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Rammstein - Rammstein (2019)

17.05.2019

Genre: Metal / Alternative

Release: 17.05.2019

Format: CD

 

Anzahl Ton- und Bildträger: 1


Label: Rammstein (Universal Music)

 

Spielzeit: 47 Minuten


Pressetext:

 

Vereinzelte Statements in den letzten Jahren, Andeutungen in Interviews, viele Gerüchte – all das kann endlich ad acta gelegt werden: Am 17. Mai veröffentlichen "Rammstein" Studioalbum Nummer 7! Das Album ist unbetitelt und enthält wie alle "Rammstein"-Alben 11 Songs, die in den "Studios La Fabrique" in der Abgeschiedenheit der französischen Provence nahe Avignon aufgenommen wurden. An den Reglern saß dabei, neben der Band selbst, erstmals der in Berlin ansässige Produzent Olsen Involtini. Das Album erscheint als Standard Digi-Pack, Special Edition und Doppel-Vinyl.

 

Kritik:

 

"Jede Nacht ich heimlich stieg auf den Rücken der Musik

 

 Leg' die Ohren an die Schwingen, leise in die Hände singen

 

 Jede Nacht und wieder flieg' ich einfach fort mit der Musik

 

 Schwebe so durch alle Räume

 

 Keine Grenzen, keine Zäune!"

 

„Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...“, verhießen die einleitenden Zeilen der hymnischen Eröffnungszeremonie „Rammlied“ vom letzten Studioalbum „Liebe Ist Für Alle Da“ anno 2009, dessen Release mittlerweile schon ganze zehn Jahre weit zurückliegt. Unterdessen kochten im Internet nicht selten zahllose Gerüchte über eine etwaige Trennung oder gar Auflösung der Band hoch, die Hoffnung auf eine weitere Veröffentlichung schwand zunehmend. Zugegeben, absolute Funkstille herrschte im Hause der sechs Herren aus Berlin aber nicht: So erschienen in der jüngsten Vergangenheit neben der umfassenden Best-Of-Compilation „Made In Germany“ samt ausgedehnter Welt-Tournee etwa die zwei Singles „Mein Land“ und „Mein Herz Brennt“, sowie die beiden spektakulären Live-Dokumentationen „In Amerika“ und „Paris“. Auch auf den nationalen und internationalen Bühnen zahlreicher Festivals, deren glanzvoller Höhepunkt fraglos das dreitägige Heimspiel in der Waldbühne markierte, untermauerten die berüchtigten Provokateure mit ausgewählten Shows ihre feurige Monopolstellung und verkündeten bereits im stimmungsvollen Opener „Ramm4“ jene gewichtigen Worte, die von abertausenden Fans weltweit sehnlichst herbeigesehnt wurden: „Wir sind wieder da!“. Doch sollte vorerst noch einige Zeit ins Land ziehen, bis man sich im Herbst des vergangenen Jahres unter dem ominösen Hashtag #gebtfeinacht und der simultanen Ankündigung zur ersten, eigenen Stadion-Tournee quer durch Europa schließlich so imposant wie eh und je zurückmeldete. Weiteren Stoff für heiße Diskussionen bot dabei vor allem ein dreißigsekündiger Teaser-Trailer zur ersten Single „Deutschland“, in welchem sich die Band selbst als KZ-Häftlinge am Galgen inszenierte und der noch weit vor der vollständigen Video-Ausstrahlung einen medialen und interkulturellen Skandal auslöste... Wieder einmal. Die zweite Auskopplung namens „Radio“ zeigte sich hingegen um einiges bekömmlicher, wenngleich nicht weniger kritisch und vereinte die treue Anhängerschaft zur Premiere gleich in mehreren Städten zum gemeinsamen Public Viewing. Unglaublich: Nach einer ganzen Dekade findet das quälend lange Warten am 17.05.2019 unter Universal Music sein Ende. „Rammstein“ melden sich mit ihrem nunmehr siebten, unbetitelten Studioalbum zurück, welches, wie allein das minimalistische Cover-Artwork vermuten lässt, auch dieses Mal wieder ordentlich Zündstoff bietet.

