top of page
  • Facebook - White Circle
  • Instagram - White Circle
  • YouTube - White Circle

NEUESTE
BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Rammstein - Zeit (2022)


Genre: Metal / Alternative Release: 29.04.2022


Anzahl Ton- und Bildträger: 1


Label: Rammstein (Universal Music)


Spielzeit: 44 Minuten


Pressetext:

Es gab vereinzelte Gerüchte, nun ist es offiziell: Am 29. April 2022 erscheint das neue Rammstein-Album „Zeit". Der achte Longplayer der Berliner Musiker folgt auf das unbetitelte Nummer-Eins-Werk, mit dem die Band 2019, nach der längsten Album-Pause ihrer bisherigen Karriere, auf Anhieb 14 Spitzenpositionen der internationalen Charts erreichte.


Zwei Jahre haben Till Lindemann (Gesang), Paul Landers (Gitarre), Richard Z. Kruspe (Gitarre), Flake (Keyboard), Oliver Riedel (Bass) und Christoph Schneider (Schlagzeug) an den elf Songs des neuen Albums gearbeitet. Zur Seite stand ihnen erneut der Berliner Produzent Olsen Involtini. Aufgenommen wurde „Zeit" in den La-Fabrique-Studios in St. Rémy de Provence, Frankreich.


Rammstein-Fans können sich auf zahlreiche Ausgaben des neuen Albums freuen – „Zeit“ erscheint als Standard-CD im Digipack mit 20-seitigem Booklet sowie als Special Edition CD im 6-Panel Digipack mit 56-seitigem Booklet samt Schuber und als 2LP in 180g Black Vinyl mit 20-seitigem Booklet im Großformat.


Kritik: "Hand in Hand, nie mehr allein


Hand in Hand, kein Blick zurück


Komm, wir schließen unsere Reihen


Marschieren im Gleichschritt gegen Glück"

