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BEITRÄGE:

  • AutorenbildChristoph Lorenz

Erdling - Blutengel - Schattenmann (2023)



Erdling - Bestia (2023)


Genre: Metal / Alternative


Release: 28.04.2023


Label: Out Of Line (rough trade)


Spielzeit: 36 Minuten


Fazit:

„Erdling“ lassen die Bestie von der Leine! Nur ein gutes Jahr haben die Deutsch-Rocker gebraucht, die erneuten Lockdown-Repressionen zu überwinden und 2023 mit ihrem neuen Album „Bestia“ zurück ins Rampenlicht zu stürmen. Eine Hymne wie die Single „Freiheit“ kommt in Anbetracht der vergangen drei Jahre natürlich nicht von ungefähr und wird vielen aus der Seele sprechen. Episch, emotionsgeladen, mitten auf die Zwölf rockt sich das Quintett um „Erdling“-Frontmann Neill Freiwald durch zehn brandneue Lieder und lässt neben dem regulären Album noch einige zusätzliche Bestien aus dem Zwinger… Das neue und mittlerweile sechste Studioalbum namens „Bestia“ erscheint am 28.04.2023 über Out Of Line Music als Stream, Download, CD im Digipak, Vinyl und auf vierhundert Einheiten limitierte Holz-Box-Edition. Diese enthält neben dem Album im klassischen Digipak eine zusätzliche Bonus-CD mit zahlreichen Remixen, alternativen Versionen und einem exklusiven Song, ein handnummeriertes Echtheitszertifikat, eine Karte mit dem Link zum offiziellen „Bestia“-Online-Game, einen Patch, Räucherstäbchen mitsamt hölzerner Halterung und ein Sturmfeuerzeug.

Wie das Leben manchmal so spielt: Mittlerweile ist von den einstigen Gründungsmitgliedern der im Jahr 2014 gegründeten Dark-Rock-Band „Erdling“ einzig Sänger und Frontmann Nils „Neill“ Freiwald noch übrig geblieben… Und trotzdem geht es für die junge Band unbeirrt weiter! Ab 2021 musste das interne Line-Up daher fast komplett neu aufgestellt werden: Hinter dem Schlagzeug sitzt jetzt Christian Schäfer, an den E-Gitarren verdingen sich nun Valeria „Böse Fuchs“ Ereth und Max Nash, Bassist bleibt seit 2019 hingegen weiterhin Robin Sem Vedrfölnir. Die ersten Kreativarbeiten zum „Helheim“-Nachfolger begannen bereits ein Jahr nach dessen Release. Auch, weil die für diesen Zeitraum ursprünglich angesetzte Club-Tournee aufgrund der andauernden Pandemie leider um ein Jahr aufgeschoben werden musste, dafür aber in 2023 praktischerweise als Double Feature mit dem neuesten Material nachgeholt werden konnte. Wie stark sich die neue Konstellation aus fünf am Prozess beteiligten Musikern auf das Songwriting auswirkt, denn immerhin wurden die letzten Alben allein von Freiwald geschrieben, gilt es jetzt herauszufinden… Hektisches, elektronisches Pulsieren und düster-mystische Ambient-Sounds bilden den kurzen Spannungsaufbau von nur wenigen Sekunden, ehe die fünf Erdlinge in neuer Formation schließlich die titelgebende „Bestia“ von der Leine lassen: „Bestia, friss mich auf. Reiß mir das Herz heraus. Bestia, nimm mich ein. Ich will kein Mensch mehr sein!“, singt Freiwald mit dunkler Stimme unter dem mahnend drückenden Takt des Schlagzeugs, bevor man mitsamt heavy Saiten-Power, kleinen Industrial-Fragmenten und Break Beats direkt kräftig loslegt. Einen Kontrast setzt nur der relativ knackige Refrain, der zudem ausgesprochen ohrwurmig daherkommt. Allgemein ist der vorgegebene Sound aber ziemlich direkt, dreckig und rau, sodass schon von Beginn an klar wird, dass hier längst keine Gefangenen mehr gemacht werden. Das entfesselte Untier ist bereit, alles zu zerlegen, was sich ihm in den Weg stellt! Auch beim nachfolgenden „Deus“ regiert sofort ein wahres Metal-Schlachtfest aus ballerndem Drumming und kreisend sägenden Gitarrenwänden, die nun nochmals umso heftiger und temporeicher in zackiger Rhythmik aus den Boxen knallen. Die Strophen werden von schnellem Gesang und knurrenden Synthies bestimmt, bis der Chorus dann wieder in energetische Sphären katapultiert und im Gegensatz zum Opener nochmals eine Schippe drauflegt - Sehr gut! Drums, Gitarre und sanfte Klavier-Tupfer führen danach im Mid-Tempo durch das melancholisch bedarfte „Und Die Erde Singt“, welches Freiwald nunmehr im völlig cleanen Gesang darbietet. Die wirklich schöne Bridge wird gar von sanften, idyllischen Streichern untermalt, das ausgesprochene Highlight ist dann jedoch der wunderbare und ungemein ergreifend arrangierte Refrain in dem helle Glockenschläge, orchestraler Bombast und sakrales Chor-Summen in dramatischer Manier aufeinandertreffen, sodass es einem einfach nur warm ums Herz werden muss… Eine unglaublich gut gelungene Power-Ballade, die aufzeigt, welches Facettenreichtum „Erdling“ so innewohnt. Das brachiale „Freiheit“ peitscht dann wieder umso härter voran. Darauf folgt eine verträumte Piano-Melodie in den ruhig akzentuierten Strophen, im Refrain lauern wiederum sehr livetaugliche Shout-Einlagen im Zusammenspiel mit echtem Hymnen-Charakter. Später wartet man gar noch mit elektronisch flackernden Sequenzen in dichter Verwebung mit viel Gitarren-Geballer und heftigen Growl-Einlagen auf - Wow! Der Wind rauscht, Raben krächzen laut auf, Schellen klirren, rituelle Gesänge sind zu vernehmen und erdige Tribal-Percussion sucht sich hypnotisch ihren Weg ans Gehör: Das mittig in der Tracklist positionierte „Khaos“ gestaltet sich im direkten Vergleich doch deutlich anders als die vorherigen Songs und hat in seiner musikalischen Inszenierung eher etwas von einem ausgedehnten Interludium, womit es schnell an „Das Ritual“ vom direkten Vorgänger „Helheim“ erinnert. Die hasserfüllten Zeilen werden abgehackt im Sprechgesang vorgetragen, zunächst minimalistisch untermalt von wabernder Elektronik und rhythmischen Trommeln. Nach etwa knapp einer Minute gesellen sich dann noch das donnernd prügelnde Schlagzeug, archaische Laute und harsch schneidende E-Gitarren dazu. Die unkonventionelle Nummer hat durchaus ordentlich Kraft, vor allem aber viel Atmosphäre zu bieten und weiß gerade durch das Aufbrechen klassischer Strukturen zu gefallen. Mit „Über Bord“ folgt die erste reinrassige Ballade des neuen Albums und schickt sich mit seiner persönlichen Note und intimer Beziehungsthematik an, die zuvor so aufgeheizte Stimmung zu beruhigen. Eisig perlende Keyboard-Sprengsel und ein sphärischer Synthie-Teppich tragen die Strophen und die Stimme von Freiwald im Alleingang, erst im Hauptteil stimmen die anderen Instrumente dann mit ein, ohne zu überladen. Passend zum Titel speist sich ein Großteil der Lyrics aus bildhafter Seefahrt-Metaphorik mit typischen Schlüsselworten wie „Sturm“, „Kompass“, „Hafen“, „Strand“, „Anker“ oder „Rettungboot“, was durchaus etwas vorhersehbar wirkt und keineswegs neu ist, aber im Gesamtkontext wirklich gut funktioniert und zusammen mit der angenehmen Reduziertheit für einen schönen Flow sorgt, der im packenden Refrain seinen gelungenen Höhepunkt findet. Deutlich mehr treibende Saiten-Power bringt danach wieder das kochende „Eis Und Feuer“, welches sich stilistisch ähnlich der ersten beiden Nummern annähert und mächtig Dampf unter dem Kessel hat. Jener trägt sich nun sogar bis in die extrem aufgeladenen Strophen hinein, die das Tempo erstaunlich beständig halten und mit aggressiver Intonation punkten, die die Macht der eigenen Entscheidungen und deren Konsequenzen beschwören. Der erhabene Chorus zeigt sich mit rasenden Synthie-Streichern dann wieder sehr majestätisch - Top!

