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  • Christoph Lorenz

In Extremo - Interview (2016)


Langsam aber sicher verziehen sich die dunklen Wolken am Himmel und mit ihnen auch der Regen, welcher zeitweise immer mal wieder eingesetzt hat. Dafür blitzt die Sonne nun umso heller zwischen der einstig grauen Wand hervor. Es ist Sonntag, kurz nach 17 Uhr um genau zu sein und ich befinde mich auf dem Weg in die Prinz-Regent-Straße. Zwischen einigen unscheinbaren Mehrfamilienhäusern und Fabrikgebäuden, versteckt sich hier in einer unauffälligen Seitenstraße der altehrwürdige Club „Zeche“ - der Ort des heutigen Geschehens. Das charmante Backsteingebilde einer ehemaligen Schlosserei mit viel industriellem Charme, hat sich seit seiner Eröffnung 1981 als individueller Veranstaltungsort etabliert und bietet neben dem regulären Diskotheken-Betrieb am Wochenende und diversen Motto-Partys, auch hin und wieder das ein oder andere interessante Event im Bereich Musik an. Von Herbert Grönemeyer, über „Die Toten Hosen“, „Green Day“, „Depeche Mode“ und sogar „Rammstein“: Sie alle haben sich hier schon die Klinke in die Hand gegeben und der heutige Abend scheint nicht weniger verheißungsvoll. Die Berliner Mittelalter-Rocker von „In Extremo“ gehören zu den erfolgreichsten Vertretern ihres Genres und sind derzeit aufgrund ihres neuesten Albums, dem am 24.06.2016 veröffentlichten „Quid Pro Quo“, wieder in aller Munde. Um diesen Anlass gebührend zu feiern, befinden sich die glorreichen Sieben derzeit auf exklusiver Warm-Up-Tour durch einige wenige Locations, um den Fans in intimer Atmosphäre fernab großer Hallen ganz nah sein zu können. Neben brandneuem Material verspricht die Band natürlich auch reichlich Hits und Klassiker zu spielen, wer kann dieses Angebot da schon ausschlagen? Aus diesem Anlass versprachen „In Extremo“, sich noch vor der anstehenden Show die Zeit für ein exklusives Interview zu nehmen und luden mich in die komplett ausverkaufte „Zeche“ ein. Etwa anderthalb Stunden vor offiziellem Einlass, findet sich ein Parkplatz am Seitenstreifen und so mache ich mich in Richtung der Location auf. Als ich den kleinen Pfad hinuntergehe, sehe ich auf dem angestammten Parkplatz schon einige PKWs und noch ein Stück weiter, direkt vor den Toren des Haupteingangs, schon die ersten Besucher stehen, welche bereits mehr oder minder geduldig ausharren, um später einen guten Platz vor der Bühne zu erhaschen. Ich wähle die Nummer meines heutigen Ansprechpartners auf dem Handy und schon kurze Zeit später, holt mich der freundliche Tourmanager ab und gewährt mir somit Einlass ins Gebäude. Wir begrüßen uns und besprechen kurz den Ablauf des Interviews, bevor er mir einen Platz im noch menschenleeren Bar-Bereich anbietet. „Wir machen das Interview mit Basti und Specki, die kommen gleich.“, verrät er mir und so breite ich in einer der zahlreichen Sitzecken meine Unterlagen aus und gehe nochmal schnell alles durch. Einige Mitarbeiter der Örtlichkeit, ein paar Crew-Mitglieder und Sanitäter schwirren hier ab und an vorbei und treffen noch schnell die finalen Vorbereitungen. Nach einigen Augenblicken betritt auch Sebastian „Van Lange“ Lange den Raum und kommt mit ausgestreckter Hand auf mich zu: „Hi! Ich bin Basti, der Gitarrist.“, stellt er sich vor und fügt schnell hinzu „So. Erstmal eine rauchen.“ Auf meine Frage hin, ob wir hier überhaupt rauchen dürften, holt er nur mit einem Grinsen im Gesicht einen der Aschenbecher zu uns an den Tisch und meint „Och, wir machen das einfach.“ Gesagt, getan. Gerade als wir uns ein wenig über die Entstehung des Blogs unterhalten, kommt auch Schlagzeuger Florian „Specki T.D.“ Speckhardt auf uns zu und nimmt auf einem der Barhocker Platz. Bevor wir mit dem offiziellen Teil beginnen, tauschen wir uns noch ein wenig über diverse Themen aus, von Webseiten-Gestaltung, bis hin zu den anstehenden „Rammstein“-Konzerten in der Waldbühne Berlin. Um 18 Uhr steht das große EM-Spiel Deutschland gegen Slowakei an und schon jetzt scheint die Band im absoluten Fußballfieber, nahezu alle Monitore in der „Zeche“ zeigen den Fernsehsender, auf welchem bereits in wenigen Minuten übertragen wird. Ich werfe einen letzten Blick auf meine Notizen und betätige den Aufnahme-Knopf meines Diktiergerätes.

