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ASP - Kosmonautilus (2019)

29.11.2019

Genre: Rock / Alternative

Release: 29.11.2019

 

 Format: Doppel-CD

 

Anzahl Ton- / Bildträger: 2

 

Label: Trisol Music Group

 

Spielzeit: 79 Minuten

Pressetext:

 

2019 kehren "ASP" zurück zum Erzählzyklus „Fremder“ und bringen die im Top-Ten-Album „fremd“ begonnene und mit dem Platz-2-Album „MaskenHaft“ weitergeführte Reise zu einem neuen Höhepunkt. Die direkte Fortsetzung des gefeierten dritten Teils „zutiefst“ zeigt sich hochemotional, detailverliebt und vor allem extrem catchy. Jeder Song weiß mit seiner eigenen fantastischen Handlung zu fesseln, und dabei geht Mastermind Alexander "Asp" Spreng geradezu lustvoll ans Werk. Auch wenn das Album viele Anspielungen und Rückbezüge bietet, spürt man bei „Kosmonautilus“ eine Energie, die geradezu im Widerspruch zu der Komplexität und Tiefgründigkeit der Texte zu stehen scheint. Die Hitdichte konnte noch einmal gesteigert werden. Ein Gothic-Novel-Rock Hammer nach dem anderen, ein zukünftiger Live-Evergreen jagt den nächsten. Der "Fremder"-Zyklus erzählt die Geschichte des Reisenden, der viele verschiedene Realitäten und Welten besucht, auf dem mittlerweile vierten Album - und es wird noch nicht das Ende der Odyssee sein. Während sich der erste Teil, „fremd“, genau um dieses Gefühl in diversen Facetten dreht - um dieses Gefühl des Fremd-Seins, des Außen-Stehens, des Sich-allein-Fühlens -, verschärft sich die emotionale Kraft gerade zu Beginn von „MaskenHaft“ enorm. Nun erlebt der Hörer den Verlust der Freiheit, die ultimative Isolation und die Vernichtung alles Individuellen - bevor der Protagonist aufbrechen kann, auf Wanderschaft geht und raue Pfade betritt. Bis er sich am Rande einer Klippe hängend wiederfindet und - hier beginnt „zutiefst“ - ins Meer fällt. (Und immer ist sie dabei, immer wieder blitzt sie hervor und gibt Kraft - die Liebe, die Asp in seinem Schaffen niemals vergisst.) Nun werden die Abenteuer zwischen U-Booten, Tiefseeungeheuern und falschen Leuchtfeuern weitererzählt. Dabei geht die Band dieses Mal besonders geschickt vor: Auf den ersten Blick scheint alles beim Alten. Und doch: Der Mut und die Experimentierfreudigkeit zeigen sich im musikalischen wie im textlichen Detail. Wieder werden unbekannte Genregrenzen klammheimlich überschritten, schleichend, behutsam und ohne plakativ zu Werke zu gehen. Gut erzählte musikalische Geschichten stehen nach wie vor im Vordergrund, und es kristallisiert sich deutlich heraus: Obwohl sämtliche Songs gut für sich allein funktionieren, hängt alles im "ASP"-Kosmos irgendwie zusammen. Wie Schmetterlings-Zyklus und "Fremder" verwoben sind, entfaltet sich für alle, die sich darauf einlassen. Für die anderen bleibt es das wohl Gewiefteste und Unterhaltsamste, was der düstere Musikbereich zu bieten hat. Da tummeln sich lebendig gewordene Tattoos und untote Meeresgötter genauso wie ruhelose Geister von in die Irre geführten Seeleuten. Und das soll Spaß machen? Das tut es. Sogar sehr. Aufgenommen im Twilight Sound Studio von Lutz Demmler wurde das Album wieder gemischt und gemastert von Produzentenlegende Vincent Sorg ("Die Toten Hosen" und "In Extremo"). Der Wahnsinn in den Werken spiegelt sich auch im unglaublichen Arbeitspensum und Output der Künstler wider: Zwischen dem letzten Kapitel der Geschichte und „Kosmonautilus“ liegen gerade einmal 25 Monate. Außerdem sind ein Konzertfilm inklusive neuer Songs sowie zwei Bilderbücher aus der Feder von Asp Spreng erschienen, und es wurde eine ausverkaufte Tour zum zwanzigjährigen Bestehen der Band gespielt. "ASP" bleiben ein unergründliches Phänomen in der deutschen Musiklandschaft. Seit Jahren erkämpfen sie sich unermüdlich und mit lodernder Leidenschaft ein stetig wachsendes Publikum - und das über alle Szenegrenzen hinaus. "ASP" schaffen es ohne die geringste Anbiederung an den Mainstream, sich regelmäßig hohe Ränge in den Media Control Charts zu sichern. Längst haben Freunde anspruchsvoller Texte und tiefgründiger Rockmusik gemerkt, dass man an "ASP" nicht vorbeikommt und sich vor dem „Schwarzen Mann“ nicht fürchten muss. Zumindest nicht sehr. Mit ihrem neuen Album „Kosmonautilus“ im Gepäck gehen "ASP" gleich im neuen Jahr auf eine ausgedehnte Rocktour. Diese Konzertreise wird sie in 15 Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz führen. Die brandneuen Stücke bringt die Band im Januar und Februar 2020 auf die Bühnen - genauso wie häufig gewünschte Hits. Nach der Spezialtour „Zaubererbruder live und extended“ im Jahr 2018, den fabelhaften Jubiläums-Shows 2019 gibt es nun endlich eine ausgedehnte Tour, bei der keine Mühen gescheut werden, um möglichst in eure Nähe zu kommen. 15 (!) Konzerte. Das ist eine Ansage! Auch für "ASP".

 

Kritik:

 

"Ein Schwarm von ihnen zieht vorbei, du greifst nach ihren Schweifen

 

Genügt schon einer, du wärst frei, doch du kannst keinen greifen

 

Rundherum, rundherum, rundherum!

 

Der Zeit entglitten

 

Rundherum, rundherum, rundherum!

 

Zu deiner Mitte

 

Rundherum, rundherum. Warum?

 

Es bleibt verschwommen

 

Rundherum, rundherum, rundherum!

