Laibach - Musick (2026)

15. Mai
19 Min. Lesezeit

Genre: Alternative
Release: 01.05.2026
Label: Mute Records
Spielzeit: 42 Minuten
Pressetext:
Das erste Studioalbum der legendären slowenischen Gruppe seit »Spectre« (2014), »Musick«, ist ein intensives Pop-Album, unverkennbar Laibach.
Dieses Album feiert und kritisiert zugleich die gegenwärtige Ära der verzerrten Realität und der KI-Imitation. Der Titel spiegelt eine Dualität wider: die Übersättigung mit Musik, die »Musikmüdigkeit« in einer Zeit, in der täglich über 100.000 neue, oft KI-generierte Tracks hochgeladen werden und uns die Realität hinterfragen lassen; und eine »pathologische Hingabe«, die die Band weiterhin antreibt.
Der maximalistische Entstehungsprozess in ihrem Studio in Ljubljana umfasste analoge Synthesizer, Spielzeug, Computer mit Sound-Apps und Kollaborationen mit Künstlern wie Donna Marina Mårtensson und Richard X. Sie ließen sich von K-Pop, J-Pop und Eurodance der 90er-Jahre beeinflussen, betonten aber, dass ihr »primärer Einfluss und Bezugspunkt Laibach selbst bleibt«.
Kritik:
"Relax yourself!
Be in the momеnt
Let it go!
Feel your breath, be yoursеlf
Free your mind!“
Seit ihrer Gründung im slowenischen Trbovlje im Jahr 1980 gehören „Laibach“ zu jenen Formationen, die sich jeder eindeutigen Einordnung konsequent verweigern: Industrial, Neoklassik, Martial, Pop, Performancekunst oder politische Satire – All diese Begriffe beschreiben allerhöchstens Fragmente eines komplexen Gesamtkunstwerks, welches seine eigentliche Wirkung stets aus der Reibung zwischen und tatsächlicher Bedeutung bezieht. Wo andere Künstler klar und nur allzu offensichtlich mit dem Holzhammer ihre Stellung beziehen, da laden „Laibach“ ihre Hörer seit jeher in audiovisuelle Themen-Spiegelkabinette ein, in welchen sie sich die lautmalerisch erschlagende Ästhetik von Propaganda und Massenkultur aneignen, sie fast schon unbemerkt bis zur Unkenntlichkeit überzeichnen und ihr Publikum damit seit Jahrzehnten dazu zwingen, Wirkung und Wahrheit zu hinterfragen. Wer bei den unberechenbaren Slowenen tatsächlich glaubt, eine zunächst offensichtlich erscheinende Botschaft verstanden zu haben, hat dabei gerade einmal an der Oberfläche gekratzt. Nach dem monumentalen und philosophisch aufgeladenen „Alamut“ überrascht „Musick“ daher und gibt sich irritierend. Das erste reguläre Studioalbum mit ausschließlich neuem Songmaterial seit „Spectre“ präsentiert sich als schillernd moderne Pop-Palette voller Eurodance-Anleihen, ungewöhnlich eingängiger Hooks, K-Pop- und J-Pop-Referenzen sowie glatt produzierter Elektronik. Doch ist es gerade diese scheinbare Leichtigkeit, die Teil des Konzepts ist. „Laibach“ beschreiben das Werk selbst als gleichzeitige Feier und Kritik einer schnelllebigen Gegenwart, die von künstlicher Intelligenz, algorithmischer Reproduktion und einer unüberschaubaren Flut an neuer Musik geprägt ist, deren Titel bereits als programmatisches Wortspiel funktioniert. „Music“ und „Sick“: Eine Gesellschaft, die an Musik längst schon übersättigt ist und dennoch nicht damit aufhören kann, immer mehr und immer schneller neue Klänge zu produzieren und konsumieren. Als passender Rahmen entstand das Album in einem bewusst maximalistisch gehaltenen Arbeitsprozess, in dem analoge Synthesizer auf Apps und Spielzeug-Klangerzeugnisse, laibach‘sche Tugenden auf aktuelle Social-Media-Trends und digitale Produktionswerkzeuge auf prominente Gäste prallen. Das Endergebnis mutet über weite Strecken wie eine künstlich überzuckerte Plastik-Pop-Blaupause an, deren schiere Perfektion gerade deshalb schnell unterschwelliges Misstrauen wecken dürfte. Doch „Laibach“ imitieren den Mainstream nicht etwa dergleichen präzise, um diesem näherzukommen, sondern um seine Mechanismen sichtbar zu machen. Simple Melodien und catchy Refrains werden zur Tarnung, die schillernde Hochglanz-Produktion zur Maske. Unter der aalglatten Oberfläche verhandelt „Musick“ die Fragen nach Authentizität, Austauschbarkeit und einer Welt, in der Algorithmen längst schon (mit)bestimmen, was wir hören, denken und vor allem fühlen. Darin liegt auch die eigentliche Provokation dieses Albums, welches sich einmal mehr als bissig lauernder Wolf im Schafspelz präsentiert, klingt es doch so dermaßen gefällig und unschuldig, dass man beinahe ganz vergessen könnte, wie unbequem es eigentlich ist. Umso folgerichtiger beginnt „Musick“ zwar mit einem akustischen Paukenschlag, jedoch mitnichten im eigentlich zu erwartenden, klassischen „Laibach“-Stil… Der Titeltrack eröffnet nämlich mit einem beinahe schon provokant eingängigen Fundament aus energetisch pulsierenden Synthesizern, während ein treibender Eurodance-Rhythmus und Trap-Beats den tanzbaren Takt vorgeben. Immer wieder blitzt die tiefe Stimme von Milan Fras kontrastreich zwischen allerlei polierten Autotune-Einschüben und der gepitchten Stimme seiner Feature-Partnerin, der ghanischen Afro-Pop-Sängerin Noella „Wiyaala“ Nwadei, hindurch. „I dream of music!