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Welle:Erdball - "Mumien, Monstren, Mutationen"-Tour - Turbinenhalle, Oberhausen - 08.11.2019

16.11.2019

Veranstaltungsort:

 

Stadt: Oberhausen, Deutschland

 

Location: Turbinenhalle 2

 

Kapazität: ca. 1.800

 

Stehplätze: Ja

 

Sitzplätze: Nein

 

Homepage: http://www.turbinenhalle.de

 

Einleitung:

 

Es ist später Freitag Abend, der 08.11.2019. Heute Abend befinde ich mich einmal mehr auf dem Weg zur Turbinenhalle in Oberhausen. Eine längst etablierte Lokalität, die ich in den vergangenen Jahren mit Sicherheit schon unzählige Male von innen sehen durfte und in den kommenden Monaten noch sehen werde. Es ist, sieht man vom e-Tropolis Festival ab, die erste Show von „Welle:Erdball“ in diesen Gefilden, denn noch 2017 spielte man nebenan im erheblich kleineren Kulttempel... Der seiner Zeit mit dem großen Zulauf schnell an seine Kapazitätsgrenzen stieß... Eine gute Entscheidung also. Wenige Tage zuvor verkündete der Sender überdies, dass nicht nur das diesjährige Hörerclub-Treffen ebenfalls an jenem Tag stattfinden und zudem eine offizielle Live-DVD mitgeschnitten werden würde. Na, wenn das mal nichts ist! Zu diesem feierlichen Anlass wurden neben dem eigentlichen Support auf dieser Tour, „Rroyce“, mit „Kid Knorke“ und „Hertzinfarkt“ gleich noch zwei weitere Gäste bestätigt, weswegen das Konzert auf der Homepage des Betreibers folgerichtig auch mit „Die längste Nacht des Jahres!“ beworben wurde. Der Einlass in der zweiten Turbinenhalle wurde deshalb schon für 18.30 Uhr anberaumt, um 19.00 Uhr soll es dann losgehen. Pünktlich zum Beginn schaffe ich es heute zwar ausnahmsweise nicht, aber trotzdem noch früh genug, um die letzten beiden Songs des zweiten Special Guests mitzubekommen, als ich schnellen Schrittes an der Abendkasse vorbeihusche und mich zum Merchandising-Stand aufmache, in dessen Nähe schon einige mir bekannte Gesichter warten. Hier ist’s ganz schön voll, denn neben dem aktuellen M3-Tour-Shirt gibt es hier selbstverständlich auch viele Artikel des Supports und die neue EP „Die Unsichtbaren“ auf durchsichtigem Vinyl zu erwerben, die erst Mitte Oktober erschienen ist. Da eine Garderobe praktisch nicht vorhanden ist und das kleine Schließfach für drei Wertmarken und fünf Euro Pfand gerade einmal meine Tasche fasst, muss ich den Mantel wohl oder übel anlassen... Ein kühles Bier, eine Zigarette und ein paar nette Gespräche später, geht es für unsere kleine Gruppe dann schließlich etwas weiter vor die Bühne.

 

"Rroyce":

 

