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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Alphaville - Dive - Welle:Erdball (2017)


Alphaville - Strange Attractor (2017)

Genre: Rock / Pop

Release: 07.04.2017

Format: CD

Anzahl Ton- / Bildträger: 1

Label: Polydor (Universal Music Group)

Spielzeit: 64 Minuten

Fazit:

Für immer und alle Zeit jung sein... Wer hat nicht schon einmal mit gemischten Gefühlen über die eigene Endlichkeit und das damit verbundene Älterwerden sinniert? Sich dabei in so manchen Momenten seines Lebens gewünscht, die Uhren für nur einen Augenblick anhalten zu können. Dieser philosophische Gedankengang wurde vor rund zwei Dekaden von der Synth-Pop-Ikone "Alphaville" aufgegriffen. Im Jahr 1983 in Münster von Bernhard Lloyd, Frank Mertens und Marian Gold, der als einziges Mitglied der Stammbesetzung bis heute aktiv ist, gegründet, starteten die Mannen ihren erfolgreichen Siegeszug. Auch wenn der Kader bis heute so manches Mal wechselte, gingen ihre größten Hits wie etwa "Big In Japan", "Sounds Like A Melody" oder das eingangs zitierte "Forever Young" folglich um die ganze Welt und sind auch heute noch ein stets beliebter Dauergast in den Medien. Es steht ganz außer Frage, dass dieses nationale Kollektiv die Zeichen erkannt hat und denkwürdige Meilensteine erschuf, welche die Geschichte der Pop- und Musikkultur der 80er-Jahre maßgeblich mitbestimmten, die in den Erinnerungen vieler Menschen fest verankert sind, für ein Lebensgefühl stehen und bis zum heutigen Tage unsterblich sind. Ende der Neunziger wurde es dann nach "Salvation" plötzlich ungewöhnlich still um Gold und seine Mitstreiter. Eine lange Ruhephase, die dreizehn Jahre später mit "Catching Rays On Giant" ihr jähes Ende finden sollte. In altbekannter Manier lieferte die Formation hier energiegeladenen, teils balladesken Electro-Pop in seiner reinsten Form. Das darin verwobene Oldschool-Feeling erweckte mitten im neuen Jahrtausend die Erinnerungen an vergangene Zeiten und atmete klar erkennbar Geist und Seele der damaligen Glanztaten, blieb gleichzeitig aber durch die neugewonnene Experimentierfreudigkeit ebenso modern, wie die vorausgegangene Single-Auskopplung "I Die For You Today" veranschaulichte. Die überwiegend positiven Rezensionen der Presse und die Stimmen der Fans ließen keinen Zweifel daran: "Alphaville" waren zurück im Business und begannen ihren Ritt auf der Welle des Erfolgs wieder aufzunehmen. Zahlreiche Konzerte im In- und Ausland folgten genauso, wie Festivals und TV-Auftritte. Alles schien nahezu perfekt, bis der tragische Tod des langjährigen Wegbegleiters und Keyboarders Martin Lister die treue Fan-Gemeinde erschütterte. Das lang angekündigte, neue Werk sollte, ebenso wie sein Titel, in der Folgezeit zu einem wohlgehüteten Mythos avancieren. Im Netz kursierten Demo-Versionen und mögliche Titel der künftigen Tracklist, die zuvor während einiger Shows dargeboten wurden. Doch der Veröffentlichungstermin verschob sich immer wieder auf unbestimmte Zeit und ließ die kursierenden Vermutungen eines realistischen Datums fortwährend wie kleine Luftblasen zerbersten. Ganze sieben Jahre später, ist das vorliegende Material perfektioniert worden und mit gebündelter Kraft, toughen Einflüssen und einer starken Band im Rücken, endlich bereit dazu, das Geheimnis zu lüften: Vorhang auf für "Strange Attractor"!