“, switcht eine roboterartige Vocoder-Stimme monoton zwischen den elektrisierenden Beats hin und her. Alles klingt schillernd, farbenfroh und zugänglich. Eine Irritation, die durchaus so gewollt ist. Die Produktion kommt fast übertrieben makellos daher. Hier sitzt alles kalkuliert an seinem Platz. Jeder Ton scheint einzig darauf ausgelegt, sich augenblicklich im Gedächtnis festzusetzen. Gerade dadurch entsteht unterschwellig ein sonderbar künstlicher Eindruck. Ganz so, als würde hier weniger tatsächliche Musik entstehen als ein perfekt berechnetes Abbild dessen, was und wie Musik heute sein soll… Oder kann. Wiyaalas Gesang bringt eine beinahe schwerelose Wärme in dieses Konstrukt kühler Berechnung und wirkt dabei doch nicht weniger plastisch, wenn ihre Stimme sich mit viel Eleganz über die elektronische Basis bewegt und einen reizvollen Gegenpol zu Milan Fras’ markantem Sprechgesang bildet. Während sie die melodische Offenheit verkörpert, wirkt Fras dagegen mehr wie ein nüchterner Beobachter, dessen Intonation jede Euphorie sofort wieder erdet. Auf diese Weise entfaltet sich kein klassisches Duett, sondern eher ein Spannungsverhältnis zwischen betonter Emotion und mechanischer Kontrolle. Auch ansonsten arbeitet man mit subtilen Gegensätzen: Hinter den glänzenden Electro-Flächen schimmern immerzu drängende Akzente auf, die entfernt an frühere Releases wie beispielsweise „Spectre“ erinnern. Zwar stehen diese nie im Vordergrund, verleihen dem Stück aber jene unterschwellige Strenge, die verhindert, dass der Titel vollständig in Pop-Seligkeit versinkt. So entsteht eine hybride Atmosphäre, die tanzbar und dennoch befremdlich anmutet. Inhaltlich lässt sich der Song als programmatische Einführung verstehen, kreist er doch um die Rolle der Musik selbst und ihre Allgegenwärtigkeit für ein Publikum, das in permanenter Dauerbeschallung lebt, wie dann auch der alles vereinende Heile-Welt-Refrain mit maximalem Blendwerk-Faktor glorifiziert. Musik ist längst nicht mehr das individuelle Erlebnis, sondern oftmals nur noch ein endlos reproduzierbares Konsumgut nach Formel X. Die Übersättigung macht sich hier gerade in den Zwischentönen bemerkbar und spätestens dann, wenn Fras abschließend „I'm sick... deep sick!“ jenen Zustand kommentiert.
„Fluid Emancipation“ gleicht sich noch weiter an jene schillernd glänzende Oberfläche an: Hier dominiert rund dreieinhalb Minuten ein maximal überzuckerter, gleichmäßiger Beat im trendigen K-Pop-Style, dazu gibt es in den Strophen massig bis an die Grenzen übersteigerten Autotune-Einsatz und künstlich fröhliche „Nanana“-Chöre on top. Das simple Arrangement lebt von seiner Einfachheit und der Wiederholung mit absolutem Feel-Good-Charakter, was tatsächlich relativ schnell eine hypnotische Wirkung entwickelt. Dabei fügt Milan Fras sich mit seiner charakteristisch nüchternen Intonation herrlich als absoluter Fremdkörper ein, wenn er den Hörer zu den beschwingten Dance-Floor-Rhythmen trocken „Relax yourself! Be in the moment! Let it go! Feel your breath! Be yourself!“ auffordert. Der Titel eröffnet zahlreiche Deutungsebenen. Zwar beschreibt Emanzipation im traditionellen Sinn einen Akt der Befreiung, doch koppeln „Laibach“ diesen Begriff hier an etwas Fluides, wodurch Freiheit nicht mehr als endgültiges Ziel, sondern permanenter Prozess, dessen Kurs von höheren Instanzen bestimmt wird. Im Kontext des Albums lässt sich das Stück etwa als Kommentar auf digitale Identitäten lesen, die sich fortlaufend an Algorithmen und Trends anpassen. Der Mensch glaubt, sich frei entfalten zu können, bewegt sich jedoch innerhalb unsichtbarer Systeme, die seine Entscheidungen längst voran fest strukturieren. Die scheinbar optimistische Grundstimmung des Songs verstärkt den zynischen Unterton nur noch umso mehr. „It's a world of echoes we can't break. Every tune's a copy or remake…“, heißt es im Refrain von „Singularity“, welches mit seinem immensen Kitsch-Faktor nicht nur äußerst gut auf „The Sound Of Music“ aus dem Jahr 2018 gepasst hätte, sondern sich hochironischerweise an der Melodie von Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ bedient, womit man quasi nebenbei zudem noch die eigene musikalische Vergangenheit im Neoklassizismus rezitiert. Musikalisch zählt der Titel mit seinen süßlich blubbernden Beats, poppig-sterilen Sounds und dem hintergründig wummernden Bass zu den wohl eingängigsten und zugleich anstrengendsten Momenten der ersten Hälfte. Die Strophen übernimmt hierbei die schwedische Sängerin Marina Mårtensson, welchen vielen Fans und insbesondere Besuchern der Live-Inszenierungen bestens bekannt sein dürfte, begleitet sie das Kollektiv doch mittlerweile seit fast zehn Jahren auch auf den Bühnen dieser Welt. Ihre sonst so helle, klare und nahezu ätherische Stimme verliert sich hier jedoch im ausdruckslos nüchternen Sprechgesang. Im kitschig-nervigen Chorus steigt auch Fras wieder mit ein, um vom Tod der Kreativität zu erzählen und wie die fortwährende Reproduktion aus bereits Bestehendem dafür