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ASP - Interview (2017)

25.10.2017

Roggenfaenger: "Wir standen gemeinsam am Abgrund und wir lauschten... Fortsetzung folgt! Dann kam die Verbeugung, wir sind noch ganz berauscht, denn: Fortsetzung folgt! Wir wissen heute schon, es gibt bald ein Wiederhören, diese magische Verbindung lässt sich nicht so leicht zerstören - Fortsetzung folgt!". So lauten die verheißungsvollen Textzeilen des Refrains von "Fortsetzung folgt... (1)", dem abschließenden Song auf eurem vorletzten Studioalbum. Tatsächlich ist es nach nur anderthalb Jahren schon soweit und es gibt das versprochene Wiederhören, welches mit großer Wahrscheinlichkeit von vielen Fans bereits herbeigesehnt wurde. Doch das war noch lange nicht alles: Nachdem ihr Anfang 2016 den mit Spannung erwarteten, zweiten Teil der Geschichte rund um Hauptfigur Paul und das Hotel Astoria veröffentlicht hattet, standen mit dem Re-Release der, nun zum vollwertigen Album erweiterten, "GeistErfahrer"-EP und der umfassenden 4CD-Box "Live Auf Rauen Pfaden" im Herbst weitere Punkte auf der Agenda. Zusätzlich gab es neben der "Verfallen"-Tournee im Frühjahr noch eine weitere Sonder-Konzertreihe im Oktober, dieses Mal unter dem Motto "Ich Bin Ein Wahrer GeistErfahrer". Extra für diese Shows, mit welchen ihr aus aktuellem Anlass ein klares Zeichen setzen wolltet, hast du, wie vorab zu lesen war, den Entschluss gefasst, stattdessen ein anderes Projekt zu verschieben. Wann genau hast du dazwischen also die notwendige Zeit für "zutiefst" gefunden und die Arbeiten daran aufgenommen? Oder einmal anders gefragt: Wie und warum fiel die Entscheidung, so zeitnah ein weiteres Werk zu veröffentlichen?

 

Asp: Aus der puren Lust heraus! Ich dachte erst nicht, dass so schnell ein nächstes Album folgen könnte, hatte ich mich im und am Gruselhotel doch extrem verausgabt. Es überraschte mich selbst, dass ich einen extremen Drang verspürte, das "Fremder"-Abenteuer fortzusetzen. Ich reime mir das selbst so zusammen: Die beiden "Verfallen"-Alben waren eher wie ein musikalischer Roman, die Songs folgten einer konkreten Story, erzählten sehr kontinuierlich und konsequent eine Geschichte. Ich muss irgendwie vergessen haben, dass ich das Liederschreiben aber auch als eine Art selbsttherapeutische Seelenhygiene brauche, und mir fehlte auf eine gewisse Weise tatsächlich ein Ventil, welches mir andere Alben eher ermöglicht haben. Dabei hätte ich nur an den Entstehungsprozess von „Zaubererbruder“ zurückdenken müssen, da war es schon ähnlich. Aber so sind die Musiker. Sie vergessen schnell. Vor allem die negativen Dinge. Sonst wären sie vermutlich längst ausgestorben. Auf jeden Fall fand ich nach „Astoria“ und „Fassaden“ eine Menge Ideen in mir, die ich umgesetzt haben musste. „zutiefst“ ist das Ergebnis davon… Ein echter Befreiungsschlag. Aber ich muss gestehen: Ich musste mir auch selbst versprechen, nach diesem Arbeitsmarathon dann tatsächlich eine kurze Pause einzulegen. Es schlaucht ganz schön, egal wie toll es ist. Wie ein Rausch es manchmal tut. 

 

Roggenfaenger: Wie bereits erwähnt, hast du dich im Jahr 2015 auf ein weiteres Abenteuer eingelassen und in enger Kooperation mit Autor Kai Meyer die zweiteilige Geschichte zu "Verfallen" erschaffen. Wie genau unterschieden sich die Arbeiten in kompositorischer Hinsicht und Herangehensweise im direkten Gegensatz zu eurer aktuellen Veröffentlichung?

