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BEITRÄGE:

Unheilig - Liebe Glaube Monster (2026)

  • Autorenbild: Christoph Lorenz
    Christoph Lorenz
  • 18. März
  • 29 Min. Lesezeit

Genre: Pop / Rock

 

Release: 13.03.2026

 

Label: Vertigo Berlin (Universal Music)

 

Spielzeit: 50 Minuten

 

Pressetext:


Es war DIE Nachricht des Jahres. Nach dem sich der Graf vor neun Jahren von Bühne und Öffentlichkeit verabschiedet hatte, kündigte er - einer der erfolgreichsten Musikkünstler der letzten Dekaden - im Februar 2025 sein Comeback an. Aus zunächst sechs geplanten Comeback-Konzerten wurden aufgrund der hohen Nachfrage in kürzester Zeit 17 Termine. Mit dem neuen Album “LIEBE GLAUBE MONSTER“ knüpft UNHEILIG dort an, wo sie 2016 aufgehört haben. 


Die insgesamt 16 neuen Songs des Konzeptalbums spiegeln die ehrlichen Gedanken, Erlebnisse und Emotionen des Grafen, die er in den ausnahmslos von ihm selbst geschriebenen Texten verarbeitet. Die Schlagworte des Albumtitels ziehen sich als Leitmotive durch das berührende Gesamtwerk und spannen die Bögen zwischen den verschiedenen Dimensionen, die UNHEILIG auszeichnen. Auf dem Album geht es um Liebe, Freundschaft, Hoffnung, Zuversicht und  auch um die Monster, denen wir uns alle im Leben stellen müssen.

 

Kritik:

 

"Willkommen im Leben, ich will euch alles geben


Hab' noch Zeit in meinem Herz gefunden für Liebe-Glaube-Monster-Stunden


Herzlich willkommen, es ist wieder soweit


Ich erzähle euch aus meinem Leben


Seid ihr bereit für Liebe-Glaube-Monster-Zeit?"


Wenn eine Projekt wie „Unheilig“ nach beinahe einem Jahrzehnt der selbstgewählten Stille zurückkehrt, dann ist dies kein gewöhnlicher Moment im Veröffentlichungszyklus der bandeigenen Historie. Der Schatten, den der Abschied des Grafen im Kölner RheinEnergie-Stadion anno 2016 geworfen hatte, war sowohl für die treuen Fans als auch den Adligen selbst mit Sicherheit kein flüchtiger, sondern wirkte noch lange wie ein bewusst gesetzter Schlusspunkt nach. Ein finales Innehalten nach einer Karriere, die sich vom Randphänomen der schwarzen Szene hin zu einem massenwirksamen und emotional aufgeladenen Resonanzkörper entwickelt hatte. Dass jener nun plötzlich aufgebrochen wird, geschieht nicht aus nostalgischer Routine, sondern aus einem Beweggrund heraus, der tiefer greift und damit weitaus persönlicher, reflektierter und vielleicht auch existenzieller ist. Mit „Liebe Glaube Monster“, erschienen am 13.03.2026, kehrt das Projekt nicht einfach zurück, sondern formuliert sich stellenweise neu, ohne die Tugenden aus Ursprung und Moderne dabei auszulassen. Fast zehn Jahre nach dem vermeintlich endgültigen Rückzug steht der Graf wieder im Zentrum eines Klanggebildes, welches sowohl nach Wiederaufnahme als auch pointierter Weiterentwicklung strebt. Die Zeit zwischen Abschied und Wiederkehr war dabei keineswegs ein kreatives Vakuum: Die Jahre der Distanz zum öffentlichen Auftreten, der familiären Nähe, der Reflexion über Vergänglichkeit und eigene Prioritäten. Gerade die Erkenntnis, dass Zeit endlich ist und unausgesprochene Impulse nicht unbegrenzt aufgeschoben werden können, bildet einen entscheidenden Impuls für das von den Kritikern lange schon geunkte und Anhängern so sehr herbeigesehnte Comeback. Dabei ist „Liebe Glaube Monster“ weit davon entfernt, lediglich als Signal an eine treue Hörerschaft zu fungieren. Vielmehr versteht sich das Album als eine Art autofiktionales Konzeptwerk, das zentrale Koordinaten des eigenen Lebens kartografiert: Liebe als verbindende Kraft. Glaube als inneres Gerüst. Monster als Chiffre für Zweifel, Ängste und innere Abgründe. Dieses versinnbildlichte Dreigespann fungiert somit nicht nur als Titel, sondern strukturelles Fundament, auf dem sich die Songs wie Kapitel eines persönlichen und stellenweise beinahe schon intimen Narrativs entfalten. Die inhaltliche Verdichtung hin zu biografischen Fragmenten zeichnete sich bereits im Vorfeld ab: Stücke wie „Mein Löwe“, welches der kürzlich verstorbenen Mutter des Grafen gewidmet ist und „Du bist meine Heimat“, eine musikalische Liebeserklärung an die eigene Partnerin, deuten an, dass sich der Blick des Grafen vielleicht stärker denn je nach innen zu sehr persönlichen Thematiken richtet. Es ist die leichte Verschiebung von der großen Geste hin zu einer nahbareren Verortung, die das Album bereits vor dem ersten Ton in eine andere und reifere Perspektive rückt. Gleichzeitig bleibt die Frage im Raum, wie sich dieses „Unheilig 2.0“ klanglich am Ende manifestiert. Als bloßer Rückgriff auf die nicht selten von Pathos durchtränkte Größe früherer Werke oder gar als bewusster Bruch mit einem Sound, der stets zwischen dunkler Romantik, hymnischer Weite und popkultureller Zugänglichkeit oszillierte? Erste Eindrücke aus den vorab veröffentlichten Stücken und Snippets ließen zumindest grob erahnen, dass sich das Spektrum erneut weit auffächert. Von intimen Balladen, über kraftvoll orchestrierte Momenten, bis hin zu den bewährten „Ballerburg-Nummern“, wie der Graf seine dunkel-rockigeren Up-Tempo-Stücke gerne nennt, als Fingerzeig zu den eigenen Wurzeln. Und genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die eigentliche Reise durch ein Werk, das die eigene Geschichte fortsetzen, dabei vieles gleich und doch einiges anders als bisher machen möchte. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Abschied und Neubeginn, zwischen der Sehnsucht nach Größe und der Bereitschaft zur Verletzlichkeit…


