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  • Christoph Lorenz

In Extremo - „Endlich Live"-Tour - SparkassenPark, Mönchengladbach - 06.08.2021


Veranstaltungsort:

Stadt: Mönchengladbach, Deutschland


Location: SparkassenPark


Kapazität: ca. 900


Stehplätze: Nein


Sitzplätze: Ja


Homepage: https://sparkassenpark.de


Einleitung:


Achtung: Alle, die die beiden Berichte aus 2020 zu „Mono Inc.“ und „Schandmaul“ in Mönchengladbach schon gelesen haben, dürfen die Einleitung jetzt gerne überspringen, da diese zwecks der umfassenden Erklärung des neuen Strandkorb-Open-Air-Konzepts und all seiner zugehörigen Hintergründe hier fast ausschließlich übernommen wird. Alle anderen können selbstverständlich bedenkenlos weiterlesen: Es ist kaum zu glauben, aber nach einer sehr langen, ja, gefühlt ewig währenden Durststrecke gibt es sie jetzt endlich doch wieder: Konzerte! Wenn auch deutlich unregelmäßiger, weniger und vor allem anders, als zuvor. Wobei dieses „zuvor“ in Wirklichkeit aber eigentlich noch gar nicht so lange her ist, wie es vielleicht zunächst den Anschein hat, denn noch im Februar letzten Jahres war Live-Musik vor Publikum in großen Arenen oder kleinen Clubs definitiv nichts Außergewöhnliches oder gar Unvorstellbares. Nahezu an jedem einzelnen Tag gab es in so ziemlich jeder größeren und kleineren Stadt irgendein Kulturangebot oder gleich mehrere davon, sodass die Auswahl ob der etwaigen Überschneidungen manches Mal durchaus schwer fiel. Hätte mir zu diesem Zeitpunkt jemand erzählt, dass es schon bald eine weltweite Pandemie geben würde, man zukünftig Sicherheitsabstand voneinander halten und Schutzmasken tragen müssen, so hätte ich diesen jemand sehr wahrscheinlich für völlig verrückt erklärt und für seine apokalyptische Science-Fiction-Vision ausgelacht... Dass aber letzten Endes doch alles ganz anders kam und die eben erwähnte Pandemie leider doch keine versponnene Fiktion ist, ist ja mittlerweile hinlänglich bekannt und wurde im letzten Jahr schon zu Genüge diskutiert, weswegen ich hier jetzt kurz einhake. Nein, um weitere Negativmeldungen und das omnipräsente Corona-Virus soll es in diesem Beitrag und auch allen in Zukunft Folgenden nun wirklich nicht gehen, sondern dafür viel mehr um das, was uns so viel bedeutet und wofür ihr ja eigentlich hier seid: Musik... Und ja, auch wieder um Konzerte! Bereit? Na, dann mal los!


„Deine Kulturoffensive in Mönchengladbach: „Corinna“! Ein Bekenntnis. Eine Kampfansage. Ein Zusammenschluss, der seinesgleichen sucht. Ein Halt im Ungewissen. Ein Hoffnungsschimmer. Eine Zusammenarbeit, die Mut macht. In Mönchengladbach. Für Mönchengladbach. Streaming, Event und mehr - Wir sind „Corinna“!“, steht in den Informationen auf der Homepage des überregional bekannten Hockeyparks. Die Vorstandsvorsitzenden setzen sich unter anderem aus Miriam Colonna vom Kulturlöwe Niederrhein e.V., Michael Hilgers vom SparkassenPark-Team und weiteren Trägern der Kunst- und Kulturbranche zusammen, wie beispielsweise Mitarbeitenden der Kaiser-Friedrich-Halle, dem Kulturbüro Mönchengladbach oder BIS Zentrum und auch in der Politik fand man schließlich manchen Unterstützer zur endgültigen Realisierung des Projekts. Der neugegründete Verein sei die „Antwort auf die Herausforderungen, vor welche die Corona-Pandemie die Mönchengladbacher Kulturszene stellt“, so heißt es weiter. „Mit einer überwältigenden Solidargemeinschaft aus KünstlerInnen, Kulturaktiven, Locations und Konzertagenturen setzen wir ein klares Bekenntnis, dass es auch in schlechten Zeiten weitergehen wird - mit gemeinsamer Performance und einem großen WIR. Das Ziel unseres Vereins ist die - auch finanzielle - Unterstützung der angeschlagenen Akteure, um zumindest die größte Not in der Kultur- und Eventszene in Mönchengladbach ein wenig auffangen zu können und diese auch bis „nach Corona“ am Leben zu halten. Wenn man sich ansieht, wer alles dabei ist, wird allen klar, dass es diese Art der solidarischen Zusammenarbeit in unserer Stadt so noch nie gegeben hat...“, untermauert man den gemeinschaftlichen Aspekt dieser extrem lobenswerten, beeindruckenden Initiative nochmals vehement und regt an, dass die Türen auch weiterhin all jenen offen stünden, die dieses Engagement gerne unterstützen möchten. Eine wirklich beachtliche Bereitschaft und ein nicht minder löblicher Teil-Lösungsansatz in Bezug auf die aktuelle, regionale Problemstellung für Kunst und Kultur - Sehr schön! Exakt solche mutigen Menschen braucht es zum weiteren Erhalt der erschreckend bedrohten Veranstaltungsbranche nämlich auch, zumindest zu einem gewissen Anteil. Das andere und dabei ebenso wichtige Gegenstück sind die Gäste selbst, denn genau für diese hat sich der Zusammenschluss so einige attraktive Konzepte in und um die Stadt ausgedacht, die im Rahmen des Möglichen und somit der aktuell angeordneten Hygienemaßnahmen liegen.


