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Einstürzende Neubauten - "Greatest Hits"-Tour - Schauspielhaus, Bochum - 20.11.2018

24.12.2018

Veranstaltungsort:

 

Stadt: Bochum, Deutschland
 

Location: Schauspielhaus

 

Kapazität: ca. 800

 

Stehplätze: Nein

 

Sitzplätze: Ja

 

Homepage: https://www.schauspielhausbochum.de

 

Einleitung:

 

Es ist der 20.11.2018, ein schon recht weit fortgeschrittener Abend an diesem spätherbstlichen Dienstag. Hinter mir liegt bereits ein ereignisreicher Arbeitstag und ich habe lediglich nochmal bei mir zuhause vorbeigeschaut, um mich dem bevorstehenden Anlass entsprechend frisch zu machen und umzuziehen. Obwohl ich etwas erschöpft bin, freue ich mich sehr auf die entsprechende Veranstaltung, zumal ich heute ausnahmsweise mal keine nennenswert lange Anreise vor mir habe. Im absoluten Gegenteil, die Spielstätte ist quasi ganz in der Nähe, denn es geht ins örtliche Schauspielhaus. Eine wundervoll atmosphärische Lokalität, die ich leider viel zu selten besuche, wie ich jedes Mal erst dann bemerke, wenn ich letztlich dort bin. Ein Konzert hatte ich mir in den entsprechenden Räumlichkeiten allerdings schon immer gut vorstellen können, wenngleich ich nicht unbedingt angenommen hätte, dass ausgerechnet hier ein für mich persönlich relevanter Act jemals auftreten würde. Heute ist es endlich soweit, denn niemand Geringeres, als die legendären Sound-Tüftler von „Einstürzende Neubauten“ haben sich im Rahmen ihrer aktuellen „Greatest Hits“-Tournee für das erste Gastspiel seit achtzehn Jahren angekündigt. Freundlich unterstützt von der Brost-Stiftung Ruhr, deren Gründerin Anneliese Brost es sich als wegweisende Philosophie einst auferlegt hatte, speziell ausgewählte Projekte zu fördern, welche den Menschen helfen und zur Zukunft des Ruhrgebiets beitragen. Sehr schön, der neue Intendant muss einen wirklich guten Geschmack haben. Als ich gegen 19.10 Uhr ankomme, tummeln sich auf dem weitläufigen Vorplatz schon so einige Gäste, der Einlass hat wohl bereits begonnen. Nicht schlimm, denn die Plätze sind nummeriert worden und darüber hinaus habe ich mir ein Ticket für eine der Logen gegönnt. Also rauche ich mir noch gemütlich eine Zigarette, lasse den Blick über den ausgehängten Spielplan schweifen und nehme mir für das kommende Jahr ganz fest vor, das ein oder andere Stück zu besuchen. Im Foyer angekommen, hole ich erstmal meine Karte hervor, doch niemand will sie sehen oder gar meine Tasche kontrollieren. Auch gut. Also verstaue ich alles wieder und sehe mich etwas am großen Merchandising-Stand um, der rechts vor der Garderobe aufgebaut wurde. Hier gibt es neben der klassischen Auslage aus T-Shirts, Zipper-Jacken und CDs, auch noch einige Besonderheiten, wie Mützen, Pins oder Laptoptaschen zu erwerben. In weiser Voraussicht verschiebe ich meinen Einkauf auf später, als ich auf einem kleinen Schild lese, dass eine Aufzeichnung der Show via MP3 erfolgt, welche man sich nach dem Konzert auf einem USB-Stick abholen kann. Also geht es für mich nun über die Treppe ins erste Geschoss, wo ich die restliche Zeit in einem bequemen Sessel sitzend verbringe, bis der erste Gong verkündet, dass der Saal jetzt betreten werden kann. Auf meine spezielle Nachfrage hin, begleitet mich eine freundliche Mitarbeiterin zur richtigen Loge und öffnet die unauffällige Tür. Von dort aus geht es durch einen schmalen Flur, von welchem aus man in einen kleinen Vorraum gelangt, in dem man sogar eine separate Möglichkeit hat, seine Jacken aufzuhängen. Wenn das mal kein Luxus ist! Ich schiebe den dunklen Vorhang beiseite und stehe plötzlich auf einem Balkon, der insgesamt fünf Sitze fasst. Drei in der ersten Reihe und zwei Weitere unmittelbar dahinter. Mein Platz befindet sich vorne, rechts außen. Hinter mir sitzt ein freundliches Pärchen, das die Neubauten noch aus den Achtzigern kennt und vom Zwischenfall schwärmt, einem ehemaligen Szene-Club hier in Bochum. So ist man also in guter Gesellschaft und allzu lange soll es auch nicht mehr dauern, bis der nahende Beginn um 20.00 Uhr ansteht.