Das wild brodelnde „Katharsis“ paart die klassische NDH-Schlagseite der frühen Anfangstage mit der metallischen Ausrichtung der letzten drei Veröffentlichungen. So erinnert die von angespannter Elektronik durchtriebene Rhythmik der Strophen etwa ein wenig an „Aus Den Tiefen“, den Eröffnungssong des gleichnamigen Debüts aus 2016, während der herrlich tobende Refrain hingegen mit zum Härtesten gehört, was „Erdling“ bisher auf ihre Hörerschaft losgelassen haben. Einziges Manko ist die Überraschungs- und Abwechslungsarmut, die ihren Ursprung in der Kürze des Stücks hat. Ein mystischer Aufbau mit epochaler Percussion und orientalisch anmutende Melodieführung liegen „Utgard“ dann zugrunde, mit dem sich der Fünfer wieder in die Gefilde der nordischen Mythologie begibt. Die durchgehend pointierte Balance zwischen exotischer und metallischer Instrumentierung macht hier ordentlich Laune, der Refrain gefällt zudem mit kräftigen Shouts und einem bildhaften Text. Das endgültige Schlusslicht bildet dann „Der Erste Regen“, das sich vorerst einige Sekunden Zeit für den atmosphärischen Aufbau nimmt, bis überraschend eine Akustikgitarre einstimmt und zusammen mit Percussion sowie hellen Chören eine durch und durch melancholische Stimmung kreiert, die doch immer einen zuversichtlichen Hoffnungsschimmer für den Hörer bereithält. Zum Ende hin stimmt dann wieder die komplette Band mit ein und steigert die Ballade weiter in neue Höhen, die sodann aber leider viel zu abrupt endet und damit einiges an Potential verschenkt… Schade. Also? Die „Bestia“ fährt insgesamt zehn roughe und dabei relativ kompakt gehaltene Songs ohne allzu viele Experimente, Schnörkel und Spielereien auf, welche die teils neu zusammengefundene Band im Jahr 2023 in jenem hörbar gereiften Gewand zeigt, welches man nun schon seit einigen Jahren gewohnt ist. Erste Abkehr vom stereotypen NDH-Dresscode zeigte die Band bereits anteilig auf ihrem Zweitling „Supernova“, indem Stücken wie „Absolutus Rex“, „Es Gibt Dich Nicht“, „Über-Ich“ oder „Getrieben Von Hass“ hörbar mehr Metal untergemischt wurde, der den jeweiligen Songs die gewissen Ecken und Kanten verlieh, ohne dabei an Melodiösität des Debüts einzubüßen. Doch schon auf „Dämon“, dem vergleichsweise bislang schwächsten Ableger der Diskographie, wurde diese Schiene dann wieder überraschend zurückgefahren. Erst das 2020 veröffentlichte „Yggdrasil“, das bis heute mein ganz persönlicher Favorit ist, holte die unbändige Power und musikalische Raserei schließlich zurück und katapultierte den Sound von Freiwald und Co. so auf ein gänzlich neues Level, das man mit „Helheim“ weitestgehend halten und im Detail sogar ausbauen konnte. Zwei Jahre später und eine Handvoll neuer Mitglieder mehr, hat sich allerdings gar nicht so viel geändert, wie man zunächst vielleicht meinen könnte: „Erdling“ arbeiten sich auch weiterhin an ihrer lyrisch übergeordneten, losen Mythologie-Ästhetik ab, stets gepaart mit einem gerüttelt Maß an Gesellschaftskritik, kleinen Introspektiven und ermutigenden Parolen zu den gängigen Themen Wut, Hass, Trauer und Einsamkeit. Das funktioniert trotz quasi nicht vorhandener Innovationen nach wie vor sehr gut, weil Musik und Texte größtenteils authentisch und selten platt erscheinen. „Bestia“ festigt den zuletzt etablierten Standard scheinbar mühelos und macht mit Sicherheit sehr vieles richtig, dafür aber wenig wirklich neu und stagniert damit auf dem bisher erreichten Niveau… Was definitiv alles andere als schlecht ist. Was in der etwas kurzen Tracklist dieses Mal allerdings fehlt, ist ein ausgeschriebener Hit, der dominant aus der (sehr soliden) Masse heraussticht und der kleine, doch am Ende bedeutende Funken Mut, den nächsten Schritt zur weiteren logischen Evolution des „Erdling“-Sounds zu wagen. Es wäre nicht fair, hier von einer gewissen Festgefahrenheit zu sprechen, da die Band ihre musikalische Identität mittlerweile gefunden haben zu scheint, doch fehlt stellenweise gefühlt noch das gewisse Extra, um aus gutem Material sehr gutes Material zu machen. Dass „Erdling“ das können, haben sie schon mehrmals bewiesen. Man darf also gespannt bleiben… Nichtsdestotrotz werden hier alle Fans der Band und Freunde von deutschsprachigem Rock mit ordentlich Metal-Anteil auch mit der bissigen „Bestia“ absolut verdient ihre helle Freude haben!

