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BEITRÄGE:

Combichrist - The Venom In The Mouth Of God (2026)

Autorenbild: Christoph Lorenz
Christoph Lorenz
8. Aug.
22 Min. Lesezeit

Genre: Metal / Industrial / Alternative


Release: 31.07.2026


Label: Out Of Line Music (Rough Trade)

 

Spielzeit: 64 Minuten


Pressetext:

Spür das Gift durch Deine Adern fließen… »The Venom In The Mouth Of God» zeigt Combichrist so weit aufgefächert und schonungslos ehrlich wie nie zuvor!


»The Venom In The Mouth Of God« ist ein Album, das die Lücke zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir nach außen spielen, aufreißt und bluten lässt«.


Andy LaPlegua gehört seit den frühen 2000ern zu den prägenden Kräften des Industrial Metal, mit einer einzigartigen Kombination aus EBM-Brutalität und Hard-Rock-Energie, die kaum jemand sonst so konsequent verkörpern kann. Das neue Album verbirgt einen Abstieg und eine Abrechnung in einem. Die Eröffnungssalve von »ODR« bis »Born Deströyer« schlägt ein wie eine kontrollierte Sprengung:dicht, maschinell, gnadenlos. Zur Albummitte hin weitet sich der Sound und verschiebt sich ins Psychologische - »Each Scar A Vision« und »The Way We Want To Be Seen« kratzen an den Masken, die wir tragen, und den Versionen unserer selbst, die wir für andere konstruieren. »Demons Wanna Be Summoned« ist ein Feature mit King 810, dem Rap-Metal-Kollektiv aus Michigan, bekannt für ihre musikalisch-konfrontative Wucht - eine Zusammenarbeit, die zur unnachgiebigen Atmosphäre des Albums passt wie eine Klinge in einer Wunde.

Kritik:

 

"We're only here for a good time


We're only here for the world


We're only here


We're celebrating burning churches down


We're only here for a good time


We're only here for it all


We're only here


We're celebrating empires that fall


We're only here!“

Nicht allein im Mainstream, sondern auch in der schwarzen Szene gibt es nicht gerade wenige Bands, deren musikalische Entwicklung entweder einer klaren Linie folgt oder schlimmstenfalls seit Jahren konstant stagniert… „Combichrist“ gehören jedoch mit absoluter Sicherheit nicht dazu! Was anno 2003 einst als rein elektronischer Dancefloor-Angriff aus den Tiefen von Aggrotech, EBM und Noise begann, sollte sich spätestens mit dem Soundtrack zum 2013er Reboot der Videospiel-Reihe „Devil May Cry“ namens „No Redemption“ fortan immer weiter in die Richtung des Crossover und Industrial Metal entwickeln, ohne sich der ursprünglichen Wurzeln vollständig zu entledigen. Aus Synthesizern wurden zunehmend E-Gitarren, aus dem programmierbaren Beat ein metallischer Schlag in die Magengrube und doch haben Andy LaPlegua und seine Mannen nie so ganz aufgehört, zwischen beiden Welten zu wandeln, wenngleich man zuletzt mit dem polarisierenden „CMBCRST“ vielleicht doch etwas zu sehr über die Stränge schlug. Mit „The Venom In The Mouth Of God“ erscheint jetzt im Sommer 2026 das mittlerweile elfte Studioalbum und enthält dreizehn neue Stücke in rund dreiundsechzig Minuten, die in all ihrem Facettenreichtum beinahe wie eine Rückschau auf die verschiedenen Schaffensphasen des ambitionierten Projekts wirken. Dabei fällt bereits auf den ersten Blick auf, dass der Albumtitel mehr als bloße Provokation ist. Das Gift im Mund Gottes… Zunächst vielleicht eine eher widersprüchliche Vorstellung, wenn nicht sogar theologische Unmöglichkeit, steht das Göttliche doch traditionell für Reinheit und Erlösung, das Gift hingegen für Verführung, Korruption und Zerstörung. Trotzdem wird hier beides zusammengeführt. Trägt der vermeintliche Heilsbringer die Vergiftung etwa bereits in sich? Auch der offizielle Pressetext arbeitet mit einem ganz ähnlichen Spannungsverhältnis und berichtet von einer Kluft zwischen dem Menschen, der wir tatsächlich sind und dem, den wir nach außen darstellen. Von Masken, konstruierten Identitäten und den Versionen unserer selbst, welche wir ausschließlich für andere erschaffen. Mit diesem konzeptionellen Faden wird „The Venom In The Mouth Of God“ zu mehr als einer weiteren Ansammlung brachialer „Combichrist“-Stücke, denn unter den schweren Riffs und elektrisierenden Rhythmen liegt ein bemerkenswert persönlicher Kern. Es geht um Entfremdung, Selbstzerstörung, Isolation und die Frage, was von uns übrig bleibt, wenn der schöne (?) Schein allmählich abgetragen wird. Auch musikalisch spiegelt sich dieser Gedanke unmittelbar wider, indem der Longplayer kalte Synthesizer, drückenden Drums, sägenden Gitarren, strengen EBM-Strukturen und harsche Beats mit überraschend melodischen, überraschend verletzlichen Passagen bindet, sodass über weite Strecken eine erfreulich starke Rückbesinnung auf die eigene Vergangenheit gewahrt wird, der Industrial-Metal-Anteil jedoch gleichzeitig seine in den letzten Jahren gewachsene Dominanz gleichberechtigt behält, ohne zu überwiegen. Das Ergebnis ist eine Art der Begegnung mit dem eigenen Echo…