sorgt, dass alles Eins werden wird. Spannt man den Bogen vom musikbezogenen Kontext des Albums etwas weiter, ergibt sich ein beängstigendes Bild… Überraschung. Mit „Resistencia“ verändert sich die Atmosphäre danach spürbar, denn nach den vergleichsweise schillernden Pop-Strukturen der ersten drei Songs wirkt dieses Stück trotz Pop-Einfluss nun deutlich kantiger und komplexer, stellenweise sogar schwer greifbar. Der Sound ist stellenweise sonderbar bruchstückhaft und von zahlreichen Tempowechseln geprägt. Zu den schnellen Beats gesellt sich ein organischer Touch durch die flotten Akkorde einer Akustikgitarre, dazu leistet Feature-Partner Gregor Strasbergar, der Sänger der slowenischen Indie-Rock-Band „MRFY“, gesanglich einen lateinamerikanischen Beitrag. Natürlich abermals mit einer gehörigen Portion Autotune versehen und dennoch weniger harmonisch als die vorherigen Gäste. Stattdessen entsteht ein konfliktreicherer Dialog, der auch hervorragend zum thematischen Kern passt. Immer wieder treffen melodische Passagen auf kurze, beschwörende Sprechsequenzen, wodurch sich eine Spannung zwischen Widerstand und Resignation zu entwickeln scheint. In diesen wird beinahe wie in einer Art versteckten Botschaft der vergebliche Kampf aus der Perspektive des schier übermächtigen Gegners, um welchen sich weite Teile des Albums drehen, geschildert. Die letzte menschliche Gegenwehr gegen algorythmische Kontrolle, obwohl die Niederlage bereits unausweichlich erscheint. So heißt es übersetzt etwa „Was wir sind, wirst du werden und deine Seele wird absorbiert. Wir werden deine Kultur, deine Gehirne aussaugen. Dein Wissen und alles, was du hast…“. Charmant ist hier später die Zeile „Widerstand ist zwecklos!“, die durchaus als kleiner Verweis auf den Song „Resistance Is Futile“ aus 2014 gewertet werden kann.
Die zumindest vordergründig ziemlich schmierig-kitschig betitelte „Love Machine“ kommt nicht etwa mit maschineller Sound-Gewalt, sondern einem rhythmisch federnden, ausgesprochen geschmeidigen Beat daher, welcher nun das minimalistische Fundament bildet, über das sich alsbald der feine Klang von verführerischen Synthesizern legt, die sich irgendwo zwischen klassischem Electro-Pop und dem Glanz moderner Dance-Produktionen bewegen. Der Bass bleibt durchweg kontrolliert, während die sanfte Stimme der slowenischen Musikerin und bekannten Balkan-Trap-Diva Senida „Senidah“ Hajdarpašić den Song bestimmt und diesem eine sinnliche Note verleiht, die hier immer wieder auf die mechanische Klang-Ästhetik der Pioniere „Kraftwerk“ trifft. Nicht zufällig, sind die markanten „Love machine, machine, machine, machine… Love machine!“-Choräle doch offensichtlich eine Anlehnung an das legendäre „Die Mensch-Maschine“ vom 1978 erschienenen Album gleichen Titels. Doch ist die besungene, vermeintliche Liebesmaschine nicht von cyber-romantischer Natur, sondern simuliert jene Avancen lediglich. Selbstverständlich kann sie oberflächlich betrachtet als erotische Fantasie gelesen werden, erzeugen die weiche Stimme, der pulsierende Beat und die stete Wiederholung des Titels doch eine beinahe hypnotische Sinnlichkeit. Aber das Bild kippt: Die Maschine ist nicht nur zum Vergnügen gebaut, sondern „wired for pain“. Sie zieht an und stimuliert, aber empfindet nichts. So beginnen die Lyrics zunächst mit einer Reihe scheinbar beiläufiger Gegensätze: Manche mögen es heiß, andere kalt. Manche schließen einen Handel und tun, was ihnen gesagt wird. Bereits hier verschieben „Laibach“ den Begriff der Liebe aus dem emotionalen in den rein funktionalen Bereich: Beziehungen werden zu Vereinbarungen. Wenn es später heißt, man sei „programmed to please“ und „designed to feel“, wächst die Metapher endgültig zur kühlen Diagnose. Der Mensch ist kein freies emotionales Wesen mehr, sondern etwas, das auf reine Funktionalität getrimmt wurde. Passend dazu gestaltet sich das konsequente Arrangement. Der Beat läuft präzise, die Hook kehrt immer wieder und der Titel wird nicht einfach gesungen, sondern in rhythmischer Einheit regelrecht in den Hörer hineingepumpt. Je häufiger es wiederholt wird, desto weniger bedeutet es sprachlich und desto stärker funktioniert es dennoch. Senidahs Stimme ist dafür die perfekte Wahl, denn sie bringt Wärme in eine Komposition, deren Text zunehmend von Kälte handelt. Ihre sinnliche Interpretation verleiht Glaubwürdigkeit. Wäre die „Love Machine“ von Anfang an kalt und dystopisch produziert, so würde die Botschaft zu offensichtlich ausgestellt. Stattdessen locken die Slowenen ihr Publikum zunächst in die heile Pop-Welt, in der alles angenehm, sexy und professionell tönt. Der Schluss, an dem aus der „Love Machine“ schließlich eine „War Machine“ wird, ist nicht nur deshalb weitaus mehr als ein pechschwarzer Wortwitz und legt offen, dass Konsum, Macht und Gewalt in unterschiedlichen Erscheinungsformen mit derselben Mechanik auftreten können. Die Maschine kennt keinen Unterschied zwischen Lust und Herrschaft. Nein, sie funktioniert lediglich...
