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Joachim Witt - Rübezahl (2018)

20.03.2018

Genre: Rock / Alternative

 

Release: 23.03.2018

 

Format: CD

 

Anzahl Ton- / Bildträger: 1

 

Label: Ventil Records (Soulfood)

 

Spielzeit: 59 Minuten

 

Pressetext:

 

Viele Male erfand Joachim Witt sich bereits neu und gestaltet immer am Nerv der Zeit maßgeblich deutsche Musikgeschichte. Er stellte sich schon immer, manchmal provokativ, seinen Kritikern und scheute vor Politik- und Gesellschaftskritik nie zurück. Zeitlos sind seine Hits Der Goldene Reiter, der den ausufernden Kapitalismus mit seinem Wahnsinn in dieser Welt beschreibt, und Die Flut , der das Streben nach einem besseren Leben auf unserer Erde, darstellt. 16 Alben veröffentlichte Witt seit 1980. Beginnend mit Silberblick, welches auch Der Goldene Reiter beinhaltet, über das 1998 erschienene Comeback-Erfolgsalbum Bayreuth I, das Platin-Status erreichte, bis DOM in 2012 mit der Singleauskopplung Gloria und dem kontrovers diskutierten Video dazu. Eine besonders enge Verbindung zu seinen Fans baute Witt über seine letzten Alben ICH und THRON auf, die er durch eine Crowdfunding-Kampagne realisiert hat, um unabhängig von Dritten an seinen musikalischen Visionen arbeiten zu können. 
So entstand nun auch das neueste Werk des Ausnahmekünstlers:

RÜBEZAHL melancholisch, magisch und dunkel. In Zusammenarbeit mit Lord Of The Lost-Mastermind Chris Harms als Produzent entsteht das bisher düsterste Album in Witts gesamter Diskographie. 

 

Thematisch unter anderem angesiedelt im Gebirge, bei Riesen und Berggeistern, beweist Joachim Witt hier wieder einmal mehr auch seine Liebe zum romantischen Naturalismus, ohne dabei seinen ureigenen Stil zu verlieren. 
RÜBEZAHL ist launisch, temperamentvoll, rigoros, stolz, Freund und Feind und zieht auf wie ein musikalisches Gewitter!

 

Kritik:

 

„Du kämpfst im Sturm und die Erde bleibt stehn'

 

Hast keine Angst, durch die Flammen zu gehn'

 

Du bleibst bestehen, wie Saphire in der Glut

 

Eintausend Seelen tragen dich durch die Flut"

 