Der donnernde Klang erdiger, martialischer Percussion zerreißt auf epochale Weise die einstige Stille und hallt noch eine ganze Weile nach. Daraufhin folgt ein kurzes Innehalten, nur wenige Sekunden lang. Dann wieder. Und wieder. Plötzlich wabert dunkle Elektronik bedrohlich im nebulösen Hintergrund und baut sich allmählich aus diesem heraus auf. „That way lies madness… Time madness…“, spricht jetzt die sonderbar entfremdete Stimme einer Frau und mutet wie ein entfernter Funkspruch aus einer anderen Zeit an, bevor ein garstiges Riff schreddert und den gesamten Raum einnimmt. Doch „ODR“ eröffnet nicht als der klassische Industrial-Metal-Brecher, den der Hörer nun vielleicht erwartet, sondern täuscht dies lediglich an. Für den Hauch eines Augenblicks scheint die Zeit still zustehen. Ein synthetisches Pulsieren. Nur wenig später dann der Startschuss, indem die Rhythmussektion einsetzt und aus dem atmosphärischer Abstraktheit einen massiven Klangkörper formt. Bedrohliche Industrial-Synths rotieren hektisch umher, während der extrem druckvolle Beat als bebendes Fundament in eigentümlich schwerer Behäbigkeit pumpt. Der finstere Electro regiert hier ganz klar, was viele Alt-Fans sicher freuen wird. „Sanity's teeth in the back of my throat. I choke on the prayer that I never wrote. Sacred disease in the shape of God. Dragging me deeper into the fraud. Stitching my breath to the ribs of the void. Every heartbeat, beauty destroyed. Dreams taste of rust, fire in the bone. Shadow of heaven, carved into stone!“, zeichnet Andy LaPlegua intensive Bilder, wobei hier insbesondere seine weitestgehend cleane Intonation hervorzuheben ist, die ungewöhnlich leidend und geradezu fragil ertönt. In der Bridge blitzen dann wieder kurz die Sechssaiter auf, doch übernehmen diese nicht die Führung und schattieren die Lyrics lediglich gelungen. Äußerst bemerkenswert ist, dass weder Gesang noch Instrumental trotz ihrer massiven Wucht eruptiv eskalieren, sondern jene Energie stattdessen konstant halten, bis ihre endgültige Verdichtung schließlich im Refrain erfolgt, der mit seinen starken Backing-Vocals, welche manntraartig den Titel skandieren, apokalyptische Endzeitstimmung schürt. Die vertraute Aggressivität ist definitiv vorhanden, doch mutet sie weniger wie ein unkontrollierter Wutausbruch an, sondern ist pointiert und damit nicht minder wirkungsvoll eingesetzt. Zwischen harschen Passagen und kontrollierteren Momenten entsteht somit ein interessanter Spannungsbogen. Das Entscheidende ist deshalb nicht die schiere Lautstärke des Openers, sondern seine unterschwellige Bedrohlichkeit, welche alles andere als eine schnelle Katharsis verspricht. Das bereits als digitale Single vorab ausgekoppelte „Desolation“ löst die massive Schwere seines Vorgängers gleich zu Beginn mithilfe futuristisch zirkulierender, kühler Sounds auf. Der elektronisch geprägte Teil rückt sofort in den Vordergrund und behält selbst dann noch die Oberhand, wenn die Synthesizer plötzlich um rau schreddernde E-Gitarren ergänzt werden. Erfreulicherweise kommt diese Komponente jedoch eher ergänzend hinzu, um den steten Vorwärtsdrang des Songs zu verdichten, als alleinig zu dominieren, woran auch der enorm treibende, beinahe klassische EBM-Puls seinen Anteil trägt. Es ist eine teilweise Rückbesinnung auf jene Seite, die „Combichrist“ zuletzt leider immer mehr hinter der massigen Metal-Produktion verborgen haben. Diese wiedergefundene und verdammt gelungen ausbalancierte Dualität erinnert an das 2014 veröffentlichte Album „We Love You“ und Tracks wie „Every Day Is War“ oder „Can‘t Control“ sowie an LaPleguas Arbeit mit seinem Nebenprojekt „Icon of Coil“. Doch klingt „Desolation“ nicht nostalgisch warm oder gar rückwärtsgewandt, sondern trägt seinem Titel um die völlige Verlassenheit auch mit atmosphärischer Weite Rechnung. Der fatalistische Beat erzeugt keinen Glanz, sondern fegt unbarmherzig umher, bis kein Gras mehr wächst. Passend dazu verzichtet LaPlegua gesanglich abermals auf jene rohe Aggression, die man unmittelbar mit „Combichrist“ verbindet. Stattdessen klingt seine Stimme ruhig und analytisch, während er von einer Welt erzählt, die sich selbst überlebt hat. Der Text zeichnet entsprechend ein Bild des selbstverschuldeten Niedergangs: Die Naturbilder von einem verbrannten Himmel, austrocknenden Flüssen, Asche und Dunkelheit funktionieren weniger als konkrete Prognose einer dystopischen Zukunft, denn als moralischer Spiegel unserer Taten. Denn die große Zerstörung kommt nicht von außen, sondern trägt die menschliche Handschrift. Arrogant glaubten wir, unfehlbar und über alles erhaben zu sein. All das Wissen gegen reine Utopien getauscht… Immer wieder kehrt das lyrische Motiv zurück, die Sonne habe uns verlassen, wobei besonders jene Aussage eindringlich ist, dass sie eines Tages zwar wieder aufgehen könne, aber nicht mehr für uns. Dies ist keine klassische Endzeit-Fantasie, sondern ein Verderben, welches wir geschaffen haben. Ein „Trauerritual für den Planeten“, wie die Band selbst den hybriden Song mit garantierter Hit-Qualität äußerst treffend beschreibt. Mit „The Future Is A Memory“ erreicht das Album erstmals eine Ebene, auf der die Härte der Musik deutlich stärker mit emotionaler Verletzlichkeit verschmilzt. Der Titel ist ein Paradoxon, liegen Zukunft und Erinnerung doch üblicherweise an genau entgegengesetzten Enden unserer Wahrnehmung. Wenn die Zukunft bereits Erinnerung ist, wird die Zeit selbst zu einer Art geschlossenen Schleife, was der Song auch akustisch hervorragend