 

„Einstürzende Neubauten“:

 

Im Jahr 1980 in Berlin gegründet, gehören „Einstürzende Neubauten“ heute nicht nur zu den nationalen Pionieren des Ambient, Avantgarde, Noise, Post-Industrial und der Experimental-Musik, sondern wahre Kulturbotschafter, ein absolutes Aushängeschild für Andersartigkeit und der stete Beweis dafür, dass Kunst fast alles darf. Dabei hat die einzigartige Band, die ihren Namen einst wählte, noch bevor das Dach der ehemaligen Berliner Kongresshalle als deutsch-amerikanisches Symbol einstürzte, in über dreißig Jahren einen wahrlich bewegten Werdegang hinter sich. So wurde Bargeld damals spontan gefragt, ob er nicht ein Konzert hauptstädtischen Moon-Club spielen wollen würde, woraufhin er laut eigener Aussage ein paar Freunde anrief, um sich nach deren Beteiligung zu erkundigen. Zwar wurde jener Gig und die ersten Demos damals noch mit gängigen Instrumenten bestritten, welche durch anschließende Geldsorgen allerdings wieder verkauft werden mussten. Stellvertretend dafür, griff man folglich zu deutlich unorthodoxen Methoden und zweckentfremdete etwa diversen Schrott, Alltagsgegenstände oder gar Baumaterialien zum Musizieren. Die Geburtsstunde und gleichzeitig Startschuss für ein zunächst ungeplantes Alleinstellungsmerkmal aus der Not heraus, welches das Projekt im Folgenden jedoch weltweit bekanntmachen sollte. Es war und ist der laufende Prozess der steten Neuerfindung ihrer selbst, der überraschende Effekt des Unvorhersehbaren, welcher seit jeher so zuverlässig fesselt und fasziniert. Schon relativ früh entfernte man sich somit von den im Punk behafteten Wurzeln, fand unter anderem Gehör und Beachtung in der alternativen Szene oder wandte sich zum Theater hin. So geschehen beispielsweise 1986 im Hamburger Schauspielhaus unter Peter Zadek, der sogenannten „Hamletmaschine“ von Heiner Müller und „Faust“ von Werner Schwab oder auch „John Gabriel Borgman“, zu dem Leander Haußmann zur Jahrtausendwende eben in Bochum Regie führte. Zur Dreihundertjahrfeier der Akademie der bildenden Künste zu Wien beteiligte man sich zudem an der Installation „Das Auge des Taifun“ durch Erich Wonder und wurde just von der flämischen Stadt Diksmuide anlässlich der hundertjährigen Gedenkfeier zum Beginn des ersten Weltkrieges zu den Arbeiten an „Lament“ beauftragt, was die Band selbst weniger als reguläres Album, denn als Dokumentation der bewegten Stadtgeschichte ansah. Auch zur Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg im Januar 2017 gastierte man direkt vor Ort und so kann es heute Abend wohl nur dem Humor des neuen Intendanten Johan Simons geschuldet sein, dass er ausgerechnet jenes Kollektiv explizit nach den umfangreichen Renovierungsarbeiten in das neue-alte Schauspielhaus Bochum eingeladen hat. Umso dichter und gespannter erscheint die merklich zunehmende Stille, welche