Etwa um 20.40 Uhr und damit um einige Minuten eher als zunächst angekündigt, entert der dritte und somit letzte Support des Abends die Bühne: „Rroyce“. Dass diese kleine Vorverlegung hier insbesondere den Fans in den ersten Reihen recht sein dürfte, verraten dabei schon so manche T-Shirts, auf deren charmantem Rücken-Print in großen Lettern etwa „Ich bin nur wegen Rroyce hier!“ prangt. Nicht ganz zu unrecht, denn das sympathische Trio aus Dortmund machte spätestens seit seinem äußerst erfolgreichen Zweitling „Karoshi“ und den dazugehörigen Auftritten ordentlich von sich reden. Ich bin gespannt. Nicht nur, weil ich „Rroyce“ heute zum allerersten Mal live erleben werde, sondern zudem auch von den bisherigen, eher verhaltenen Reaktionen der Welle-Hörerschaft auf dieser Tournee gehört habe. Wie dem auch sei: Der Rückhalt der eigenen Fans im Ruhrgebiet scheint ziemlich stark. Gute Vorzeichen also. Wenig verwunderlich also, dass es vor der Bühne nun deutlicher voller geworden ist, als Keyboarder Kay, Gitarrist Al und Sänger Casi ganz ohne große Umschweife zum eröffnenden „The Principle Of Grace“ im Blickfeld des Publikums erscheinen. Die aktuelle Single-Auskopplung „Parallel Worlds“ vom kürzlich veröffentlichten, dritten Studioalbum „Patience“, schließt sich direkt an und macht gehörig Stimmung. Von Null auf Hundert? Das können „Rroyce“ scheinbar im Handumdrehen. „Mann, vielen Dank! Na, dann können wir ja jetzt wieder gehen...“, witzelt Casi gut gelaunt und sichtlich erleichtert über den hohen Zuspruch zur Begrüßung. „Wir sind „Rroyce“ mit Doppel-R!“, grinst er vergnügt und leitet dann zu „Who Needs?“ über, welches, wie auch schon die beiden vorherigen Songs, ein echter Dancefloor-Filler allererster Güte ist. Die Zuschauer machen zum Großteil eifrig mit und beklatschen nahezu jeden Titel laut. Wie schön! „Danke, sieht das geil aus von hier oben. Wir haben keine Zeit, ihr wartet ja alle schon auf „Welle:Erdball“ und deswegen gibt’s jetzt das dritte Lied als Viertes...“, schmunzelt Casi über einen offensichtlichen Dreher in der Setlist. Davon lässt sich hier aber niemand stören und gibt stattdessen lieber zu „Full Speed, Half Side“ ordentlich Gas, aber „Rroyce“ wollen noch mehr: „Ich weiß, ihr habt alle eine lange und arbeitsreiche Woche hinter euch, aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, einmal darüber nachzudenken, was war und was kommt... Schöne Grüße aus Dortmund!“. Das schwerfällig getragene „Learn To Hate Me“, ebenfalls vom neuen Release, entpuppt sich passend zur vorausgegangenen, reflektierten Ansage als dunkle Halb-Ballade, während „Someone Else‘s Life“ wieder ins Mid-Tempo zieht. Unterdessen fliegt jetzt immer wieder eine kleine Drone, die wir noch öfter am Abend sehen sollen, über die Köpfe des Publikums hinweg, um Aufnahmen zu tätigen. „Seid ihr mit uns? Wir sind später nach der Show übrigens noch da hinten am Merch, live und zum Anfassen... Wir sind auch ganz weich!“, lädt Casi die Zuschauer scherzend auf ein persönliches Kennenlernen ein. Danach gibt’s etwa beim mitreißenden „Too Little“ noch ein ausuferndes Gitarren-Solo und melodiöse Sanftmut beim den eigenen Kindern gewidmeten „Cry“. Nach „Walking On Water“ geht es für den quirligen Sänger dann über die kleine Treppe direkt in den Innenraum, um auf Tuchfühlung mit den Fans zu gehen. Da werden zahlreiche Hände beidseitig bekannter Gesichter geschüttelt und sich umarmt, die Atmosphäre untereinander ist authentisch und ungemein herzlich, man merkt „Rroyce“ ihre Dankbarkeit an. Doch das allein ist nicht der Grund für den Besuch des Fronters, denn für „Run Run Run“ hat man sich ein ganz besonderes Spiel überlegt, das auf den Konzerten der Ruhrpottler mittlerweile Tradition hat: Im Refrain gibt’s nämlich sportliche Betätigung, die von weiter weg ein wenig was von einem Aerobic-Kurs hat, wenn das Publikum in rhythmischen Schritten hinter dem Sänger hertrottet. „Is‘ nicht so dein Ding, oder? Ist aber geil!“, ruft der Sänger einer teilnahmslosen Zuschauerin entgegen. Die scheinbar sorglos transportierte und ungezwungen dargebotene Energie der drei Dortmunder verbreitet sich im Saal zunehmend wie ein Lauffeuer, „Rroyce“ können heute Abend nur Wenige widerstehen. Zurecht. So gibt’s zum Abschluss nach „My Dearest Enemy“ und dem krachigen „I Like It When You Lie“ verdienten Applaus von allen Seiten und fast könnte man meinen, das gesamte Publikum in der Turbinenhalle wäre heute „nur wegen Rroyce hier“. Was will man mehr?