 

Asp: Man ist einfach etwas freier. Ich halte die beiden "Verfallen"-Alben für das Abwechslungsreichste, das Komplexeste und aus diesem Grund vermutlich auch für das Sperrigste aus dem Hause "ASP". Bisher, hehehe. Auf „zutiefst“ wird der Hörer natürlich auch nicht nur leichte Kost vorfinden, aber ich glaube, es gibt doch viele sehr starke Einzelsongs, die man wunderbar losgelöst von irgendwelchen Konzepten genießen kann. Ich glaube außerdem, dass sich der Hörer sehr viel einfacher selbst in den Songs wiederfinden kann als in Pauls Charakter, der ja eine Art psychedelische Horrorstory erlebt. Ich habe das Meeres-Thema als Aufforderung an den Schreiberling in mir verstanden und wollte allen, die sich an der Oberfläche aufhalten möchten, ein starkes Album liefern, aber denjenigen, die den Mut und die Lust haben, tiefer einzudringen, ebenfalls diese Möglichkeit bieten. Schicht um Schicht darf man sich tiefer einarbeiten und neue Dinge entdecken. Oder man lässt es und darf sich einfach schamlos unterhalten lassen. Das ist nichts Schlimmes.

 

Roggenfaenger: Das eingangs rezitierte Lied enthält nicht nur einige charmante Querverweise auf euer bisheriges Schaffen, sondern auch einen direkten Bezug zum rätselhaften Ende von "Maskenhaft", dem vorerst letzten Teil des "Fremder"-Zyklus, welcher nun schon ganze vier Jahre zurückliegt. Das große Finale setzt sich dort aus den zwei zusammenhängenden Parts "Die Klippe - Teil 1: Stimmen Im Nebel" und "Die Klippe - Teil 2: Hang" zusammen, in Letzterem heißt es abschließend "Wir halten den Atem an...". Warum genau, erfährt der Hörer direkt zu Beginn im Intro von "zutiefst". Wusstest du bereits 2013, wohin dich die thematische Reise später führen würde und du dich vom Abhang in die Tiefen hinab begibst oder planst du nicht soweit im Voraus? Immerhin unterliegen die einzelnen Alben der Zyklen stets einer konzeptionell angelegten Orientierung, ergänzen und setzen sich erzählerisch fort.

 

Asp: Ja. Ich wusste das damals schon. Das Konzept greift immer einige Alben voraus, und ich weiß ziemlich genau, wohin die Reise gehen soll und wird. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass nicht noch ein wenig Spielraum unterwegs wäre, denn es muss auch Raum für Spielereien, Umwege, Abzweigungen und sonstige Abenteuer bleiben. Man darf auf keinen Fall die Energie unterschätzen, die durch Spontaneität und Lust am Handwerk frei werden kann. Das habe ich bei „zutiefst“ ganz besonders gespürt.

 

Roggenfaenger: Gleich zum Anfang des Monats August habt ihr mit der ersten Single-Auskopplung einen spannungssteigernden Vorboten entsandt, welcher auch in Verbindung mit dem Artwork zumindest ansatzweise schon ein wenig erahnen ließ, in welche Richtung es dieses Mal inhaltlich geht. Bei diesem Song begibst du dich, nicht ausschließlich nur im übertragenden Sinne, einmal mehr in die Tiefen der menschlichen Gedanken, Psyche und Seele, sondern auch wortwörtlich in die ungewissen Abgründe so mancher Gewässer. Woher genau hast du dieses Mal die Inspiration für exakt diesen konzeptionellen Leitfaden bezogen? Würdest du dich selbst als maritim geprägte Persönlichkeit bezeichnen und hast somit einen besonders engen Bezug zum Meer oder waren für die aktuelle Thematik ganz andere Einflüsse maßgebend?