Keine Atempause… Geschichte wird gemacht… Es geht voran! Schon ab der ersten Sekunde heulen urplötzlich stark verzerrte, retroeske Synthesizer alarmierend schrill auf, um die rund dreijährige Stille der erzwungenen Schaffenspause mit einem gar gewaltigen Befreiungsschlag jäh niederzureißen. Schleichend formatieren sie sich unter dem latenten Einwirken dramatischer Choräle zu einer geballten, elektronisch flimmernden Einheit, die sich daraufhin in einem fortwährenden Loop auf den angespannt pulsierenden Rhythmus schwingen. Immerzu bereit, freudlos (an)getrieben, wie mechanisch und zugleich doch so ungemein euphorisch wie niemals zuvor, in die tiefsten Abgründe der ureigenen Melancholie zu marschieren… Eine Reise ohne Wiederkehr! Auf das den endgültigen Startschuss markierende Anzählen durch die schwer taktierenden Hiebe des übermächtigen und zudem sehr präsent eingesetzten Schlagzeugs, ertönt nun die seit jeher so charakterstarke, gar unvergleichliche Stimme von Sänger Till Lindemann: „Bist du traurig, so wie ich!?“, fragt er mit seinem markanten Organ verschwörerisch raunend und eindringlich musternd. Auch wenn hinter der betont verständnisvollen Intonation jener einleitenden Worte zunächst oberflächlich Besorgnis oder gar Mitgefühl zu vermuten stünde, so muten diese bei näherer Betrachtung doch irgendwie sonderbar bedrohlich oder schlichtweg gestellt und heuchlerisch an. Ganz so, als gäbe es hier einen doppelten Boden oder falsches Spiel, fernab von einer bloßen Erkundigung nach dem eigenen Gemütszustand. „Dir laufen Tränen vom Gesicht…“, stellt er während der grellen, zwischengelagerten Synthie-Salven unmittelbar fest, reicht dem Hörer die Hand und lädt so zum Beitritt in eine geheimnisvolle, nicht näher definierte Gemeinschaft ein: „Komm zu uns und reih‘ dich ein. Wir wollen zusammen traurig sein!“. Dieses ungute Gefühl bleibt, doch noch bevor man genauer über den gerade eben unterbreiteten Vorschlag nachdenken kann, fordern uns laute und sich immer wiederholende Schlachtrufe aggressiv „Komm mit!“ auf, während sich melodische Keyboard-Flächen säuselnd um alle Zweifel ranken und die harschen Riffs der beiden stoisch aufbrandenden E-Gitarren dem schnell zum unerbittlichen Appell gewachsenen Angebot den notwendigen Nachdruck verleihen. „Warum stehst du noch am Rande? Reih’ dich ein in unsre Bande. Wenn wir dann im Trist marschieren, gar nichts, nichts kann dir passieren!“, konkretisiert er dann ohne auch nur kurz abzulassen weiterhin, bis es in der nochmals energetischer arrangierten Bridge heißt: „Hand in Hand, nie mehr allein. Hand in Hand, kein Blick zurück. Komm, wir schließen unsere Reihen. Marschieren im Gleichschritt gegen Glück!“, sodass jeder versuchte Widerstand zwecklos erscheint und gleich im Keim erstickt wird: „Reih dich ein und komm mit im Gleichschritt!“. Deutlich inspiriert von „Die Armee Der Traurigen Menschen“, einem Kurztext aus dem im Jahr 2020 erschienenen Lyrikband „100 Gedichte“ von Till Lindemann, bewegen sich „Rammstein“ einmal mehr ganz nah am Puls des aktuellen Zeitgeschehens und kreieren einen feierlich-skurrilen Trauerflor der Hoffnungslosigkeit, wenn Lindemann seine Rezipienten mit der schieren Intensität eines erschreckend charismatischen Sektenführers zur blinden Gleichschaltung und einem kollektiven (Un-)Bewusstsein ohne jedes Hinterfragen lädt. Die geistige Ohnmacht als hoher Preis für den scheinbaren Zusammenhalt in den tröstenden Armen vieler Gleichgesinnter. Nie mehr allein und für immer frei von allen Zweifeln, Angst und den quälenden Schmerzen aller äußeren Einflüssen, jedoch auch von kritischem Denken, subjektiver Wahrnehmung und den eigenmächtigen Handlungen eines selbstbestimmten Lebens. Es ist die verzweifelte Suche nach einem Leitbild… Oder doch eher Leidbild? Finde es heraus und reih‘ dich endlich ein in die „Armee Der Tristen“! Stille. So unendlich viel Stille. Und dann: Ein beruhigendes, ja, fast schon meditatives Rauschen, welches innerlich die frische Brise sanften Wellengangs simulieren oder ebenso gut behutsam durch die Blätter majestätischer Baumkronen auf weiten Feldern wehen könnte. Dazu fließen hauchzarte, fragile Piano-Tupfer und das berührende Wehklagen einer mystisch wispernden Stimme ein, die es innerhalb nur weniger Sekunden allein durch die Wirkung ihres reduzierten Klangs so beeindruckend wie gleichsam intensiv vollbringen, ein wunderbar harmonisches und idyllisches, doch zugleich auch außerordentlich bedrückendes Bild vor dem inneren Auge zu zeichnen, das schnell einen schmerzenden Klos im Hals hinterlässt. So entsteht überraschenderweise ein durch und durch andächtiges, losgelöst entschleunigendes Arrangement, welches einen direkt dazu veranlasst, innezuhalten und tief in sich hineinzuhorchen. „Manches sollte, manches nicht. Wir sehen, doch sind wir blind. Wir werfen Schatten ohne Licht. Nach uns wird es vorher geben, aus der Jugend wird schon Not. Wir sterben weiter, bis wir leben. Sterben lebend in den Tod…“, findet Lindemann gewohnt pointierte Worte für den unaufhaltsamen Zyklus von Leben, Vergänglichkeit und Tod. „Dem Ende treiben wir entgegen. Keine Rast, nur vorwärtsstreben. Am Ufer winkt Unendlichkeit, gefangen so im Fluss der Zeit…“, heißt es dann weiter, stets von kleinen Details, wie beispielsweise elektronischen Mikro-Fragmenten angereichert, bis dann schließlich der behutsam instrumentierte Refrain einen wirklich magischen Moment zwischen Resignation und Hoffnung, Trauer und Freude, Vergangenheit und Zukunft, vor allem aber dem Hier und Jetzt erschafft: „Zeit! Bitte bleib steh'n, bleib