 

Nie angekommen"

 

Hörst du das? Ruhe. Stille. Einfach nichts. Irgendwie friedlich und zugleich doch auch sonderbar isoliert. Irgendwie einsam. Beunruhigend. Unheimlich... Plötzlich scheint sich etwas in der endlosen Leere zu regen. Erst nur ganz langsam, unscheinbar und dadurch fast kaum wahrzunehmen. Sind das etwas Klänge? Merkwürdig vertraut und trotzdem noch so unendlich weit weg. Tatsächlich: Die behutsam angeschlagenen Salven eines nebulösen Klaviers perlen verspielt, hauchdünn und fein, ja, wie an einer meterlangen, geisterhaften Kette herab in den gefühlten Abgrund. Wie tief jener ist, vermag niemand so recht zu sagen, doch noch bevor man sich eingehender mit dieser Frage beschäftigen kann, dringt eine vertraute Stimme zu Gehör, die sich nun zielstrebig zur parallel immer eindringlicher bohrenden, verspielten Melodie aus dem anfänglich dichten Schwarz herausschält. Endlich greifbar, endlich angekommen? „Zurück zum Start, zurück zum Start, zurück zum Start!“, flüstert es jetzt zart und dabei dennoch nicht weniger fordernd, fast schon mahnend, aus allen Richtungen. So, wie ein sich endlos wiederholendes Mantra eines Unbekannten, eines Fremden, eines Anderen: „Irgendwo dort draußen mag es tagen. Irgendwo dort draußen, ist es wahr?“. Aber... Wo genau ist dieses „dort draußen“ eigentlich? Oder viel mehr: Wo sind wir? Noch wie benommen, blicken wir uns nun vorsichtig um. Meterhoch vor uns aufgetürmt, erstrecken sich vermutlich gar mehrere Tonnen von Geröll und Gestein, so weit das Auge schauen kann. Waren wir nicht schon fast am Gipfel angelangt oder zog uns vielleicht etwas, wie einst Sisyphos, wieder in die Untiefen hinab? Ein Neuanfang. Schon wieder? Fortsetzung folgt... Wider Willen. Neben unseren Sinnen kommt auch allmählich die lückenhafte Erinnerung zurück: Ein übermächtiger, brutal reißender Sog und das bei vollem Bewusstsein! Ein zehrender, gnadenloser Wettstreit ums nackte Überleben inmitten der Naturgewalten. Doch... Wofür? Der Strudel hat offenkundig gesiegt und den langen Kampf am Ende für sich entschieden. Über das Bewusstsein. Über uns. Und vielleicht noch viel mehr? Nach all den Strapazen und Querelen, dabei schien das Ziel doch schon zum Greifen nahe. Wir haben so viel gelitten, so viel erlebt, uns so viel gemüht. Am Ende unserer Kräfte angelangt, müssen wir uns eingestehen, dass alles vergebens war. Wir erleiden einen folgenschweren „Rückfall“... Zurück zum Anfang, aber reicht der bloße Wille aus, um ein weiteres Mal aufzustehen? „Die alten Muster dort im Sand, haben dich fest in der Hand. Von Stürmen oder Drängen unberührt, die Tintennetzhaut schneidend eng geschnürt.“, heißt es. Ersticktes Aufbegehren, unterdrückt von so viel bleierner Last. Wie ein SOS-Ruf, der ins Leere funkt. Es hilft nichts, wir stürzen zurück in die ungewissen Abgründe, immerzu verfolgt und verführt vom eigenen Unterbewusstsein. In emotional behafteter Gefangenschaft zu verbissen am letzten Felsen festgekrallt, wäre es fast gelungen. Letzte Worte, vor lauter Erschöpfung nunmehr gehaucht: „Nimm Abschied von allem, Willkommen im Nichts!“. Eine filigran arrangierte Orchestrierung aus sanft zurückhaltenden Streichern und einer vorsichtig säuselnden Oboe wird schließlich von epochal niederdonnernder Percussion und rauen Gitarrensaiten abgelöst, die sich stetig anschwellend und bestimmt ihren Weg durch die Finsternis suchen, die letzten Erinnerungslücken zu befüllen und zielstrebig an ihren Platz zurückzuführen. Alles beginnt, sich langsam zusammenzufügen und es bleibt als letzte Bastion zumindest die vage Gewissheit, in allem Dunkel vielleicht auch einen, wenn nicht gar den entscheidenden Funken Licht, entdecken können. Aus den Fehlschlägen zu lernen, daran zu wachsen und Energie für einen neuen Versuch zu bündeln. Noch ist es nicht vorbei: „Willkommen zu allem, nimm Abschied vom Nichts!“... Zu zarten Piano-Klängen und einem hellen Riff werden wir wieder wach. Endlich wieder atmen und bewusst fühlen. Endlich wieder ganz bei Sinnen, endlich ein „Morgengrauen Irgendwo“. Nur wo genau? Wer es bisher noch nicht wusste oder nur vage vermutet hat: Der aktuelle „Fremder“-Zyklus ist nicht immer durchgehend chronologisch angeordnet und erlaubt sich stattdessen, einem perspektivischen Kaleidoskop gleich, in mehrfach ineinander verschlungenen und über mehrere Zeitebenen miteinander verwobenen Strukturen, zahlreiche Rückblicke und Nebenerzählungen aus dem gleichen Universum aufzugreifen und deren Ereignisse fortzusetzen, aufzulösen oder gleich noch mehr Fragen aufzuwerfen. So gibt es hier die Vorgeschichte zur dramatischen Unterwasser-Liebesmär „Torpedos“ zu hören, die musikalisch unverzüglich an die vorausgegangene Eröffnung anknüpft, nicht aber direkt thematisch. „Wir haben außer um uns selbst um nichts gebeten. Quecksilber-Schatten auf dem Weg zum Rand der Welt.“. Ein auf ewig unzertrennliches Paar aus ein und demselben Lauf in die Welt hineinkatapultiert. Fest verschmolzen zu einer rastlosen, unbesiegbaren Einheit. Ein hochexplosives Konglomerat, bereit zur endgültigen Detonation. Die Energien brodeln gefährlich, sprengen alle Fesseln und streben nunmehr zusammen nach Freiheit. Während die Strophen hier im gediegenen Mid-Tempo von  straight und clean rockenden Gitarren, sowie auch unterschwellig fordernder Elektronik vorangetrieben werden, laufen die einzelnen Fäden sodann parallel zu einem ungemein hymnischen Refrain zusammen: „Irgendwo, irgendwo auf dem Erdenkreis graut doch immer ein ganz neuer Morgen in diesem Augenblick. Es mag sein, dass ich nur dies ganz sicher weiß. Wird was von uns bleibt auch nie geborgen werden, es gibt kein Zurück.“... 