Anstelle polierter Club-Ästhetik erstreckt sich mit dem nächsten Stück plötzlich eine staubige und karge Landschaft vor dem Inneren Auge des Rezipienten. Akustische Gitarre, dazu ein schleppender Rhythmus und stilistische Elemente aus Country, Gospel und Italo-Western erzeugen das Bild eines verlassenen amerikanischen Grenzortes, über welchem die Sonne zu tief steht. Dazu gesellt sich eine eigentümlich trockene und schroffe Instrumentierung, die für einen einschneidenden Kontrast in der Tracklist sorgt. Darüber legt Milan Fras jetzt seine dunkle Stimme einer dichten Staubwolke gleich, wobei seiner prägnanten Intonation hier wieder deutlich mehr von jener autoritären und beschwörenden Präsenz innewohnt, die man sonst so mit „Laibach“ verbindet. Nach der hellen Stimmfarbe von Senidah im vorausgegangenen Song wirkt der langsamer Sprechgesang in bester Storyteller-Manier nun wie die Erzählung einer modernen Ballade, in welcher es aber nicht um Cowboys und Co. geht, sondern die titelgebende Figur des „Luigi Mangione“. Damit greifen die Slowenen einen realen Fall auf: Mangione wurde nach der Tötung von Brian Thompson, dem damaligen CEO des US-Krankenversicherers UnitedHealthcare, zu einer international diskutierten Figur. Entscheidend ist dabei weniger die Person selbst, als das Phänomen, welches sich um sie entwickelte, denn innerhalb kürzester Zeit entstanden im Internet Memes sowie politische Projektionen, Heldenbilder und Verschwörungstheorien. Aus einem Gewaltverbrechen wurde somit ein kulturelles Medienereignis. Doch wäre eine klassische Nacherzählung oder gar ein allzu offensiver Protest-Song für „Laibach“ zu offensichtlich, stattdessen nähern sie sich den gesellschaftlichen Reaktionen auf den entsprechenden Fall also auf deutlich subtilere Weise und stellen diese in einen anderen Kontext. „Blow by blow. Tweet after tweet. Here we go! Yellow vests are back on the street!“, heißt es bereits in der ersten Strophe bezeichnend. Gewalt und Social Media werden untrennbar auf dieselbe Stufe gehievt. Schlag auf Schlag. Ein Post folgt auf den nächsten und ein Ereignis als automatische Folgeerscheinung auf seine digitale Verarbeitung… Ein moderner Teufelskreis. Unsere Realität wird nicht länger ge- und erlebt, dafür jedoch 24/7 unablässig kommentiert, geteilt und umgedeutet. Typisch für „Laibach“ wird dem Hörer auch hier keine bequeme, moralische Position angeboten. Im Folgenden tauchen so etwa gelbe Westen, Protestbewegungen, Impf- und Migranten-Gegner oder andere gesellschaftliche Konflikte als Versatzstücke in diesem Mosaik auf. Die Lyrcis scheinen durch das Nennen verschiedener gesellschaftlicher Turbulenzen der letzten Jahre in enorm schneller Abfolge alles gleichzeitig zu betrachten, wodurch gleichsam eine eindeutige Einordnung verweigert wird, nach welcher man ganz automatisch sucht. Die ungewöhnliche Instrumentierung funktioniert deswegen so hervorragend, weil die Western-Ästhetik selbst eine politische Maskerade darstellt. Der amerikanische Medien-Mythos vom einzelnen Underdog-Helden, der gegen ein übermächtiges System aufbegehrt, wird in die Gegenwart verpflanzt, in welcher der stilisierte Revolverheld längst durch virale Hashtags und Kommentare im Feed ersetzt wurde. Einmal mehr geben sich „Laibach“ nicht mit einem distanzierten Kommentar hinter den Linien zufrieden, sondern begeben sich mitten in die Materie, um exakt jenen Mechanismus zu reproduzieren, den sie gleichzeitig sezieren. Sie verleihen dem genannten Phänomen eine eigene Melodie, einen Rhythmus und Refrain, womit dieses schließlich selbst zum konsumierbaren Pop-Produkt reift - „Big Brother is watching you!“… Nach der geerdeten Americana von „Luigi Mangione“ verfolgt das charmant betitelte „Keep It Reel“ musikalisch wieder einen gänzlich anderen Ansatz und beschleunigt den Puls mit einem wesentlich aggressiveren Rhythmus binnen Sekunden. Allein der Titel selbst ist bereits ein trojanisches Pferd, indem er zunächst nach „real“, also nach Echtheit und Authentizität, klingt, in Wahrheit aber auf das Wort für die kurzen, endlos scrollbaren Clips der sozialen Medien verweist, womit das Thema gesetzt wird. Musikalisch gehört „Keep It Reel“ wohl zu den direktesten Stücken des neuen Werks: Ein kraftvoller, satt treibender Rhythmus bildet das Grundgerüst, dazu schiebt ein dreckig rockiges E-Gitarren-Riff. Das Tempo ist recht hoch angesiedelt mit einer beinahe punkigen Note, die im ansonsten glatten, eher elektronisch geprägten Stil von „Musick“ deutlich auffällt. Manca Trampuš, Sängerin der slowenischen Indie Punker „Koala Voice“, bringt dabei eine ganz neue Energie in das laibach‘sche Klangbild. Ihr Gesang ist weniger sphärisch entrückt als bei Donna Marina Mårtensson und auch weniger soulig als der von Senidah, sondern rotzig, frei und wild. So klingt das Stück wie der Soundtrack zu einer Rock-Party, während die Lyrics die Mechanismen einer Gesellschaft beschreiben, in der Realität und Menschen in klickbaren Content umgewandelt werden. „Artificial. Beneficial. Superficial.