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  • Christoph Lorenz

Peter Heppner - „Akustik"-Tour - Christuskirche Bochum - 06.09.2022


Veranstaltungsort:

Stadt: Bochum, Deutschland


Location: Christuskirche


Kapazität: ca. 500


Stehplätze: Nein


Sitzplätze: Ja


Homepage: http://www.christuskirche-bochum.de


Einleitung:

Ob man will oder nicht: Manchmal dauert es eben ein bisschen länger… Und so leider auch in diesem speziellen Fall. Zum ersten Mal im Herbst 2019 und damit nur kurz nach der sehnlichst erwarteten Veröffentlichung der beiden neuen Studioalben „Confessions & Doubts“ und „TanzZwang“ angekündigt, konnte noch niemand ahnen, dass es fortan sage und schreibe ganze drei Jahre dauern sollte, bis die entsprechenden Konzerte denn tatsächlich auch stattfinden würden. Warum eigentlich und was genau in dieser verrückten, unsicheren Zeit so ziemlich alle Pläne der Veranstaltungsbranche mit einem Schlag durchkreuzte, ist nahezu überall ausreichend besprochen worden und bedarf schon längst keiner näheren Erläuterung mehr. Heute sollte es aber endlich soweit sein! Die mittlerweile zweite Unplugged-Inszenierung und damit insgesamt siebte eigenständige Tournee von Ex-„Wolfsheim“-Stimme Peter Heppner, welcher seitdem bis auf gelegentliche musikalische Gastbeiträge quasi ausschließlich und äußerst erfolgreich auf Solo-Pfaden wandelt, ist dieser Tage mit zehn Shows in verschiedenen Städten von Anfang bis Ende September gesetzt. In rein akustischem Gewand bespielt werden hierbei hauptsächlich sehr besondere Venues, wie wie kleine Clubs, Theater oder eben Kirchen. Einer dieser besonderen Orte ist die bis weit über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus bekannte Christuskirche mitten im Zentrum der Bochumer Innenstadt. Das in 1877 erbaute, evangelische Gotteshaus bildet heute zusammen mit dem davor liegenden Platz des europäischen Versprechens ein mehr als nur eindrucksvolles Mahnmahl gegen den Krieg und ist zudem seit etlichen Jahren beliebter Austragungsort mannigfaltiger Events jeder nur erdenklichen Kultursparte. Messen gibt es hier hingegen kaum bis gar keine mehr. Werden Ausstellungen, Kunst-Installationen oder speziell arrangierte Musikveranstaltungen ihrem Publikum üblicherweise in den dafür vorgesehenen Galerien, Theatern, Philharmonien und Opernhäusern präsentiert, so fällt der sorgsam modernisierte Neubau nebst denkmalgeschütztem Glockenturm charmant aus dem Rahmen und gehört mittlerweile wohl zu den renommiertesten Lokalitäten, sodass selbst internationale Acts jenen etablierten Ort immer wieder für ihre raren Gastspiele stets gern wieder aufsuchen. Nicht umsonst wird sie auch als „Kirche der Kulturen“ bezeichnet. Besonders schön ist es als Bochumer aber natürlich, diese besondere Veranstaltungsstätte praktisch direkt vor der Haustür zu haben und ausnahmsweise mal keine längeren Anfahrten in Kauf nehmen zu müssen. Dass sich sowohl die Christuskirche als auch selbstverständlich Peter Heppner selbst größter Beliebtheit erfreuen, wird umgehend klar, als der Blick kurz vor Einlass über die meterlange Schlange Wartender auf dem erwähnten Vorplatz schweift. Natürlich hat es auch ein bisschen etwas damit zutun, dass das heutige Konzert der einzige Termin in ganz NRW und das Ruhrgebiet ohnehin dicht besiedelt ist. Ferner war durch die Pandemie für alle Interessierten unfreiwillig viel Zeit zum Ticket-Kauf, doch wenn man einmal bedenkt, dass eben durch die zahlreichen Verschiebungen nur zwei Wochen später schon das terminlich etwas unglücklich gelegte „Tanzzwang“-Set im Kulttempel Oberhausen stattfinden wird, ist es doch überaus beachtlich, wie viele gekommen sind. Nicht wenige von ihnen werden vermutlich sogar gleich beiden Veranstaltungen beiwohnen. Na, wenn das mal keine treuen Fans sind! Verfügbare Karten an der Abendkasse gibt es jedenfalls kaum noch, die Christuskirche steht kurz vor dem Ausverkauf. So dauert es nun auch eine ganze Weile, bis wir im verglasten Vorbau ankommen, in dem wie üblich auch der kleine Merchandising-Stand aufgebaut ist, an dem es neben CDs auch einige T-Shirts mit schönen Motiven, unter anderem zu den bekanntesten Heppner-Songs und natürlich zur aktuellen Tournee, zum Kauf gibt. Nachdem wir uns ein kühles Getränk in der Haupthalle gekauft haben, suchen wir uns freie Plätze, was sich aber als gar nicht so leicht herausstellt: Die langen Reihen der Bänke sind sowohl zur Linken als auch Rechten nahezu vollständig gefüllt, einige Besucher müssen schon weiter zusammenrücken. Das in Kirchen üblicherweise vorhandene Mittelschiff gibt es hier nicht, dafür wurde der große Balkon geöffnet und zu den Fensterseiten vereinzelt Stühle aufgestellt, wo auch meine Begleitung und ich schließlich zwei freie Flächen finden. Los geht’s!