 

Technoid elektrisierende, nervös flirrende Synthie-Spuren rotieren wild umher, duplizieren sich dabei immer und immer wieder im Loop, steigern unermessliche Intensität. Drohend, sich beinahe selbst zu überschlagen. Kurz vor dem zu vermutenden Höhepunkt wird das organisch pulsierende Konstrukt jedoch durch die erschütternde Kraft plötzlich angeschlagener, metallischer Saiten harsch einschneidend unterbrochen. Das konträre Muster beider Elemente wiederholt sich druckvoll und kollidiert danach mit dem anfänglich zurückhaltenden Einsatz des jetzt konstant ansteigenden Schlagzeugs, um schließlich in der unvermeidlich aufrüttelnden Gitarren-Urgewalt eines schnell gespielten, aufstrebend powernden Riffs zu implodieren. Ein Song, handelnd von einem so elementaren und zugleich doch nicht minder heiklen Thema, welches zu exakt dieser einen Band wie die viel zitierte Faust aufs Auge passt und von dem Fans und Kritiker seit Beginn jener unnachahmlichen Erfolgsgeschichte vor rund fünfundzwanzig Jahren wohl gleichermaßen vorhersehbar konstatiert haben dürften: Warum erst jetzt!? So beweisen die sechs Berliner, die das brandgefährliche Spiel mit stereotypen Klischee-Vorlagen einerseits nahezu perfekt beherrschen und dennoch immerzu vollkommen unberechenbar blieben, abermals inhaltliches Feingefühl und setzen ein selbsterklärendes Statement genau zur richtigen Zeit ab. Nicht irgendwie, sondern in Form eines übermächtigen Donnerschlages, der einfach gehört werden muss. Ja, gar nicht ignoriert werden kann. Allein der bloße Titel in all seiner simplifizierten Schlichtheit für sich genommen schon ein Quasi-Tabu, das vorab ungleich hohe Wellen schlug und der Gesellschaft aller unbescholtenen Natürlichkeit zum Trotz allein damit schon den Spiegel vorhält. „Du. Ich. Wir. Ihr.“ oder in einem Wort, dem unwiderruflich bitterer Beigeschmack anhaftet, zusammengefasst: „Deutschland“. Pointiert untermauert und sorgfältig akzentuiert von leichten Drum-Schlägen und einem dezenten, sanft gestimmten Keyboard-Sound, der hier gerade durch seine schiere Zurückhaltung umso wirkungsvoller erscheint, fräst sich plötzlich das ungemein signifikante, dunkle Organ von Frontmann und Sänger Till Lindemann tief in das Gehör. „Du hast viel geweint. Im Geist getrennt, im Herz vereint.“, singt er, während Gitarrist Richard Z. Kruspe die Anfänge der jeweiligen Zeilen wie ein nachhallendes Echo tausender Stimmen und Haltungen spiegelnd aufgreift. Dabei geht es nicht allein um Aufsplitterung in zwei Staaten, sondern allen voran um den inneren Konflikt der Deutschen, der sich wie ein roter Faden durch die nationale Historie zieht und sodann in einem brachial niederdonnernden Refrain seine endgültige Befreiung findet. „Mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen. Dein Atem kalt, so jung und doch so alt. Deine Liebe ist Fluch und Segen. Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben!“, bekennt Lindemann und kennzeichnet so das ambivalente Verhältnis und die pure Zerrissenheit der Deutschen zu ihrer Identität und dem eigenen Land, aber auch zwischen Ost und West, Stärke und Schwäche, Übersättigung und Hilferuf, Größenwahn und Selbstkasteiung, Vergangenheit und Zukunft, Schuld und Stolz. Zum Ende der zweiten Strophe hin, hält man mit der einst verbannten Passage aus dem ursprünglichen „Deutschlandlied“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in abgewandelter Form noch einmal bewusst kalkuliertes Skandal-Potential bereit. „Überheblich, überlegen, übernehmen, übergeben, überraschen, überfallen - Deutschland, Deutschland über allen!“. So vermag es die Abänderung eines einzigen Buchstabens, eine gänzlich neue Ebene zu eröffnen und sich als provokative Spitze treffsicher in die Magengegend zu bohren. Eine retrospektive Betrachtung und die Geschichte eines Landes feinsinnig in nur einem Satz destilliert. Noch viel mehr ist es aber die realistische Bestandsaufnahme des Status Quo und den Altlasten vergangener Tage, die seit jeher wie eine dunkle Wolke über dem Volk schwebt und jeden noch so kleinen Aufschwung im Keim zu ersticken droht. Das Land der Dichter und Denker: Auf der einen Seite weltbekannt für seine deutsche Pünktlichkeit, Genauigkeit, Nachhaltigkeit und Wertarbeit. Erfinder der Autobahn, geschätzte Technik-Vorreiter, gerühmtes Wirtschaftswunder, Mauerfall und Wiedervereinigung. In der gegenüberliegenden Waagschale jedoch die schweren