Informationen:


http://www.erdling.band/


https://www.facebook.com/erdlingofficial/

 

Blutengel - Unsterblich - Our Souls Will Never Die (2023)


Genre: Electro / Pop / Alternative


Release: 12.05.2023


Label: Out of Line Music (Rough Trade)


Spielzeit: 114 Minuten


Fazit:

Mit fünfundzwanzig brandneuen Songs, zwölf Musik-Videos und einer Tour zelebrieren „Blutengel“ heute ihre 25-jährige Erfolgsgeschichte mit dem neuen Album „Un:Sterblich - Our Souls Will Never Die“. Chris Pohl reflektiert seine gesamte musikalische Vergangenheit, zeigt aber auch, dass „Blutengel“ sich weiterentwickelt und wandelt. „Un:Sterblich - Our Souls Will Never Die“ ist das bisher sicher persönlichste Album mit Einblicken in tiefere, dunklere Gefühle der letzten Jahre. „Das Album als solches verbindet die Atmosphäre der frühen „Blutengel“-Songs mit den aktuellen Standards. Auch im Artwork zieht sich dieser rote Faden, die Vergangenheit in die Zukunft zu holen, durch… „Blutengel“ ist und bleibt „Blutengel“!“, so Pohl. Auch sagt er über die Schöpfung der Formate, in denen das neue Album heute erschienen ist: „Diesmal gibt es eine noch nie dagewesene Box! Die Zusammenstellung des Inhalts hat sehr lange gedauert. Mein verstorbener Vater hat mir Münzen hinterlassen, die ich in den letzten Monaten verkauft habe... Das hat viel Zeit gekostet und Erinnerungen geweckt. Ich wollte jetzt unbedingt auch eine „Blutengel“-Münze haben, damit man sich an mich erinnern kann… Auch die Sanduhr ist ein Symbol der Ewigkeit, der Unsterblichkeit, denn man kann sie immer wieder umdrehen. Und bei fünfundzwanzig Songs fand ich es auch schön, von Ulli und mir handschriftliche Texte beizulegen... Alles also sehr persönlich…“ und führt dann weiter aus: „Es war an der Zeit, die letzten fünf Jahre nach Erscheinen meines Buches aufzuarbeiten... Es ist viel passiert. Somit ist auch das Hörbuch, welches nur in der Box zu finden ist, ein essenzieller Bestandteil des Jubiläums.“, wie er bestätigt. Stilistisch hat Chris einerseits mit Songs wie „King Of Blood“, „Can You See Me“ und „Ohne Wiederkehr“ Neues gewagt, bleibt dabei aber sich selbst und seinen musikalischen Anfängen mit Liedern wie „Back For Blood“, „Dark History“ und „Shine Again“ treu! Das große Jubiläumsalbum „Un:Sterblich - Our Souls Will Never Die“ erscheint am 12.05.2023 via Out Of Line Music als Stream, digitaler Download, 2-CD-Digipak, Limited-Deluxe-Edition im 3-CD-Digibook inklusive einer 5-Track-EP mit Unplugged-Versionen ausgewählter Songs, auf Kassette und in zwei Vinyl-Auflagen. Das eindeutige Highlight ist aber die auf 699 Stück limitierte Holz-Box. Darin enthalten sind das oben bereits genannte Digibook, die Neuauflage des Hörbuchs „Lebe Deinen Traum“, ein nummeriertes Echtheitszertifikat, ein handgeschriebenes Textbuch, ein Armband, eine „Blutengel“-Münze und eine Sanduhr.