 

Asp: Ganz genau ist es ja hauptsächlich die Tiefsee, deren Schwärze mir als großes Fanggebiet für die Netze meiner Metaphern- und Allegorienwelt dienen durfte. Das Thema reizt mich schon sehr lange, ich kann mich aber nicht an den ersten Impuls erinnern. Der Inspirationskeim ist nicht erklärbar. Es wachsen Ideen im Himmel und manchmal stürzen welche herab wie Sterne, schlagen an der Oberfläche auf und sinken dann leuchtend zu mir herunter, erwischen mich und wollen geschrieben werden. Ich kann dazu nix sagen. Es kommt einfach, und ich lasse es dankbar geschehen.

 

Roggenfaenger: Ich habe ja gerade schon einmal das Thema der Maxi-CDs leicht angerissen. Kürzlich erhielt ich eine Mail, durch die ich erfuhr, dass zum Ende des Jahres noch etwas in diese Richtung geplant ist, aber möchte dir in dieser Angelegenheit nicht allzu viel vorwegnehmen. Der Startschuss für diese Aktion fällt am 27.10.2017, dem Releasetag eurer neuesten Veröffentlichung. Möchtest du den Lesern an dieser Stelle vielleicht verraten, was genau es damit auf sich hat und wie sie sich daran beteiligen können? Warum habt ihr euch überhaupt zu diesem Schritt entschieden, immerhin scheint sich dieses Format ja heutzutage zunehmend weniger zu rentieren?

 

Asp: Ach, lass uns lieber nicht über das Rentieren sprechen. Sonst muss ich panisch in eine Tüte atmen. Das mit den Singles ist freilich kein lohnendes Geschäft, aber dadurch, dass unsere herausragend freundlichen Fans sie brav kaufen und uns unterstützen, geht das Ganze mit einer roten Null und einem blauen Auge gerade irgendwie auf. Wenn man eine Schar Milchmädchen einlädt und nicht allzu genau nachrechnet.

Wir wollten gerne zwei Vorab-Singles veröffentlichen, weil wir darauf Lust hatten und weil wir die Fans gerne schon einmal zu uns in die Tiefe locken wollten. Ob das gelungen ist, wird die Zeit zeigen. Da wir mit den beiden ersten Single-Tracks natürlich zwei Songs veröffentlicht haben, die zum einen früh fertig waren und zum anderen auch recht eingängig geraten sind, dachten wir, nun dürfen unsere Fans entscheiden, welchen Song sie gewählt hätten vom Album. In Zeiten, in denen alle immer alles besser wissen und ihre Meinung auch gerne nörgelnd im Netz kundtun eine gute Idee, ihnen einmal die Wahl zu lassen. Ich fürchte nur, sie werden die Konsequenzen nicht spüren, wenn die Entscheidung falsch war. Nein, Scherz beiseite: Auf der Platte sind meines Erachtens mindestens neun Singles zu finden, und nun dürfen unsere Fans sich etwas wünschen. Die Herausforderung ist dabei: Einen Tag nachdem das Ergebnis feststehen wird, bin ich mit Illustrator Timo verabredet, und wir haben genau vierundzwanzig Stunden, um das Artwork gemeinsam zu erschaffen. Hurra, das wird spaßig… Man muss sich seine Pause ja verdienen.

 

Roggenfaenger: Wo wir gerade schon einmal bei den Veröffentlichungen sind: Auch dieses Mal habt ihr euch wieder etwas ganz Besonderes für eure treuen Fans einfallen lassen. Es gibt so viele Editionen, wie vermutlich noch nie zuvor in der Geschichte von "ASP" und für jeden Geldbeutel ist gewiss etwas passendes dabei. Wie entstand die Idee, neben der standardisierten und limitieren Version dieses Mal auch zahlreiche weitere Varianten anzubieten? Zwar gehören "ASP" sicher zu den größten und bekanntesten Künstlern innerhalb der schwarzen Szene, dennoch betonst du oft, dass es gerade sogenannte "Nischenmusiker" denkbar schwer haben, was in den Charts und am Markt selbst deutlich zu sehen ist. Insbesondere die Käufe physikalischer Tonträger gehen immer mehr zurück, die Leute sind immer weniger bereit dazu, Geld für die Musik auszugeben, auch wenn in diesem Genre scheinbar noch verhältnismäßig mehr Wert auf den Erwerb gelegt wird. Was bewegt dich in diesen Zeiten des Umbruchs dennoch dazu, an diesem Konzept festzuhalten, dieses finanzielle Risiko einzugehen und auf dich zu nehmen? Immerhin geht ihr gemeinsam mit eurem Label jedes Mal erneut aufs Ganze und scheut weder Kosten noch Mühen. Wo genau liegt euer Antrieb, auch und gerade fernab der ganz großen Umsätze so dermaßen liebevoll zu Werke zu gehen?

