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BEITRÄGE:

Erdling - Fïx8:Sëd8 - Das Ich (2025)

  • Autorenbild: Christoph Lorenz
    Christoph Lorenz
  • 31. Okt.
  • 19 Min. Lesezeit
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Erdling - Mana (2025)


Genre: Metal / Alternative


Release: 17.10.2025


Label: Out Of Line (rough trade)


Spielzeit: 38 Minuten


Fazit:

Mit ihren brachialen Hymnen irgendwo zwischen Dark Rock, Industrial und Metal haben sich „Erdling“ seit Jahren als fester Bestandteil der deutschsprachigen Metallandschaft etabliert. Mit ihrem siebten Studioalbum schlagen Erdling nun ein neues, mächtiges Kapitel auf: „Mana“ ist ein musikalisches Ritual, ein klang-gewordener Beweis dafür, dass in jedem von uns eine uralte, formende Energie schlummert - Roh, ungezähmt und bereit, entfesselt zu werden. Elf neue Songs, in Eigenregie produziert und in den renommierten Fascination Street Studios in Schweden gemixt und gemastert, vereinen erbarmungslose Gitarrenwände mit atmosphärischer Tiefe und einer lyrischen Botschaft, die aktueller kaum sein könnte: Es liegt an uns, unsere Potenziale zu erkennen und unseren Weg zu beschreiten. Am 17.10.2025 erscheint „Mana“ via Out Of Line Music als Stream, digitaler Download, 2CD-Version im Digipak inklusive der Bonus-Disc „Behind 10 Years Of Erdling“ mit Audio-Track-Kommentar zu zentralen Songs der bisherigen Bandgeschichte und streng limitierte Holz-Box. Neben dem genannten Digipak sind ein nummeriertes Echtheitszertifikat, ein handsigniertes Autogrammkarten-Set, ein Canvas-Poster mit dem Artwork, einen Schlüsselanhänger mit Einkaufschip, ein Würfelspiel inklusive Regelwerk und eine Halskette mit dem „Mana“-Emblem aus Holz.