Peter Heppner:


Pünktlich um 20.00 Uhr ertönt hell ein glasklarer Gong, wie man ihn sonst hauptsächlich vor der bald beginnenden Vorstellung im Theater gewohnt ist, und schon wenig später gehen dann auch die warmen Lichter in der augenscheinlich bis auf den letzten Platz gefüllten Christuskirche aus. Lange dauert es nun nicht mehr, bis die dreiköpfige Live-Band aus Schlagzeuger Achim Färber, Pianist Dirk Riegner und und Gitarrist Carsten Klatte die von vier runden Stativleuchten eingerahmte Bühne unter viel Applaus schnellen Schrittes betritt. Diese ist, bis auf just erwähnte Scheinwerfer und natürlich die jeweiligen Instrumente darauf, leer. Es gibt kein farbenfrohes Backdrop und keine große Leinwand im Hintergrund, keine technischen Spielereien oder gar anderweitige Effekthaschereien. Der Ort des baldigen Geschehens präsentiert sich viel mehr als sehr nüchtern und aufgeräumt, auf das Notwendigste reduziert und erzeugt ein klares Bild. Nichts soll hier ablenken, der Fokus soll allein auf der Musik liegen, denn weitaus mehr braucht es an diesem Abend auch gar nicht. Der Grund dafür folgt seinen Mitstreitern, die ihre Positionen in der Zwischenzeit allesamt bereits eingenommen haben, geschlossen auf dem Fuße: Ohne sich unnötig in den Vordergrund zu spielen, nimmt Peter Heppner, heute in ein schlicht-schwarzes Kurzarmhemd gekleidet, gewohnt zurückhaltend auf einem Barhocker hinter seinem obligatorischen Notenständer Platz. Bochum klatscht und jubelt, dass die Kirchenbänke nur so wackeln. Geduldig wartet die Band ab und dann wird es plötzlich still, ehe die ersten Klänge des Openers „Unloveable“, dem ersten Stück des noch immer aktuellen Studioalbums „Confessions & Doubts“ aus 2018, durch den Raum schweben. Die durch und durch zarte Instrumentierung verleiht dem ohnehin schon tragischen Lied ein umso zerbrechlicheres Gewand und trifft tief mitten ins Herz. „Hallo, Bochum!“, begrüßt der Mann mit der einzigartigen Stimme das schon jetzt restlos euphorische und daher laut applaudierende Publikum kurz mit einem verlegenen Lächeln. Dann geht es weiter und zwar überraschend mit „Care For You“ vom finalen „Wolfsheim“-Album „Casting Shadows“ aus dem Jahr 2003. Überraschend deswegen, weil es eben jener Song sonst nur recht selten in die Setlisten der heppner‘schen Solo-Shows schafft und auch keinerlei elektronischem Unterbau bedarf, um funktionieren zu können. Dennoch dauert es anfangs erst ein wenig, bis die Mehrzahl der Gäste das Lied erkennt. Die deutlich hörbare Freude danach ist umso größer. „Dankeschön!“, nickt Heppner zufrieden strahlend und hält seine an das Bochumer Publikum gerichteten Worte auch weiterhin kurz. Kurz, aber ehrlich. Ebenso, wie auch die schnörkellose Bühne oder die warmherzige, gefühlvolle Musik ist alles in den folgenden neunzig Minuten sichtlich authentisch und angenehm bodenständig. Peter Heppner und seine Band betreiben hier bewusst keinen dekadent inszenierten Star-Kult mit überladener Show und ganz großer Geste. Vielleicht auch weil sie alle Vier um ihre jeweiligen Qualitäten wissen und davon nicht mit anderweitigem Brimborium ablenken müssen. Das protestantisch-naive „Meine Welt“, welches heute leider der einzige Titel vom grandiosen „My Heart Of Stone“ bleibt, profitiert ebenso wie die sich anschließende „Schiller“-Kooperation „Leben… I Feel You“ enorm vom lebhaften Zusammenspiel aus rhythmischer Percussion und elegantem Klavier und könnte mit bewegenden Zeilen wie „Ich mal 'n Auto, das nicht stinkt und keinen überfährt. Einen Herrscher, der mal nicht durch die Macht verdirbt. Ich mal 'n Baum den keiner fällt, ich mal' Geld, das keiner zählt und dann mal' ich noch 'n Krieg, in dem keiner jemals stirbt!“ wohl nicht besser in diese Zeit passen…


