Covenant - „1986 - 2026"-Tour - Kulturfabrik, Krefeld - 03.02.2026
- Christoph Lorenz

- 28. Feb.
- 12 Min. Lesezeit

Veranstaltungsort:

Stadt: Krefeld, Deutschland
Location: Kulturfabrik
Kapazität: ca. 1.000
Stehplätze: Ja
Sitzplätze: Nein
Homepage: https://www.kulturfabrik-krefeld.de/
Einleitung: Wir schreiben Dienstag, den 03.02.2026. Es ist ein ungemütlich nasskalter Winterabend unter der Woche und damit eigentlich ein denkbar ungünstiges Datum für ein langes, ausgelassenes Konzert. Wie gut, dass man sich den Folgetag in sehr weiser Voraussicht freigenommen hat! Heute befinden meine Begleitung und ich uns einmal wieder auf dem Weg nach Krefeld, genauer gesagt in Richtung der dort beheimateten Kulturfabrik, welche wir zuletzt im Mai des Vorjahres besucht haben… Wirklich verrückt, wie schnell doch manchmal die Zeit vergeht! Natürlich hat unsere rund einstündige Anreise einen sehr guten Grund musikalischer Natur, denn dieser Tage feiert das legendäre Szene-Urgestein „Covenant“ vierzigjähriges Jubiläum! Die mit „1986 - 2026“ kurz und doch aussagekräftig betitelte Tournee startet mit fünf Konzerten in Deutschland und zwar exakt heute in Nordrhein-Westfalen. Noch in derselben Woche geht es für die Schweden dann nach Hamburg, Berlin, Hannover und Dresden, bis ab März dann weitere fünf Termine in den USA folgen. Als langjähriger Fan der Band freue ich mich ganz besonders auf den heutigen Abend und das angekündigte Set von zweieinhalb Stunden, denn fernab der großen Festivals wie beispielsweise e-Tropolis, Amphi und M‘era Luna ist es trotz regelmäßigen Gigs leider eher selten geworden, die drei Herren mit einem eigenen Konzert in voller Länge live erleben zu können. Das liegt vielleicht auch daran, dass das letzte reguläre Studioalbum mittlerweile rund zehn Jahre zurückliegt. Das letzte Mal gastierten „Covenant“ mit ihren Shows zu „The Blinding Dark“ und der „Fieldworks“-EP in der KuFa Krefeld. Beide Male war ich vor Ort, die entsprechenden Berichte gibt es natürlich auch auf dieser Homepage. Zuletzt sah ich das Trio im räumlich viel zu kleinen und unangenehm überfüllten Oberhausener Kulttempel in 2024, weswegen ich umso mehr über einen Location-Wechsel für diese besondere Konzertreihe froh bin. Wie üblich, gestaltet sich die Suche nach einem Parkplatz vor Ort etwas schwierig, da die wenigen Stellplätze vor der Halle bereits belegt sind und viele andere in direkter Umnähe scheinbar verschiedenen Firmen gehören. Und so kurven wir jetzt erst einige Minuten durch alle möglichen Nebenstraßen, bis wir schließlich fündig werden und gute zehn Minuten zur Kulturfabrik zurücklaufen. Also alles nochmal gut gegangen! Nach einem kurzen Scan der Tickets sowie einer Taschenkontrolle stehen wir auch schon im lauschigen Innenhof, wo der kleine Foodtruck, den wir schon 2025 begeistert wahrgenommen haben, frische Pommes mit verschiedenen Toppings anbietet. Eine klasse Idee für alle, die vor den Konzerten nichts mehr zwischen die Zähne gekriegt haben! Wir geben unsere dicken Winterjacken an der Garderobe ab, holen uns ein paar Getränke und schon geht es los…