Roggenfaenger: Am 24.06.2016, also vor genau zwei Tagen, habt ihr nach genau drei Jahren euer neues Album mit dem klangvollen Titel „Quid Pro Quo“ veröffentlicht - meinen herzlichen Glückwunsch dazu! Eingangs: Wie gestaltete sich die Produktion und der Aufnahmeprozess, insbesondere in Verbindung mit dem katastrophalen Proberaumbrand und inwiefern veränderten sich einige der ausgewählten Songs durch diesen Umstand noch im Nachhinein?

Sebastian „Van Lange“ Lange: Der Brand hat uns in der Hinsicht ein bisschen zurückgeworfen, dass uns einfach die Zeit gefehlt hat, die Songs


noch richtig im Detail auszufeilen und das haben wir später dann auch gesehen. Das ist tragisch, was da passiert ist, ganz klar. Vor allem, weil wir genau zu der Zeit im Proberaum waren. Aber wir haben uns dann wieder zusammengerauft und die ganzen Sachen noch im Studio zu Ende gebracht. Wir hatten eigentlich schon eine große Anzahl an Songs, wir sagen immer „Baustellen“ dazu. Das waren etwa zwanzig Stücke oder sogar noch ein bisschen mehr?

Florian „Specki T.D.“ Speckardt: Ich glaube, es waren in etwa zweiundzwanzig, ja. Sebastian „Van Lange“ Lange: Wir haben dann ausgewählt, welche wir wirklich noch machen wollen und diese dann auch ausgearbeitet und dann haben wir, glaube ich, im Studio auch noch zwei Songs komplett neu gemacht. „Pikse Palve“ und den Walisischen.

Florian „Specki T.D. Speckardt: Wie heißt der nochmal? (lacht) Sebastian „Van Lange“ Lange: „Dacw Nghariad“. (grinst) Aber ja, das war alles schon tragisch. Wir waren nur ein paar Stunden da. Wir sind praktisch eingezogen und in der Nacht ist die Autowerkstatt nebenan direkt explodiert. Da waren überall riesige Rauchschwaden und die ganzen Autos und Reifen dort, sind dann nach und nach mit dem ganzen Öl einfach explodiert. Bei unserem Proberaum ist dann auch noch die komplette Decke eingefallen und solche ganzen Sachen.

Florian „Specki T.D.“ Speckardt: Ich glaube, gleich dreizehn Löschzüge waren es! Ein richtig großer Einsatz von der örtlichen Feuerwehr. Den Brand möchte ich auch ganz sicher nicht als Vorteil nennen, aber wenn man es mal ganz nüchtern sieht, war es für unseren Schaffensprozess nicht negativ. Wir sind dann einfach ins Studio, wir haben einen anderen Spielplatz gebraucht, wo wir weiter toben können. Wenn du dann schon im Studio bist, weit weg von der Heimat, dann machst du vielleicht auch einfach noch mehr und probierst aus. Sebastian „Van Lange“ Lange: Ja, dann bleibst du einfach dran. Florian „Sepcki T.D.“ Speckardt: Genau, dann bleibst du dran! Wie gesagt, es ist schlimm was uns da passiert ist und es ist ja auch zum Glück niemand zu Schaden gekommen. Es war nur ein Sachschaden. Das ist zwar schon ein Haufen Geld, der jetzt flöten gegangen ist, aber ich glaube der Platte hat es ganz gut getan.

„Ach, ihr macht jetzt hier gerade das Interview?“, erkundigt sich eine mir bekannte Stimme aus dem Hintergrund. In der einen Hand einen Getränkebecher und eine Zigarette, hält er mir die andere zur Begrüßung hin. „Guten Tag, ich bin Micha!“, stellt sich der sympathische Frontmann vor, setzt sich zu uns und schaut interessiert zu mir herüber.