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Es gibt Alben, die wie ein entschlossener Aufbruch in neue Gefilde klingen und daneben stattdessen auch solche, die fast wie eine Art Heimkehr anmuten. „Mana“ zählt tatsächlich zu den eher seltenen Fällen, in denen beides zugleich geschieht! Die seit 2014 aktiven „Erdling“ haben ihren Stil in den vergangenen elf Jahren so konstant wie zugleich konsequent geformt, geschärft und diesen damit immer weiter in ein ganz eigenes Profil voller Wiedererkennungswert überführt. Mit ihrem nunmehr siebten Studioalbum namens „Mana“ präsentieren sie nun ein Werk, das ganz so wirkt, als sei es der nächste logische Schritt in dieser steten Evolution: Noch melodischer, noch opulenter und hymnischer, doch zugleich klar in jenen brachial rockenden Elementen verwurzelt, welche die mittlerweile vierköpfige Band seit ihrer Gründung ausmachen. Irgendwo angesiedelt zwischen klassischer NDH, dunklem Rock, modernem Metal, bildhafter Pagan-Symbolik und einem gesunden Schuss Pathos heben Nils „Neill“ Freiwald und seine Kollegen hier ein Album aus der Taufe, das einmal mehr kraftvoll von mächtigen Naturkräften, großer Willensstärke, eisern beschworener Gemeinschaft und innerlich loderndem Feuer erzählt. Dabei steht der mystisch anmutende Titel so stellvertretend wie umfassend Pate für den thematischen Bogen: Ursprung. Energie. Kraft. Der jahrhundertealte Grundgedanke, dass unsere Welt sowohl aus sichtbaren als auch unsichtbaren Strömungen besteht, innerhalb derer jedes einzelne Lebewesen, jede Erinnerung, jedes Erlebnis und jeder Schmerz ein kleiner Teil eines übergeordneten Kreislaufs ist, zieht sich nämlich wie ein roter Faden durch das aktuellste Werk. Mythologische Bildsprache und aktuelle Themen greifen ähnlich den letzten drei Releases hier wieder stark verzahnt ineinander. Tradition und Ursprünglichkeit werden dabei als spiegelndes Sinnbild, dringliche Warnung und vielleicht auch Ausblick mit möglichem Wendepunkt in einen zeitgenössischen Kontext gesetzt. Auf diese Weise schlagen „Erdling“ einmal mehr die Brücke zwischen zwei Welten, in denen jeder der elf in sich geschlossenen Songs logisch in ein Gesamtwerk eingebettet wird, das in seiner unverkennbaren DNA archetypisch „Erdling“ ist und dennoch oder gerade deswegen gemeinsam mit der Band weiter wächst, fordert und sich erhebt… Wie ein erster Lichtstrahl am Rand der Welt eröffnet „Aurora“ die Tracklist zunächst mit verholen knisternder Elektronik, welche organisch zu pulsieren, zu beben, ja, beinahe zu atmen scheint, bis Schlagzeug und E-Gitarre wiederholt in zwingenden Stakkato-Rhythmen durch jene nebulöse Sequenz brechen, um sodann als metallisch-raue Walze das Bild des kommenden Erwachens zu zeichnen. Die Rock-Fraktion dominiert klar in den Strophen, während die Industrial-Synths als konturierende Fragmente nuanciert aus dem Hintergrund knarzen. Der Refrain präsentiert sich kurz darauf in typischer „Erdling“-Manier, indem sich die Härte von heftig ballernden Metal-Eskapaden konträr und trotzdem enorm stimmig mit eingängigen, großen Melodien vereint. „Dominus Omnium“ drückt anschließend noch eine ganze Spur stärker auf das Gaspedal und lässt die Regler binnen nur weniger Sekunden jetzt weitaus heftiger ausschlagen: Der Sound ist druckvoll und drängt nach dem kurzen Vorspiel zusammen mit streng marschierenden Drum-Rhythmen, dreckig rockenden Riffs sowie nervös flackernden Electro-Salven unablässig nach vorne. Titel und Haltung gleichen einem unmissverständlichen Manifest, welches lieber nicht angezweifelt werden sollte: Der titelgebende „Herr über alles“, hier als starkes Sinnbild für zügellose Selbstermächtigung, erinnert nicht nur durch die verwandte Thematik voller Allmachtsfantasien und Größenwahn an das schier unaufhaltsam rasende „Absolutus Rex“ vom 2017 erschienenen Zweitling „Supernova“, sondern weist durchaus auch musikalisch ziemlich starke Parallelen zu genanntem Up-Tempo-Track auf. Reiner Zufall? Wohl kaum. Die bedrohliche Quasi-Fortsetzung arbeitet sich heuer an den nordischen Göttern ab und ruft unterschwellig dazu auf, alte Ketten abzuwerfen und sich nicht länger von höheren Mächten lenken zu lassen. Der donnernde Refrain erhebt sich wie ein Ehrfurcht gebietender Schwur, welcher zusätzlich von dramatischen Chorälen und einem kleinen Gitarren-Solo untermalt, eine einzige musikalische Machtdemonstration markiert. Nicht weniger bedrohlich und düster präsentiert sich dem Hörer nachfolgend das schwelende „Miasma“: Die althergebrachte Theorie, welcher nach schwere krankheitserregende Stoffe aus dem Boden oder in die Luft dringen, charakterisiert hier all das, was uns innerlich vergiftet und auffrisst: Zweifel, Angst und nicht zuletzt Hass. So steht der Titel sinnbildlich für die Konfrontation mit der unsichtbaren Gefahr und den Dämonen tief in uns. Nach einer eingangs verspielt perlenden Synthie-Melodie baut die in wild flackernde Electro-Sprengsel und brachial rotierendes Riffing gekleidete Nummer binnen weniger Sekunden eine enorme Power auf, die sich bis zum catchy Chorus sicher hält. Die Strophen legen den Fokus deutlich auf die Lyrics, ziehen in ihrer Intensität jedoch beständig an. Freiwald variiert seine stimmstarke Intonation immer wieder sicher zwischen cleanen Passagen, rauem Sprechgesang und tiefen Growls, sodass es eine wahre Freude beim Zuhören ist. Auch sonst bleibt der Sound weiterhin unberechenbar und trumpft mit fließenden Sprüngen zwischen Mid- und Up-Tempo-Segmenten auf, welche die entsprechende Songs jedoch alles andere als lose und zerrissen wirken lassen, sondern dem Abwechslungsreichtum ungemein gelungen beitragen. Jene Trademarks einen viele der Songs. Mit „Steh Den Sturm“ erhebt sich danach die erste große Hymne des neuen Albums. Ein Appell an Resilienz, Widerstand und innere Kraft, an das Aus-, Durchhalten und Standhalten inmitten des tosenden Orkans. Das Tempo treibt auch hier an, der Refrain öffnet sich in epische Weite. „Los Los Los“ wurde als erste Single ausgewählt und das aus gutem Grund: Der Track bewegt sich nahe am Zeitgeist und behandelt die erschreckende Eigendynamik von Vorurteilen, Hass und Spaltung in Form eines so straight wie gleichermaßen brachial rockenden Up-Tempo-Pulses. Äußerst Riff-betonte NDH, die nunmehr weniger symbolisch, doch dafür umso frontaler agiert und trotz angenehmer Härte ein hohes Maß an Eingängigkeit wieder nicht vermissen lässt - Top!

