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Darkness On Demand - Unplaces - Melotron (2018)


Darkness On Demand - Post Stone Age Technology (2018)

Genre: Electro / Alternative

Release: 23.02.2018

Format: CD Anzahl Ton- / Bildträger: 1

Label: Repo Records

Spielzeit: 55 Minuten

Fazit:

„Get me out of suburbia, there is no harder way to grow up than there. Forget the values, all the silly games, all the stupid aims. They want you to play!“, hieß es in einem bekannten Song des Kult-Electro-Projekts aus den 90ern. Im Jahr 1989 von Andreas Goldacker und Gary Wagner in der Hauptstadt gegründet, kennzeichnete das vielbeachtete Debüt „3001“ des ambitionierten EBM-Projekts gleichzeitig auch die erste Veröffentlichung aus dem Hause des berühmten Szene-Labels Machinery Records überhaupt. Die Wege führten die Formation danach unter anderem noch zu Polydor und Synthetic Symphony, fünf weitere Studioalben waren die Folge. Danach wurde es leider zunehmend still um die Berliner Pionier-Fraktion und man legte das Schaffen vorerst auf Eis. Ganze sieben Jahre später kehrt man nun unter anderem Namen und mit teils neuer Besetzung überraschend zurück, geblieben sind dabei neben dem markant-unverwechselbaren Sound auch die Initialen von damals. Und so hebt das illustre Trio aus Chris L. („Agonoize“, „Funker Vogt“, „The Sexorcist“), Heike „Falgalas“ Duus („Winterhart“) und Gary Wagner („Winterhart“, „Black Rock“) nach seiner vielversprechenden EP „City Of Dreamers“ am 23.02.2018 endlich das Quasi-Debüt über Reporecords aus der Taufe: „Post Stone Age Technology“. Lasset das Comeback beginnen!

„I Don‘t Need Anybody“ besticht direkt zu Beginn mit drückend brachialen Sounds, die im mittleren Tempo angesiedelt sind, nur um danach von der sanften Stimme des Sängers konterkariert zu werden. Ein krachiger Einstieg, der die thematisierte Isolation deutlich hörbar macht. Das bereits erwähnte „City Of Dreamers“ fungierte jüngst noch als erste Vorab-Single, gibt sich an der ersten Sekunde hypnotisch und saugt den Hörer mit seiner psychedelischen Ader in die Irrungen und Wirrungen gedankenverlorener Träume, ohne jeglichen Bezug zur Realität. Dieser Song wurde ganz offensichtlich zurecht als repräsentativer Vorgeschmack ausgewählt und eignet sich als Kandit für jeden schwarzen Dancefloor ideal. Mit „Back To Psychoburbia“ gibt es dann eine Hommage an das 1992 veröffentlichte, zweites Album. So schlägt man gekonnt eine Brücke zwischen den beiden Projekten, verknüpft Alt und Neu, was vor allem auch in musikalischer Hinsicht durch den verstärkten Fokus auf EBM mit seinen stampfenden Beats und verzerrten Vocals deutlich wird. Ebenso treu bleibt man seinen Wurzeln bei der packenden Band-Hymne „Dance Or Die“, bevor es mit „Take It From The Rich“ dann so richtig düster wird. Die archaisch wütende Nummer setzt