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  • Christoph Lorenz

VNV Nation - Interview (2019)


Es ist Mittwoch, der 20.02.2019, später Nachmittag. Meine Uhr zeigt etwa 16.15 Uhr, als ich die kleine, fast schon unauffällige Einfahrt an der Prinz-Regent-Straße in Richtung der dort beheimateten Zeche hinunterlaufe. In einer guten Viertelstunde ist mein heutiger Interviewtermin angesetzt, trotzdem sollte ich nach Möglichkeit etwas eher da sein, falls es zu ungeplanten Verzögerungen kommt. Da ich nicht genau weiß, wo ich überhaupt hin muss, schaue ich sofort am Haupteingang vorbei, vor dem schon ein einziger, treuer Fan campiert und über sein Handy lautstark „Tomorrow Never Comes“ hört. Er lacht und ist sichtlich froh, hier doch nicht der einzige Verrückte zu sein. Wir unterhalten uns kurz, dann krame ich mein Handy aus der Tasche hervor und wähle die Nummer von Peddy, dem Tourmanager. Es dauert nur wenige Sekunden, da nimmt er auch schon ab. Ich stelle mich vorsichtshalber nochmal schnell bei ihm vor und erinnere an das Interview. „Ach, du bist‘s! Wo stehst du denn?“, fragt er mich. Er verspricht, mich direkt an der Hauptstraße abzuholen und so mache ich mich direkt wieder auf den Weg zurück. Noch bevor ich oben ankomme, läuft er mir schon entgegen und winkt mir freundlich zu. „Hi Christoph!“, begrüßt er mich mit einem Lächeln und schüttelt mir die Hand. „Toll, dass du schon hier bist, hat ja alles super geklappt! Dann komm mal mit.“, sagt er und hält mir die unscheinbare Seitentür zum Backstage auf. Er wirft einen schnellen Blick in einen kleinen Raum zu unserer Linken und bittet mich dann herein. „Das hier ist die Garderobe, Ronan kommt bestimmt auch gleich. Magst du vielleicht etwas trinken?“, fragt er und ich entscheide mich dankend für ein stilles Wasser, das ich auch prompt in die Hand gedrückt bekomme. Ich nehme auf dem bequemen Ledersofa Platz und bereite alles vor. „Sag mal, möchtest du dir das Konzert heute Abend eigentlich auch noch anschauen? Dann schreibe ich dich eben dazu!“, bietet mir Peddy an und ich stimme freudig zu. „Alles klar, jetzt muss ich auch wieder los!“, sagt er und wir verabschieden uns. Was für ein schöner Empfang! Während ich hier so auf der Couch sitze und mich darüber freue, dass alles so gut geklappt hat, bemerke ich, dass ich jetzt doch ein wenig nervös werde. Mein letztes Gespräch mit Ronan liegt etwa zwei Jahre zurück und ist sowohl einigen Lesern als auch mir selbst in allerbester Erinnerung geblieben, zählt es doch zweifelsohne zu den emotionalsten Interviews bisher und das mit einem der größten Künstler dieser Szene, der sich ganz nebenbei auch noch als ungemein offener, gastfreundlicher und sehr herzlicher Mensch entpuppte. Als ich nochmal meine Fragen durchgehe, höre ich aus dem Nebenraum eine Stimme. Nur wenig später öffnet sich plötzlich die Tür und ein mir sehr bekanntes Gesicht schaut durch den kleinen Spalt in die Garderobe herein. „Es tut mir wirklich wahnsinnig leid. Ich bin in zwei Minuten da, okay?“. „Klar doch, kein Problem!“, sage ich. Dann herrscht etwa für eine Sekunde lang Stille. Der Mann mustert mich und guckt mich verwundert an. Ich gucke ihn verwundert an. „Ach, du bist‘s!? Das ist doch schön, wir haben uns ja schon echt lange nicht mehr gesehen!“, strahlt Ronan Harris freudig und kommt herein. Wir begrüßen uns und ich schaue ihn in dem Moment vermutlich noch verwunderter als vorher an, weil er sich tatsächlich noch an mich erinnern kann. „Du, sei mir bitte nicht böse. Ich bin wirklich in zwei Minuten bei dir, ja?“, entschuldigt er sich und verschwindet nochmal für einen kurzen Augenblick. Es dauert nicht mehr lange und schon ist er wieder da und rückt sich einen Stuhl zu mir heran. „Na, wie geht’s dir?“, fragt er mich strahlend. „Mir geht’s super!“, sage ich und erwähne, dass ich nun doch ein wenig aufgeregt bin, weil mein letztes persönliches Interview schon länger zurückliegt. „Warum das denn? Alles gut!“, lächelt er zuversichtlich. Wir unterhalten uns etwas über Musik, unser letztes Gespräch, meine Website und die schwarze Szene im Allgemeinen. „Damals ging’s in der Szene noch nicht so sehr um diesen Wettbewerb, wie es heute oft der Fall ist, weißt du? Es gab viel mehr Zusammenhalt und ein gemeinsames Lebensgefühl. Zu dieser Zeit sind auch die besten Sachen entstanden, eben weil sie noch mit Herzblut gemacht waren. Dass du das mit deiner Seite auch so machst, finde ich echt toll von dir und die Leute werden das bemerken. Das ist der einzig richtige und ehrliche Weg für Kreativität!