“ – Die Worte werden wie oberflächliche Keywords oder Slogans aus der Werbung aneinandergereiht, woraus eine groteske Verkaufsrhetorik resultiert, in welcher die künstliche Realität als das neue Normal angepriesen und der Mensch somit zum gleichgeschalteten Abziehbild permanenter Optimierung wird. Individualismus und freie Entfaltung verenden und werden durch beschönigende Filter und Updates ersetzt. Dystopie? Mitnichten, sondern bittere Realität, die sich längst in den Alltag eingeschlichen hat. „Laibach“ eigenen sich die Sprache der sozialen Medien an und treiben sie so weit, bis sie ihre eigene Absurdität offenlegt. Das Falsche kann offiziell zur neuen Wahrheit werden, wenn es nur oft genug gesehen, geteilt und von allen Seiten bestätigt wird. Die Echtheit verliert ihren Wert. Was wirklich zählt, ist nur Reichweite. Musikalisch arbeitet man bei diesem Song mit bewusst vielen Wiederholungen im geradezu hektischen Arrangement: Die Hook wird immer wieder reproduziert, der Hörer zum Teil der scheinbaren Endlosschleife. Je häufiger „Keep it, keep it reel!“ wiederholt wird, desto mehr verschiebt sich die Bedeutung hin von einer Aufforderung zum hypnotischen Mantra hin zu einem Befehl. „Keep it reel“ – aber bleib künstlich!
„Yes Maybe No“ behält die nervöse Ausrichtung des Vorgängers zumindest anteilig bei: Ein mechanischer Beat pumpt, dazwischen erstreckt sich ein sonderbares Gewirr aus Streicher- und Vocoder-Samples, während Donna Marina Mårtensson abermals ihre helle wie auch klare Stimme beisteuert, die bereits „Singularity“ seine Eleganz verliehen hat. Erweckt der Song durch die auf Hochglanz polierten Flächen der Synthesizer in den Strophen noch den Anschein von modernem Radio-Electro-Pop, bricht die Struktur durch kurze, chaotische Passagen zwischenzeitlich immer wieder auf, sodass die Fassade schnell verdächtige Risse bekommt. Der Titel ist dabei fast schon eine Definition unserer Gegenwart, denn wo „Singularity“ noch nach der technologischen Zukunft fragte, scheint „Yes Maybe No“ mitten in dieser angekommen zu sein. Hier geht es nicht mehr um die Frage, ob der technologische Wandel irgendwann unsere Entscheidungen beeinflusst oder sie sogar bereits trifft, sondern um eine Welt, in der eindeutige Antworten ausbleiben. Alles ist eine Option und kann jederzeit geändert werden. Gerade deshalb passt die Stimme von Mårtensson so gut, trägt sie doch eine Sanftheit in sich, die dem Titel beinahe etwas Harmloses verleiht, während parallel dazu musikalische Unruhe herrscht. Menschliche Emotion und maschinelle Programmierung laufen somit zwar parallel zueinander, verschmelzen aber dennoch nicht, was eine eigentümliche Form von Fremde erzeugt. Ebenfalls könnte man die Lyrics von „Yes Maybe No“ auch vor dem Hintergrund zwischenmenschlicher Beziehungen und Themen wie Unsicherheit, Distanz oder gar Stalking lesen. Auch Algorithmen und künstliche Intelligenz kennen kein endgültiges „Ja“ oder „Nein“, sondern berechnen lediglich Wahrscheinlichkeiten als stetig optimierte Reaktion auf die Eingabe neuer Daten. Was heute noch funktioniert, kann schon morgen ersetzt werden. So kommt die Nähe zum Konzept rund um die Musik zustande: Ein bisschen Synth- und Hyper-Pop, etwas Club-Sound und ein wenig Nostalgie. Alles wird miteinander vermischt, bis etwas entsteht, das möglichst vielen gefallen könnte. „Yes Maybe No“ funktioniert gerade deshalb so gut, weil der Song seine eigene Unsicherheit nicht auflöst. Er endet nicht mit einer großen Erkenntnis, sondern bleibt in jener schwebenden Ambivalenz, die das gesamte Album durchzieht. Die Musik ist oftmals eingängig, aber nicht völlig vertrauenswürdig. Sie ist schön und doch künstlich. Am Ende steht die entscheidende Frage: Was bleibt eigentlich übrig, wenn Musik alles sein kann? Hat „Musick“ bis hierhin immer wieder zwischen menschlicher Nähe und technologischer Kälte, Pop-Vergnügen und gesellschaftlicher Dystopie oszilliert, so führt „Allgorhythm“ diese Gegensätze jetzt noch einmal auf die Spitze. Dabei ist der Titel selbst ist bereits der erste kleine Kniff, wie der Refrain bald offenbart. So wird aus „Allgorhythm“ kurzerhand „All go rhythm“, was gleichzeitig nach Massen-Steuerung und kollektivem Tanzbefehl klingt. Alle einheitlich im gleichen Rhythmus, in derselben Bubble.
