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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Saltatio Mortis - Für Immer Frei (2020)


Genre: Rock / Alternative

Release: 09.10.2020

Format: CD

Anzahl Disks / Tonträger: 1

Label: We Love Music (Universal Music)

Spielzeit: 47 Minuten

Pressetext:


Zwanzig Jahre ist es nun her, dass diese Band ihre ersten Auftritte hatte; damals standen die Musiker mit Trommeln und Sackpfeifen an Straßenecken herum und spielten für das Geld, das man ihnen in die Hüte warf. Sie hätten das damals ja selbst nicht gedacht, sagen Saltatio Mortis heute: Dass man mit Schnabelschuhen, Schellenband und Dudelsack irgendwann mit drei Nummer-Eins-Alben da steht und einer Goldenen Schallplatten dazu. Und dass es eine so bunte Truppe auch nach zwanzig Jahren immer noch schafft, so erfolgreich zu sein in einer Welt, die zunehmend grau wird – allein das ist ein Zeichen, das Hoffnung macht.


"Für immer frei" heißt das neue Album von Saltatio Mortis, und im Titel finden sich Bekenntnis und Aufruf zugleich. Und eine stimmige Selbstbeschreibung. Denn frei und offen: So ist die Musik dieser Gruppe; so war sie schon immer, seit Saltatio Mortis im Jahr 2000 in Karlsruhe zueinander gefunden haben; aber so neugierig und virtuos wie auf diesem Album haben sie vielleicht noch nie an der Erweiterung ihrer Möglichkeiten gearbeitet.


Saltatio Mortis wirken auch nach zwanzig Jahren immer noch so kraftvoll, leidenschaftlich und neugierig wie am ersten Tag; ihre gewachsene musikalische Reife steigert nur noch die Intensität ihres Songs. »Für immer frei«: Das ist die Musik einer Band, die ihre Geschichte kennt und um die Zukunft weiß; die so sicher ist, dass sie kein Risiko scheut; und die weiß, dass es heute wichtiger ist denn je, den kräftigen Rock und den zarten Folk nicht den Feinden der Freiheit zu überlassen.


Kritik:


„Löwenherz, Löwenherz

Dein Banner zeugt von Mut

Ein Traum von Freiheit, ein Schild so rot wie Blut


Löwenherz, Löwenherz

Wie Trommeln in der Nacht,

Dein Herz aus Feuer zieht dich zur letzten Schlacht“


Das vertraute, angespannte Vibrieren einer Drehleier und die warmen Akkorde der bald darauf einstimmenden Laute sorgen für viel knisternde Spannung und versprühen eingangs sogleich einen gediegenen Hauch von Tradition, Mittelalter und Spielmannstum. Ebenso wie die einsame, sehnsuchtsvoll klagende Melodie einer Schalmei, die anschließend inbrünstig in die endlose Weite zu klingen scheint. Fast schon märchenhafte Stimmung irgendwo aus der Vergangenheit, ein Blick zurück und zugleich doch auch nach vorn in die Gegenwart, wenn nach einer kurzen, dramaturgisch gesetzten Pause dann plötzlich kräftige „Oh-Oh-Oh“-Chöre zum nunmehr gebündelt ansteigenden Druck des ansonsten rein instrumentalen Einstiegs „Ein Traum Von“ Freiheit einsetzen. So gestalten „Saltatio Mortis“ ein zu den beiden direkten Vorgängern „Zirkus Zeitgeist“ und „Brot Und Spiele“ stilistisch lückenloses, artverwandtes Intro, welches im nahtlosen Anschluss direkt in den ersten, vollwertigen Song „Bring Mich Zurück“ übergeht. Dieser entpuppt sich von der ersten Sekunde an als enorm schneller, energetisch geradezu überbordender Up-Tempo mit der zuletzt immer mehr etablierten Deutsch-Rock-Note samt dezent punkig anmutendem Flair. Zum halsbrecherischen Start wird sofort das Gaspedal bis zum äußersten Anschlag durchgedrückt, in den Strophen regiert derweil ein pumpender Rhythmus aus einem zügig dröhnenden Schlagzeug und der passend dazu rasant gespielten Gitarre. Lyrisch zeigt man sich mit viel zeitgemäßem Alltagssprech unterdessen einmal mehr ganz im Hier und Jetzt verankert: Von durchzechten Nächten, lange schon vermissten Augenblicken, schmerzlich klaffender Sehnsucht und dem Wunsch danach, die Zeit noch einmal zurückdrehen zu können ist hier großteilig die Rede, was zwar ein kalkuliert hohes Identifikationspotential bereithält, aber vergleichsweise direkt und nicht minder platt dargeboten wird. Gar keine Frage, die handwerklich solide Nummer geht wirklich gut nach vorne und dabei vor allem sofort ins Ohr, überrascht jedoch zu keiner Zeit auf irgendeine Weise oder macht gar etwas, was man so oder so ähnlich nicht schon dutzende Male woanders gehört hätte. Eher zitiert man sich hiermit gar selbst ein ganzes Stück zu viel, erinnert die bespielte Grundstimmung doch frappierend an jene Richtung, die 2013 erstmals auf „Das Schwarze IXI“ mit „Früher War Alles Besser“ eingeschlagen und vor zwei Jahren mit „Große Träume“ logisch fortgesetzt wurde. Dass die eigene Interpretation von historischem Liedgut oder generell das Vertonen von alten Sagen und Geschichten für die Mittelalter-Rock-Szene nicht nur essenziell, sondern bei ihren Hörern darüber hinaus auch sehr beliebt ist, ist hinlänglich bekannt und alleine durch ihre nach wie vor starke Verbundenheit mit den Mittelaltermärkten haben „Saltatio Mortis“ in dieser Hinsicht ein schier riesiges Repertoire vorzuweisen. Der nordischen Mythologie hatten sich die Totentänzer beispielsweise mit „Brunhild“ auf dem Hauptwerk und „Heimdall“ auf der zugehörigen Bonus-CD erst vor zwei Jahren näher zugewandt, mit dem vorab als Single ausgekoppelten „Loki“ folgt nun der nächste Streich. Der Sohn des Riesen Farbauti und der Göttin Laufey gilt als (Halb)-Gott des Feuers, des Schabernacks, der Verwandlung und des Bösen. Aufgrund seiner vielen Missetaten wurde er von den Göttern gefangen genommen und mit zu Stein verwandelten Innereien gefesselt, wo ihm fortan das Gift eines über ihm befestigten Wurmes in die Augen tropfte. Das Pantheon erzählt davon, dass er sich jedoch eines Tages befreien und den Angriff der Riesen auf Asgard anführen wird, wodurch