 

Setlist:

 

01. The Principle Of Grace

02. Parallel Worlds

03. Who Needs

04. Full Speed, Half Side

05. Learn To Hate Me

06. Someone Else‘s Life

07. Too Little

08. Cry

09. Walking On Water

10. Run Run Run

11. My Dearest Enemy

12. I Like It When You Lie

 

"Welle:Erdball":

 

Kurz gegen 22.00 Uhr wird es dann so langsam richtig voll im Innenraum der Turbinenhalle 2. Kein Wunder, denn jetzt dauert es zum Glück wirklich nicht mehr lange, bis der niedersächsische Sender nach zwei Jahren Tour-Pause wieder funkbereit ist. Immer mehr Fans strömen jetzt aus diversen Richtungen herbei und drängen sich dicht an dicht, um in den letzten Minuten noch einen Platz mit möglichst guter Sicht zu erhaschen. Es geht sprichwörtlich wie in einem emsigen Bienenstock zu: Nun werden nochmal einige kühle Getränke an der Bar geordert oder hektisch Einkäufe am Merch getätigt, während die fleißige Crew ihre finalen Arbeiten auf der großen Bühne verrichtet und hinter den Kameras auf dem höhergelegenen Balkon langsam Position bezogen wird. Pünktlich zur angegebenen Uhrzeit ist es dann auch endlich soweit und die Lichtanlage wird schlagartig komplett heruntergefahren, bis der Saal im Handumdrehen in totaler Dunkelheit liegt und alsbald von einem abgrundtiefen Dröhnen erschüttert wird, das alle Wände und den gesamten Boden beängstigend erzittern lässt. Im Hintergrund steigen dichter Nebel und gedeckte Farben auf und lenken nun alle Blicke auf das übergroße Backdrop mit dem markanten Logo: „Welle:Erdball - Symphonie der Zeit...“, steht darauf geschrieben. Mit einem Mal setzen energetisch pulsierende Synthie-Spuren und rhythmisch donnernde Percussion ein, die das Publikum sofort zum mitklatschen animieren. Die fünf davor aufgereihten Projektionsflächen zeigen derweil erst einen klaren Sternenhimmel, das All und schließlich die aus der Kult-Serie „Dr. Who“ bekannten, blauen Telefonzellen „TARDIS“, bevor schließlich das vollständige Moderatoren-Team aus Keyboarder c0zmo, den beiden Sängerinnen Miss Moonlight und M.A. Peel, sowie Frontmann Hannes „Honey“ Malecki zum Opener „Die Roboter“ die Bühne über den thematisch passend mit allerlei Spinnweben verzierten Treppenaufgang betritt und scheinbar hinter den geöffneten Türen der fiktiven Raum-Zeit-Maschine erscheint. Noch sind nur die vier unscharfen Silhouetten der Musiker zu erkennen, doch mit den ersten Takten richten sich die Scheinwerfer neu aus und geben den Blick auf das Geschehen frei. Passend zu den unterkühlten Klängen des stimmungsvollen Covers der legendären Electro-Wegbereiter „Kraftwerk“ verbirgt das Quartett seine Gesichter unter plastisch anmutenden Masken ihrer selbst, die im letzten Refrain plötzlich zur Seite klappen und das technische Innenleben dahinter preisgeben. Die Realität hinter der Realität? Die Bewegungen der Akteure sind dem äußerlichen Aspekt angepasst, wirken enorm starr, grobmotorisch und fast schon maschinell. Nicht menschlich. Die Atmosphäre ist nicht allein nur aus diesem Grund schon jetzt beeindruckend dicht, die Zuschauer gebannt. Mit „Zurück Zum Start“ geht es fortan nahtlos weiter, dessen einzelne Zeilen gewohnt kritisch und nicht weniger am Puls der Zeit ausfallen: „Wir wollen fühlen, nur unsere Herzen sind kalt. Wir wollen sterben, doch wir werden nur alt. Wir wollen sprechen, doch es ist alles gesagt. Wir wollen leben, doch wir atmen nur!“, singt Honey da. Die Visualisierung auf den Leinwänden fällt mit ihren hypnotischen Wirbeln derweil noch eher schlicht, aber wirkungsvoll aus. Der sich anschließende Jubel spricht Bände und bereitet der Band ein herzliches Willkommen im Ruhrgebiet. „Einen wunderschönen guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren hier in Oberhausen. Sie hören heute Abend „Welle:Erdball“!, begrüßt der Frontmann die freudig johlende Hörerschaft und geht ohne weitere Umschweife zu dem C64 basierten „Mensch Aus Glas“ über, das in all den Jahren seit seiner Veröffentlichung leider nichts an Aktualität verloren hat... Ganz im Gegenteil. Dazu halten die beiden Moderatorinnen nun abwechselnd große Schilder hoch, auf denen zynische Befehle, wie etwa „Konsumiere“, „Vermehre Dich“ und „Schlaf weiter“ aufgedruckt sind.