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Thematisch ist „Ohne Uns“ ein ziemlich typischer „Erdling“-Song und erinnert inhaltlich stark an das wütende „Der Mensch Verdient Die Erde Nicht“: Ein saftiger Metal-Punch kickt hier gleich anfangs mächtig rein und entfesselt heftige Riffs im schweren Rhythmus, das knackige Drumming kommt wiederum in den Strophen umso mehr zur Geltung. Anstelle von bildhaftem Pathos finden „Erdling“ einmal mehr wahre und vor allem sehr direkte Worte für ihre resignierte Erkenntnis über die Bestie Mensch und all ihre zerstörerischen Untaten, welche, auch nach dem Verschwinden unserer Spezies noch lange nicht vergessen sein werden, wenn die Welt dann zu heilen versucht. „Hinter Dunklen Wolken“ wird durch ein hell rockendes Signature-Riff eröffnet, die Lyrics werden von knisternden Power-Synthies und dominantem Schlagzeug im getragenen Rhythmus gerahmt. Doch schon bald ergreift die E-Gitarre wieder die Oberhand und lässt bis zum kraftvoll walzenden Refrain voller Verzweiflung und Schmerz nicht mehr ab. Gegen Ende warten dann noch ein metallisches Schlachtfest-Intermezzo sowie ein leidenschaftliches Saiten-Solo auf den Hörer. Auch „Alles Dreht Sich“ nimmt sich keineswegs zurück und brettert gleich von Beginn an mit mächtig Dampf unter dem Kessel straight nach vorne: Die Drums und Gitarren drohen sich ob des hohen Tempos auf Maximum fast schon zu überschlagen, synthetische Streicher-Fragmente sorgen für einen leicht verspielten Kniff. Die Kooperation mit den italienischen Label-Kollegen von „Hand Of Juno“ macht sich erst in der zweiten Strophe durch Frontfrau Melissa Bruschi bemerkbar, die sich mit ihren tiefen, englischsprachigen Growls gut in das Gesamtbild einfügt, vor dem finalen Chorus jedoch auch mit einer clean schwebenden Passage als Konterpart vertreten ist. Inhaltlich kreist der Track um Orientierungslosigkeit und den nicht enden wollenden Kreislauf von Gedanken und Gefühlen. Ein Song über Unrast im Stillstand, über das Suchen und sehnsuchtsvoll erhoffte Finden von Halt. „Zerspreng Die Ketten“ hält die zuletzt beständig vorgelegte Härte gänzlich mühelos und zieht sogar noch weiter an. Ein kräftiger Befreiungsschlag im klassischen „Erdling“-Gestus zwischen NDH und Metal. Das treibende Schlagzeug und schwere Riffs befinden sich im gnadenlos peitschenden Vorwärtsdrang. Zudem bedient sich Freiwald hier erneut einem breiten Repertoire an verschiedenen Intonationsmöglichkeiten, wechselt zwischen tiefen Growls und gutturalen Passagen. Passend zum hasserfüllten Text, der sehr direkte Worte findet, ist die Nummer betont grobschlächtig und roh ausgestaltet und setzt auch im recht knappen, aggressiven Chorus vor allem auf Wiederholungen mit Mitsing-Potential für die Konzerte. Das Herzstück des neuen Albums, der Titeltrack selbst, nimmt sich da als Namensgeber stilistisch natürlich nicht aus und wandelt musikalisch auf ganz ähnlichen Pfaden. Bollerndes Drumming, heftige Metal-Riffs und kreischend verzerrte Electro-Bruchstücke sind die Essenz, natürlich abermals von einem sehr eingängigen, majestätisch rockenden Refrain samt handwerklich hervorragenden Gitarrenspiel gekrönt. Hier kulminiert die Symbolik: „Mana“ als Ursprung, als alles durchströmende Urkraft, die trägt und in uns fließt. Es geht um innere Stärke, um die Quelle allen Lebens. Hier zeigt sich, was das Album in sich vereint und sein will. „Sternenschimmer“ bildet das Schlusslicht. Vergleichsweise sanft, hoffnungsvoll und intim, jedoch ohne eine gewisse Rock-Note außen vor zu lassen, welche hier ab dem Pre-Chorus wiederzufinden ist und dann im leidenschaftlichen Refrain endgültig greift, der sich bald in gefühliger Weite ergießt. Wo „Aurora“ der Beginn des noch jungen Tages war, ist diese Power-Ballade also der sehnsuchtsvolle Blick in die Nacht, in der dennoch ein Licht zu finden ist, wenn man nur danach sucht. Ruhe nach der langen Reise. Einkehr. Ein Ende, doch nur auf Zeit… „Mana“ ist ein Album aus Konsequenz. Der nächste logische Schritt einer über die Jahre hörbar gewachsenen Band, die ihren Sound selbstbewusst gefunden hat und diesen nun mit noch mehr Emotion, Power, Raffinesse, Pathos, aber eben auch Klarheit auszuformulieren weiß. Die Mischung aus entfesselter NDH-Wucht, rasenden Metal-Streifzügen, hymnischer Größe und naturmythischer Symbolik, welche trotz aller musikalischer Sprengkraft einprägsame Melodien nie vermissen lässt, funktioniert hier so dermaßen in sich geschlossen und wunderbar rund, wie selten zuvor. Ein Album über Wurzeln und innere Kraft. Über das, was in uns wohnt und uns trägt, wenn alles zu fallen scheint. Das nicht nur erzählt, sondern aufrichtet und damit eines, das klar aussagt, was „Erdling“ antreibt und wofür sie seit jeher stehen. 

Informationen:



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Fïx8:Sëd8 - Octagram (2025)

 

Genre: Electro / Alternative

 

Release: 03.10.2025

  

Label: Dependent (Alive)

 

Spielzeit: ca. 64 Minuten Fazit:

Seht das „Octagram“! Für „Fïx8:Sëd8“ ist die Zahl 8 mehr als nur eine weitere Ziffer. Wenn sich die 8 im Kontext des sechsten Albums des deutschen Electro-Industrial-Projekts nur ein wenig dreht, wird sie zum Symbol für Unendlichkeit. Unendlichkeit und das Versprechen des ewigen Lebens sind auch eines der wichtigsten Instrumente, mit denen institutionalisierte Religionen ihre Anhänger kontrollieren, was eines der lyrischen Themen auf „Octagram“ ist. Die Zahl 8 spiegelt sich auch in der Struktur des Albums wider, das aus 8 Songs mit einer Spielzeit von 8 Minuten besteht. Die neuen Songs brechen mit der klassischen Strophe-Refrain-Formel. Neu eingeführte ungerade Taktarten und polyrhythmische Experimente tragen zum insgesamt progressiven Eindruck bei. Keine Sorge, „Octagram“ enthält alle charakteristischen Elemente und Sounds, die „Fïx8:Sëd8“ ausmachen: Das Album ist genauso verspielt, komplex und melodisch wie seine Vorgänger. Die Drums sind noch etwas härter als zuvor, während die Vocals auf „Octagram“ noch vielfältiger sind. Die Vocal-Samples bestehen hauptsächlich aus Rezitationen, die die letzten Worte von Personen zitieren, die kurz vor ihrer Hinrichtung standen. „Octagram“ setzt die Erkundung elektronischer Musikdimensionen fort und erweitert sie, die Mastermind Martin Sane mit den äußerst erfolgreichen Vorgängern „Foren6“ (2017), „Warning Signs“ (2019) und „The Inevitable Relapse“ (2021) begonnen hat. Unter dem Einfluss kanadischer Kultbands wie „Skinny Puppy“ und „Front Line Assembly“ entwickelte der Deutsche seinen eigenen, unnachahmlichen Stil, der zwischen düsterer Elektronik und eingängigen, melodischen Passagen oszilliert. „Fïx8:Sëd8“ schufen letztlich ihre eigenen Klangwelten, indem sie sich sukzessive von ihren musikalischen Vorbildern entfernten, was weitgehend der Entwicklung künstlerischer Seelenverwandter wie „Mentallo & The Fixer“ und „Haujobb“ ähnelt. Auch live haben sich „Fïx8:Sëd8“ als musikalische Größe etabliert. Das Projekt tourte als Headliner durch Europa und trat bei renommierten Veranstaltungen wie dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig und dem E-Tropolis Festival auf. Für „Octagram“ kehrt das deutsche Projekt mit einer ausgedehnten Tournee und der bislang größten Produktion auf die Bühnen zurück. Mit „Octagram“ erweitern die Electro-Industrial-Shootingstars „Fïx8:Sëd8“ erneut ihre eigenen musikalischen Dimensionen und die Grenzen der gesamten Szene. „Octagram“ ist ein wahrhaft bahnbrechender Meilenstein in der Entwicklung von Martin Sanes elektronischer Industrial-Düsternis! Das sechste Studioalbum erscheint am 03.10.2025 via Dependent Records als Stream, digitaler Download, CD im Jewelcase und als auf 888 Einheiten limitierte 2-CD-Version im zweiundsiebzig Seiten starken Hardcover-Buch inklusive vier Bonus-Tracks. 

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Mit seinem sechsten Studioalbum namens „Octagram“ legt Martin Sane, der kreative Kopf hinter dem kryptisch anmutenden Namen „Fïx8:Sëd8“, einmal mehr ein schier beeindruckendes Werk vor, das wie ein monolithisches Fragment aus einer unheilvollen, dystopischen Zukunft wirkt. Wohingegen frühere Veröffentlichungen noch zwischen EBM-Tradition, Oldschool-Industrial und experimenteller Genre-Grenzüberschreitung pendelten, präsentiert sich „Octagram“ dieser Tage als eine noch viel kompromisslosere wie gleichermaßen hochpräzise Vision des Dark Electro, welche eindrucksvoll den Status Quo des Projekts zementiert und dabei die Musik der entsprechenden Sparte entschieden weiterdenkt. Einmal mehr abgrundtief düster, beinahe einschüchternd hochkomplex und ungemein facettenreich, zugleich jedoch auch um einiges emotionaler und verletzlicher, als die visuelle Präsentation an der Oberfläche es zunächst vermuten lassen würde. So ist das vielschichtige Klang-Design hier abermals bis ins Mikroskopische detailliert worden: Diverse Schichten aus granulierten Synths, treibenden Rhythmen, hypnotischen Loops, atmosphärischen Drones und durchdachten Samples, garniert mit einer eindringlichen Stimme, die flüstert, raunt, fleht, mahnt und schreit. „Fïx8:Sëd8“ gelingt das, was nur ganz wenigen Acts der Szene vorbehalten bleibt: Ein schier unberechenbares Soundbild, das mechanisch und organisch zugleich wirkt. Ein lebender und bebender Maschinenkörper, pulsierend im Takt eines pochenden Herzens. Thematisch bewegt sich „Octagram“ zwischen Macht, Religion, psychischem Zerfall, Schuld und Erlösung, intoniert wie ein inneres Ritual, in dem jede Klarheit sofort von Paranoia unterlaufen wird. Jedes Stück ist dabei ein eigenes Kapitel, jede Stufe des Albums ein weiterer Ring dieses finsteren Konstrukts, das mit „The Unborn“ schließlich beginnt: Der Opener erhebt sich mit dem Einsatz von Sampling, tief pulsierenden Subbässen sowie futuristisch flirrenden Synthies, bis dann überraschend harmonische Melodiebögen mit einem charmanten Touch Nostalgie gespannt werden. Interessant ist, dass der Auftakt erst über drei Minuten rein instrumental daherkommt, das Intro ist hier also quasi gleich integriert worden, bis Sane endlich zu hören ist. Schicht für Schicht wächst so aus feinem Sound-Staub zwischen analogen Retro-Anleihen und Moderne ein bedrückendes Fundament. Die stark verzerrten, fauchenden Vocals klingen so fremd und eindringlich wie eh und je. Es ist das Stadium vor der vollendeten Identität, das „Noch-Nicht“, ein formloses Schweben irgendwo zwischen Geburt und Existenz im fahlen Halbdunkel. „New Eden“ öffnet sich danach mit schwebenden, fein perlend zirkulierenden Flächen noch weiter zu auditiver Größe. Unter der Oberfläche lauern mechanische Hi-Hats. Es schabt, kratzt und schiebt, bis die Synths plötzlich technoider Tönen und sich der Bass präsenter herausarbeitet. Dennoch bricht man nicht zu sehr aus und verbleibt im Mid-Tempo. Nicht zuletzt durch die abwechslungsreiche Intonation von Sane, der hier mit unterschiedlichen Effekten und Höhen arbeitet, haftet dem Stück etwas Elegisches, ja, beinahe Sakrales an, sodass sich die Vorstellung jenen zweiten Paradieses immer weiter verdichtet. Das neue Eden verspricht Heilung, doch nahezu jedes einzelne Element hier verrät, dass der sinnbildliche Garten längst vergiftet ist! „Blisters“ beginnt danach erst sehr sphärisch und gibt dem markerschütternden Sample zunächst seinen verdienten Raum zur Entfaltung, bis sich sodann flimmernde, eiskalte Beats ihre Bahn brechen. Aus dem Hintergrund heraus knarzt, ächzt und scheppert die metallische Percussion in starken Synkopen. Es ist kalt und bedrückend. Alles wird nun weitaus enger, roher und körperlicher. Auch der Bass nimmt knisternd zu, während die Synths klaffende Wunden schneiden. Musikalisch und stimmungstechnisch gesehen wohl eines der intensivsten und bedrückendsten Stücke des neuen Albums. „Lesson In Humimity“ zeigt sich hingegen über weite Strecken ungeahnt ruhig und fragil. Wenngleich hier zuweilen auch immer wieder pulsierende Bassläufe und glasklare Snare-Schläge kurz hervorlugen, öffnet sich der Sound so abermals. Den hauchdünnen Synth-Fäden wohnt eine gewisse melancholische Wärme mit dezentem Retro-Feeling inne. Die schwebenden, beschwörend gesprochenen Vocals wechseln fließend mit den verwendeten Samples und entfalten eine sonderbar meditative, entschleunigende Wirkung. Stolz zerbricht, Hybris wird bestraft. Die verqueren Polyrhythmen schaffen dabei ein Gefühl, als stolpere man im Takt, doch ohne je zu stürzen. Der Hörer wird erst fallengelassen und dann wieder aufgefangen.