 

Asp: Zunächst einmal: Ich glaube nicht, dass die schwarze Szene in irgendeiner Form noch mehr Wert auf den Erwerb des Tonträgers legt. In ihr bildet sich mittlerweile meiner Ansicht nach ein exaktes Konsumenten-Äquivalent des „normalen“ Publikums ab. Darauf darf man nicht bauen, sonst geht man unter. Aber wir dürfen uns in der Tat extrem glücklich schätzen, dass wir eine so treue Fangemeinschaft haben, die es schön findet, in den ausufernden Artwork-Welten zu schwelgen und die Texte beim intensiven Lauschen mitzulesen. Ich will es ganz ehrlich sagen: Hätten wir nicht einen Kern an Fans aus allen möglichen Szenen und Gesellschaftsgruppen, wir könnten das nicht mehr machen. Aber natürlich könnte man nun auch andersherum an das Thema rangehen und ketzerisch fragen: Wieso dann nicht trotzdem ein bisschen weniger Artwork-Wahnsinn? Wieso nicht bei allem ein wenig Geld sparen und es in die gebeutelte Produktionskasse stecken? Und die Antwort darauf ist ganz einfach: Ich will das so lange wie möglich machen. Weil ich das liebe, weil mir das Artwork viel bedeutet und weil ich es nicht wahrhaben will, dass das in Zeiten von Streaming einfach irgendwann nicht mehr möglich ist. Wir sind bei wirklich jedem einzelnen Projekt dankbar, wenn wir es nochmal machen durften. Dass es so viele verschiedene Editionen gibt, liegt vor allem daran, dass wir das Gefühl hatten, jedem Kunden, der überhaupt noch eine „richtige“ CD mit Booklet und allem, was dazu gehört, kauft, ein für ihn tolles Paket anbieten zu können, welches er sich leisten kann und möchte. Das ist ein schweres Ringen und Grübeln beim Label und mir, denn natürlich würde ich am liebsten nur die Edition machen, in die ich am meisten Liebe gesteckt habe. Doch die hat halt dann auch ihren Preis, und den sind nicht alle bereit zu zahlen. Also muss man Kompromisse machen. Das Risiko kann man auf diese Weise nur minimieren, nicht eliminieren.

 

Roggenfaenger: Wagen wir uns nun etwas weiter in die "Untiefen" vor, man verzeihe mir dieses kleine Wortspiel, und beschäftigen uns zunächst einmal mit zwei ausgewählten Liedern des Albums. Den ersten Song habe ich zuvor schon einmal indirekt angesprochen, es handelt sich um die Auskopplung "20.000 Meilen". Wie der ein oder andere eurer Hörer sicher schon bemerkt haben dürfte, ist der Titel der gleichnamigen Literaturvorlage des französischen Schriftstellers Jule Verne entlehnt. Bist du selbst ein Freund des Romans und was verbindest du mit diesem? Oder: Was hat dich im Kontext der neuen Veröffentlichung dazu bewogen, diese Geschichte entfernt aufzugreifen? Mit "BernsteinmeerengeL", bei welchem du wieder einmal in bester Gothic-Novel-Manier eine in sich geschlossene Geschichte erzählst, möchte ich zusätzlich noch an diese Frage anschließen. Woher rührte hier die Inspiration, von den gefallenen Engeln zu berichten und diese Erzählung in die Thematik von "zutiefst" einzubetten?