Eines davon ist die Open-Air-Veranstaltungsreihe im großen SparkassenPark Mönchengladbach, die 2020 so dermaßen erfolgreich verlief, dass sich die Veranstalter dazu entschieden haben, das beliebte Konzept in diesem Jahr mit sage und schreibe fünfzehn weiteren Standorten auf große Deutschland-Tournee zu schicken, um möglichst vielen Musik-Fans die Möglichkeit auf sichere Konzerte zu geben. Demnach gibt sich 2021 auch in Aach im Hegau, Augsburg, Berlin, Bielefeld, Bochum, Cham, Hamburg. Hartenholm, Nürnberg, Regensburg, Rheinland-Pfalz, Rosenheim, St. Wendel / Bostalsee, Wetzlar und Wiesbaden eine ausgewogene und prominente Riege aus den Bereichen Entertainment, Comedy, Schlager, Pop, Rock und Metal beinahe täglich die Klinke in die Hand. Egal, ob Johann König und Ben Becker oder Wincent Weiss, Joris, Pietro Lombardi, „Culcha Candela“, „Kasalla“, „Gentleman“, „Schiller“, „Brings“ und „Die Höhner“: Viele der Shows sind bereits ausverkauft und wurden schon mit Zusatzterminen versehen. Mit der „Rammstein“-Tribute-Band „Völkerball“, den Irish-Folkern „Fiddler‘s Green“, der Mittelalter-Rock-Fraktion aus „Versengold“ und „Schandmaul“, den Hamburger Gothic-Rockern „Mono Inc.“ oder auch der Future-Pop-Koryphäe „VNV Nation“ sind sogar einige namhafte Bands aus der alternativen Szene mit an Bord. Es ist also für jeden (musikalischen) Geschmack etwas im Programm! Das innovative Konzept des Strandkorb Open-Air gestaltet sich wie folgt: Die Besucher werden durch insgesamt neun verschiedene und farblich gekennzeichnete Eingänge zu ihrer jeweiligen Insel (Rügen, Sylt, Helgoland, Mallorca, Föhr, Juist, Norderney, Fehmarn oder Amrum), also einem speziell abgetrennten Bereich mit je fünfzig Strandkörben darin, geleitet. Auf diese Weise wird die Gesamtanzahl der Besucher, die sich gesammelt an einem Ort befinden, nach den aktuellen Standards reguliert und auf ein konformes Mindestmaß begrenzt. Durch diese Regelung kann garantiert werden, dass die Zuschauer den vorgeschriebenen Mindestabstand von mindestens 1,5 Metern sicher einhalten können. Für Gäste mit Handicap ist hingegen ein separater Zugang zu einer der Tribünen vorgesehen. Die einzelnen Wege sind durch Barrieren voneinander abgetrennt, sodass die Zuschauer einer Insel nicht in näheren Kontakt mit denen der anderen Inseln kommen können. Zudem hat jeder Bereich seine eigenen Sanitäranlagen. Diese werden, wie auch die Strandkörbe selbst, regelmäßig desinfiziert. Außerdem ist an jedem Strandkorb ausreichend Desinfektionsmittel in Form eines kleinen Spenders angebracht, um die gesetzten Standards erfüllen zu können. Auf dem gesamten Gelände gilt unterdessen die Maskenpflicht, die jedoch aufgehoben ist, sofern man sich auf seinem Platz befindet. Da aufgrund der Abstandsregelung kein klassischer Gastrobetrieb angeboten werden kann, ist es sowohl vorab am Computer als auch vor Ort via App möglich, unter Angabe der Strandkorb-Nummer kleine Snacks (Riegel, Brezel, Salat oder Wraps und vieles mehr) und Getränke (alkoholfrei und alkoholisch) aller Art zu bestellen, die dann in einer eigenen, kleinen Kühlbox direkt neben dem Korb eingelagert werden. So sehr ich die normalen Club-Shows auch vermisse, aber das ist gerade für den passionierten Konzertbesucher schon wirklich ein riesiger Luxus und kein Vergleich zu den doch recht trostlosen Autokino-Konzerten mit blinkender Lichthupe anstelle von echtem Applaus! Das gesamte Konzept kann also vollkommen zurecht als eine Art wunderbar entspannter, enorm bereichernder und perfekt organisierter Kultur-Kurzurlaub in angesehen werden... Ein kleines Stück von Freiheit und Normalität in diesen schwierigen Zeiten, herzlichen Dank dafür an alle Beteiligten!