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„Tyrants“ ist wohl der aggressivste und geradlinigste Track des Albums: Im strengen EBM-Rhythmus hämmert sich die metallisch-kühle Percussion hier dröhnend durch stotternde Bassläufe, stets gebrochen von unheimlichen Chor-Samples und frostig aufblinkenden Synths. Ein martialisch drängender und unheilvoller Schlag in die Magengrube. Der loopende Quasi-Refrain nimmt gefangen und schleudert in ekstatische Sphären. „Darkness Visible“ bringt anschließend wieder ein gutes Stück mehr Ruhe in die Tracklist ein: Die Drones liegen wie schattierende Nebelschichten über dem tanzbar pochenden Beat, während die enorm verführerischen, hochmelodischen 80’s-Synthies dissonant funkeln und für verblüffend viel ohrwurmige Catchyness sorgen. Dazwischen schmiegen sich die gesprochenen Vocals in ruhigere Leerräume und arbeiten deren Konturen bis zum aufstrebenden, erlösenden Finale extrem gelungen heraus. „Oathbreaker“ kommt verzerrt, gebrochen und wütend daher: Langsam und doch beständig schwellen die knurrenden Töne im minimalistisch geprägten Klangbild erst an und flachen dann plötzlich wieder ab. Heben. Senken. Wie ein mechanisch bebender Atem. Der Aufbau ist schleichend, doch schon bald setzt der kalte Beat ein und begehrt martialisch auf. Die dual eingesetzte Stimme wird im weiteren Verlauf immer mahnender und bissiger, während mal sphärische, mal flackernde Synths jene dramaturgisch grundieren. Im Mittelteil graben sich messerscharf schneidende Klänge in die stampfende Rhythmik ein und manifestieren sich in einem packenden Klimax, der einem die Gänsehaut nur so über den Rücken jagt. Ein tiefes Dröhnen, verquer zitternde Sprengsel und disharmonische Synths leiten das abschließende „An Unquiet Mind“ ein, welches sich als unruhig bebendes Konstrukt herausstellt: Der drängende Sound sägt sich in die Hirnwindungen hinein, synthetische Fanfaren und unheilvolle Chor-Samples bäumen sich derweil unablässig zu eine verheerenden Melange auf, die apokalyptisch tönend das nahende Ende zu verkünden scheint. Der von wild kreiselnden Beats umspielte Gesang, welcher verzweifelt gegen die musikalische Übermacht anzukämpfen scheint, besticht abermals mit mehreren Layern und kreativen Effekten. Fließende Pads kollidieren mit nervösen Mustern, die in dieser schnellen Abfolge kaum mehr zu fassen scheinen und eine rastlose Spirale ins Innerste erzeugen… Entgegen der kritischen Unkenrufe, die schon seit langen Jahren die immer weiter um sich greifende Stagnation im Genre beklagen, führen „Fïx8:Sëd8“ mit ihrem sechsten Langspieler einmal mehr den Gegenbeweis an! Dass der dunkle Electro keine echten Innovationen mehr hervorbringt, widerlegt Martin Sane scheinbar mit Leichtigkeit, indem er auf „Octagram“ seine soundtechnische Evolution geschickt fortführt. So wird hier zwar in der Szene bereits Bestehendes und Bekanntes angewandt, allerdings auf eine dermaßen spannende und vielfältige Weise akribisch zusammengestellt, dass das Verständnis jener Stilrichtung nahezu neu definiert wird. Abermals standen namhafte Urgesteine wie „Frontline Assembly“ oder „Skinny Puppy“ klar ersichtlich inspirativ Pate für das musikalische Schaffen, jedoch ohne stumpf kopiert zu werden. Die Musik von Sane ist nach wie vor sehr eigen, hochkomplex und kann mit ihren mannigfaltigen, ineinander verschlungenen Schichten anfangs sicher überfordernd wirken oder gar erschlagen. So reichen nur wenige Hördurchgänge kaum aus, um sich auch nur annähernd ein kohärentes Bild vom vorliegenden Material zu machen. Ebenso erscheint es schwierig bis beinahe unmöglich, die Stücke zum individuellen Sezieren aus ihrem Gesamtkontext herauszulösen. Zu reichhaltig sind die sich ständig verändernden Gebilde aus Sound und allerlei Klängen. Es passiert an allen Ecken und Ende so viel, dass es kaum in Worte zu fassen ist, zumal kaum mit klassischen Arrangements aus Strophen und Refrains gearbeitet wird. Dennoch werden eingängig tanzbare Passagen und erinnerungswürdige Momente nicht ausgelassen. Jeder einzelne der acht Songs in Überlänge braucht seine Zeit, bis die Facetten annähernd greifbar sind. „Octagram“ ist unglaublich intelligent gestalteter und bis ins kleinste Detail durchdachter Dark Electro zwischen alter Schule und modernen Einflüssen, zwischen vertrackter Klang-Kunst und psychologischer Entblößung in ritueller Ästhetik. Martin Sane denkt Musik weiter und hörbar anders als viele seiner Kollegen, womit er ein weiteres Mal deutlich belegt, dass elektronische Musik auch heute noch wachsen, sich selbst erneuern und über ihre Grenzen hinauswachsen kann, ohne dabei die Wurzeln zu verlieren. So ist „Octagram“ ein intensives Gesamtkunstwerk, das nicht konsumiert, sondern erlebt werden  will und muss.