 

Zeitsprung. Eine andere Periode, ein anderer Moment, ein anderer Ort. Erneut. Um uns herum einzig und allein die schier erdrückenden Wassermassen, so unendlich weit und zugleich doch einem unbarmherzigen Gefängnis gleich. Zu den organisch pumpenden, unruhig pulsierenden Synthie-Flächen sinken wir jetzt immer weiter in die ungewisse Tiefe hinab. Vorbei an friedvoll wogenden Algen, funkelnden Korallenriffs und bunten Fischschwärmen, die erst unseren Weg kreuzen und dem Blick dann ganz plötzlich entschwinden, bis sie dann vom dichten Schwarz verschlungen werden und sich jedwede Orientierung vollständig auflöst. Erneut. Nach dem ersten Teil innerhalb der großen Zyklus-Eröffnung durch „Fremd“ aus dem Jahre 2011 und dem Nachfolger auf „Maskenhaft“ steht im Folgenden der nunmehr dritte Part der kernthematischen „FremdkörPerson“-Reihe bevor. Selbstverständlich bleibt man auch hier seiner Linie mehr als nur treu. Das beginnt schon allein bei der kreativen-verdrehten Betitelung: „Phragmokontrolle“. Jene Wortneuschöpfung setzt sich dabei aus zwei Fragmenten zusammen. Der „Kontrolle“ und dem sogenannten „Phragmokon“, unter welchem man die geklammerte Schale der Kopffüßer, den Weichtieren der Meere, versteht. Neben Tintenfischen, sowie den bereits ausgestorbenen Bactriten und Ammoniten, zählen auch die Perlboote zu dieser Familie und darunter der Nautilus. Sicher umgeben von einer besonders markanten Art seines schützenden Schneckenhauses, oder doch viel eher „Panzerhaus“? „Ein Koffer für die Reise“, wie Asp selbst es im zugehörigen Logbucheintrag so passend umschreibt. Glasklar klirrende Electro-Spitzen erhellen uns, wie schon einst die leuchtenden Wesen, den langen Pfad und geleiten uns fortan glimmend durch die undurchdringliche Dunkelheit, die alsbald von sattem Schlagwerk und mächtig röhrenden Gitarren durchsetzt werden soll, um sich dann im deutlich angezogenen Tempo voll aufgeladener Power geradewegs in die Gehörgänge zu katapultieren. „Rochen gleiten fliegend über dir durchs Dämmerlicht. Zerbrochen liegt das Wrack im grauen Schlick. Die Flossen gleichen Schwingen, wirbeln Sand auf, wolkendicht. Verschlossen bleibt der Lippenspalt zurück. Ein Schwarm von ihnen zieht vorbei. Du greifst nach ihren Schweifen. Genügt schon einer, du wärst frei, doch du kennst keinen greifen!“, winden sich die Zeilen hypnotisierend umeinander und erschaffen beeindruckend greifbare Bilder in malerischer Untersee-Romantik, wie die verhärteten Schichten die spirale Form des Korpus bedecken. Darunter geht es, ähnlich einer unvorhersehbar verschlungenen Wendeltreppe, immer weiter und tiefer hinab, näher zum Kern, näher zum eigenen Ich. Hier sind wir nackt, verwundbar, verletzlich. Wie weit willst du die Stufen hinabsteigen wollen? Folge all den Hinweisen auf unentdeckten Wegen in diesem thematischen Kernstück. „Rundherum, rundherum, rundherum zu deiner Mitte...“, fordert der bahnbrechend einschmeichelnde Chorus eindringlich und brennt sich gnadenlos ein. Doch gib Acht, dass du dich dabei nicht in den unendlich vielen Abzweigungen oder gar in dir selbst verlierst... Eine der vielen und nicht minder gefährlichen Möglichkeiten dazu, bietet schon das nächste Stück namens „Abyssus 2 (Musik)“, in dessen erhabenen Melodien fortan weitere Abgründe vom Hörer erforscht werden dürfen. Es ist eine direkte Fortsetzung zum Starschuss der gleichnamigen Saga auf dem Vorgängerwerk „zutiefst“, welche hier abermals so manche Fäden sorgsam weiterspinnt und auf unserer weiteren Reise allmählich zu einem schlüssigen Gesamtbild verweben wird... Doch bis es in ferner Zukunft dann endlich soweit ist, soll vorerst noch eine ganze Menge Zeit vergehen und an Weg zurückgelegt werden. Ein scharf einschneidender Widerhall lässt uns jetzt ganz plötzlich aufhorchen: So schnell, wie sie einst gekommen sind, verklingen die undefinierbaren Laute wieder und werden stattdessen von hell glühenden, engelsgleichen Klavier-Tupfern ersetzt, die nun dergleichen hoffnungsvoll, wie das rettende Tageslicht aus scheinbar endlos weit entfernten Wolkendecken, durch die dichten Wassermassen herabfallen und das vor uns liegende Labyrinth erleuchten. Ungemein druckvolles Drumming und energetisch aufstrebende Gitarren setzen nur wenig später ein und manifestieren sich in einem hymnisch powernden Riff, das ungelogen zu einem der Besten und Eingängigsten in der gesamten Diskographie von „ASP“ zählt. „Du bist der Ketten dir gewahr, der Anker dir bewusst. So vieles bleibt, wie's immer war, wenn du auch scheiden musst. Du bist der Ketten dir gewahr...“, raunt eine bekannte Stimme von irgendwoher und leitet uns fortan immer weiter durchs Ungewisse. „Sag, war es je dort oben hell? War's nichts als nur ein Traum? Erinnerung verblasst so schnell und bietet Zweifeln Raum. Sag, war es je dort oben hell?“, stellt sie die essenziellen Fragen, auf die wir dennoch keine genauen Antworten geben können. „Sieh dich in nimmersatten Fängen. Auch das Licht gibt sich Schattenklängen hin!“, sediert jetzt Wort für Wort all unsere sonst ach so sehr präsenten Vorbehalte und quälenden Zweifel, die längst schon an uns haften, wie tonnenschweres Gewicht. All das, für die endgültige Konfrontation von Angst und Seelenleben: „Musik! Hörst du nicht dein Kinderweinen?“, schießen Worte, wie ein aufrüttelnder Schlachtruf, messerscharf in Herz und Hirn. Sie führen uns zurück zu allem Ursprung. Zu dem, was wirklich von Bedeutung, doch so oft untergeht. Unter Verschluss gehalten, eingekerkert, fast vergessen. Bist du nicht schon mindestens einmal innerlich vor einer erhabenen Melodie unvorbereitet innerlich auf die Knie gefallen? Vor all ihrer puren Schönheit erstarrt, ja, beinahe hilflos überwältigt? Hast du dich endlich verstanden und geborgen gefühlt? Zuhause... Angekommen? Nicht mehr länger „fremd“? „Musik! Geisterstimmenwiderhall. Musik! Mörtel zwischen schwarzen Steinen. Musik! Und der Abgrund fürchtet deinen Fall...“, entfaltet sich die majestätische Übermacht im Chorus in voller Anmut und Pracht, beflügelnd und erdrückend zugleich. Gebannt und ergriffen. Musik. Eine Reinigung. Ein Refugium. Eine „magische Verbindung“. Ein dringlicher Weckruf an das innere Kind. Eine hochgradig glaubwürdige und begnadet ergreifende Ode an jene Form emotionaler Kunst, die uns alle so sehr bewegt und tief berührt: Musik. Nicht selten so viel mehr, als bloße Unterhaltung. Ein tagtäglich beatmendes Lebensgefühl, eine fortwährend brennende Leidenschaft. Rettung und Anker zugleich, undenkbar stark befähigt, selbst die schwärzesten Schatten stets zuverlässig zu vertreiben und zumindest für einen Moment, manches Mal auch auf ewig, in seine Schranken verweisen zu können. Beflügelt, furchtlos, unbesiegbar... Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick? Du musst es nur zulassen, musst es nur wollen. Ganz so, wie ein Traum im Traum im Traum. Der eines Anderen oder dein Eigener? „Sag, welche Art von Schlaf ist das?“. Trau dich und finde es heraus!