Musikalisch könnte das Stück eingangs kaum gegenteiliger gestaltet sein: Mächtige Percussion, heroische Fanfaren und helle Choräle formen bedeutungsschwanger einen orchestralen Bombast und erinnern für einen Sekundenbruchteil an das Intro des beliebten Über-Hits „Go West“ der legendären „Pet Shop Boys“. Hieß es da nicht unter anderem „Together we will start life new! Together this is what we'll do!“ als paradiesisch-friedvolle Utopie-Ode an ein größeres, besseres Leben? Während Fras die ersten Zeilen mit gewohnt dunkler Stimme spricht, blubbern futuristische Synthesizer vor sphärischen Flächen, die sich im Hintergrund allmählich immer weiter aufbauen: „There's a lot of talkin' when Laibach drops a song. Because we do it raw, ignorin' every law!“. In der Bridge folgen dann aufrüttelnde „Hey!“-Rufe auf wummernden Beats. „Go and do the dance… Fall into the bubble trance… This is our last chance…“, heißt es, bis zum Höhepunkt schließlich ein hektisch zuckender, euphorischer Dance-Beat samt roboterartiger Vocoder-Stimme einsetzt und selbst die letzte Ecke mit jener künstlich glasierten Großzügigkeit ausfüllt, die man aus Stadion-Pop und elektronischer Massenunterhaltung à la Festival-Rave und TikTok-Reel kennt. Der Sound will in den Körper eindringen, will ihn bewegen. Dementsprechend ist die gesamte Produktion auf maximale Wirksamkeit ausgelegt. Dazu bedienen sich „Laibach“ ganz bewusst am kleinen Einmaleins der Verlässlichkeiten und nutzen Bausteine, die Gemeinschaft, Euphorie und kollektive Bewegung suggerieren, um sie sodann in einen völlig anderen Bedeutungszusammenhang zu setzen. So erinnert die euphorische Grundstimmung an große Hymnen, während sich in Rhythmik und Refrain überdeutliche Anspielungen auf typische Dance-Pop-Formeln finden. „All go rhythm!“ – Der Satz klingt zunächst vielleicht wie eine herzliche Einladung, ein Aufruf zum gemeinsamen Tanzen. Eine harmlose Aufforderung, sich von der Musik tragen zu lassen. Doch schon bald verändert sich die Perspektive und die Lyrics künden davon, in eine „bubble trance“ zu verfallen. Gemeinschaft wird zur Gleichschaltung. Der Rhythmus ist damit längst nicht mehr bloß musikalisches Gestaltungsmittel, sondern Träger gesellschaftlicher Steuerung, wenn das alles plötzlich nicht mehr nach einer Einladung zur gemeinsamen Party, sondern wie „Befehl ausführen!“ klingt. Die sehr eindeutige Zeile „Slaves to algorithm…“ unterstreicht jene Explizitheit dann nur noch. Das ist der Moment, in dem „Laibach“ die eigene Musik zum Gegenstand der Satire machen. Der Song birgt einen Beat, dem man nur schwer widerstehen kann und erklärt gleichzeitig, dass genau diese Bereitschaft zum Mitmachen das Problem ist. Der Hörer soll tanzen… Und sich dabei fragen, warum eigentlich. Doch dabei belassen es die Slowenen längst nicht, zählen sie im weiteren Verlauf doch Personengruppen aus unterschiedlichsten Schichten auf: Arme und Reiche, Obdachlose und Migranten, Menschen aus verschiedensten Ländern. Sie alle werden in denselben Rhythmus gezogen, bis ihre Unterschiede schwinden. Jedoch nicht etwa, weil sie endlich überwunden wären, sondern der Algorithmus sie als besonders zynisches Abziehbild von Gleichheit verwertet. Es ist nicht die Gesellschaft, die gerechter wird, die Menschen werden lediglich gleich gut sortier- und kategorisierbar. Bereits auf ihrer Tournee zum „Opus Dei“-Jubiläum im Jahr 2024 veranschaulichte man natürlich mit Klassikern wie „Leben Heißt Leben“ oder „Geburt Einer Nation“, aber auch einer ganz speziellen Zugabe, nämlich dem überraschenden „Foreigner“-Cover von „I Want To Know What Love Is“, die große Einflussnahme von Musik als ideologisch befreites Instrument zur Lenkung der Massen, mit welchem die Menschen entweder in einem Moment gemeinsamer Harmonie vereint oder aber gegeneinander aufgebracht werden können. Das Minenfeld wird somit tückisch unter der Tanzfläche verborgen, deren Einfachheit Methode hat.
