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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Tanzwut - Die Tanzwut Kehrt Zurück (2021)


Genre: Metal / Folk / Alternative

Release: 28.05.2021

Anzahl Ton- / Bildträger: 1

Label: NoCut (SPV)

Spielzeit: 48 Minuten

Pressetext:

„Die Tanzwut Kehrt Zurück“ - Treffender hätte ein Albumtitel nicht ausfallen können. Und doch ist dieses Werk mehr als einfach nur ein zehntes Studioalbum einer Formation, die zu den Pionieren der deutschsprachigen Rockmusik im mittelalterlichen Gewand gehört. „Die Tanzwut kehrt zurück“ überzeugt durch Härte, musikalische Vielfalt und sinnstiftende Texte. Die Vorfreude auf die Zeit nach der Pandemie, die schiere Gier, wieder vor Fans live aufzutreten und der Wechsel zu NoCut Entertainment - all das spürt man beim Durchhören dieser Platte, die von ihrer Frische her auch ein wütendes Debüt sein könnte. Willkommen zurück, liebe „Tanzwut“!

Kritik:


Tanz mit uns, die Seele brennt


Und zerreiß dein Testament


Trink mit uns vom besten Wein


Die Tanzwut wird dein Schicksal sein


Wie schon eingangs im obenstehenden Pressetext ausgeführt, leitet der namensgebende Titel-Track und zugleich auch die erste Single, „Die Tanzwut Kehrt Zurück“, das neueste und mittlerweile zehnte Studioalbum des hauptstädtischen Septetts in gewohnter Manier äußerst fulminant ein, wobei der sofortig mitreißende, launige Up-Tempo unmissverständliche Rückmeldung und spitzfindige Erfassung des Zeitgeists inklusive positiver Message gleich in einem ist. Das satte Schlagzeug und die brettharte Übermacht der sägenden E-Gitarren sorgen direkt für klassisch druckvollen Rock-Sound im besten Stil der NDH, immerzu maßgeblich unterstützt von den kernig tönenden Marktsackpfeifen. Die Gesellschaft befindet sich fest im Griff der schwarzen Pest, was nützen da noch materielle Güter und Reichtum!? Das Leben und jeden noch so kleinen Moment befreit von alledem zu genießen, lautet hier die klare Devise, wenn Teufel seine Hörerschaft in den Zeilen dieser feurigen Hymne immer wieder zum kollektiven „Durchdrehen“ anheizt. Da verzeiht man auch den ein oder anderen eher zweckmäßigen und abgedroschenen Reim gerne... Die Stimmung ist packend, energiegeladen und dicht, nicht zuletzt auch durch die sehr gelungenen, verqueren Tempowechsel in der Bridge samt einem schön fließenden Übergang zum eingängigen Refrain, der einfach nur sofort mitreißt. Das mittelalterliche Instrumentarium aus tiefen, einschüchternden Trommeln und hypnotisch erhabenen Dudelsäcken ist es dann auch, welches das folgende „Feine Menschen“ gemeinsam mit synthetischen Chören grundiert, bevor daraufhin metallisch röhrende Saiten-Power in unbarmherziger, sperriger Härte alles niederwalzt. In den Strophen sorgt dann ein weiteres beliebtes Element der „Tanzwut“, nämlich die düstere Elektronik mit Industrial-Einschlag, für eine bizarr verspielte Schlagseite, wenn minimalistische Synthie-Tupfer den zynisch dargebrachten Text über die immer weiter um sich greifende Oberflächlichkeit und das krankhafte Streben nach Mehr untermauern. Wie im Genre des traditionellen Mittelalter-Rock so üblich, pflegten auch die sieben Berliner in ihren Texten schon manches Mal ihre maritime Ader und die Sehnsucht nach den schier endlosen Weiten des wogenden Wellengangs. So in der Vergangenheit etwa geschehen beim Klassiker „Meer“ oder auch auf dem letzten Album namens „Seemannsgarn“. Mit der vergleichsweise ruhigeren Halb-Ballade „Bis Zum Meer“ thematisiert die Band einmal mehr die Besinnung auf den Ursprung und das Wesentliche. Alles kommt und geht, fließt irgendwann wieder zurück ins Meer. Der ewige Kreislauf des Lebens. Die positiv-melancholische Fernweh-Grundnote weiß zu gefallen und wird über die gesamte Spielzeit insbesondere gesangtechnisch mit sehr viel hörbarer Hingabe vorgetragen, die im weiteren Verlauf nur noch mehr an purer Intensität gewinnt, wenn am Ende alle Instrumente als geballte Macht zusammenstehen und in schwelgerischer, gar herzzerreißender Leidenschaft implodieren. Definitiv ein neuer Klassiker für die Zukunft und heißer Kandidat für die hoffentlich stattfindende Tournee in 2022! Für das ebenfalls und zuletzt vorab veröffentlichte „Pack“ haben sich Teufel und seine Mannen tat- und sangeskräftige Unterstützung von den nahen Kollegen geholt, denn für dieses launige Duett konnte doch tatsächlich niemand Geringeres als Jörg „Alea der Bescheidene“ Roth, die markante Stimme der erfolgreichen Chart-Stürmer „Saltatio Mortis“, gewonnen werden! Frei nach dem bekannten Motto „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, zelebriert man hier auf raubeinige, doch herzliche Spielmannsart den Zusammenhalt unter Freunden und der Familie der mittelalterlichen Vagabunden-Zunft in guten und vor allem auch schlechten Zeiten. Der Einfluss der engen Kollaboration mit den Totentänzern wird hier auch musikalisch zeitweise stark spürbar, wenngleich man sich für den charmanten Bezug auf die entsprechende Thematik neben dem Mittelalter-Rock-Flair zusätzlich für ein rotziges, verwegenes Wild-West-Flair entschieden hat, sodass die Patronenhülsen vor dem inneren Auge nur so fliegen. In der Tat klingt jene Mischung vielleicht erst noch etwas ungewöhnlich, wurde aber kreativ gelöst und tönt nach mehrmaligem Hören dann sehr spaßig und passend.