das Ragnarök, also der Weltuntergang verursacht wird. An dieser Schnittstelle knüpft auch der Song an, der während den einleitenden Zeilen erst von einer mystischen Laute untermalt wird, ehe kurz danach ein mächtiger Reigen aus metallischem Drumming, harten Saiten und natürlich der Dudelsack-Front mit voller Wucht losbricht. Auch die Strophen gestalten sich mit den aggressiv walzenden Riffs dementsprechend wütend, rein stilistisch atmet der Song ein wenig die Seele von „Satans Fall“, wenngleich deutlich tougher arrangiert. Das alles entlädt sich schließlich in dem mit ordentlich Nachdruck powernden Refrain, der leider abermals nicht ohne die auf Eingängigkeit getrimmten Singalong-Chöre auskommt, die deplatzierter kaum sein könnten und es wirklich nicht gebraucht hätte. Bis auf dieses Manko jedoch eines der stärksten Lieder auf dem ganzen Album, gerade weil es die bewährten Tugenden alter Tage mit dem modernen Sound gelungen austariert paart. Dass die Band nicht einmal annähernd auf die arg bemühte Presslufthammer-Catchyness angewiesen ist, sondern diese noch immer durch bloße Melodien und intelligente Texte erzeugen kann, beweist das nachfolgende „Linien Im Sand“ mit Bravour. Wie schon zuletzt bei „Europa“ und so einigen anderen Songs, kommen „Saltatio Mortis“ hier ihrer Pflicht als Spielleute nach und positionieren sich abermals klar gegen rechten Populismus, veraltete Denkmuster und systematische Kategorisierung nach oberflächlichen Kriterien, welche der Gesellschaft keinen Nutzen bringt, sondern nur spaltet. Das pointiert eingesetzte Schlagzeug und die sanftmütige Gitarre gestalten die erste Strophe zunächst ruhig und gediegen aus, der Hauptteil kickt dafür dann umso mehr. Die mittelalterlichen Versatzstücke kommen dabei, wie in den letzten Jahren und auch bei einem Großteil der neuen Stücke, hingegen zu kurz. Trotzdem stört dieser Fakt hier keinesfalls, weil die anderen Nuancen diese Lücke dafür äußerst stark aufwiegen und das Ergebnis authentisch und rund klingen lassen. Danach erzeugen die anschmiegsam warmen Akkorde der Gitarre nostalgisch-retrospektive Lagerfeuer-Stimmung auf Abruf, dann setzt das markant groovende Schlagzeug für den Quasi-Titeltrack „Für Immer Jung“ ein. Nur wenig später zieht das Tempo hintergründig an und fokussiert mehr auf die Drums, was für eine energiegeladene Rhythmik sorgt. Auf textlicher Ebene besiedelt man abermals das typische, zigfach ausgelutschte Segment der neuen, deutschsprachigen Rock-Musik, reiht sich also verdächtig nahe neben den altersmilden „Die Toten Hosen“ und ihren im Mainstream beliebten Heavy-Rotation-Hits „Altes Fieber“ und natürlich „An Tagen Wie Diesen“ ein. Zusammengefasst drehen sich die oft inhaltsleeren Phrasen um Wehmut, Rebellion, Aufbegehren und Sehnsucht, wenn man von den alten Zeiten schwärmt und sich gegenseitig brüderlich die Treue bis zum Ende schwört. So weit, so bekannt. Prinzipiell ist der ganze Song vorsätzlich nach Schema F geschrieben, sodass sich in den allgemeingültigen Zeilen so ziemlich jeder irgendwo wiederfindet. So wird mit viel Pop-Appeal und gewollt bedeutungsschwangeren Worten praktisch viel geredet, ohne damit wirklich etwas zu sagen. Neu, frisch oder zumindest gut kopiert ist das alles freilich nicht und eigentlich wurde ein Gefühl wie dieses etwa mit dem „Spielmannsschwur“ schon längst viel, viel besser vermittelt. Dass zwischendrin immer wieder mal pflichtmäßig die Dudelsäcke kurz durchblitzen, fällt da schon kaum mehr wirklich auf. Keine Frage: Zum kollektiven Mitgrölen auf den Konzerten in Zukunft eignet sich der kurzweilige Song allemal, nur ist es schade, wie sehr auf austauschbare Stangenware gesetzt wird. Einen bleibenden Eindruck, der das Lied auch nach Jahren noch relevant oder denkwürdig macht, hinterlässt es jedenfalls nicht.