“, erzählt er und ich fühle mich sofort aufrichtig geehrt. „Sag mal, rauchst du eigentlich noch?“, fragt er und ich stimme zu. „Okay, dann hole ich mal schnell einen Aschenbecher.“, sagt er und verlässt den Raum für kurze Zeit, bevor er bald mit einem kleinen Pappbecher wiederkommt und diesen mit ein wenig Wasser auffüllt. „Wir improvisieren jetzt einfach!“, lacht er und öffnet das Fenster. „Oh, sind das etwa Menthol-Zigaretten? Dürfte ich vielleicht eine davon haben? Meine hier habe ich aus Italien mitgebracht, aber die schmecken mir ehrlich gesagt nicht so besonders.“, deutet er auf ein blaues Päckchen vor ihm. Wir tauschen unsere Zigaretten aus und geben uns gegenseitig Feuer, nur wenig später klickt auch schon der kleine Knopf meines Diktiergerätes...

Roggenfaenger: Das neue Album von „VNV Nation“ trägt den ebenso klangvollen, wie in kultureller Hinsicht gleichzeitig auch doppeldeutigen Titel „Noire“. Ein Wort, das einerseits aus dem französischen Sprachgebrauch übersetzt so viel wie „Schwarz“ oder „Dunkel“ bedeutet, andererseits aber auch die Definition eines klassischen Film-Genres darstellt. Unter dem sogenannten „Film Noire“ versteht man US-amerikanische Kriminalfilme aus den 40er und 50er Jahren, denen eine zynische Weltanschauung als Basis für ihre jeweilige Handlung zugrunde liegt. Das erscheint vor allem deshalb auch so passend, weil du dich beim Artwork der einzelnen Alben seit jeher auch einer gewissen Ästhetik bedienst, die nicht selten genau davon inspiriert erscheint, oder? Ich denke da gerade zum Beispiel an die architektonische Gestaltung der „Art déco“ oder auch an den revolutionären Klassiker „Metropolis“ von Fritz Lang. Erzähle doch zunächst bitte etwas zur optischen Gestaltung von „Noire“ und dessen Aussage...

Ronan Harris: Es hängt ganz davon ab, wie sehr man mit dieser kulturellen Ästhetik vertraut ist und wie viel Verständnis du allgemein von Design hast. Aber ich habe immerzu gedacht, dass mich die Leute vielleicht einmal spezifisch danach fragen würden und ich ihnen dann erzählen kann, worum es dabei genau geht. Das damalige Cover-Artwork zu „Futureperfect“ basierte auf den Postern zur 1933er „Chicago’s World Fair“ und der zeitgleich stattfindenden Ausstellung. Ein Wettbewerb zur bildlichen Darstellung der Vision einer nahenden Zukunft. Zu dieser Zeit habe ich ihre Ideen und die jeweiligen Stilistiken, die sie damals für die visuelle Präsentation genutzt haben, aufgegriffen und sie in einen grauen, klinischen und monotonen Kontext gesetzt dargestellt, weil dem eine ganz besondere Ironie innewohnte. Einerseits haben wir diese wundervolle, positive Vorstellung von einer besseren Zukunft gehabt und dann gab es andererseits noch die reale Zukunft, in der wir letzten Endes zu Beginn der 2000er tatsächlich gelandet sind… Es war der Beginn eines neuen Jahrhunderts nach dem gerade eben angesprochenen Futurismus und dennoch hatten wir eine Welt mit mehr Problemen, als jemals zuvor. Ja, es gab sicher auch einige gute Dinge, aber eben auch eine ganze Menge an aufkeimenden Problemen, die wir nicht gelöst haben oder lösen konnten. Hinter jedem Artwork zu den einzelnen Alben steckt eine eigene Intention, ich könnte wahrscheinlich jahrelang darüber reden (lächelt). Das Cover zu „Noire“ wurde praktisch als Neonschriftzug ausgestaltet, welches versucht, eine gegensätzliche Szenerie möglichst attraktiv, erfüllend und ansprechend aussehen zu lassen. Und das alles, vor einer bröckelnden, zerstörten Fassade. So wie in einem Keller einer alten, stillgelegten Fabrik. Das ist das Gefühl, welches ich dabei hatte. Es sollte den Anschein haben, etwas Dunkles, Unbewohntes und Unbehagliches möglichst dekorativ erscheinen lassen zu wollen. Es gibt hier tatsächlich eine gewisse Affinität zur Cineastik, aber nicht als klassische Referenz. Eher wie ein Reklameschild für einen Nachtclub irgendwo im tiefsten Untergrund eines verlassenen Gebäudes, dem eine dunkle, unheilvolle Zukunft innewohnt. Ja, das wär’s soweit zum Cover!