Isaac Howlett:
Erinnert sich vielleicht noch jemand an die großartige „Fieldworks“-Tournee zur gleichnamigen, damals exklusiv auf den Konzerten erhältlichen EP im Jahr 2019? Bei ihrem letzten Gastspiel in Krefeld beehrten die drei Schweden ebenfalls schon den großen Saal der hiesigen Kulturfabrik. Übrigens auch im klirrend kalten Februar, allerdings dankbarerweise an einem Samstag. An dieser Stelle eine kurze Werbung in eigene Sache: Wer nicht dabei war oder sich gedanklich zurückversetzen lassen möchte, findet auf dieser Homepage einen ausführlichen Konzertbericht. Räumte man während der 2016er Konzertreise zum Studioalbum „The Blinding Dark“ mit dem Support-Doppel aus dem kanadischen Dark-Ambient-Künstler „Iszoloscope“ und Genre-Platzhirsch „Faderhead“ passenderweise eher den dunkleren Klängen ihren Platz ein, so überraschten die Schweden bei ihrem letzten KuFa-Stelldichein mit den 2013 gegründeten, aufstrebenden „Empathy Test“ aus London als Gäste. Der verträumte Indie-Synth-Pop setzte mit seinen sehr eingängigen Melodien und der sanften Attitude damals einen ziemlich gelungenen Kontrast zu den nicht selten sperrigen Klang-Welten des Haupt-Acts. Insbesondere die warme Stimme von Sänger Isaac Howlett traf dabei schnell in die Herzen der Zuschauer. Nach der Veröffentlichung des großartigen „Monsters“ in 2020 sowie zahlreichen Solo- und Festival-Gigs besiegelte man jene Ära schließlich mit dem Live-Dokument „Time To Be Alive“ als Zeugnis einer aufregenden Zeit. Seitdem pausiert die Band auf unbestimmte Zeit, um Kraft und Inspiration für neuen kreativen Output zu sammeln. Abermals „Empathy Test“ als Anheizer erwartet das Krefelder Publikum heute Abend also nicht, dafür aber ihr Frontmann mit seinen nicht weniger gelungenen Solo-Songs, von denen es bislang jedoch noch nicht allzu viele gibt. Was nicht ist, kann ja bekanntlich noch werden… Gegen 20.00 Uhr betritt also Isaac Howlett gemeinsam mit seinem Kollegen Sam Winter-Quick, der sich sogleich an die Tasten seines Keyboards begibt, die Bühne. Die Aufbauten des Equipments sind so minimalistisch gehalten, wie auch die bläulich-fahle Ausleuchtung. Der Fokus liegt auf dem in Schwarz gekleideten Duo und natürlich der Musik selbst. Gut so! Howlett startet mit den zwei aktuellsten Song namens „Eggshell“ und „Something Changed“ in das überraschend kurze Set, das Letztere bislang noch unveröffentlicht. Einigen Besuchern bestens bekannt ist hingegen das älteste Stück „Save Myself“ aus 2022, in der Studio-Version eine Kollaboration mit Daniel Graves von „Aesthetic Perfection“, welche heute natürlich nicht auch noch mit von der Partie sind. Dafür reicht allein die Erwähnung der beliebten Kollegen schon aus, um zügig für kollektiven Jubel im Saal zu sorgen. Doch auch sonst scheint das Publikum schnell Gefallen am Sound des sympathischen Briten zu finden, der beinahe durchweg einen unverkennbaren, leicht nostalgischen 80‘s-Vibe in sich trägt und wie beim Haupt-Projekt zwischen verträumtem Pop und angenehmer Melancholie balanciert. „Ghost Of A Tsunami“ nimmt sich da keineswegs aus. Mit „Spiralling“, im Original übrigens ein Feature mit dem europäischen Kollektiv „A State Of Flux“, wird es zum Ende hin dann wiederum etwas tanzbarer, bis das Set nach knapp dreißig Minuten durch das schwelgerische „House Of Cards“ abgeschlossen wird.