Alle Fans der ehemaligen Synthie-Popper „Wolfsheim“, von denen heute Abend erfahrungsgemäß so einige anwesend sind, dürften nun ihre helle Freude haben, ist der Hamburger Band im Folgenden doch quasi ein nicht unerheblicher Nostalgie-Teil im Set gewidmet, der mit „Künstliche Welten“ beginnt, sich dann mit „Once In A Lifetime“ fortsetzt und seinen vorzeitigen Höhepunkt schließlich beim ikonischen „The Sparrows And The Nightingales“ und „And I…“ findet. Trotz des praktisch ausverkauften Hauses herrscht eine gemütliche, heimelige Atmosphäre, sodass die gelöste Entspannung eine Art Wechselwirkung zwischen Band und Publikum entfacht. Dem zuträglich ist neben der Musik wahrscheinlich auch, dass auf der Bühne nicht nur Rotwein getrunken wird, sondern Heppner traditionell ungeniert eine Zigarette nach der nächsten raucht. Mit „Once Again“ gibt es dann erstmals einen Song von „TanzZwang“ zu hören, der in der dargebotenen Version natürlich weitaus weniger tanzbar ist, die in sich gekehrte Stille des sehnsüchtigen Textes aber mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser und greifbarer transportiert. In dieses Schema reiht sich auch „Good Things Break“ ein, ein ohnehin schon sehr ruhiges Stück von der „Confessions & Doubts“. Die scherzhaft gemeinte „Zugabe!“-Forderung aus dem Publikum kommentiert Heppner nur mit einem lachenden „Wir sind doch noch gar nicht soweit!“… Und tatsächlich ist dem so, denn nach viel aktuellem Material und der ausgedehnten „Wolfsheim“-Retrospektive, ist es jetzt erstmal an der Zeit für ein paar beliebte Klassiker aus dem Katalog: „Wir Sind Wir“ und der aus der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Joachim Witt entstandene Mega-Hit „Die Flut“ ziehen unweigerlich stehende Ovationen nach sich. In dieser Position könnten die Fans eigentlich auch gleich verharren, folgt mit dem wunderbaren „Und Ich Tanz‘“, welches selbst in seiner akustischen Version schnell eine energiegeladene Wirkung zu entwickeln vermag, doch ein echter Stimmungsgarant, zu dem man sich direkt bewegen muss. Danach verabschieden sich die drei Musiker und Peter Heppner mit einem knappen, aber sehr herzlichen „Dankeschön!“ und unter viel Applaus zum ersten Mal an diesem Abend von der Bühne. Aber nicht etwa in eine bevorstehende Pause, sondern zum Abschluss des eigentlichen Haupt-Sets. Leider viel zu früh, wie wir finden. Weitere Rufe nach Zugaben sind dem soeben entschwundenen Quartett, das alsbald lediglich in Form eines Duos aus Riegner und Heppner zurückkehrt, somit gewiss. Letzterer nutzt die günstige Gelegenheit, um nun ein paar Worte mehr an das Bochumer Publikum zu richten und dieses damit über den Hintergrund zum nächsten Song aufzuklären: „Das nächste Stück ist nicht von mir geschrieben worden, sondern von Brecht… Nicht erschrecken, wir schreiben jetzt keinen Test wie damals in der Schule und ich gebe euch auch keine Hausaufgaben auf!“, witzelt Heppner, bevor er wieder fortfährt. „Also, das war so… Als ich noch klein war, hatten wir zuhause in der Familienküche ein Radio stehen, das lief den ganzen Tag. Das war das Erste, was man gemacht hat: Man kam rein und hat gleich das Radio eingeschaltet. Und es war auch der letzte Handgriff, wenn man wieder ging. Meistens lief bei uns NDR Kultur. Ich saß also bei den Hausaufgaben und plötzlich kam so ein Lied, ganz komische Musik und dazu sang eine Frau auf ganz komische Weise. Alles auf Deutsch, was total komisch für mich war…“, muss Heppner kurz über seine ständige Wortwiederholung lachen und hat sichtlich Mühe, den Faden wieder aufzunehmen. „Auf jeden Fall war das ganze Lied einfach nur komisch, aber es blieb mir im Kopf! Ich habe dann gemerkt, dass ich das irgendwie gut fand und es mir öfter angehört. Lange Zeit hatte ich versäumt, zu gucken, von wem es denn ist und dachte mir dann später nur so: „Ah Brecht… Viel schöner, als in der Schule…“. Bitte zurücklehnen und genießen!