 

Endlich erreichen wir den tiefsten Punkt und befinden uns fortan auf dem finsteren Meeresgrund. Einsam ist es hier, irgendwie verlassen. Leblos. Tot. Die letzten Reserven noch aufgespart und verzweifelt reaktiviert, kriechen wir zu unsagbar schwer schleppenden Gitarren und einem metallisch walzenden Schlagzeug entkräftet und ziellos durch den dunklen Schlick weiter nach vorne. Wie gefangen zwischen riesigen Korallenriffs und verfallenen Tempelanlagen. Unermüdlich auf der Suche nach artverwandtem Leben und Hilfe. Während sich die Strophen mit ihren teils mehrstimmig arrangierten Gesängen noch eher zurückhaltend präsentieren, tritt spätestens im schmerzlich wehklagenden und zugleich gigantisch aufgezogenen Refrain perfekt ausbalancierter, düster getragener Doom-Metal hervor, welcher in seiner Intensität alles niederzureißen droht. „Triton, erwache! Du wirst immer noch gebraucht. Triton, erwache! Ist dein Leben ausgehaucht? Diesmal gibt es keine Wiederkehr, mit dir zog das Leben aus dem Meer. Sinnt dein Tierherz nicht auf Rache? Hörst du mich? Triton erwache!“. Der Herrscher des Meeres ist fort, doch wohin, vermag niemand so recht zu sagen. Es mangelt an klar definierter Autorität und einem moralischen Leitbild. An alles gebietender Gerechtigkeit, wohlsituierter Ordnung und einem Gleichgewicht in der Tiefe. Warum ist der Sohn des Poseidon in seinem Regiment plötzlich wie versteinert und erstarrt? Ist er verschollen oder wurde er gar aus seinem Reich verbannt? Ist seine Macht über alles  Leben hier unten und sein leidenschaftliches Feuer endgültig erloschen? Was ist nur geschehen? Wer verursachte „Tritons Fall“? Die vertonte Tragik einer mythologischen Galionsfigur. Ein melancholisch erfüllter Hilferuf und die Hoffnung auf seine Rückkehr bleiben bestehen: „Gibt es nichts, was dich bewegen könnt zu der Rückkehr in dein Element? Es wird Zeit für deine Rache. Hörst du mich? Triton, erwache!“. Wir finden endlich wieder neue Entschlossenheit, sagen uns von aller Schwermut los und wagen abermals die riskante Flucht nach vorn oder viel eher nach oben. Zurück an die Wasseroberfläche. Zurück ans Tageslicht. Zurück ins Leben? Stets von den hypnotischen Klängen einer synthetisch verzerrten Spieluhr, die das ohnehin schon stark eingeschränkte Sichtfeld allmählich mit kühl klirrendem Frost bedeckt, in den Ohren begleitet, bündeln wir jetzt nochmals alle Energie und schwingen uns mit geballter Körperkraft in die Höhen auf. Doch... Was ist das!? Etwas blockiert unseren weiteren Weg. Es ist unsagbar kühl und vor allem ist es überall. Ganz und gar verzweifelt suchen wir hektisch irgendeinen Ausweg und hämmern wie von Sinnen mit unseren bloßen Fäusten immer wieder gegen die massive, unsichtbare Decke. Was auch darüber liegen mag, bleibt uns, wie hinter meterdick milchigem Panzerglas verschlossen, vielleicht für immer verborgen. Eine regungslos starre, ja, unmöglich allein oder ohne Hilfswerkzeug zu durchbrechende Grenze zwischen dem unendlich weiten Meer und dem errettenden Land. Die gnadenlose Blockade zweier Welten. Durch jene bitterkalte Gefahr zur grausamen Ewigkeit verdammt? Wohin wir auch sehen: Über uns erstreckt sich ein kolossaler „Eishimmel“. Der Song ist eine erschreckend packende, dunkelromantische Power-Ballade mit einem kongenial strukturierten Unterbau aus leidenschaftlich rockenden, satten Gitarrenwänden und einer hochatmosphärischen Elektronik in ihrer tragisch schönsten Reinform, welche die hochgradig perfektionierte Dramaturgie hier in gänzlich neue Sphären katapultiert und in nahezu allen Punkten emotional tief berührt. Zusätzlich schürt