 

„Dankeschön! Meine Damen und Herren, ich bin wirklich hin und weg.“, gesteht Honey mit einem nicht zu übersehenden Lächeln auf den Lippen, ob der großen Resonanz und führt dann weiter aus. „Also das, was sie hier machen und dieser ganze Abend ist bisher der Hammer. Ich will Ihnen jetzt zwar keinen Zucker in den Arsch blasen, aber ich bin so stolz, denn es gibt sicher kein besseres Publikum auf der Welt, als das „Welle:Erdball“-Publikum. Das ist mein voller Ernst!“ beteuert er. „Mit dem nächsten Song möchten wir dann einmal in unsere neue Sendung reinhören.“, zwinkert er und spielt damit natürlich auf die brandneue EP an: Das fies stampfende „Mama, Papa, Zombie“ wird dabei von einem amüsanten Sample der gleichnamigen Kult-Dokumentation aus dem Jahr 1984 mit dem Zusatztitel „Horror für den Hausgebrauch“ eingeleitet, die es sich damals selbst zur Aufgabe gemacht hatte, den besorgten Erziehungsberechtigten mit viel unqualifizierten Untermauerungen und auf unfreiwillig komische Art und Weise über Gruselfilme und deren mögliche Wirkung auf den Nachwuchs aufzuklären. Unreflektiertes Medien-Bashing und hinterwäldlerische Möchtegern-Zensur at it‘s best! „Horror-Show in meiner Hand, ist auf VHS gebannt!“, verkündet Honey mit bewusst überzogen tiefer Grabesstimme, während sich hinter ihm entsprechende Film-Szenen mit wild aufblitzende FSK-Logos abwechseln. Ein großer, sarkastischer Spaß in abwechslungsreich verspieltem Sound. „Das nächste Stück kommt übrigens aus nur einem einzigen Nintendo DS!“, weist er auf die kompositorische Arbeit an das mittlerweile zum Klassiker avancierte „Die Liebe Der 3. Art“ hin und übergibt danach an Miss Moonlight, welche nach Fräulein Plastique und Lady Lila die insgesamt die dritte Moderatorin ist,  die diese sphärische Ballade interpretieren darf. Das funktioniert hervorragend und stimmlich schon jetzt überraschend sicher, was anerkennenden Applaus zur Folge hat. „Vielen Dank!“, schmunzelt sie und übergibt danach wieder an den Senderchef. „Vor ewig langer Zeit hieß das bei den Filmen und Videos noch nicht 8k, 4k, Blu-ray, DVD und was weiß ich... Nein, vor etwa tausend Jahren gab’s die VHS und vor zwei Millionen Jahren, die Älteren unter Ihnen werden sich ganz bestimmt daran erinnern, gab es so ein Gerät, das achtundvierzig analoge Bilder pro Sekunde gemacht hat...“, lautet der nicht zu übersehenden Wink mit dem Zaunpfahl. Es geht natürlich um den unschlagbaren Hit „Super 8“, wie auch sofort viele Fans richtig erkennen. Mit einer kleinen Kamera in der Hand schreitet der Moderator nun über die Bretter, filmt die vorderen Reihen und lässt es sich feixend sogar nicht nehmen, unter anderem auch das Dekolleté von Peel auf Zelluloid zu bannen. „Konzentrier‘ dich, die Welt ist tot. Ich schick die Lösung im Morsecode. Nur ein Gedanke und doch genial. Es ist soweit, empfängst du mein Signal?“, flüstert Honey mit stark verzerrter Stimme zu „Der Telegraph“ ins Megafon, unterdessen rotieren die beiden Moderatorinnen mit weit ausgestreckten Armen auf ihren Plattformen an den Seiten der Bühne. Danach muss das Konzert leider vorerst für wenige Minuten unterbrochen werden, denn es scheint offenbar technische Probleme zu geben. „Ist das dieser Kanal? Kannst du das mal bitte eben kurz checken?“, setzt sich Honey mit der Crew in Verbindung und dann kann es nur wenig später zum Glück auch schon weitergehen. „Ja, auch von mir nochmal ein herzliches Willkommen hier in Oberhausen. Sie wissen wahrscheinlich, was jetzt kommt... Trotzdem ganz viel Spaß im Autokino!“, begrüßt M.A. Peel die Fans strahlend und steht fortan mit ihrer Solo-Nummer im Rampenlicht: „Mumien Im Autokino“ ist ebenfalls einer der kürzlich veröffentlichten Neuzugänge und kommt dank seiner sehr präsenten 80er-Vibes ebenfalls sofort gut an. Um das Erlebnis abzurunden, werden abschließend noch zahlreiche Tüten mit Popcorn in den Saal geworfen. Es sind solche kleinen, besonderen Details wie diese, die nahezu jede Show des Senders immer wieder unterhaltsam und besonders werden lassen. Wer möchte sich da bitte nicht zünftig gruseln?

 