“, lautet die Devise für die eigene Interpretation von „Surabaya Johnny“, einem am ehesten dem klassischen Chanson zuzuordnenden Stück aus dem Jahr 1929 von Bertholt Brecht und Kurt Weill, das von der untreuen Titelfigur handelt, die den Frauen an Land erst wahre Liebe vorgaukelt, bevor sie diese nach einer Nacht dann verlässt und wieder in See sticht. Wie man nicht nur anhand der sehr stimmungsvollen Intonation, sondern auch des anschließenden Beifalls wieder einmal bemerken muss: Heppner kann wohl so ziemlich alles singen! Die Fans jedenfalls sind restlos begeistert, was sich nur noch mehr intensiviert, als „Was Bleibt“ folgt, bevor man die Bühne zum zweiten Mal verlässt. Dies aber nicht, ohne erneut vom Publikum zurückbeordert zu werden. „Das wäre aber auch echt schade gewesen, ein paar Lieder haben wir nämlich noch!“, lächelt Heppner und stellt daraufhin alle seine Bandmitglieder namentlich vor, die nun ihre verdiente Anerkennung in Form von viel Applaus erhalten. „Herz (Metropolis)“ und der unerschütterliche Alltime-Favourite „Kein Zurück“ schließen sich an, dann wird das zuvor schon zwei Mal exerzierte Prozedere nochmals angewandt: Man verbeugt sich, winkt zur Verabschiedung und entschwindet wieder. So gut das alles auch gemeint sein mag, so sehr häuft sich jenes Zugabe-Prinzip auf diese kurze Dauer gesehen mittlerweile doch etwas zu viel. Macht nichts, denn für einen letzten Song kehren Riegner und Heppner nochmal zurück. „Alle, die schon auf der letzten Tour dabei waren, wissen, was kommt, wenn Dirk und ich ganz alleine auf die Bühne kommen, oder?“, schmunzelt der Sänger und gibt dann „Ich Weiß Nicht, Zu Wem Ich Gehöre“ aus der Feder von Friedrich Hollaender und Robert Liebmann als krönenden Abschluss zum Besten, das vornehmlich durch die Interpretation von Marlene Dietrich aus ihrem 1960 erschienenen Album „Wiedersehen Mit Marlene“ große Bekanntheit erlangte. Leider endet der beschauliche Abend damit schon gegen 21.40 Uhr nach einem wirklich sehr gelungenen, wenn auch etwas kurz geratenen Konzert, welches insbesondere durch seine feinfühlig arrangierten Akustik-Versionen vieler bekannter Stücke und nicht zuletzt Heppners einzigartige Stimme zu bestechen wusste, für die die reduzierte Kulisse natürlich der ideale Nährboden war. Sieht man jedoch einmal von der recht knappen Setlist ab und sich stattdessen die euphorischen Reaktionen in der Kirche an, so kann man nur von einem vollen Erfolg sprechen, der nach mehrfacher Verschiebung endlich Wirklichkeit werden durfte.


Setlist:


01. Unloveable

02. Care For You

03. Meine Welt

04. Leben… I Feel You

05. Künstliche Welten

06. Once In A Lifetime

07. The Sparrows And The Nightingales

08. And I…

09. Once Again

10. Good Things Break

11. Wir Sind Wir

12. Die Flut

13. … Und Ich Tanz‘

14. Surabaya Johnny

15. Was Bleibt

16. Herz (Metropolis)

17. Kein Zurück

18. Ich Weiß Nicht, Zu Wem Ich Gehöre

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