Informationen:

 

 

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Das Ich - Fanal (2025)

 

Genre: Electro / Alternative

 

Release: 31.10.2025

  

Label: Danse Macabre (Alive)

 

Spielzeit: ca. 56 Minuten Fazit:

„Das Ich“, die Wegbereiter der Neuen Deutschen Todeskunst, melden sich nach Jahren der Stille mit ihrem lang erwarteten Album „Fanal“ zurück. Das Album, dessen Titel „Fackel“ oder „Leuchtfeuer“ bedeutet, ist ein brennendes Zeugnis einer untergegangenen Zivilisation. Aus den Trümmern menschlicher Errungenschaften und zerbrochener Ideale zusammengesetzt, warnt „Fanal“ vor den Geistern der Vergangenheit und Gegenwart, die durch die Ruinen unserer Welt geistern. Mit ihrer einzigartigen Mischung aus elektronisch-sinfonischen Klängen, expressionistischer Lyrik und harschen Industrial-Elementen schaffen Stefan Ackermann und Bruno Kramm ein Werk, das sowohl musikalisch als auch thematisch tief unter die Haut geht. „Fanal“ ist eine musikalische Reise durch die Asche gefallener Imperien, digitaler Netzwerke und zerrissener Seelen. Die Texte, inspiriert von philosophischen und literarischen Konzepten, greifen Themen wie Verrat, Vergänglichkeit, Hybris und die Selbstverachtung der Menschheit auf. Die Flamme des Fanals, zusammengesetzt aus Knochensplittern zerbrochener Ideale, getränkt im Öl sterblicher Überreste, dient nicht mehr nur als Warnung, sondern als Zeugnis der bereits eingetretenen Endzeit. „Fanal“ knüpft an die Tradition von „Das Ich“ an, gesellschaftliche und philosophische Themen mit bildhafter Sprache und intensiver Musik zu verknüpfen. Die Texte des Albums greifen Einflüsse von Friedrich Nietzsche, Gottfried Benn und der expressionistischen Poesie auf. Das Album reflektiert die Gegenwart des Jahres 2025, in dem Gesellschaften zersplittern, Künstliche Intelligenz menschliche Rollen übernimmt und Wahrheit zur Verhandlungssache wird. „Fanal“ erscheint am 31.10.2025 über Danse Macabre als Bandcamp-exklusiver Stream und digitaler Download, CD im Digipak, auf 1.000 Einheiten limitierte 2-CD mit zwölf Remixen, MC, Vinyl oder auf 500 Einheiten limitierte Splatter-LP sowie als streng auf 250 Stück limitiertes Box-Set, das neben der Doppel-CD ein Poster, vier handsignierte Postkarten, Streichhölzer, eine Kette mit Logo-Anhänger in Rasierklingen-Optik und ein T-Shirt enthält. 