Altlasten: Von der Germanicus-Offensive, Kreuzzügen und dem Hexenhammer, über die SED und DDR, Hyperinflation und Weimarer Republik, zwei Weltkriege und Rassenhass, Aufstieg und Fall, bis hin zur Demokratie und Instrumentalisierung, Flüchtlingskrise und Radikalisierung, die zwar niemals mehr vergessen, doch gänzlich verarbeitet werden sollten. Folglich scheinen die Deutschen als Vorsichtsmaßnahme, um nicht rückfällig zu werden, wie gelähmt, sich und der gesamten Welt wieder ihren Nationalstolz zeigen zu können, der höchstens noch im Rahmen der Weltmeisterschaft erlaubt scheint. Mindestens aber ebenso unfähig, kritische Fragen zur Veränderung zu stellen, aufzubereiten und mit der Vergangenheit abzuschließen, um sich selbst lieben und endlich wieder nach vorne blicken zu können. „Rammstein“ ist mit jener Anti-Hymne fraglos eine klarsichtige Analyse am Puls der Zeit gelungen, die gleich in vielerlei Dimensionen so viel mehr ist, als der von Journaille und Gegnern lüstern ersehnte PR-Gag zum reinen Selbstzweck. Eine authentische Momentaufnahme, die weder patriotische Lobeshymne noch geifernden Abgesang darstellt, zudem genügend interpretativen Spielraum in diverse Richtungen lässt und das eindimensionale Kratzen an inhaltlichen Oberflächen parallel verlacht. Am Ende dieses epochalen Mammutwerks steht eine (vorerst) endgültige Stellungnahme: „Meine Liebe kann ich dir nicht geben!“. Gewichtige, ungeschönte und nicht weniger ehrliche Worte, die sich fortan ins Gedächtnis einbrennen sollen, um schlussendlich mit hauchzarten Piano-Tupfern in der weiten Leere zu verhallen. Ein elektronisch verzerrtes Pochen dringt beständig klopfend vor, lädt knisternde Spannung auf und gibt schon bald den Startschuss für eine angriffslustig sägende Riff-Front und gestreng marschierendes Drumming, das nun enorm fordernd einsetzt, das kompromisslose Arrangement erbarmungslos straight nach vorne zu peitschen. Stets dominant durchsetzt von experimentellen, retrolastigen Sound-Spielereien, die mitunter verdächtig stark an die uniquen Samples des beliebten Über-Hits „Du Hast“ erinnern, ergibt sich so ein energetischer Up-Tempo mit einem flüssigen Groove, dem sich so schnell niemand entziehen kann. Zunächst noch deutlich ungewohnt, werden die einzelnen Strophen lediglich von Synthesizer und verqueren Beats ausgefüllt, bleiben also vorerst rein elektronisch. Somit gelingt zudem eine höhere Konzentration auf den Text, in dem sich das lyrische Ich des nachts ungesehen zum charmant betitelten „Weltempfänger“ schleicht, um dem verbotenen Programm zu lauschen. Das „Radio“ als einziges Tor zu einer scheinbar anderen Welt. So nah und doch so fern. Erst der packende und zudem ungemein eingängige Chorus, dessen viel skandiertes Gefühl der ersehnten Freiheit hier perfekt transportiert wird, lässt dann wieder verstärkt fusionierende Gitarrenarbeit zu und pusht weiter. Lindemann findet mit seinen vertrackten Wortspielen innerhalb der Zeilen, wie etwa „Meine Ohren werden Augen“, gewohnt klang- und fantasievolle Gleichnisse der Bildsprache, um seine Gedankenwelt in eine ganz eigene Poesie zu kanalisieren, die das nostalgisch behaftete Ost-Gefühl jener Zeit zu vermitteln weiß. Der Zwischenpart entledigt sich dann aller bisherigen Konventionen und intensiviert die Percussion, während Lindemann so ausdrucksstark wie eh und je seine nächtlichen Ausflüge auf dem Rücken der Musik intoniert, mit markanten Betonungen und der Lyrik gleichwohl spielt, bis eine maschinell inspirierte Vocoder-Komponente der Düsseldorfer Legende „Kraftwerk“ ihren verdienten Tribut als Vorreiter der deutschen Musikszene zollt. Gänzlich ungeachtet dessen, mittlerweile selbst zu einer solchen avanciert zu sein. Glaubhaft inszenierte Geschichtsstunde, kritischer Denkanstoß und bitterböser Saitenhieb auf ein totalitäres System, welches nicht nur versucht war, das kulturelle Sichtfeld der eigenen Bevölkerung zu eigenen Zwecken vor fremden Einflüssen hinter den Mauern kleinzuhalten, sondern als Wechselwirkung auch eine künstlerische Rebellion aufleben ließ, deren Wurzeln und Wirken prägend bis ins Hier und Jetzt reichen. Jene streng strukturierte Bevormundung, die in absoluter Kontrolle eines aufmerksamen Überwachungsstaates resultierte, auf dessen Pfaden sich die heutige Regierung dieser Tage wieder zu wandeln anschickt, womit man simultan einen gekonnten Bogen zu aktuellen Geschehnissen schlägt.