Covenant:
Es ist mittlerweile 20.25 Uhr und somit tatsächlich erst ein paar wenige Minuten her, dass der durch die Besucher herzlich verabschiedete Support die Bretter verlassen hat. Ungeachtet dessen kündigt sich bereits zum jetzigen Zeitpunkt überraschend früh der baldige Beginn an! Plötzlich wird die gesamte Bühne mit einem einzigen Schlag in ein eisig kühles, tiefes Blau getaucht, während fast unbemerkt und scheinbar aus dem Nichts sanfte Nebelschleier aufziehen, um sich allmählich immer mehr zu großen Wolken zu verdichten. Der generelle Aufbau unterscheidet sich deutlich von den letzten Jahren, ist dabei zwar etwas minimalistischer als noch zu den vergangenen Studioalbum-Tourneen angelegt, doch durch einige neue Elemente sowie eine andere Anordnung zugleich deutlich anders als noch das bekannte, aus vier Türmen bestehende Festival-Set-Up. Anstelle eines klassischen Backdrops oder einer großen Leinwand für etwaige Video-Projektionen wird der weite Hintergrund lediglich von einem schlichten, schwarzen Vorhang ausgefüllt. Vor diesem stehen insgesamt vier kleine, schwarz verkleidete Podeste, auf denen jeweils ein Moving Head platziert ist. Zwischen ihnen drei halbhohe, vertikale Traversen-Tower, in welche je zwei längliche LED-Bars verbaut worden sind. Obenauf zweigen zwei weitere, kompakte Scheinwerfer zu den Seiten ab. Dahinter ragen mittig zentriert zwei große, runde Parabolspiegel-Reflektoren in die Höhe. Gegen 20.30 Uhr erhebt sich schließlich eine dystopisch-bedrohliche Klang-Collage aus abgründigem Ächzen und metallischem Schaben, das den Boden in unregelmäßigen Abständen äußerst basslastig vibrieren lässt. Überall knackt und knarzt es, als befände man sich inmitten eines stark arbeitenden Maschinenraums. Der scheinbar gar nicht enden wollende Loop aus beängstigend tiefem Dröhnen wird gefühlt mit jeder einzelnen Minute dringlicher und bohrt sich immer weiter in die Magengrube hinein. Ja, die Schweden haben seit jeher eine ganz besondere Vorliebe für überlange Intro-Sequenzen, welche die Erwartung und Vorfreude unbändig in die Höhe treiben können. Langjährige Fans dürften das ungestüme Noise-Monster mitunter schon erkannt haben, handelt es sich hierbei doch um „Cryotank Expansion: Dawn/Noon/Dusk/Night“, den finalen Instrumental-Track des ersten Albums. Nach etwas mehr als einer Viertelstunde betreten nun Daniel Jonasson und Daniel Myer unter Applaus die im schummrigen Halbdunkel liegende Szenerie und begeben sich unumwunden hinter die am vorderen Bühnenrand stehenden Synthesizer. Sirenen heulen grell auf. Ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl auf das schon sehr bald eröffnende Stück. „Check!“, ruft Jonasson knapp ins Mikrofon und während zuletzt auch Frontmann Eskil Simonsson viel bejubelt in ihre Mitte tritt, klingt das Getöse nur wenig später langsam aus…

Als Opener der exakt heute startenden Jubiläumskonzertreihe fungiert das legendäre „Theremin“. Allerdings nicht in der eher sperrigen Album-Version vom 1994 erschienenen Debüt, sondern im deutlich tanzbareren, treibenden Club-Edit der gleichnamigen EP. Ein Stück, das sich sonst eher in den Zugaben findet. Ebenfalls von „Dreams Of A Cryotank“, dem wegweisenden Werk, mit dem Mitte der Neunzigerjahre alles begann, stammt danach das sehr selten gespielte „Speed“, welches sich zuletzt 2019 fest in der Setlist befand. Auch dieses erklingt im Club-Mix. „Guten Abend und Danke dafür, dass ihr heute gekommen seid!“, begrüßt Simonsson die Fans in gewohnt ruhiger Stimme. „Wir möchten es so machen: Wir spielen zwei Songs von jedem Album… Und zwar in chronologischer Reihenfolge.“, beginnt er, den geplanten Ablauf zu erklären und wird dabei prompt von Jubelstürmen unterbrochen. „Danke! Den nächsten Song spielen wir in dieser Version hier…“, lächelt er bescheiden. Weiter geht es zum 1996 veröffentlichten Nachfolger „Sequencer“, von dem es gleich zwei große, unverzichtbare Dancefloor-Hits in Folge zu hören gibt: Einerseits das bedrohlich stampfende und von nervös zuckenden Industrial-Spitzen durchzogene „Stalker“, hier in einem neuen und deutlich tiefer gestimmten Mix, sowie das grandiose „Figurehead“, über das ich persönlich mich ganz besonders freue. Letzteres erklingt sogar in der rund achtminütigen Album-Version, „…sodass ich etwas länger dazu tanzen und den Moment mit euch genießen kann!“, wie der Sänger vorab freudig verkündet. Von „Europa“ aus dem Jahr 1998 gibt es jetzt den unheimlichen Fiebertraum „Go Film“ und das von peitschenden EBM-Rhythmen getriebene und leider schon viel zu lange nicht mehr live dargebotene „I Am“, welches zuletzt 2013 während der „Leaving Babylon“-Konzerte fest integriert war. „Was haben wir mit dem Hammer in unseren Händen vor? Da ist so viel, was wir tun könnten… Egal, ob es die großen oder kleinen Dinge sind!“, philosophiert Simonsson dazu vorab und regt zum Nachdenken an. Vom ikonischen 2000er-Werk „United States Of Mind“ darf selbstverständlich „Like Tears In Rain“ auf gar keinen Fall fehlen, hier wie bei den Deutschland-Shows der Band üblich, als deutschsprachiges Pendant namens „Der Leiermann“ gespielt, die das Original in Sachen Popularität auch international beinahe übersteigt. Abgeschlossen wird der Oldschool-Teil des Sets dann natürlich vom wunderbaren, samt-schwarz funkelnden Club-Juwel „Dead Stars“. Weite Teile des Publikums wogen im Takt, singen sicher Zeile für Zeile mit und tanzen ausgelassen. „Covenant“ gelingt es in unter einer Stunde mühelos, lange vermisste Raritäten, zahlreiche Wünsche der Alt-Fans und unschlagbare Klassiker aus der Frühphase zu einem Party-Mix allererster Güte zu vereinen, der praktisch die Frage offen lässt, was in den nächsten zwei Stunden eigentlich noch kommen soll. Die Antwort: So einiges!

