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Hämatom - Interview (2018)

24.01.2018

Roggenfaenger: Keine zwei Jahre nach der Veröffentlichung eures letzten Albums „Wir Sind Gott“, ist es ab dem 26.01.2018 auch schon wieder an der „Zeit für neue Hymnen“ aus dem Hause „Hämatom“. Ihr habt seitdem zahllose Konzerte gespielt,  ganz gleich ob es nun als Support von „In Extremo“, große Festivals oder auch die eigenen Shows waren. Wie gestaltete sich dieses Mal der kreative Prozess und die Arbeiten mit Vincent Sorg an dem aktuellen Material?

 

Süd: Neben den ersten „Spatenstich-Sessions“ zu Hause, haben wir uns unter anderem auf die Insel Formentera zurückgezogen, nur wir vier, kein Produzent, kein Techniker, kein Koch, und haben ausgelotet, in welche Richtung das neue Album gehen soll und wie und was vor allem textlich passieren soll. Dann kam es eben zum ersten Treffen mit Vincent Sorg ("Die Toten Hosen", "Broilers", "In Extremo") bei dem wir uns erst mal gegenseitig beschnuppern mussten. Nachdem wir dann alle zusammen festgestellt haben, dass wir auf einer Wellenlänge sind, ging es ans Eingemachte. Bei Vincent steht dabei sehr das erarbeiten der Demos im Vordergrund. Alle Ideen werden zerlegt, zerhackt, zerpflückt, um sie dann wieder besser neu zusammenzubauen. Erst dann wird der Song für eine ernsthafte Aufnahme freigegeben! Daraus wurde dann die aufwendigste CD-Produktion der Bandgeschichte.

 

Roggenfaenger: In oben zitiertem Song, heißt es in den letzten Zeilen, „Schluss mit alten Traditionen, wir reißen Mauern 

ein!“ und obwohl ihr auf dem neuen Release unverkennbar ihr selbst geblieben seid, gibt es dieses Mal so einige Veränderungen im Sound. „Bestie Der Freiheit“ ist so dermaßen abwechslungs- und facettenreich, wie noch keine eurer Veröffentlichungen zuvor! Da gibt es zum Beispiel elektronische Club-Beats bei „Lauter“ oder symphonische Elemente beim abschließenden „Todesmarsch“ und auch beim Gesang hat sich so einiges getan. Woher kam die Motivation, sich anno 2018 dahingehend wieder ein gutes Stück weiterentwickeln und aus dem Rahmen ausbrechen zu wollen? Habt ihr den Albumtitel eventuell zum Motto und euch somit mehr Freiheiten als jemals zuvor genommen?

 

Süd: Erst mal: DANKE! Naja, "Hämatom" ist eine Truppe, die sich schnell langweilt, dauernd wird was neues gesucht, altes in Frage gestellt, man probiert sich in anderen Stilen. Kein Album soll der zweite Teil oder die Fortsetzung des Vorgängers sein. Und so war klar, dass man eben für die Veröffentlichung 2018 neues probieren möchte. Nicht erwähnt dabei hast Du in Deiner Frage die Texte, denn hier hat sich ein großer Entwicklungssprung getan. Das Album ist unser wohl persönlichstes. Jetzt wird nicht mehr nur der Spiegel der Gesellschaft vorgehalten, sondern auch unsere Gefühle, Emotionen dazu verbalisiert und zu den Themen persönlich Stellung bezogen. Der Albumtitel selbst bezieht sich dabei mehr auf die inhaltlichen Aussagen und der Grundstimmung, die wir gerade in Europa oder auf der ganzen Welt erfahren: Viele, zu viele Menschen wünschen sich wieder Grenzen herbei, lassen sich von rückwärtsgewandten Rattenfängern mitreißen und fallen auf plumpe Hetzen rein. Das ist eine erschreckende Entwicklung, der wir die "Bestie Der Freiheit" entgegenstellen.

 

Roggenfaenger: Wie gerade bereits angesprochen, ist euer neues Werk noch immer deutlich hörbar zu 100% typisch „Hämatom“. Einige der Lieder, wie zum Beispiel das vorab veröffentlichte „Mörder“, „Zur Hölle Mit Eurem Himmel“ oder auch insbesondere „Wehleidige Monster“ legen den Finger nach wie vor in die offenen Wunden einer mehr und mehr auseinanderklaffenden Gesellschaft. Trotzdem seid ihr auch bei den Texten stellenweise andere Wege gegangen und legt den Fokus somit zudem auf eine nahbare, persönlichere Note, so etwa bei „Lichterloh“. Wie kam es zu der Entscheidung, etwas mehr von euren eigenen Emotionen und Erfahrungen in den Gesamtkontext mit einfließen lassen zu wollen?