„Oh-Oh-Oh“ hallt es verzerrt aus der Stille... Schon wieder. Und wieder, während sich jetzt dunkel angehauchte Elektronik bedrohlich im Hintergrund aufbaut, nur um dann pfeilschnell und mit beängstigend viel Druck in einer übermächtigen, packenden Dudelsack-Weise mit echtem Kult-Potential zu münden. Kommt die Stimme von Alea in der ersten Hälfte der Strophe noch verfremdet flüsternd daher, setzt es, passend zum extrem erzürnten Text über den Klimawandel und die (un-)menschlichen Gräueltaten an Mutter Natur, schon sehr bald heftig tobende Ausbrüche und sogar tiefe Growls! Der melodiöse Refrain setzt durch die helle, aber nicht viel weniger energetische Stimmlage einen sehr gelungenen, melodiösen Kontrast. So dermaßen stimmgewaltig, wie im bretthart walzenden Nackenbrecher „Palmen Aus Stahl“, hat man den Sänger der Totentänzer ganz sicher noch nie zuvor gehört! Eine gewisse, vermutlich beabsichtigte Ähnlichkeit zum Deutsch-Rap-Hit „Palmen Aus Plastik“ bleibt glücklicherweise allein hinsichtlich des kruden Titels bestehen, stattdessen streift man eher dezent Metal-Gefilde und gemahnt sowohl inhaltlich als auch musikalisch an den letzten Titeltrack „Brot Und Spiele“. Auch wenn man sich lyrisch nicht gerade hinter malerischer Bildsprache versteckt, sondern wieder ungeschönt und sehr direkt zu Werke geht, stört der Spagat zwischen den fließenden Genre-Grenzen hier überhaupt nicht. Im Gegenteil: Die aktuelle Thematik und ihre musikalische Inszenierung könnte passender kaum sein! Lediglich die etwas bemüht wirkende, mahnende Zeigefinger-Attitüde kann zuweilen ein wenig anstrengend und abgedroschen wirken. Das ebenfalls bereits vorab veröffentlichte „Löwenherz“ kommt mit seiner schwelgerisch klagenden Dudelsack-Melodie einem wahren Befreiungsschlag gleich und sprüht geradezu vor positiver Energie und glühender Lebensfreude. Anders, als man vielleicht erwarten könnte, geht es hier aber nicht um Richard Löwenherz, König von England, oder die „Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren. Der Text ist nicht konzeptionell gestaltet, sondern relativ allgemein gehalten und handelt von Rastlosigkeit, Suche und Rückbesinnung. Lyrisch fügt sich jene Grundlage der Musik gut, ist relativ knackig und eingängig verarbeitet, ohne zu überladen zu sein oder aber wiederum zu wenig Raum zu geben. Der Chorus geht denselben Weg und setzt auf starken Hymnen-Charakter zum Mitsingen, packt allerdings nicht vollends und so sehr, wie er es mit ein wenig mehr Bombast könnte. Dennoch eines der besten Lieder bisher! Verzerrt angeschlagene Saiten resultieren kurz darauf in einer extrem breit aufgezogenen Wand aus heftig knallendem Drumming, dominant hypnotischen Marktsackpfeifen und harten Gitarren, um dann das zynische „Mittelfinger Richtung Zukunft“ einzuleiten. Rein musikalisch gesehen gefällt der kernige Up-Tempo-Song gleich von Anfang an, was dann jedoch folgt, dürfte für viele Fans eine Zerreißprobe darstellen. Für dieses Feature hat man sich die Hamburger „Swiss Und Die Andern“ und Henning Wehland von den „H-Blockx“ ins Boot geholt, was auch gleich in der ersten Strophe mit einem ausgedehnten Rap-Part untermauert wird, in welchen später auch der Saltatio-Frontmann selbst ungewöhnlich intoniert einsteigt, was anfangs schon arg gewöhnungsbedürftig anmutet. Der peitschende Refrain überschlägt sich in seiner druckvollen Intensität dann fast selbst, die auf Live-Tauglichkeit gebürsteten „Hey-Hey!“-Rufe hätte es da zwar nicht zwingend gebraucht, grundsätzlich passt das alles aber gut zum angedachten Crossover-Style aus Hip-Hop und Punk-Rock. Kurzweilig und definitiv andersartig frisch, wenn auch kein neuer Meilenstein. Der Mut zur Experimentierfreude ist definitiv lobenswert. Mit dem sanften „Rose Im Winter“, das quasi die Rolle der Quoten-Ballade einnimmt, setzt man danach einen deutlich ruhigeren Kontrast zu den vorherigen Songs. Das Schlagzeug agiert nun selbstverständlich deutlich zurückhaltender, dafür rücken die Akustikgitarre und mittelalterlichen Instrumente hier mehr in den Vordergrund, wobei Letztere eher sparsam eingesetzt werden. Der hauptsächliche Fokus gilt dadurch bedingt mehr dem harmonischen Text und der Stimme von Alea, welche die romantische, sehnsuchtsvolle Stimmung durchweg gut transportiert. Die Bildsprache des zarten Liedes, in welchem es natürlich um die Liebe geht, ist dennoch leicht kitschig und recht vorhersehbar, was zwar nicht belastend ins Gewicht fällt, aber eben auch nicht in besonderem Maße zu berühren weiß. So kommt das Arrangement etwa ohne einen emotionalen Höhepunkt gegen Ende aus, bleibt nicht so sehr im Gedächtnis haften und trifft damit nicht direkt ins Herz, wie es so manch eine Ballade der vorherigen Alben vermochte. Es bleibt eine wirklich schöne Komposition, der nur leider einfach das gewisse Etwas fehlt.