Dass sich die „Tanzwut“ ob ihrer noch immer ungemein starken Verwurzelung mit dem fahrenden Volk mit kleinen Zeitreisen aus dem Diesseits heraus bestens auskennt, belegt sie seit jeher nicht nur mit neuen Akustik-Scheiben, sondern auch regelmäßigen Auftritten auf den durch die Lande ziehenden Märkten, wo sie den Gästen unter anderem die Kunst des Puppenspiels bieten. „Die Geister Die Wir Riefen“ ist eine dieser eben erwähnten Zeitreisen und entführt den Hörer mit seinem speziellen Klanggewand aus theatralischer Varieté-Ästhetik stilistisch in das Frankreich der Sechzigerjahre. Das Ergebnis ist ein waschecht groovender Tango auf tanzwut‘sche Art! Ein wirklich schönes Experiment, welches der ohnehin schon hohen Abwechslung deutlich zugute kommt, anfangs jedoch etwas zu gewöhnungsbedürftig einwirkt. Für die intensive Atmosphäre wird der klassische Rock-Anteil hier komplett zurückgefahren, dafür ist die rein akustische Fraktion umso stärker präsent. In den Strophen eher zurückhaltender ausgestaltet und somit mehr auf den Text fokussiert, im Chorus dann hingegen recht schmissig und lasziv tanzbar. Danach lässt man allerdings wieder heftiges Drumming und harsch sägende Gitarren sprechen, denn mit dem brutal um sich prügelnden „Johann“ gibt es jetzt wieder deutlich härtere Kost im bitterbösen NDH-Gewand: Lyrisch nimmt man sich mit dem ehemaligen Scharfrichter Johann Reichhart, der im Bayern der Zwanziger gnadenlos seine schrecklichen Todesurteile vollstreckte, einer zumindest für die Folk-Rock-Szene eher unüblichen Thematik an. Fiese pulsierende Electro-Beats, der diabolisch beschwörende Gesang von Teufel und ganz viel Saiten-Feuer garantieren einen knackigen Nackenbrecher, dessen dunkle Energie der „Tanzwut“ seit jeher gut zu Gesicht steht und zumindest inhaltlich so oder so ähnlich auch von einer anderen, sehr bekannten Band aus der Hauptstadt stammen könnte... Daumen hoch! Das sich daran anschließende „Narziss“ legt sein Hauptaugenmerk mit der rhythmisch vorgegebenen Percussion einer Rahmentrommel und satten Dudelsäcken dann erneut auf die magische Wirkung traditioneller Instrumente und ihre mystische Melodiösität, welche die Spoken-Word-Passagen über grenzenlose Selbstverliebtheit und Egomanie vor dem Hintergrund der gleichnamigen Figur aus der griechischen Mythologie im zugehörigen Intro extrem stimmungsvoll untermalt. Im eingängigen Refrain weicht der verführerische Minnesang schließlich einem deutlich breiteren Aufbau in Richtung rough rockender Mid-Tempo-Nummer und besticht beispielsweise durch seinen schön ausgearbeiteten Mittelteil. Die perfekt austarierte Mischung aus Vergangenheit und Moderne! Mindestens ebenso 100% „Tanzwut“ kommt auch das finster-kosmische „Schwarze Löcher“ daher: Auf das ausgiebige Präludium einer einsam verklingenden Sackpfeifen-Weise folgen blubbernde Electro-Fetzen und losgelöste Schlagzeug-Einsätze, die zusammen mit den kryptischen, verheerenden Lyrics daraufhin in einer schwer schleppenden, massiven Walze resultieren. Im Gegensatz zur schieren Eingängigkeit vieler der vorausgegangenen Songs, verfolgt die Band hier einen merklich experimentelleren Ansatz mit deutlichen Ecken und Kanten. Setzt zeitweise nicht ganz so vehement auf vordergründige Catchyness, sondern eine bewusst nuancierte Monotonie, die später martialisch aufgebrochen wird. Sehr atmosphärisch!