die grandios inszenierte Thematik der unfreiwilligen Isolation beklemmende Urängste des gebannt lauschenden Rezipienten, der sich durch die nachvollziehbar konzipierten Gleichnisse und deren konsequente Einbettung in den fortschreitenden Erzähl-Komplex mit der ausweglosen Misere des Protagonisten identifizieren und diese vor allem nachempfinden kann. So nah und zeitgleich doch so unerreichbar weit entfernt, erscheint vor diesem Hintergrund unser Gegenüber. Was, wenn wir scheitern? Perspektivenwechsel: Ist die Person dort auf der anderen Seite nicht in einer ganz ähnlichen, misslichen Lage? Was, wenn wir unser Ziel erreichen? Was, wenn das Eis nachgibt und bricht? Welche Geschehnisse würden wir durch jene in sich verzahnte Mechanismen auslösen? Ja, was, wenn wir unserem Retter zum bloßen Selbstzweck den Boden unter den Füßen weg- und ihn damit ebenfalls in die Tiefe hinabreißen würden? Ist es das wert? Wie wirst du dich entscheiden? Zurück zum roten Faden des Zyklus und damit auch zurück zu einer weiteren Fortsetzung. Besser gesagt, zum „Falsche-Leuchtfeuer-Triptychon, rechts“, also dem mittlerweile zweiten Teil jener Trilogie, welche zuletzt mit „Die Untiefen“ bereits ihren ersten, linken Part erfahren durfte. Fehlt also nur noch die inhaltliche Mitte... Musikalisch fällt die fragil anmutende Ballade deutlich differenzierter zu den bisherigen Stücken des Albums aus. Die zurückhaltende Instrumentierung gleicht mit ihrer romantisierenden Violine und grazilem Cello, einer vorerst akustischen Gitarre und dem dezent bespielten Schlagzeug schon fast einem Exempel wundervoll gefühliger Kammermusik, die sogleich eine trügerisch wärmende Atmosphäre entstehen lässt, die von den Lyrics gekonnt konterkariert wird: „Weißt du Narr noch, früher reistest du umher? Deine Heimat war dort oben auf dem Meer. Du wusstest, Stürme durften toben, wie sie wollten, stets hat ein Leuchtgruß von der Küste dir gegolten.“. Thematisch bietet sich dem Hörer hingegen eine klassische Geistergeschichte: Wurden im Auftakt noch bewusst falsche Signale am sicheren Ufer ausgesendet, um die Seefahrer in die Irre und ihren Untergang herbeizuführen, so stellt sich hier die gewichtige Frage, wer oder was das lebensrettende „Liebes Licht“ und damit unser Sein nun endgültig (aus)gelöscht hat. „Und nun wanderst du am kalten Grund, bis zum Ende aller kalten Tage. Lautlos schließt und öffnet sich der Mund und stellt stumm die immer gleiche Frage. Ahnend, dass kein Mensch die Antwort kennt, warum ihr Licht nun nicht mehr für dich brennt.“, hallen die Zeilen im elektronisch verstärkten Refrain in unseren endlosen Gedanken noch lange nach. Was genau hält die rastlose Seele hier im Diesseits gefangen und somit von ihrer Erlösung fern? War er uns vertraut oder doch ein Fremder? Viel schlimmer noch: Was, wenn der Protagonist unwissentlich selbst Opfer oder Täter war? „Tausend Fragen, tausend Szenen, die dich fesseln an die Welt. Keine Antwort, nur noch Tränen. Nichts mehr, was die Nacht erhellt.“. Die Tatsache durch ebendieses Mysterium vielleicht niemals mehr Frieden zu finden und die quälende Ungewissheit, wie es dazu wohl gekommen sein mag, lassen die Problematik besonders nahbar erscheinen. Darüber hinaus stellt der Text vornehmlich viele Fragen zur Lösung, die mögliche Antwort herauszufinden, ist jedoch ganz an uns allein. „Ohne Rast streifst du im tiefen Meer für alle Ewigkeit nun ohne Ziel umher. Doch du findest niemals mehr nach Haus, denn ihr Licht für dich ging einfach aus!“... Was ist nur geschehen? Bist du mutig genug, diesem schrecklichen Geheimnis auf den (Meeres-)grund zu gehen!?