 

Epochal anmutende Chöre erheben sich Ehrfurcht gebietend und erschaffen schnell eine sakrale Atmosphäre. Zwar lässt sich hier unleugbar Latein vermuten, doch fällt bei genauerer Betrachtung der Linguistik erst auf, dass sich jene Worte als die gleichen inhaltsleeren, hohlen Pseudo-Phrasen veralteter Schriften entpuppen und somit mehr Schein als Sein sind. Nur wenige Sekunden später bricht stark verzerrtes Riffing mit dieser Struktur und nimmt schon bald an Fahrt auf. In den Strophen greift dann ein finster gerauntes Reimschemata aus Alliterationen, das gespenstisch von abgründig tiefen Beats durchsetzt wird. Pechschwarz und süffisant werden hier die zurecht fragwürdigen Tugenden menschengemachter Gebote und dunklen Machenschaften religiöser Prinzipien aufgedeckt, indem die existentialistischen Glaubensfragen der Hirten und ihrer folgsamen Herde anhand trügerischer Doppelmoral angezweifelt werden. Zeitgleich verleiht man den ungehörten und unterdrückten Hilfeschreien ein aussagekräftiges Sprachrohr, was nicht unwesentlich an „Halleluja“, die B-Seite der „Links 234“-Single, aus einer anderen, beobachtenden Perspektive gemahnt. Dein eingeflochtene Details, wie das kurzzeitige Aufblitzen einer himmlischen Oboe, steigern die Intensität unterschwellig, bis das Einsetzen des übermächtigen Refrains sodann einem wahren Befreiungsschlag von allen Lügen gleichkommt. Die dunklen Wolken schwinden, unterdessen interniert Lindemann in einer hellen, glasklaren Anklage von majestätischem Ausmaß. Wo ist Gott, wenn wieder einmal Unrecht in den eigenen Reihen unter dem Deckmantel aller (Schein-)Heiligkeit geschieht? „Zeig dich“! Eine tanzbare röhrende Melodie irgendwo zwischen catchy EDM-Rhythmen und Ballermann-Techno heult unversehens auf und entfacht sofort ein ausgelassenes Urlaubsfeeling aus wildem Party-Exzess und Clubbing-Tour, bis dann harte Gitarren einsteigen und den poppigen Vibe zusammen mit dem knüppelnden Schlagzeug zu einer aggressiven Dampfwalze vereinen. Dreckig dröhnender Electro-Sound und wummernde Bässe regieren die Strophen maßgeblich, in denen schwarzhumorig-fiese Spitzen stetig sarkastisch gewürzte Untertöne versprühen. Die Krönung folgt dann in Form der Bridge: „Ich bin kein Mann für eine Nacht... Ich bleibe höchstens ein, zwei Stunden!“, die unschuldig anbiedernd reges Fernweh im Disco-Fox-Style betonen und kurzerhand im zynisch kokettierenden, exotisch angehauchten Refrain münden. Das lyrische Ich geht auf Reisen in ferne Länder, um sich dort, losgelöst von den eigenen Wertvorstellungen, mit fremden Frauen zu vergnügen. Es ist der zeitweise Verlust aller gesellschaftlichen Normen und Manieren, zugunsten stumpfsinniger Oberflächlichkeiten. Das eigene Gewissen hat Ferien! Hier wird niemand verschont. Erst recht nicht, als die letzten Zeilen den Spieß umdrehen und den bisherigen Blickwinkel mit einem gierig lockenden „Du kommen mit, ich dir machen gut!“ in gebrochenem Deutsch unbequem ad absurdum führen. Immer den animalischen Trieben folgend, verteilt Lindemann zwischen Macho-Chauvinismus und lüsternem Sextourismus despektierliche Schelte, relativiert etwaige Sichtweisen und konfrontiert unverblümt mit der Wahrheit: Jeder ist irgendwo auf der Welt ein „Ausländer“. Ungewöhnlich, überraschend, frisch und trotzdem oder gerade deswegen zu 100% „Rammstein“ pur! Hypnotisches Klirren zieht den Hörer trügerisch anheimelnd in seinen Bann, bevor rau groovende Saiten-Power losbricht und lässiges Western-Feeling verströmt. Auch das Schlagzeug gleicht sich dem an und füllt die Strophen mit seinem rasant galoppierenden Takt aus - Der wilde Ritt beginnt! Ein perlendes Klangspiel und schrill aufheulende Sirenen untermauern dabei den kräftig schmetternden Refrain, textlich fehlt von der üblichen Subtilität jede Spur. Viel eher zeichnen sich die Lyrics, die nicht nur den Akt selbst tänzelnd umschreiben, sondern indirekt auch ironisch vorgetragen übermäßige Sexualisierung, Sucht und Überdruss kritisieren, passend zum Thema durch ihre derbe Offenheit aus. „Wir leben nur einmal, wir lieben das Leben!