transportiert. Die elektronische Basis bleibt durchweg präsent, nur wirkt sie weniger aggressiv und fordernd als noch zuvor. Die dunkel verzerrten Flächen der Synthesizer ziehen sich durch das Stück, während rhythmische Elemente weniger marschieren, als sonderbar entrückt und wie im Zeitraffer arbeiten, sodass LaPleguas klarer Gesang, der sich abermals als wunderbar facettenreich und ausdrucksstark erweist, abermals sehr gut zur Geltung kommt. Er klingt getrieben, verzweifelt, voller Reue, ja, ängstlich. Nach jemandem, der sich selbst gegenübersteht. Mit allem, was dazugehört. Die inhaltliche Härte von „Combichrist“ funktioniert traditionell über Konfrontation. Gegen die Außenwelt, Regeln, Grenzen und alles, was sich einem in den Weg stellt. „The Future Is A Memory“ richtet den Fokus dagegen weitaus mehr nach innen. Ins Gedächtnis und die Seele. Musikalisch kristallisiert sich dazu ein wirksamer Gegensatz heraus: Das Arrangement bleibt maschinell, während die Stimme zunehmend menschlicher erscheint. Synthesizer wiederholen ihre Muster mit ebenso stoischer Präzision, wie auch das wiederkehrende Sample einer geisterhaften Frauenstimme, welche im monotonen Loop die Worte „Revive! Relive! Repeat!“ spricht, während Andy LaPlegua darüber an emotionalen Nuancen gewinnt. Auf diese Weise entwickelt sich trotz all der Schwere eine hypnotische, rauschartige Mystik, der man sich kaum mehr entziehen kann. Die Zukunft wird zur Vergangenheit, weil der Mensch beim Versuch, alles zu kontrollieren, seine eigenen Möglichkeiten bereits verspielt hat. Wir planen, simulieren, optimieren, konstruieren und verlieren dabei den eigentlichen Moment… Doch diese Verletzlichkeit hält nicht lange an, denn mit „Born Deströyer“ zieht man die Schrauben wieder rasch an und führt die Platte zurück in jene zwingende Härte, mit der „Combichrist“ über lange Jahre hinweg ihre Identität geprägt haben. Diese Nummer kommt jetzt wieder um einiges angriffslustiger daher und verlässt sich rein auf die Electro-Komponente. Der marschierende EBM-Rhythmus tönt kühl und kantig, der zwingend pumpende Beat ist bewusst minimalistisch und erinnert in seiner Schroffheit an „This S*it Will Fuck You Up“ vom ikonischen Fan-Liebling „Everybody Hates You“ aus dem Jahr 2005, womit man sich so dermaßen nahe wie schon lange nicht mehr an der Club-Ästhetik der eigenen Aggrotech-Wurzeln orientiert. So schaffen „Combichrist“ einen ganz wunderbaren Kontrast zu den ersten drei Titeln. Auf Schwere und Melancholie folgt pure Wut von gar körperlicher Qualität. Der stampfende Rhythmus lädt nicht zum Tanzen ein, sondern zum wilden Pogen. Kompromisslos und direkt. Auch die Stimme von LaPlegua passt sich an: Während er mit klarem Sprechgesang durch die Strophen führt, setzt es später im von fiependen Sounds durchsetzten Chorus hingegen heftige Shouts wie in alten Zeiten. Dabei ist der Text von „Born Deströyer“ im Kontext des Albums durchaus interessant, wenn man den Titel nicht allein als martialisch-plakatives Etikett versteht, sondern diesen als verdrehtes Selbstverständnis des lyrischen Ich liest, was zugleich eine gewisse Tragik offenlegt. Wenn Zerstörung angeboren wird, wird sie zum Bestandteil der Identität. Gewalt ist keine Handlung mehr, sondern Selbstbild. Der Mensch erschafft eine harte Oberfläche, weil sie Schutz verspricht, doch irgendwann wird die Maske zum wahren Gesicht. Wer sind wir also wirklich? „Feraline“, der fünfte Titel in der Tracklist und zugleich Single Nummer Drei, verbindet die beiden Pole des Albums besonders konsequent, indem er aggressive E-Gitarren auf hektisch flimmernde Sequenzen prallen lässt, während der Beat weiterhin in Richtung Club der Tanzflächen schielt. Eingangs dominiert noch klar eine metallische Energie aus nervösen Drum-Eskapaden unkreischendem Saitenwerk, bevor erneut die elektronisch tanzbaren Wurzeln von „Combichrist“ wieder umso präsenter hervortreten, indem unvermittelt ein punchiger Beat kickt, welcher an den Club-Hit „Pursuit“ des französischen DJs „Gesaffelstein“ erinnert. Dadurch entwickelt der Track zügig eine ausgesprochen dynamische Dramaturgie, die stellvertretend für viele der Songs auf dem neuen Album ist. Das im Refrain von einer Vocoder-Stimme immerzu genannte „Feraline“ steht laut Andy LaPlegua als göttliches Symbol für die Rückkehr zur Natur und eigenen archaischen Seite, frei von den Zwängen der modernen Gesellschaft. „Animal prayers in a rusted tongue. Every scar sings where wires are hung. Bleeding circuits, swallow the sound. Arise feraline, unbound, unbound…“, berichten die ersten Zeilen vom Verfall. Die Natur scheint zu beten, doch werden ihre Worte nicht erhört. Etwas Ursprüngliches versucht, sich verzweifelt Gehör zu verschaffen, während es von der Schnellleebigkeit und Industrialisierung unserer modernen Welt erstickt wird. Eine bemerkenswert treffende Bildsprache für „Combichrist“, die mit ihrer Musik ebenfalls eine Art der Symbiose von Organismus und Maschine stehen. Der Mensch versucht, sein wildes Ich wiederzufinden, doch kann er die Zwänge des Hier und Heute einfach nicht abstreifen. Doch „Feraline“ ist keine romantische Rückbesinnung, sondern die Schöpfung eines neuen Wesens aus den Überresten der frühen Zeit. Halb Maschine, halb Tier. „Scratch the veil, let the shadow in. I dissolve, I am more than my skin!“, ist dabei vielleicht die entscheidende Aussage, wenn Körper und Geist sich aus dem Gefängnis der Moderne befreien und sich der Transformation hingeben, um gesellschaftliche Rollen- und Selbstbilder abzustreifen.