steh'n. Zeit! Das soll immer so weitergeh'n…“, singt Lindemann. Unterdessen steigt der musikalische Druck dezent, doch zunehmend an, nimmt letztlich aber erst in der Überleitung zur zweiten Strophe vollends an Fahrt auf, wenn der unentwegt pochende Bass regiert und die Gitarren groovend aufblitzen. „Ich liege hier in deinen Armen. Ach, könnt’ es doch für immer sein. Doch die Zeit kennt kein Erbarmen, schon ist der Moment vorbei…“. Nur noch ein kurzes Innehalten, dann kicken mit einem Mal das druckvolle Drumming und metallisch reißende Riffs wie losgelöst dazwischen und zelebrieren so den gerade erst verklungenen Chorus nochmals in erstarkter Vehemenz, untermauert von einer sphärisch beflügelten Frauenstimme. Das brachial schreddernde Gitarren-Solo peitscht die Dramaturgie mit tosender Energie auf eine gänzlich neue Ebene, bis ruhiges Vogelzwitschern als atmosphärischer Ruhepol schnell einen einschneidenden Kontrast setzt und so das gelungene Fundament für die textliche Brücke zum großartigen Finale legt, welches mit einem laut dröhnenden Widerhall, der dann, einem ewigen Kreislauf ähnelnd, allmählich in die ursprüngliche Eingangsposition zurückgleitet, langsam ausklingt. „Wenn unsere Zeit gekommen ist, dann ist es Zeit zu gehen. Aufhören, wenn's am schönsten ist, die Uhren bleiben stehen. So perfekt ist der Moment, doch weiter läuft die Zeit. Augenblick verweile doch, ich bin noch nicht bereit!“… Die „Zeit“, ein seit dem Anbeginn von allem weltlich Existierenden so natürlicher wie gleichsam erbarmungslos voranschreitender Prozess, welcher als einer der wenigen Faktoren unter keinerlei von Menschen gemachtem Einfluss steht, sondern gar selbst der höchste aller irdischen Einflüsse ist. Einer, der die eigene Existenz vor jenem Hintergrund zunehmend unbedeutend und winzig klein erscheinen lässt. Nur ein einzelnes Korn in der riesigen Sanduhr des Lebens, dessen verbleibende Jahre bereits nach der Geburt gezählt sind und fortan mit jedem Tag, jeder Stunde, jeder Minute und jeder Sekunde unaufhaltsam immer weiter gen Grund prasseln. Mit diesem, zugegeben, zuerst etwas untypischen Stück, gelingt den legendären Berlinern fraglos eine unglaublich authentische, da für alle Hörer menschlich nachvollziehbare Power-Ballade der absoluten Extraklasse. So zeigt sich der Titeltrack als ein am eigenen Wandel gereiftes und somit ganz besonders realistisch greifbares Lied, vielleicht sogar das erwachsenste der bisherigen Karriere. Dazu passt das vielschichtige, komplexe Arrangement mit seinen vielen unerwarteten Umbrüchen in Stimmung und Tempo. Ganz ohne pechschwarze Ironie, beißenden Sarkasmus oder lyrischen, doppelten Boden. Ungeschönt und rein. Ehrlich, emotional und aufrichtig, aber vor allem verletzlich. Wieder ist es das Klavier, das mit seiner sehnsüchtigen Melodie den introvertiert inszenierten Auftakt liefert und zugleich viel atmosphärische Dunkelheit verströmt, die sich hier jedoch nicht wie so oft in ihrer unberechenbaren Bedrohlichkeit präsentiert, sondern eine wohlige, niemals wertende und schützende Zuflucht vor dem Tageslicht und all seinen übergeordneten, bevormundenden Zwängen verspricht. Längst liegt nicht nur Gefahr in den oftmals unergründlichen Schatten, nein, insbesondere auch Schönheit. Wenn sich die laute Welt zur Ruhe bettet, gesteht uns die Nacht ausreichend Platz für die ungestellte Reflexion unserer Gedanken, Träume und Fantasien, aber auch die Gegenüberstellung mit unseren inneren Dämonen zu, die sonst keinen Raum finden. Frei von Scham oder Gewissensbissen schulden wir hier niemandem mehr eine Erklärung. Wir sind ganz allein für und mit uns. So ist jener Ausbruch von den gestrengen Konventionen mindestens so wichtig, wie der Wille, sich nicht in der Freiheit auf Zeit zu verlieren. Ein schmaler Grad. „Geh’ ich vor der Nacht zur Ruh, deck’ ich mich mit Schwermut zu. Die helle Welt will mir nicht glücken, muss mich mit Finsternis verzücken. Es ist die totenschwangere Nacht, die uns verzückt zu Sündern macht. Gebote, die wir übergehen, kann im Dunkeln niemand sehen.“, singt Lindemann mit ruhiger Stimme, stets auf eine ausdrucksstarke Betonung der entsprechenden Zeilen voll anmutiger Eleganz konzentriert, während er derweil einzig vom rhythmischen Schlagzeug und zurückhaltend grundierenden Keyboard begleitet wird. Abermals liegt eine geheimnisvolle, wundervoll mystische Melancholie in der nächtlichen Luft, die in all ihrer samtigen Sinnlichkeit schnell zu vereinnahmen weiß. „Die Nacht ist wunderschön, ich will nicht schlafen gehen!“, bekennt er, derweil kurz von verschrobenen Einschüben der Synthies und einem hallenden Echo seiner selbst durchbrochen. „Denn immer, wenn ich einsam bin, zieht es mich zum Dunkel hin. Der Sonnentod ist mir Vergnügen! Immer, wenn es dunkel wird, die Seele sich in Lust verirrt. Die kalte Nacht ist mir Vergnügen, trink das Schwarz in tiefen Zügen!“, lautet es danach im von tief tönenden Hörnern und zarten, femininen Vocal-Samples durchzogenen Refrain, der in seiner ausladenden Weise sehr erhaben daherkommt. Aufgrund der exakt gleichen Wortwahl erinnert jener langjährige Fans natürlich frappierend an „Hilf Mir!