Zugunsten der örtlichen Veranstalter, Crews und Bands haben wir unsere Tickets, wie bereits im vergangenen Jahr, für alle (stattfindenden) Konzerte in 2021 selbstverständlich ganz normal gekauft und demnach schon auf die bloße Anfrage einer Akkreditierung verzichtet. Das ist vermutlich auch so ziemlich das Mindeste, was man als Musikliebhaber derzeit tun kann, wenn man sich in Zukunft nicht plötzlich vor den zahlreichen Trümmern jener Branche stehen sehen will. Wer momentan nicht die Möglichkeit dazu hat oder aus Vorsicht präventiv keine größeren Veranstaltungen besuchen möchte, kann dennoch helfen, denn die Fans mancher Künstler haben auf eigene Faust engagierte Spenden-Aktionen ins Leben gerufen und die Acts selber haben in ihren Online-Shops nun oft spezielle Angebote mit besonderen, exklusiven Artikeln. Kauft mehr CDs, anstatt Musik nur im Abonnement zu streamen oder Merchandise, um den Musikern zu helfen und das weitere Fortbestehen der Kulturlandschaft zu sichern - Danke! Nach einem echten Sommertag sieht es an diesem Freitag, dem 06.08.2021, jedenfalls so überhaupt nicht aus, aber das tut es ja schon die ganzen letzten Monate über nicht. So ist es auch nicht verwunderlich, dass bereits für den Nachmittag wieder starker Regen angesagt ist, der sich zu meiner großen Beunruhigung in der Wetter-App immer weiter nach hinten und damit gen Abend verschiebt... Es ist besonders deswegen so unglaublich schade, da das heutige Konzert die lang erwartete Einlösung eines Weihnachtsgeschenks aus dem vergangenen Jahr für jemanden ist, der „In Extremo“ gesundheitsbedingt schon viele Jahre nicht mehr live erleben konnte und dem ich zuletzt noch so viel vom „Konzert-Urlaub bei sommerlichen Temperaturen“ vorgeschwärmt habe. Nun ja, wir bleiben vorsichtig optimistisch und lassen uns nicht entmutigen. Um auf den großen Parkplatz zu gelangen, durchfahren wir erst ein großes Tor und orientieren uns danach an der Beschilderung durch kleine, farbige Banner an der Einfahrt zum jeweiligen Bereich. War das Parken im letzten Jahr noch im Ticketpreis inklusive, werden dieses Mal satte fünf Euro Gebühr fällig und frei auswählen darf man seinen Platz nun auch nicht mehr, sondern ist auf die Einweiser angewiesen, die ob der reichlich vorhandenen Möglichkeiten auf dem Gelände irgendwie fehl am Platze sind. Wir haben die Farbe Rot für die Insel Rügen zugeteilt bekommen und dürfen uns jetzt einen der massig freien Plätze aussuchen. Noch sind nicht allzu viele andere Gäste hier, die übrigen Fans stehen hingegen noch vor ihren Autos und unterhalten sich angeregt oder warten schon vor den Toren. Der Einlass ist für 19.00 Uhr angesetzt, der Beginn eine gute Stunde später.