Wer „Saltatio Mortis“ jetzt schon etwas länger begleitet und um ihre einstigen Ursprünge weiß, der hat in all den Jahren auch bestimmt schon mindestens eine ihrer zahllosen Shows auf dem deutschlandweit bekannten MPS (Mittelalterlich Phantasie Spectaculum) oder vergleichbaren Märkten gesehen. Eine ganz eigene Welt für sich, der die acht Spielmänner trotz ihres stetig steigenden Erfolges doch immer treu geblieben sind. Der besondere Clou: Getreu der aufrechtzuerhaltenden Authentizität jener unterhaltsamen Parallelwelt, in welcher die Besucher ihrem Alltag für ein paar Stunden in die Vergangenheit entfliehen können, gestalten sich die mehrmals am Tag stattfindenden Auftritte rein mit historischem Instrumentarium und traditionellem Liedgut. Akustisch und völlig unverstärkt, also quasi ganz „ohne Storm und Stecker“. Dem folgten die drei bisher erschienenen Teile der beliebten „Manufactum“-Reihe, Live-Aufzeichnungen in Bild und Ton der nächtlichen Gigs vor schier begeistertem Publikum. Mit dem schmissigen „Factus De Materia“ drehen die Totentänzer mitten in der Tracklist die Zeit auf Anfang zurück und kredenzen ihrer Hörerschaft einen musikalischen Querverweis auf alte Tage. So, wie schon die „Galgenballade“ oder bei der 2-CD-Version von „Brot Und Spiele“, die einige Eigenkompositionen und darüber hinaus viel zeitgenössische Traditionals im ausschließlich akustischen Gewand enthält, geht es nun auch hier mit vergleichsweise minimalistischen, organischen Mitteln ordentlich zur Sache: Für die Percussion sorgen Maultrommel und Davul, natürlich kommen auch Drehleier und Sackpfeifen nicht zu kurz, ebenso wie kollektiver Gesang. So wird ein archaischer und immer intensiver werdender Reigen entfacht, der so plötzlich zwischen all den punkigen, großteilig modernen Rock-Nummern zwar irgendwie deplatziert wirkt, aber dennoch schnell zum Tanzen anregt. Eine charmante Geste seitens der Band für die Alt-Fans! Auch „Seitdem Du Weg Bist“ oder „Keiner Von Millionen“ punkten rasch mit eingängigen, doch eher austauschbaren Melodien, reichen aus unterschiedlichen Gründen aber nicht über den soliden Standard hinaus: Während Ersteres, das zunächst noch an eine Verbesserung des Gefühlszustandes nach einer schweren Trennung denken lässt, dann jedoch eine überraschende Wendung zur Beziehung zwischen unserem Planeten und dem Menschen nimmt, durch seine augenzwinkernd spaßende, doch auch unheimlich platte und den bemüht jugendlichen Duktus schnell einfach nur ungemein peinlich klingt, stellt sich Letzteres mit seiner gewollt rebellischen und abgedroschenen Kernaussage direkt selbst ein Bein. Ganz besonders paradox: Gerade durch die schon zigfach eigens und woanders exerzierte Message, ja ach so unbequem, freidenkend und ehrlich zu sein, die mittlerweile so ziemlich jeder zweite Künstler aus der Rock-Branche schon für sich getätigt hat, wirken „Saltatio Mortis“ hier erst recht wie einer von Millionen. Das konnten beispielsweise „Idol“, „Geradeaus“ oder zuletzt „Dorn Im Ohr“ ungleich besser und irgendwann sollte man es vielleicht auch gut sein lassen. Wäre man wirklich davon überzeugt, so dermaßen unangepasst zu sein, müsste man es wahrscheinlich nicht immer wieder krampfhaft versuchen, unter Beweis zu stellen. Fakt ist: Mit diesem Song beweist man eher das genaue Gegenteil. Der erste Vorgeschmack „Neustart Für Den Sommer“ fügt sich ebenfalls passend in die luftig-launige Punk-Rock-Light-Reihe ein und geht demnach sofort ins Ohr, was ja grundsätzlich schon mal nichts Schlechtes ist. Das als Lockdown-Hymne mit aktuellem Bezug konzipierte Lied äußert den naiven Wunsch nach einer Wiederholung der scheinbar verlorenen Jahreszeit und dürfte damit genau den Nerv aller Musikliebhaber treffen, die sich mittlerweile ausgehungert wieder nach Konzerten, Festivals und Spaß sehnen. Einfach ein Stück weit mehr Normalität. So, wie es vor der Pandemie war. Das alles scheint mittlerweile schon eine halbe Ewigkeit her zu sein. Ein Gefühl, mit dem sich dieser Tage vermutlich ein jeder auf seine ganz eigene Weise identifizieren kann. Die Betrachtung fällt denkbar simpel und einseitig aus, die Instrumentierung bekömmlich. Dass ein bisschen unbeschwerte Lebensfreude in der momentanen Situation definitiv nicht schaden kann, liegt deutlich auf der Hand und so bleibt eine kurzweilige, solide Gute-Laune-Nummer, welche zwar recht gut in diese Zeit passt, in der Tracklist aber etwas zu sehr aus dem Rahmen fällt. Zum Schluss leiten warme Dudelsäcke das letzte Lied „Geboren Um Frei Zu Sein“ ruhig und zugleich doch hymnisch ein. Die ermunternde Rhythmik der Drums und helle Akkorde einer E-Gitarre stützen daraufhin die Stimme von Alea, dessen hier besungene, nachdenkliche Zeilen zwischen Melancholie und Aufbruch dann besonders in der kickenden Bridge nochmals umso mehr verdeutlicht werden und daraufhin in einem schnell mitreißenden Refrain münden. Der anfangs noch schwelgerisch behaftete Mid-Tempo-Song entwickelt sich mit viel Power kurzzeitig zum Up-Tempo-Track und gleitet wieder schließlich wieder fließend zurück. Die Balance zwischen dem alten und neuen Sound wird sicher gehalten, funktioniert überraschend gut und schließt so den thematischen Kreis des Albums unter dem aktuellen Motto „Für Immer Frei“.