  

Asp: Die Inspiration rührte nicht irgendwoher. Ich besitze ein kleines Kapuzineräffchen, das flüstert mir die Themen morgen beim Kaffee ein, und ich muss dann nur noch das Handwerk ausführen. Was die "20.000 Meilen" angeht, so ist dies bewusst von Jules Verne geborgt, um den Hörer gedanklich auf das Tiefseethema einzustimmen. So spart man sich lange Einführungstexte und hat mehr Platz für eigenes. Ich hätte also auch den ersten Titel "Jacques Costeau" nennen können und wir hätten eher an die Calypso als an die Nautilus als geistiges Vehikel für das Abtauchen gedacht, aber ich entschied mich für den guten alten Verne. Ich mag ihn.

 

Roggenfaenger: Mit "SonaARta" ist sogar auch wieder mal ein Titel komplett in Englisch vertreten. Dieser ist somit seit "The Mysterious Vanishing Of The Foremar Family", welches seinerzeit auf "fremd" erschien, erst der zweite Song in einer anderen Sprache innerhalb des neuen Zyklus. Zudem setzt du deinen Gesang auf "zutiefst" so facettenreich und variabel ein, wie selten zuvor auf einem Album. Wie genau entscheidest du, wie ein Song atmosphärisch zu wirken und zu klingen hat oder du diesen durch deine Stimme und eine bestimmte Sprache interpretierst?

 

 Asp: Das entscheide ich immer danach, was die Grundaussage des Songs meines Erachtens braucht, um nachher am besten seine Wirkung zu entfalten. Das ist fester Teil des kompletten Kompositionsprozesses.

 

Roggenfaenger: Ein bestimmter Song sticht auf dem aktuellen Werk ganz besonders heraus: "Leviathan". Warum hast du dich gerade mit dieser Gestalt aus der Mythologie beschäftigt und dich dazu entschlossen, diesem Wesen auf deiner Reise durchs Meer begegnen zu wollen? In einem kurzen Ausschnitt des zugehörigen Logbucheintrags, welchem ich vorab über die digitale Plattform iTunes gelauscht habe, erzählst du etwas über die Hintergründe von Schwermut, tiefer Melancholie und der damit verbundenen, fließenden Grenze zur Depression. Auch auf die große Gefahr hin, dass es vielleicht nun zu privat erscheinen mag: Welchen Bezug hast du persönlich zum Leviathan und hast du vielleicht sogar einen kleinen Ratschlag für all jene Betroffenen, die sich mit dem Text identifizieren, um mit diesem erdrückenden und kräftezehrenden Gefühl irgendwie umgehen zu können?

 

Asp: Ich kenne ihn gut, den Leviathan. Es gibt keinen Rat außer: „Nimm Hilfe an und sei nicht allein!“ Es gibt eher einen Rat an die Menschen, die selbst nicht betroffen sind: Achtet auf eure Lieben, schaut nach Symptomen… Wenn man selbst drinsteckt, kann man sich schlecht selbst am Schopfe packen und herausziehen.

 

Roggenfaenger: Ohne nun den genaueren Verlauf der Geschichte spoilern zu wollen, möchte ich hier abschließend auf ein einschneidendes Ereignis oder besser gesagt, auf ein Schlüsselerlebnis in ebendieser eingehen. Auf dem Coverartwork zu "fremd" wurde es bereits optisch angedeutet: Der schwarze Schmetterling ist auch nach dem Ende des 2007 abgeschlossenen Zyklus noch mehr als nur präsent in deinem musikalischen Universum und sowohl dem Protagonisten als auch dem Hörer durch das Portal gefolgt. Im Folgenden machte sich das auf "GeistErfahrer" und "Maskenhaft" nicht allzu sehr bemerkbar, doch auf dem neuen Album trifft das lyrische Ich in den Untiefen auf ein altbekanntes Bauwerk, während du die lateinischen Zeilen "Abyssus abyssum invocat" aus Psalm 41 beschwörst, die frei übersetzt so viel wie "Ein Fehler zieht den anderen nach sich" bedeuten. Zudem lauten die letzten Worte auf dem Album "Hör mir zu und geh' zurück zum Start!" und lassen gekonnt alles Weitere offen. Wie kam es zu der folgenschweren Entscheidung, das lyrische Ich erneut auf seinen gefürchteten Antagonisten treffen zu lassen und warum hältst du es für essentiell, in deinen Geschichten das Böse und die Ängste zu erhalten?