“ vom 2005er Album „Rosenrot“, was zunächst zwar etwas störend in den Ohren wirken kann, sich nach wenigen Durchläufen aber durchaus wieder gibt. Das wundervoll melodische, schwelgerische Keyboard-Solo, das nahtlos auf den zweiten Hauptteil folgt und sogar ein kurzes Intermezzo mit sinnlichen Streichern bietet, ehe es durch laute Glockenschläge und das verwegene Saitenwerk in westernähnlicher Sundowner-Ästhetik kurz an das legendäre Intro des „AC/DC“-Hits „Hells Bells“ gemahnt, markiert den heimlichen Höhepunkt. „Schwarz“ ist eine leidenschaftliche Ode an die Nacht mit einer nicht zu verkennenden Gothic-Grundnote, welche insbesondere durch die hier angewandte Bildsprache und die passende, abwechslungsreiche Instrumentierung mit leichtem Pop-Appeal schnell zu gefallen weiß! Wer die typische „Rammstein“-Härte nach diesem doch eher ungewöhnlichen Auftakt bisher vermisst hat, dürfte im Folgenden jedoch wieder seine helle Freude haben: Fiese Keyboard-Sounds stechen, wie der später hier besungene Stachel, mit makaberer Verspieltheit in die Gehörgänge und vereinen sich dann mit exotischen, fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Gesängen, die etwas an den Ruf eines Muezzin, vor allem aber den unverkennbaren Auftakt von „Sehnsucht“ vom gleichnamigen Album erinnern. Aber nicht nur musikalisch, nein, auch inhaltlich bewegt man sich mit dieser kleinen Reminiszenz an das ikonische Zweitwerk aus den Neunzigerjahren erstaunlich dicht in ganz ähnlichen Gefilden. Während kräftig drückende Drums und unbarmherzig reißende Riffs im erhöhten Tempo den harschen Ton angeben, tänzelt das listige Keyboard so behände dazwischen umher, wie auf Messers Schneide, und scheint das lyrische Ich geradezu zu verhöhnen. Später besticht neben dem bedrohlichen Refrain vor allem der elektrisierende Solo-Part samt satt drückender Bässe. „Giftig“ bedient sich getreu seiner eindeutigen Betitelung vordergründig der Bildsprache aus dem Tierreich und thematisiert so das gestörte Verhältnis zweier Personen in einer zerstörerischen, toxischen, eben giftigen, Beziehung zueinander. Wie schon so manches Mal in der Vergangenheit, assoziiert Lindemann das andere Geschlecht hier mit gefährlichen Raubtieren, die auf der Pirsch „rastlos durch ihre Reviere streifen“ und sich dabei stets gut zu tarnen wissen. Benennt die lauernde und immer lockende, süße Gefahr als „schön, doch unberechenbar“. Es ist der Reiz des Verbotenen, das bewusste Spiel mit dem Feuer. So spielt er hier bewusst mit dem umgekehrten Jagdprinzip, wenn sich das bald schon wehrlose Opfer von seinen Urtrieben geleitet in den Bann ziehen lässt und sich die scheinbare Beute daraufhin als eigentlicher Jäger entpuppt, als längst zu spät klar wird: „Ein Gegenmittel gibt es nicht!“… Schneller - Höher - Weiter!? Nein: „Schöner! Größer! Härter! Straffer! Glatter! Stärker!“, lautet das zum sonderbar leiernden, elektrisch-symphonischen Intro inbrünstig gebrüllte Motto für den nächsten Song. Das als zweite Single mitsamt eigenem Magazin im „Bravo“-Verschnitt vorgestellte „Zick Zack“, ist eine herrlich bissige und zynische Persiflage auf den krankhaften Schönheits- und Selbstoptimierungswahn innerhalb des (anti-)sozialen Drucks der heutigen Gesellschaft, in der es zugunsten von noch mehr Aufmerksamkeit, Beliebtheit, Reichweite, Anerkennung und Ruhm zu teils zweifelhaften Methoden zu greifen gilt. Das stete Streben nach dem ultimativen Ideal. Nie genug. Nie zu viel. Wenn die eigene Zeit davonzulaufen scheint und man ihr doch nicht entkommen kann, scheint jedes Mittel recht, um zumindest die bröckelnde Fassade etwas länger aufrechtzuerhalten, auch wenn das eigene Ich dadurch mehr und mehr verschwindet. Schöne neue Welt. Schöner Schein. Falsches Sein. Die im Mid-Tempo angesiedelte Nummer setzt auf gestreng treibendes Drumming, die kernigen Riffs zwischen den ironischen Synthie-Pop-Sounds erinnern in Rhythmik und Machart derweil an eine Mixtur aus „Links 234“ und „Los“, was zusammengenommen mit den amüsanten Zeilen mit ihren beispielhaften Beschreibungen diverser Eingriffe in den jeweiligen Problemzonen à la „Botox rein bis ins Gehirn“ oder „Der Penis sieht jetzt wieder Sonne“ nur so vor pechschwarzem Humor strotzen und einen wunderbar dreckigen Drive innehat. Ein klassischer, grundsolider NDH-Banger, der durch seine gefällige Art schnell zum Mitsingen animiert und dem man höchstens den mangelnden Mut zu Neuem zur Last legen kann. Hatte man sich beim nächsten Stück zunächst noch über dessen ungewöhnlich simplen, nichtssagenden Titel gewundert und sich vielleicht gefragt, was inhaltlich wohl dahinterstecken möge, so wird man gleich zu Beginn durch den schiefen, sakralen Chor bestens aufgeklärt: Die Abkürzung steht nämlich für „Ohne Kondom“, was natürlich gleich ein Schmunzeln entlocken dürfte. „OK“ ist der erklärte Trash-Song des Albums und hätte in seiner humorigen Ausrichtung auch genauso gut auf dem letzten Release des „Lindemann“-Solo-Projekts Platz finden können. Entgegen des sehr melancholischen und ernsten Grundtenors der ersten Lieder, brechen „Rammstein“ in der Tracklist jetzt erstmals vollends mit dieser Stimmung und lockern stattdessen mit spitzbübischer Albernheit auf. Auf blubbernde Synthies folgen ein treibendes Schlagzeug und raue Gitarren, die einen gewissen, lässigen Groove nicht verleugnen können, der sich danach auch in den Strophen immer wieder durch kleine, zwischengelagerte Experiment-Eskapaden offenbart. In jenen bedient sich Lindemann hauptsächlich Doppeldeutigkeiten mit vulgärem Unterton, wenn er etwa „In deiner Haut will ich gern stecken“ auf „Was sich liebt, das darf sich lecken“ reimt oder bekannte Sprichworte („Man steckt nicht drin…“) getreu dem Motto „Stumpf ist Trumpf“ gerissen umfunktioniert. Wenn dazwischen immer wieder verzerrt bespielte Saiten oder das verquere Keyboard scheinbar wild geworden völlig freidrehen, sorgt das schon für ein gewisses Maß an Abwechslung, was man hingegen vom Refrain nicht gerade behaupten kann, der