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In Extremo - Kompass Zur Sonne (2020)


Genre: Metal / Folk / Alternative

Release: 08.05.2020

Format: CD

Anzahl Ton- / Bildträger: 1

Label: Vertigo Berlin (Universal Music)

Spielzeit: 56 Minuten

Pressetext:

Vom Akustik-Trio zu einer der erfolgreichsten deutschen Rockbands. Von einer Idee, harter Arbeit, unbeirrtem Glauben zu mehreren Top-10 und drei Nr.-1-Alben. Zu ausverkauften Tourneen, bebenden Burgen und treuesten Fans auf der ganzen Welt. Vom neuesten Album "Kompass Zur Sonne" zu einem aufregenden Meilenstein: 25 Jahre "In Extremo"! Seit einem sagenhaften Vierteljahrhundert fasziniert die Band nun mit ihrer mitreißenden Energie, die - in Vollendung - aus dieser ureigenen Mischung entsteht: Zwischen historischen Einflüssen und dem gewaltigen Sound ihrer Metal-Gitarren, zwischen mittelalterlichen Instrumenten, folkloristisch-archaischen wie auch modernen Rhythmen, Mitsing-Hymnen in deutscher und mundartlicher Sprache, zwischen reinstem Vollgas und Gänsehaut-Melodien entsteht so viel mehr als Musik. Es ist eine Atmosphäre, ein Gefühl, eine Verbindung, die sie so einzigartig wie erfolgreich macht.

Gegründet 1995 von Sänger Michael Robert Rhein, der als begeisterter Besucher von Mittelalter-Veranstaltungen die Idee hatte, Mitstreiter für ein akustisches Ensemble zu suchen. Die fand er und gemeinsam erweckten sie mit Mittelalter-Coverversionen auf historischen Instrumenten die Musik aus dieser Zeit zum Leben. Erste Aufnahmen folgten schon 1996 in Form von „In Extremo“, einer ersten Musikkassette für den Eigenvertrieb. Neben diesem Projekt gab es zudem eine Rockband, und der Versuch, die beiden zu kombinieren, gefiel Musikern und Publikum gleichermaßen. So kam nach und nach zusammen, was offensichtlich zusammengehörte, und zunächst auf zwei Stücken des folgenden, heute als „Die Goldene" (1997) bezeichneten Albums zu hören war. Die beiden Formationen rückten immer näher zusammen und schon im April 1998 gab es das erste Konzert in kompletter "In Extremo"-Besetzung. Zwar erschien parallel dazu das eher akustisch gehaltene „Hameln“ (1998), doch machte diese rastlose und vielfältige Kreativität bald Indie-Labels auf die Band aufmerksam. Noch im gleichen Jahr wurden das Rock-Album "Weckt Die Toten"

und das Live-Album „Die Verrückten Sind In Der Stadt“ mit dem Mittelalter-Programm veröffentlicht.

Kurz vor dem neuen Jahrtausend begann schließlich der Durchbruch: Die Band unterschrieb beim Major Universal Music. "Verehrt Und Angespien" (1999) stieg auf einen sensationellen 11. Platz der deutschen Albumcharts ein. Das 2001 folgende„Sünder Ohne Zügel“ bedeutete schließlich den eigentlichen Durchbruch, nicht zuletzt wegen der ersten eigenen Songs, die darauf zu hören waren. Diesen eigenkompositorischen Weg ging das Septett konsequent weiter auf „7“ (2003) und „Mein Rasend Herz“ (2005), auf der mit „Liam“ der Song enthalten ist, der mit Platz 3 beim „Bundesvision Song Contest“ und einem deutlich zunehmenden Publikumsinteresse belohnt wurde. Fast im Wechsel erschienen nun Live- und Studio-Alben wie „Sängerkrieg“ (2008), das sich des damals vorherrschenden Castingshow-Wahns annahm und die Band erstmals auf die Spitzenposition der Albumcharts führte, eine erneute Nr.-1-Platzierung mit „Sterneneisen“ (2011) und „Kunstraub“ (2013) auf Platz 2. Zum 20-jährigen Jubiläum kam 2015 die umfangreiche Box-Set-Retrospektive „XX“, 2017 die Best-Of-Compilation „40 Wahre Lieder“ und dazwischen

„Quid Pro Quo“, das 2016 direkt auf Platz 1 einstieg und sich für 15 Wochen in den Charts hielt, gefolgt von der dazugehörigen Live-Aufnahme namens „Quid Pro Quo - Live“.