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Fast zwanzig lange Jahre nach dem vorausgegangenen Langspieler „Cabaret“ aus 2006 - lässt man die EP „Kannibale“ einmal außen vor - sowie einer extrem bewegten und von schwerer Krankheit geprägten Zwischenzeit, veröffentlicht das legendäre Duo aus Bruno Kramm und Stefan Ackermann mit „Fanal“ ein aus neun Stücken bestehendes Manifest, welches durch gewohnt scharfe Rhetorik und der ureigenen, theatralischen Klang-Ästhetik als bewusst kantige Bestandsaufnahme auf Gesellschaft, Machtgefüge und individuelle Verantwortung abzielt. Dabei kündeten bereits die zwei vorab veröffentlichten und in den Szene-Charts sehr präsenten Singles von der diesmaligen Tonalität. So spricht die Band selbst vollkommen zurecht von einem Werk, das „brennender nicht sein könnte“, denn lyrisch speist sich „Fanal“ einmal mehr aus Motiven der Philosophie und Historie, einer expressionistischen Bildsprache und beißender Gesellschaftskritik, die wohl kaum näher mit dem Zeitgeist verbandelt sein könnte. Mit dem eröffnenden „Menschenfeind“ entfaltet sich binnen weniger Sekunden ein atmosphärisch ungemein dichtes Geflecht aus minimalistisch grundierender, schleichender Dunkel-Elektronik und elegant klagenden Streichern, welches rhythmisch gleich einem Marsch mit bebendem Puls unter der Oberfläche angelegt ist. Die dramaturgisch trefflich in das Arrangement eingeflochtenen Dissonanzen erzeugen bei diesem Tanz auf Messers Schneide zwischen Neo-Klassik und Poesie ein konstantes Gefühl der Anspannung, das sich einfach nicht mehr lichten will, sondern die Schlinge stattdessen immer weiter zuschnürt. Dabei konfrontiert das Stück den Hörer lyrisch als Reflexion gesellschaftlicher Entfremdung, ist Anklage und Selbstbezichtigung zugleich. Das durch vergangene Live-Shows bereits länger unter den Fans bekannte „Lazarus“ wurde als erster Vorbote auserkoren und tatsächlich hätte die Wahl keine bessere sein können: Der Song ist eine so finstere wie gleichermaßen große Hymne mit bitter drohenden Bassläufen, harten Beats, nervös schreddernden Streicher-Flächen, gespenstischen Chor-Samples und einem wirklich ganz hervorragend in Szene gesetzten Refrain. Dieser macht, wie auch schon die Strophen, auf wunderbare Weise Gebrauch von der Dualität der beiden doch sehr konträren Stimmen, was für eine grandiose Dynamik zwischen Kramm und Ackermann sorgt. Mit feinen Details arrangiert und extrem druckvoll produziert, ohne die beabsichtigte Grobschlächtigkeit und Rauheit des aggressiven Untertons einzubüßen, nutzt der Track das alttestamentarisch-christliche Motiv von Auferstehung als Bild für Wiederkehr und Widerstand. Im Zentrum steht dabei die biblische Figur des titelgebenden „Lazarus“. Hier jedoch nicht als Erlöster, sondern als Bote des Todes. „Selig sind, die Gott entsagen!“, heißt es da im Chorus. Ein paradox verkehrter Befehl zur Abwendung durch Gott selbst. Gefangen in der Ambivalenz zwischen himmlischem Auftrag und menschlicher Verzweiflung, wird dieser so zum Stellvertreter für eine Welt, die längst apathisch in Trümmern liegt. Ebenfalls sehr stark elektronisch getrieben zeigt sich danach das aufgepeitschte „Was Bin Ich?“ mit seinen satt hämmernden Bässen und ekstatisch zuckend konturierten Industrial-Synth-Akkorden. Zwischen den Zeilen brechen immer wieder verquere Effekte und expressive Streicher-Tupfer bis zur endgültigen Eruption nach ihrem energetischen Aufbau durch. Die Fragen sind existenziell und loten bohrend die Identität in Zeiten von Desinformation und medialer Fragmentierung aus. Wo liegen Zuschreibungen? Wo Selbstbestimmung? Sprachlich nutzt Ackermann gewohnt ausdrucksstarke Bildsprache, die einmal mehr äußerst gelungen durch die ergänzenden Parts von Kramm abgerundet wird. „Vanitas“ führt danach barocke Referenzen im Gewand des düsteren Electro an, wenn nach bedrohlich kratzendem Schaben und einsamen Cello-Tupfern plötzlich ein typischer Signature-Beat die Führung übernimmt und zusammen mit Ackermanns schier bohrender Intonation an die glorreichen Zeiten des Projekts gemahnt. Dazwischen funkeln detailverliebt immerzu kleine Ornamente schräger Töne und eindringliche Synths auf, die schnell eine hypnotisierende Sogwirkung erzeugen. Die mahnende Erinnerung an die Vergänglichkeit alles Irdischen wird hier als moralischer Spiegel benutzt, indem es nicht nur um den Tod allein, sondern auch das Ende von Werten, Glaube und Utopien geht. Nicht zuletzt auch durch Kramms fragil-gefühlige Stimme im verdammt atmosphärischen, symphonisch konterkarierten Pre-Chorus, der bei genauerem Hinhören jedoch eher einem so trauernden wie gleichwohl ernüchtertem Abgesang dieser Welt gleichkommt, klingt das Stück wie eine moderne Moritat. Mit Sicherheit einer der klaren Höhepunkte der Tracklist! Dass die heutige Gesellschaft viel lieber in den Schein anstelle von Substanz investiert ist, zeigt auch der Besuch in „Dantes Hölle“, welcher sich sogleich als intellektueller Dancefloor-Filler erweist. Die dramatischen Streicher werden hier bereits eingangs von schrill fiependen Sounds gebrochen, bevor ein mächtig drückender Bass, strenge Rhythmik und kühle Beats dann eine gar unheimliche Soundkulisse entstehen lassen, die mit ihren krachig polternden Industrial-Klängen auf dadaistische Weise einfach alles zerlegt, ohne die clubtaugliche Tanzbarkeit zu kurz kommen zu lassen. Ungestüme Tempowechsel erzeugen Stufe um Stufe, wie bei einer absteigenden Reise in die Unterwelt. Das Bild dieser Hölle ist programmatisch: Ränkespiele, moralische Vergehen und gesellschaftlicher Zerfall. Das Lied benutzt die Inferno-Metaphorik, um gegenwärtige Fehlentwicklungen zu sezieren. Ein literarisch enorm klug aufgeladenes Stück, welches wie eine Szene aus einem modernen Epos in Verquickung mit klassischen Song-Strukturen wirkt.