leider recht unkreativ nur aus der mehrmaligen, gesanglich differenziert nuancierten Wiederholung des entsprechenden Titels mit leichten Synthie-Zwischenspielen besteht. Gegen Ende vermischen sich brodelnde Stakkato-Riffs in dröhnend walzender Metal-Attitüde mit viel Chor-Einsatz beim melodischem Gipfeltreffen, bevor plötzlich unvermittelt Schluss ist. Rein stilistisch und stimmungstechnisch erinnert der Song somit ein wenig an „Sex“ vom unbetitelten Vorgänger, wenn die postpubertär dargebotene, anrüchige Thematik und eine gewisse Härte auf allerlei verspielte Elemente, viel Wortwitz und ein großes Augenzwinkern treffen. Durchaus kurzweilig und launig, aber im direkten Vergleich der wahrscheinlich schwächste Track auf „Zeit“. Dass nicht nur harte Klänge allein ein Indiz für höchst kontroverse, diffizile Inhalte sind, sondern auch die leisen Töne durchaus thematisch schwere Kost zu ummanteln wissen, zeigte die berüchtigte Berliner Band in der Vergangenheit schon so manches Mal mit Stücken wie „Seemann“, „Klavier“, „Mutter“ oder „Nebel“, aber auch Bonus-Songs wie das grandiose „Donaukinder“ und „Liese“ von der zweiten CD des 2009 erschienenen „Liebe Ist Für Alle Da“ zeugten ihrer Zeit eindrucksvoll davon. Denn wie hieß es einst im Refrain von „Rosenrot“ noch gleich so treffend? „Tiefe Wasser sind nicht still!“… Dass hingegen jedoch auch einmal das weibliche Geschlecht als einzig klarer Täter identifiziert werden kann, ist zumindest im rammstein‘schen Lyrik-Kosmos doch eher selten, sieht man von der klassifizierten Gefahr des affektiven Verfallens durch die Frau ab, die den nunmehr willenlosen, blinden, da rein von euphorisch unreflektierten Gefühlen (fehl-)geleiteten, Mann unerbittlich in der Hand hat und nur zu gerne eiskalt mit dessen Gefühlen spielt, so oder so ähnlich beispielsweise in „Amour“ oder eben dem weiter oben behandelten „Giftig“. Die nächste Ballade des neuen Albums, „Meine Tränen“, schlägt in eine gänzlich andere Kerbe und erweist sich scheinbar ganz nebenbei als weiterer, unerwartet bereichernder Höhepunkt auf ebenjenem: Die seltsam verlorenen Akkorde einer vereinsamten Gitarre tröpfeln kraftlos und verletzlich ins weite Nichts hinein. Leicht verstimmt und trostlos, ja, geradezu depressiv. Schnell macht sich unweigerlich bedrückende Stimmung breit, die innerhalb weniger Sekunden schwer aufs Gemüt schlägt. So wird die tiefe Verzweiflung des lyrischen Ichs bereits greifbar, noch bevor man auch nur ein einziges Wort des Textes vernommen hat. Die schleichende Ausrichtung, die sogleich für ein flaues Gefühl in der Magengegend zu sorgen weiß und nur das Schlimmste erahnen lässt, erinnert vehement an das eruptive „Puppe“ vom Vorgängerwerk und tatsächlich soll und wird sich hier das nächste tragische Familiendrama anbahnen. „Ich leb’ noch immer bei Mama. Jetzt schon alt, doch immer da. Auch wenn die Ärmel jetzt länger sind, bin ich immer noch ihr kleines Kind…“, beginnt Lindemann mit ruhiger Stimme, die im ersten Moment zwar neutral und abgeklärt klingt, doch unterschwellig hörbar um Fassung bemüht ist. „Wir sind allein, doch viel zu zweit“ heißt es dann von beunruhigenden, bizarren Sound-Fragmenten unterfüttert weiterhin oder auch „Das Haus ist klein, die Stille groß. Sie zwingt mich oft auf ihren Schoß.“, was die eigentliche Situation für den Hörer schlagartig konkretisiert, bevor das instrumentale Bild durch die jetzt leicht kräftiger agierenden Saiten und dezente Keyboard-Flächen etwas weiter aufbricht, ohne in ein Extrem zu driften. Grau in Grau. Das stete Hamsterrad, dem längst nicht mehr zu entfliehen ist und das der Protagonist seit jeher sein bemitleidenswertes Leben nennt, welches er von Kindheit an nie anders kennenlernen durfte, wird ebenso greifbar, wie auch die innere Leere und seine Resignation darüber, sich mit der Situation schon lange abgefunden zu haben. Zu schwach und zu kontrolliert, um endlich aufzubegehren, zu rebellieren und sich von den fesselnden Zwängen der Vergangenheit, Gegenwart und gewissen Zukunft zu befreien, sich buchstäblich abzunabeln, gibt sich das lyrische Ich seinem fremdbestimmten Schicksal geschlagen: „Ich leb noch immer bei Mama und bleibe wohl für immer da…“, realisiert er so dermaßen gleichgültig, als wäre es ihm ohnehin schon vor einer Ewigkeit bewusst geworden und öffnet sich dem Rezipienten schweren Herzens dann weiter: „Viel Liebe schenkt mir Mutter nicht, doch schlägt sie immer noch in mein Gesicht. Und ab und zu hab ich geweint, da hat sie lächelnd nur gemeint: Ein Mann weint nur, wenn seine Mutter stirbt…“, wie es im darauffolgenden und zugegeben sehr eingängigen Chorus heißt, der an zynisch-genüsslicher Süffisanz und bitterem Beigeschmack wahrscheinlich kaum zu überbieten ist. Das trügerisch liebliche, nostalgisch behaftete und gleichwohl herzzerreißend Keyboard-Zwischenspiel in Grammophon-Ästhetik, welches sich anschließt, gleicht sich jenem Unterton spöttisch und beinahe schon romantisierend verklärt an. Es ist eine tragische Ballade von Co-Abhängigkeit und Hassliebe zweier in sich verlorener Menschen, gespeist aus der posttraumatischen Schuld-Umlegung und dem gleichzeitigen Frustabbau an den gänzlich falschen Individuen. Von Unterdrückung, emotionalem Missbrauch und innerfamiliärer Gewalt, gepaart mit einem gefährlichen, scheinbar gegenseitigen Pflicht- und Fürsorgegefühl unter dem so hartherzigen wie fadenscheinigen Deckmantel der richtigen Erziehung mit abgedroschenen Phrasen wie „Der Klügere gibt nach“ und „Zeig nie deine Tränen“ als gleichbedeutende Verschwiegenheitspflicht nach außen.