Die Berliner Band "In Extremo" ist tatsächlich extrem - extrem erfolgreich im Job, einzigartig im Sound, unbeirrbar im Werdegang. Längst zählt sie zur Speerspitze der deutschen Rockmusik. Ihr ureigener Mittelalter Rock samt Mitsing-Hymnen brachte dem Septett hierzulande bereits mehrere Nr. 1- und mit Gold ausgezeichnete Alben ein. Ihre Konzerte und Festival-Auftritte in allen möglichen und auch legendären Venues auf diesem Planeten sind inzwischen Kult. Am 05. Mai 2020 veröffentlicht "In Extremo" das insgesamt 13. Studio-Album "Kompass Zur Sonne" mit zwölf brandneuen Stücken. Neben der Standard-CD und einer Vinylausgabe (schwarze Doppel-LP auf 180g) werden auch eine Deluxe-Edition im Hardcover-Book sowie eine Fan-Box (Deluxe-Edition plus Merch-Items) aufgelegt. Die Deluxe-CD wartet dabei mit zwei weiteren Tracks auf. Aufgenommen wurde das neue Werk, wie der Studio-Vorgänger "Quid Pro Quo", in den Principal Studios mit Produzent Vincent Sorg ("Die Toten Hosen", "Broilers" u.a.) im westfälischen Senden.

Mindestens ebenso bild-, sowie ton- und pyrogewaltig wird der große Geburtstag mit Fans, Wegbegleitern und Freunden gefeiert: Neues Album, ausgiebige Tour und legendäre Burgentour-Termine in Deutschland und der Schweiz. Und die Fans können sich auch auf so einige weitere Überraschungen rund um das Vierteljahrhundert ihrer Lieblingsband freuen. Denn „vollendet“ ist "In Extremo" noch lange nicht - auf die nächsten 25!

Kritik:

"Komm steig mit ein, wir sind das Gift im Wein

Unser Wille hart wie Stein, treten euch die Türen ein

Komm steig mit auf, Schläge nehmen wir in Kauf

Mit uns geht die Sonne auf, rollen die Stadt von innen auf

Bis Troja brennt!"

