• Facebook - White Circle
  • Instagram - White Circle
  • YouTube - White Circle

NEUESTE
BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Rammstein - Rammstein (2019)


Genre: Metal / Alternative Release: 17.05.2019 Format: CD

Anzahl Ton- und Bildträger: 1

Label: Rammstein (Universal Music)

Spielzeit: 47 Minuten

Pressetext:

Vereinzelte Statements in den letzten Jahren, Andeutungen in Interviews, viele Gerüchte – all das kann endlich ad acta gelegt werden: Am 17. Mai veröffentlichen "Rammstein" Studioalbum Nummer 7! Das Album ist unbetitelt und enthält wie alle "Rammstein"-Alben 11 Songs, die in den "Studios La Fabrique" in der Abgeschiedenheit der französischen Provence nahe Avignon aufgenommen wurden. An den Reglern saß dabei, neben der Band selbst, erstmals der in Berlin ansässige Produzent Olsen Involtini. Das Album erscheint als Standard Digi-Pack, Special Edition und Doppel-Vinyl.

Kritik:

"Jede Nacht ich heimlich stieg auf den Rücken der Musik

Leg' die Ohren an die Schwingen, leise in die Hände singen

Jede Nacht und wieder flieg' ich einfach fort mit der Musik

Schwebe so durch alle Räume

Keine Grenzen, keine Zäune!"

„Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...“, verhießen die einleitenden Zeilen der hymnischen Eröffnungszeremonie „Rammlied“ vom letzten Studioalbum „Liebe Ist Für Alle Da“ anno 2009, dessen Release mittlerweile schon ganze zehn Jahre weit zurückliegt. Unterdessen kochten im Internet nicht selten zahllose Gerüchte über eine etwaige Trennung oder gar Auflösung der Band hoch, die Hoffnung auf eine weitere Veröffentlichung schwand zunehmend. Zugegeben, absolute Funkstille herrschte im Hause der sechs Herren aus Berlin aber nicht: So erschienen in der jüngsten Vergangenheit neben der umfassenden Best-Of-Compilation „Made In Germany“ samt ausgedehnter Welt-Tournee etwa die zwei Singles „Mein Land“ und „Mein Herz Brennt“, sowie die beiden spektakulären Live-Dokumentationen „In Amerika“ und „Paris“. Auch auf den nationalen und internationalen Bühnen zahlreicher Festivals, deren glanzvoller Höhepunkt fraglos das dreitägige Heimspiel in der Waldbühne markierte, untermauerten die berüchtigten Provokateure mit ausgewählten Shows ihre feurige Monopolstellung und verkündeten bereits im stimmungsvollen Opener „Ramm4“ jene gewichtigen Worte, die von abertausenden Fans weltweit sehnlichst herbeigesehnt wurden: „Wir sind wieder da!“. Doch sollte vorerst noch einige Zeit ins Land ziehen, bis man sich im Herbst des vergangenen Jahres unter dem ominösen Hashtag #gebtfeinacht und der simultanen Ankündigung zur ersten, eigenen Stadion-Tournee quer durch Europa schließlich so imposant wie eh und je zurückmeldete. Weiteren Stoff für heiße Diskussionen bot dabei vor allem ein dreißigsekündiger Teaser-Trailer zur ersten Single „Deutschland“, in welchem sich die Band selbst als KZ-Häftlinge am Galgen inszenierte und der noch weit vor der vollständigen Video-Ausstrahlung einen medialen und interkulturellen Skandal auslöste... Wieder einmal. Die zweite Auskopplung namens „Radio“ zeigte sich hingegen um einiges bekömmlicher, wenngleich nicht weniger kritisch und vereinte die treue Anhängerschaft zur Premiere gleich in mehreren Städten zum gemeinsamen Public Viewing. Unglaublich: Nach einer ganzen Dekade findet das quälend lange Warten am 17.05.2019 unter Universal Music sein Ende. „Rammstein“ melden sich mit ihrem nunmehr siebten, unbetitelten Studioalbum zurück, welches, wie allein das minimalistische Cover-Artwork vermuten lässt, auch dieses Mal wieder ordentlich Zündstoff bietet.