Als es schließlich soweit ist, reihen wir uns in die praktisch nicht wirklich existente Schlange für unsere Insel ein, weisen eines der 3-Gs nach, die ab diesem Jahr erforderlich sind, halten unsere Tickets unter einen Scanner und passieren bei grünem Licht das Drehkreuz, welches uns sodann auf einen mit Gittern abgetrennten, eigenen Weg zu unserem zugeteilten Bereich entlässt. So umrunden wir die hohen Tribünen rechter Hand und gelangen dann über die obere Hälfte der seitlichen Ränge schließlich in den Innenraum, wo ein kleines Schild bereits verrät: Rügen. Mit unseren Eintrittskarten in der Hand, folgen wir den kleinen Pfeil-Markierungen auf dem Boden zum Strandkorb mit unserer Nummer darauf - Endlich angekommen und ein sehr cooles, stressfreies und sicheres Konzept oben drauf! Ebenfalls super: Unsere am Vortag via Homepage aufgegebene Getränke-Bestellung lagert schon in der Kühlbox neben unserem Strandkorb und im Gegensatz zur Show von „VNV Nation“ vergangenes Jahr, ist dieses Mal sogar ein kleiner Flaschenöffner an ihr befestigt - Toll! Mit reichlich Eistee, Cola und natürlich Bier bewaffnet setzen wir uns also und beobachten gemütlich das rege Treiben ringsum. Die gegenüberliegenden Aufgänge gleich neben der riesigen Bühne, die übrigens extrem hoch ist, damit auch jeder Gast von überall aus gut sehen kann, wurden mit breiten Planen überdeckt, auf denen weiße Dünen und wogende Wellen zu sehen sind. Na, so kommt doch direkt das gewünschte Urlaubsgefühl auf, oder? Nachdem in der folgenden Stunde dann noch eine überdurchschnittlich motivierte Moderatorin das Hygienekonzept ausführlich erklärt hat, drei Runden Kiss-Cam gespielt und ein sehr langer, extrem heftiger Schauer mit Hagel-Charakter überstanden worden sind, ziehen die dunklen Wolken knapp zehn Minuten vor Beginn endlich vorbei und die strahlende Sonne zeigt sich. Das nenne ich doch mal perfektes Timing, es kann also losgehen!

In Extremo:


Exakt um 20.00 Uhr ertönt schlagartig der vertraute, unheimlich knarzende Klang eines altehrwürdigen Trumscheits und hallt fortan mit einem großflächigen Echo durch die weitläufigen Reihen des großen und zudem restlos ausverkauften SparkassenParks zu Mönchengladbach. Mit einem Mal verstummen die Gespräche der geselligen Runden zwischen den zahlreichen Strandkörben und alle Blicke richten sich ausnahmslos mit voller Aufmerksamkeit in Richtung der mehrere meterhohen Bühne. Das wilde Rasseln hell klirrender Schellen und der hypnotisch niederdonnernde Rhythmus voluminöser Trommeln geben nun den treibenden Takt vor, ehe die geballte Kraft der Dudelsäcke die bekannte Melodie von „Pikse Palve“ aus dem Off der vielen Lautsprecherboxen dringen lässt und schließlich die Ankunft der sechs Spielmänner von „In Extremo“ verheißt. Die ohnehin schon spürbar hohe Spannung ist spätestens jetzt allgegenwärtig und kann beinahe mit den Händen gefasst werden, als sich im Hintergrund allmählich etwas zu regen beginnt und sich das gigantische Backdrop plötzlich wie von selbst in die Lüfte erhebt. Langsam wird die schwere Plane, die mit dem darauf zu sehenden dunklen Himmel, funkelndem Sternenstaub und einem gar riesigen, goldenen Kompass ganz im Stil des aktuellen Studioalbums „Kompass Zur Sonne“ gehalten ist, immer höher gezogen und verharrt am höchsten Punkt schließlich fest in der Verankerung, bis die malerische Szenerie über dem gesamten Bühnenbild prangt, welches ansonsten noch weitestgehend der „Quid Pro Quo“-Ära entspricht. Im Zentrum ragt das wuchtige Drumset in die Höhe, hinter dem auf einmal Schlagzeuger Florian „Specki T.D.“ Speckardt steht und Arme kurz zum Gruß in die Höhe reckt. Die Fans rufen, klatschen und jubeln voller Begeisterung. Zu den Seiten daneben befindet sich je ein weiteres Podeste in rustikaler Backstein-Optik, der Platz dahinter wird von langen, strählenden Straßenlaternen ausgefüllt. Nur wenige Sekunden später zeigen sich auch Bassist Kay „Die Lutter“ Lutter und Gitarrist Sebastian „Van Lange“ Lange und nehmen ihre traditionell zugewiesenen Positionen am vorderen Rand ein. Als vorerst letztes Mitglied betritt Frontmann und Sänger Michael Robert „Das letzte Einhorn“ Rhein unter schallendem Applaus mit zügigen Schritten die Bretter. Lächelnd hebt er knapp die Hand und dreht sich dann mit dem Rücken zum gebannten Publikum um. Das instrumentale Intro verstummt endgültig und mit ihm für wenige Augenblicke auch der bis dato ziemlich ausgelassene Jubel. Mönchengladbach scheint kurz den Atem anzuhalten. Die Welt steht scheinbar still. Jetzt wird die Bühne in blutrotes Licht getaucht, ein vertrautes Riff erklingt und dann schießen unvermittelt heiße Feuerbälle hoch hinaus: Wir ziehen in den „Sängerkrieg“! Im hellen Schein der Flammen fühlen sich Fans und Band seit jeher zuhause und so ist es auch absolut kein Wunder, dass gleich wieder alles beim Alten scheint und es sich ganz so anfühlt, als hätte es die erzwungene Live-Pause oder gar eine Pandemie in den vergangenen anderthalb Jahren nicht gegeben. Trotz der geltenden, notwendigen Auflagen wirkt das alles hier sonderbar unbeschwert und frei. Zumindest in diesem einen Moment. Ein lange vermisstes, wirklich schönes Gefühl. „Hallo Mönchengladbach!“, ruft Rhein herzlich in die Weiten des SparkassenParks hinein und erhält hundertfach prompte Antwort. Mit dem Einsetzen des hymnenhaften Refrains sprinten auch die beiden letzten Mitglieder, Marco „Flex der Biegsame“ Zorzytzky und André „Dr. Pymonte“ Strugala, mit den Dudelsäcken im Anschlag hinzu und das Publikum jubelt. Einzig Boris „Yellow Pfeiffer“ Pfeiffer fehlt, gab die Band doch bereits im Frühjahr überraschend seinen Ausstieg bekannt. Irgendwie merkwürdig und sehr befremdlich, die einstigen „glorreichen Sieben“ in Zukunft nur noch als Sextett zu sehen. Daran werden sich auf dieser Tournee vermutlich so einige treue Anhänger erst gewöhnen müssen...