zeitweise immer wieder auf aggressive Shout-Einlagen und wild donnernde Disharmonien, die sich in einer stetig zuspitzenden Atmosphäre vertiefen. Der Titeltrack „Post Stone Age Technology“ führt wiederum den harschen Industrial-Sound ins Feld und geht trotz seiner omnipräsenten Härte schnell ins Ohr. Auch „Bloody Bleed“ könnte dem ein oder anderen interessierten Hörer bereits von der EP bekannt vorkommen, nämlich durch seinen sogenannten „Kunstwerk“-Remix. Die recht behäbige Geschwindigkeit ändert nichts daran, dass dieser nicht minder dunkel daherkommt, als auch die Vorherigen. „Dark Dreams“ macht seinem Titel im Folgenden alle Ehre und erbaut mit geisterhaften Stimmfragmenten und Glockenläuten kurzerhand eine mystische Atmosphäre. Die sphärischen Synth-Flächen verleihen dem Arrangement einen uniquen Touch und lassen es fast schon wie eine sonderlich experimentelle Ambient-Collage aus tiefer Bedrückung, beunruhigenden Visionen und kaltem Unbehagen erscheinen. „Chain Reaction“ verdeutlicht hingegen eine unüberhörbare Message und verkündet die Rückkehr des Trios glorifizierend. Darüber hinaus sind die selbstbewusst kämpferischen Lyrics als eine versinnbildlichende Ode an den Wandel des Lebens mit all seinen Höhen und Tiefen zu verstehen. Oftmals ziehen bestimmte Aktionen unberechenbare Reaktionen nach sich und eins führt unweigerlich zum anderen. Der ewige Kreislauf ist klar definierte Physik, unser Dasein und unsere Handlungen manchmal nicht mehr, als bloße Kettenreaktionen unserer selbst... Und doch wird es immer weitergehen! „Believe In Yourself“ beschwört gemäß seines Titels sodann eine grundlegend positivere Message herauf und appelliert an den inneren Glauben an sich selbst. Passend zum thematischen Ausgangspunkt geht es hier in einem angenehmen Maße merklich poppiger zu, was sich unter anderem durch die Hinzunahme bombastischer Chöre schnell herauskristallisiert. Gleiches Konzept gilt auch für „Forever“ und „I Don‘t Believe“, die beide ebenso viel philosophisches Licht in sich tragen und jenes in die Welt der Finsternis bringen, um dieser alle Schatten endgültig auszutreiben. Das Ergebnis von „Post Stone Age Technology“ ist die faszinierend homogene Verquickung von bretthartem EBM mit pointiert eingeflochtener Melodiösität. Die Arrangements weisen ausnahmslos eine überraschend breite Palette aus druckvollen Beats und zugleich feinfühliger Eingängigkeit auf, was zwar zunächst in einer etwas gewöhnungsbedürftigen, dann aber umso interessanteren, da abwechslungsreichen Melange fernab des gewöhnlichen Standards resultiert. „Darkness On Demand“ sind neuformiert wieder da und kredenzen sowohl ihren Alt-Fans als auch allen möglichen Neulingen, ein wirklich gelungenes Werk zur feierlichen Reunion, welches seinen Weg in die schwarzen Clubs gewiss finden wird. Also: „Tanz oder stirb!“.