Ein ungeschliffener, rau tönender Basslauf fräst sich alleinig aus der einstigen Stille der rund vierjährigen Schaffenspause heraus und so durch die Boxen direkt zum Ohr des aufmerksamen Rezipienten. Schon sehr bald von den fließenden, simultan dazu schreddernden Riffs der Gitarren und einem parallel satt taktierenden Schlagzeug abgelöst, welches jetzt zusammen mit den dezent angedeuteten Klängen einer Nyckelharpa den energetisch hüpfenden Rhythmus dominiert. Bitte vom Gleis zurücktreten, alles einsteigen, Türen schließen... Die Reise führt uns nach „Troja“! Noch ein weiteres Mal setzen die Drums nun hart knallend ein, bis dann schließlich die markante Reibeisenstimme von Michael „Das Letzte Einhorn“ Robert Rhein auf ihre seit jeher unverkennbare Art und Weise die erste Strophe intoniert. „Wir wollen durch das Leben pflügen, durch Trojas Tore gehen. Gerissen lügen und betrügen und lachend auf euch nieder sehen. Drum’ steigen wir in dieses Pferd, es sei euch ein Geschenk. Wir reiten bis an euren Herd mit giftigem Getränk!“, verkündet er so hörbar genüsslich, wie auch süffisant in den einzelnen Zeilen, während sich die harsch fordernden Saiteninstrumente immer stärker untermischen und der auditive Druck merklich ansteigt, um die wahre Intention hinter der vermeintlichen Opfergabe an die Göttin Athene bitterböse funkelnd zu unterstreichen. Ein wahrer Gänsehautmoment, wie dermaßen facettenreich und gesanglich gekonnt Rhein sein charakteristisches Organ hier einsetzt, wenn er zu grundiert tänzelnden Harfen-Klängen erschreckend authentisch die hinterhältige Taktik offenlegt und etwa zynisch damit droht, dem volltrunkenen Feind bei Nacht die Hälse umzudrehen. „Komm steig mit ein, wir sind das Gift im Wein. Unser Wille hart wie Stein, treten euch die Türen ein! Komm steig mit auf, Schläge nehmen wir in Kauf. Mit uns geht die Sonne auf, rollen die Stadt von innen auf... Bis Troja brennt!“, heißt es im brutal ehrlichen, hämmernden Refrain mit absolutem Hymnen-Charakter, welcher angesichts der Thematik nicht nur einen bitteren Beigeschmack lässt, sondern zudem von der kräftigen Power der vereinten Dudelsack-Front einschüchternd majestätisch untermauert wird, die im späteren Verlauf noch ein von mahnenden Schellen durchsetztes, ausladendes Solo geben. Die spektakuläre Eröffnung des neuen Studioalbums kommt tatsächlich nicht allein nur kurzweilig und enorm eingängig daher, sondern hat auch erfreulich mächtig Dampf unter dem Kessel. So fällt der Einstieg überraschend rough, manisch wütend und extrem heavy aus und offenbart zudem auch eine ungleich kompromisslose Härte, die sich im Folgenden noch maßgeblich wie ein roter Faden durch die übrigen Songs ziehen soll... Die verträumt schwebende Weise der Uilleann Pipes, einer irischen Marktsackpfeife, strömt ihre sehnsüchtig klagenden Laute aus und versprüht sofort verzehrendes Fernweh nach der Freiheit. So schwillt die Melodie nun beständig weiter an, vereint sich mit der durchweg positiv ausgelagerten Kraft straighter Gitarren und wächst dann schnell zu einer aufstrebenden Melodie heran. Die Instrumentierung der Strophen setzt mit ihrem harschen Riffing hingegen einen starken Kontrast dazu und lässt die alte Lokomotive vom beeindruckenden Cover-Artwork vor dem inneren Auge praktisch nur so über die Gleise rattern. „Ich schrieb Worte an die Ufer, bevor die Flut die Spur verwischt. Komm, wir trotzen den Gezeiten, hoch am Leuchtturm blinkt ein Licht.“, singt Rhein im Refrain. Ja, der Titeltrack ist eine hoffnungsfrohe Mid-Tempo-Nummer in klassischer „In Extremo“-Attitüde und mit einer leichten Note Melancholie. Zwei klare Gegensätze, die sich gegenseitig nahezu perfekt ergänzen und dabei doch niemals zu abgerundet erscheinen. Die Segel sind gesetzt, der Wind steht gut. Kein Wehmut, keine Reue. Die Nadel zeigt jetzt nur noch in eine Richtung auf unserem „Kompass Zur Sonne“: Immer weiter nach vorne in eine neue, bessere Zukunft. Immer weiter zu den Wolken empor und niemals mehr zurück! Ein klar schmetterndes Schlagzeug und die satt tönende Melodie der abermals vereinten Marktsackpfeifen gestalten danach den Beginn von „Lügenpack“. Die musikalisch aggressiv gehaltenen Strophen, in denen die Zunge äußerst bissig als „schlimmstes Glied“ des Menschen bezeichnet wird, sind hier hauptsächlich von harsch sägenden Gitarren und kurzzeitigen Drum-Versätzen ausgefüllt, welche äußerst stimmungsvoll zur zügig treibenden Rhythmik des raubeinigen Up-Tempo beitragen. Sind „In Extremo“ bereits aus vergangenen Tagen nicht gerade dafür bekannt, textlich ein Blatt vor den Mund zu nehmen und sich bei wichtigen, politischen Thematiken hinter zu viel unnötiger Poesie zu verstecken, so treiben es die glorreichen Sieben nun nochmals ein ganzes Stück weiter und drohen Hetzern und Populisten im wütenden Refrain samt reichlich Mitsing-Potential etwa damit, ihnen die Zunge abschneiden oder sie mit dem Dudelsack aus der Stadt zu jagen zu wollen. Ein bisher eher ungewohntes Härte-Level also, doch harte Zeiten erfordern eben harte Maßnahmen!