Zum traurig sein und Trübsal blasen soll heute Abend aber keine Zeit bleiben, denn mit dem schwungvollen „Küss Mich“ folgt direkt im Anschluss ein echter Klassiker, der die Stimmung weiter nach oben zu treiben weiß. „Einen wunderschönen guten Abend euch allen! Euch geht’s gut, oder?“, begrüßt der Sänger das Publikum sichtlich erfreut und gelöst. „Das freut uns, dass ihr heute hier seid und wir wieder spielen dürfen. Die Sonne kommt ja jetzt gerade auch wieder raus... Schön. Wir hoffen, dass es wieder bergauf geht. Habt gute Laune, okay?“, lächelt er zuversichtlich und dann geht es auch schon mit „Herr Mannelig“ weiter im Programm, zu dem jetzt alle Hände zum gemeinsamen Klatschen gefordert werden. „Ihr müsst schon ein bisschen lauter sein, hier oben kommt nur ganz wenig davon bei uns an.“, stichelt Rhein scherzend und gesteht dann: „Also ich weiß ja nicht, wie‘s euch so geht, aber wir haben euch ganz schön vermisst!“, grinst er. Höchste Zeit also, den unzerstörbaren Bund mit einer „Feuertaufe“ und weiteren Flammenstößen zu besiegeln. Klar, dass da alle aus voller Kehle mitsingen. „So, Dankeschön. Die ersten Songs sind mittlerweile vorbei und hier oben riecht es schon nach Adrenalin und Schweiß...“, berichtet Rhein und wird dann kurzerhand von Pymonte in seiner Ansage unterbrochen: „Es riecht nach Bock!“, konstatiert der sympathische Harfenist unter lautem Gelächter. „Ja, aber es riecht auch nach Salz aus dem hohen Norden.“, raunt der Frontmann verschwörerisch und findet damit die perfekte Überleitung zur punkigen Freibeuter-Hymne „Störtebeker“, die sofort mitreißt und ganz sicher niemanden mehr in seinem Strandkorb sitzen lässt. Das nächste Highlight folgt sogleich: Ein tief gestimmtes Horn leitet danach das schwermetallische „Unsichtbar“ ein, zu dessen Beginn viele kleine Explosionen im Takt des druckvollen Schlagzeugs ausgelöst werden, dicht gefolgt von einem lauten, großen Knall samt aufziehender Rauchschwaden. Im ausladenden Instrumentalteil vor dem finalen Refrain sprühen dann meterhohe Funkenfontänen von allen Seiten quer über die ganze Bühne, bis Pymonte den Song schließlich mit einigen letzten, aufblitzenden Donnerschlägen am Klangbaum beendet. „Dankeschön. Das macht wirklich einen riesigen Spaß hier, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen.“, freut sich Rhein ehrlich. „Ja, das nächste Stück passt gut zu dieser ganzen Situation... Hoffen wir mal, dass dieser ganze Dreckscheiß bald wieder vorbei ist.“, führt er merklich bedrückt mit belegter Stimme aus. Daraufhin kann natürlich nur die emotionale Ballade „Gaukler“ folgen, die vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse und einer zerbrechenden Kulturbranche nur noch umso ergreifender wirkt. Es sind exakt dieses Herzblut und diese Spielmannsehre, die das besungene Feuer in den Herzen der Fans immer wieder entfachen werden. „Dankeschön. Ja, das geht immer wieder ins Herz, oder? So, wie’s sein sollte.“, bedankt sich der Sänger und trifft mit seinen Worten vollkommen ins Schwarze.