Sebastian „Van Lange“ Lange: Dann machen wir das Interview doch einfach zu dritt, wenn du willst? Roggenfaenger: Klar doch, sehr gerne! Sebastian „Van Lange“ Lange: Also letztendlich hat uns das alles im Studio doch schon ein Stück nach vorne gebracht.

Roggenfaenger: Quid Pro Quo“ schlägt zuweilen ungewohnt kritische und ernste Töne an, einige Missstände behandelt ihr unter anderem im Titelsong. Gab es direkt zu Beginn schon ein klares Konzept, wie kamt ihr letztlich auf den Titel für euer neues Album?

Sebastian „Van Lange“ Lange: Also geplant haben wir das jetzt nicht wirklich. Wir sind jetzt keine Band, die vorher Pläne entwickelt und dann so eine Art Konzeptalbum macht. Also meistens fangen wir einfach an und dann ergibt es sich einfach. Wir hatten irgendwann den Titel, „Quid Pro Quo“, der stand relativ schnell fest und dann auch den zugehörigen Song, also den Titelsong, in welchem wir einfach mal auf die ganzen Missstände hinweisen wollten. Es geht ja eigentlich nur noch ums nehmen. Bei „Lieb Vaterland, Magst Ruhig Sein“ war es so, dass es uns jetzt einfach mal sehr am Herzen lag, dieses Kriegsthema angesprochen zu haben. Dieses ganze Prinzip ist natürlich auch in den einzelnen Songs zu hören, aber wir machen eben auch mal gerne einfach einen Partysong oder „Dacw Nghariad“, das ist übersetzt ein Donnergebet…

Michael „Das letzte Einhorn“ Rhein: Nee, das war „Pikse Palve“! Sebastian „Van Lange“ Lange: Ach ja, Entschuldigung. Da ist es zum Beispiel so, dass die Bauern die Ernte einfahren, wenn sie Glück und somit gute Erträge und eine gute Ernte haben. Das hat sich dann halt einfach so ergeben, wir gehen da jetzt nicht so heran und sagen, wir müssen uns jetzt einem bestimmten Konzept orientieren. Wir legen einfach los und der Rest ergibt sich dann!

Roggenfaenger: Mit „Roter Stern“ und „Schwarzer Rabe“ habt ihr zwei Tracks parat, in welchen ihr eure Verbindung und eure Liebe zu Russland besingt. Nicht selten habt ihr dort getourt und sicher einiges erlebt. Was schätzt ihr an diesem Land am meisten, auch und vor allem fernab der negativen Presse und was nehmt ihr aus den dortigen Lebensweisen, der einheimischen Mentalität für euch mit?

Sebastian „Van Lange“ Lange: Naja, wir sind da natürlich schon seit sehr vielen Jahren unterwegs, also nicht erst seit der Tour zu „Kunstraub“. Wir haben da eine riesige Fanbase und mittlerweile auch wirklich viele Freunde dort. Der andere Grund ist auch, da kommen wir jetzt mal auf „Roter Stern“ zu sprechen, dass wir uns gedacht haben, dass man natürlich zu Putin und seiner Politik stehen kann, wie man will. Da kann jeder seine Meinung haben. Aber die Menschen und das Land sind echt so herzlich, das gefällt uns alles und wir haben da echt eine Liebe für entwickelt, dass wir da auch mal einen drüber schreiben wollten. Und bei „Schwarzer Rabe“ ist es so, dass wir schon immer mal ein russisches Stück machen wollten, aber bisher nie dazu gekommen sind. Wir hatten zwar vor Jahren mal eines angefangen und „Schwarzer Rabe“ ist eigentlich ein richtig traditionelles Volkslied, das haben wir jetzt einfach mal vertont. Da hatten wir auch mehrere Ideen, welchen Text wir machen oder welchen Song wir nehmen und dann sind wir auf diesen gestoßen und haben den gemacht. Der hat ja eigentlich auch eine schöne Bedeutung.

Michael „Das letzte Einhorn“ Rhein: Der schwarze Rabe ist in Deutschland der Sensenmann. Da gibt es auch eine Geschichte, über die alten Kosaken. Einer von ihnen war schwer verwundet und der Rabe kreiste also praktisch schon über ihm. Er hatte aber von seiner Frau ein Tuch dabei und hat die Wunde damit zugedeckt, damit ihn der Tod nicht holt, er hatte einfach noch so viel zu erleben. Das ist dort eine ganz bekannte Geschichte, die kennt dort quasi jeder.