Roggenfaenger: Ich habe gerade eben bereits zwei mögliche, sehr weit gefasste Interpretationen zum mystischen Titel der aktuellen Veröffentlichung in den Raum geworfen, aber ich vermute, dass tatsächlich noch weitaus mehr dahinter steckt. Warum hast du dich ausgerechnet für „Noire“ als übergreifende Zusammenfassung der insgesamt dreizehn Songs entschieden und welche spezifische Stimmung wolltest du damit explizit zum Hörer transportieren? Oder ganz anders gefragt: Was betrachtest du praktisch als die innewohnende Kernaussage des Albums?

Ronan Harris: In der männlichen Form, ja. Die weibliche Inkarnation ist hingegen etwas, über das Schriftsteller, Maler und Komponisten ab der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erstmals zu sprechen begannen, als das Schaffen dahingehend seinen kreativen Höhepunkt erreichte. Dieses spezielle Gefühl der Nacht, diese innigliche Tiefe in dir selbst, in die du dann zum Erschaffen einer gänzlich anderen Ästhetik und Inspiration vordringst. Es ist eine Reise durch das eigene Ich. Eine ganze Menge an Schöpfern und visuellen Künstlern würden dir wahrscheinlich sagen, dass das, was du des Nachts tust, sich komplett von dem unterscheidet, was tagsüber um dich herum geschieht. Es ist, wie eine andere Welt. Im Speziellen ganz spät nachts, wenn die gesamte Welt schläft. Alles ist leer und verlassen. Es hat diese gewisse Abstraktion, weil alles Leben plötzlich verschwunden ist. Es gibt keinerlei Ablenkung, keine Geräusche durch äußere Einflüsse. Einzig die Lichter um dich herum, du bist allein gelassen. Es kann zwar wirklich sehr verführerisch sein, aber auch sehr einsam oder traurig. Dieser Prozess intensiviert eine ganze Menge an Emotionalen und Ideen in dir. Ich habe nachts damit begonnen, das Album zu schreiben. Ich saß an meinem Computer und habe tausende E-Mails beantwortet, bis ich auf einmal diese Idee für eine Melodie hatte. Zufälligerweise stand ein Keyboard vor mir und ich dachte mir, „Okay. Ich glaube, ich spiele jetzt für eine kleine Weile etwas Synthesizer.“. Der erste Ton, den ich damit traf, war der konträre Break, den es dann in „A Million“ geben sollte. Und genau das war der Auslöser! Innerhalb einer einzigen Minute hatte ich das ganze Konzept, das Gefühl für das Album. Und das ist das Allerwichtigste, weil es jeden Song irgendwie miteinander verbindet. Egal, ob dieser dann positiv, sentimental oder dunkler ausfällt, alles wird sich dem fügen. Für mich war es meine persönliche Nocturne (Anm. d. Red.: Eine in der Zeit des Barock entstandene Musikform), meine eigene Symphonie für die Nacht. Manche Leute würden die Dunkelheit vielleicht anders sehen, aber die ursprüngliche Idee dahinter war die Findung zu sich selbst. Eine Konfrontation mit dir, eine lockende Dunkelheit, die dich immer mehr in sich hineinzieht. Sie bietet dir etwas Sinnliches, etwas Verheißungsvolles… Aber es ist gleichzeitig auch eine gefährliche Reise. Eine intensive Erfahrung, die dich in eine tiefe, verborgene und dunkle Seite deiner Selbst führt. Du musst dich mit einer Menge auseinandersetzen, von Angesicht zu Angesicht. Dieses Album war auf eine gewisse Weise mein Trip in die eigene Unterwelt. Das mag manchen Leuten eventuell ziemlich seltsam erscheinen, weil ich es ihnen erst erklären muss, worauf das alles fußt, aber genau das ist auch der Grund, weswegen ich sagte, dass das Album von Anfang bis Ende durchgehört werden sollte. Weil jeder Song gewissermaßen den Effekt auf dich hat, dass dein Gefühl beim Hören vom vorherigen Titel inspiriert ist. Es ist nicht einfach bloß