Tracklist:


01. Ein Traum Von Freiheit


02. Bring Mich Zurück


03. Loki


04. Linien Im Sand


05. Für Immer Jung


06. Palmen Aus Stahl


07. Löwenherz


08. Mittelfinger Richtung Zukunft


09. Rose Im Winter


10. Factus De Materia


11. Seitdem Du Weg Bist


12. Keiner Von Millionen


13. Neustart Für Den Sommer


14. Geboren Um Frei Zu Sein


Fazit:


Nur knapp zwei Jahre nach ihrem letzten Fulltime-Release sind „Saltatio Mortis“ auch schon wieder zurück und legen mit ihrem neuen und nunmehr zwölften Studioalbum in insgesamt zwanzig Jahren Bandgeschichte nach: „Für Immer Frei“ ist eine logische Fortsetzung jenes Sounds, der sich mit „Wachstum Über Alles“ aus „Das Schwarze IXI“ von 2013 erstmals bemerkbar machte, auf „Zirkus Zeitgeist“ merklich weiterverfolgt und zuletzt bei „Brot Und Spiele“ als übergreifend stilprägendes Kernelement schließlich abermals um ein Vielfaches intensiviert wurde. Die grundlegende Basis der selbstauferlegten Frischzellenkur-Formel bilden seitdem eine direkte Sprache in den Texten, unverblümt zeitgemäße Sozialkritik und ein sehr viel mehr auf aktuelle Deutsch-Rock-Trends angepasstes, musikalisches Gerüst, welches als repräsentativ für die derzeitige Ausrichtung der sieben Spielmänner angesehen werden kann. Also: Zeigt der Kompass für die acht Karlsruher weiterhin geradeaus oder doch eher „Früher War Alles Besser“? Um der ewigen Diskussion zwischen alten und neuen Fans entgegenzuwirken und eine Tatsache gleich vorab klarzustellen: Das gemeinsame Problem der letzten zwei Alben und auch ganz besonders von „Für Immer Frei“ ist nicht etwa das fehlende Mittelalter oder die komplette Abnabelung von den Ursprüngen. Noch immer sind die Totentänzer auf den entsprechenden Märkten wahnsinnig aktiv, haben ihre Wurzeln also nicht verleugnet oder gar vergessen, woher sie kommen, was gerade vor dem Hintergrund eines Major-Deals nicht selbstverständlich und eine wirklich löbliche Dankesgeste an alle Begleiter ist, welche die Band seit Beginn an getragen und ihren Erfolg maßgeblich mitbestimmt haben. Das hält die Glaubhaftigkeit und Sympathie weiterhin hoch! Und nach wie vor gibt es hin und wieder einzelne Songs oder sogar ganze Alben, die diesen Stil weiterhin einfangen. Wer jedoch reine Marktmusik und generell eher historisches Liedgut will, sollte auf die „Manufactum“-Trilogie zurückgreifen und ähnliche Veröffentlichungen in der Zukunft hoffen, welche es, aufgrund der fortwährenden Bedienung von Rock und Tradition gleichwohl, ganz bestimmt auch weiterhin geben wird. Jedoch fehlt es dem Großteil der neuen Songs an echter Leidenschaft, einer bezeichnenden Identität und vor allem an einem einzigartigen Charakter, der sie auch Jahre