Technoid elektrisierende, nervös flirrende Synthie-Spuren rotieren wild umher, duplizieren sich dabei immer und immer wieder im Loop, steigern unermessliche Intensität. Drohend, sich beinahe selbst zu überschlagen. Kurz vor dem zu vermutenden Höhepunkt wird das organisch pulsierende Konstrukt jedoch durch die erschütternde Kraft plötzlich angeschlagener, metallischer Saiten harsch einschneidend unterbrochen. Das konträre Muster beider Elemente wiederholt sich druckvoll und kollidiert danach mit dem anfänglich zurückhaltenden Einsatz des jetzt konstant ansteigenden Schlagzeugs, um schließlich in der unvermeidlich aufrüttelnden Gitarren-Urgewalt eines schnell gespielten, aufstrebend powernden Riffs zu implodieren. Ein Song, handelnd von einem so elementaren und zugleich doch nicht minder heiklen Thema, welches zu exakt dieser einen Band wie die viel zitierte Faust aufs Auge passt und von dem Fans und Kritiker seit Beginn jener unnachahmlichen Erfolgsgeschichte vor rund fünfundzwanzig Jahren wohl gleichermaßen vorhersehbar konstatiert haben dürften: Warum erst jetzt!? So beweisen die sechs Berliner, die das brandgefährliche Spiel mit stereotypen Klischee-Vorlagen einerseits nahezu perfekt beherrschen und dennoch immerzu vollkommen unberechenbar blieben, abermals inhaltliches Feingefühl und setzen ein selbsterklärendes Statement genau zur richtigen Zeit ab. Nicht irgendwie, sondern in Form eines übermächtigen Donnerschlages, der einfach gehört werden muss. Ja, gar nicht ignoriert werden kann. Allein der bloße Titel in all seiner simplifizierten Schlichtheit für sich genommen schon ein Quasi-Tabu, das vorab ungleich hohe Wellen schlug und der Gesellschaft aller unbescholtenen Natürlichkeit zum Trotz allein damit schon den Spiegel vorhält. „Du. Ich. Wir. Ihr.“ oder in einem Wort, dem unwiderruflich bitterer Beigeschmack anhaftet, zusammengefasst: „Deutschland“. Pointiert untermauert und sorgfältig akzentuiert von leichten Drum-Schlägen und einem dezenten, sanft gestimmten Keyboard-Sound, der hier gerade durch seine schiere Zurückhaltung umso wirkungsvoller erscheint, fräst sich plötzlich das ungemein signifikante, dunkle Organ von Frontmann und Sänger Till Lindemann tief in das Gehör. „Du hast viel geweint. Im Geist getrennt, im Herz vereint.“, singt er, während Gitarrist Richard Z. Kruspe die Anfänge der jeweiligen Zeilen wie ein nachhallendes Echo tausender Stimmen und Haltungen spiegelnd aufgreift. Dabei geht es nicht allein um Aufsplitterung in zwei Staaten, sondern allen voran um den inneren Konflikt der Deutschen, der sich wie ein roter Faden durch die nationale Historie zieht und sodann in einem brachial niederdonnernden Refrain seine endgültige Befreiung findet. „Mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen. Dein Atem kalt, so jung und doch so alt. Deine Liebe ist Fluch und Segen. Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben!“, bekennt Lindemann und kennzeichnet so das ambivalente Verhältnis und die pure Zerrissenheit der Deutschen zu ihrer Identität und dem eigenen Land, aber auch zwischen Ost und West, Stärke und Schwäche, Übersättigung und Hilferuf, Größenwahn und Selbstkasteiung, Vergangenheit und Zukunft, Schuld und Stolz. Zum Ende der zweiten Strophe hin, hält man mit der einst verbannten Passage aus dem ursprünglichen „Deutschlandlied“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in abgewandelter Form noch einmal bewusst kalkuliertes Skandal-Potential bereit. „Überheblich, überlegen, übernehmen, übergeben, überraschen, überfallen - Deutschland, Deutschland über allen!“. So vermag es die Abänderung eines einzigen Buchstabens, eine gänzlich neue Ebene zu eröffnen und sich als provokative Spitze treffsicher in die Magengegend zu bohren. Eine retrospektive Betrachtung und die Geschichte eines Landes feinsinnig in nur einem Satz destilliert. Noch viel mehr ist es aber die realistische Bestandsaufnahme des Status Quo und den Altlasten vergangener Tage, die seit jeher wie eine dunkle Wolke über dem Volk schwebt und jeden noch so kleinen Aufschwung im Keim zu ersticken droht. Das Land der Dichter und Denker: Auf der einen Seite weltbekannt für seine deutsche Pünktlichkeit, Genauigkeit, Nachhaltigkeit und Wertarbeit. Erfinder der Autobahn, geschätzte Technik-Vorreiter, gerühmtes Wirtschaftswunder, Mauerfall und Wiedervereinigung. In der gegenüberliegenden Waagschale jedoch die schweren