Ein Vierteljahrhundert Dark Pop - Fünfundzwanzig Jahre „Blutengel“! Wie doch die Zeit vergeht… Zum anstehenden Jubiläum des 1998 in Berlin gegründeten Projekts gibt es keine schnöde Best-Of-Sammlung, kein Live- oder Orchester-Album und auch keinen Remix-Fundus. Nein, zu diesem besonderen Anlass trumpfen Ulrike Goldmann und Chris Pohl mit einem sehr viel durchdachteren Konzept und vor allem weitaus mehr Material auf, um die entsprechenden Feierlichkeiten würdig zu begehen: So wurde etwa just die gesamte Diskographie ab 2022 komplett neu aufgelegt und stets mit dem Zusatz „25 Anniversary Deluxe Edition“ versehen. Will heißen: Jeden Monat gab es in chronologischer Reihenfolge einen weiteren Ableger aus dem umfangreichen Katalog im modernen Remaster-Gewand und schicken Digipak inklusive randvoller Bonus-CD, die jeweils mit raren Compilation-Tracks und lange schon vergriffenen B-Seiten aus der jeweiligen Ära besticht. Doch damit nicht genug, denn die formvollendete Krönung dieser Zeitreise soll im Frühjahr 2023 in Form des brandneuen Studioalbums „Un:Sterblich - Spur Souls Will Never Die“ auf zwei Discs erst noch folgen… Mit - die Anzahl könnte wohl kaum passender gewählt worden sein - insgesamt fünfundzwanzig bisher unveröffentlichten Songs bei knapp zwei Stunden Spielzeit zur silbernen Hochzeit. Eine ganze Menge frischer Stoff fürs treue Fan- und natürlich auch Sammler-Herz! Also dann: Ächzen, Knarzen, Knacken. Maschinell geprägte Sound-Fragmente, widerhallende Echos, finster röhrende Synthies und industriell angehauchte, bedrohliche Percussion schieben das Intro namens „The Void - Prologue“ eingangs überraschend stark in Dark-Ambient-Gefilde, bis das bedrückende Konstrukt durch helle Piano-Salven im typischen „Blutengel“-Style zumindest für einen Sekundenbruchteil etwas aufklart. Zugegeben, ein so verheißungsvoller wie gleichwohl ungewöhnlich düsterer Startschuss, der die Stimmung für das eröffnende „King Of Blood“ mit seinen fies flackernden Synthie-Spitzen äußerst gelungen vorbereitet. Der erste Song zeigt sich in seiner Grundausrichtung dann ziemlich rough und extrem sinister, die stark verzerrten Vocals erinnern dabei frappierend an das leider schon lange auf Eis gelegte Nebenprojekt „Terminal Choice“. Später kommen noch vereinzelt symphonische Elemente hinzu und sogar eine prägnante E-Gitarre, die daraufhin auch den vereinnahmenden Refrain extrem dominiert, blitzt zwischendrin immer wieder kurz auf. „We Belong To The Night“ präsentiert sich stark elektronisch geprägt samt viel verfremdeter Vocal-Parts und einer energetisch treibenden Melodie vor einem vergleichsweise komplexen Arrangement, das nicht nur einiges an Eingängigkeit, sondern tatsächlich auch Abwechslung samt einigen kleinen Details auffährt. Die jeweiligen Strophen dieser ganz fantastischen Solo-Nummer bestimmt Ulrike Goldmann, wie auch beim späteren „The Prophecy“, durch ihren glasklaren Gesang allein und hält das Niveau damit bereits jetzt sehr weit oben und lässt so schnell darüber hinwegsehen, dass die relativ platten Lyrics sich weiterhin im gewohnten Klischee-Kosmos bewegen. Weitaus erwartbarer kommt dann wiederum „The Last Crusade“ daher: Hier geht die Elektronik deutlich Hand in Hand mit der angedeuteten Gitarre, die bis zum Chorus für einen zaghaften Härte-Touch sorgt. Der fließende Wechsel zwischen Englisch und Deutsch gefällt, dafür gestaltet sich der Text aufgrund seiner arg vielen Wiederholungen leider sehr schnell repetitiv. Auch das clubtaugliche „Unsere Zeit Läuft Ab“, das betont sozialkritische „Kein Mensch“ und das finster schwelende „Tief“, dem mit der markanten Klaviermelodie wie zufällig eine kleine Referenz an den obligatorischen Klassiker „Lucifer“ vom 2007er Album „Labyrinth“ innewohnt, lassen sich zweifelsohne in der Kategorie des Vorhersehbaren verorten: Diese Nummern definieren sich allesamt über ihren lauernden, doch trotzdem eher handzahmen Dark-Electro, unter dessen Banner klassische Themen wie Endlichkeit, Misanthropie, Liebe und brennende Sehnsucht in bewährter Mischung mit dem gefällig-tanzbaren Sound aus moderndem Dancefloor-Industrial, organischen Versatzstücken, Chor-Samples und plakativen Mitmach-Zeilen zum gängigen Pohl-Narrativ nach absoluter Nummer-Sicher-Rezeptur fusionieren. Eines, das aber alle treuen Fans der etwas düstereren „Blutengel“-Seite seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren heiß und innig lieben und hiermit definitiv voll auf ihre Kosten kommen dürften! Das pathosschwangere „Fliegen“, welches sich als reinrassiges Duett zwischen Chris Pohl und Ulrike Goldmann zeigt, ist in so ziemlich allen Belangen ebenfalls nicht frei von Holzhammer-Szene-Ästhetik, der man schon nach kurzer Zeit überdrüssig wird. Dennoch weiß die wirklich schöne Melodieführung, die stets stilsicher die Waage zwischen der neuen und alten Ära der Band hält, gut zu gefallen. Weitaus kritischer ist da schon „Dark History“ mit seiner überladenen musikalischen Inszenierung, die teilweise so extrem erzwungen auf das epische Schmalz-Pedal drückt, sodass sich fast schon ein wenig Fremdscham beim Hören einstellt. Das enorm schwülstige „Shine Again“ und das mit seiner krampfhaften „Nanana“-Animation auf Live-Präsentation gebürstete „Living On The Edge Of The Night (A Gothic Anthem)“ nehmen sich da ebenfalls nicht viel und legen eifrig mit formelhaftem Gothic-Pop nach, der rein handwerklich gesehen zwar wie immer fraglos höchst solide gemacht ist und schnell ins Ohr geht, allerdings auch keine wirkliche Substanz inne trägt und sich damit zunehmend im üblichen Einerlei der fokussiert kommerzielleren Phase ab „Omen“ bzw. „Save Us“ aus 2015 verliert. Vermutlich will das Duo hier mit großen Hymnen plakativ-authentisch an die Gothic- und Wave-Ursprünge des Genres gemahnen, verfehlt dessen Spirit jedoch nahezu komplett. Mehr noch wirken die zwei Stücke wie Quasi-Kopien von „Black“, „Say Something“ und ähnlich gelagerten Songs der letzten Veröffentlichungen. Auch die bereits bekannte Digital-Single „Wir Sind Unsterblich“ ist auf dieser Disc in einem alternativen Mix enthalten. Zwar wirkt die ermutigende Corona-Nummer aus 2020 mittlerweile seltsam aus der Zeit gefallen, passt hinsichtlich des Albumtitels jedoch gut in den feierlichen Rahmen, bevor dann die angenehm reduzierte, emotionale Ballade „Ohne Wiederkehr“, die ab ihrer Mitte mit einer schönen Wendung hin zum elektrisch-knisternden Bombast überrascht, aus der ersten Hälfte entlässt.