Der nächste Halt ist das Album „Northern Light“ aus 2002, das aufgrund seiner beinahe schon unverschämt hohen Hit-Dichte das bislang vielleicht erfolgreichste der Schweden ist und sich zweifellos als ihr endgültiger Szene-Durchbruch beschreiben lässt. Einer dieser beliebten Titel ist die damalige Vorab-Single, die melancholisch-poppige Power-Ballade „Bullet“. Ein durch und durch eleganter Electro-Gassenhauer aus kühler Distanz und einem warmen Kern, wie wohl nur „Covenant“ ihn kreieren können! „Danke, dass ihr uns auf dieser Reise begleitet… Ich bin so gespannt darauf, noch weitere Songs mit euch zu erkunden! Danke, einfach nur Danke, dass ihr dabei seid. Wer weiß schon, was morgen passiert?“, fragt der Sänger und schon erklingen unter frenetischem Jubel ungewohnt früh die ersten Takte des unerschütterlichen Publikumslieblings „Call The Ships To Port“, der die Stimmung im Saal mächtig brodeln lässt. In Momenten wie diesen fährt die wie immer grandios ausgeklügelte Licht-Technik natürlich ordentlich auf und zieht alle möglichen Register: So ist die Szenerie hauptsächlich in tiefen Blau- oder Rot-Tönen gehalten, dazwischen zucken immer wieder grelle Blitze auf, gebündelte Strahlen ziehen ihre weiten Bahnen und feine Laser-Fragmente brechen sich in den Spiegeln Reflektoren. Die Inszenierung hat wahrlich Klasse und beschert im Minutentakt tolle Bilder, auf den lange so charakteristischen Stroboskop- und Nebel-Overload, welcher die Mitglieder in der Vergangenheit oftmals nur noch als Silhouetten erahnen ließ, verzichtet man 2026 jedoch, was die Band irgendwie nahbarer erscheinen lässt. In den besonders ekstatischen Momenten könnte man die illuminierte Eskalation vielleicht etwas vermissen, so einige Augen werden die neuerliche Zurückgenommenheit aber sicher dankend annehmen. Weiter geht es danach in der chronologischen Abfolge mit dem 2006 erschienenen „Skyshaper“, das ebenfalls zahlreiche Dauerbrenner bereithält, weswegen es auch gleich vier statt zwei Songs davon in die aktuelle Setlist geschafft haben! Einer davon ist das gar nicht mal so fröhliche, sondern viel mehr tief tragische „Happy Man“. Das kleine Stück Musik, welches laut Aussage von Simonsson tatsächlich zu den am häufigsten gestreamten Titeln der Band gehört, erklingt nach längerer Zeit wieder im minimalistisch fiependen Retro-Charme der Album-Version, anstelle eines bloßen A-cappella-Stelldicheins als kurzer Übergang zu den Zugaben. Besonders schön hier auch die beruhigende Licht-Stimmung, die den Frontmann sanft in gelblich fluoreszierende Bündel einrahmt. Ebenfalls schon einige Jahre leider nicht mehr standardmäßig im Set ist das fantastisch flowende „20 Hz“, welches hiermit zurückkehrt. Immer wieder mitreißend zu erleben, ist die melodiöse Variation nach dem ersten Refrain, die der tranceartigen Stimmung gegenüber dem reinen Studio-Track noch etwas mehr Dynamik verleiht! Nerd-Wissen: Jene live gespielte Mix-Version liegt exklusiv dem Videospiel-Soundtrack zu „Project Gotham Racing 3“ zugrunde und wurde regulär leider nie veröffentlicht.