Informationen:

http://darknessondemand.com

https://www.facebook.com/darknessondemand/

Unplaces - Changes (2018)

Genre: Electro / Rock / Alternative

Release: 01.06.2018

Format: CD Anzahl Ton- / Bildträger: 1

Label: Tangrami Records

Spielzeit: 58 Minuten

Fazit:

In seiner nicht selten knappen Freizeit eine eigene Musik-Homepage zu betreiben, bedeutet wie zuletzt bei den umfangreichen Vorbereitungen zu den neuen DSGVO-Richtlinien oftmals einiges an zusätzlichem Stress, hält auf der anderen Seite aber mindestens auch genauso viel Schönes für den gewillten Rezensenten bereit. Auch wenn ich es nach rund drei Jahren noch immer als recht ungewohnt empfinde, dass sich Labels oder Künstler mittlerweile eigenständig an mich wenden und mir ihre vorzustellenden Exemplare vorschlagen, ist es für den vielseitig Interessierten darüber hinaus ein äußerst angenehmer Nebeneffekt, durch seine Arbeit unweigerlich mit Neuem in Berührung zu kommen, welches man zuvor noch gar nicht auf dem Schirm hatte. So erreichte mich jüngst etwa überraschend eine Mail der PR-Agentur bangup bullet aus Berlin, das mich über die vorausgehenden Singles und natürlich auch das folgende Album selbst informierte. Bei der anschließenden Recherche stellte sich schließlich heraus, dass es sich dabei um eine junge Band aus Bochum und Hannover handelt, die sich im Jahr 2012 gegründet hat und musikalisch in einem vielseitigen Spektrum aus Wave, Electro, Rock, Post Punk und Indie beheimatet sind. Derlei umfangreich gestaltete sich demnach meine Suche nach mehr Informationen und die anschließende Beschäftigung mit dem doch seh vielseitigen Schaffen, welches sich fraglos als schlüssiges Gesamtkunstwerk aus stimmungsvollen Visuals, konzeptioneller Leitfaden-Thematik, melancholisch-kritischer Grundphilosophie und komplexen Melodien bezeichnen darf. Ganz besonders interessant, war zudem der unglückliche Umstand einer ungewollt selbsterfüllenden Prophezeiung, die den kommenden Zweitling gleich in mehrer Hinsicht begleiten sollte. Frei nach der Maxime, „Die Geister, die ich rief.“: Namentlich ursprünglich als „NRT“, was für das Kustwort „Unorte“ ohne Vokale steht, aus der Taufe gehoben, folgten alsbald handfeste Probleme, in Form medial konkurrierender Übersättigung. Das ehrgeizige Projekt drohte ob des Informationsflusses im Netz unterzugehen, denn nur wenig später etablierten sich artverwandte Suchbegriffe, wie etwa „NRT-Sports“, -News“ oder -Movies“ und positionierten sich in den Ranglisten der weltweiten Trefferergebnisse weit oben. Eine einschneidende Veränderung musste somit dringend her, jedoch möglichst ohne eine komplette Umorientierung oder Verabschiedung von den einstigen Wurzeln und so wurden die ehemaligen „Unorte“ zu den „Unplaces“, fortan die neue Heimat der vier Musiker Schlagzeuger Daniel Fasold, Keyboarder Simon Rosteck, Bassistin Petra Franetzki und Sängerin Dorette Gonschorek. Und auch ansonsten befasst sich das zweite, ungemein passend mit „Changes“ betitelte, Album mit dem krankhaften Streben nach konstanter Weiterentwicklung und Veränderung, gesellschaftlichen Ikarus-Höhenflügen und dem beständigen, ja fast schon gierigen Streben nach Mehr, dem stets unerreichbaren Maximum. Die Devise lautet klar, „Höher, schneller, weiter“, doch unsere festgenagelten Scheuklappen lassen wie im wahnsinnigen (Tiefen-)Rausch nicht annähernd erahnen, was genau um uns herum alles geschieht und somit übersehen wird. Denn sind es nicht wir, die wie in einer von Menschenhand geschaffenen, dystopischen Zukungstvision auf der Strecke bleiben, wie blind auf den Abgrund zu- und bald hinabstürzen, uns verlieren und vielleicht nie wieder einholen?