Nach der Entfesselung mit „Feraline“ setzt „RISE“ zu einem weiteren energiegeladenen Ausbruch an. Musikalisch gehört der Titel wohl zu jenen Stücken, die sich am nächsten am metallisch geprägten Sound der letzten drei Alben orientieren. Dazu bildet ein stoischer Rhythmus das Fundament, auf das sich sodann die aggressiven Riffs harter E-Gitarren zu einer Industrial-Metal-Wand aufschichten, während es dieses Mal die elektronische Komponente ist, die eher grundierenden Charakter besitzt und dementsprechend zurückgestellt wird. Die Produktion ist klar auf Vorwärtsbewegung ausgerichtet, der Klang wummert voluminös und dicht aus den Boxen. Dabei ist interessant, wie stark „Combichrist“ ihre Spielstile miteinander verzahnen, denn auch LaPleguas Gesang folgt diesem Prinzip. So klingt er nun weitaus entschlossener als auf den eher introspektiveren Stücken zuvor. Die Stimme trägt weniger Zweifel in sich, dafür mehr Bestimmtheit. Trotzdem ist „RISE“ keine simple Revoluzzer-Hymne mit plumper Fuck-Off-Attitüde geworden, sondern eine ermutigende Aufforderung, sich gegen fremde Erwartungen zu stellen und endlich jene Pfade zu verlassen, welche andere für einen vorgegeben haben, die Kontrolle zurückzugewinnen und das Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen. Indem es den thematischen Faden des Albums und Themen wie menschengemachte Selbstzerstörung, Vorherbestimmung, Sinnsuche und Identität aufgreift, erhält „RISE“ eine weitere Ebene als Gegenbewegung mit der Intention, für sich und seine Überzeugungen einzustehen. LaPlegua singt hier nicht von Rettung durch eine andere Person oder etwa eine höhere Macht, sondern sich selbst allein. Der Song ist eine Art akustischer Aufbruch: Die Strophen sind kontrollierter, während die Refrainpassagen mit tiefen, wütenden „Rise!“-Shouts aufrütteln. Die powernden Saiten und kleinen Elektronik-Fragmente aktivieren den Hörer in ihrer Symbiose und formen einen kollektiven Aufschrei. Man steht nicht auf, weil die Welt plötzlich besser geworden ist, sondern man beschlossen hat, ihr nicht länger am Boden liegen zu wollen! Es folgt der Quasi-Titeltrack: „Venom“ ist mit über sechs Minuten eines der längsten Stücke des Albums. Doch anstatt diese Dauer für ein möglichst breites Sound-Feuerwerk mit Flickenteppich-Effekt zu opfern, gehen „Combichrist“ ein Wagnis ein und bauen einen atmosphärisch weiten Raum aus Klängen auf, der zunehmend rituelle Züge annimmt. Der Einstieg besitzt etwas Mystisches, wenn elektronische Flächen erst wie feine Nebelschwaden umherziehen, bevor der tonnenschwere Rhythmus daraufhin langsam an Gewicht gewinnt und sich vorwärts schleppt. Auch die Percussion präsentiert sich im Rahmen dieser Mid-Tempo-Walze geradezu zeremoniell. Dann setzen die Gitarren ein, jedoch nicht etwa als schroffe Attacke, sondern behäbig anwachsende Masse, welche das Arrangement so lange verdichtet, bis aus der sorgsam geschaffenen Basis schließlich ein gewaltiger Industrial-Körper wächst. Der Track ist weniger klassischer Metal-Song als eine dunkle Beschwörung, die sich langsam in Bewegung setzt und den Hörer immer mehr vereinnahmt. „Sanctify the hate they breed. Call it truth, enforce beliefs. If your God needs a cop and a firin' squad. I won't kneel or withdraw…“, tut LaPleguas zwingende Intonation dieser Ausrichtung dann Genüge. „I am the venom in the mouth of God… In the mouth of God!“, brüllt er im kurz und simpel gehaltenen Refrain immer wieder, welcher zusätzlich von einem melodischen Sample exotischen Backgroundgesangs gestützt wird. Gift zerstört, kann bei richtiger Dosierung jedoch auch Medizin sein. Es kann töten oder heilen, einen Körper von innen heraus zerstören oder in kontrollierter Form der Behandlung dienen. Eine Ambivalenz, die auch zu „Combichrist“ selbst ganz hervorragend passt, deren akustische Wut sowohl zerstörerisch sein als auch Energie freisetzen kann. Das bildhafte Gift, also all unsere aus der Vergangenheit gespeisten Wunden und der Zorn, verschwinden nicht einfach, sondern sind ein Teil dessen geworden, was man ist. Die bereits etablierten Motive kehren nahezu unverändert zurück, wodurch eine Art hypnotischer Zustand entsteht, was den beschwörenden Charakter nur umso mehr stärkt. Allerdings liegt genau hier auch eine kleine Schwäche des ansonsten sehr gelungenen Songs. So erlaubt die rund sechsminütige Spieldauer dem Stück zwar, seine sogartige Wirkung ausgiebig zu entfalten, doch zieht sich manch ausgedehnte Passage vielleicht etwas zu lang, als es dem Endergebnis strukturell letztlich guttut. Mit „S.T.F.U.“ reißt man dieses Mantra anschließend mit einem einzigen Befehl auseinander: Shut the fuck up! Der Titel ist Programm, denn musikalisch gehen „Combichrist“ hier abermals einen so erfreulichen wie gleichzeitig überraschend weiten Schritt zurück zu ihren Ursprüngen. Anstelle massiver Wände aus E-Gitarren stehen nun erneut Electro und vor allem die Stimme selbst im Vordergrund: Andy LaPlegua arbeitet hier mit rhythmischem Sprechgesang, während darunter ein schwerer Beat und düster schattierende Industrial-Einflüsse arbeiten. Das alles erinnert zuweilen auf positive Weise an die Crossover-Experimente der Neunzigerjahre, jedoch ohne angestaubt zu sein. Es ist beinahe ein wütender Spoken-Word-Track, der erst gar keine besonders komplexe musikalische Architektur benötigt, sondern ganz allein über Rhythmus, Präsenz und plakative Worte funktioniert. Auch thematisch, da „The Venom In The Mouth Of God“ sich mit den Rollen beschäftigt, die wir nach außenhin spielen. Also: Wer spricht hier eigentlich? Die Maske oder unser wahres Ich? Eine eigens kreiertes Abbild unserer selbst, um nicht mehr verletzt werden zu können? Der offizielle Pressetext beschreibt die zweite Hälfte des Albums als zunehmend psychologisch und stellt insbesondere die Frage nach unseren verschiedenen Gesichtern in den Mittelpunkt. „S.T.F.U.