„So, spätestens jetzt wissen Sie, dass die „Welle:Erdball“-Zeitmaschine die weltweit einzig Funktionierende ist und wenn wir damit nun einmal genau vierzig Jahre in der Zeit zurückgehen, haben wir das Jahr 1979. Da gab es so eine schöne Erfindung, die in den Achtzigern und Neunzigern nahezu das Leben der gesamten Menschheit verändert hat und von einer kleinen, japanischen Firma mit dem Namen „Sony“ kam.“, zwinkert der Sänger. Na klar, damit kann doch nur der „Walkman“ von der „Horizonterweiterungen“-EP gemeint sein, Moonlight und Peel wirbeln dazu mit blinkenden LED-Lichtern verzierte Hula-Hoop-Reifen umher. „Ah, ich merke, sie werden langsam müde, oder?“, stichelt Honey und stößt mit dieser Aussage selbstverständlich auf lautstarken Widerspruch. Nichtsdestotrotz bricht nun die Nacht über Oberhausen herein und bietet dem berühmten Vampir „Graf Krolock“ ihren Schutz. Während auf den Leinwänden nun die stimmungsvolle Kulisse eines Friedhofs mit Grabsteinen und einem übergroßen Vollmond vorbeizieht, singt Honey die süßlich lockende Ballade ganz allein: „Die Nacht schwarz und sternenklar, doch sie ist nicht zum schlafen da!“. Wohl wahr, aber will denn bitte jetzt schon schlafengehen!? Immerhin hat der Sender noch sehr viel vor. Einen kleinen Auszug aus dem musikalischen Kuriositäten-Fundus, welcher für „Welle:Erdball“ ebenfalls seit jeher exemplarisch ist,  markiert danach die Cover-Version von Bobby „Boris“ Picketts „Monster Mash“ aus dem Jahre 1962 - Ein echter Halloween-Klassiker des klassischen Rock‘n‘Roll und damit nicht nur passend zum diesjährigen Tour-Motto, sondern auch zum einzigartigen Konzept der Band, das hier einmal mehr mit gewitzten Einlagen garniert wird: Honey bespielt eine kleine Handpuppe im Frankenstein-Look, die beiden Damen wirbeln derweil ihre roten Kleider in bester 60er-Manier hin und her. Die vorhin erst angesprochene Zeitmaschine funktioniert eben immer noch tadellos! „Jetzt haben wir etwas mit Ihnen vor, was auf der gesamten Tour bisher nur ein oder zwei Mal geklappt hat.“, lacht der Frontmann etwas unbeholfen und gibt dann schließlich den Blick auf eine sperrige und mit vielen blinkenden Lichtern versehene Apparatur frei. „Das hier ist unsere Geschlechtsmaschine, damit kann man vom Mann zur Frau werden und natürlich auch umgekehrt... Oder zu einem C64, zu einer TÜV-Plakette, einer Fahrradpumpe oder was immer Sie auch wollen. Dafür wird Miss Moonlight zwischen mir und M.A. nun das Mikrofon umstellen!“, erläutert er dem Publikum die Funktionalität der wahnwitzigen Maschine etwas näher. Die bisher unveröffentlichte Demo, vermutlich ein weiterer Song des für 2020 angesetzten Studioalbums „Mumien, Monstren, Mutationen“, klingt mit ihrem Duett-Charakter jedenfalls schon mal äußerst interessant und vielversprechend, die geplante Umstellung zwischen den Kanälen funktioniert jedoch leider nicht und hinterlässt dafür viele fragende Gesichter im Publikum. „Ja, wir lieben so einen Nerd-Scheiß eben! Das muss ja immerhin auch gemacht werden, oder? Ich weiß jetzt zwar nicht, ob’s geklappt hat, aber gut.“, lacht der Sänger. „Des Wahnsinns Fette Beute“ setzt das abwechslungsreiche Set dann fort und spielt soundtechnisch mit einigen Effekten, wie übermächtig hallenden Echos. Apropos „Sound“: Jener hat sich unterdessen zum Glück enorm gebessert. War insbesondere der Bass anfangs noch fast schier unerträglich und überschattete einen Großteil des Gesangs und all der verspielten Melodien, so scheinen diese Probleme nun behoben worden zu sein. „Dankeschön! Wir möchten Sie jetzt gerne zu einer kleinen Tradition einladen... Ein Tribut an ein kleines, technisches Objekt, das 1982 in Amerika erstmals das Licht der Welt erblickt hat, also übrigens ein Steinbock. Meine Damen und Herren, ich bitte Sie um einen kleinen Applaus für den Commodore 64!“, verkündet Honey und darf sich tosenden Jubels für das fünfte Bandmitglied sicher sein, welchem mit dem folgenden „Alles Lüge“ dann sein ganz eigener Auftritt zuteil wird. 

