde Statisten in Arbeitermontur hochgezogen. Ein äußerst stimmiges Flair. Doch Achtung, der "Sonderzug Nach Pankow" fährt sogleich ein und nimmt den Ruhrpott auf eine turbulente Reise in die Vergangenheit mit - Geschichte zum hautnah erleben und anfassen! Auch hier sind Kleinen des Ensembles mal wieder ganz groß, etwa wenn sie in einheitlichem Lindenberg-Zwirn samt Sonnenbrille und Hut eine ausgelassene Polonaise starten. Ein buntes Chaos. Von Ost-Berlin nach Hamburg in weniger als ein paar Minuten? Kein Problem für Udo! So bringt "Alles Klar Auf Der Andrea Doria" die Fans auf schnellstem Wege zurück in nordische Gefilde, nur um danach mit "Candy Jane" ins Herzstück Hamburgs vorzudringen: Die legendäre "Reeperbahn". Diesen hanseatischen Kiez-Gassenhauer gibt Lindenberg wieder zusammen mit Ole Feddersen zum Besten, der sich redlich bemüht zeigt, die mittlerweile etwas ermüdete Stimmung weiter hochzuhalten. Gegen Ende soll es dann doch noch gelingen und alle singen den allseits bekannten Refrain mit. Durchdacht und intelligent wird der thematische Faden weitergesponnen, als Lindenberg ein weiteres Mal den langen Laufsteg betritt und so die Nähe der Zuschauer sucht. Und es wird klar: Insbesondere die letzten Jahre mit all ihren Erfolgen und turbulenten Erlebnissen waren, sind und bleiben sein ganz persönliches "Eldorado". Endlich angekommen auf der besungenen, goldenen Landebahn seines Lebens leistet er gemeinsam mit seinen Background-Sängern und dem ruhigen "Ich Schwöre" einen letzten Eid. Doch dann ist es schließlich soweit und der Zeitpunkt des Abschieds ist gekommen, der Panik-Rocker muss nun weiterziehen. Während der ikonische Sänger in Begleitung seiner beiden Assistentinnen Taylor und Smale am Ende des Stegs ausharrt, wird zu den majestätisch rockenden Klängen des spektakulären Set-Closers "Woddy Woddy Wodka" langsam ein stählerner Aufzug in Käfigform von der Hallendecke herabgelassen. Das Orchester auf der Bühne gibt im grellen Blitzlichtgewitter der Scheinwerfer noch ein letztes Mal alles, der Chor wiederholt den packenden Refrain beschwörend, alle Dämme brechen. Die beiden Damen helfen Udo Lindenberg zusammen in einen schweren, klobigen Astronautenanzug, dann steigt er in die metallene Konstruktion und wendet sich geradewegs seinem Publikum zu, welches das Geschehen wie gebannt verfolgt. Den wachsamen Blick fest auf das Zentrum gerichtet, setzt er zuletzt auch seinen Helm auf, klappt das verspiegelte Visier herunter und gibt letztlich das Kommando zum Start. Als sich der Lift unmittelbar danach wieder in die Lüfte erhebt, winkt der Raumfahrer von einem anderen Stern seinem Publikum ein letztes Mal zur Verabschiedung, bis er irgendwann dem kollektiv faszinierten Blick der Allgemeinheit entgleitet und bis zur Gänze hinter Bühne verschwindet. Seine treue Crew blickt ihm noch eine Weile beseelt lächelnd nach, sie alle heben die Hände zum Gruß. Im Takt der Melodie, die sich nun mehr und mehr ihrem epischen Höhepunkt nähert, schreiten die beiden Frauen über die Landebahn zurück zur Hauptbühne, auf der Band und Chor hingebungsvoll zum Abgesang einsetzen. Auf der riesigen Videowand zählt, für alle Anwesenden gut sichtbar, ein spannungsgeladener Countdown langsam herunter. Endlich bei Null angekommen, hallt ein rauschender Funkspruch durch die Weiten der Westfalenhalle, das Ensemble verlässt unter schallendem Applaus die Bretter, wie es vor rund zweieinhalb Stunden gekommen ist. Unter ohrenbetäubendem Lärm und plötzlich aufziehenden Nebelschwaden werden die gigantisch wirkenden Triebwerke der panischen Rakete gezündet, mehr als bereit dazu, endgültig abzugeben und den Erdball weit hinter sich zu lassen. Meterhohe Flammenstürme schießen lodernd empor und erleuchten alleinig die nun einsetzende Dunkelheit. Erst als sich das übermächtige Inferno mit seinen letzten Feuerstößen verzogen hat, legt sich eine sonderbare Stille in der gesamten Lokalität und hüllt diese für einige Sekunden in nahezu völlige Finsternis. Jeder Einzelne scheint darauf zu warten, dass in wenigen Sekunden das Licht wieder angeht. Doch mit einem Mal zerreißt ein gewaltiger Knall die soeben eingekehrte, ruhige Leere und schleudert einen riesigen Regen aus glitzerndem Konfetti in das Rund. "Keine Panik!" ist auf der Leinwand im Hintergrund zu lesen und während wie zu Beginn die instrumentale Version von "Stärker Als Die Zeit" aus den zahlreichen Boxen dringt, um den Kreis jäh zu schließen, fliegen große Ballons über den Innenraum herein. Was für ein dramatisches Finale!