Unerwartet gemäßigt beginnt die zweite CD mit dem mystischen „Can You See Me“, als dunkel wabernde Synthies sich erst leise anschleichen und sich dann einem hypnotischen Electro-Puls vor sirenalem Pitch-Gesang ergeben, der in den sphärisch gelagerten Strophen abermals durchgehend verfremdet daherkommt. Der gesamte Song verbleibt ohne Umbruch im Mid-Tempo und entschleunigt im Mittelteil sogar noch mehr, was ihm allerdings nichts von seiner Intensität nimmt. Insbesondere der Refrain, der sich mit zuckend tänzelnder Melodie aufbäumt ist wirklich gelungen! Ähnlich dunkel angehaucht, doch deutlich schneller und vor allem tanzbarer, präsentiert sich danach „Back For Blood“, welches wieder stark mit dem obligatorischen, doch mittlerweile ziemlich ausgelutschten Vampir-Image liebäugelt, was zugegebenermaßen m immer ein wenig zum fremdschämen einlädt. Nichtsdestotrotz harmonieren Goldmann und Pohl hier gewohnt gut miteinander, vor allem im dramatisch gipfelnden Chorus. Nach so viel heftig zelebriertem Gothic-Chic geht es mit „Journey“ erstmals wieder angenehm reduzierter zu: Die minimalistische Instrumentierung, welche sich vornehmlich auf punktuelle Electro-Tupfer stützt, steht dem Stück gut zu Gesicht und entwickelt einen anmutig groovenden Flow, der zügig zu gefallen weiß, bevor „Meine Macht“ dann im besten Stil eines „Dein Gott“ wieder eiskalt zuschlägt. Tief tönende Hörner und symphonischer Pomp aus der Konserve schmiegen sich an den harschen Beat zu sakral-lasziven Untertönen, womit hier praktisch auch wieder alles gesagt wäre. Der Refrain bietet keinen echten Höhepunkt und auch sonst passiert nicht mehr viel, sodass man nach einer Minute praktisch alles gehört hat, was es zu hören gibt. Ein balladesker Touch und wehmütige Lyrcis sind die Zutaten für den nächsten Song, dazu tröpfeln synthetische Klavier-Sprengsel zu sanften Glockenschlägen in „Sinful Games“ daher, das leider einmal mehr an seinem gut gemeinten, doch unbeholfen stacksigen Text scheitert. Sehr atmosphärisch wird es mit „No Suicide Song“: Ein verstimmtes Klavier, metallisch schabende Sounds, verstörende Samples und ein flimmernd loopender Keyboard-Sound sorgen für eine bizarre, kaputte Stimmung und treiben zunehmend in eine depressive Enge, die ihre heftige Wirkung trotz einer gewissen Klischeehaftigkeit nicht verfehlt. Ansonsten kommt dieses Interludium ohne Gesang oder eine klare Struktur aus und dient damit eher als Übergang zum verbleibenden Material. So ist die abschließende Kernaussage („Ich will leben!“) des introvertierten Instrumentals quasi auch zugleich thematischer Auftakt für das umso positiv gestimmtere „Our Souls Will Never Die“, welches sich sogleich als powernde Pop-Hymne zeigt und mit seinem flotten Beat, hellen Chören und treibenden Tempo wieder ganz klassische „Blutengel“-Pfade der Neuzeit beschreitet, wie man sie erwarten würde. Ganz anders hingegen „Nobody“, das mit seiner gleichförmig trabenden Rhythmik und Western-Gitarre eine seltsam gut funktionierende Goth-Outlaw-Stimmung mit ordentlicher Country-Note erzeugt, die lediglich durch die härteren Saiten der später noch einsetzenden E-Gitarre wieder leicht zurückgestellt wird - Durchaus kreativ! Mit einem malerischen Orchester-Intro geht es in die „Dunkelheit“. Tiefer Bass und elegische Synthies lassen kurz darauf wieder die elektronische Seite aufleben, die dieses Mal jedoch eher eine grundiere Funktion einnimmt und den Streichern somit ihren verdienten Raum für diese romantisch-tragische Ballade lässt, die sowohl lyrisch als auch musikalisch einen soliden Ruhepol setzt, bis es mit dem von Ulrike Goldmann intonierten „She’s Missing…“ im besten Style eines „You Walk Away“ dann wieder sehr viel schwungvoller und clubtauglicher zugeht. Wenn der treibende Beat und die mystische Melodie mit dem zarten Gesang zusammentreffen, wird so schnell eine vereinnahmende Wirkung erzeugt. „Frei Sein“ beendet die zweite CD nicht als der offensichtliche Pop-Song, den man gemeinhin vermuten würde. Zumindest nicht in gewissen Teilen, wenn zunächst verdrehte Synthie-Sounds in behäbig stampfender Rhythmik durchaus aufhorchen lassen, um dann direkt in den hymnenhaften Refrain zu starten, der nicht nur das Herzstück, sondern praktisch der einzige Hauptbestandteil des Closers ist. Dieser wird nun mehrmals wie ein bestärkendes Mantra wiederholt, einzig von kleineren Zwischenspielen unterbrochen, wodurch eher der Charakter eines verlängerten Outros entsteht. Nichtsdestotrotz ein schönes Finale! Fünfundzwanzig Jahre „Blutengel“ - Fünfundzwanzig neue Songs… Und darunter ganz viel Routine. Keine Frage: Das umtriebige, immer fleißige Zweigespann aus der Hauptstadt hat der schwarzen Szene in rund einem Vierteljahrhundert eine beachtliche Zahl an Club-Hits und generell viel Musik in Form diverser Alben, Compilations, EPs und Maxi-Singles beschert, dafür aber auch so manches Mal heftige Schelte einstecken und fiesen Spott über sich ergehen lassen müssen. Und ja, ein Löwenanteil der oftmals extrem gefälligen und auf ein Höchstmaß an Catchyness konzentrierten Songs ist weder inhaltlich noch musikalisch alles andere als komplex, vielschichtig oder neu. So arbeitet sich das Duo in seinen mal deutsch- und mal englischsprachigen Texten weiterhin an schwarzromantischen Teenie-Klischees ab, in denen bestimmte Schlagworte wie Engel, Teufel, Gott, Vampire, Blut, Liebe, Hass, Schmerz, Macht und Nacht quasi beliebig ausgewürfelt und abwechselnd zusammengefügt werden könnten. Auch die musikalisch Ausgestaltung selbst neigt, gemessen am eigenen Werk, immer wieder zu schon zig mal durchexerzierten Wiederholungen zwischen tanzbarem Club-Industrial, dunklen Pop-Hymnen und Herzschmerz-Balladen samt Stereotypen-Beats, Piano, Orgel, E-Gitarre und Chören. Keine Ecken. Keine Kanten. Innovativ ist das alles wahrlich schon lange nicht mehr, jedoch haben „Blutengel“ dieses unique Etikett auch nie lauthals propagierend für sich beansprucht oder gar angestrebt. Es ist in Sachen Songwriting eben formelhafter Fan-Service pur für die all die treuen Anhänger, die seit jeher wissen, was sie zu erwarten haben und genau das an der Band schätzen. Der langjährige, große Erfolg gibt ihnen also durchaus recht! Handwerklich ist das alles ohnehin höchst solide gemacht und auf professionellem Hochglanz-Niveau produziert, wie man es von dem Duo kennt. Neben erwähnten Lyrics, diestreckenweise hart an der Obergrenze zu Kitsch und Banalität kratzen, machen sich einmal mehr die gesanglichen Unterschiede zwischen Chris Pohl und Ulrike Goldmann bemerkbar: Während die hervorragende Co-Sängerin sich einmal mehr ungemein stark inszeniert, kommt der Mastermind selbst stimmlich hörbar oft an seine Grenzen. Zu limitiert ist das Spektrum, um vornehmlich auch die Höhen der etwas weniger harten Stücke ausreichend ausfüllen zu können, sodass deren Interpretation leider oft unbedarft, hölzern und wackelig denn wirklich überzeugend wirkt. Was wahrscheinlich aufrichtig gut gemeint war, aber „Un:Sterblich - Our Souls Will Never Die“ am Ende arg stolpern lässt, ist jedoch die schiere Überlänge: Haben etwa „King Of Blood“, „We Belong To The Night“, „Fliegen“, „Tief“, „Can You See Me“ oder „She‘s Missing“ noch recht großes Potential, sich auch in künftigen Setlisten berechtigt wiederfinden zu können, straucheln furchtbar schmalzige Stücke wie das aufgeblähte „Dark History“, „Shine Again“ und „Wir Sind Unsterblich“ im Vergleich umso deutlicher. Ebenso nehmen sich die gewollte 80’s-Goth-Referenz „Living On The Edge Of The Night“, das tot-thematisierte „Back For Blood“ und „Sinful Games“ da nicht aus. Kleine Überraschungen à la „Nobody“ bilden da die absolute Ausnahme und zeigen eine schöne Experimentierfreude, die dem Duo doch eigentlich gut zu Gesicht steht. So bleibt das hier abgebildete Spektrum am Ende viel zu begrenzt, wodurch sich bereits nach der ersten CD bei den meisten Hörern, die sich nicht unbedingt zu den absoluten Hardcore-Fans zählen, schnell ein Gefühl der Übersättigung einstellen dürfte. Masse statt Klasse? Mitnichten. Doch wäre etwas weniger in diesem Fall wohl mehr gewesen, wie der deutlich fokussiertere Vorgänger schön aufzuzeigen wusste… Nichtsdestotrotz mit Sicherheit ein wahres Fest für alle Kinder der Nacht, die einfach nie genug von ihren Lieblingen bekommen können und hiermit so viel davon bekommen, wie nie zuvor. In diesem Sinne: Alles Gute zum Geburtstag und auf die nächsten fünfundzwanzig Jahre!