“, heißt es da etwa sorglos. Neben einem leichten Autotune-Einfluss beim Gesang, glänzt Christian „Flake“ Lorenz hier gegen Ende zudem mit einem außergewöhnlichen Keyboard-Solo mit wilder Freestyle-Attitüde, ehe die Gitarren wieder donnernd einsteigen und den Song als harsch bretterndes Metal-Manifest zum Outro führen. „Besser liederlich, als wieder nicht!“ oder schlicht und einfach: „Sex“. Eine unheimliche Geräuschkulisse aus grotesk verfremdeten Samples und obskuren Ton-Fragmenten lässt nun schleichend eine rasch einnehmende und nicht weniger bedrohliche Atmosphäre erwachsen, die sich, wie die im verzweifelten Pre-Chorus besungenen, dunklen Wolken, immer mehr zu verdichten beginnt und alles in ihren pechschwarzen Sog zieht. Als befremdlicher Kontrast agiert eine hell verwobene Gitarre in den beklemmend ausgestalteten Strophen und verströmt mit ihrer sonderbar täuschenden, friedlichen Weise eine bittersüße Melancholie, welche die Trauer und Einsamkeit des lyrischen Ichs erschreckend greifbar werden lässt. Lindemann spielt hier eine seiner immersiven Stärken voll aus und begibt sich in meisterhafter Geschichtenerzähler-Manier direkt in die Rolle eines gesellschaftlich isolierten Kindes, das, offensichtlich getrennt von den Eltern, bei seiner älteren Schwester aufwächst, die sich tagtäglich im Nebenzimmer prostituiert und es währenddessen im Nebenzimmer einsperrt. Völlig abgeschnitten von der Außenwelt, soll neben den verabreichten Medikamenten vor allem auch das tröstende Geschenk, die titelgebende „Puppe“, den verstörten Protagonisten für jene Stunden ruhigstellen. Ab dem Beginn der zweiten Strophe setzt dann ein dezent pulsierender Beat ein, der die schiere Aussichtslosigkeit schleichend bewusst macht. Das grausame Schicksal nimmt schließlich, wie ein lauerndes Ungeheuer, das ungeduldig hinter den stählernen Gitterstäben seines Käfigs umherstreift, die scharfen Klauen wetzt, als schreckliches Unheil seinen unvermeidbaren Lauf. Wie aus dem Nichts heraus, grollt Lindemann besessen mit einer an entfesselten Wahnsinn grenzenden Mischung aus großer Not und brennender Wut: „Dann reiß‘ ich der Puppe den Kopf ab und dann beiß‘ ich der Puppe den Hals ab... Es geht mir nicht gut!“. Der brutal zwingende Refrain überrollt den Hörer als gnadenlos peitschende Welle ohne jedwede Vorwarnung und steigert sich insbesondere durch seine erschreckend glaubhafte Intonation in völlig neue Dimensionen. Ein unglaublich intensiver, extrem erschütternder, auditiver Nervenzusammenbruch von geballter Kraft und zerstörerischem Ausmaß, der mit einem Mal alle Hoffnung in tausend Scherben zerbersten und auch die letzte Unschuld grausam sterben lässt. Ein beängstigend morbides Exempel über die möglichen Auslöser, Ursachen, (Fehl-)Entwicklungen und verheerenden Spätfolgen psychotischer Störungen. Wenn aus Menschen Monster werden... „Was Ich Liebe“ basiert textlich, ähnlich dem vorausgegangenen Stück, weitestgehend auf dem gleichnamigen Gedicht aus dem in 2013 erschienenen Band „In Stillen Nächten“ von Till Lindemann und kursierte als alternative Demo-Version zu „Pussy“ bereits lange Zeit zuvor in den Weiten des Internets. Von den treuen Fans mittlerweile schon als verworfener Mythos beweint, nahmen sich die sechs Hauptstädter dem bestehenden Rohmaterial offenkundig ein weiteres Mal an und veröffentlichen diese verloren geglaubte Perle auf ihrem siebten Album überraschend in einer komplett überarbeiteten Fassung. Im direkten Vergleich zum bekannten Arbeitstitel haben sich, bis auf das thematische Fundament, jedoch selbstverständlich einige Faktoren geändert. Das verquer arrangierte Zusammenspiel aus einem stampfenden Schlagzeug im behäbig schleppenden Rhythmus und sanftem Gitarren-Picking grundiert hier den fremdartigen Sound mit leicht verschrobenem Country-Charakter. So arbeitet man gerade anfangs etwa mit den schrägen Disharmonien eines fiependen Keyboards und einem prägenden Bass im Mid-Tempo. Erst mit dem hymnisch ausgelegten Refrain kommt es dann zum großen Wendepunkt, bei welchem hochdramatische Chöre das elendige Martyrium des Protagonisten zementieren, der sich vor jeglichen Emotionen für immer zu verschließen droht, um stetig neues Leid endgültig aus seinem Leben zu verbannen: „Auf Glück und Freude folgen Qualen, für alles Schöne muss man zahlen!“.