 

Der erste und damit bereits im Oktober veröffentlichte Vorbote zur neuerlichen Fortsetzung, nimmt den Hörer danach unnachgiebig mit seinem eng umschlingenden „Tintakel“ gefangen und lässt ihn sobald ganz sicher nicht mehr los. Wild surrende, zügig rotierende Elektronik-Versätzen scheinen jetzt nervös flirrend aus ihren einstigen Quellen überzusprudeln und einen magischen Funkenreigen zu versprühen, bis dann ein kernig definiertes Riff und taktierendes Drumming einsetzen. Die kleine Schauererzählung handelt von einem besessenen Tintenwesen, also einem dämonischen Tattoo, welches im Schutze der Dunkelheit ungesehen zu grausamem Leben erwacht, sich von der Haut seines Trägers zu lösen beginnt und fortan auf unheilvollen Streifzug geht. Gothic-Novel pur, also. In den Strophen stehen ungemein gelungene Zeilen, wie etwa „Fließende Bewegung. Unheilvolle Segnung empfangen. Stich um Stich das Bild auf die Haut gebannt. Schamlose Empfängnis. Sinnliches Gefängnis, Verlangen. Etwas regt sich unter dem Wundverband...“, die jene „schwarze Nebel“, denen es unstillbar nach Fleisch und Blut dürstet, unwillkürlich vor dem inneren Auge auferstehen lassen. Diese charmante Textarbeit ist es nämlich auch, die der wohl bekanntesten Körperkunst quasi nebenbei und mit viel Raffinesse ihren versteckten Tribut zollt: „Fürchte die Rückkehr, du weißt ja wie weh es tut!“. Darüberhinaus eignet sich der entsprechende Titel ganz hervorragend als Single-Auskopplung, da sie mit ihrer verhältnismäßig kurzgehaltenen Spieldauer nicht nur für ein angenehmes Maß an Eingängigkeit sorgt, sondern als eigenständiger und separat abgehandelter Nebenschauplatz zudem nichts über den Verlauf der eigentlichen Haupthandlung verrät. „In jeder Nacht, wenn es erwacht. Die Haut so nackt wie nie zurückgelassen wird. Ein Tintenbild, befreit und wild, fletscht Schartenzähne, wenn es nach den Opfern giert.“. Die selbstbewusste Mid-Tempo-Nummer geht insbesondere dank ihres melodiös intonierten Refrains definitiv schnell ins Ohr und weiß durch ihre abwechslungsreich knackige Ausrichtung zu gefallen, spart gerade dadurch aber auch etwaige Überraschungen oder gewagte Kniffe aus. Sei dir gewiss: Es kommt zurück! Hektisch aneinandergereihte Samples von Hilfe suchenden Funksprüchen erfüllen die dunkle Nacht. Ein bissig gestimmter Bass legt sich über die elektronisch pulsierenden Flächen, während ein markanter Fünfteltakt insbesondere durch das extrem dominante Schlagzeug zum Tragen kommt, welches hier fortan den fordernden Rhythmus vorgibt, bis dann rau zerrende Gitarren und packende Strophen im Sprechgesang einsetzen: „Dachtest du nicht auch, wir würden zu den Sternen reisen? Nichts läge uns ferner, denn der Weg ist viel zu weit. Wir bewegen uns nur in den immer gleichen Kreisen, schmieden große Pläne und sind doch niemals bereit.“. Sozial- und Politkritische Worte, die hier trotz all ihrer malerischen Bildgewalt nahtlos in die Gegenwart übertragen werden können, wenn man es denn nur will. Wie besessen, starren wir weiterhin regungslos durch die „größten Teleskope“ und berechnen unseren Kurs ins Ungewisse seit Jahren und Jahrzehnten ständig neu. Wissentlich, willentlich und dabei doch unfähig, endlich zu handeln. Das Ziel dicht vor Augen und trotzdem so ziellos, wie selten zuvor. Gierig, wie die Menschheit nunmal ist, sind die „alten Biotope“ schon längst ausgeschöpft... Ist es zu spät? „Immer lockt die Weite, locken Ferne und das Neue. Irgendwas dort draußen, was kein Mensch zuvor je sah.“. In der Dunkelheit fast erblindet, bereiten wir die finale Raumfahrt vor, um aus unserem Kosmos auszubrechen. Kann es noch gelingen? Musikalisch gar mitreißend instrumentiert, verkündet der Chorus prophetisch, was wir schon lange zu wissen glaubten. Wir entfernen uns allmählich immer weiter vom Licht und die „Schatten Eilen Uns Voraus“. Rasend schnell. Es liegt nun ganz an uns, sie endlich einzuholen... „Ist der Herzschlag nicht doch ein Ticken? Stark verlangsamt, doch klar zu erkennen. Lässt die Zukunft sich wohl kurz erblicken, wenn die Augen beim Öffnen auch brennen?“... „Abyssus 3“ fungiert durch die losen und dadurch nicht weniger verwirrenden Erinnerungsfragmente eines Fremden, als eine Art hypnotisches Intro zu den beiden sich nahtlos anschließenden Stücken. Abgründig dumpf hallende Sounds und ein beunruhigend liebliches Klangspiel mit einer sich unheilvoll windenden Melodie, haschen klanglich als narratives Bindeglied nach den horroresken Vibes der Achtzigerjahre. Schnell macht sich eine intime Klaustrophobie breit, die jetzt immer tiefer in das Innenleben des lyrischen Ichs vordringt, bis dann unerwartet breite Saitenwände der rasend schnell aufholenden Gitarren in einem lässig groovenden Riff resultieren, über welches sich der mahnenden Text legt: „Im Traum im Traum im Traum im Traum im Traum schlägt irgendjemand seine Augen auf. Ein Raum im Raum im Raum im Raum im Raum. Der Schalenschichten trägst du doch zuhauf!“, leitet sogleich „Abyssus 4“ ein, dessen zersplittere Träume uns jetzt immer weiter in die Welt des Protagonisten leiten. Ist es seine Eigene oder doch nur ein Traum? Oder wird seine Geschichte vielleicht sogar von jemand Anderem geschrieben?Fragen über Fragen stapeln sich im mitreißenden Chorus, der hier all die Zerrissenheit und den steten Kampf mit sich selbst unterstreicht. „Wage es, im Traum zu schauen. Abyssus! Ertrage es, denn es muss sein. Abyssus! Wehr’ dich nicht, du wirst ihn bauen. Abyssus! Es klärt sich nicht von ganz allein. Abyssus!“. Nur wenig später nimmt das Tempo gehörig an Fahrt auf und wirbelt alle Fragen, doch dabei niemals eine konkrete Antwort um uns herum. „Schlage ihn aus Felsenklippen! Fragen fliehen vor dir im Sturm. Worte klaut er von den Lippen. Dort gebaut steht bald, steht bald...“. Noch bevor wir eine der zahllosen Möglichkeiten erfassen können, wird der Satz jäh unterbrochen, ja, angeschnitten. Die Worte scheinen regelrecht vor uns zu fliehen... Weit entferntes Rauschen nächtlichen Wellengangs verschafft einen kurzen Moment der Stille, bis bedrohliche Elektronik und kühle Gitarren uns sodann ungefragt im Sechsachteltakt weiter in den Abgrund zerren: „Abyssus 5“. „Sieh es ihm nach, so wie er dir! Wer rief zuerst? Wer hat das ältere Recht? Sag mir, wer birgt das tiefere Schwarz in seinem Kern? Was du erfährst, wird weder gut sein noch schlecht. Sag mir, wer birgt das tiefere Schwarz in seinem Kern?“. Eine gnadenlos walzende Metal-Front schleudert uns erbarmungslos durch alle Ebenen im Kampf um Alles oder Nichts, die abschließend im instrumentalen Muster des dritten Parts ausläuft, der überraschend mit elektronisch getriebenen Beats angereichert wird. „Hier unten merkt man nichts von dem, was dort das Meer aufwühlt. Und wütet es noch so extrem, hier bleibt es ungefühlt.

Nichts bleibt nunmehr von alledem.“.

