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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Solar Fake - Eisbrecher - Solitary Experiments (2018)


Solar Fake - You Win. Who Cares? (2018)

Genre: Electro / Alternative

Release: 31.08.2018

Format: Doppel-CD

Anzahl Ton- / Bildträger: 2

Label: Out Of Line Music (rough trade)

Spielzeit: 94 Minuten

Fazit:

Es ist noch gar nicht allzu lange her, seitdem ich anlässlich meines großen Berichts zum Amphi Festival 2018 eine Kurz-Vita zu nachfolgender Band verfasst habe, weswegen ich mir nun einfach mal erlaube, jene an dieser Stelle einzufügen: Im Jahr 2007 in Berlin von „Zeraphine“- und „Dreadful Shadows“-Mastermind Sven Friedrich erschaffen, um seinen elektronische Songs eine angemessene Plattform zu geben, konnte man bereits wenige Monate danach mit dem Debüt „Broken Grid“ oder später auch als Support für „Camouflage“, „Project Pitchfork“, „Covenant“ und „VNV Nation“ zunehmend von sich reden machen. Mit jedem neuen Release stiegen „Solar Fake“ nun sowohl in den internen DAC-Charts, in denen sich der Zweitling für den längstmöglichen Zeitraum hielt, als auch in der Gunst der schwarzen Szene immer weiter auf. Neben eigenen Club-Shows wurden jetzt auch die namhaften Festivals, wie das e-Tropolis, Nocturnal Culture Night oder Méra Luna bespielt. In 2014 trennte sich der angestammte Live-Keyboarder schließlich aus persönlichen Gründen von der Band und ließ diese als das allseits bekannte Duo zurück, was man bis heute kennt. Mit dem letzten, regulären Studioalbum „Another Maniac Episode“, erreichten die beiden Musiker dann vor drei Jahren ihren bisherigen Schaffenshöhepunkt: Platz 31 in den offiziellen Media Control Charts, so einige ausverkaufte Shows und die aufwändige Aufzeichnung der emotionalen Akustik-Tournee... Was will man mehr? Mit dem letzten Werk scheinbar auf dem Gipfel ihres bisherigen Schaffens angelangt, schickt sich das illustre Duo nun ein weiteres Mal an, diesen Erfolg zu wiederholen. „You Win. Who Cares“ heißt das kommende Album, welches am 31.08.2018 als CD, Doppel-CD im Digipak, Vinyl oder streng limitierte Fan-Box über Stamm-Label Out Of Line erscheint...