„Hast Du dein Ziel erreicht, achte ganz genau auf das, was um dich herum geschieht. Streue deine Liebe, auf dass auch du geliebt wirst und achte die Menschen, die anderen Gutes tun. Und versuche, die zu bekehren, die es darauf anlegen, andere auszusaugen, auszubeuten, klein zu machen, zu zerstören… Gönne dir und allen anderen ein erfülltes Leben und sorge für die Schwachen!“. In diesen majestätischen Textzeilen des Titelsongs "Thron", welche das letzte, gleichnamige Epos auf fesselnde Art und Weise mehr als nur würdig beschlossen haben, lagen fürwahr ein absolut ehrwürdiges Höchstmaß an Reife, Erfahrung, Klugheit und Weltkenntnis. Nahezu jeder einzelnen Silbe wohnen wärmende Authentizität und eine lebensbejahend positive Energie inne. Es sind durch und durch gefestigte Erkenntnisse, wie man sie nur an der Spitze seines eigenen Schaffens rückblickend und ehrlich zu Gehör tragen kann. Und doch war es ein langer und dabei ganz sicher nicht immer einfacher Weg, vom goldenen Reiter, der anno 1980 die "Neue Deutsche Welle" wie kaum ein anderer aufmischte, bis zum landesweit angesehenen Altmeister, der es auch heute noch versteht, zahlreiche Menschen mit seiner Kunst zu berühren. Ein langwieriger Prozess voll stetiger Stilwechsel, Wandlungen und leidenschaftlicher Neuerfindungen, der keine Ausdrucksform jemals unversucht und sich selbst dabei nie in Schubladen stecken, nie in die Enge treiben oder eingrenzen hat lassen. Dazwischen immer die gekonnte Balance zwischen mal eingängig, mal konfus, mal zart, mal hart, fantasievoller Bildsprache und nicht zuletzt auch klaren Worten, seelischem Beistand oder beißender Kritik in Wort und Ton. Den geschärften (Silber-)Blick für das Wesentliche und Zwischenmenschliche des Tagesgeschehens nie verloren, ging es zielstrebig durch berufliche wie persönliche Krisen hindurch, von ganz unten nach ganz oben. Dieser Name steht für eine stetige, gleichbleibend hohe Qualität und hat die nationale Musikwelt mit seinem Tun so sehr geprägt, wie vermutlich kaum ein anderer. Genau aus diesem Grund ist er bis heute einer der wohl wichtigsten und bedeutendsten Musiker Deutschlands. Bis heute und "auf ewig" unerreicht: Joachim Witt! Nachdem der Trilogie-Abschluss „Bayreuth 3“ als vorerst letztes Lebenszeichen in 2006 erschien, wurde es ungewöhnlich still um den gebürtigen Hanseaten. Erst ganze sechs Jahre später sollte es mit dem sakral-poppigen „Dom“ das große Comeback geben, welchem insbesondere durch das als provokant aufgefasste Musikvideo zur vorab veröffentlichten Single-Auskopplung „Gloria“ vielfach mediale Aufmerksamkeit zu Teil wurde, doch etwaige Konzerte sollten zunächst ausbleiben. Erst auf dem Blackfield Festival im Amphitheater zu Gelsenkirchen, sollte es bei der gemeinsamen Präsentation des Duetts „Kein Weg Zu Weit“ mit den Dark Rockern von „Mono Inc.“ zu einer Rückkehr auf die Bühnen des Landes kommen. Doch damit noch nicht genug: Auf der anschließenden „Nimmermehr“-Tournee fungierte Witt als prominenter Special Guest und bot neben erwähntem Song weitere Klassiker dar. War genau das der entscheidende Impuls? Dieses Unterfangen sollte schon sehr bald weitere Fürchte tragen, wie das in enger Kooperation mit Martin Engler  produzierte „Neumond“ alsbald eindrucksvoll veranschaulichte. Elektronisch, poppig und dabei dennoch gewohnt hochwertig und am Puls der Zeit, überraschte er seine Fans ein weiteres Mal und spielte insgesamt dreizehn Shows vor gut gefüllten und sogar ausverkauften Häusern. Für den geplanten Nachfolger „Ich“ wählte man anschließend einen gänzlich anderen Pfad: Über die Unterstützerplattform „Pledge“ hatten interessierte Hörer die seltene Gelegenheit, rare oder individualisierte Artikel zu erstehen und damit die aufwändigen Studioarbeiten zu finanzieren. Das neuerliche Projekt zur vorzeitigen Kostendeckung gelang bravourös und so hielt man auch für das weiter oben zitierte „Thron“ an jenem Prinzip weiterhin fest. Wann und wie es allerdings beim nächsten Mal weitergehen würde, blieb offen. Was würde uns nach der jüngsten Ära wohl alsbald erwarten oder ganz anders gefragt, würde es überhaupt ein danach geben? Ermüdungserscheinungen? Schaffenspause? Funkstille? Weit gefehlt! Anstatt nach den intensiven Live-Aktivitäten der letzten Jahre auf eine temporäre Erholungsphase zu setzen, sollte die wittsche Maschinerie bereits im Sommer und Herbst 2017 schon wieder heißlaufen: Schneller als gedacht, kehrte der virtuose Altmeister zurück, ohne dabei doch jemals wirklich fort gewesen zu sein und plante seine nächsten Schritte. Eine erneute Crowdfunding-Kampagne wurde gestartet und schon sickerten die ersten,