 

Nicht weniger spektakulär wird es mit dem Titeltrack der aktuellen EP „Die Unsichtbaren“, zu dem das Licht auf der Bühne jetzt abermals komplett ausgeschaltet wird und die Musiker einzig durch ihre neonfarbenen Sonnenbrillen und Instrumente schemenhaft auf dieser zu erahnen sind. Ein ziemlich cooler Effekt, der die Botschaft vom gläsernen Menschen und dem Wunsch nach Anonymität im Netz perfekt unterstreicht. Zum ikonischen „Arbeit Adelt!“ darf dann aber auch wieder gehörig „Krach gemacht“ werden, wenn Honey zu donnernden EBM-Rhythmen mit einer Eisenstange auf ein altes Fass eindrischt, das geheimnisvolle „Kabinett“ des ominösen Dr. Caligari seine Pforten öffnet oder Oberhausen hörbar stolz bekennt: „Ich Bin Nicht Von Dieser Welt“. Was für ein Rausch... Da fallen die vielen kleinen, blubbernden Seifenblasen bei „Der Türspion“ kaum noch auf. „Ich wollte Ihnen mal eben kurz dieses Instrument hier vorstellen, das Theremin wurde übrigens 1920 von einem Russen erfunden. Das Besondere dabei ist, dass man es gar nicht anfassen muss, um einen Klang zu erzeugen. Sie kennen das, so wie ein Radio seinen Sender wechselt, kann man hiermit die Tonhöhe bestimmen. Das klingt dann ein bisschen so, wie damals in den Science-Fiction-Filmen, wenn das Ufo kommt...“, demonstriert Honey das Exemplar und beim medienkritischen „Wo Kommen All Die Geister Her?“ darf die erste Reihe dann sogar mal selbst Hand anlegen. Einen echten Leckerbissen für langjährige Fans gibt es dann mit dem grandiosen „Komm In Mein Labor“, ein Stück aus dem Funkhaus-Musical des pausierenden Nebenprojekts „Homo Futura“, hier stilecht von c0zmo und Honey im klinisch weißen Kittel dargeboten. Bleibt nur der Wunsch, dass „der Mensch der Zukunft“ eines Tages wieder neues Material hervorbringt. Zum unschlagbaren Klassiker „Schweben, Fliegen, Fallen“ dürfen die überdimensionalen Luftballons selbstverständlich nicht fehlen, welche nun von den beiden Moderatorinnen in ihren goldenen Kleidern in die Halle befördert werden und fortan über den Köpfen der Hörer umherspringen. Wie immer ein tolles Bild! „So, wir kommen langsam zum Ende. Bei jeder anderen Band der Welt wäre ich jetzt schon im Hotel am schlafen, aber wir machen noch einen für Sie, okay? Das nächste Stück kommt komplett aus dem Commodore 64 und heißt wie ein Film und dieser Film ist eine Zahl...“, schmunzelt der Fronter. Die Antwort? „23“! „Vielen Dank, meine Damen und Herren! In Hannover hat uns ein rotes Cabriolet überholt und heute haben wir wieder etwas ganz ähnliches erlebt. Vor über achtzig Jahren hat ein sehr intelligenter Mann ein Automobil erfunden und das fährt immer noch, während Ihr Nissan schon den Geist aufgegeben hat. Das ist ja quasi auch nur ein Fahrrad mit viel Alufolie drumherum... Dieser Mann hieß Ferdinand Porsche!