 

Ein erwartungsvoll knisterndes, hochexplosives Konzentrat aus atmosphärisch unglaublich dichten Synthie-Flächen erstreckt sich über uns, unmittelbar von einem energetisch brodelnden Riff gestützt, welches sich schon sehr bald mit all seiner zwingenden Dringlichkeit und geschärften Härte verstärkt, um nur weniger später darauf als unbezwingbar powernder Up-Tempo-Gigant in hymnischer Erhabenheit fulminant gen Himmel zu schießen. „Schalentier, wie steht es um deinen Kern? Unter dir erstreckt sich ein schwarzes All aus Flüssigkeit. Der Tag ist nun nicht mehr fern: Es wird Zeit für den universalen Knall!“, wiegeln die ersten Textzeilen das lyrische Ich zum bevorstehenden Wandel auf. Dieses Mal endgültig? Dieses Mal für immer? Überraschenderweise wurde der Titeltrack des aktuellen Albums ungewöhnlich spät und somit fast ans Ende der Reise gesetzt. Natürlich nicht zufällig, denn das Kernstück übernimmt die Rolle der ausschlaggebenden Initialzündung, die mit ihren motivierenden Worten wahre Aufbruchstimmung im Inneren schürt, um dann schließlich in geballtem Mut zu implodieren. „Wir kommen und wir gehen allein, das Zwischendrin zählt ganz zum Schluss... Kosmonautilus!“, heißt es und es wird klar, dass es von jetzt an nur noch zu den Sternen und von dort aus hoffentlich nie wieder zurück gehen kann. „Warst du nicht zu lange blind? Kosmonautilus! Spürst du nicht, wie es beginnt? Kosmonautilus! Was du tief in dir verbirgst, kommt frei, wenn du den Zauber wirkst. Es existiert im Überfluss. Kosmonautilus!“. Zu lange in viel zu enge Schubladen und die kleinsten Ecken verdrängt. Zu lange von so vielen Regeln, Konventionen und Zwängen kleingehalten. Zu lange taub, stumm und blind. Zu lange zu tief in sich selbst versunken. Setz all deine Energien, einem brutalen Befreiungsschlag gleich, frei und erhebe dich in neue Höhen, neue Sphären. „Es ist Zeit für den universalen Knall!“... Es ist endlich an der Zeit, sich von den viel zu schweren Fesseln zu lösen. Frei zu sein. Nicht mehr länger fremd zu sein. Ganz bei sich und man selbst zu sein. Du musst es nur wollen: „Aus deinem Kann, wird endlich Muss.“... Immer schneller, immer höher, immer weiter durch die Dunkelheit und Wassermassen. „Aus der Tiefe“ schießen wir empor und durchbrechen die schäumende Gischt. Ohnmacht... Hohe Wellen bauen sich mit gehörig viel Schwung beständig auf, schlagen rhythmisch an Land und fallen ganz plötzlich wieder in sich zusammen, bevor sie für einen kurzen Sekundenbruchteil feinen, weißen Sand züngeln, nur um dann wieder zu ihrem Ursprung zurückzufließen. Sie sind so nahe, doch erreichen uns nicht. Grell leuchtende, heiß güldene Sonnenstrahlen spiegeln sich im Meer, reflektieren glitzernd, tänzeln beseelt umher und erwecken uns schließlich zum schamanisch-rituellen Klang aus mächtigen, gar beunruhigend dröhnenden Trommeln aus einem scheinbar endlos langen Schlaf. Wir öffnen langsam unsere Augen. „Augenaufschlag“. Wo sind wir? Am Ufer oder vielleicht sogar am Ziel unserer Reise? Die Wellen haben uns ausgespien, das Meer gibt uns frei... Erlösung oder doch eher Verhängnis? Fast sind wir mit jenem Lebensraum, der uns so lange auf unserer Reise begleitet hat, eins geworden. Haben uns fast in Sicherheit gewähnt und dort doch niemals zuhause gefühlt. Wird uns die Flut zurück in die See spülen, bevor nichts als Knochen noch von unserer Existenz künden? „Bones“... Wir können nur dafür beten, dass es so kommt. Eisige Böen ziehen aggressiv peitschend vorbei, uns fröstelt. Die Lippen und Augen wie ausgetrocknet. Der Körper dehydriert, kraftlos in diesem neuen „Biotopia“. Wir wollen hören, doch sind taub. Wir wollen schreien, doch bleiben stumm. Die zitternde Hand vor Augen, versuchen wir, unser Gesicht zu schützen. Einen klaren Gedanken zu fassen. Es gibt kein Entkommen... Wieder einmal. Wo sind wir? Ein Fremder auf unbekanntem Land. Plötzlich trägt der Wind unbekannte Stimmen an unser Gehör... Ein mehrstimmiger (Ab-)Gesang, wie ein unheilvoller Gospelchor böser Erscheinungen, verheißt das Ende. Unser Ende? Während verquer aufheulende Gitarren grooven und uns ruhelos umgeben, wird ihr Votum immer lauter. Eindringlicher. Fordernder. Von ihnen verschreckt und merkwürdig angezogen zugleich, kämpfen wir wie in Trance gegen den sicheren Tod, zwingen uns zum Aufstehen. Es hilft nichts... Der Tiefe entstiegen, gibt es jetzt kein Zurück mehr. Nur ein nach vorn. Einen Neuanfang. Die müden Glieder schon so oft gebrochen, kriechen wir durch den Sand. Ein kraftvoll drückendes Schlagzeug, giftig stechende Industrial-Spitzen und harte Saitenwände durchströmen die Witterung und brauen sich beängstigend zu einem alles vernichtenden Gewitter zusammen. Die gierigen Geier kreisen längst schon über uns im kargen Terrain. Hier ist es ausgestorben, neblig, kalt. Scharfes Gestein schürft die dünne Haut auf, als wir ziellos durch das Nichts robben und verwirrt um uns blicken. Langsam scheint sich der trübe Dunst zu lichten und allmählich einen vorsichtigen Blick zu gewähren. In der weiten Ferne glauben wir auf einmal etwas erkennen zu können... Ein gigantisch hohes, kryptisch anmutendes und irgendwie sonderbar einschüchterndes Bauwerk, auf den zersplitterten Felsen einer weiten Klippe stehend. Außer uns ist niemand dort und dennoch säuselt plötzlich ganz nahe eine flüsternde Stimme in unser Ohr: „Es ist nicht zu spät!“. Wir versteinern, stehen unter Schock. Unsere Pupillen weiten sich, beständig wachsende Panik steigt in uns auf und manifestiert sich bald zu blanker, nackter Angst. Das Herz rast und will uns aus der Brust springen, als wir endlich begreifen, was da vor uns liegt... „Willkommen zurück im dunklen Turm!“.