“ kann dabei mitunter als Gegenreaktion verstanden werden: Wenn die Welt die ständig sagt, wer du sein sollst, besteht die strikteste Form der Selbstbehauptung darin, all diese Stimmen unwiderruflich zum Schweigen zu bringen. „No lies, we scream it out loud! No kings, no tyrant, no gods!“… Ebenso gut kann der Song als eine radikale Form der Selbsterlösung und als Befreiungsschlag von gesellschaftlichen Konstrukten und falschen Erwartungen funktionieren. Hier zwar nicht besonders subtil, aber dennoch effektiv! Mit „Each Scar A Vision“ verändert sich die Stimmung dann abermals. Ein minimalistischer, tief groovender Beat, welcher etwas an das vorausgegangene „Feraline“ erinnert, zieht sich fortan durch das gesamte Stück, während die Gitarre zwar immerzu Präsenz zeigt, aber dennoch deutlich zurückhaltender mit den elektronischen Texturen interagiert. Nach der Direktheit des Vorgängers wirkt das Stück geradezu introspektiv, vor allem in lyrischer Hinsicht. Nicht jede Narbe ist lediglich bleibende Erinnerung und Mahnmal an den brennenden Schmerz der Vergangenheit, sondern Erkenntnis und damit vielleicht sogar eine Form von Zukunft. Musikalisch betrachtet, gehört „Each Scar A Vision“ zu den Liedern, in denen „Combichrist“ ihre aktuellere Industrial-Metal-Seite elegant mit einer tanzbaren Ausrichtung verbinden. Der Rhythmus besitzt einen deutliche Zugkraft, jedoch ohne dieses Mal in klassische EBM- oder Aggrotech-Gefilde zu driften, wodurch die Balance gehalten wird. Die Sechssaiter liegen derweil schwer im Hintergrund und verleihen dem Stück sein Gewicht, während elektronische Elemente die Oberfläche weiter in Bewegung halten. Auch LaPleguas Stimme ist ebenfalls weniger aggressiv, sondern trägt die Schwere des Materials, ohne auszubrechen. Zwischen den härteren Passagen entsteht somit erneut eine in sich gekehrte Färbung. Es ist nicht die besungene Melancholie des Aufgebens, sondern der Erkenntnis, dass manche Wunden niemals verschwinden werden. Eine Maske ist makellos, eine Narbe jedoch nicht. Diese verrät, dass etwas passiert ist. Vergangener Schmerz, der zwar nicht mehr frisch und dennoch nie so ganz verschwunden ist. Unsere Vergangenheit, die fortan auf der Haut als Teil der eigenen Geschichte weiterlebt und immer an jenes Ereignis erinnert. Der Titel legt auf unterschwellig tröstliche Weise nahe, dass gerade aus ihnen etwas Neues entstehen kann, ist eine Vision doch kein Rückblick, sondern Schwenk in eine mögliche Zukunft. Somit wird die Narbe vom sichtbaren Beleg der einstigen Zerstörung zum Beweis des Überlebens… Und dann folgt ein Song, dessen Titel zynischer wohl kaum sein könnte: „Only Here For A Good Time“. Nach Zerstörung, Gift, Aggression und Narben sind wir einfach nur hier, um eine gute Zeit zu haben… Vielleicht auch, weil wir all die unliebsamen Eindrücke mittlerweile kategorisch ausblenden und nur sehen, was wir auch sehen wollen? Musikalisch beginnt der Song, welcher sich im weiteren Verlauf noch als eines der absoluten Highlights herausstellen wird, zunächst äußerst zurückgenommen, indem verholen funkelnde Synthies eine geheimnisvolle und zugleich nicht weniger bedrohliche Atmosphäre erschaffen. „We're only here for a good time… We are only here for the world… We're only here, we're celebrating burning churches down…“, singt LaPlegua vorsichtig mit ruhiger, leicht zitternder Stimme. Der stimmungsvolle Einstieg schafft Raum, bevor sich der Beat schleichend verdichtet, bis plötzlich die rasend raue Power der E-Gitarre in hohem Tempo kickt. Die Electro- und Metal-Komponenten arbeiten hier nicht gegeneinander an, sondern greifen wunderbar schlüssig ergänzend ineinander, wenn der in den Strophen ächzend pumpende Beat sich mit den zwischengelagerten, rasenden Riffs einen Schlagabtausch bieten. Der Sound ist hörbar aggressiv, aber zugleich ausgesprochen eingängig. Über allem schwebt dieser ganz eigene „Combichrist“-Effekt: Man will unbedingt mitgehen, obwohl der Song einem eigentlich etwas Unangenehmes erzählt und die soeben aufgekeimte Euphorie im Halse steckenbleiben lässt. Die Veröffentlichung als finale Single im späten Frühjahr war bewusst als letzter Vorbote positioniert, funktioniert der Track doch auch von der Tracklist losgelöst mit seiner kompakten Struktur, dem klar definierten Soundbild sowie der direkten Hook ganz hervorragend als Live-Material. Dabei liest sich der verdächtig positive Titel wie die Standardformel eines Individuums, das weder Verantwortung noch Verpflichtungen übernehmen, geschweige denn Konsequenzen tragen will. Was zählt, ist einzig der Moment. In der heutigen Welt voll reizüberflutender Probleme und Schreckensmeldungen, kann der Titel mitunter zwar als simpler Wunsch nach mehr Leichtigkeit gelesen werden, im Kontext des Albums mutet er jedoch mehr wie ein Scheuklappen-Selbstschutzmechanismus an. Musikalisch wurde diese Ambivalenz ganz hervorragend eingefangen, besitzt die Melodie doch etwas Mitreißendes, während die Produktion weiterhin finster bleibt. Die elektronischen Texturen verleihen dem Stück seine analytische Kälte, welche verhindert, dass der Titel als sorglose Party-Hymne denn als Tanz am Rande des Abgrunds fungiert. „We're only here for a good time! We are only here for the world. We're only here, we're celebrating burning churches down. We're only here for a good time! We are only here for it all. We're only here, we celebrating empires that fall…“, heißt es im temporeich aufgezogenen Refrain, der den metallisch grollenden Industrial-Charakter detailreich mit aufheulenden Synthies unterfüttert, die wirklich schöne Akzente setzen. „The Venom In The Mouth Of God“ hat bis hierhin immer wieder zwischen Schein und Wahrheit gependelt. Was wir nach außen zeigen, entspricht nicht zwangsläufig dem, was in uns passiert. Der Titel suggeriert Sorglosigkeit, doch die Musik verrät die tatsächliche Schwere. Irgendwo dazwischen steht der Mensch, der gelernt hat, seine Fragilität hinter hedonistischer Lautstärke zu verstecken. Eine gute Zeit also, so lange man nicht zu genau hinsieht…