“. Nicht so der beliebte „VW Käfer“, denn der „läuft und läuft und läuft“! „Können Sie noch?“, lautet da nach zwei Stunden die mehr als berechtigte Frage, doch Oberhausen hat nach wie vor nichts von seiner Stimmgewalt eingebüßt. „Okay, das war eine klare Ansage!“, freut sich Honey und so geht es dann mit „Hoch Die Fahnen“ sofort weiter. Vor „Starfighter F-104“ müssen sich die Fans allerdings noch einer kleinen Prüfung unterziehen: „Das ist jetzt ein Test für Sie. Wenn Sie schon warm sind, fliegen die hier immer super, sonst stürzen die immer ab...“, erklärt der Moderator lächelnd und wirft präventiv einige Papierflieger ins Publikum. „Sie sind warm! Sie wissen wirklich, wie man eine Sendung gestaltet. Ich möchte gerne noch etwas sagen... Da hinten ist unser Stand. Sie müssen da auch gar nichts erwerben, aber dort liegen Listen für den Tierschutz e.V. aus. Für den Fall, dass Sie sich und ihren Kindern später vielleicht noch echte Tiere fernab von „Ice Age“ Teil 1 bis 135 zeigen möchten. So, noch einen?“. Na, klar! Das ungemein gelungene Cover von Stephan Remmlers „Feuerwerk“ beschließt sodann mit Trillerpfeife, stimmungsvollen Projektionen und gemeinsamer Verbeugung das reguläre Set, doch noch hat die Hörerschaft nicht genug und fordert den Sender zurück. „Das ist wirklich ein komisches Phänomen, oder? Sie rufen „Zugabe“ und wissen trotzdem ganz genau, dass wir sowieso wieder angeschissen kommen... Das nächste Stück darf bei keinem Konzert fehlen!“, leitet Honey dann zu „Monoton & Minimal“ über und lässt es sich nicht nehmen, alle Die-Hard-Fans anschließend auf die weiteren Termine aufmerksam zu machen. „Wem‘s gefallen hat, wir sind bald noch in Mannheim und Stuttgart, glaube ich... Das war echt gut. Nein, das haben Sie heute Abend wirklich gut gemacht, ich bin stolz auf Sie, das muss ich schon sagen.“, lobt er. „Herzlichen Dank an „Kid Knorke“, „Hertzinfarkt“ und „Rroyce“, das war heute Abend mal wieder hundertprozentig! Hier wäre ich auch gerne zu Gast gewesen, das ist mein voller Ernst. Sie kriegen nirgendwo anders mehr für Ihr Geld und wenn doch, dann werden Sie beschissen... Hier nicht!“. Da ist wohl etwas Wahres dran... Mit dem energiegeladenen „Fehlfarben“-Cover „Es Geht Voran“ geht es dann schwungvoll auf die Zielgerade zu, die mit „A New England“, einem äußerst stimmigen Tribute an Billy Bragg, sowie allen Akteuren dieses kleinen Indoor-Festivals zusammen auf der Bühne vereint, furios erreicht wird. Nach rund zweieinhalb Stunden „Welle:Erdball“ und somit weit über vier Stunden guter Musik insgesamt, findet der Abend dann mit vielen glücklichen Gesichtern schließlich sein wohlverdientes Ende und entlässt die sichtlich beseelten Fans pünktlich zur Geisterstunde hinaus in die Kohle Herbstnacht... Tatsache: Mehr bekommt man nirgendwo anders geboten!