Schon der einleitende Opener "Giants" zeugt bereits vom scheinbar unerschöpflichen Facettenreichtum und einer weiteren, zwischenzeitlichen Kreativ-Häutung der Münsteraner. Mit einer ungewohnt schleppenden Schwere, entführt man den Hörer direkt in eine düster-sphärische Traumwelt. Der sonderbar tiefe Gesang von Gold erschafft eine psychedelische Trance, bis mehrstimmige Choräle den temporären Kosmos langsam aufklaren und in typischere Gefilde wandeln. Einen starken Kontrast dazu setzt sogleich "Marionettes With Halos", mit seinem leicht verqueren Synth-Pop. Merklich ausgelassener als noch vor wenigen Minuten, streuen "Alphaville" eine funkige Note ein und experimentieren mit groovenden Gitarren, Trompeten, rhythmisch stampfenden Einsätzen der Drums und einer gehörigen Portion Sozialkritik. Die Nummer animiert trotz der zahlreichen Stil-Kombinationen zum mitmachen und geht gut ins Ohr, wenn auch erst nach mehrmaligem Hören. Doch ruhigere Töne dürfen nach althergebrachter Tradition ebenfalls nicht fehlen, weswegen berührende Balladen wie das sanfte "House Of Ghost", "Around The Universe" oder "Enigma" mit der gebündelten Präsenz entschleunigend wirkender Akzente ihr Ziel keineswegs verfehlen. Einfühlsamer, hochwertiger Electro, der sich genauso schnell einschmeichelt, wie auch in den Gehörgängen festzusetzen weiß. "Mafia Island" mutet durch seinen langsamen, fast schon bedrohlichen Beat um einiges dunkler an und versprüht mit den mediterranen Akkorden einer Mandoline, sizilianisches Flair, dem allen voran Golds helle Stimmfarbe entgegengesetzt wird. Ein wahrer Höhepunkt des neuen Albums ist dann "A Handful Of Darkness". Mit einem epischen Ausmaß von fast acht Minuten Spielzeit, ist es einer der längsten Tracks im bisherigen Repertoire. Langsam baut sich die Melodie auf, hält die Spannung zu jeder Sekunde aufrecht und gipfelt in einem mächtigen Finale. Mit "Sexyland", "Rendezvoyeur" und "Nevermore" zieht man das Tempo erheblich an und liefert mitreißend schnelle Takte, die die Songs vorantreiben. Auch die synthetische Seite hält sich nicht zurück, sondern hält mit der Saiten-Arbeit stand, lädt zum ausgelassenen tanzen und vereint die Crossover-Stärken, welche die Band seit den Achtzigern auszeichnen. Heißblütiges Disco-Feeling aus längst vergangenen Zeiten, entfachen sodann "Fever!" und "Heartbreak City" mit ihrem charmanten Retro-Touch, der die zweite Hälfte von "Strange Attractor" klar in Atem hält. "Beyond The Laughing Sky" markiert schließlich die bezeichnende Zielgerade und überzeugt mit angenehm reduziertem Charakter, der mehr als zuvor auf den cleanen Gesang fokussiert und dem Song fortan den nötigen Raum zur Entfaltung gibt. Die gezügelt pochenden Spuren und der Einsatz einer Akustik-Gitarre lösen das effektbeladene Gewitter ab und unterstreichen den friedvollen Schlusspunkt eines hochemotionalen Finales.

Informationen:

http://www.alphaville.info

https://www.facebook.com/avmoonbase/

Dive - Underneath (2017)

Genre: Electro / Alternative

Release: 21.04.2017

Format: CD

Anzahl Ton- / Bildträger: 1

Label: Out Of Line Music

Spielzeit: 41 Minuten

Fazit:

"Gut Ding will Weile haben..." - Wer kennt dieses althergebrachte Sprichwort etwa nicht? Oder etwas anders und dabei doch mit der gleichen Bedeutung umschrieben, braucht echte Qualität eben ihren passenden, ganz eigenen Zeitpunkt. Ganz gleich, auf welche Art man diese Lebensweisheit denn nun aufzäumen möchte, der Sinn bleibt im Kern doch gleich und im Falle des zu besprechenden Materials mindestens auch genauso treffend. Wer schon länger in der Szene aktiv ist und sich dabei tiefergehend mit der elektronischen Seite fernab der gängigen, dort agierenden Aktivisten befasst hat, dürfte bei seiner akustischen Erkundungstour früher oder später auch auf die alten Helden jener Abspaltung gestoßen sein. "Skinny Puppy", "Nitzer Ebb", "Frontline Assembly", "KMFDM" und "Velvet Acid Christ" lauten da die großen Namen, der in den frühen und späten Achtziger- oder Neunzigerjahren gegründeten Formationen. Forscht man etwas weiter und kann sich für die Materie erwärmen, kommt man an "The Klinik" nicht vorbei. Das von Marc Verhaeghen ins Leben gerufene Projekt gilt als eine der legendären Institutionen und kann bis zum heutigen Tage auf ein umfassendes Repertoire zurückblicken. Seit den letzten beiden Großtaten "Eat Your Heart Out" und "The Klinik 84 91" und den dazwischen klaffenden Jahren herrscht Stille. Doch war es neben dem unverwechselbaren Sound insbesondere der markanten Stimme von Sänger Dirk Ivens zu verdanken, dass sich Klassiker wie "Mindswitch", "Go Back", "Bite Now Bite" oder "Hours And Hours" erst in Herz und Gehör gleichermaßen fräsen konnten. Neben seiner einzigartigen Manier den einzelnen Titeln bedrohliches Leben einzuhauchen, kanalisierte der belgische Elektronik-Pionier seine unbändige Kreativität regelmäßig und ließ sie innerhalb diverser Tätigkeitsfelder wie "Absolute Body Control" und "Dive" einfließen. Mit Letztgenanntem steht im Frühling diesen Jahres, um genauer zu sein am 21.04., das langerwartete, neue Album nach über einer Dekade in den Startlöchern.

Für "Underneath" zog Ivens mit Ivan Iusco einen namhaften Kooperationspartner aus Vergangenheit heran, entstand in enger Zusammenarbeit doch bereits der 1993er-Release "Concrete Jungle" und auch Rafael M. Espinosa, bekannt durch die Partnerschaft bei "Behind The Sun", ist in dessen Kosmos alles andere als ein gänzlich Unbekannter. In diesem Kontext wie gewohnt spezifische Titel herauszugreifen, scheint vor dem Hintergrund des musikalischen Flusses schwierig bis unmöglich. Noch immer ist es die bewährte Mischung aus monotonen, reduzierten, bisweilen fast schon minimalistischen Klängen, in direkter Kombination mit rohen und manischen Versatzstücken, welche das ganz eigene Gefüge zwischen Industrial und Dark Ambient entstehen lassen. Zuweilen wird man sogar ungewohnt zugänglich, etwa beim einprägsamen "Far Away" und dem hart donnernden "Something", doch lässt im weiteren Verlauf die Zügel der ursprünglich innewohnenden Seele nie so recht aus der Hand. Tracks wie "Sacred Skin", "Let Me In" oder "From Behind" sind charakteristische Zeugen des bisherigen Schaffenszyklus und lassen keinen Zweifel an den vielfältigen Gesichtern des Belgiers, dessen glaubwürdige Interpretation stets zwischen aggressivem Wahn und gehauchter Zerrissenheit wandelt. Es ist diese einmalig einnehmende Faszination, schleichend entstehend durch ein nicht kalkulierbares Gleichgewicht aus reduzierter Ader, treibenden Rhythmen, kalten Sequencern und psychotisch-morbiden Sounds, welche die gesamte Palette an menschlicher Emotionen fordernd verlangt und unwillkürlich abdeckt. "Howling Ground", "A Man Came", "Melt" und "I Want You" bilden den fulminanten Schluss-Akt, entfachen blitzartige Noise-Gewitter und unbarmherzige Strudel aus Stakkato-Attacken. Klar und nüchtern auf die ursprünglichen Wurzeln fokussiert, wagt sich Ivens mit "Dive" dabei doch immer wieder aus der schützenden Reserve hervor, zeigt sich offen für Neues und Experimente. Das wertige Erlebnis ist somit vor allem in der schieren Vielfältigkeit und einem damals wie heute gehobenen Niveau begründet, fernab von standardisierten Klischees. Dieses spektakuläre, weil einfach andere Ton- und Maschinen-Manifest überzeugt durch den respektvollen Erhalt alter Tugenden und dem gleichzeitig befreienden Ausbruch aus der straffen Limitierung eines oftmals beengenden Korsetts des Altbewährten. Klare Empfehlung!

Informationen:

http://www.dirkivens.com