später noch denkwürdig und hörenswert macht. Fast kein Song erzeugt das spezielle Gefühl, nach dem Verklingen des letzten Tons sofort noch einmal gehört werden zu wollen. Kaum eine Melodie brennt sich so stark ins Gedächtnis ein, um der Grund zu sein, das Album in ferner Zukunft wieder in den Player einlegen zu wollen. Über weite Strecken entsteht so das ungute Gefühl von Copy-and-paste, dem Kopieren von im Genre längst bewährten Mustern und Erfolgsrezepten mit der verbissenen Hoffnung darauf, unbedingt den nächsten Hit über die Grenzen der Szene hinaus zu landen. Auch der Fakt, sich offen für neue Einflüsse zu zeigen, stets experimentierfreudig zu sein und damit seine Musik einem breiteren Publikum erschließen zu wollen, ist keinesfalls so verwerflich, wie den Musikern immer vorgeworfen wird. Die Welt dreht sich schließlich weiter und Stillstand bedeutet früher oder später den sicheren Tod im Business oder zumindest eine irgendwann nicht mehr aufzuholende Stagnation des eigenen Levels, was doch niemand ernsthaft wollen kann. Nur lässt sich (mehr) Erfolg eben nicht vollends kalkulieren oder am Reißbrett planen. Er geschieht wie durch Zufall, zur richtigen Zeit. Dass „Saltatio Mortis“ den alten Stil noch immer beherrschen, haben sie bereits auf den letzten Werken immer wieder eindrucksvoll bewiesen. Und auch hier gelingt ihnen mit „Loki“ oder „Löwenherz“ wieder eine gute, ausgewogene Balance, während beispielsweise „Linien Im Sand“, „Palmen Aus Stahl“ und sogar „Mittelfinger Richtung Zukunft“ die Kombination aus Folk-Wurzeln, Deutsch-Rock und kritischen Punk-Einflüssen gelungen von der eigentlich ambitionierten Vision dieses Hybriden zeugen. Das funktioniert gerade deshalb, weil man sich hier nicht zu stoisch auf den scheinbar vielversprechenden Schablonen-Sound konzentriert, sondern den Mut beweist, um aus dem Käfig ausbrechen und auch gesanglich zeigt sich Alea hier wohl so voluminös und facettenreich, wie nie zuvor! Vielleicht sollte man sich für die nächste, vollwertige Veröffentlichung auf eine klare Linie einigen, die dennoch genügend Freiraum für interessante Nuancen lässt und sich etwas mehr Zeit für die ausgewogene Ausarbeitung der Ideen nimmt. Stattdessen wirken „Saltatio Mortis“ auf diesem Album aber merkwürdig zerrissen und hörbar um einen leider teils missglückten Kompromiss zwischen Alt und Neu bemüht. Ein bisschen so, als wolle man möglichst alle Hörer zufriedenstellen und wüsste selbst nicht ganz, wie. Schade, denn das enorm hohe Potential, den Willen und insbesondere die Erfahrung für die perfekte Gratwanderung sind nach zwanzig Jahren „Wild Und Frei“ definitiv mehr als nur vorhanden!


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