 

Asp: Ich lasse Dir Deine Deutung im Einzelnen gerne, finde es äußerst interessant, was Du da herausliest. Aber es ist wahr. Das lyrische Ich meint wohl, in der Tiefe einen / den dunklen Turm zu entdecken. Der "Fremder"-Zyklus und der "Schmetterlings"-Zyklus sind miteinander verwoben. Damit spoilere ich nicht zu viel, denn ich habe diesen Umstand schon relativ häufig in der Öffentlichkeit enthüllt. Auch auf der "Maskenhaft" findet man Hinweise. Mehr kann ich dazu nicht sagen, sonst fängt das Spoilern unweigerlich an, sorry!

 

Roggenfaenger: Erst kürzlich habe ich sie schon einmal erwähnt, nun möchte ich direkt auf die sogenannten Logbucheinträge zu sprechen kommen. Wo andere Künstler reine Instrumental-Versionen oder Remixe als Bonusmaterial anbieten, geht ihr ganz andere Wege. Wen wundert es noch? Wie kam es zu der außergewöhnlichen Idee, die Entstehungsgeschichte und Hintergründe der einzelnen Songs zu vertonen?

 

Asp: Sie wurden ja nicht in diesem Sinne „vertont“, das würde ja eine Neukomposition bedeuten. Das wäre nun wirklich etwas too much gewesen, selbst für uns. Unter meinen Fans wurden schon seit Jahren immer wieder Rufe laut, ich solle ihnen doch mal etwas vorlesen. Nun, da ist so ein vorgelesenes „Making-of“ natürlich geeignet, diesem Wunsch zumindest ein wenig entgegenzukommen. Aber auch andere Faktoren spielten eine Rolle bei der Entscheidung. Wir haben in den vergangenen Jahren wirklich viele Remixe von unterschiedlicher Qualität geliefert bekommen, und ich muss zugeben: Ich hab so ein bisschen den Spaß daran verloren. Ich wollte andere Wege gehen. Ich fühlte mich außerdem teilweise wie ein Kapitän auf großer Fahrt, und da drängte sich ein Logbuch auch ein wenig auf. Es zu lesen und nicht nur im Booklet zu veröffentlichen, war eine Sache, die wir noch nie gemacht hatten in dieser Form, und passt von daher auch wieder toll zu dem Gefühl des Abenteurers / Entdeckers auf Tauchfahrt. Ich bin natürlich kein Profi-Sprecher. Das hört man bedauerlicherweise ab und zu. Aber ich denke, fürs erste Mal ist es ganz ordentlich geworden, und die Fans werden es mögen. Und für diejenigen, die darin keinen Mehrwert sehen, gibt es ja noch vier weitere tolle Bonustracks, die alleine sicher schon genügt hätten!

 

Roggenfaenger: Ende Oktober geht ihr zusammen mit den Gothic-Metallern von "Gothminister" auf ausgedehnte Tournee. Es werden die vorerst letzten Konzerte sein, bis etwas Stille im Hause "ASP" einkehrt. Was habt ihr euch für die kommenden Shows denn alles vorgenommen und einfallen lassen? Da wir gerade schon von Live-Aktivitäten sprechen: Wie ist dir denn das diesjährige "M’era Luna"-Festival mit seinem launischen Unwetter und dem Stromausfall während eures Gigs in Erinnerung geblieben?