sich nun langsam, doch sehr beständig über den bereits äußerst gut gefüllten Saal legt. Wo noch vor rund einer halben Stunde rege Gespräche und stetes Treiben herrschte, ist heuer höchstens noch ein gedämpftes Tuscheln zu vernehmen. Doch zuerst erscheint der Kurator der Einrichtung, Tobias Staab, auf den ehrwürdigen Brettern und stellt sich namentlich vor, bevor er zu einer knappen, aber nicht minder freundlichen Willkommensrede ansetzt. „Guten Abend, meine Damen und Herren. Die Band bat mich, Ihnen auszurichten, dass das Fotografieren heute nur innerhalb der ersten zehn Minuten gestattet ist. Aber ich denke, so haben wir alle auch mehr von diesem Abend... Viel Spaß!“, wünscht er und überlässt das wartende Publikum abermals einigen Minuten der vollkommenen Ruhe. Etwas Zeit also, um die Szenerie nochmals genau in Augenschein zu nehmen: Die Bühne ist zweckdienlich und imposant zugleich bestückt. Im Hintergrund fällt ein langer, kahler Vorhang von der Decke bis zum Boden hinab, davor wurden drei nebeneinanderliegende Podeste errichtet, auf denen sich seltsam einschüchternd das legendäre, improvisierte Instrumentarium erhebt. Zugegeben, auf den ein oder anderen Besucher mag das Szenario arg spartanisch wirken, doch soll es zeitgleich auch völlig ausreichend sein, um den gewünschten Effekt zu transportieren. Hier sind keinerlei Ablenkung vom wesentlichen Kern oder überdimensionale Aufbauten vonnöten, denn im Fokus soll heute ganz klar die Musik stehen und das in gleich mehreren Belangen... Als endlich der letzte Glockenschlag ertönt und die Lichter somit erlischen, betreten nun Percussionist Andrew „N. U. Unruh“ Chudy, Keyboarder Felix Gebhard, Bassist Alexander „von Borsig“ Hacke und Gitarrist Jochen Arbeit zu den fiependen Tönen des mystischen Openers „The Garden“ geschlossen das Zentrum der Aufmerksamkeit. Nur unmittelbar später folgt auch Sänger Christian „Blixa Bargeld“ Emmerich im dunkelgrauen Anzug mit vereinzelt glitzernden Pailletten, der sich ohne jedwede Gesten sogleich hinter seinem Mikrofonstativ positioniert. Unterdessen schleicht Schlagzeuger Rudolf Moser wie ein ungeduldiges Raubtier an der Rückwand umher und begibt sich erst zum finalen Refrain hinter sein wuchtiges Set, welches beim folgenden „Haus Der Lüge“ erst so richtig zum Einsatz kommen soll. Hier knarzt, scheppert, dröhnt und kracht es wie in alten Tagen, als die Neubauten wie kaum eine andere Band polarisierten und den allgemeinen Hörgewohnheiten der meisten Rezipienten nach wohl von keinem Begriff weiter hätten entfernt sein können, als von genormtem Kulturgut selbst. Harsche Stahlgewitter, wilde Eisen-Symphonien, unbändiger Grenzgang. Doch waren Bargeld und seine Mitstreiter schon immer weitaus mehr, als bloß die gewollte Provokation in den eingefahrenen Bahnen und strikten Limitierungen kritischer Stimmen. 