vielversprechenden Informationen durch die sozialen Netzwerke. Wirkte zuletzt Bassel Hallak an den kreativen und technischen Prozessen mit, so ist nun mit „Lord Of The Lost“-Mastermind Chris Harms ein neuer und zugkräftiger Partner gefunden worden. Das Mitglied der „Children Of The Dark“ ist nicht nur ob des Engagements für benannte Hauptband und flächendeckende Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern bis über die Grenzen der Szene hinaus bekannt, sondern seit jeher auch als renommierter Produzent der Chameleon Studios gefragt. In musikalischer Hinsicht wolle man sowohl alte als auch neue Tugenden schlüssig miteinander vereinen, der Wegweiser zeigt klar in Richtung der einstigen Wurzeln. Thematisch sei das am 23.03.2018 erscheinende Studioalbum vor allem im Gebirge, bei Riesen, Berggeistern und der Liebe zum romantischen Naturalismus angesiedelt. Sein Name: „Rübezahl“!

 

Im Volkstum und der schönen Literatur ranken sich bereits seit einigen Jahrhunderten ebenso viele Märchen, Sagen und Mythen um jene geheimnisvolle Figur, wie sie verschiedene Gestalten hat. Mal wird in den zahlreichen Abschriften von einem Riesen oder Bewacher des sagenumwobenen Bergschatzes berichtet, dann ist wiederum von einem gewandeten Mönch, der unerwünschte Reisende und Wanderer absichtlich vom rechten Weg abbringt, einem Raben oder gar dem Teufel selbst die Rede. Die wohl bekannteste Überlieferung stammt aber aus der Feder von Johann Karl August Musäus: In der Geschichte aus dem Jahr 1783, entführt jene titelgebende Gestalt die Königstochter Emma in ihr unterirdisches Reich, um sich dort mit ihr zu vermählen. Durch Rüben, die in nahezu jede gewünschte Form verwandelt werden können, wird fortan versucht, ihr Heimweh zu stillen. Schließlich willigt sie scheinbar doch ein und verspricht ihm unter der Bedingung die Hand, dass er ihr die exakte Anzahl entsprechende Pflanzen auf dem Feld nennen kann. Falls ihm dies nicht gelänge, so müsse er Emma wieder frei lassen. Um also auch ganz sicher gehen zu können, dass die Summe übereinstimmt, zählt er nochmals genau nach, kommt dabei jedoch wieder zu einem anderen Ergebnis. Unterdessen bereitet die Königstochter ihre Flucht mit einer zum Ross verzauberten Rübe vor und verhöhnt den Berggeist dabei mit dem Spottnamen „Rübezahl“. Sollte diese Benennung innerhalb des Riesengebirges fallen, so würde sein vernichtender Zorn in Form von Blitz, Donner, Sturm, Nebel, Regen oder Schnee heraufbeschworen werden. Die