 

Süd: Wie schon in der vorangegangenen Frage erwähnt kam es zu dieser Entscheidung mehr persönliches Preis zugegeben während unserer Songwritingphase auf Formentera. Wir hatten das Gefühl einen Schritt weiter gehen zu wollen. Wir wollten unsere Gefühlslagen einfließen lassen und auch persönlich erlebtes musikalisch untermalen, so wie eben bei "Lichterloh", der Song, welcher die wohl wertvollste Zeit des Lebens beschreibt: Die Zeit, als man in jugendlichen Jahren innerhalb der Clique wichtige soziale erste Gehversuche startet und glaubt, die Welt aus den Angeln heben zu können. Eine Zeit, in der man sich stark von Träumen leiten lässt und sich für unbesiegbar hält. Weiter beschreibt z.B. der Song "Bis Zum Letzten Atemzug" das Abschiednehmen eines guten Freundes, der 2017 von uns gegangen ist. Ein sehr trauriger Song, der aber Hoffnung machen soll. Wir konnten also Themen auf eine Art aufnehmen, wie sie in dieser Form auf den Vorgängeralben nicht möglich gewesen wären.

 

Roggenfaenger: Da wir gerade schon von persönlichem Gedankengut sprechen: Was genau bedeutet „Freiheit“ sowohl in künstlerischer als auch privater Hinsicht für euch? Ab wann kann man sich eurer Meinung nach als frei bezeichnen und gibt es vielleicht noch einige Ketten, die ihr selbst in Zukunft sprengen wollt, um eben das für euch erreichen zu können?

 

Süd: „Freiheit“ ist der Schlüssel zur Individualisierung des Menschen. Ein Gut, dass nicht nur für Kunst unabdingbar ist, sondern für jeden Handgriff, jeden Gedanken Deines Lebens. Bist Du nicht frei, wird alles, was Du machst von einer anderen Instanz „kontrolliert“, was bedeutet, wenn man es esoterisch ausdrücken möchte, dass Du es eigentlich nicht selbst bist, der irgendetwas macht, sondern Dein ferngesteuerter Körper. Und weil „Freiheit“ eben diese Schlüsselfunktion zukommt, muss sie jeden Tag, jede Stunde, jede Minute aufs neue verteidigt, geprüft und erweitert werden - Ohne natürlich rücksichtslos die Freiheiten anderer Menschen einzuengen, das ist auch ein wichtiger Punkt, oder sich durch zu viel „Freiheiten“ (Ich mach nur noch, was mir passt) selbst zu überfordern. Für die Zukunft gibt es noch viel zu tun, dass vor allem MEHR Menschen auf der Welt  mehr „Freiheit“ genießen können, schließlich haben wir diesbezüglich in Europa in vielerlei Hinsicht ein Privileg, das nicht selbstverständlich ist und von dem Menschen in anderen Ländern träumen. Um so mehr bin ich schockiert über Regierungen und Bürger im freiheitlichen Europa, die nach neuen Grenzen schreien, die alles zerstören wollen, was in den letzten Jahrzehnten mühsam aufgebaut wurde.

 

Roggenfaenger: Nachdem wir uns jetzt dem Titel zugewendet haben, lasst uns doch noch etwas tiefer ins Innerste der Bestie vordringen und auf ein paar der Songs im Einzelnen eingehen. Eine Nummer, die thematisch ganz besonders heraussticht, ist definitiv „Warum Kann Ich Nicht Glücklich Sein?“. Was glaubt ihr, warum immer mehr Menschen eine gewisse Leere in sich verspüren, obwohl sie doch scheinbar eigentlich alles haben, was sie zum Leben brauchen? Wie erklärt ihr euch dieses Phänomen und was kann man tun, um dagegen anzukämpfen?

 

Süd: Dieser Fakt ist meiner Meinung nach wirklich ein Phänomen der heutigen Zeit, welches möglicherweise mit wachsendem Wohlstand zu tun hat, aber auch dem zunehmenden offenen Umgang mit Depressionen, die es schon immer gab, man hat aber nicht offen drüber gesprochen, geschweige denn überhaupt diagnostiziert. Eine Depression ist zum Glück heutzutage eine „anerkannte“ Krankheit, der man auch mit Medikamenten dagegenhalten kann, was schon mal ein großer Schritt ist. Wenn es sich nicht um die Krankheit handelt, dann muss man sich zwingen dazu, sich seinen privilegierten Zustand bewusst zu machen. Ich bin viel in arme Länder gereist und hatte dabei viele Erlebnisse, die mir unseren Wohlstand, der sich ja nicht nur durch Reichtum, sondern auch ein unglaubliches Gesundheitssystem auszeichnet, sehr gut aufgezeigt haben. Weil das Durchschnittsalter in Deutschland ist ein ganz anderes als z.B. in der Mongolei, vielleicht sollte man sich solche Dinge auch regelmäßig vor Augen führen.

 

Roggenfaenger: Einen weiteren Track habe ich gerade weiter oben schon kurz angerissen: „Lichterloh“. Eine authentisch rührende Power-Ballade, welche beim Hören alte Zeiten nostalgisch wieder aufleben lässt. Was sind eigentlich eure liebsten Erinnerungen aus eurer eigenen Kindheit oder Jugend, die ihr keinesfalls mehr missen wollt oder gerne nochmal für einen Moment lang zurückholen würdet?