 

Tracklist:

 

01. Rückfall

 

02. Morgengrauen Irgendwo (U-0609 LOG 19170526)

 

03. Phragmokontrolle (Spiralternativ: FremdkörPerson, drittens)

 

04. Abyssus 2 (Musik)

 

05. Tritons Fall

 

06. Eishimmel

 

07. Liebes Licht (Falsche-Leuchtfeuer-Triptychon, rechts)

 

08. Tintakel

 

09. Schatten Eilen Uns Voraus (Nautiluskosmos)

 

10. Abyssus 3

 

11. Abyssus 4

 

12. Abyssus 5

 

13. Kosmonautilus

 

14. Bones

 

Fazit:

 

Zurück zum Start, zurück zum Start, zurück zum Start... Glücklicherweise anders, als das lyrische Ich, dürfen die Fans nun endlich wieder ganz beruhigt aufatmen, denn auch in den fremdesten Untiefen ist alles ganz so, wie es immer schon war: Die legendären Gothic-Novel-Heroen von „ASP“, um Mastermind und Sänger Alexander Frank Spreng, gönnen sich selbst nach wie vor schlicht keinerlei Pause! Erst kürzlich hat das nimmermüde Szene-Urgestein zwar noch die durch reges Crowdfunding realisierte DVD „Zaubererbruder - Der Krabat-Liederzyklus - Live & Extended“ realisiert und eine fünf Termine umfassende Tournee mit beeindruckend langer Setlist zum zwanzigjährigen Bestehen absolviert, doch an eine längere Rast scheint das engagierte Quintett gar nicht erst zu denken. Stattdessen erwuchs der große Wunsch, sich und vor allem seiner Anhängerschaft ein ganz besonderes Geschenk zum Jubiläum machen zu wollen: Anstelle einer gängigen Best-Of-Werkschau, Raritäten, Remixen oder sonstigen Compilations, erscheint bereits rund zwei Jahre nach dem letzten Studioalbum „zutiefst“ die mit viel Spannung erwartete Fortsetzung, die nahtlos an das Geschehen seines Vorgängers anknüpft und zugleich auch das vorletzte Puzzleteil des aktuellen „Fremder“-Zyklus darstellen wird. Selbsterklärend, dass es ein weiteres Mal viel zu erzählen, hinterfragen und aufzulösen gibt. Zu diesem Anlass nimmt der talentierte Querdenker den Hörer einmal mehr mit auf eine tiefenpsychologische Reise ins Innerste des Protagonisten vor dem abermals mit ungemein ambitionierten und höchstgewagten Wortmalereien erschaffenen Hintergrund der schier unbezwingbaren Tiefsee. Hier unten, in seinem temporären Biotopia, erzählt Spreng erneut fantastische und unheimliche, aber immer mindestens genauso sehr bewegende Geschichten von blutrünstigen Monstern, ruhelosen Geistern, unerforschten Meerestieren, gnadenlosen Naturgewalten und inneren Dämonen, ohne dabei den essenziellen Faden aus den Augen zu verlieren. Nein, viel mehr bereichern die zahllosen, spannenden Nebenschauplätze den narrativen Kosmos in all ihrer dichten Verbundenheit zum Schauplatz und lassen jenen fortan nahezu lebendig und organisch vor dem Inneren Auge des aufmerksamen Hörers auferstehen. Generell erweisen sich die gewohnt komplex ausgearbeiteten Texte, das  eigentliche Herzstück jeder neuen Veröffentlichung, wieder einmal als absoluter Höhepunkt mit einem enorm durchdachten und hohen Identifikationsfaktor, der nicht nur innerhalb der schwarzen Szene-Kultur seinesgleichen suchen wird. Ein wahres Vergnügungen für alle eingeschworenen Anhänger dürfte zudem der nicht gerade unerhebliche Fakt sein, dass hier neben der entsprechenden Hauptthematik auch auf allerhand Querverweise, Vorgeschichten oder Fortsetzungen bereits begonnener Stränge zurückgegriffen wird, welche jene weiterhin geschickt aufbereiten und deren zuvor noch lose Fäden nun langsam zu einem großen, schlüssigen Gesamtbild zusammenlaufen lassen. Zugegeben, das alles kann für unerfahrene Neueinsteiger und damit ohne das oftmals zweifelsfrei notwendige Hintergrundwissen nicht selten nur schwer nachvollziehbar und vielleicht sogar einschüchternd oder erdrückend wirken, fördert parallel dazu jedoch auch die deutlich intensivere Auseinandersetzung mit den thematischen Bezügen und so nicht zuletzt auch mit sich selbst. Im Gegenzug dazu setzen „ASP“ in musikalischer Hinsicht weitestgehend auf bekannte und bewährte Prinzipien, lassen sich aber dennoch die Freiheit, ihren markanten Sound detailverliebt und sorgsam um kleine Nuancen und verspielte Experimente bereichernd auszubauen, sodass dieser nicht nur angenehm vertraut, sondern auch stets interessant und frisch daherkommt. Mehr noch: Viele der neue Stücke präsentieren sic entgegen ihres inhaltlichen Schwergewichts sogar so dermaßen zugänglich und eingängig, wie in den letzten Jahren selten zuvor! Die jeweiligen Arrangements muten größtenteils weniger sperrig an, anstelle dessen wurden atmosphärische Elektronik und einprägsame Gitarrenriffs gemeinsam zu herausragenden Melodien und denkwürdige Refrains destilliert, welche auf lange Sicht zu echten Hymnen und zukünftigen Klassikern avancieren dürften. Das jederzeit abwechslungsreiche Klanggewand aus reinrassigem Rock, doomigen Metal-Passagen und melancholischen Folk-Anleihen erweist sich zweifellos als logische Weiterführung des „Fremder“-Zyklus, dessen bisher verwendete Trademarks auch hier wieder ihre berechtigte Verwendung finden und der Grundstimmung der zweiten Ära, vor allem aber der des Vorgängers „zutiefst“, treu bleiben. Das bedeutet einerseits, dass der nahtlose (Wieder-)Einstieg garantiert ist, andererseits aber auch, dass allzu große Neuerungen leider ausbleiben und sich so mancher Kunstgriff für Eingeweihte als zu vorhersehbar gestaltet... Wenngleich das abschließende Resümee nur wenige Leser wirklich überraschen dürfte: „ASP“ bleiben glücklicherweise ein „Fremd“-Körper in der deutschen Musikindustrie, der unnachgiebige Fels in der (schwarzen) Brandung, der über all die Jahre nichts von seiner puren Intensität eingebüßt hat und dem gewillten Rezipienten ein auditives, heimisch verwinkeltes Gesamtkunstwerk-Panzerhaus für Herz und Seele bietet, wenn der verfluchte Leidensweg und Hochgenuss im eigenen, kleinen Phragmokon einmal wieder im steten Ungleichgewicht stehen. 


Informationen:


https://www.aspswelten.de

https://www.facebook.com/AspsWelten

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