förmliche Anrede lautet aus diesem Grund also „Herr Johannes“ oder auch „Herr Der Berge“. Mächtig donnernde Trommeln und harte Gitarrenriffs erschallen in einem schwer schleppenden Rhythmus. Hintergründig eingesetzte Violinen brechen immer wieder mit der percussionlastigen Kulisse, welche sodann in einem von sanften Klavierlinien und zarten Chören untermalten Zwischenpart mündet, bevor sich die ruhige Schlagseite nur wenig später wieder in das treibende Monstrum vom Beginn verkehrt, zu dessen Klängen man den besungenen Protagonisten vor seinem inneren Augen durch die Wälder ziehen sehen kann. Hierzu schlüpft Joachim Witt in die Rolle des Geschichtenerzählers und erschafft mit seinem variablen Organ in kräftig-rauer Manier bildgewaltige Welten. Im Folgenden bildet ein orchestrales Arrangement die grundlegende Basis für „Ich Will Leben“. Das Zusammenspiel aus aufstrebenden Streichern und energetisch voranmarschierendem Drumming, hievt die vorherrschende Dramaturgie zunehmend in die Höhe. Mit samtig dunkler Stimme verkündet der Meister seine Weisheiten, während das Tempo in mittlerer Geschwindigkeit gehalten wird. Es folgt ein kurzer Moment der Entschleunigung, in dem hörbar alle angestaute Kraft nochmals gefährlich gebündelt wird, um anschließend von einer grollenden Lawine mitgerissen zu werden, die ohne Vorwarnung über den Hörer hereinbricht. Der Refrain zieht unversehens weiter an und wird zu einem peitschenden Sog aus metallischen Saiten und cineastisch anmutendem Bombast, der nach dem zweiten Hauptteil einen äußerst gelungenen Break erfährt. Dieser steigert sich unerbittlich bis zum Höhepunkt, unterdessen werden markante Textfragmente zu einem Mantra voll flehender Verzweiflung und bewusster Bestimmtheit vereint. Ein martialisch powerndes Gewitter der Emotionen! Ein tiefes Horn, dessen einschüchternder Klang noch lange nachhallt, verkündet nun die Ankunft des „Dämon“. Ein majestätisches Schlagzeug gibt den Takt vor, dem nun die beschwörenden Zeilen auferlegt werden. Immer wieder winden sich schwungvolle Streicher als fein verwobene Versatzstücke um die Säulen des Arrangements und verleihen diesem weitere Vielfältigkeit. Dem sehnsuchtsvollen Chorus liegt ein Höchstmaß an Zerrissenheit und Reue zugrunde, das als ungemein eindringlich berührendes Wehklagen zudem von gelegentlich eingestreuten, wütenden Shouts portraitiert wird. Niemand kann die Uhren jemals zurückdrehen, die Zeit läuft ab. Was geschehen ist, ist geschehen. Wähle deinen Weg...