 

Setlist:

 

01. Intro

02. Die Roboter („Kraftwerk“ Cover)

03. Zurück Zum Start

04. Mensch Aus Glas

05. Mama, Papa, Zombie

06. Die Liebe Der 3. Art

07. Super 8

08. Der Telegraph 

09. Mumien Im Autokino 

10. Walkman

11. Graf Krolock

12. Monster Mash (Bobby Pickett Cover)

13. Die Geschlechtsmaschine 

14. Des Wahnsinns Fette Beute

15. Alles Lüge

16. Die Unsichtbaren

17. Arbeit Adelt!

18. Kabinett („Das Kabinette“ Cover)

19. Ich Bin Nicht Von Dieser Welt

20. Der Türspion

21. Wo Kommen All Die Geister Her

22. Komm In Mein Labor („Homo Futura“ Cover)

23. Schweben, Fliegen, Fallen

24. 23

25. VW Käfer

26. Hoch Die Fahnen

27. Starfighter F-104G

28. Feuerwerk (Stephan Remmler Cover)

29. Monoton & Minimal

30. Es Geht Voran („Fehlfarben“ Cover)

 

Impressionen:

 

Wanja B. Wiese - "Wanja B. Wiese Photography"

 

https://www.wanjawiese.de

 

https://www.facebook.com/wanjaphoto/

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