 

Vielleicht ist gerade jene unbeschreiblich breite Spannweite auch teilweise Begründung für das auffällig gemischte Publikum an diesem oder vielen anderen Abenden. Sieht man sich einmal etwas um, ist hier vom Oldschool-Goth in Rüschenhemd und Schnabelschuhen, über den selbsternannten Intellektuellen mit aufmerksam zur Seite gelegtem Kopf und analytisch prüfendem Blick, bis hin zum klassischen Theatergänger mit Dauerabonnement so ziemlich alles vertreten. Und ebenso facettenreich ist auch das dargebotene Klangspektrum, wie etwa das ruhige „Nagorny Karabach“ zeigt, das mit jeder noch so kleinen, neu hinzugefügten Nuance die durchaus omnipräsente Feinsinnigkeit hervorkehrt. „Danke!“, nickt der Sänger knapp. Es ist nicht zu leugnen, dass allen voran Bargeld bereits seit dem Beginn vor rund fünfzehn Minuten stark unterkühlt, distanziert und fast schon desinteressiert wirkt. Ein Umstand, der eventuell aber auch dem etwas gestrengen Rahmen der Lokalität geschuldet ist, der sich selbstredend relativ weit vom gewohnten Ambiente der gängigen Clubs und Hallen absetzt. Innerhalb der Songs, wie beispielsweise dem melancholischen „Dead Friends (Around The Corner)“, geht der Mann mit der unverwechselbar markanten Stimme dafür jedoch umso mehr auf und scheint stets versunken in den ureigenen Gedankengängen und Worten. So auch bei „Unvollständigkeit“, welches in seiner zunehmend manischen Interpretation irgendwo zwischen apokalyptischem Fiebertraum, tiefenpsychologischer Prophezeiung, emotionaler Sinnsuche und zermürbender Isolation schwankt. Wie weiter oben schon einmal erwähnt, zweckentfremden die Berliner insbesondere jene Materialien zu musikalischen Erzeugnissen, die sich auf den ersten Blick oder Horch wohl kaum dazu eignen würden. Die Neubauten erschaffen mikrofonierte Instrumente, die eigentlich überhaupt keine Instrumente sind. Jedes Mittel ist recht, alles ist erlaubt. Doch nicht zur Befriedigung der Sensationslust, nicht der Bestätigung der bloßen Andersartigkeit wegen. Jeder Klang einzig um des Klanges Willen. Zwar stehen finanzielle Engpässe mittlerweile keine mehr zu befürchten, doch ist das Konzept unabdingbar mit dem Sound verbunden, ist Identität geworden. Während Bargeld die Zeilen „Das Wasser findet seinen Weg. Ich lasse es, ein letzter Strahl. Ein letztes Gas, ein Flatus. Endlich leer. Endlich leer...“, apathisch rezitiert, bewegt Unruh mithilfe eines langen Hebels die sich auf einer meterhohen Konstruktion befindliche Wanne nach unten, aus der nun mit pointierter Genauigkeit metallene Stäbe in das darunter liegende Becken. „Ja, die normale Standardlänge in der Europäischen Union für diese Baumarkt-Röhren ergibt fast ein perfektes „E“...“, wendet sich Bargeld erstmalig ausführlicher an die Besucher. „Was dann natürlich schwierig wird, wenn das Vereinigte Königreich die Europäische Union verlässt und wieder zu den imperialen Maßlängen zurückkehrt. Dann hat die Standardlänge natürlich kein perfektes „E“ mehr, sondern irgendwatt. Das is‘ schlecht!“, unterrichtet er feixend über die Zusammensetzung der improvisierten Instrumente. Egal, ob es bei „Youme & Meyou“ eben ein Xylophon aus verschieden langen Rohren ist, „Die Befindlichkeit Des Landes“ mit zu rhythmischen Trommeln umfunktionierten Fässern erprobt oder eine große Turbine im Interludium vor „Sonnenbarke“ als gespenstisch klirrender Korpus verwendet wird: Kein einziger Laut ist hier zufällig, jedes Geräusch akribisch genau getimed. Geplantes Chaos, perfekt strukturierter Lärm. Spätestens nach „Von Wegen“, scheint das Eis aber durchaus etwas weiter gebrochen worden zu sein und der Sänger richtet erneut ein paar Worte an die Zuhörer. „Wir haben mal ein bisschen nachgeforscht und ich glaube, das letzte Mal waren wir vor etwa achtzehn Jahren in diesem Hause. Ja, 2000 waren wir das letzte Mal hier und das Stück, welches wir jetzt spielen, haben wir eigentlich für einen Film geschrieben. Für jemanden, der zu dieser Zeit gerade direkt mit diesem Hause verknüpft war, sagen wir mal. Zu dieser Zeit hat er uns gefragt, ob wir für diesen Film nicht ein eigenes Stück schreiben können, für so eine Liebesszene. Wir haben das gemacht und dann haben die uns angerufen und gesagt, „Also der Produzent und der ehemalige Hausherr hier haben das gerade im Auto gehört und hatten beinahe einen Unfall!“. Danach sind sie ins Studio gekommen... „Ihr habt das zu ernst genommen. Ihr habt das einfach zu ernst genommen. Da lacht niemand im Kino!“ und dann hat ihnen jemand erstmal einen Joint gedreht. „Okay, okay! Wir schreiben euch ein Anderes.“, haben wir gesagt und dann haben wir ihnen so eine Roh-Version von einem anderen Stück vorgespielt und nachdem die dann etwas intus hatten, fanden sie das fantastisch! Wir haben da nur so gestanden und uns gefreut, „Ja, wir haben das Stück wieder zurück. Gut!“... Es heißt aber immer noch so, wie die Epigonin in der Szene.“, verkündet Bargeld lächelnd. Zum behutsam instrumentierten „Sabrina“ erstrahlt der große Saal des Schauspielhauses dann äußerst stimmungsvoll in dunkelrotem Schimmer und jagt mit Sicherheit nicht gerade wenigen Gästen einen wohligen Schauer über den Rücken. „I wish this would be your colour. Your colour, I wish...“.