Ohne Umschweife geht es sofort los: Rhythmisch treibende, jedoch vergleichsweise ruhige Strophen gestalten den Einstieg und münden schließlich in einem rauen, wütenden Refrain. Die in den Strophen dezent sphärisch angehauchte, verhohlen säuselnde Melodie bleibt mit ihren durchweg flüssigen Wechseln der Tempi und verschiedenen Stimmungsphasen so eingängig, wie auch überraschend, was „Sick Of You“ zu purem Abwechslungreichtum beim Hören verhilft. Eine nachdrücklich progressive Abrechnung mit allen Belanglosig- und Oberflächlichkeiten der heutigen Gesellschaft, die nicht gänzlich davor scheut, auch das eigene Tun zu hinterfragen. „Wrong Direction“ bietet danach in instrumentaler Hinsicht vor allem beschwingt flirrenden Future Pop, der zeitweise an die Kollegen von „Solitary Experiments“ oder „Mesh“ erinnert. Die dominant energiegeladene Melodieführung hebt die Stimmung weiterhin an und lädt äußerst schnell zum Tanzen ein, was seine Begründung nicht zuletzt in der clubtauglichen Hook findet, die ob aller lyrischen Ernsthaftigkeit fürwahr vorhanden ist. Bewegen wir uns etwa in die falsche Richtung? Wann ist es an der Zeit umzukehren? Das tonale Interpretation als gespaltener Dialog sind der quälend essenziellen Frage nach dem „Warum?“ nur umso zuträglicher und lassen den Hörer vor dem Fakt zurück, dass der Ursprung aller Änderung nicht zuletzt auch bei sich selbst zu suchen ist. Im Arrangement nicht weniger ausgereift, aber dabei doch ganz anders, dann das großartige „A Bullet Left For You“. Eine hasserfüllt aufgeladene Breitseite gegen alle Enttäuschung. In ihrem Muster fast an die wütend stampfende Monotonie von kantigem EBM oder Bands wie etwa „And One“ folgend, implodiert diese Nummer schon bald in ihrem packendem, energetischem Hauptteil. Sehr gelungen! Das zunächst gemächlich getragene „Invisible“ wird hingegen immer wieder von drückenden Beats durchsetzt, dazwischen kommt die markante Stimme von Friedrich besonders gut zur Geltung. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der zugrundeliegende Text mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den besten des geschlossenen des „Solar Fake“-Universums gehört: Hier liefern sich Resignation und Reflexion ein gefährlich brüchiges Wechselspiel, in welchem das lyrische Ich keinen anderen Ausweg mehr sieht, als unsichtbar zu werden, zu verschwinden. So wird jene Frage, die omnipräsent über dem gesamten Album schwebt, in den Kontext mehrerer Perspektiven gestellt. Ein Balanceakt zwischen aufkeimender Hoffnung und drohender Selbstzerstörung. So auch im folgenden „Anything You Want“, welches sodann wieder verstärkt packend nach vorne geht, jedoch ohne dabei den auszeichnenden Charakter des typischen Sounds zu vernachlässigen. Nicht länger nur auf das eigene Ich projiziert, erschließt man das beunruhigende Krankheitsbild einer ganzen Generation, die sich immerzu auf scheinbar sinnloser Sinnsuche befindet und doch niemals an ihrem Ziel ankommt. Die Jahre verrinnen, wie feiner Sand in unser allen Händen. Was, wenn wir die ersehnte Liebe, Anerkennung und Bestimmung niemals finden? Verschwenden wir unsere Leben? Es ist ein ewiger Kampf, den wir, stets hungrig nach dem Glück, nicht gewinnen können... Ganz gleich, ob wir uns dazu entschließen, ihn aufzunehmen oder nicht. Die wohltuende Power-Ballade „The Pain That Kills You Too“ steht für echten Synthie-Pop in Reinform, feinsinnig akzentuiert mit atmosphärischen Ambient-Anleihen, die sich mit fortschreitender Spielzeit zu einer träumerischen Melange verdichten, ehe „Just Like This“ wieder in altbekannter Manier durch die Boxen fegt. Ein klassischer Floorfiller in bester Tradition: Hochmelodiös und doch nicht weniger melancholisch... Die perfekte Fusion also. Gebeutelt von allen Widrigkeiten, die hochgesteckten Ziele nicht erreicht, alles verloren und am Anspruch, mehr zu sein, zerbrochen, treibt der Protagonist fortan in die innere Leere hinein. Wie betäubt und blind vor Schmerz, steigert sich der Song immer weiter in ein klagend schreiendes Höchsttempo, kurz vor dem tiefen Absturz in den dunklen Sog... Das Doppel aus „Too Late“ und „If This Is Hope“ fällt im direkten Vergleich zu den vorherigen Titeln leider etwas ab, bietet es zwar durchaus solide Kost in gewohnter Qualität, traut sich unterm Strich aber viel zu wenig. Viel eher sticht da schon „I Don‘t Fight Back“ heraus, dass mit seinen harschen Beats einen angenehm anderen Kontrast bietet. Zu den ungewohnt entfesselten Shouts des Frontmanns scheppert dieser Track mit brutaler Kraft alles nieder und dürfte insbesondere live für ordentlich Bewegung sorgen. Das ruhige „What If There‘s Nothing“ vermag es anschließend wieder, die gerade noch so rauen, tobenden Wogen mit heimeliger Sanftmütigkeit zu glätten. Hier bekommt der geneigte Hörer abermals eine ungemein zarte Ballade mit nunmehr cleanen Vocals und behutsamen Piano-Tupfern kredenzt. Trotz des akustisch friedlichen Grundtenors, entsteht durch die hier verwendeten Klang-Collagen ein sonderbar apokalyptisches Szeneario, welches aus dem Hintergrund weiter heranrückt. Emotionale Dramaturgie mit höchster Authentizität, die am Ende doch noch einen heilenden Hoffnungsschimmer lässt. Das Bonusmaterial der erweiterten Editionen ist sichtlich von diesem Konzept gelöst und beginnt soundtechnisch zunächst noch ein wenig ungewohnt mit dem schönen „Editors“-Cover von deren Über-Hit „Papillon“, dass anfangs mit leicht verqueren Sounds spielt, sich aber schon bald schnell im üblichen Fahrwasser bewegt. Das spaßige „Fuck U“ entfacht dann hingegen retrolastige 80er-Vibes. Dazu gibt es eine Handvoll hochklassige Remixe von „Mr. Kitty“, „Adam Is A Girl“, „Patenbrigade Wolff“, „Ost+Front“ oder „In Strict Confidence“, auf der dritten Disc finden sich Akustik-Versionen des Hauptalbums in klarer Anlehnung an die vergangene Unplugged-Tournee... Es ist nicht zu leugnen, dass „You Win. Who Cares?“ das bisher wohl dunkelste und gereifteste Studioalbum dieser beiden Ausnahmemusiker ist, das dem viel exerzierten Prinzip, auf reine Unterhaltung abzielender Electronica, angenehm widerspricht und thematisch stattdessen auf schwere, nicht immer leicht bekömmliche Kost setzt. Das äußert sich nicht nur in den starken, durchdachten Texten, sondern gerade auch in den passgenauen Arrangements, die als schlüssige Einheit hinter dem Konzept über den zunehmenden Verfall zwischenmenschlicher Beziehungen stehen. „Solar Fake“ wins. Who cares? Hoffentlich alle Freunde elektronischer Musik!

Informationen:

https://solarfake.de

https://www.facebook.com/SolarFake/