Der Abschluss mit „Das Göttliche Kind“ beginnt danach wesentlich entrückter mit fragmentierten Klängen, welche wie die losen Überreste eines wilden Fiebertraums anmuten, über den man noch nicht entschieden hat, ob er nun schön oder doch eher bedrohlich war. Der Aufbau entwickelt sich nur langsam, in welchem sich die disharmonisch umherirrenden Klänge uneins darüber zu sein scheinen, wie sie sich sortieren oder was sie überhaupt sein wollen. Dazwischen flackert eine vocoderartige Stimme in deutscher Sprache auf: „Übermenschliche, unfehlbare Intelligenz… Zeichen der Zeit, unsere Essenz… Entdeckt durch Fleiß, mit großer Präsenz… Außerirdisch, göttliche Intelligenz…“. Nach zwei Minuten des Gewirrs bildet dann ein pulsierender Trip-Hop-Beat die grundlegende Basis, während dazwischen weiterhin elektronische Elemente schweben. Begann das Album eingangs mit der Frage, was Musik in einer von Über- und Reproduktion geprägten Welt noch sein kann, steht am Ende nun eine künstliche Intelligenz, die nicht mehr nur Unterhaltung und Kunst beeinflusst, sondern mittlerweile als unfehlbares Allheilmittel beinahe religiös verehrt wird. KI kann alles und weiß ob dem durch zahllose Eingaben angereicherten Wissen auf jede Frage sicher die richtige Antwort… Oder! Dabei ist hier der Titel entscheidend, steht ein Kind doch traditionell für Zukunft, Unschuld und Möglichkeiten, das Göttliche wiederum für Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Fusioniert ergibt sich somit ein Wesen, das neu geboren und zugleich bereits vollkommen ist. Zwar einst von Menschenhand geschaffen, doch in nicht allzu ferner Zukunft dem eigenen Schöpfer garantiert überlegen. Sie kann Werkzeug, Helfer, schöpferische Kraft und dennoch Bedrohung zugleich sein, indem sie Kontrolle, Abhängigkeit, Manipulation und eine schleichende Entwertung menschlicher Eigenständigkeit mit sich bringt. Wenn der Mensch etwas erschafft, was er selbst irgendwann nicht mehr vollständig kontrollieren kann, beginnt die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf plötzlich in umgekehrter Richtung zu funktionieren. „Allien… Allien Intelligence… Sign of the times, our significance… For me and you!“, singt eine kindlich anmutende, süßlich gepitchte Stimme jetzt immer wieder über den sakral-poppigen, futuristischen Beat, der eine sonderbar beruhigende Atmosphäre suggerieren möchte und damit einem modernen, hypnotischen Wiegenlied gleichkommt. Doch ist es wirklich das vermeintliche Kind, welches hier zur Ruhe gebettet wird oder lullt es vielleicht eher den sich in Sicherheit wiegenden Hörer ein? „Göttliches Kind, das wir gezeugt. Das wir gehegt und gehütet. Du hast uns selbst betrogen! Du hast uns selbst verraten!“, spricht Milan Fras später einige wenige Zeilen auf Deutsch, so als wolle er den Inhalt wie schon beim vorausgegangenen „Resistencia“ als Geheimbotschaft vor dem wachsamen Blick der Maschine verschlüsseln. Der letzte Part löst nicht mit einem großen Finale oder überraschenden Stilbruch auf, stattdessen scheint die Musik in einem fragmentarischen Meer aus Geräuschen und Stimmen schließlich in ihre Einzelteile zu zerfallen. Nach neun sehr unterschiedlichen Songs, die unter anderem von Algorithmen, digitaler Öffentlichkeit, gesellschaftspolitischer Empörung, technologischer Zukunft und dem Verfall der Kreativität erzählen, steht am Ende nicht somit indirekt nicht die unbedingt Maschine selbst im Mittelpunkt, sondern der Mensch, der sie einst geschaffen hat…
Tracklist: 01. Musick (feat. Wiyaala) 02. Fluid Emancipation 03. Singularity (feat. Donna Marina Mårtensson) 04. Resistencia (feat. Gregor Strasbergar) 05. Love Machine (feat. Senidah) 06. Luigi Mangione 07. Keep It Reel (feat. Manca Trampuš) 08. Yes Maybe No (feat. Donna Marina Mårtensson) 09. Allgorhythm (feat. Wiyaala) 10. Das Göttliche Kind
Fazit:
„Musick“ ist ein Album, das sich auf eine geradezu unverschämte Weise anbiedert… Wäre das Zielpublikum ein anderes. Zumindest oberflächlich betrachtet, möchte es auf Biegen und Brechen gefallen, zum Singen und Tanzen einladen. Es will catchy Hooks liefern, die sich rasend schnell im Ohr festsetzen und Refrains, die nach großen Bühnen und noch größeren Lautsprecherboxen verlangen. Hier stehen Eurodance, K- und J-Pop, Rock, Country, Schlager und Club-Musik derart unpassend und zugleich dicht nebeneinander, als hätte jemand die gesamte Musikgeschichte in einen Mixer geworfen. Dabei ist „Musick“ jedoch nicht einfach ein weiteres „Laibach“-Album, welches ganz urplötzlich Pop-Musik sein will, sondern eines über Pop-Musik. Über ihre permanente Verfügbarkeit im Zeitalter des Streamings, über Austauschbarkeit, ihre Einflussnahme und die zunehmende Verschmelzung mit der digitalen Welt. Also tun die