Wer kennt sie nicht, die klassische Schreckgeschichte vom ominösen „schwarzen Mann“, der die ungehorsamen Zöglinge des nachts plötzlich holen kommt, wenn sie nicht recht artig waren? Passend dazu heißt es hier in der ersten Strophe auch „Wenn die Kinder unerzogen, schon der Vater hat gedroht: Der schwarze Mann, er wird dich holen, wenn du nicht folgst meinem Gebot.“ oder wenig später „In Dunkelheit schleicht er heran. Bist du nicht brav, fasst er dich an!“. Bereits von frühester Kindheit an werden uns gesellschaftlich grundlegende Ideale und traditionelle Werte in individuell aufbereiteter Form moralisch-erzieherischer Methoden beigebracht, die Belohnung bei richtigem Handeln und Bestrafung bei Zuwiderhandlung des durch die jeweilige Obrigkeit auferlegten Regelwerks zur Konsequenz haben. Eine Strategie, die sich auch sehr viel später noch in anderen, doch artverwandten Formen, beispielsweise im alltäglichen Zusammen- und Berufsleben oder klassischen Systemen, wie Religion und Politik, wiederfindet. Das Ungewisse, ja, das drohende und dabei oftmals nicht näher definierte Verderben als strikte Kontrolle über unerwünschte, freigeistige Handlungen, Unterdrückung von möglichem Chaos und Wahrung der Sittenhaftigkeit. Jenes universal verständliche Prinzip dient als Grundlage, die genau deshalb auf vielen verschiedenen Ebenen funktioniert, für den folgenden Song, der den thematischen Bogen dabei allerdings noch um einiges weiter spannen wird… Auf das eingangs kurz angedeutete und stark verzerrte Riff, folgt nahtlos übermächtiges Drumming, welches auch fortwährend über die gesamte Spieldauer als charakteristisches Kernelement für diese ungemein treibende Nummer stehen wird. Zusätzlich durchsetzt von sägend rasselnden Percussion-Ausbrüchen und brutal aufschreckenden Samples, die in ihrer schieren Intensität protestantisch hetzenden Zurufen oder noch lange nachhallenden Schüssen gleichen und sich tief in die Magengrube des Hörers versenken. Ferner entsteht die apokalyptische Stimmung durch die grundlegend schwermetallische, harsch treibende Spielart mit herbem Industrial-Einschlag, wobei ganz besonders die atmosphärischen Keyboard-Flächen in den bedrohlich ruhigen Strophen dazwischen hervorzuheben sind, die dieses Mal zwar eher im Hintergrund agieren, den Gesang aber jederzeit dramaturgisch untermalen. Das alles bündelt sich zunehmend und implodiert schlussendlich in einem aggressiven Tobsuchtsausbruch voller Verzweiflung und Wut, die sich jetzt gar haltlos ihren Weg bahnen. Die Zeilen „Ach, sie können es nicht lassen. Schreien „Feuer!“ in die Gassen…“ erregen ganz besondere Aufmerksamkeit: Feuer, als geistige Brandstiftung in den Köpfen der indoktrinierten Empfänger. Was am Ende bleibt, ist die bewusst erzielte Ablenkung vor dem kritischen Hinterfragen, blinder Gehorsam, im schlimmsten Fall eine Massenpanik und damit nichts als „Angst“… „Und die Furcht wächst in die Nacht. Gar kein Auge zugemacht. Der Rücken nass, die Hände klamm. Alle haben Angst vor’m schwarzen Mann!“, singt Lindemann schließlich im sphärisch angehauchten Refrain, welcher in seiner verhältnismäßigen Zurückhaltung und Kürze eher die Bridge vermuten lässt, dann aber urplötzlich wieder in die erschütternd stampfende Grundmelodie vom Beginn verfällt. Ein kleiner Schwachpunkt des ansonsten wirklich guten Songs. Damit wagen sich „Rammstein“ an einen fortwährenden Konflikt, der insbesondere im Hinblick auf die letzten Jahre und auch aktuellen Geschehnisse wohl aktueller nicht sein könnte. Leider. Ein geradezu omnipräsentes Unverständnis durch mangelnde Kommunikation und fehlenden Austausch, dicht gefolgt von unreflektierten Schuldzuweisungen und das daraus resultierende Misstrauen sind schon lange der traurige Status Quo, der für ein beständiges Aufhetzen in Richtung der Gegenseite sorgt. Jeder Andersdenkende könnte eine bedrohliche Gefahr sein, jede fremdartige Weltanschauung, gleich jeglicher Couleur, wird zum sofort erklärten Todfeind, den es fortan mit allen nur erdenklichen Mitteln bis auf das Blut zu bekämpfen gilt. Blinde Panik vor dem, was man nicht verstehen kann, oder will, manifestiert sich einzig in einer gefährlichen Kollektivierung Angst! Darauf folgen Pauken, Trompeten und Posaunen, die mit einem kleinen Blaskapellen-Intermezzo zum fröhlichen Einstieg ganz frappierend an „Muß I Denn Zum Städtele Hinaus“, ein schwäbisches Volkslied aus dem Jahr 1827, erinnern. So urplötzlich wie erschütternd durch die Macht des donnernden Schlagzeugs und der stoisch rockenden Gitarren aufgebrochen, fegt der schwer schleppende Rhythmus so mit der gesammelten Gewalt einer metallischen Dampfwalze polternd über die herrlich verkitschte Idylle hinweg. Während die röhrenden Saiten rau grundieren, beginnt Lindemann mit belegter Stimme zu singen: „Ich leb’ alleine schon viele Jahre. Das Leben stumpf, der Alltag grau. Verlier’ Geduld, Verstand und Haare. Ich hätte gerne eine Frau… Und die Hoffnung will mir schwinden, eine Partnerin zu finden, die mir ebenbürtig ist. Nein, da ist kein Glück in Sicht!“, begibt er sich in die Rolle des einsamen, lyrischen Ichs, das sich nach so vielen Jahren des alleinigen Lebens doch nur endlich das andere Geschlecht an seine Seite herbeisehnt. Wer hinter diesen Worten aber die Suche nach echtem Gefühl oder gar amouröse Intentionen vermutet, soll schon bald schnell und desillusionierend eines Besseren belehrt werden, wenn es im gewollt peinlichen Refrain in schlageresker Mitklatsch-Manier wiederum heißt: „Sie muss nicht schön sein. Sie muss nicht klug sein. Nein! Sie muss nicht reich sein, kein Model mit langen Schritten… Doch dicken Titten!