Informationen:


https://blutengel.de


https://www.facebook.com/BlutengelOfficial/

 

Schattenmann - Día De Muertos (2023)


Genre: Rock / Alternative


Release: 30.06.2023


Label: AFM Records (Soulfood)


Spielzeit: 35 Minuten


Fazit:

Das 2023 erscheinende Werk von „Schattenmann“ ist das Paradebeispiel einer reifen, kompromisslosen und topmodernen Metal-Scheibe mit zeitgemäßen Industrial-Einflüssen. Der „Schattenmann“-Stil anno 2023 klingt kraftvoll und dynamisch, die Gitarren erweisen sich einmal mehr als wahre Riff-Monster, Schlagzeug und Bass als erbarmungslos antreibende Groove-Maschinerie. Veredelt wird das beinharte Sound-Konglomerat durch einen ausdrucksstarken Leadgesang und durch dezente, raffiniert eingewobene Synthie-Klänge. Veröffentlicht wird „Día De Muertos“ im Juni 2023, bereits vorab werden fünf Singles ausgekoppelt, darunter „Jeder Ist Schlecht“ und „Dickpic“, in denen sich „Schattenmann“ gewohnt gesellschaftskritisch geben. Die deutsche Band wird mit diesem Album neue Wege gehen, und sich doch selbst treu bleiben. Das mittlerweile vierte Studioalbum des Quartetts trägt den Namen „Día De Muertos“ und erscheint am 30.06.2023 über AFM Records als Stream, digitaler Download, CD im Digipak, Vinyl und auf 666 Einheiten limitiertes Box-Set. Dieses enthält neben dem Album als Digipak ein Echtheitszertifikat, eine Autogrammkarte, einen Patch (10cm x 4,5 cm), einen Gym Bag im Album-Design und eine Kette in der auf dem Deckel bedruckten Blechbox.