Wetzt die Klingen und macht euch bereit für einen Tanz „Auf Messers Schneide“! Sofort laden die mitreißenden Dudelsäcke und donnernde Percussion mit ihrer hymnischen Sogwirkung zum beherzten, lebensbejahenden Austausch der Energien ein, die sich dann vom kurzen Vorspiel fortan durch den ganzen Song ziehen. Die Strophen werden derweil vornehmlich durch die kernigen E-Gitarren bestimmt, die hier nun in bester Up-Tempo-Manier gefällig und straight nach vorne rocken, der tough powernde Refrain fährt daraufhin ordentlichen Mittelalter-Rock in Reinform auf und packt ab der ersten Sekunde. Sehr solide und gelungen.... Wer sich da nicht unverzüglich in irgendeiner Form bewegt, ist vermutlich schon lange tot! Mit der tragischen Power-Ballade „Allein“ geht es anschließend wieder etwas ruhiger und sanftmütiger zu. Die deutlich reduzierte Auswahl an Instrumenten konzertiert sich mit der sacht eingesetzten Trommel, Harfe und den zauberhaft verschüchterten Flöten ausschließlich auf die Folk-Fraktion und hat in Kombination mit dem rührenden Text über einen wartenden Liebenden auf der Suche nach dem Glück fast etwas von Minnegesang. Das Schlagzeug kommt erst später in der zweiten Strophe hinzu, um dann zusammen mit den harten Saiten in einem eingängigen, wehklagenden Chorus zu enden. Eine der besten „Tanzwut“-Balladen überhaupt, also dafür definitiv beide Daumen hoch! Wie es schon so viele Künstler, die seit jeher in diesem kreativen Kultur-Schmelztiegel verortet sind, in der Vergangenheit getan haben, widmen nun also auch „Tanzwut“ ihrer Heimat mit „Berlin“ ein eigenes Lied, welches die stete Hassliebe zur berühmten Hauptstadt, die viele Ur-Berliner hegen, perfekt beschreibt. Wieder gibt es hier eine extrem eingängige, positiv gepowerte Melodie aus voller Dudelsack-Kraft, welche die perfekte Konstante für die punkig-leidenschaftliche und temporeiche Nummer schafft. Höhen und Tiefen, Exzentrik und Konservative, Luxus und Moloch und doch zieht es einen immer wieder zurück, wie Teufel in seinen Worten der emotionalen Entfernung und Verbundenheit gleichsam passend beschreibt. Ein schmissiger Song mit dem richtigen Drive zwischen Rock und Mittelalter! Natürlich konnten sich auch die sieben tanzwütigen Spielmänner mindestens einen Track zu einer wohlbekannten Thematik, die mittlerweile seit weit über einem Jahr die ganze Welt in Atem hält, nicht verkneifen: „Virus“. Zum grande Finale gibt es hier nämlich nochmals eine mehr als nur amtliche knallende Rock-Peitsche mit choralen Einsätzen, hämmerndem Drumming und heftig schreddernden Gitarren, die einmal mehr fast in tobende Metal-Gefilde abdriften. Ein dramaturgisch perfekt gesetzter Abschluss für die sehr vielversprechende, titelgebende Rückkehr einiger absoluten Genre-Urväter des nationalen Genres.