 

Ebenjener leert sich wie gewöhnlich recht zügig. Auf den Rängen und Treppen hingegen stauen sich die Besucher zu Hunderten , welche sich nun anschicken, die Halle fluchtartig zu verlassen. Ich setze mich wieder, schaue dem Treiben zu und lasse den Abend wie üblich ein wenig Revue passieren. Es war wieder mal ein großes Konzert und im direkten Vergleich zu den vergangenen Stadion-Gigs zudem sogar verhältnismäßig intim. Auch Lindenberg selbst hat über die vergangenen Jahre nichts von seiner einnehmenden Art, der charmanten Verrücktheit und dem Charisma eingebüßt - Im Gegenteil. Der sympathische Panik-Präsident scheint gesundheitlich fit wie eh und je, ist trotz des rasant überraschenden, kommerziellen Erfolgs auf dem Boden der Tatsachen und im Herzen Punk geblieben. Für oberflächliche Allüren ist er auch merkbar nicht der Typ, kennt die Basis seines Schaffens und die Eckpfeiler der eigenen Person ebenso gut, wie auch die damit verbundenen Höhen und Tiefen seiner langjährigen Karriere. Er ist eines der letzten, authentischen Originale der deutschsprachigen Musik, genießt zurecht gleichermaßen Kult- wie Legendenstatus. Dass im strikten Rahmen ungleich größerer Spielstätten, allgegenwärtig steigender Produktionskosten und in Folge dessen höherer Eintrittspreise ein gewisser Mehrwert für die zahlende Kundschaft geboten werden muss, hat Lindenberg schon zu Zeiten von "Stark Wie Zwei" verinnerlicht. Wenngleich die 2016er-Reise durch diverse Stadien Deutschlands auch allerorts für maßlose Begeisterung zu sorgen wusste, fällt die Anpassung für die gängigen Konzerthallen anno 2017 ein ganzes Stück weniger spektakulär aus. So präsentiert sich beispielsweise das gesamte Bühnenbild deutlich kompakter und lässt einige Einlagen und Elemente, wie etwa den Trapez-Flug bei "Horizont" oder den beeindruckenden Schiffsbug, ersatzlos vermissen. Zudem zeigt sich die Anzahl der aktiven Statisten ebenfalls gestutzt und das beliebte Duett-Konzept mit namhaften Gastsängern und alten Freunden, blieb an diesem Abend leider ganz aus. Ein Fakt, der das ansonsten perfekt unterhaltende Gesamterlebnis mit einem leicht bitteren Nachgeschmack trübt. Nüchtern betrachtet, war es einfach ein bisschen weniger von allem, jedoch bei gleichen Preisen. So ist es letzten Endes genau diese Art des reduzierteren Bombast, welche dem Ruf des sonst so markanten Größenwahns der vergangenen Konzerte nicht ganz gerecht wird, wenngleich es auf Erstbesucher ungleich faszinierend gewirkt haben dürfte. Man darf also durchaus gespannt sein, was sich der berühmte Astronaut bis zum nächsten Mal wieder alles einfallen lassen wird... Bis dahin: Keine Panik!

 

Setlist:

 

01. Intro

02. Odyssee

03. Einer Muss Den Job Ja Machen

04. Ich Mach Mein Ding

05. Cello

06. Ich Lieb' Dich Überhaupt Nicht Mehr

07. Durch Die Schweren Zeiten

08. Plan B 

09. Rock 'N Roller

10. Wozu Sind Kriege Da

11. Straßenfieber

12. Sie Brauchen Keinen Führer

13. Gegen Die Strömung

14. Ich Brech' Die Herzen Der Stolzesten Frauen

15. Bunte Republik Deutschland

16. Stärker Als Die Zeit

17. Das Leben

18. Sternenreise

19. Gerhard Gösebrecht

20. Honky Tonky Show

21. Hinterm Horizont

22. Bis Ans Ende Der Welt

23. Johnny Controlletti

24. Sonderzug Nach Pankow

25. Alles Klar Auf Der Andrea Doria

26. Candy Jane

27. Reeperbahn

28. Eldorado

29. Ich Schwöre

30. Woddy Woddy Wodka

 

Impressionen:

 

Jobst Meese, "Jodocus Obscurus Photography"

 

http://www.jobstmeese.de

 

https://de-de.facebook.com/Jodocus.Obscurus/

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