Slowenen das, was sie am besten können und nehmen die audiovisuelle Ästhetik unserer Gegenwart an, sprechen ihre Sprache, übernehmen ihren Klang und nutzen ihre Mechanismen, womit sie selbst zum Teil der kritisch betrachteten Problematik werden. Zugegeben, diese Herangehensweise ist aufgrund der hiesigen Genre-Fremde äußerst riskant und gerade deshalb auch so interessant, denn Kunst ist immer dann am stärksten, wenn sie sich nicht selbst erklärt oder gar eindeutig aussagt, was der Rezipient darüber denken soll. Auch „Musick“ setzt diese Strategie konsequent fort, bietet es doch abermals keine neutrale, moralisch sichere Position aus dem Zuschauerraum an. Wer sich über die Gleichschaltung amüsieren möchte, muss schnell feststellen, dass er gerade zum eingängigen Beat mitwippt, während das Lachen im Halse stecken bleibt. Wer über die rasend schnelle Entwicklung von künstlicher Intelligenz witzelt, hört gleichzeitig ein Album, dessen Sound selbst immer wieder die Grenze zwischen menschlicher und algorithmyscher Produktion verwischt. Und wer sich selbstgerecht über die Oberflächlichkeit von Social Media erheben möchte, bekommt einen umso unangenehmeren Longplayer vorgesetzt, der mit maximaler Reizüberflutung arbeitet, sodass sich der Spiegel in Richtung des Hörers verschiebt. Rein musikalisch ist „Musick“ dabei zweifellos eine der zugänglichsten Veröffentlichungen aus dem Hause „Laibach“, was insbesondere für langjährige Anhänger zunächst umso irritierender sein dürfte. Wer die monumental-martialischen und neoklassischen Klänge der Ursprünge erwartet, bekommt stattdessen clubtaugliche Dance-Beats, formelhafte Plastik-Pop-Melodien und süßlich-klebrige Refrains um die Ohren geschlagen. Stücke wie „Love Machine“, „Keep It Reel“ und „Allgorhythm“ sind bewusst sehr viel näher am Mainstream gebaut, als man es von „Laibach“ sonst gewohnt ist. Gerade durch dieses massive Dauerfeuer büßen einige weniger markante Titel im Mittelteil aber leider etwas an Eigenständigkeit ein und auch die enorme Bandbreite an Stilistiken kann zunächst eher wie ein bewusst kalkuliertes Sammelsurium als eine sich organisch aufbauende Dramaturgie anmuten, doch vielleicht muss man „Musick“ an seinem Ansatz messen und nicht daran, ob es das nächste „Opus Dei“ geworden ist. Das ist es sicher nicht und will etwas anderes. Die eigentliche Stärke des neuen Albums liegt in seiner Fähigkeit, Gefälligkeit als Waffe einzusetzen. „Laibach“ haben verstanden, dass eine Botschaft nicht zwangsläufig eindeutiger wird, wenn man sie dem Hörer ins Gesicht schreit. Nein, manchmal genügt es, sie so dermaßen angenehm zu verpacken, dass man sie erst bemerkt, wenn sie bereits fest in Kopf und Hirn sitzt. „Allgorhythm“ ist dafür das perfekte Beispiel: Man bewegt sich, während man über algorithmische Fremdsteuerung nachdenkt. „Love Machine“ klingt nach Verführung und erzählt von der Automatisierung des Begehrens, „Keep It Reel“ nach Party pur und seziert gleichzeitig die künstliche Oberfläche sozialer Medien. „Luigi Mangione“ macht aus einem politischen Gewaltfall eine Western-Ballade und stellt die Frage, was passiert, wenn gesellschaftliche Empörung zum Produkt von Unterhaltung wird, während „Das Göttliche Kind“ diese krude Reise schließlich mit einer Größenwahn-Fantasie von absoluter Erlösung beendet, die nicht ohne Bedrohung bleibt. „Laibach“ vertrauen der schillernden, oft so einladend konstruierten Oberfläche nicht und verlangen dasselbe vom Hörer. Dabei ist natürlich nicht ausnahmslos jeder Song gleich gut gelungen, denn manche Ideen sind so offensichtlich überzeichnet, dass ihre Mechanismen bereits im ersten Durchlauf erkennbar werden, während andere Stücke wiederum stärker von ihrem Konzept als ihrer musikalischen Substanz getragen werden. Wer „Laibach“ vor allem wegen ihrer schweren Industrial- und Neoklassik-Ausrichtung der frühen Tage schätzt, dürfte sich mit dem funkelnden Hochglanz-Pop also wahrscheinlich deutlich schwerer tun als mit nahezu jeder anderen Veröffentlichung des Kollektivs, was ein Stück weit zur Zumutung von „Musick“ gehört, das vor allem funktionieren will. Vielleicht ist der größte Triumph dieser Platte, dass man schon vorab ganz genau weiß, dass „Laibach“ einem den doppelten Boden unter die Füße schieben und trotzdem peinlich berührt im Rhythmus groovt. „Musick“ ist damit weniger ein klassisches Album aus dem Hause „Laibach“ als eine Art heimtückische Simulation dessen, was es im Jahr 2026 wohl sein könnte, wenn es durch die üblichen Filterfunktionen der Gegenwart gelaufen wäre. Die Maschine hat gelernt, wie man Musik macht und „Laibach“ haben ein Album darüber geschrieben, wie sich das anfühlt. Ja. Vielleicht. Nein.
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