Davon erzählt etwa das anfangs von schwer schleppenden, metallischen Gitarren getragene „Utopian Dream“, welches seinen konträren Ruhepol innerhalb der Strophen findet und in diesen hauptsächlich vom verzweifelt anmutenden, herzzerreißenden Gesang getragen wird und so die Balance zweier Stile stimmungsvoll austariert. Das folgende „Escape“ hingegen wird von sphärisch flirrenden Synthie-Flächen bestimmt, über welche sich schon bald ein dezentes und doch hintergründig rhythmisch groovendes Bassspiel legt, das zum Hauptpart von filigranem Saiten und einem Trompetenspiel abgelöst wird. Das bereits rezitierte „Changes“ ist der titelgebende Track, eingeleitet durch futuristische Vocoder-Samples, die alsbald von pulsierenden Electro-Teppichen ersetzt werden. Enorm eingängige Melodien konkurrieren hier mit einem eher kantigen Strophenaufbau und ergeben sich schließlich in einen exotisch-epochalen Strudel der Elemente und einen hypnotisierenden Chorus. Deutlich anders ist „The Left Behind“, das einen bewusst monoton gehaltenen Aufbau mit anklagenden Lyrics in einen stimmungsvollen Kontext bringt, sodass dieser Tage wohl kaum eine Frage gewichtiger erscheint, als die gebetsmühlenartig betonten Zeilen, „Who looks after the lost?“. Noch mehr Isolation versprüht „Lost In Space“ und vertieft das erdrückende Gefühl, in diesen Zeiten gemeinsam allein zu sein, nur noch mehr. Die aktuelle Single, „Such A Shame“, dürfte für einige Hörer mitunter schon längst ein alter Bekannter sein, wenn auch nicht unbedingt von „Unplaces“ selbst. Das Cover des berühmten „Talk Talk“-Klassikers aus den 80ern kommt mit seinem Beat im mittleren Tempo vordergründig leichtfüßig daher. Pointiert eingesetzte Synthie-Melodien und straight powernde Gitarren wahren den besonderen Spirit des Originals, was nicht zuletzt Gonschoreks Gesang zuzuschreiben ist, der sich ganz sicher nicht vor dem unvergleichlichen Charme der Vorlage zu verstecken braucht. Einfach weil er zwischen drückender Schwermut und hoffnungsvoller Zukunftsvision genau die richtigen Fragen zur scheinbar falschen Zeiten stellt. Fragen, auf die wir bis jetzt zwar noch keinerlei Antwort haben, mit denen wir alle uns damals wie heute aber endlich dringend beschäftigen sollten. Mit „Reset“ wird es erstmals bedeutend ruhiger. Die Strophen werden von einer sanften Klaviermelodie, fiependen Sounds und fragilem Gesang getragen, der die bloße Zerbrechlichkeit greifbar macht, bis zurückhaltende Drums im Hintergrund einsetzen und das Tempo konstant, aber dennoch angenehm anziehen und in einem rhythmisch schwungvollen Refrain resultieren. „Downshifting“ ist wieder düsterer und punktet mit tief gestimmter Elektronik, mystischen Saitenfragmenten und verzerrter Stimme. Klassische Strukturen sind nicht zu erkennen, was dem Song aber keinen Abbruch tut und ihn viel eher als eine Art unkonventionelles Interludium für sich stehen lässt, bis „Insight“ unbefangen und doch passend kühle Pop-Allüren aufzeigt. „Mister Bot“ schlägt wiederum einen gänzlich anderen Pfad ein und repräsentiert die volle Rock-Schlagseite. Abwechslungsreichtum wird hier ganz offensichtlich groß geschrieben! Zerrige, hauchdünne Riffs und wabernde Elektronik kreieren bei „Freedom“ eine durch und durch bedrohliche Atmosphäre, die sich aber dennoch mit sonderbar einprägsamen Tunes immer wieder schwungvoll aus ihren klaustrophobischen Sphären hinauskatapultiert, was ein Wechselspiel aus auditivem Licht und Schatten gleichkommt. Gonschorek krönt die Zeilen mit ihrer mahnenden Stimme zur essenziellen Sinnfrage. „Die Freiheit ist eine Pflicht!“. Zum Finale rufen das kantige „Pseudo Reality“, welches einen Dialog zwischen cleaner Intonation und intelligent gewählten Samples vor dem inneren Auge zeichnet, sowie „Against Ourselves“ mit seinen reservierten, kalten Synthie-Salven. Der Vorhang zum endgültigen Abschluss fällt mit „Open End“, einer intimen Klavier-Ballade und zugleich reduziertes Outro. Wie es mit uns allen weitergeht, wenn sich nichts ändert, bleibt weiterhin offen... Für wen sind „Unplaces“ also etwas? Schwer zu definieren, aber Freunde und Liebhaber von „Relate“, „Ashbury Heights“, „IAMX“, „Anne Clarke“, „Editors“ oder auch den aktuellen „Depeche Mode“ dürften dem eigenwillig-einzigartigen Sound der nordrhein-westfälisch-niedersächsischen Freundschaft wohl durchaus zugetan sein. Für mich persönlich ist „Changes“ jedenfalls eines der bisher spannendsten, da unberechenbarsten und komplexesten Veröffentlichungen des aktuellen Jahres. Ein Album, das trotz der bewährten Vielschichtigkeit seine eigentliche Ohrwurmgarantie mit jedem weiteren Durchgang erschließt und mit immer neuen und kleinen, aber dafür umso gewichtigeren Details zum Erkunden und Entdecken lockt. Der weit gefasste Themenkomplex ist keine leichte Kost und drückt mit der kritischen Frage nach Sinn und Selbstbestimmtheit in Zeiten von zunehmender Medialisierung, Informationsflut, Globalisierung und zügellosem Konsumzwang streckenweise arg aufs Gemüt. Können wir eigentlich noch mit dem von uns selbst geschaffenem, permanentem Wandel der Gesellschaft Schritt halten oder besser mit den Worten des Titelstücks gefragt: „What are changes for?“. Findet es heraus... Kommt und besucht die Unorte!

Informationen:

http://www.unplaces.de

https://www.facebook.com/Unplaces