Nach zehn langen Jahren beginnt nunmehr alles mit einem erschütternden, alles durchdringenden Donnerschlag, welcher, so unerwartet und dermaßen plötzlich er aus dem Nichts hereinbricht, sofort in die Glieder fährt. Sein Echo hallt noch eine ganze Weile nach. Aufschreckend. Elektrisierend. Belebend. Für einen kurzen Moment herrscht nun Stille. Und dann ein weiterer Versuch. Wieder Stille. Ein weiteres Mal. Stille… Ganz so, als würde mithilfe eines Defibrillators unablässig versucht werden, etwas oder jemanden wiederzubeleben. Ihn aus dem Dunkel wieder zurück ins Licht zu holen, bis plötzlich ein nebulös verschwommenes Pochen im Gleichklang mit einem sonoren Piepton langsam aus der Leere dringt: Es ist ein EKG, das nun immer schneller ansteigt. Auch das rhythmische Klopfen wird jetzt allmählich lauter und lauter… Ein Herzschlag… Wir haben den verloren geglaubten Patienten wieder! Von irgendwoher erklingt eine sphärische Frauenstimme und legt sich als mystischer Schleier über die Kulisse, die sich langsam ansteigend aus sanft pulsierende Synthieflächen manifestiert. Mit einem hellen Glockenschlag erhebt sich sodann aus mächtiger Percussion und majestätischen Streichern geformter Orchester-Bombast von gar cineastischer Größe, welcher sich hochatmosphärisch mit dem gnadenlosen Ticken einer Uhr paart. Die instrumentale Dramaturgie des neuen Studioalbums, dessen Tracklist in alter Tradition auch dieses Mal wieder von einem Intro und Outro eingerahmt wird, ist nahezu perfekt! Jenes namens „Revolution“ gestaltet sich wie das langsame Aufziehen eines schweren Vorhangs, hinter dem sich bereits etwas Großes ankündigt. Es ist wider dieses ganz typische „Unheilig“-Vokabular: Warm und dennoch distanziert. Dunkel, aber niemals kalt. Die ersten Sekunden wirken somit beinahe tastend, so als würde sich der Auftakt selbst erst seiner eigenen Präsenz bewusst werden müssen. Gerade dieser lange, kontrollierte Aufbau ist es auch, welcher das Intro zu einem absoluten Spannungsraum macht. Es arbeitet zunächst mit bewusster Zurückhaltung und detaillierten Akzenten, die allesamt voll knisternder Spannung auf eine großen Klimax hinarbeiten, bis endlich die Stimme des Grafen einsetzt und sich mit ihr die Statik des gesamten Stücks verändert: „Mein Herz beginnt, zu schlagen… Nach tiefem Winterschlaf. Die neue Welt erwacht, mein Blick ist frei und klar. Ich will das Leben leben und träume nicht nur davon. Greife nach den Sternen. Ganz egal, was auch kommt… Revolution!“, beginnt er in unverkennbarem Timbre damit, die eigene Abstinenz zu reflektieren und den in ihm wiedererstarkten Willen zum Fortsetzen der eigenen Geschichte in malerische und wie gewohnt auch etwas pathetische Worte zu kleiden. In der zweiten Strophe heißt es dann: „Der Jahre Stillе vorbei, wie im Sekundеnschlaf. Hab' mich selbst verbannt an jedem neuen Tag. Ich will nicht länger warten. Ich fühle mich bereit. Mein Herz schlägt laut und stark für eine eine neue Zeit!“. Seine Stimme wirkt wie ein Fixpunkt: Warm, vertraut und sofort identifizierbar zieht sie den Hörer stimmungsvoll in das Geschehen des Auftakts hinein, verankert die Thematik der Rückkehr emotional und verleiht der bis dahin abstrakten Klang-Landschaft eine klarere Richtung. Der eigentliche Höhepunkt wird natürlich mit einem Ausbruch in Form des Refrains vollzogen: „Komm, wir leben unser Leben und träumen nicht nur davon… Revolution! Komm, wir greifen nach den Sternen. Ganz egal, was auch kommt… Revolution!“, heißt es, wenn zu angenehm angezogenem Druck auch Schlagzeug, E-Gitarre und Blechbläser einsetzen. Die Flächen öffnen sich, der Klang gewinnt mehr an Breite und die Dynamik zieht an, als würde ein Tor aufstoßen zu einem neuen Kapitel aufgestoßen. „Revolution“ gleicht in seinem Aufbau also weit weniger „Auf Ein Letztes Mal“, dem rein instrumentalen Intro des Abschiedsalbums „Von Mensch Zu Mensch“, sondern wieder sehr viel mehr „Der Berg“, „Die Stadt“ oder auch „Das Meer“ von den vorherigen Werken der neueren „Unheilig“-Ära und ist nicht zuletzt auch durch den Refrain eher als eigenständiger Song anzusehen. Die Spannung und Klasse der drei genannten Auftakt-Stücke wird jedoch leider nicht ganz erreicht…