Mit der ersten Vorab-Single des neuen Albums, dem zynischen „Troja“, gibt es dann schon mal einen kleinen Ausblick auf die zugehörige Tournee, die aus bekannten Gründen mittlerweile schon mehrere Male verschoben werden musste und just für Frühjahr 2022 datiert wurde. Der Up-Tempo-Song rockt straight nach vorne und wird schon jetzt wie ein alter Bekannter gefeiert, wie sollte es auch anders sein? „Euch geht’s gut? Dahinten laufen sogar welche um ihren Korb herum! Ich muss ja mal sagen, das ist schon hoch hier. Da kriegt man echt Angst, dass man herunterfällt.“, amüsiert sich Rhein angesichts des ungewohnt hohen Abstand zum Publikum. Noch mehr gleißende Feuerschübe gibt es dann im Folgenden zum lässigen „Himmel & Hölle“ und dem politkritischen Anti-Kriegssong „Lieb Vaterland, Magst Ruhig Sein“, zu dessen Ende hin sich die erschütternden Laute einer schrillen Sirene mit tiefroten Bengalos und wild umher kreisenden Flammenwerfern paaren, während Lutter und Lange spielend in ihrer Mitte stehen. Und auch der stets beliebte, frenetisch gefeierte Klassiker „Rasend Herz“ besticht einmal mehr durch laut knallende Pyrotechnik nach dem Sackpfeifen-Solo - So muss das sein! „Habt ihr alle noch genug Bier? Dann ist ja alles gut. Nach dem letzten harten Jahr ist es nicht selbstverständlich, dass wir es geschafft haben, unsere alte Crew wieder zusammenzubekommen. Die meisten sind alle wieder mit dabei, das sind so um die zwanzig Leute. Egal, was auch passiert, als es wieder losging, haben die echt alles stehen und liegen gelassen und sind sofort mit uns gekommen. Deshalb wollen wir von euch jetzt einmal einen riesigen Applaus für unsere gesamte, geile Crew, okay!?“. Nichts leichter als das: Mönchengladbach erwidert die traditionelle Bitte nur allzu gerne und lässt jetzt so einiges von sich hören. Immer wieder schön, wie dankbar und demütig sich „In Extremo“ auch nach all den vielen Jahren noch gegenüber ihrer Tour-Familie zeigen und ihren unermüdlichen Einsatz zu schätzen wissen. Eine Treue, die gerade in Zeiten wie diesen mit Sicherheit alles andere als selbstverständlich ist und das weiß auch die Band selbst. „Ah, das geht doch runter wie Öl, oder? Das könnt ihr uns ruhig glauben. Wir sind so Typen, die die Hoffnung einfach nicht aufgeben und immer weitergehen.“, bekräftigt der Frontmann und zustimmendem Kopfnicken seiner fünf Kollegen. „Frei Zu Sein“ bedarf es eben nur wenig, wenn der eigene „Kompass Zur Sonne“ zeigt. Und natürlich tun auch diese beiden Stücke der wirklich großartigen Stimmung keinerlei Abbruch, ganz im Gegenteil, wobei sich Letzterer hier nochmals etwas druckvoller als die ohnehin schon packende Studio-Version präsentiert. Generell fällt an diesem Abend immer wieder die gar wunderbare Wechselwirkung zwischen einer unglaublich motivierten, enorm spielfreudigen Band und dem sichtlich hungrigen, dankbaren Publikum auf. Es sind geradezu magische Momente, in denen sich gegenseitig viel gegeben und davon gezehrt wird. Konzerte, wie sie sein sollten - Sehr schön!

„Wir haben übrigens die Erlaubnis bekommen... Ihr könnt die Strandkörbe nachher alle mit nachhause nehmen!“, spaßt Rhein bei guter Laune und führt dann weiter zur abermals verschobenen Burgen-Tour aus: „Wir sind ja jetzt schon wieder eine ganze Weile lang unterwegs, aber die Festivals zu unserem fünfundzwanzigjährigen... Oder sechsundzwanzig- oder siebenundzwanzigjährigen Jubiläum werden wir natürlich noch nachholen, verlasst euch drauf! Wir haben da auch schon einen Plan und werden das alles dann rechtzeitig bekannt geben.“. Als Nächstes folgt eine kleine Überraschung, denn das melancholische und tieftraurige „Alles Schon Gesehen“ wurde seit der „Kunstraub“-Shows nicht mehr live gespielt, könnte zur allgegenwärtigen Situation und der vorausgegangenen Aussage, „schon ganz oft ganz unten gewesen, aber doch immer wieder aufgestanden zu sein“, wohl nicht besser passen. „Ihr wisst ja, die neue Platte ist schon eine ganze Zeit draußen, aber ein paar Stücke davon heben wir uns noch für die Tour auf und spielen jetzt einfach nur noch Hit auf Hit, okay?“, schlägt Rhein vor und wird prompt von einigen Zurufen des Protests unterbrochen. „Nein!? Wer schreit hier „Nein“? Gebt dem Mann mal etwas zu trinken, damit er „Ja“ ruft!“, lacht er, bevor es dann mit dem All-Time-Favorite „Liam“ inklusive blau züngelnder Feuerstöße und dem Titeltrack des vorherigen Langspielers „Quid Pro Quo“ weitergeht, dessen Titel im Refrain als kollektiver Schlachtruf laut von allen Fans gerufen wird. Entgegen der vorherigen Ankündigung, gibt es danach mit „Saigon & Bagdad“ doch noch einen weiteren Ausblick auf die Konzerte in 2022, wodurch einmal mehr die große Live-Qualität der neuen Songs unter Beweis gestellt wird. Das wärmende „Siehst Du Das Licht“ von „Sterneneisen“ aus 2011 markiert ein weiteres Lied, das schon sehr lange nicht mehr gespielt worden ist und viel Hoffnung auf bessere Zeiten in Zukunft macht. Es tut wirklich sehr gut, neben neuen Songs und Klassikern auch das ein oder andere rare Stück endlich wieder in der Setlist zu wissen, was der musikalischen Abwechslung ungemein zuträglich ist. Danach hat Dr. Pymonte, das sogenannte „Exemplar von der Kreideküste“, seinen großen Auftritt mit dem legendären Harfen-Solo und jeder langjährige Fan weiß genau, was jetzt kommt: Der „Vollmond“ geht über Mönchengladbach auf, dicht gefolgt vom blutigen „Spielmannsfluch“ und glitzerndem Funkenregen, als der hier besungene Marmorsaal mit einem lauten Knall zerspringt.