 

Der „Diamant“ markiert danach die einzige, vollwertige Ballade des gesamten Albums. Ganz anders, als es bei den bestehenden Songs dieser Machart bisher üblich war, konzentriert man sich hier nun auf eine deutlich puristischere Ausrichtung im Aufbau. Das Arrangement wird ausschließlich von den warmen Klängen einer einfachen Akustikgitarre und fragilen Synthie-Flächen bestimmt, jedoch ohne dabei zu einem späteren Zeitpunkt aus jenem Rahmen weiter auszubrechen. Das dürfte vor allem auch in der auffällig limitierten Spielzeit begründet sein, die das Stück mit seinen rund zweieinhalb Minuten zum bisher kürzesten Track der ganzen Diskographie macht. In bester Singer-Songwriter-Manier lässt man rührendes Lagerfeuer-Ambiente aufkommen, das gerade wegen des starken Kontrastes zum vorherigen Material fantastisch funktioniert und den Hörer schnell zu vereinnahmen weiß. Der expressiv mitreißende Bombast eines „Frühling In Paris“ oder „Ohne Dich“ wird somit natürlich nicht erreicht, was diesen ruhigen Moment zum Innehalten aber nicht ungleich weniger intensiv und ergreifend macht, der gerade durch seine simpel-wirkungsvolle Reduktion besticht. Im Gegenteil: „Rammstein“ verstecken sich nicht hinter gigantisch aufgeladenem Pathos oder der ganz großen Geste und zeigen sich stattdessen ungeschönt von ihrer zerbrechlichen Seite. Inhaltlich geht es, wie so oft, um die starke Anziehung und oftmals noch tieferen Abgründe der Liebe, wobei das Objekt der Begierde, zugegeben etwas klischeehaft, doch nicht verkitscht, als entsprechender Edelstein symbolisiert wird. Erst die letzte Zeile legt dann verschlagen und fast kaum merklich offen, dass hinter jeden noch so strahlenden Fassade beim zweiten Blick nicht selten auch dunkle Schattenseiten lauern und manches Mal nicht viel mehr sein können, als verblendeter Wunschtraum und reine Illusion: „Welche Kraft, was für ein Schein! Wunderschön, wie ein Diamant... Doch nur ein Stein.“. Eine schrill sägende Synthie-Melodie, die ob des thematischen Kontextes eine sicher nicht ganz zufällige Reminiszenz an die einleitende Orgel zu „Perfect Strangers“ von „Deep Purple“ darstellt, verströmt ihre futuristischen Töne und vereint sich kurz darauf mit sehnsüchtig rockenden Gitarren zu einer grandiosen Power-Ballade: „Weit Weg“. Die wehklagenden Strophen, innerhalb derer Lindemann mit den diffizilen Chiffren seiner malerischen Bildsprache aus der romantisierend verklärten Perspektive eines Voyeurs singt, der in den Nächten begehrlich sein unerreichbares Ziel aus der Ferne umschwärmt und sich so immer mehr in seine Fantasie flüchtet, werden zunächst nur minimalistisch durch Drums und angedeutete Saiten instrumentiert. Die schwermütige Ader erreicht spätestens mit dem bewegenden Refrain ihren vorzeitigen Höhepunkt. „Ganz nah, so weit weg von hier. So nah. Weit, weit weg von dir!“, die danach in der leidenschaftlichen Bridge abermals eine weitere Steigerung findet: „Wieder ist es Mitternacht, sie stehlen uns das Licht der Sonne. Weil es immer dunkel ist, wenn der Mond die Sterne küsst.