Danach hallen tiefe Glockenschläge durch den gesamten Saal und verbreiten dunkel-mystische Atmosphäre. „Gerechtigkeit!“, ruft der Sänger mit erhobener Faust zur spirituellen Hymne „The Men“. Eine Ode an Reflexion und Empathie, an die Kraft im Inneren, die Überlegtheit und Stille in dieser viel zu lauten und nicht selten rücksichtslosen Welt. „We are the men! Silent and strong… Beautiful eyes… Sheep among wolves!“, heißt es da manntrartig immerzu. „Das ist wirklich lieb von euch, vielen Dank!“, lächelt Simonsson sanft. „Das nächste Lied ist eines meiner liebsten. Wobei… Eigentlich sind alle Songs meine Lieblingslieder!“, scherzt er dann und meint damit die wunderbar ergreifende Ballade „The Beauty & The Grace“, mit welcher wir uns nun auf die Reise zu „Modern Ruin“ aus dem Jahr 2011 begeben, von dem auch das energiegeladene Selbstbestimmtheit-Plädoyer „Judge Of My Domain“ stammt. Wirklich schade ist hingegen, dass der positiv powernde „Lightbringer“ trotz Anwesenheit von Daniel Myer weder jetzt noch während der Zugaben performt wird… Zwei Jahre darauf, nämlich am 06.09.2013, wurde das recht experimentelle „Leaving Babylon“ veröffentlicht. Von diesem spielt man jetzt zunächst die die sehnsuchtsvolle Vorab-Single „Last Dance“, die damals in Form einer gleichnamigen EP mit drei Bonus-Songs und zwei Remixen erschien, die noch immer ein absoluter Dancefloor-Filler zwischen pumpenden Beats und großer Geste ist. „Der nächste Song ist vor allem live so schön, dass wir es einfach nicht übers Herz bringen konnten, ihn nicht zu spielen…“, erklärt Simonsson zum minimalistischen „Not To Be Here“, dem Final-Track des obig genannten Albums, der zuletzt schon überraschend bei den deutschen Club-Shows im Dezember 2024 zu hören war. Die fragile Ballade berührt alleine lyrisch und nicht zuletzt auch durch den wunderschönen Chorus, doch leider übersteuert der unpassend eingesetzte Bass zumindest direkt vor der Bühne stellenweise so stark, dass der Sänger kaum mehr zu verstehen ist und einige Fans sich sogar schützend die Ohren halten müssen. Sehr schade, aber zu „Ignorance & Bliss“ scheint man das Problem wieder gut in den Griff bekommen zu haben. „I bite the hand that feeds me. I burn the ground on which I stand. I keep my eyes one the blinding dark…“, spricht der Frontmann leise ins Mikrofon. Einige Fans dürften erkannt haben, dass es sich hierbei um den Refrain des unheilvollen Quasi-Titeltracks des 2016 erschienenen und bis dato letzten Studioalbums „The Blinding Dark“ handelt: „Morning Star“. Laut dem Sänger hatte Jonasson damals die Idee zu diesem Stück. „Das war super, vielen Dank. Aber der nächste Song ist auch toll!“, freut er sich über das folgende „Close My Eyes“, bevor es mit dem behutsamen „Winter Kills“, einem Cover der englischen Band „Yazoo“, noch ein ganz besonderes Lied zu hören gibt, welches physikalisch auf der im vergangenen Oktober veröffentlichten „Andreas EP“ verewigt wurde, mit der man dem 2024 im Alter von gerade einmal einundfünfzig Jahren verstorbenem Mitglied Andreas Catjar gedenkt.