„Dankeschön! Vielen Dank, liebe Leute...“, findet der Frontmann kaum mehr Worte, als die lauten „Es regnet, es regnet Blut“-Chöre auch lange nach Beendigung des beliebten Klassikers einfach nicht mehr abebben wollen. „Vielen, vielen Dank. Wir spielen jetzt das letzte Lied, aber mal sehen, was heute noch so alles passiert, okay? Wir sagen trotzdem schon mal vielen Dank an euch alle. Es war wirklich Balsam für die Seele und geht echt runter wie Öl, Dankeschön!“, lautet der aufrichtige Dank im Namen der gesamten Band vor dem vorerst letzten Lied, dem feierwütigen Gassenhauer „Sternhagelvoll“, nach welchem sich die sechs Musiker kurz von der Bühne verabschieden. Ein vorzeitiges Ende lässt das rundum begeisterte Publikum im mittlerweile spätabendlich daliegenden SparkassenPark aber natürlich nicht gelten und fordert „In Extremo“ für eine Zugabe lauthals zurück auf die Bretter und die sechs Vagabunden sollen sich auch tatsächlich nicht lange bitten lassen: Mit dem zuletzt ebenfalls eher selten gespielten „Rotes Haar“ gibt es einen sehr erfreulichen Ausflug in die frühe Schaffensphase, der wie immer großartige Stimmungsgarant „Ai Vis Lo Lop“ legt da direkt würdig nach. Doch dann heißt es nach zwei Stunden voll gegenseitiger Energie, Wertschätzung und Freude leider auch schon wieder Abschied nehmen, zumindest vorerst. „Lasst euch nicht unterkriegen, okay? Wir spielen jetzt unser letztes Stück für heute. Feiert nochmal schön und kommt gut nachhause. Danke!“, verabschiedet sich Rhein im Namen der Band und dann werden nochmals alle Reserven zum großen Finale mit „Pikse Palve“, dem Donnergebet, reaktiviert. Zum archaischen Reigen aus schweren Trommeln, der fidelen Cister und kraftvollen Dudelsäcken lodern jetzt weite Flammenschübe aus den zwei Säulen direkt vor der Bühne. Daraufhin schießen vier meterhohe Funkenfontänen in den Himmel empor und die zwei Feuerschalen hinter dem Schlagzeug entzünden sich im glühend heißen, züngelnden Schimmer der Nacht. Unter tosenden Jubelstürmen hunderter Fans verneigen sich die glorreichen Sechs gegen 22.00 Uhr schließlich zum letzten Mal an diesem ungemein denkwürdigen Abend nach einem verdammt ausgedehnten, herzlichen und aufrichtig motivierten Konzert, welches wohl so ziemlich jeden Gast wunschlos glücklich in die herannahende Nacht entsenden und viel Vorfreude auf die anstehende Headliner-Tournee 2022 schüren dürfte. Wir sehen uns wieder, bis dahin. Der Kompass zeigt zur Sonne...

Setlist:


01. Intro

02. Sängerkrieg

03. Küss Mich

04. Herr Mannelig

05. Feuertaufe

06. Störtebeker

07. Unsichtbar

08. Gaukler

09. Troja

10. Himmel Und Hölle

11. Lieb Vaterland, Magst Ruhig Sein?

12. Rasend Herz

13. Frei Zu Sein

14. Kompass Zur Sonne

15. Alles Schon Gesehen

16. Liam

17. Quid Pro Quo

18. Saigon Und Bagdad

19. Siehst Du Das Licht

20. Vollmond

21. Spielmannsfluch

22. Sternhagelvoll

23. Rotes Haar

24. Ai Vis Lo Lop

25. Pikse Palve


Impressionen:


Angelique Meinhold - Belladonna


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