Nach der unmittelbaren Energie von „Only Here For A Good Time“ schlägt das sperrig geratene „The Way We Want To Be Seen“ nun sehr viel leisere, doch keineswegs versöhnlicher geartete Töne an. Der experimentell arrangierte Track beginnt überraschend minimalistisch: Eine dunkle Synth-Base breitet sich unaufgeregt aus und kippt alsbald immer mehr in disharmonische Gefilde, darüber legen sich verzerrte Piano-Tupfer und die eindringliche Stimme von LaPlegua, dessen Intonation über die gesamte Dauer wie eine überlange Spoken-Word-Passage in sonderbar entrückter Atmosphäre anmutet, bevor sich nach und nach immer mehr elektronisch fluoszierende Schichten darüber lagern. Es knistert, knarzt und knackt. Nach über einer Minute setzt ein gemächlicher Beat ein, der die Melancholie wie im Zeitraffer weiter schürt. Die Musik ist kein Frontalangriff, sondern vertonte Klaustrophobie, deren akustische Wände langsam näher zu rücken scheinen. Anstatt den Hörer erneut mit einer massiven Wand aus Gitarren zu überrollen, erzeugen „Combichrist“ hier Beklemmung durch Verdichtung. Klänge schieben sich ineinander, die Stimmung wird schwerer und aus der anfänglichen Zurückhaltung wächst langsam eine unterschwellige Bedrohlichkeit an. Der Titel lenkt den Blick auf ein Thema, das weit über Eitelkeit hinausgeht. Viel mehr geht es um das Bild, welches wir anderen von uns vermitteln wollen und um den Menschen, der hinter dieser sorgsam gepflegten Oberfläche womöglich kaum noch zu erkennen ist. Wir formen unsere äußere Präsentation, kontrollieren unsere Wirkung und versuchen, somit die Wahrnehmung anderer zu lenken. Doch je mehr Energie in das gewünschte Rollenbild fließt, desto schwieriger wird es, die eigene Wirklichkeit noch von ihr zu unterscheiden. Die Maske schützt uns so lange, bis sie zur zweiten Haut wird. „The Way We Want To Be Seen“ entwickelt daraus keinen großen Ausbruch, sondern eine beklemmende Bestandsaufnahme. Es ist ein vergleichsweise zurückgenommenes Stück, dessen Wirkung weniger aus musikalischen Überraschungen als aus seiner dichten, bedrückenden Atmosphäre entsteht. Auch mit dem zuletzt ausgekoppelten „Demons Wanna Be Summoned“ bleibt die explosive Aggression aus, stattdessen entfaltet die Nummer ihre eindrückliche Wirkung über einen tiefen Mid-Tempo-Beat und schwer groovende Gitarren-Versatzstücke, die sich ihre Zeit für das hier besungene Beschwörungsritual nehmen. Statt ständig neue Reize zu setzen, erhält man die Spannung effektiv durch unaufgeregte Wiederholung, was dem Stück auch seinen tranceartigen, ritualistischen Anstrich verleiht. Die Zusammenarbeit mit David Gunn, Sänger der US-amerikanischen Metal-Band „King 810“, fügt sich bemerkenswert organisch in dieses Klangbild ein. Seine Stimme bringt einen rauen, unmittelbaren Touch in den Flow mit ein. Sie ist definitiv präsent, überdeckt LaPlegua jedoch nie, sondern unterstützt wie fremdartige Präsenz. Im Zusammenspiel mit dem Gesang des „Combichrist“-Masterminds entsteht somit ein sehr gelungenes Wechselspiel unterschiedlicher, doch sich gegenseitig ergänzender Ausdrucksformen. Allein der Titel kehrt dabei ein vertrautes Motiv um, welches sich abermals sehr gut in den Kontext des Album eingliedern lässt, denn üblicherweise werden Dämonen beschworen, weil jemand glaubt, sie kontrollieren zu können, doch hier wollen sie gar selbst gerufen werden! Sie warten also nicht passiv auf ihre Entfesselung, sondern drängen darauf. Auch in diesem Fall kann darin eine Metapher für jene Seiten der eigenen Persönlichkeit sehen, welche man der Außenwelt lieber vorenthält, die jedoch gerade durch ihre stete Verdrängung zunehmend an Macht gewinnen. Die dunklen Aspekte unseres Ichs verschwinden nicht einfach, nur ihnen kein Platz eingeräumt wird. Der Song lässt sich deshalb auch als Annäherung an das Dunkle in uns verstehen. Nicht unbedingt, weil der Mensch sein eigenes Verderben sucht, sondern weil das Vertraute selbst eine Anziehungskraft