Das nächste Stück präsentiert sich dann weitaus exotischer und orientiert sich in seinem instrumentalen Rahmen an einem bekannten Volkstanz namens „Lesginka“ und stellt eine Liebeserklärung an Land und Leute des titelgebenden „Gogiya“ dar. Eine Ode an Georgien: Die ehemalige Sowjetrepublik an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien, die ebenso zahlreiche Bergdörfer im Kaukasus, wie auch Strände am Schwarzen Meer umfasst. Für diesen Gassenhauer, der die Circle Pits der kommenden Live-Shows beim Hören unmittelbar vors innere Auge transportiert, hätten man wohl kaum einen besseren Duett-Partner als Georgij Alexandrowitsch Makazaria anheuern können. Der sympathische Sänger der kultigen Wiener Band „Russkaja“, die mit ihrem wahnwitzigen Sound wahrscheinlich am ehesten irgendwo zwischen Ska, Weltmusik und Power-Polka zu verorten ist, steuert nämlich nicht nur in der zweiten Strophe seine tiefe Stimme bei, sondern unterstützt auch den schmissigen, russischsprachigen Chorus mit traditionellen Gesängen maßgeblich. Der extrem temporeiche Song, in welchem der Protagonist auf einen hohen Berg steigt und seiner Heimat fortan ewige Treue schwört, kommt im dynamischen 6/8-Takt daher und wird neben schwungvoll galoppierenden Drums und der georgischen Felltrommel insbesondere von der dominanten Nyckelharpa mitgetragen, die hier den Part des rhythmischen Akkordeons der traditionsreichen Tänze ersetzt und zeitweise sogar etwas an „Vänner Och Frände“ erinnert. Die zarten Töne einer fidel flötenden Schalmei verströmen sogleich das Flair alter Tage, nur um dann plötzlich in der gebündelten Macht aus hymnischen Dudelsäcken und harten Rock-Elementen zu resultieren: „Salva Nos“ versprüht wahren Mittelalter-Charme und ist fraglos eine riesig große Freude für langjährige Fans! Der vollständig in Latein gehaltene Text wird dabei von sphärischer Elektronik, dezenter Drehleier und finster donnernden Gitarren grundiert, bevor im mitreißenden Refrain wieder die vereinten Marktsackpfeifen im vorherigen Muster greifen. Jenes soll gegen Ende noch von einer epochalen Chor-Passage mit absoluter Gänsehaut-Garantie aufgebrochen werden, die den sakralen Touch von der Bitte um Vergebung und Erlösung nahezu perfekt unterstreicht. So entsteht einmal mehr der alte Zauber der organischen Verquickung aus historischem Liedgut und modernem Metal in ihrer ganz besonderen, reinsten Form, die damit starke Parallelen zu „Omnia Sol Temperat“, „Óskasteinar“ oder „Madre Deus“ aus dem bestehenden Backkatalog zulässt - Sehr gerne mehr davon! Wieder einmal sind es die anmutig schwebenden Uilleann Pipes, welche jetzt eingangs zu hören sind, um sich fortan zusammen mit Schlagzeug und pointiert eingesetzten Gitarren zu einer schwermütigen Melodie aufzuschwingen, die einfach sofort ins Herz treffen muss und wird. Die Strophen gestalten sich darüber hinaus sogar noch ein gutes Stück weit minimalistischer, werden hauptsächlich vom klar strukturierten, doch merklich zurückhaltenden Drumming und einem trübseligen Cello betont: „Schenk Nochmal Ein“. Wenngleich der Titel beim bloßen, oberflächlichen Hinschauen zuerst auch unrechtmäßig in die Irre führen mag, so steht dem geneigten Hörer hier tatsächlich alles andere, als ein ausgelassener Party-Track ins Haus. Stattdessen wohl aber die einzige, vollwertige Ballade des gesamten und ansonsten eher harten Albums... Und was für eine! Der anrührend dargebrachte Text, in welchem das lyrische Ich die gemeinsamen Erlebnisse mit einem geliebten Menschen beim nächtlichen Trunk für sich Revue passieren lässt und den Verstorbenen im gedankenverloren trauernden Zwiegespräch aus der Kraft seiner lebendigen Erinnerungen schließlich vor sich sieht, berührt wahrlich tief und verdeutlicht somit die unglaubliche Schwere eines jeden Abschieds: „Wir hielten unsere Liebe fest, sie konnte uns nicht entwischen. Auch die Welt, sie wird sich weiterdrehen, selbst wenn Wasser und Salz sich mischen. Ich besuche dich so oft es geht, um dir nah zu sein. Ein Herz fürs andere weiter schlägt, ich küsse deinen Stein.“, heißt es. Der emotionale Refrain bringt zudem sanftes Harfenspiel ein, wenn das Stück sich mehr und mehr seinem Höhepunkt nähert. „Schenk nochmal ein! Ich träum‘ davon, bei dir zu sein. Du sagst, ich darf nicht traurig sein. Ich weiß, du kannst uns sehen, wenn wir durch die Felder gehen. Ich schenk mir nochmal ein, um bei dir zu sein.“, singt Rhein in seiner unnachahmlichen Art und trifft damit direkt ins Herz. Gegen Ende folgt zusätzlich ein dezent eingebundener Singalong-Part, der jedoch keinesfalls fehlplatziert oder gar unpassend wirkt, sondern die introvertierte, melancholische Stimmung dieses emotionalen Highlights frei von pathetischem Kitsch zusätzlich unterstreicht und dafür volle Authentizität aufbietet - Fantastisch!