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Auch die zweite Single, „Brutus“, kommt mit ihren rau fauchenden Beats sehr elektronisch ausgerichtet und damit tanzbar daher. Treibend, martialisch und mit einem prägnant dominanten Bass ausgestattet, vereint sich die fließende sowie flächige inszenierte Industrial-Gewalt mit verheerenden Blechbläsern zu einem finsteren Epos. Die resolute Rhythmik und voluminös kochende Energie rollen dem Text hier voller destruktiver Anleihen den schwarzen Teppich aus. Dabei nimmt das Stück lyrisch Bezug auf die Thematik des Verrats und die Frage, ob Aufstand mehr Verrat oder Befreiung ist, wobei jene Gestaltung bewusst ambivalent gehalten ist. Dabei steht die Titelfigur stellvertretend als Symbol für die Schwierigkeit, zwischen Tyrannei und Gesetzestreue zu unterscheiden. Die ethische Misere provoziert die Frage, ob Gewalt als Mittel jemals legitim ist. Grelle Sirenen leiten „Prometheus“ ein, welches nun nicht nur das Tempo erheblich erhöht, sondern den Fokus auf kernig-rhythmische Percussion-Pads und gehetzt sägende Streicher verschiebt, wodurch die Elektronik fernab des hintergründig pumpenden Beats weitestgehend in den Hintergrund tritt und einen organischeren Eindruck vermittelt. So tänzelt der Track zwischen hymnischer Erhabenheit und Tragik als krachig swingendes Epos über den Dieb des Feuers und Warnung vor Hybris dahin, das wie eine explosive Jam-Session aus Psychobilly, Wagner und Punk tönt. Ein wildes und unerwartetes Intermezzo! „Genesis (Urknall)“ markiert danach das Finale des Albums und ist mit knapp dreizehn Minuten zugleich dessen längstes Stück, wurden hierbei doch praktisch zwei Songs zu einem einzigen Gesamtwerk verbunden. Ein tiefes Dröhnen und verstörende Sound-Gewitter erzeugen hier zunächst eine beängstigend tönende Kakophonie, bis schwere Trommeln und Bläser klimaxartig auf einen schier dramatischen Unterbau für Ackermanns Stimme hinarbeiten, welcher die Schöpfungsgeschichte auf die Erschaffung künstlicher Intelligenz umformt, die nach rund fünfeinhalb Minuten schließlich mit den Worten „Gott ist tot!“ endet, ja, geradezu enden muss, bis danach ein minutenlang loopender und scheinbar nicht enden wollender Chor einsetzt, welcher jedoch mitnichten den Schlusspunkt setzt: Ein schleppender, tief und dunkel pochender Beat schleicht sich allmählich knurrend zu Gehör, während minimalistische Flächen sich zum Herzschlagrhythmus einen. Darüber schwebt Ackermanns Stimme wie ein Prediger inmitten von weiter Leere. „Jetzt oder nichts… Nichts oder ich…“, flüstert eine Frauenstimme unter zarten Piano-Tupfern immer wieder. Ein kaleidoskopisches Sittengemälde, das zwischen Schöpfung und Selbstzerstörung oszilliert. Die Menschheit dekonstruiert sich selbst, indem sie Gott spielt und beständig erschafft, was sie bald nicht mehr kontrollieren kann, wenn das Gespür für Maß sich im Trieb nach dem „Höher, schneller, weiter“ immer mehr verliert. Der Keim wohnt der drohenden Katastrophe längst inne. Wir sind die Schöpfer unseres eigenen Untergangs oder wie Goethe sagte: „Wir sind unsere eigenen Teufel, wir vertreiben uns ständig selbst aus dem Paradies“… Siebzehn Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung, der 2008 erschienenen EP „Kannibale“, kehren die lang vermissten Propheten der schwarzen Szene endlich zurück, um in jener fortan nicht mehr ausschließlich nur live, sondern mit viel frischer Musik die Neue Deutsche Todeskunst wiederaufleben zu lassen! Musikalisch noch immer irgendwo zwischen kammerorchestralischen Momenten, theatralischem Gestus und düsterem Electro verortet, haben Bruno Kramm und Stefan Ackermann mit „Fanal“ ein Werk geschaffen, das in seinen besten Momenten die Intimität der Frage und die Unwucht der Anklage zusammenschweißt. Dabei bedient sich das infernalische Duo lyrisch einer gewohnt ausgefeilt expressionistischen Rhetorik und thematischen Gebieten der Philosophie, Blasphemie und des Nihilismus, um den Zeitgeist unserer heutigen Gesellschaft und des Weltgeschehens zu spiegeln: Entsolidarisierung, Radikalisierung und Verantwortungsverweigerung. Was „Fanal“ dabei so besonders macht, ist seine stilistische Souveränität, welche die Wurzeln des Projekts sicher wahrt und unweigerlich Wiedererkennungswert aufbietet, ohne sich mit einem Übermaß an Nostalgie selbst im Weg zu stehen oder moderne Einflüsse zu verweigern, womit sich das Gespann selbst treu bleibt und doch immer nahe am Puls der Zeit agiert. So geben die entsprechenden Arrangements dem Wort trotz des musikalisch extrem ausgereiften und melodisch starken Unterbaus ausreichend Raum, die Dramatik wird nie auf Kosten der Verständlichkeit inszeniert. Texte und Themen haben noch immer klar fokussiert Gewicht und wollen verstanden nicht nur gehört werden. In diesen unruhigen Zeiten, wirkt „Fanal“ damit sowohl wie ein sorgfältig aufgesetztes, forschendes Zeugnis dessen, was ist, als auch wütend drohendes Mahnmal dafür, was sein könnte. Eine Perle innerhalb der Eigenen Diskographie, welche vergangenen Großtaten absolut in nichts nachsteht! 

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