besitzt, wenn es ihm schadet… So zieht die unterschwellige Intensivierung des Arrangements den Hörer fortan langsam in seinen Bann und lässt offen, ob die Beschwörung am Ende Erlösung oder Abgrund verspricht. Ein zweites Ende und dann sogar noch eines, vor welchem wir offenbar schon einmal gestanden haben. Der Titel des finalen Stücks enthält bereits einen Widerspruch. Wenn wir tatsächlich schon einmal hier gewesen sind, was genau soll dieses Mal anders werden? Erkennen wir unsere Fehler und Vergehen rechtzeitig, um den Kreislauf zu durchbrechen oder bemerken wir die Zeitschleife erst, wenn wir längst wieder mittendrin stecken? „Second Ending (We Have Been Here Before)“ greift damit die Idee der Wiederkehr für den großen Abschluss auf… Und was für einen! Denn musikalisch nehmen „Combichrist“ sich für den Schlusspunkt der Tracklist beinahe sieben Minuten Zeit. Dabei fällt der Einstieg zunächst überraschend zurückhaltend aus, indem eine sich langsam ausbreitende, sphärische Synthesizer-Basis genügend stilistischen Abstand zur Industrial-Wucht schafft, die viele der vorherigen Stücke so sehr geprägt hat. „When the silence is gone. When the shadows outnumber the dawn. When the weight of the world feels too much and hope is a ghost, that you can't touch. You stand in the rain in a wreckage alone. Searching for something to own, whisper defeat…“, spricht Andy LaPlegua mit ruhig erzählender Stimme, während allmählich weitere elektronische Elemente hinzutreten, die stetig anschwellen. „We have been here before…“, loopt eine verfremdete Kopie seines markanten Organs als Echo aus dem Hintergrund und kreiselt hypnotisch umher. Tempo und Spannung ziehen unterdessen langsam immer weiter an, bis schließlich der prägnante Beat einsetzt und zunehmend zurück in jenen Electro-Sektor drängt, aus dem „Combichrist“ einst hervorgegangen sind, ohne die auf dem hiesigen Album bereits entwickelte Schwere vollständig abzustreifen, was dem Song auch seine besondere Dramaturgie verleiht. Der breitflächige Sound schürt Spannung und baut seinen Klimax sehr sorgsam auf, zugleich wohnt diesem etwas Erhebendes und Unheilvolles inne. Für einen Moment scheint sich das Stück in eine fast hymnische Weite zu öffnen, macht es sich jedoch nicht so einfach, mit simpler Triumph-Pose zu enden. Auch der Gesang folgt dieser Bewegung: Wo sich LaPleguas Stimme anfangs noch kontrolliert einfügt, wird die Intonation im weiteren Verlauf zunehmend dringlicher. Der Wechsel von klareren Passagen hin zu tobenden Ausbrüchen ist dabei kein beliebiges, effektheischendes Hochschrauben des Härtegrades, sondern wirkt hier wie das vertonte, endgültige Aufbrechen der bis hierhin gehaltenen Fassade. Was zuvor noch verborgen lag, drängt nun nach außen. Im Hintergrund entsteht eine knisternde Spannung zwischen der dunklen Grundstimmung und beinahe heroisch wirkenden Klangfarben. Die Musik steigert sich loopend, bis die aufgestaute Energie nicht mehr zurückgehalten werden kann und sich im Finale schließlich mit ihrem peitschenden Club-Beat endgültig Bahn bricht. „We have been here before…“. Wieder dieselben Fehler und dieselben Versuche, sich endlich aus den alten Verhaltensmustern zu befreien. Doch ist jene Wiederholung mit Sissyphus-Effekt nicht automatisch mit Aussichtslosigkeit gleichzusetzen, denn wer den Kreislauf erkennt und willens ist, kann ihn durchbrechen! Dass „Combichrist“ das Album mit einem elektronisch geprägten Stück beschließen, ist weit mehr als ein stilistisch-nostalgischer Rückgriff auf frühe Zeiten, erhält diese Seite der Band nach all den massiven Gitarren-Wänden und martialischen Rhythmen der vorherigen Songs hier nochmals Raum, um ihr eigene Sprache zu sprechen. „Second Ending (We Have Been Here Before)“ schließt als letzter Blick auf einen Ort, den man zu verlassen glaubt. Das vermeintliche Ende der Reise ist zwar erreicht, doch endet der ewige Kreislauf damit wirklich? Die Antwort liegt in uns...

