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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Saltatio Mortis - Für Immer Frei (2020)


Genre: Rock / Alternative

Release: 09.10.2020

Format: CD

Anzahl Disks / Tonträger: 1

Label: We Love Music (Universal Music)

Spielzeit: 47 Minuten

Pressetext:


Zwanzig Jahre ist es nun her, dass diese Band ihre ersten Auftritte hatte; damals standen die Musiker mit Trommeln und Sackpfeifen an Straßenecken herum und spielten für das Geld, das man ihnen in die Hüte warf. Sie hätten das damals ja selbst nicht gedacht, sagen Saltatio Mortis heute: Dass man mit Schnabelschuhen, Schellenband und Dudelsack irgendwann mit drei Nummer-Eins-Alben da steht und einer Goldenen Schallplatten dazu. Und dass es eine so bunte Truppe auch nach zwanzig Jahren immer noch schafft, so erfolgreich zu sein in einer Welt, die zunehmend grau wird – allein das ist ein Zeichen, das Hoffnung macht.


"Für immer frei" heißt das neue Album von Saltatio Mortis, und im Titel finden sich Bekenntnis und Aufruf zugleich. Und eine stimmige Selbstbeschreibung. Denn frei und offen: So ist die Musik dieser Gruppe; so war sie schon immer, seit Saltatio Mortis im Jahr 2000 in Karlsruhe zueinander gefunden haben; aber so neugierig und virtuos wie auf diesem Album haben sie vielleicht noch nie an der Erweiterung ihrer Möglichkeiten gearbeitet.


Saltatio Mortis wirken auch nach zwanzig Jahren immer noch so kraftvoll, leidenschaftlich und neugierig wie am ersten Tag; ihre gewachsene musikalische Reife steigert nur noch die Intensität ihres Songs. »Für immer frei«: Das ist die Musik einer Band, die ihre Geschichte kennt und um die Zukunft weiß; die so sicher ist, dass sie kein Risiko scheut; und die weiß, dass es heute wichtiger ist denn je, den kräftigen Rock und den zarten Folk nicht den Feinden der Freiheit zu überlassen.


Kritik:


„Löwenherz, Löwenherz

Dein Banner zeugt von Mut

Ein Traum von Freiheit, ein Schild so rot wie Blut


Löwenherz, Löwenherz

Wie Trommeln in der Nacht,

Dein Herz aus Feuer zieht dich zur letzten Schlacht“


Das vertraute, angespannte Vibrieren einer Drehleier und die warmen Akkorde der bald darauf einstimmenden Laute sorgen für viel knisternde Spannung und versprühen eingangs sogleich einen gediegenen Hauch von Tradition, Mittelalter und Spielmannstum. Ebenso wie die einsame, sehnsuchtsvoll klagende Melodie einer Schalmei, die anschließend inbrünstig in die endlose Weite zu klingen scheint. Fast schon märchenhafte Stimmung irgendwo aus der Vergangenheit, ein Blick zurück und zugleich doch auch nach vorn in die Gegenwart, wenn nach einer kurzen, dramaturgisch gesetzten Pause dann plötzlich kräftige „Oh-Oh-Oh“-Chöre zum nunmehr gebündelt ansteigenden Druck des ansonsten rein instrumentalen Einstiegs „Ein Traum Von“ Freiheit einsetzen. So gestalten „Saltatio Mortis“ ein zu den beiden direkten Vorgängern „Zirkus Zeitgeist“ und „Brot Und Spiele“ stilistisch lückenloses, artverwandtes Intro, welches im nahtlosen Anschluss direkt in den ersten, vollwertigen Song „Bring Mich Zurück“ übergeht. Dieser entpuppt sich von der ersten Sekunde an als enorm schneller, energetisch geradezu überbordender Up-Tempo mit der zuletzt immer mehr etablierten Deutsch-Rock-Note samt dezent punkig anmutendem Flair. Zum halsbrecherischen Start wird sofort das Gaspedal bis zum äußersten Anschlag durchgedrückt, in den Strophen regiert derweil ein pumpender Rhythmus aus einem zügig dröhnenden Schlagzeug und der passend dazu rasant gespielten Gitarre. Lyrisch zeigt man sich mit viel zeitgemäßem Alltagssprech unterdessen einmal mehr ganz im Hier und Jetzt verankert: Von durchzechten Nächten, lange schon vermissten Augenblicken, schmerzlich klaffender Sehnsucht und dem Wunsch danach, die Zeit noch einmal zurückdrehen zu können ist hier großteilig die Rede, was zwar ein kalkuliert hohes Identifikationspotential bereithält, aber vergleichsweise direkt und nicht minder platt dargeboten wird. Gar keine Frage, die handwerklich solide Nummer geht wirklich gut nach vorne und dabei vor allem sofort ins Ohr, überrascht jedoch zu keiner Zeit auf irgendeine Weise oder macht gar etwas, was man so oder so ähnlich nicht schon dutzende Male woanders gehört hätte. Eher zitiert man sich hiermit gar selbst ein ganzes Stück zu viel, erinnert die bespielte Grundstimmung doch frappierend an jene Richtung, die 2013 erstmals auf „Das Schwarze IXI“ mit „Früher War Alles Besser“ eingeschlagen und vor zwei Jahren mit „Große Träume“ logisch fortgesetzt wurde. Dass die eigene Interpretation von historischem Liedgut oder generell das Vertonen von alten Sagen und Geschichten für die Mittelalter-Rock-Szene nicht nur essenziell, sondern bei ihren Hörern darüber hinaus auch sehr beliebt ist, ist hinlänglich bekannt und alleine durch ihre nach wie vor starke Verbundenheit mit den Mittelaltermärkten haben „Saltatio Mortis“ in dieser Hinsicht ein schier riesiges Repertoire vorzuweisen. Der nordischen Mythologie hatten sich die Totentänzer beispielsweise mit „Brunhild“ auf dem Hauptwerk und „Heimdall“ auf der zugehörigen Bonus-CD erst vor zwei Jahren näher zugewandt, mit dem vorab als Single ausgekoppelten „Loki“ folgt nun der nächste Streich. Der Sohn des Riesen Farbauti und der Göttin Laufey gilt als (Halb)-Gott des Feuers, des Schabernacks, der Verwandlung und des Bösen. Aufgrund seiner vielen Missetaten wurde er von den Göttern gefangen genommen und mit zu Stein verwandelten Innereien gefesselt, wo ihm fortan das Gift eines über ihm befestigten Wurmes in die Augen tropfte. Das Pantheon erzählt davon, dass er sich jedoch eines Tages befreien und den Angriff der Riesen auf Asgard anführen wird, wodurch das Ragnarök, also der Weltuntergang verursacht wird. An dieser Schnittstelle knüpft auch der Song an, der während den einleitenden Zeilen erst von einer mystischen Laute untermalt wird, ehe kurz danach ein mächtiger Reigen aus metallischem Drumming, harten Saiten und natürlich der Dudelsack-Front mit voller Wucht losbricht. Auch die Strophen gestalten sich mit den aggressiv walzenden Riffs dementsprechend wütend, rein stilistisch atmet der Song ein wenig die Seele von „Satans Fall“, wenngleich deutlich tougher arrangiert. Das alles entlädt sich schließlich in dem mit ordentlich Nachdruck powernden Refrain, der leider abermals nicht ohne die auf Eingängigkeit getrimmten Singalong-Chöre auskommt, die deplatzierter kaum sein könnten und es wirklich nicht gebraucht hätte. Bis auf dieses Manko jedoch eines der stärksten Lieder auf dem ganzen Album, gerade weil es die bewährten Tugenden alter Tage mit dem modernen Sound gelungen austariert paart. Dass die Band nicht einmal annähernd auf die arg bemühte Presslufthammer-Catchyness angewiesen ist, sondern diese noch immer durch bloße Melodien und intelligente Texte erzeugen kann, beweist das nachfolgende „Linien Im Sand“ mit Bravour. Wie schon zuletzt bei „Europa“ und so einigen anderen Songs, kommen „Saltatio Mortis“ hier ihrer Pflicht als Spielleute nach und positionieren sich abermals klar gegen rechten Populismus, veraltete Denkmuster und systematische Kategorisierung nach oberflächlichen Kriterien, welche der Gesellschaft keinen Nutzen bringt, sondern nur spaltet. Das pointiert eingesetzte Schlagzeug und die sanftmütige Gitarre gestalten die erste Strophe zunächst ruhig und gediegen aus, der Hauptteil kickt dafür dann umso mehr. Die mittelalterlichen Versatzstücke kommen dabei, wie in den letzten Jahren und auch bei einem Großteil der neuen Stücke, hingegen zu kurz. Trotzdem stört dieser Fakt hier keinesfalls, weil die anderen Nuancen diese Lücke dafür äußerst stark aufwiegen und das Ergebnis authentisch und rund klingen lassen. Danach erzeugen die anschmiegsam warmen Akkorde der Gitarre nostalgisch-retrospektive Lagerfeuer-Stimmung auf Abruf, dann setzt das markant groovende Schlagzeug für den Quasi-Titeltrack „Für Immer Jung“ ein. Nur wenig später zieht das Tempo hintergründig an und fokussiert mehr auf die Drums, was für eine energiegeladene Rhythmik sorgt. Auf textlicher Ebene besiedelt man abermals das typische, zigfach ausgelutschte Segment der neuen, deutschsprachigen Rock-Musik, reiht sich also verdächtig nahe neben den altersmilden „Die Toten Hosen“ und ihren im Mainstream beliebten Heavy-Rotation-Hits „Altes Fieber“ und natürlich „An Tagen Wie Diesen“ ein. Zusammengefasst drehen sich die oft inhaltsleeren Phrasen um Wehmut, Rebellion, Aufbegehren und Sehnsucht, wenn man von den alten Zeiten schwärmt und sich gegenseitig brüderlich die Treue bis zum Ende schwört. So weit, so bekannt. Prinzipiell ist der ganze Song vorsätzlich nach Schema F geschrieben, sodass sich in den allgemeingültigen Zeilen so ziemlich jeder irgendwo wiederfindet. So wird mit viel Pop-Appeal und gewollt bedeutungsschwangeren Worten praktisch viel geredet, ohne damit wirklich etwas zu sagen. Neu, frisch oder zumindest gut kopiert ist das alles freilich nicht und eigentlich wurde ein Gefühl wie dieses etwa mit dem „Spielmannsschwur“ schon längst viel, viel besser vermittelt. Dass zwischendrin immer wieder mal pflichtmäßig die Dudelsäcke kurz durchblitzen, fällt da schon kaum mehr wirklich auf. Keine Frage: Zum kollektiven Mitgrölen auf den Konzerten in Zukunft eignet sich der kurzweilige Song allemal, nur ist es schade, wie sehr auf austauschbare Stangenware gesetzt wird. Einen bleibenden Eindruck, der das Lied auch nach Jahren noch relevant oder denkwürdig macht, hinterlässt es jedenfalls nicht.


„Oh-Oh-Oh“ hallt es verzerrt aus der