„Día de los muertos“ - Der Tag der Toten. Einer der wahrscheinlich wichtigsten Feiertage in ganz Mexiko, wenn nicht sogar der Wichtigste überhaupt. Auch in vielen anderen Teilen der Welt ist der lebensbejahende Brauch längst prominent angekommen und wurde im Jahr 2003 von der UNESCO sogar zum „Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ gekürt. Mit ein ausschlaggebender Grund für die landesübergreifende Popularität dürfte die deutlich differenzierte Auseinandersetzung der Mexikaner mit dem Tod sein, denn dieser wird von den Angehörigen nämlich nicht ausschließlich mit Trauer in Verbindung gebracht, sondern als natürlicher Teil des Lebens betrachtet. Und so werden an diesem Tag zu Ehren der Verstorbenen farbenfrohe Festivitäten mit viel Musik, Tanz und nationalen Gerichten veranstaltet, denn nach dem alten Glauben kehren die Toten einmal im Jahr als geistige Besucher aus dem Jenseits zurück, um zusammen mit den Lebenden ein Wiedersehen auf Zeit zu feiern. Wie der herzerweichende Pixar-Film „Coco - Lebendiger als das Leben!“ aus 2017 schon tröstend resümierte: Man ist erst tot, wenn niemand mehr an einen denkt. Selbst bis in die schwarze Szene ist dieser schöne Brauch mittlerweile vorgedrungen, wenn man sich mal so manch kreatives Besucher-Outfit auf den einschlägigen Festivals ansieht und auch Bands wie die Aggrotech-Landsmänner „Hocico“ oder zuletzt die Hamburger Dark Rocker „Mono Inc.“ wandten sich in Ästhetik und Liedgut schon jenem kulturellen Ereignis zu. Nun also auch die vier Nürnberger von „Schattenmann“… Ohne viele Umschweife startet man auch sogleich mit dem Namensgeber des neuen Albums: „Día De Muertos“. Ein kurzes Intro aus leicht verstimmten Saiten, Glockenschlägen, Wolfsheulen und natürlich Trompeten sorgt eingangs für atmosphärisch-exotisches Flair wie direkt aus einem ikonischen Western-Streifen. Nur kurz darauf legen die knüppelnden Drums zusammen mit den sägenden E-Gitarren in einem Tempo los, das direkt von 0 auf 100 schießt, die pure Lebensfreude transportiert und einfach nur gute Laune macht. Zu den sehr markanten Trompeten gesellen sich alsbald noch „Hey! Hey!“-Rufe, sodass hier von vornherein viel Live-Tauglichkeit definitiv gegeben ist. Die Strophen nehmen sich derweil ein gutes Stück weit zurück, der extrem catchy Refrain ist dann wie maßgeschneidert für die Stimme von Frank Herzig und kommt, wie zu erwarten war, ziemlich eingängig und hymnenhaft daher, dass Mitsingen unumgänglich ist. Gegen Ende brettern die Gitarren nochmal so richtig drauf los. Eine äußerst stimmige Ode an das Leben - Schön! Wie schon beim Vorgänger, „Chaos“ aus 2021, weiß vor allem die spielerische Experimentierfreude mit all ihren kleinen Details und variantenreichen Spielereien zu gefallen, die stets für viel Abwechslung sorgt und die deutschsprachige Rock-NDH-Metal-Kreuzung so angenehm aus dem Genre-Einheitsbrei hervorhebt. Ohne viel Zeit zu verlieren, gibt es im Anschluss mit „Jeder Ist Schlecht“ sofort voll auf die Zwölf: Der stampfende Takt und raue, verzerrte Saiten entwickeln hier einen dreckigen Drive. In der Bridge kommt das Schlagzeug nochmals so richtig zur Geltung und auch Herzig wütet in diesem zornigen Strudel sowohl gesanglich als auch lyrisch giftend nur so drauf los, behält sich jedoch einen ironischen Unterton und ein gewisses Augenzwinkern vor, dass es eine schelmische Freude beim Zuhören ist. Getreu dem eindeutigen Titel bekommt hier jede Kategorie von Mensch verdient ihr Fett weg, denn frei von Sünde ist wahrlich niemand. So kann es durchaus nicht schaden, den mahnenden Zeigefinger zur Abwechslung nicht auf andere, sondern vielleicht auch mal auf sich selbst zu richten… Der konträre Refrain ist dann „Schattenmann“ in Reinform und erinnert in all seiner (fast schon zu) ohrwurmigen Poppigkeit ziemlich stark an einige ähnliche Momente des Debüts, bevor man schließlich wieder zur harten Schlagseite zurückkehrt. Auch „Menschenhasser“ schlägt da stilistisch in eine ganz ähnliche Kerbe. Fiepende Synthie-Sounds gestalten den Einstieg, bevor sich dann eine mächtige Wand aus heavy Drumming und E-Gitarren auftürmt, die ordentlich Druck mitbringt. Die flirrende Elektronik kehrt in den Strophen anteilig zurück, in denen Herzig in relativ klischeehafter Underdog-Manier von Außenseitertum, mangelnder Empathie, fehlender Akzeptanz und gesellschaftlichem Druck kündet. In solchen Momenten offenbaren sich leider auch gleich mehrere Schwächen gleichzeitig, die „Schattenmann“ nun schon seit Beginn ihres Daseins mit sich herumschleppen: Zwar hat der Gesang von Frank Herzig nach wie vor seinen Wiedererkennungswert und biedert sich nicht unbedingt dem klassischen NDH-Duktus an, dafür fehlt es ihm in so einigen Momenten doch an Kraft, Volumen und Variantenreichtum, um vor der stetig powernden Musik zu bestehen. Auch der betont misanthropische und fast nervtötend nörgelige Text kommt in diesem speziellen Fall nicht nur arg abgedroschen und wie mittlerweile schon unzählige Male woanders besser gehört daher, sondern dementiert die sympathische Ansage des kürzlich vorausgegangenen, oben erwähnten Songs offensichtlich unbewusst und verfehlt so die Möglichkeit, das Thema „Mobbing“ weniger eindimensional plump anzugehen. Dieses zwanghafte Besiedeln gleichen Fahrwassers langweilt nach mehrmaligem Aufguss doch sehr. Auch „Haters Gonna Hate“ grollt ebenfalls ordentlich rumpelig los. In den Strophen gibt es zunächst dunklen, leicht verfremdeten Sprechgesang, bevor Herzig dann gepresst seine Wut rausschreit. Ansonsten zeigt die Nummer weit weniger Kontraste als seine Tracklist-Vorgänger, auch der liebliche Refrain wird wieder äußerst vorhersehbar auf viel Eingängigkeit gebürstet und versinkt dabei beinahe in zu viel Seichtigkeit. Hart, poppig, hart. Gegensätze dieser Couleur scheinen zum beliebten Standard-Repertoire von „Schattenmann“ zu gehören, da sie im Regelfall schnell zünden und damit gleich mehrere Genre-Fraktionen ansprechen, ohne besonders viel anzuecken. Zumindest für eine gewisse Zeit und auch nur dann, wenn man dieses Prinzip nicht zu oft anwendet. Das alles kann gefallen… Oder eben nicht.