 

Mächtige Paukenschläge, hymnische Blechbläser und epochale Chöre bereiten den Einstieg für „Goldrausch“ vor und lösen sich anschließend in romantisierende Klanglandschaften voller Gefühl auf, durch welche jedwedes Fernweh förmlich zu spüren ist. Wüsste man es nicht besser, so könnte hier in rein instrumentaler Hinsicht tatsächlich der offizielle Motion Picture Soundtrack für einen pompösen Hollywood-Blockbuster vorliegen. Die einzelnen Strophen sind deutlich reduziert und zurückhaltend ausgestaltet worden, der Fokus liegt ganz klar auf der Stimme. Nur ab und an flammen in gleichmäßigen Abständen unter der Oberfläche düster brodelnde Meldebögen auf und gemahnen an ihre unterschwellige Anwesenheit, bevor eine schier beeindruckende Sound-Wand in enger Verbundenheit mit gesanglicher Passion alle Zweifel, Angst und Dunkelheit herzzerreißend niederringt und sich in einem beängstigend drückenden Wall mächtiger Orchester-Essenzen ergibt. Es folgt der erste, wahre Ruhepol des neuen Albums mit „Mein Diamant“. Lediglich die hauchdünne Struktur eines sanft eingesetzten Pianos fungiert hier als zerbrechliches Grundgerüst, was dem anrührenden Text genügend Raum zur metaphorischen Entfaltung lässt. Wie bei deutschsprachigen Balladen so üblich, gestaltet sich die Schwierigkeit darin, den schmalen Grad zwischen der sensiblen Verarbeitung der eigenen Emotionen und überlastendem Kitsch feinsinnig auszubalancieren. Exakt dieser launische Drahtseilakt gelang Witt auf seinen letzten Veröffentlichungen fast ausnahmslos überraschend gut, was vornehmlich an der perfekten Fügung aus variablen Melodien und stets passgenauen, da nie zu sehr aus dem jeweiligen Kontext fallenden, Gleichnissen, was hier aber nur recht eingeschränkt gelingt. Dafür glänzt die gesamte Komposition gerade gegen Ende mit ihrem klimaxartigen Aufbau, welcher schwerwiegende Liebe und die nicht selten damit verbundene, schmerzliche Last durch ein ausgiebiges Gitarrenspiel untermauert, das der somit symbolisierten Stärke den nötigen Nachdruck verleiht. „Wofür Du Stehst“ verknüpft dann jene künstlerische Kernelemente, die auch schon einst „Dom“ ausgezeichnet haben und setzt auf eingängigen Pop, aber ohne dabei zu vorhersehbar, abgedroschen oder gar berechenbar und konstruiert zu sein. Im Gegenteil, die leicht gedrosselten Synthies lösen den bisher dominanteren Part der organischen Instrumentierung ab und bleiben dennoch angenehm ermunternd im Hintergrund. Im Refrain erreicht Witt gar melodiöse Höhen und entlockt dem stimmlichen Spektrum neue Facetten. Sehr schön. Der ein oder andere erinnerst sich vielleicht noch an „U96“? Die deutsche Formation, die ursprünglich unter anderem von Alex Christensen ins Leben gerufen wurde, feierte ihre größten Mitte der 90er Jahre und hatte in dieser Zeit maßgeblichen Einfluss auf die nationale Technoszene. Zu ihren größten Hits zählen nach wie vor „Heaven“, „Love Sees No Color“ oder die Dance-Version der berühmten Erkennungsmelodie von „Das Boot“. Heute besteht das Kollektiv lediglich noch aus den ursprünglichen Produzenten Hayo Lewerentz und Ingo Hauss, die kürzlich einen Neuanfang wagten: So erschien am 07.07.2017 eine neue Version des oben genannten Meilensteins, weiterhin sind für das offizielle Reboot auch einige komplett neue Songs und gleich mehrere Kollaborationen mit Künstlern wie beispielsweise dem Ex-„Kraftwerk“-Mitglied Wolfgang Flür geplant. Man wolle wieder zu den eigenen Wurzeln zurückkehren und 2018 zudem verstärkt touren. Ein erster Schritt in die angepeilte Richtung ist „Quo Vadis (feat. U96)“, für welches sich das Duo an Joachim Witt als Wunschkandidaten wandte. Das ist vermutlich auch einer der Gründe, weswegen entsprechender Track etwas losgelöst erscheint und aus dem ansonsten sehr einheitlichen Rahmen fällt, was aber keinesfalls negativ zu verstehen ist. Damit die opulent formulierte Frage nach dem „Wohin?“ letztlich nicht allzu sehr abweicht, liefen nachträglich nochmals alle Fäden bei Harms zusammen, der den powernden Strudel aus flirrender Elektronik mit antreibenden Gitarren vereinte und schließlich in den gewohnten Pathos einbettete, welcher zusätzlich genügend Spielraum zur eigenen Interpretation lässt.

 