Symphonischer Bombast und ein tiefes, dunkles Horn lassen nun schnell eine apokalyptische Atmosphäre aufbranden, die äußerst schnell zu vereinnahmen weiß. „Als ich ein kleiner Junge war, die Welt war bunt und wunderbar. Mit Indianerpfeder, Pfeil und Bogen sind wir als Kinder losgezogen. Die Füße schwarz, das Wort war frei. Hin und wieder eine Keilerei. Doch kleine Fäuste die töten nicht, weil aus ihnen das Leben spricht!“, wirft Rhein einen unverblümt reflektierten Blick in die eigene Vergangenheit, während die scharf gestimmten Sechssaiter und das rhythmisch aufgeladene Schlagzeug wild und rau an den nervös zuckenden Strophen zerren. Keine Frage, die Menschheit hat aus den Geschehnissen von „Saigon Und Bagdad“ offensichtlich nicht gelernt! Das Leid und Elend, die Not und alle Schrecken des Krieges liegen wohl zu weit entfernt, abgeschirmt von den steten Scheuklappen. Die Welt steht noch immer in Flammen, „überall verbranntes Land“ und längst kein Ende in Sicht... Wann wird es endlich aufhören? Auch der episch arrangierte und von mahnender Dudelsack-Power flankierte Chorus des rasenden Nackenbrechers nimmt sich in seiner schieren Intensität nicht ein bisschen zurück und birgt darüber hinaus enorm hohes Ohrwurm-Potenzial. So finden die sieben Vagabunden im weiteren Verlauf gar grandios gewählte Wortspiele, wenn sie den Soldaten im Namen der friedlichen Revolution damit drohen, ihnen Blumen in den Lauf der Gewehre zu stecken und die Kugeln damit aufzuhalten. „Habt ihr nichts gelernt!?“, fragt eine fragile Kinderstimme vor dem finalen Refrain immer wieder und konfrontiert mit der schrecklichen Realität. Wer nun glaubt, einige Parallelen zu „Quid Pro Quo“ entdeckt zu haben, liegt gar nicht mal so falsch, denn tatsächlich stellt sich dieser Song als bewusster, geistiger Nachfolger von „Lieb Vaterland, Magst Ruhig Sein?“ vom Vorgänger heraus, kommt im Gegenteil dazu jedoch mit einem deutlich erhöhten Tempo und nahezu durchgängiger Härte aus. Eine echte Perle der neuen Ära! Das sagenumwobene „Narrenschiff“ legt im Folgenden nach der literarischen Vorlage von Sebastian Brand aus dem Jahre 1494 ab. Die mittelalterliche Satire gilt nicht zu unrecht als national erfolgreichstes Werk vor der Reformation und beschreibt die Fahrt der rund einhundert Narren, deren unterschiedliche Charakteristika der Gesellschaft auf schwarzhumorige Weise den Spiegel vorhalten, zum fiktiven Land namens „Narragonien“. Gleich zu Beginn gibt ein knarzender Trumscheit von reißenden Gitarren gefolgt den forsch polternden Rhythmus vor, der sich alsbald in klassischen Rock-Gefilden bewegt. Der Refrain lässt durch den Einsatz der zart klingenden Harfe und die anschließende Dudelsack-Melodie wieder viel Mittelalter einfließen, der stimmungsvolle Mittelteil mit kräftiger Percussion, klirrenden Schellen und Seefahrer-Attitüde schließt sich dem an. „Wir lichten den Anker und prüfen den Wind. Und nur der Würfelbecher hat unseren Kurs bestimmt. Ein Sturm zieht auf, die See grollt schwer. Die Reise mit dem Narrenschiff ist ohne Wiederkehr!“, wird da gesungen. Der gewünschte Live-Charakter ist also definitiv gegeben. An die Stelle der bereits genannten gesellschafts- und sozialkritischen Töne, tritt hier eine freiheitsliebende Hymne an Leben und Gemeinschaftsgefühl, die dem Hörer charmant nahelegt, dass nicht jeder Richtung vollständig planbar ist, sondern es oftmals auch seine Vorzüge hat, sich auf dem Weg einfach treiben zu lassen. „Wer Kann Segeln Ohne Wind“ orientiert sich an der aus Schweden überlieferten Volksweise „Vem Kan Segla“. Einem Wiegenlied, das besagt, dass man jede noch so schwierige Situation im Leben meistern kann, außer den Tod eines engen Freundes ohne Trauer zu überwinden. Passend dazu, kreiert die kalt klirrende Harfe sogleich eine mystische Atmosphäre, das rhythmische Drumming und die verzerrten Gitarren simulieren derweil den schunkelnden Wellengang der wogenden Wassermassen. Für dieses Feature haben sich „In Extremo“ die gesangliche Unterstützung von Johan Hegg, seines Zeichens Sänger der weltweit erfolgreichen Death-Metal-Band „Amon Amarth“ aus Stockholm, geholt, was schon vorab für äußerst euphorische Reaktionen im Fan-Lager sorgte. Nur leider stellt sich jener sehnlichst erwartete Gastbeitrag zeitgleich auch als eine der größten und einschneidendsten Schwächen des gesamten Stücks heraus: Während die instrumentale Grundlage eigentlich noch sehr gelungen ist, so beißen sich die tiefen und zusätzlich extrem verfremdeten Growling-Parts des hünenhaften Vokalisten doch zu stark mit der bittersüß-sanftmütigen Schwere der folkig inspirierten Melodie... Hier hätte eine druckvolle und harte Metal-Walze der Marke „Dacw 'Nghariad“ wohl deutlich eher harmoniert. Dabei werden die zwei Strophen aufgeteilt, wobei Michael Robert Rhein jeweils den ersten Teil in deutscher Sprache besingt, woraufhin dieser dann von Hegg auf Schwedisch wiederholt wird. Im finalen Part singen hingegen beide Frontmänner das Stück nochmals gemeinsam in Deutsch. Ein verständlicher Zug, wenngleich auch weiteres Problem ist, dass man unverändert am Original festhält, ohne einen eigens komponierten Refrain oder ähnliche Zusätze beizusteuern, wodurch die Nummer sowohl musikalisch als auch textlich ziemlich repetitiv, abwechslungsarm und vor allem kurz ausfällt. So bleibt am Ende ein grundsolider Titel, aber auch die verpasste Chance auf den ganz großen Wurf - Schade!