 

Süd: Da wäre meine Liste jetzt schon sehr lang. Ich trage noch genau das Gefühl in mir, als ich mit meinen Kumpels auf der Suche nach Rauschzuständen war und wir versucht haben jeden möglichen Mist zu rauchen oder in unseren selbst betitelten Schwarztee-Parties eine Packung Schwarztee in einer Tasse haben kurz ziehen lassen und dann dieses Ekelhaft schmeckende Getränkt runter würgten, so dass man in einen abgefahrenen Zustand versetzt wurde. Dazu gab es dann eine Platte "Pink Floyd" oder "Grobschnitt" und man ist in eine andere Welt abgedriftet – Sensationell! Würde ich gerne mal wieder reproduzieren versuchen. Und dann waren da natürlich noch die vielen lustigen Alkoholabstürze, in denen teilweise hochgefährliche Dinge unternommen wurden – Schon unglaublich, dass dabei nie was ernsthaftes passiert ist (lacht).

 

Roggenfaenger: Eine der härtesten Nummern ist zweifelsohne „Wehleidige Monster“, die mit ihrem Text doch sehr nahe am Puls der aktuellen Zeit ist. Die Wahlen haben erschreckende Ergebnisse geliefert und auch der kurze Blick in die Nachrichten bietet dieser Tage nicht sehr viel mehr Anlass zum Optimismus. Was müsste eurem Ermessen nach passieren, um diese absolute Negativentwicklung gemeinsam aufzuhalten?

 

Süd: Hm, dass wenn ich wüsste, würde ich alles dafür tun, es in die Tat umzusetzen. Ich sehe die Entwicklungen genauso erschreckend, wie in Deiner Frage formuliert. Und ich bin schockiert, dass vor allem die Flüchtlingsdebatte für solch eine Hetze und Negativsicht missbraucht werden konnte. Viele rennen zu Populisten, die nichts anderes schaffen, als Ängste zu schüren, inhaltlich aber keine konstruktiven, realistischen Substanz zur Problemlösung beisteuern. Weiter habe ich auch das Gefühl, dass unter jungen Leuten „Konservativ“ vermehrt angesagt ist. Vor zehn Jahren fühlte sich das für mich noch anders an. Da sind noch nicht alle auf Helene Fischer abgefahren und haben die FPÖ abgefeiert, wenn ich das mal überspitzt formulieren darf. Möglicherweise kann man mit mehr Kommunikation viele Menschen zur Vernunft bringen, in dem man Ängste nimmt und mehr die Bereicherungen durch z.B. ein offenes Europa darstellt. Es ist auf jeden Fall eine große Herausforderung und die darf man nicht verschlafen, sonst bekommen wir ernsthafte Probleme im Land, in Europa, auf der Welt.

 

Roggenfaenger: Bereits zum Ende diesen Monats hin, stehen euch mit den exklusiven Release-Shows auch schon wieder die ersten Konzerte im neuen Jahr ins Haus. Dieses Mal habt ihr die „Heldmaschine“ als Support mit dabei, eure Fans dürfen sich ob dieser Kombination also auf laute Abende im Doppelpack freuen! Wie kam es denn zu dieser Kooperation und woher kennt ihr die NDH-Senkrechtstarter aus Koblenz? Auf was darf sich euer Publikum denn noch alles freuen? Immerhin entwickelt ihr eure Live-Performance und Effekte mit jeder neuen Tournee ja stetig weiter...

 

Süd: "Heldmaschine" hatten wir schon länger im Visier und als sie auf uns zugekommen sind, gabs nicht mehr viel zu überlegen, da haben wir den Sack zugezogen und wussten, dass es sehr wertige Abende für unsere Fans werden. Und wir investieren natürlich wieder unsere komplette Gage in die Show (lächelt). Dieses mal wird mit LKW und Nightliner angereist und unser Bühnendesigner Jake Zyla hat sich total abgefahrene Effekte ausgedacht, das kann ich schon mal verraten und jedem empfehlen vorbeizukommen. Wir hatten jetzt schon drei Tage Probeaufbau und das hat wirklich geflasht.

 

Roggenfaenger: Die „Bestie Der Freiheit“ steht jetzt endgültig in den Startlöchern, eure Fans können euch schon sehr bald auf den Bühnen des Landes wieder in Empfang nehmen und wir sind nun auch schon wieder bei der letzten Frage angelangt. Herzlichen Dank für eure Zeit, es war mir wieder mal eine Freude! Gibt es vielleicht noch etwas, was ihr den Lesern und euren Hörern abschließend gern sagen möchtet?

 

Süd: Vielen Dank für das Interview und ich hoffe, dass wir uns bei einer der Release-Shows sehen, die am 25.1.2018 beginnen.

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