“. Gefolgt von einem ausschweifend virtuosen Gitarren-Solo, erfährt der weitere Verlauf nach der Wiederholung des Chorus eine musikalisch einschneidende Wendung, die alle vorherige Sanftheit plötzlich in Frage stellt, bevor auch der letzte Klang abrupt in Stille endet und den Rest der reinen Interpretation des Hörers überlässt. „Tattoo“ markiert dann kurz vor der nahenden Zielgeraden wohl den einen Song, der am ehesten mit dem klassischen „Rammstein“-Sound alter Tage assoziiert werden kann, sofern es diese spezifische Kategorisierung denn überhaupt gibt. Hier trifft heftig donnerndes Drumming auf martialisch walzende Gitarrenwände, die den rauen Flow der „Herzeleid“-Ära stilsicher aufgreifen und im NDH-typischen Habitus voll lethargischer Härte alles zu überrollen drohen. Lyrisch nimmt man sich mit der populären Körperkunst einem eher atypischen, da praktisch alltäglichem Inhalt an. Trotzdem gelingt es den Berlinern, die titulierten Bilder auf der Haut mit ästhetische Umschreibungen, wie beispielsweise „Wenn das Blut die Tinte küsst“ oder „Aus der Nadel blaue Flut“, in gewohnte Poesie zu kleiden, wenngleich die thematisch bedingten Einschränkungen bis auf einen skizzierten Hang zum Masochismus leider auch nicht allzu viel Spielraum zulassen. Zwar schimmert durch höhnisch besungene Zeilen, wie „Deinen Namen stech‘ ich mir, dann bist du für immer hier. Aber wenn du uns entzweist, such‘ ich mir jemand, der genauso heißt!“, so manches Mal der gewohnte Zynismus hindurch, ansonsten bleibt der Text aber zu offensichtlich und verwehrt selbst gegen Ende eine etwaige, weitere Ebene: „Zeig mir deins, ich zeig dir meins!“. Ein schroff dröhnender Bass und unterschwellig surrende Synthesizer erbauen kurzerhand eine so unberechenbare, wie gleichzeitig auch unangenehme Atmosphäre, die sich mithilfe des gemächlich pochenden Schlagzeugs bald darauf schwerfällig und bedrückend zuspitzt. Immerzu durchsetzt von hauchzart perlenden Piano-Tupfern und hypnotisch-sanften Flötenklängen, schlüpft Lindemann hier in die Rolle eines Kindesentführers, dem sogenannten „Hallomann“, der sich mit ködernden, klischeehaften Phrasen langsam das Vertrauen erschleicht: „Hallo, kleines Mädchen. Wie geht es dir? Mir geht es gut, sprich nicht zu mir.“, mahnt er und stellt „Muscheln mit Pommes Frites“ oder einen Besuch am Meer in Aussicht. Der bizarre Refrain bietet einen skurrilen Kontrast zum düsteren Verbrechen und kommt, ähnlich den lockenden Versprechungen des Täters, äußert melodiös, harmlos und fast friedlich daher. Die täuschende Harmonie endet schließlich in einem markerschütternden Zusammenspiel aus schneidenden Gitarren und schrillem Keyboard, welches die verzweifelten Schreie des hilflosen Opfers symbolisiert. Ein letztes Mal den Finger tief in der Wunde, bevor der klagend säuselnde Gesang langsam auf den wogenden Wellen verhallt und den Hörer mit einem bitteren Beigeschmack sanft aus dem Album trägt...