Mit „Reiht Euch Ein Ihr Lumpen“ gibt es dann aber schließlich doch noch den viel erwarteten Party-Kracher, der jetzt alle kritischen Untertöne und schwere Melancholie für einen kurzen Moment beiseite schiebt und den Hörer stattdessen sogleich zum Feiern einlädt. Vollmundig tönende Marktsackpfeifen und die knackig rockenden Gitarren innerhalb der augenzwinkernd dreckigen Strophen, in denen einerseits die schwerwiegenden Folgen, aber auch Freuden einer durchzechten Nacht besungen werden, bringen sogleich fröhlich beschwingten Folk mit ausgelassen räudiger Tavernen-Atmosphäre auf, wie man ihn sonst etwa von „Fiddler‘s Green“ oder zuweilen auch „Schandmaul“ kennt. Suchte man hingegen diskographisch direkte Bezüge zu den glorreichen Sieben, so würde wahrscheinlich kein Weg am Hit „Sternhagelvoll“ vom Vorgänger vorbeiführen... Und in der Tat ähneln sich die beiden Songs doch schon sehr stark, nicht nur rein thematisch gesehen. Natürlich gibt es keine ideenlose Kopie oder gar einen lauen Aufguss zu hören, die spaßig-stupide Genialität des neuerlichen Live-Klassikers inklusive eigens etabliertem „Koma-Schunkeln“ erreicht man hierbei aber leider dennoch nicht in Gänze. Dafür bleibt eine durch und durch launige, raubeinig beherzte und nicht zuletzt sehr kurzweilige Nummer, die sofort gute Stimmung verbreiten muss. Schön! Der „Biersegen“ entstammt der legendären, mittelalterlichen Texte- und Liedersammlung „Carmina Burana“ und beginnt nun mit einem mystisch besungenen Mantra in klassischer „In Extremo“-Manier, wenn das mehrstimmig gedoppelte Echo zum stetig ansteigenden Widerhall wird, um sich sodann hypnotisch mit der nebulösen Nyckelhar