Tracklist:


01. Die Tanzwut Kehrt Zurück


02. Feine Menschen


03. Bis Zum Meer


04. Pack feat. Saltatio Mortis


05. Die Geister Die Wir Riefen


06. Johann


07. Narziss


08. Schwarze Löcher


09. Auf Messers Schneide


10. Allein


11. Berlin


12. Virus


Fazit:


Wirft man einen kurzen Blick auf die letzten Einträge in ihrer umfassenden Diskographie, so wird schnell unmissverständlich klar, dass die Mittelalter-Rock-Institution „Tanzwut“ insbesondere innerhalb der letzten Jahre mit all ihren regelmäßigen Veröffentlichungen nie so ganz weg war und doch fühlt sich das aktuelle Werk zugleich wie eine verheißungsvolle Rückkehr mit Pauken und Trompeten an: Teufel und seine sechs Mitstreiter besinnen sich bei ihrem neuesten Streich wieder deutlich mehr auf ihre einstigen Wurzeln in den Neunzigerjahren und frühen Zweistausendern und damit eben auch auf ihre erfolgreichsten Abschnitte ihrer mittlerweile weit über zwanzigjährigen Karriere. In nicht wenigen Momenten erinnert der aktuelle Ableger phasenweise an die besten Momente des frischen Debüts und „Ihr Wolltet Spaß“, aber auch „Schattenreiter“ oder „Weiße Nächte“. Die bekannte Berliner Band um den gehörnten Frontmann mischt ihrem markanten Sound aus dunkler Elektronik, druckvollem Drumming und harten E-Gitarren die seit jeher unverkennbare, außerordentlich vollmundige Portion Mittelalter samt kräftigem Schlagwerk und hymnischen Dudelsäcken unter, die zusammen mit den Texten zwischen Vergangenheit und Moderne gelungene Akzente setzen und wieder zu alter Stärke zurückkehren. Das ist in Summe zwar beileibe nichts allzu Innovatives, Neues oder gar noch nie zuvor Gehörtes, aber eben so dermaßen gut aufeinander abgestimmt, eingängig und extrem abwechslungsreich, wie schon lange nicht mehr! In dieser Konstellation entstehen also zuweilen wirklich starke Songs mit ganz viel Klassiker- und Hit-Potential für die (hoffentlich bald) livehaftige Zukunft und damit ein in sich verdammt rundes, stimmiges Gesamtwerk, welches für alle Genre-Freunde kaum Wünsche offen lassen dürfte. So ist „Die Tanzwut Kehrt Zurück“ viel eher als eine