 

„So circa 1983...“, setzt Bargeld zur nächsten Ansage an und wird jäh von einem unverständlichen Zwischenruf unterbrochen, der natürlich nicht unkommentiert bleiben soll. „Hast du ein Problem mit dem Jahr, oder was?!“, ruft er schnippisch in den Saal zurück. Betretenes Schweigen. Als niemand antwortet, fährt er schließlich fort. „Vorher auch schon, aber 1983 haben wir im Hafenklang Studio in Hamburg in der Hafenstraße gearbeitet und wie das so ist, bei Sachen, die nahe am Hafen sind, gab es dort nicht nur einen Keller, sondern darunter gleich noch einen Keller, den sogenannten Flutkeller. Für eventuelle Hochwasser... Wir haben sowieso das ganze Gebäude bespielt, sozusagen. Dieser Flutkeller war mit so einer Schlammschicht auf dem Boden leicht bedeckt und von der Bühne aus gesehen etwa so Einszwanzig hoch... Klang aber gut! Und deswegen hatte ich mich dann dazu entschlossen, kriechend und liegend da unten drin so den restlichen Nachmittag Gitarre zu spielen. Der Eingang wurde verschlossen und Mikrofone ausgelegt. Wir wussten Jahre oder Jahrzehnte nicht, was man mit dieser Aufnahme anfangen soll. Also erstens bin ich in so einem Flutkeller liegend nicht der beste Rhythmusgitarrist der Welt und die technischen Gegebenheiten waren damals einfach nicht da, als dass man aus dem Material hätte etwas bauen können. Wir haben uns das 2006 nochmal vorgenommen und dann konnte man, das brauche ich Ihnen ja eigentlich gar nicht zu erzählen, das mit dem Computer, digital und blablabla, alles auseinandernehmen und zusammensetzen. Man konnte vor allem schon hören, was ich da in etwa vorhatte...“, lacht er gelöst. „Nur musste es etwas begradigt werden. Das haben wir dann gemacht und daraus entwickelte sich dann ein Stück, das sozusagen einen Dialog zwischen dem alten Blixa und dem jungen Blixa hat... Oder dem alten Blixa und dem neuen Blixa.“, vollendet er seine interessante Erläuterung. Es folgt „Susej“, dessen separate Phasen der dramatischen Steigerung hier besonders intensiv zur Geltung zu kommen scheinen. „Das Stück von „Lament“, welches wir jetzt spielen, haben wir gerade vorgestern erst zum letzten Mal gespielt“., verweist der Sänger zum dystopischen „How Did I Die?“ auf den dreitägigen Besuch im Pierre Boulez Saal Berlin, der selbstredend für alle Veranstaltungen „Ausverkauft!“ vermelden konnte. Anschließend finden sich die Musiker für eine kurze Verbeugung am vorderen Bühnenrand zusammen und verlassen nur wenige Sekunden später gemeinsam die Bretter. Der Applaus ist genauso laut, wie auch frenetisch. Von den ersten Reihen bis in die Logen hinauf, erheben sich die Fans jetzt zu minutenlangen Standing Ovations von ihren Sitzen und zollen der Legende ihren verdienten Tribut. Die Neubauten lassen sich tatsächlich