“. Dabei werden die „geringen Ansprüche“ hier in all ihrer scheinbaren Selbstverständlichkeit so dermaßen verblendet und weltfremd vorgetragen, denn einem echten Mann von Welt gebührt natürlich auch ein dralles Madl, oder? Nicht sehend, dass sich die Zeiten längst geändert haben, wird dem selbstgefälligen Protagonisten irgendwann wohl oder übel bewusst werden, dass er mit dieser Einstellung wohl für immer alleine bleiben wird. Das von den Fans vor Release mit viel Spannung, aber gleichzeitig auch nicht weniger Argwohn erwartete „Dicke Titten“, ist trotz seiner betont stumpfsinnigen Einfachheit und der extravagant amüsanten Instrumentierung irgendwo zwischen zünftiger Volksmusik, ruppigem Metal und ausgelassenem Oktoberfest-Charme, überraschenderweise nicht unbedingt der befürchtete, trashig plumpe Fun-Song geworden, zeigt dieser doch mit gewohnt bissigem Unterton die große Heuchelei hinter gutbürgerlicher Tradition und fadenscheiniger Volkstümelei, welche die natürliche Trieb- und stupide Oberflächlichkeit nur allzu gerne hinter ihrer bröckelnden, ach so konservativen Fassade verbergen. Damit funktioniert der Song einerseits sowohl auf der rein satirischen, sozialkritischen Ebene als auch als sehr launige Mitgröhl-Hymne mit feierwütigem Festzelt-Charakter und zu viel Promille intus. Lediglich der sich mit fortschreitender Spieldauer bemerkbar machende Mangel an musikalischer Abwechslung, der anfangs noch viel zu zurückhaltend untermalte Chorus sowie die leider zu spät erfolgende und damit zu wenig genutzte Hinzunahme der traditionellen Schlagseite versetzen der Nummer einen kleinen Dämpfer. Spätestens wenn sich nach dem zweiten Refrain nämlich die synthetisch erzeugte Marschmusik erstaunlich harmonisch mit dem krachigen Metal paart, ist das typisch deutsche Klischee von Trachten, Bier und Weißwurst perfekt, mit dem hier wunderbar selbstironisch kokettiert wird. Die zarten Klänge einer Harfe kreieren schnell eine verträumte Wohlfühl-Atmosphäre, die sich zunehmend in gar himmlische Sphären aufschwingt und den Hörer auf angenehme Weise wärmend einlullt, wie auch die verdächtig harmonieträchtigen Worte von Lindemann selbst, der mit ihnen vor betörender Klangkulisse zunächst ungemein idyllische Bilder von romantischen Spaziergängen am Strand und bei Regen, Blicken in den Sternenhimmel, ewiger Treue und Liebe zeichnet, bis die Gitarren schließlich losbrechen. Doch wartet hier zumindest in textlicher Hinsicht ganz sicher keine Ballade auf ihren emotionalen Höhepunkt… Alles nur „Lügen“! So kündet dann auch der kraftvolle Refrain des fast schon märchenhaft poppig angehauchten Stücks auf recht „Rammstein“-untypische Zeilen, wie etwa „Ich fluche niemals, bin sehr treu. Schlafen, gern auch mal im Heu. Immer Frühstück an das Bett, Kochen allzeit ohne Fett.“ oder „Herz und Seele so verschenken an jemand, der es wert ist und wenn ich fort bin, mich vermisst. Sonntags Kaffee und auch Kuchen und die Großmutter besuchen…“. So werden auch im weiteren Verlauf die schöngeistigen, inhaltsleeren Worthülsen und alltäglichen Phrasendreschereien entlarvt, bei denen besonders der grandios facettenreiche Stimmeinsatz von Till Lindemann hervorzuheben ist, der mit seinen trügerischen Betonungen ganz hervorragende Akzente setzt und später mit den Worten „Ich täusche gut, hab’ viel Geduld. Und wer es glaubt, ist selber schuld. Alle lügen, doch ich viel mehr. Ich glaube mir schon selbst nicht mehr!“ im bis zur schieren Unkenntlichkeit ausgereizten Gewitter aus höhnischen Autotune-Effekten untergeht, wenn aller Schwindel seinen Gipfel erreicht und nicht mehr länger aufrechterhalten werden kann. Wie so einige Ideen auf diesem Album überraschend ungewohnt und erfrischend anders. Der finale Akkord von „Zeit“ sorgte vorab insbesondere aufgrund seines verheißungsvollen Titels in direkter Verbindung mit der gewählten Position in der Tracklist für viele Diskussionen und nicht zuletzt auch große Besorgnis unter den treuen Fans der Band. Tatsächlich aber, täuscht das „Adieu“ benannte Stück gleich in vielerlei Hinsicht falsche Tatsachen vor und überrascht etwaige Vermutungen damit umso mehr: Einerseits bietet sich dem Hörer hier nämlich alles andere als ein ruhiger, balladesker Schlusspunkt, sondern eine wahre Hymne unerwarteten Ausmaßes, deren elektronisch dröhnendem Widerhall erst immerzu zarte Piano-Tupfer und sphärisch anmutende Choräle folgen, welche die anfangs noch getragene Melodie geisterhaft-sakral zu begleiten scheinen, bis dann plötzlich ein extrem markantes Riff vor den dramaturgisch zwischengelagerten Samples eines jubilierenden Publikums dominant nach vorne kickt und die bis dato aufgebaute, introvertierte Atmosphäre wendungsreich zerschlägt. „Nur der Tod währt alle Zeit, er flüstert unter’m Tannenzweig. Muss alles in sein Dunkel ziehen, sogar die Sonne wird verglühen…“, singt Lindemann in der ersten Strophe und zeichnet mit seinen Worten poetisch anmutige, doch zugleich nicht weniger bedrückende Bilder, die sich auch im weiteren Verlauf mit Zeilen wie „die Seele geht auf stille Reise“ oder „Fleisch vergeht, Geist wird sich heben. Das Sein wird sich dem Tod ergeben“ fortsetzen. Auf der rein inhaltlichen Seite ist es aber gerade diese Doppelbödigkeit, die lyrisch zwar unmissverständlich, aber zur eigenen Interpretation auch stets offen genug verbleibt, um damit gleich auf mehreren Ebenen zu funktionieren. „Am Ende bist du ganz allein, doch wir werden bei dir sein!“, heißt es schließlich in der kurzen Bridge, die dann in einen majestätisch ausladenden und melodiös erhabenen Refrain mündet: „Adieu, Goodbye, Auf Wiedersehen! Den letzten Weg musst du alleine gehen. Ein letztes Lied, ein letzter Kuss. Kein Wunder wird geschehen. Adieu, Goodbye, Auf Wiedersehen… Die Zeit mit dir war schön!“. Wie von „Rammstein“ zuletzt selbst bestätigt, wurde der Song als persönlicher Requiem für einen engen, verstorbenen Freund der Band geschrieben, doch lässt sich dieser aufgrund seiner übergreifenden Thematik, um die Vergänglichkeit eines jeden in all ihren Facetten und Abstufungen, selbstverständlich auch ohne das entsprechende Hintergrundwissen oder einen anderen Bezug lückenlos in den Kontext des restlichen Albums eingliedern, was seine eindringliche Wirkung durch viel Identifikationspotential ganz besonders nahbar macht. Vergänglichkeit, die vor niemandem halt macht und damit auch weder vor den Musikern, dem Projekt „Rammstein“ oder seinen Anhängern, wie mit einer wechselnden Perspektive beim Hören immer mehr deutlich wird und so das Bewusstsein des Rezipient für den eigentlichen Kern des großen Ganzen organisch schärft. Auf der anderen Seite wurde hier ein wahrlich glorifiziertes Bombast-Finale für die geschaffen, welches zudem einen nicht zu leugnenden, präventiv eingespeisten Live-Charakter mit interaktiven und wohl weltweit funktionierenden Elementen offeriert, der maßgeschneidert auf die zuletzt immer größer gewordenen Shows der riesigen Stadion-Tournee passt, emotional ins Zentrum trifft und kollektiv verbindet. Es ist das ganz große Kino auf der universal verständlichen Klaviatur der Gefühle, an dessen Ende der letzte Satz „Die Zeit mit dir war schön!“ stark haften bleibt. Vielleicht ist gerade die Kunst und Botschaft zugleich, den dieses Mal über allem thronenden Titel nicht als etwas Schlechtes oder gar als ein stetig im Nacken sitzendes, drohendes Unheil anzusehen, sondern darin zu bestärken, möglichst im Hier und Jetzt zu leben und das uns gegebene Leben als täglich neue Chance zu begreifen… Auch wenn oder gerade weil sie begrenzt und damit umso wertvoller ist: „Zeit“.