Geisterhafte, kaum mehr wahrnehmbare Piano-Tupfer perlen wie von einer imaginären Kette in die dunklen, steinigen Schluchten der Berge hinab. Doch soll ihre Reise am tiefsten Grunde noch lange kein Ende gefunden haben, denn schon bald werden sie von einer drohenden Lawine aus metallischen Saiten und schwer schleppenden Drums begraben, bevor die Strophen wiederum von der ursprünglich einleitenden Melodie eingeholt werden, welche den zunächst noch ruhigen Gesang bis zur durchschlagenden Übermacht im Chorus dezent aber effektiv unterstützt: „1000 Seelen“ ist gerade innerhalb des thematisch angestrebten Kosmos wirksam, galt der bezeichnende Rübezahl nicht ausschließlich als gefährliche Natur, sondern mitunter auch als Helfer der Schwachen und Verwirrten. So lehrte er Kranke etwa die Herstellung von Heilmitteln oder beschenkte die Armen mit Schätzen und unermesslichem Reichtum. Im Anschluss übernimmt ein sägendes Riff das alleinige Kommando und lenkt somit in die beabsichtigte  Marschrichtung. Das satt knallende Schlagzeug wird dabei immer wieder von stark verzerrten Synthie-Spitzen durchbrochen, die alles erschütternden, stampfenden Rhythmen animieren derweil zum Tanze über verschneite Gipfelketten, an deren Spitzen jeweils ein hypnotisierend zarter Refrain der strahlenden Schönheit schimmernd weißer Urgewalten huldigt. Wie auch schon beim respekteinflößenden Auftakt, greift man auf narrative Grundstrukturen zurück, durch welche die märchenhafte Geschichte einer geächteten Fee erzählt wird. Wer folgt dem Meister in das Reich aus „Eis Und Schnee“? Ursprünglich aus dem Altgriechischen „ἀγωνία agonía“ hergeleitet, bedeutet „Agonie“ wortwörtlich übersetzt so viel wie „Qual“ oder „Kampf“. Weiterhin versteht man darunter eine Reihe von Erscheinungen im Prozess des Sterbens, die dem eintretenden Tod unmittelbar vorausgehen, womit diese Begrifflichkeit als „Todeskampf“ zu definieren ist. Eine erhellende Klavierweise und sakrale Chöre ergeben das Fundament für diesen Up-Tempo, der sich in seinem weiteren Verlauf packend zu einem ungemein düsteren Epos zuspitzt. Die finsteren, mit tiefer Stimmlage intonierten Strophen ringen hörbar mit dem ausharrenden, konkurrierenden Part des Refrains, der in jeder Silbe nach Befreiung schreit und sich an verbleibende  Hoffnung klammert. Ein gegnerisches Wechselspiel, passgenau zu den im Chorus besungenen Zeilen „Wilde Euphorie, wüste Agonie“ und eine unerbittliche Schlacht zwischen Gut und Böse, Leben und Tod. Wie es wohl klingt, „Wenn Der Winter Kommt“? Eine sphärische Erhabenheit aus Trommeln, Streichereinsätzen und Glockenschlägen legt sich wie ein eisiger Mantel übers Land und schickt sich an, alles behutsam unter sich zu bedecken. In orchestraler Manier gibt sich die tiefe Resignation versöhnlich aller Trauer hin und findet durch diese Ballade schließlich ihren Frieden. Danach entfacht ein gewaltiges Heer aus angriffslustigen Violinen und Celli, einen gar wild peitschenden Sturm, welcher zum Finale nochmals apokalyptische Endzeitstimmung heraufbeschwört. Nach einem electrolastigen Dubstep-Zwischenspiel nimmt der Verlauf mit seinen temporeich hämmernden Drums und einem donnernden Saiten-Gewitter nochmals eine unvorhersehbare Wendung und schickt sich für kurze Zeit sogar ans  klassische Metal-Genre an... Befreie dich, ziehe los, spring und flieg! „Nimm das Schwert in die Hände, mein Freund“, denn es geht um „Leben Und Tod“. Zum Abschluss hält nun noch einmal die Besinnlichkeit ihren Einzug und regt mit ruhigen Strophen aus Schlagzeug und sanften, elektronischen Einschüben zum Innehalten an. Der Titel stammt in seiner ursprünglichen Version aus der Feder von Martin Engler, dessen persönliche Note sich hier klar heraushören lässt und auch thematisch wird gewissermaßen eine zusammenhängende Brücke zu den vorherigen Stücken geschlagen. Ungemein bekräftigend spendet jedes einzelne Wort seinen Trost, sodass die schwere Last jener Auseinandersetzung allen Betroffenen am Ende eventuell ein wenig leichter fallen kann. Der hymnische Refrain erzählt feinfühlig vom Abschied nehmen, macht gleichsam aber doch auch Mut, denn es gibt immer ein „Wiedersehen Woanders“.