so einige Minuten lang bitten, bis sie zurückkehren. Erst, als alle Akteure ihre jeweiligen Positionen vollständig eingenommen haben, setzt sich das gespannte Publikum kollektiv wieder auf seine Plätze und verstummt wie selbstverständlich, als, äußerst passend, „Silence Is Sexy“ angestimmt wird. Hier ist der Titel tatsächlich Programm, bestehen weite Teile der Inszenierung doch lediglich aus dem knisternden Geräusch, welches Bargeld durch das genüssliche Ziehen an einer Zigarette erzeugt, bevor sekundenlang Stille herrscht. Die dramaturgischen Ruhepausen werden anfangs zwar noch durch den ein oder anderen Zwischenruf mit inkludierten Songwünschen aus dem Publikum gestört, ein verschmitztes Lächeln können sich jedoch auch die Musiker dabei nicht verkneifen. „Hochverehrtes Publikum, meine Damen und Herren, Brüder und Schwestern... An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass wir dieses Konzert, so wie jedes unserer Konzerte, aufzeichnen und nach dem Konzert vervielfältigen und auf USB-Sticks pressen, die Sie dann draußen im Foyer am Warenverkaufstisch erwerben und als Souvenir mit nachhause nehmen können. Danke für Ihre Aufmerksamkeit!“, merkt Hacke an. „Das Praktische an USB-Sticks ist, dass man sie löschen und süße Katzen-Videos von YouTube aufnehmen kann!“, schaltet sich Bargeld unter lautem Gelächter ein. Mit „Let‘s Do It Dada“ geht es danach erstmals wieder weitaus temporeicher zur Sache, die charmante Hommage an den praktizierten Dadaismus weiß mitzureißen, wenngleich sich unter den Gästen auch niemand traut, aufzustehen und dem Hintermann rücksichtslos die Sicht zu nehmen. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass es so einige Bewegung auf den Sitzen gibt... Ungewöhnlich, aber doch irgendwie stimmungsvoll. Das sanft-balladeske „Ein Leichtes Leises Säuseln“, das hier durch die Geräusche einer Rettungsdecke und raschelndes Herbstlaub dargestellt wird, lässt die aufgewühlten Gemüter danach im Handumdrehen wieder zur Ruhe kommen, ehe die Band sodann ein weiteres Mal die Bühne verlässt. Allzu lange muss das Publikum dieses Mal allerdings nicht auf eine weitere Zugabe warten. Die obligatorischen Zurufe bleiben ohnehin aus und wären vor dieser Kulisse irgendwie auch fehl am Platze. Ein hypnotischer Basslauf verkündet „The Total Eclipse Of The Sun“, welches das Gastspiel überraschend abrupt beenden soll. „Und mit dem Lied im Kopf, wünschen wir euch einen schönen Nachhauseweg. Auf Wiedersehen!“, lächelt Bargeld verschmitzt und verlässt gemeinsam mit den anderen Mitgliedern zum letzten Mal an diesem Abend die Bretter. Der schallende Applaus soll noch einige Minuten anhalten und auch dann nicht vollends versiegen, als das wärmende Licht im Saal allmählich wieder angeht.