so eine „Wegwerf“-Musik für den schnellen Konsum oder ein Haufen von netten Melodien… Ich habe einige Kommentare von absoluten Idioten gelesen, die diese Intention dahinter nicht verstanden haben. Diese Leute verstehen rein gar nichts. Sie mögen es immer möglichst simpel, sie mögen es stumpf und fühlen sich dann davon gelangweilt. Ich mache keine solche Musik, es steckt so viel mehr intellektuell Bedeutsames darin. Aber ich werde das, was ich da tue, nicht extra verwässern oder vereinfachen, nur damit manche von ihnen das auch verstehen können. Eine Nocturne mit auf dem Album zu haben, war mir wirklich wichtig und zudem auch etwas, das sehr logisch für mich war. Ich saß allein im Studio und begann damit, einfach so etwas Piano zu spielen und komponierte das ganze Stück in diesem Moment somit spontan. Es ist einer dieser inspirativen Momente, die du nur sehr selten hast, aber wenn du sie hast, verliere und verschiebe sie nicht und sage, „Ach, ich werde mich schon daran erinnern!“, denn dieses eine Gefühl, das du währenddessen hast, wird vergehen. Also musst du diesen Moment festhalten. Ich habe es wirklich genossen und geliebt, so etwas zu machen, weil es für mich wie eine Reise zu so vielen Emotionen und Stationen meines Lebens war und es in meinem Inneren so viele Dinge über mich gab, denen ich dazu erst begegnen musste. Zudem geschah das alles in einem recht merkwürdigen Abschnitt meines Lebens, da ich die Umgebung um mich herum für die letzten zweieinhalb Jahre als sehr toxisch und negativ empfunden habe. Es ist unter anderem ein Teil der Musikindustrie, dass es immer gewisse Personen geben wird, die eigentlich nur kleine Jungen sind, aber so tun, als seien sie echte Männer. Und sie lieben das Drama, das ganze Theater und all den Tratsch und ich wollte eine Menge dieser Menschen von mir fernhalten und das, was ich tue, davon so weit wie möglich isolieren. In meinem Privatleben habe ich ebenfalls so unglaublich viele Dinge geändert, auch an mir selbst. Ich habe realisiert, dass ich erst Dieses verändern muss, bevor ich auch Jenes verändern kann. Es war wie eine komplette Neugestaltung, fast wie ein Aufräumen. Ich denke, dass viele Leute gar nicht bemerken, wie dermaßen viele giftige Personen sie umgeben, bis sie innehalten und einmal darüber nachdenken. Ich muss nicht ständig alles hinnehmen, ich muss überhaupt nichts. Es ist mein eigenes Leben und ich kann damit tun und lassen, was immer ich will. Also anstatt alles stumm zu ertragen, habe ich in einem etwa zweijährigen Prozess vor der Produktion damit begonnen, eine Menge an negativen Einflüssen zu beseitigen und stattdessen an denjenigen festzuhalten, die positive Energien zutage fördern. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hippiemäßig, aber es ist gut für dich und dein Leben. Es ist wenig, wie in den Garten zu gehen und dort etwas aufzuräumen, weißt du? (lächelt). Es erscheint da wahrscheinlich nur schlüssig, dass „Noire“ am Ende dieses Prozesses herauskam. Ich habe also viele Dinge an meiner Herangehensweise geändert, wie ich arbeite, wie mein Leben aussieht und mit wem ich darin zutun habe. Ich war sehr glücklich darüber, befreit und erleichtert. Aber es hat gleichzeitig auch eine Menge an Kraft gekostet und Unterstützung dazu gebraucht, diese Veränderungen vorzunehmen. Ich war auch sehr glücklich darüber, dadurch herauszufinden, wer meine wahren Freunde sind und wer so zu mir steht, wie ich zu ihnen. Wenn dir die Leute sagen, „Ich stimme dir da jetzt zwar nicht zu, aber stehe trotzdem zu 100% hinter dir!“, ist es richtig.