„Es ist der letzte Song, den wir zusammen mit Andreas aufgenommen haben…“, erzählt Simonsson mit belegter Stimme. Danach verliest er eine persönliche Botschaft von Gründungsmitglied Joakim Montelius, der zwar noch immer offiziell Teil der Band ist, seit sechzehn Jahren aber nur noch im Studio aktiv ist und nicht mehr live auftritt: „Vor vierzig Jahren haben wir gemeinsam dieses wundervolle Monster erweckt. Sechs Jungs aus Helsingborg haben 1986 damit begonnen und dann verschiedene Sachen ausprobiert. Irgendwann waren noch Drei in der Band und Drei waren draußen. Die Musik hat ihre ganz eigene Form angenommen. Was für eine Reise… Was für eine Reise liegt bereits hinter und wohl noch vor uns. Von ganzem Herzen Danke an euch von uns allen!“, lächelt der Sänger und legt den Zettel wieder beiseite, denn „Sound Mirrors (Fulwell)“, der damalige Vorab-Appetizer zu „The Blinding Dark“, schickt sich nun an, das reguläre Set gegen 23.00 Uhr zu beschließen, bevor das Trio danach die Bühne für wenige Minuten verlässt. Natürlich nicht, ohne etwas später für eine äußerst hitlastige Zugabe zurückzukehren! Wirklich schade ist, dass während dieser umfassenden Zeitreise die „Fieldworks: Exkursion“-EP komplett ausgelassen wurde und die Band ebenfalls keine neuen Songs vorstellte, wie im Vorfeld angekündigt. Darunter auch keines der beiden 2021 präsentierten Stücke „Fwx1 (Coming Home)“ und „Fwx2 (Sound Of Flowers)“, welche sich allerdings schon länger nicht mehr in der Setlist befanden. Es bleibt also nach wie vor zu hoffen, dass „Covenant“ ihren Fans nach mittlerweile zehn Jahren bald ein neues Album kredenzen. Obwohl wir „United States Of Mind“ an diesem Abend schon lange hinter uns gelassen haben, kehren die Drei als Überraschung jetzt mit dem fantastischen „Tour De Force“ zurück, denn ein paar große Hits fehlten bislang noch. „Okay, wir spielen jetzt noch genau zwei Stück!“, freut sich der Frontmann.

Zurück ins Jahr 2006 und damit zu „Skyshaper“ und einer Nummer, die seitdem eigentlich auf keiner Show mehr fehlen darf: Das aufpeitschende „Ritual Noise“ steht allein durch seinen markanten Titel stellvertretend Pate für den schier einzigartigen Sound der Schweden und sorgt auf der Zielgeraden natürlich nochmals für kochende Stimmung im Saal, wenngleich zu bemerken ist, dass sich dieser in der vergangenen halben Stunde doch etwas geleert hat. Ob das der Setlist-Dynamik gegen Ende oder doch dem Wochentag geschuldet ist, bleibt fraglich. Den äußerst würdigen Abschluss bildet ein weiterer Club-Hit, nämlich „We Stand Alone“, zu welchem an diesen Abend noch ein letztes Mal ausgiebig getanzt und gesungen wird, bis die drei Gentlemen des Electro sich gegen 23.20 Uhr nach über zweieinhalb Stunden aus Nordrhein-Westfalen in den hohen Norden nach Hamburg verabschieden. Anschließend stehen noch Hannover, Berlin und Dresden auf dem Plan. Die Idee, zum vierzigjährigen Jubiläum eine chronologisch angelegte Reise durch die eigene Diskographie vorzunehmen, erwies sich, wie auch nicht anders zu erwarten, als wirklich wunderbar, brachte jedoch auch die Schwierigkeit mit sich, dass etwa ab der Hälfte des Sets bereits viele bekannte Club-Hits schon gespielt worden waren, sodass mancher Nicht-Hardcore-Fan gegen Ende mitunter ein Fragezeichen im Gesicht hatte, wodurch die Stimmung im Saal unberechtigterweise leider etwas litt. Angefangen bei einem geballten Füllhorn alter Klassiker über unverzichtbare Everblacks und lange schon nicht mehr Gehörtes bis hin zu experimentellen Deep Cuts und kleinen Perlen, die sonst zu Unrecht untergehen, blieben „Covenant“ an diesem Abend so unberechen- und wandelbar, wie ihr Sound selbst - Auf die nächsten vierzig Jahre!

Setlist:
01. Cryotank Expansion: Dawn/Noon/Dusk/Night (Intro)
02. Theremin
03. Speed
04. Stalker
05. Figurehead
06. Go Film
07. I Am
08. Der Leiermann
09. Dead Stars
10. Bullet
11. Call The Ships To Port
12. Happy Man
13. 20Hz
14. The Men
15. The Beauty And The Grace
16. Judge Of My Domain
17. Last Dance
18. Not To Be Here
19. Ignorance & Bliss
20. Morning Star
21. I Close My Eyes
22. Winter Kills
23. Sound Mirrors (Fullwell)
24. Tour De Force
25. Ritual Noise
26. We Stand Alone
Impressionen:
Niko Schmuck - Niko Schmuck Fotografie





