 

„Greatest Hits“: Eine in der Musikwelt durchaus gängige und nicht minder unspektakuläre Bezeichnung für das gemeine Phänomen des sogenannten Best-Of-Albums. Dass die Neubauten gerade diesen uninspirierten, schmucklosen Titel für ihre jüngste Zusammenstellung gewählt haben, kann nur mit einem ironischen Augenzwinkern zu betrachten sein. Natürlich sind die dafür ausgewählten und demnach heute Abend dargebotenen Songs qualitativ über jeden Zweifel weit erhaben, doch sind es großteilig nicht gerade jene legendären Kompositionen, mit denen man die Berliner zwangsläufig direkt in Verbindung bringen würde, zumal kein Einziger davon jemals in den Charts vertreten war. Im Gegenteil: Bis auf vereinzelte Ausnahmefälle, entstammt das Material fast ausschließlich dem Ende der Neunzigerjahre bis Mitte der Zweitausender, als etwa Werke wie „Silence Is Sexy“ oder „Alles Wieder Offen“ erschienen. Also exakt jene Schaffensphase, in der auch die aktuelle Konstellation gemeinsam aktiv ist. Und auch sonst ist vieles anders, als von manchem Gast vielleicht erwartet: Das gesamte Programm wirkte perfekt konzipiert, jeder Moment während und zwischen den einzelnen Liedern wohl dosiert - Strukturiertes Chaos. Vor allem die überraschend zahlreichen, reduzierten Ruhemomente gaben sowohl den vielschichtigen Texten als auch den lauteren Nuancen ausreichend Raum zur Entfaltung, was den Ablauf wunderbar harmonisch und organisch werden ließ. Darüber hinaus erwies sich das Set als deutlich reduziert und songorientiert, den eigentlichen Kern herauszuarbeiten. Es gab keinerlei Ablenkung vom Wesentlichen, keine überschwängliche Dramaturgie, kein gekünsteltes Schauspiel, keinen ausufernden Wut-Exzess, keinen obsessiven Lärm, keine wilde Anarchie. Dafür wurden Arrangements und Konzept umso glaubwürdiger ins Hier und Jetzt transportiert, die gebündelte Aufmerksamkeit gebührte den Worten, angenehm fokussierter Zurückgenommenheit, bedächtigen Gesten und enormer Eleganz. Selbstverständlich könnte man jetzt trefflich darüber streiten, ob ausgerechnet eine Band, die in der Vergangenheit so dermaßen angeeckt, bewusst provoziert und allerhöchstens augenzwinkernd mit dem Establishment kokettiert hat, sich nun voller Ernsthaftigkeit auf ebenjenen Bühnen des Theaters wiederfinden sollte... Genauso gut könnte man es aber auch dabei belassen und den Status Quo am Puls der Zeit überprüfen, sind es nämlich gerade die dezent instrumentierten Stücke, die wohl nirgends sonst besser aufgehoben wären, als hier, auch wenn der berüchtigte Industrial dadurch streckenweise schon fast in den Hintergrund rückt und sich ganz der Poesie hingibt. Also „Alles wieder offen“, oder?

 

Setlist:

 

01. The Garden

02. Haus Der Lüge

03. Nagorny Karabach

04. Dead Friends (Around The Corner)

05. Unvollständigkeit

06. Youme & Meyou

07. Die Befindlichkeit Des Landes

08. Sonnenbarke

09. Von Wegen

10. Sabrina 

11. Susej

12. How Did I Die?

13. Silence Is Sexy

14. Let‘s Do It Dada

15. Ein Leichtes Leises Säuseln

16. The Total Eclipse Of The Sun

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