 

Tracklist:

 

01. Herr Der Berge

 

02. Ich Will Leben

 

03. Dämon

 

04. Goldrausch

 

05. Mein Diamant

 

06. Wofür Du Stehst 

 

07. Quo Vadis (feat. U96)

 

08. 1000 Seelen

 

09. Eis Und Schnee

 

10. Agonie

 

11. Wenn Der Winter Kommt

 

12. Leben Und Tod

 

13. Wiedersehen Woanders

 

Fazit:

 

Nach der insgesamt dritten und wieder einmal mehr als nur erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne, festigt sich das beruhigende Gefühl, dass Joachim Witt auch anno 2018 genau das macht, was er will, weiterhin zunehmend. Trotz oder gerade aufgrund seiner fast vierzig Jahre andauernden Karriere, bleibt das hanseatische Musik-Urgestein genauso unberechenbar wie noch zu seinen Anfängen, wechselt mit sichtlicher Freude die Stilistiken, lotet genüsslich deren Grenzen aus und springt zwischen jedem erdenklichen Genre ungestüm aber äußerst versiert hin und her. Wirklich festlegen oder klar definieren ließ sich das Schaffen des mittlerweile Neunundsechzigjährigen dabei nie so ganz und genau das ist auch sehr gut so. Setzte man beim Quasi-Comeback mit „Dom“ und „Neumond“ etwa auf eingängig-melodiösen Electro-Pop, so verlangten das nur schwer zugängliche „Ich“ oder „Thron“ der treuen Zuhörerschaft mit ihren teils arg sperrig ausgelegten Arrangements im Folgenden wiederum so einiges an Bereitschaft ab. Auch dieses Mal stand vorab wie üblich in den Sternen, was der Meister der künstlerischen Verwandlungen vorhaben würde. Dennoch erreichte das viel beachtete „Pledge“-Projekt durch die Vorfinanzierung zahlreicher Fans sein angesetztes Ziel bis zum finalen Datum und sollte alles andere als enttäuschen... In manchen Momenten zahlt sich blindes Vertrauen eben doch aus! Dass aber eine Rückkehr zu den Wurzeln seiner finstersten Ära auf dem Plan steht, hätte dabei wohl niemand so recht erwartet. Präsentierte sich das Material auf dem vorherigen Ableger zuletzt noch eher sprunghaft und etwas unentschlossen, so wurde nun deutlich hörbar wieder eine klar strukturierte Linie verfolgt, was der gesamtheitlichen Wirkung ungemein guttut. So führt das sorgsame Einweben der einzelnen Songs, welche inhaltlich nicht zwingend zusammenhängen, in den übergreifenden Kontext zu einem einheitlichen Ergebnis, das insbesondere durch dessen instrumentierte Ausgestaltung äußerst homogen und in sich schlüssig daherkommt. Auf diese Weise entsteht ein Konzeptalbum in musikalischer Hinsicht, welches mit seiner Vereinigung von orchestralem Bombast, harten Gitarrenwänden und druckvollen Drums klar an die Ausrichtung der berühmten „Bayreuth“-Trilogie anknüpft und doch vollkommen eigenständig für sich stehen kann. Zwischen den wichtigen Säulen aus Authentizität, Tragik und Dramaturgie scheinen die bloßen Grenzen zwischen märchenhaften Geschichten und der Rezitation persönliche Ereignisse langsam zu verschwimmen und somit genügend Raum für eigene Interpretationen zu lassen. Eine lange und fast schon meditative Reise zu beeindruckenden Liedern von Bergen, Eis und Schnee und nicht zuletzt auch zum inneren Heiligtum seiner selbst: Melodisch. Dunkel. Mystisch. Bombastisch. Epochal. Majestätisch. Einfach Du. Einfach Ich. Einfach Wir. Einfach Witt!

 

Informationen:

 

http://www.joachimwitt.de

 

https://www.facebook.com/joachimwittmusik/

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