 

Tracklist:

 

01. Deutschland


02. Radio


03. Zeig Dich


04. Ausländer


05. Sex


06. Puppe


07. Was Ich Liebe


08. Diamant


09. Weit Weg


10. Tattoo


11. Hallomann

 

Fazit:

 

„Nun, das Warten hat ein Ende. Leiht euer Ohr einer Legende!“ - Deutschlands bekanntester und erfolgreichster Musik-Export überhaupt ist endlich zurück: „Rammstein“! Wenig verwunderlich also, dass in den vergangenen zehn Jahren zahllose Fans auf der ganzen Welt mit schier unbändiger Spannung auf das siebte Studioalbum hingefiebert haben, von welchem es lange Zeit gar nicht wirklich klar war, ob es überhaupt jemals erscheinen wird. Die sechs Berliner wussten um diese schwere Bürde und begaben sich 2016 nach einer ungewöhnlich langen Kreativpause noch einmal ins Studio. Obwohl Till Lindemann und Co. all ihren Kritikern, Hörern und nicht zuletzt auch sich selbst schon lange nichts mehr beweisen müssen, nutzten sie den großen Luxus des eigenen Status mutig, sich nach rund fünfundzwanzig Jahren Bandgeschichte gegen eine reine Produktion auf Nummer sicher zu entscheiden und aus dem allseits bewährten, strengen Konzept des in den Neunzigern eigens geschaffenen Genres, welches für die berüchtigten Wegbereiter nicht selten Fluch und Segen zugleich bedeuten sollte, überraschend auszubrechen. So erfindet man sich zwar nicht komplett neu und behält die charakteristische DNA in ihren auszeichnenden Grundzügen selbstverständlich weitestgehend bei, schickt sich jedoch zeitgleich an, bereits Bekanntes mit frischen Komponenten anzureichern und genüsslich anders zu definieren. „Rammstein“ klingt anno 2019 in so ziemlich allen Punkten deutlich weniger kalkuliert, kühl und steril. Der maßgebliche Sound der elf neuen Songs ist nicht mehr ausschließlich nur dunkel, brutal oder martialisch, lässt stattdessen viel mehr verspielte Experimente und wohltuende Freiheiten zu. Die rohen Stakkato-Riffs und das donnernde Schlagzeug im disziplinierten Viervierteltakt der Vergangenheit weichen trotz üblicher Tabuthemen und kritischen Untertönen nun dezent poppigen Vibes, einem verstärkten Fokus auf elektronische Grundierung und bisher ungewohnter Leichtigkeit. Man lässt sich hörbar mehr Raum zur kreativen Entfaltung und hält den nicht ganz risikoarmen Balanceakt zwischen Alt und Neu mit hervorragendem Bravour, ohne jene Wurzeln ausdörren lassen zu wollen, die einst zum absoluten Durchbruch verholfen haben. Im Gegenteil: Wenngleich das siebte, namenlose Album auch mit den bisherigen Gewohnheiten bricht, bestehende Strukturen gehörig aufwirbelt und dadurch eventuell vorerst einige Durchläufe benötigt, klingen die sechs Pioniere aus der Hauptstadt hier so dermaßen beschwingt, facettenreich, unberechenbar, kompromisslos und lebendig, wie zu ihren legendären Anfangstagen... Und ist es nicht gerade diese besonders unkonventionelle, charmant rücksichtslose Einzigartigkeit, die echte Kenner an dieser Band so sehr schätzen? Entgegen so manch banger Befürchtungen, haben „Rammstein“ es also auch dieses Mal wieder zu 100% vollbracht, gleichwohl zu überraschen und zu überzeugen, was demnach nur hoffen lässt, dass der lange Weg an dieser Stelle noch lange nicht endet. Frei nach dem Motto: „Sechs Herzen, die brennen. Das Feuer hält euch warm!“.


Informationen:

 

https://www.rammstein.de/


https://www.facebook.com/Rammstein/

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