 

Asp: Erinnere mich bitte nicht an das M’era Luna! Das war ein real gewordener Albtraum! Ich habe heute noch Bauchschmerzen, wenn ich daran zurückdenke. Ganz ehrlich, ich bin selbst nach all den Jahren noch nicht abgebrüht genug, als dass mir eine solche krasse Ballung von unverschuldeten Katastrophen nichts ausmachen würde. Wir haben freilich trotzdem alles gegeben, und die Zuschauer haben es uns gedankt. Aber lieber hätte ich das nicht so erlebt. Da stoße ich dann an meine eigenen nervlichen Grenzen und merke, dass meine Ansprüche an eine gelungene Show einfach auch mal durch äußere Umstände unerfüllt bleiben können. Ich habe an diesem Konzert ein halbes Jahr lang herumgeplant, natürlich nicht ausschließlich, aber es war ein großer Aufwand. Andererseits hat es auch gezeigt: Egal wie schwierig es wird: "ASP" sind eine Band, die ist live einfach ein Brett, ganz gleich, was passiert. Meine Jungs sind einfach gut, auch wenn der Sänger ein Nervenbündel ist, hahahaha. Für die Tour haben wir uns vor allem eins vorgenommen: einen tollen Konzertabend, bei welchem möglichst viele „zutiefst“-Songs auf die Setlist geschmuggelt wurden und der trotzdem noch ausreichend Klassiker für die Fans bietet. Die mögen das nämlich gar nicht gerne, wenn man alte Songs weglässt, um neue zu etablieren. Ein furchtbares Dilemma! Ich hoffe aber, ich habe das gut hingekriegt und alle sind happy. Wir durften beim Proben der neuen Songs schon bemerken: Das neue Album ist ein zutiefst livetaugliches Werk! Die Songs sind für die Bühne prädestiniert!

 

Roggenfaenger: Wir kommen nun zur letzten Frage: Eigentlich wolltest du schon nach dem Zweiteiler "Verfallen" eine schöpferische Ruhephasen einlegen und dir mit den Arbeiten an einem neuen Album Zeit lassen. Nun ist es aber doch soweit: Nach der "20.000 Meilen"-Tournee und der Neuauflage des "Plage Noire" am Weissenhäuser Strand, legt ihr, nachdem ihr praktisch unermüdlich von der Bühne ins Studio und gleich wieder zurück gehechtet seid, eine Pause auf unbestimmte Zeit ein. Woraus habt ihr euch all die Jahre eure ausdauernde Energie gezogen und warum ist es gerade jetzt erforderlich, die Batterien mal wieder aufzuladen? Hast du bereits schon ein paar Pläne für die freie Zeit gemacht und vielleicht ein abschließendes Wort für die Leser?


Asp: Glücklicherweise verhält es sich sogar so, dass ich ab Ende November schon Pause machen darf und muss. Für die Festivals im Frühjahr machen wir sozusagen „Urlaub vom Urlaub“. Ich werde die Tour wirklich mit allerletzter Kraft schaffen, danach muss wirklich mal Ruhe sein, die Batterien werden sonst nicht nur leer sein, sondern auch kaputt. Ein paar Monate, in denen ich zwar durchaus nicht untätig sein werde, aber mich aus der Öffentlichkeit komplett zurückziehen will. Vor allem eine Internetpause brauche ich. Das Netz saugt zu viel Energie. Es nervt mich. Ich muss mal entschleunigen und mir bewusst werden, wie es so weitergeht in dieser krassen Welt. Mal ein paar Gedichte und Lieder schreiben, die nie jemand zu Gesicht bekommt, mal ein paar Bücher lesen, ein neues Zuhause suchen… Und vieles mehr. Viel zu oft beherrschte mich die Angst vorm Fallen. Nur einmal wollte ich erneuert sein. Viel zu lang hielt die Furcht mich in den Krallen. Ich war jetzt lange genug Supernova, jetzt muss ich mal Asche sein dürfen. Und dann Phönix. Wir werden sehen. Bessere Abschlussworte fallen mir nicht ein. Aber ich danke allen, die uns auf unserer Reise in die Tiefsee begleitet haben oder es aufgrund dieses Berichtes nun noch riskieren. Wir sehen und hören!

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