„Hände Hoch“ überspannt den Bogen dann endgültig und überrascht mit einem Mix aus Deutsch-Rock und technoider Elektronik, die mit ihrer spaßigen Party-Note ein bisschen was von launigem Szene-Ballermann und den spätestens seit dem ESC-Vorentscheid angesagten Metalcore-Durchstartern „Electric Callboy“ hat. Fortan setzt es modernen Casual-Industrial-Rock mit einem Hauch bewusst deplatziertem Glam-Touch und mittlerweile obligatorischem Achtziger-Trash. Zum wahnwitzigen Ballerbuden-Sound gesellen sich sarkastische Zeilen über mediale Manipulation, Angst und Hysterie sowie einen die Grenze zu Stumpfsinn und Peinlichkeit zu übertreten drohenden Mitgröhl-Chorus. Jungen und feierwütigen Szene-Semestern wird’s gefallen. Ein gutes Stück weit handzahmer wird es hingegen mit den nun folgenden Songs: „Dämonen“ etwa täuscht erst mit kernig rockender NDH im Mid-Tempo an, immerzu von grell aufheulenden Synthie-Bläsern durchbrochen. Im Refrain offenbart sich jedoch anschmiegsamer Power-Balladen-Charakter, der sich über die restliche Spielzeit hält und die Ausrichtung maßgeblich bestimmt. Auch „Meer Aus Licht“ wohnt in seinen elektrisch surrenden Synthie-Strophen bereits ein positiv aufgeladener Grundtenor inne, der im mitreißenden Refrain dann ungemein energetisch implodiert. Zwar halten sich die harten Gitarren auch hier meistenteils alles andere als zurück, doch durch das Fehlen des bissigen Sarkasmus und der überdrehten Ironie in textlicher Hinsicht, gestaltet sich die Stimmung gleich grundlegend anders und fokussiert auf mehr unaufgeregte Ernsthaftigkeit. Mit dem hämischen „Dickpic“ gibt es dann gegen Ende jedoch nochmals eine persiflierende „Schattenmann“-Breitseite par excellence. Wer die gesellschaftskritischen „Generation Sex“, „Cosima“ oder „Alman“ kennt, der weiß, was ihn hier erwartet. Glanzstück ist der sehr direkte Text, in dem die Schattenmänner einmal mehr kein Blatt vor den Mund nehmen und sich bitterbösem Sarkasmus bedienen, wenn aus der unmittelbaren Perspektive des verblendeten lyrischen Ichs das männliche Gebaren beim Online-Dating aufs Korn genommen wird. Im zynisch verspielten Refrain ist zudem die Schweizerin Anna Lux zu hören, die 2018 mit ihrer gleichnamigen Band übrigens ein ganz fantastisches Debüt vorlegte! Das introvertierte „In Deinem Schatten“ ist die einzig reinrassige Ballade des neuen Werks und zeigt sich im Stil eines „Gekentert“ mit viel melancholischer, verletzlicher Atmosphäre rund um die typische Thematik einer bröckelnden, toxischen Beziehung. Klassische Elemente, wie feine Klavier-Tupfer und ein getragener Chorus zum kollektiven Schwenken der Arme inklusive. „Es geht um Vergänglichkeit und darum, dass wir alle genauso gehen, wie wir gekommen sind. Niemand kann über das Leben hinaus etwas mitnehmen!“, sagt Herzig selbst über „Ewigkeit“, welches seine ehrenvolle Aufgabe als großes Finale nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt: Erst marschierende Percussion und eine dramaturgisch eingesetzte Piano-Melodie in den Strophen, dann eine schön arrangierte Mitmach-Bridge als Übergang zum hymnisch-rockigen Refrain, der inhaltlich passend zum mit dem Titeltrack eingangs zelebrierten Spirit des Albums aufschließt. Auf „Día De Muertos“ zeigen „Schattenmann“ einmal mehr, dass sie sich für so manches Experiment nicht zu schade sind. Entgegen vieler Genre-Kollegen versuchen sich die Vier weitestgehend nicht an bierernster Poesie, sondern agieren stattdessen oftmals sehr direkt und frei heraus. Dabei punkten die toughen Texte zwar mit großer „In your face“-Attitüde, wirken rein thematisch jedoch an vielen Stellen bemüht, um im entsprechenden Genre dazuzugehören, was kein Allein-, sondern viel mehr Gleichstellungsmerkmal ist, womit sich die Band auf lange Sicht einen leider nicht annähernd so großen Gefallen tut, wie sie vielleicht denkt. Dazu kommt eine stellenweise unschön überzuckerte Szene-Glasur in Fusion mit aktuellen Genre-Trends, die es scheinbar pflichtmäßig als einstig beworbene „NDH 2.0“-Band so zu erfüllen gilt, um möglichst vorne mitspielen zu können. Im krassen Gegenteil dazu steht in einigen Momenten dann gar zu viel der Zurückhaltung, wodurch die Schattenmänner fast wieder zu brav wirken, um aufrichtig überzeugen zu können. Mit einem wackeligen Drahtseilakt zwischen den Anfängen der ersten beiden Alben und einer scheinbar versuchten Steigerung des Vorgängers, erscheint „Día De Muertos“ gelegentlich merkwürdig zerrissen. Mal zu sehr „over the top“, mal zu gewöhnlich. Frank Herzig und seine Mannen stolpern gerne zwischen den Extremen und gefallen damit sicher nicht jedem Hörer, wollen dies scheinbar aber auch gar nicht erreichen, was wiederum doch sympathisch ist. Viel mehr sind „Schattenmann“ nämlich immer dann am stärksten, wenn sie alle Konventionen und Grenzen ungeachtet beiseite lassen und befreiter agieren. So ist Album Nummer Vier unterm Strich ein abwechslungsreiches Werk von etwas über einer halben Stunde Spielzeit, welches zwar kaum echte Überraschungen, dafür jedoch umso mehr Stimmungs- und Stilwechsel beinhaltet, sodass zumindest musikalisch nur wenig Langeweile aufkommt. Trotz der kritischen Worte dürften sich treue Fans der Band fraglos über Nachschub in gewohnter Qualität freuen und auch der ein oder andere neue Hörer ist „Schattenmann“ hiermit gewiss, wenngleich sich die Musik überdeutlich an das etwas jüngere Publikum richtet. Somit bleibt das gut ausgewogene „Chaos“ vorerst der bisherige Peak des Quartetts.

Informationen:


https://www.schattenmann.net


https://www.facebook.com/schattenmannband/

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