Tracklist: 01. ODR 02. Desolation 03. The Future Is A Memory 04. Born Deströyer 05. Feraline 06. RISE 07. Venom 08. S.T.F.U. 09. Each Scar A Vision 10. Only Here For A Good Time 12. Demons Wanna Be Summoned (feat. „King 810") 13. Second Ending (We Have Been Here Before)


Fazit:


„The Venom In The Mouth Of God“ ist definitiv kein Album, das sich mit nur einem einzigen Begriff umschreiben lässt, handelt es sich hierbei sowohl musikalisch als auch lyrisch doch um das bisher abwechslungsreichste und vielleicht sogar komplexeste Werk von Kreativkopf Andy LaPlegua. Hier trifft bollernder Industrial Metal auf satte Beats, wilde Aggression auf tiefe Melancholie, lautmalerische Selbstbehauptung auf innere Zweifel und rohe Energie auf introvertierte Passagen. Es ist ein hörbar gereiftes Album über Widersprüche. Über das, was wir nach außen zeigen und das, was im Verborgenen bleibt. Die größte Stärke der dreizehn neuen Songs ist die Dualität, die so dermaßen schlüssig zuletzt anno 2014 mit „We Love You“ gelang. Denn „Combichrist“ stellen ihre musikalischen Identitäten nicht einfach separat nebeneinander, sondern verschmelzen diese miteinander. Die elektronischen Wurzeln im Aggrotech sind endlich wieder jederzeit extrem präsent, selbst wenn Schlagzeug und E-Gitarre hier so manches Mal eine dominante Rolle einnehmen. Die klug ausbalancierte Zusammenführung jener Genres sorgt dafür, dass beide Stilrichtungen mitnichten im Widerspruch zueinander stehen, sondern die im Album-Kontext immerzu thematisierten Seiten einer Persönlichkeit auditiv abbilden. Das Ergebnis ist ein Konzeptwerk, welches einerseits anklagend distanziert und gleichzeitig doch so menschlich und erstaunlich verletzlich wie nie zuvor klingt. Dabei wohnt „The Venom In The Mouth Of God“ eine bemerkenswert klar definierte Dramaturgie inne: Die ersten Songs wie „ODR“, „Desolation“ oder „Born Deströyer“ schlagen mit großer Wucht zu, die dem Hörer kaum Zeit zum Durchatmen lässt, während „Feraline“, „RISE“ und „Venom“ das Tempo im Mittelteil mühelos halten, textlich jedoch die Perspektive verschieben, bevor „Each Scar A Vision“ und „The Way We Want To Be Seen“ mit ihrer persönlichen Note dann einen Blick ins Innerste gewähren, bis der Sound gegen Ende mit „Only Here For A Good Time“ und „Second Ending (We Have Been Here Before)“ wieder an dunkel-atmosphärischer Größe gewinnt und den Kreis schließt. Besonders interessant ist dabei die Ausarbeitung des zentralen Themas, erzählen die Stücke doch nicht einfach nur von Wut, Isolation und Selbstzerstörung, sondern beleuchten die psychologischen Mechanismen dahinter. Warum werden Menschen zu einer stark verzerrten Version ihrer selbst, die sie eigentlich nicht sein und niemals werden wollten Warum halten wir an Rollenbildern fest, die uns schaden? Und vor allem: Was passiert, wenn die Maske irgendwann mit der eigenen Identität verschmilzt, sodass das Gesicht darunter vollends verschwindet? Die Doppelbödigkeit des Titels zieht sich somit weitestgehend durch das gesamte Album und unterstreicht, dass Vergangenheit nicht ungeschehen gemacht werden kann und man beim Umgang mit ihr lernen muss, welchen Anteil sie an der eigenen Person gewinnen soll. Die überraschend ruhigeren Momente verhindern, dass die Platte zu einer bloßen Demonstration musikalischer Härte wird, die „Combichrist“ zweifelsohne seit jeher perfekt beherrschen. Besonders interessant wird das Album jedoch immer dann, wenn die altbekannten Tugenden auf etwas Verletzliches treffen. Völlig ohne Schwächen bleibt diese Herangehensweise allerdings nicht, denn einige Stücke nehmen sich etwas zu viel Zeit für ihren langsamen Aufbau. Besonders dort, wo ein bestimmtes Muster schon früh etabliert wird, kann die ausgedehnte Länge dem Hörer gelegentlich eher Geduld abringen, als dass manch repetitive Passage wirklich frische Facetten eröffnen könnte, wodurch einige wenige Songs gerade bei wiederholtem Hören etwas von ihrer anfänglichen Wucht einbüßen. Das alles ist beileibe zwar kein ungewöhnliches Stilmittel, doch zwischen hypnotischem Sog und purer Überdehnung liegt manchmal nur ein schmaler Grat. Dafür entschädigt der neue Longplayer mit seiner erstaunlichen Konsequenz, indem er praktisch die größten Stärken von „Combichrist“ gesammelt in sich vereint, ohne dabei so zerrissen wie ein stilistisch unrunder Flickenteppich zu wirken oder gar zu versuchen, es jedem krampfhaft recht machen zu wollen. Vor allem aber klingt „The Venom In The Mouth Of God“ nicht wie der plumpe Versuch, die nach der am metallastigen Vorgänger „CMBCRST“ geäußerten Kritik unter langjährigen Fans so beliebte Frühphase zu wiederholen. Gleichwohl verliert man nicht den Blick für den eigenen Ursprung und sich selbst nicht in bloßem Riff-Gewitter. Die elektronisch geprägten Wurzeln sind wieder deutlicher hörbar und stehen neben jener metallischen Wucht, die das zweite Gesicht der Band über die letzten Jahre geprägt hat. Daraus entsteht kein zähneknirschender Kompromiss, sondern eine harmonische Schnittmenge. So entsteht dieses Mal der Eindruck einer Band, die ihre eigene Vergangenheit sehr wohl kennt und diese als eine Art Selbstbetrachtung ganz bewusst in die Gegenwart zieht. Andy LaPlegua blickt zurück, ohne nostalgisch zu werden und gleichzeitig fokussiert nach vorne, ohne zu konstatieren, endgültig am Ende seiner Reise angekommen zu sein. Jene Genre-Umtriebigkeit und die Attitüde, stets wild, frei und radikal kreativ zu agieren, passt einfach zu „Combichrist“ und macht das Projekt auch weiterhin unberechenbar und damit spannend. „Combichrist“ gelingt mit „The Venom In The Mouth Of God“ ein düsteres, wuchtiges und zugleich erstaunlich reflektiertes Album, welches seine elektronische Vergangenheit und metallisch rockende Gegenwart nicht unvorteilhaft gegeneinander ausspielt, sondern zu einem vielschichtigen Gesamtbild verbindet. Zwar bietet nicht jeder Song den gleichen Impact auf, doch wenn LaPlegua und Co. ihre unbarmherzige Härte mit viel Atmosphäre, beat- und basslastige Kälte mit menschlicher Fragilität sowie Aggression mit Selbstreflexion verquicken, entsteht ein gelungenes Konzeptalbum, das neben Lärm seine (lyrischen) Spuren hinterlässt, von denen manche tiefer sitzen, als man zunächst erwarten könnte.

Informationen:

 


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