Altlasten: Von der Germanicus-Offensive, Kreuzzügen und dem Hexenhammer, über die SED und DDR, Hyperinflation und Weimarer Republik, zwei Weltkriege und Rassenhass, Aufstieg und Fall, bis hin zur Demokratie und Instrumentalisierung, Flüchtlingskrise und Radikalisierung, die zwar niemals mehr vergessen, doch gänzlich verarbeitet werden sollten. Folglich scheinen die Deutschen als Vorsichtsmaßnahme, um nicht rückfällig zu werden, wie gelähmt, sich und der gesamten Welt wieder ihren Nationalstolz zeigen zu können, der höchstens noch im Rahmen der Weltmeisterschaft erlaubt scheint. Mindestens aber ebenso unfähig, kritische Fragen zur Veränderung zu stellen, aufzubereiten und mit der Vergangenheit abzuschließen, um sich selbst lieben und endlich wieder nach vorne blicken zu können. „Rammstein“ ist mit jener Anti-Hymne fraglos eine klarsichtige Analyse am Puls der Zeit gelungen, die gleich in vielerlei Dimensionen so viel mehr ist, als der von Journaille und Gegnern lüstern ersehnte PR-Gag zum reinen Selbstzweck. Eine authentische Momentaufnahme, die weder patriotische Lobeshymne noch geifernden Abgesang darstellt, zudem genügend interpretativen Spielraum in diverse Richtungen lässt und das eindimensionale Kratzen an inhaltlichen Oberflächen parallel verlacht. Am Ende dieses epochalen Mammutwerks steht eine (vorerst) endgültige Stellungnahme: „Meine Liebe kann ich dir nicht geben!“. Gewichtige, ungeschönte und nicht weniger ehrliche Worte, die sich fortan ins Gedächtnis einbrennen sollen, um schlussendlich mit hauchzarten Piano-Tupfern in der weiten Leere zu verhallen. Ein elektronisch verzerrtes Pochen dringt beständig klopfend vor, lädt knisternde Spannung auf und gibt schon bald den Startschuss für eine angriffslustig sägende Riff-Front und gestreng marschierendes Drumming, das nun enorm fordernd einsetzt, das kompromisslose Arrangement erbarmungslos straight nach vorne zu peitschen. Stets dominant durchsetzt von experimentellen, retrolastigen Sound-Spielereien, die mitunter verdächtig stark an die uniquen Samples des beliebten Über-Hits „Du Hast“ erinnern, ergibt sich so ein energetischer Up-Tempo mit einem flüssigen Groove, dem sich so schnell niemand entziehen kann. Zunächst noch deutlich ungewohnt, werden die einzelnen Strophen lediglich von Synthesizer und verqueren Beats ausgefüllt, bleiben also vorerst rein elektronisch. Somit gelingt zudem eine höhere Konzentration auf den Text, in dem sich das lyrische Ich des nachts ungesehen zum charmant betitelten „Weltempfänger“ schleicht, um dem verbotenen Programm zu lauschen. Das „Radio“ als einziges Tor zu einer scheinbar anderen Welt. So nah und doch so fern. Erst der packende und zudem ungemein eingängige Chorus, dessen viel skandiertes Gefühl der ersehnten Freiheit hier perfekt transportiert wird, lässt dann wieder verstärkt fusionierende Gitarrenarbeit zu und pusht weiter. Lindemann findet mit seinen vertrackten Wortspielen innerhalb der Zeilen, wie etwa „Meine Ohren werden Augen“, gewohnt klang- und fantasievolle Gleichnisse der Bildsprache, um seine Gedankenwelt in eine ganz eigene Poesie zu kanalisieren, die das nostalgisch behaftete Ost-Gefühl jener Zeit zu vermitteln weiß. Der Zwischenpart entledigt sich dann aller bisherigen Konventionen und intensiviert die Percussion, während Lindemann so ausdrucksstark wie eh und je seine nächtlichen Ausflüge auf dem Rücken der Musik intoniert, mit markanten Betonungen und der Lyrik gleichwohl spielt, bis eine maschinell inspirierte Vocoder-Komponente der Düsseldorfer Legende „Kraftwerk“ ihren verdienten Tribut als Vorreiter der deutschen Musikszene zollt. Gänzlich ungeachtet dessen, mittlerweile selbst zu einer solchen avanciert zu sein. Glaubhaft inszenierte Geschichtsstunde, kritischer Denkanstoß und bitterböser Saitenhieb auf ein totalitäres System, welches nicht nur versucht war, das kulturelle Sichtfeld der eigenen Bevölkerung zu eigenen Zwecken vor fremden Einflüssen hinter den Mauern kleinzuhalten, sondern als Wechselwirkung auch eine künstlerische Rebellion aufleben ließ, deren Wurzeln und Wirken prägend bis ins Hier und Jetzt reichen. Jene streng strukturierte Bevormundung, die in absoluter Kontrolle eines aufmerksamen Überwachungsstaates resultierte, auf dessen Pfaden sich die heutige Regierung dieser Tage wieder zu wandeln anschickt, womit man simultan einen gekonnten Bogen zu aktuellen Geschehnissen schlägt.