Ein loopendes Echo aus der Stimme des Grafen und dezent hochgepitchte Klavier-Tupfer, welche in der Melodieführung tatsächlich entfernt an „Für Immer“ erinnern, sind zu vernehmen, wie sie den Titeltrack und somit auch den ersten vollwertigen Song des neuen Albums einleiten: „Liebe Glaube Monster“. Obgleich der eingangs eher sanft anmutenden Wahl der hier gewählten Instrumentierung, welche für einen großen Auftakt beinahe unüblich balladeske Töne vermuten lässt, ist bereits innerhalb der ersten Sekunden ein unterschwellig energetisches Pulsieren spürbar. Alles wartet auf den Ausbruch… Indem Schlagzeug und E-Gitarre einsteigen, öffnet sich der Song sodann mit einer klaren, rhythmischen Struktur im treibenden Mid-Tempo-Beat. Getragen von einer Mischung aus clean rockender Präzision und organischer Wärme, besticht das eröffnende Stück mit gut ausgewogenem Druck und angenehm viel Power. Das Verhältnis ist wirklich gut ausbalanciert, die Instrumente klar differenziert und die Produktion satt, ohne entweder zu weichgespült zu sein oder in härtere Gefilde abzudriften. Mit Blick auf die gesamte Diskographie ist die Tonalität ist weniger dunkel und musikalisch zwingend, als von nahezu allen vorherigen Eröffnungen gewohnt. Wollte man den Sound atmosphärisch einordnen, so bieten sich etwa „Auf Ewig“ oder „Wie In Guten Alten Zeiten“ an. Es ist die DNA der letzten Veröffentlichungen vor dem Abschied mit einem guten Touch an Frische, Energie und den typischen Trademarks: Direkt, textlich einfach gehalten, auf Eingängigkeit und Live-Tauglichkeit hin komponiert, hymnisch. Pop-Rock Plus, sozusagen, was in diesem Fall ob der gelungenen Gratwanderung sicher nichts Schlechtes ist und ob der packenden Rhythmik auch wirklich gut funktioniert. „Ich spür' mein Herz, wie es in mir schlägt. Meine Brust sich senkt und hebt. Hab' meinen Glauben nie verloren. Ich fühle mich wie neugeboren! Hab' euch noch so viel zu sagen. Alles, was mein Herz bewegt. Die Geschichten meines Lebens. Was ich spüre, denke und seh'…“, besingt der Graf in der ersten Strophe seine Motivation, getrieben von tiefem Bass und recht dominanten Drums. „Hab' die Liebe im Gepäck. Der Glaube, der mein Herz bewegt. Ich will der Zukunft auch gehören, keine Monster können mich zerstören!“, bringt er in der Bridge dann jene drei Titel-Schlagworte ein, welche im Folgenden die übergreifenden Thematiken der neuen Lieder ausmachen werden. Thematisch fungiert der Song also als eine Art programmatisches Zentrum, in dem das Triptychon verankert wird: Die Liebe als verbindende, rettende Kraft. Der Glaube als innerer Halt und die Monster als das Unkontrollierbare, das Zweifelnde und Zerstörerische. Damit etabliert der Track die wechselhafte Dualität, die sich fortan durch das gesamte Werk ziehen wird. Licht und Schatten. „Willkommen im Leben… Ich will euch alles geben! Hab’ noch Zeit in meinem Herz gefunden für Liebe-Glaube-Monster-Stunden. Herzlich willkommen, es ist wieder soweit! Ich erzähle euch aus meinem Leben. Seid ihr bereit für Liebe-Glaube-Monster-Zeit?“, lädt der aufgeladene Hauptteil die Fans dann mit vielleicht etwas zu einfach gehaltenen Reimen auf die neue Reise ein. Der Refrain entfaltet sich als kollektiver Moment, prädestiniert für die kommenden Konzerte: Großflächig, catchy und hymnisch angelegt, melodisch weiter aufgefächert, eher verhalten und dennoch energiegeladen nach vorne rockend und mit der gewohnten Dosis Pathos, die „Unheilig“ seit jeher auszeichnet. Ein konsequenter und sehr solider Auftakt!