Tracklist: 01. Armee Der Tristen 02. Zeit 03. Schwarz 04. Giftig 05. Zick Zack 06. OK


07. Meine Tränen 08. Angst 09. Dicke Titten 10. Lügen


11. Adieu

Fazit:


„Eilt herbei von fern und nah - Wir sind wieder da!“: Mit ihrem achten Studioalbum haben „Rammstein“ aus der großen und nicht zuletzt für die Veranstaltungsbranche besonders verheerenden Corona-Not, welcher natürlich auch die geplante Fortsetzung ihrer gigantischen Stadion-Tournee quer durch Europa vorerst zum Opfer fiel, eine wahre Tugend gemacht und die unliebsame Zwangspause stattdessen dafür genutzt, im Studio kreativ tätig zu werden. Glück im Unglück, also. Doch erwartet die treuen Fans, die dieses Mal ungewöhnlich früh mit neuer Musik versorgt werden, hier längst kein lieblos verarbeitetes B-Seiten-Material von der berüchtigten Resterampe. Nein, viel mehr präsentiert sich „Zeit“ als überraschend umfassender und gut ausgewogener Querschnitt der bisherigen Werkschau mit einem gleichzeitig erfrischenden Touch: So bleiben die Berliner sich und ihren Wurzeln zwar auch anno 2022 noch weitestgehend treu, doch bringen sie mindestens ebenso sehr manch neuen Ansatz ein, ohne dabei zu weit von den signifikanten Trademarks abzuweichen, welche sie einst weltweit bekannt, berüchtigt und vor allem so beliebt gemacht haben. Wie schon auf dem vorherigen Comeback-Album ohne Titel, erlauben sich „Rammstein“ im Zeichen des gerollten „R“ auch nun wieder deutlich mehr Leichtigkeit und Freiheiten, sei es inhaltlich oder rein musikalisch. Zugleich lässt man jedoch ein Stück weit die einstig rohe Sperrigkeit der Frühzeit einfließen, die die durchweg eingängigen Songs perfekt nuanciert davor bewahrt, zu rund, beliebig und vorhersehbar zu werden, wenngleich sich die sechs Herren hier bis auf kleinere Ausreißer wie schon zuletzt weniger gewollt provokativ und martialisch geben, als etwa noch in den Neunzigern und frühen Zweitausenderjahren. Stattdessen bestechen viele der Lieder nun entweder mit einem sympathischen Augenzwinkern oder geerdeter, persönlicherer Ernsthaftigkeit, was in den stärksten Momenten beim Hören ungewohnt nahbar wirkt und damit einen sehr authentischen Eindruck hinterlässt. „Rammstein“ beschäftigen sich mit der eigenen Vergänglichkeit in all ihren Facetten, wodurch sie nicht länger nur distanzierte Beobachter verschiedener Szenarien sind, sondern Teil ihrer Musik werden, ja, sogar mit ihr verschmelzen. Von einem milden, handzahmen oder gar müden Alterswerk kann dennoch keine Rede sein, dafür gehen „Rammstein“ in ihrem möglichen Rahmen noch immer zu experimentierfreudig und hungrig vor: Während die „Armee Der Tristen“ beispielsweise sogleich überraschend elektronisch querfeldein stampft oder sich der Titeltrack „Zeit“ als eine enorm erwachsene und reflektierte, ja, für rammstein‘sche Verhältnisse gar komplex arrangierte Ballade und damit für eine erste Single ungewöhnliche Auskopplung erweist, schwingen daraufhin beim sehnsuchtsvollen „Schwarz“ oder dem zynischen „Lügen“ unverschämt eingängige, fast schon poppig behaftete Nuancen mit. Das alles fühlt sich im ersten Moment zwar noch relativ befremdlich an, harmoniert im stimmigen Kontext des großen Gesamtbilds aber äußerst gut. Ebenso auch, wenn dann ein plump-plakativ betiteltes „Dicke Titten“ die Neue Deutsche Härte mit herrlich kokett witzelnder Klischeehaftigkeit aufwirbelt oder der grandiose Closer „Adieu“ das starke, omnipräsente Feeling der vergangenen Europa-Tournee in sich aufnimmt und in waschechtem Stadion-Rock mit Mut zur Hymnenhaftigkeit und großen Geste implodiert. Offensichtlich ist es der Band zunehmend eine wahre Herzensangelegenheit, mehr und mehr aus den sich selbst auferlegten, einengenden Strukturen auszubrechen und sich dabei selbst nicht immer allzu ernst zu nehmen. Mit dem exotisch rasselnden „Giftig“, dem bissigen „Zick Zack“, der tieftragischen und packenden Halb-Ballade „Meine Tränen“ und dem brachialen „Angst“ gibt es dann trotzdem genug der gewohnten Kost, was jedoch keineswegs negativ zu verstehen ist. Nur wurde die plakative Extreme hier eben weiter heruntergeschraubt und feiner dosiert, wodurch stattdessen ungekünstelte Nachdenklichkeit und Schwermut ihren präsenten Einzug halten. Eine Stimmung, die beinahe dem gesamten Album als unterschwelliger Grundton in vielen Momenten stark anhaftet, sodass „Zeit“ einer Art charmant ausgeglichenem Best-Of aus (fast) dreißig Jahren „Rammstein“ gleichkommt, das sowohl die beliebtesten Elemente als auch wohl portioniert Neues bietet, ohne damit zu langweilen oder aber zu fremdeln. Auch wenn die jüngsten Konsequenzen der Pandemie, die dazwischenliegenden Momente zur Reflexion und natürlich auch der Reifeprozess des Alterns nicht spurlos an den sechs Hauptstädtern vorbeigegangen sind, so haben diese ihren Zenit dennoch nicht allmählich überschritten, sondern ihre Prioritäten nur anders gesetzt. Auf dem jüngsten Output findet sich demnach kaum mehr vehement pikante Anstößigkeit, welche die Medienlandschaft großartig aufwühlen könnte, was diese Band ohnehin längst nicht mehr nötig hat. Dafür befasst man sich mehr mit der ernsthaften Aufarbeitung hochsensibler Themen, die ihren jeweiligen Kontext direkt aus dem Leben beziehen und gerade deshalb für den Hörer so nachvollziehbar sind. Es sind nicht mehr länger die reißerischen Skandale, um die sich alles dreht, sondern die kleinen Abgründe und das, was uns demnach umso mehr beschäftigt und trifft, auch wenn das bedeutet, dass Härte und der Schockwirkung um ein Vielfaches weichen. Gerade das Verlassen jener verlässlichen Komfortzone macht „Zeit“ am Ende so emotional, ehrlich und mutig… Ja, man könnte sagen, die gigantische und sonst so kühl-distanzierte „Rammstein“-Maschinerie menschelt 2022 so sehr, wie niemals zuvor.

Informationen:


https://www.rammstein.de/


https://www.facebook.com/Rammstein/

bottom of page