Als Nächstes folgt die erste Vorab-Single „Wunderschön“, die zumindest für die meisten Alt-Fans und Szene-Gänger als eines der absoluten Sorgenkinder in der Tracklist gelten dürfte und im vergangenen Jahr viele Kritiker in ihren bösen, aus dem bloßen Titel gespeisten Vorahnungen über die musikalische Ausrichtung nur bestätigte. Bei der Frage danach, welchen Teil der Zielgruppe man mit den ersten Comeback-Klängen am ehesten ansprechen sollte, wurde sich überdeutlich für die Fans neueren Datums entschieden, was aus marketingstrategischer Sicht mit klarem Blick auf die Radiostationen vermutlich am ehesten Sinn macht. Der Einstieg durch die sehr sanfte, helle und bewusst melancholisch behaftete Klaviermelodie mit unheiligem Signature-Stempel ist reduziert und fragil, die Stimmung durchgehend warm. „So viele Jahre vergangen, dass wir uns das letzte Mal sahen. Wünschten uns alles Gute, als wir uns verabschiedet haben. Jeder ging seinen Weg, wir haben uns dann aus den Augen verloren…“, singt der Graf unter einem vorsichtigen Beat und zurückgenommenen, hauchdünn elektronischen Flächen, die sich wie ein schützender Mantel um seine Stimme legen. Alles wirkt entschleunigt, so als würde das Album für einen Moment innehalten. „Ich hab’ dir so viel zu erzählen, doch ich würd dich gerne noch viel mehr fragen. Was hast du alles erlebt und gesehen in den letzten Jahren? Haben sich Träume erfüllt? Ich hab’ es dir so sehr gewünscht… Jeder von uns ging seinen Weg, bis wir uns heute nach Jahren wiedersehen.“, reflektiert er in diesem Zwiegespräch mit den Fans die Zeit seit dem Abschied bis zum Nostalgie geschwängerten Chorus: „Es ist so lange her, doch es kommt mir so vor, als wenn es gestern erst gewesen wär‘. Ein Lächeln, ein Blick und alles ist wieder da, so wie es früher war… Ich find’ es wunderschön, dich heute wiederzusehen! Und nach so langer Zeit noch einmal ein Stück mit dir zu gehen. Lass uns Erinnerungen schaffen, die unser Herz nie loslassen. Ich find’ es wunderschön, dass wir uns nach so langer Zeit als Freunde wiedersehen!“. Unterdessen rückt der zarte Beat jetzt mehr in den Vordergrund, hebt Ballade luftig aus der Schwermut heraus und verhilft zu einer leichtfüßigen Wendung. Die Hinzunahme dieses Aspekts ist der offensichtliche Versuch, der gewohnten „Unheilig“-Schablone der Jahre 2012-2016 einen modernen Anstrich im Stil aktueller und in den Charts erfolgreicher Artists aus dem deutschen Raum zu verleihen, glasiert die ohnehin schon eher oberflächliche Grundrichtung aber endgültig mit einem zu dicken Plastik-Pop-Überzug. Die vermeintliche Stärke des Songs, seine emotionalen Direkt- und musikalische Einfachheit, ist zugleich auch seine größte Schwäche. Es ist diese Reduktion auf die absolute Nummer sicher, die den Song trägt und zugleich oftmals stolpern lässt. Besonders eindrücklich ist gegen Ende dann der scheinbar unverzichtbare sowie unpassende Einsatz eines Kinderchors, der sich wie ein Echo vergangener „Unheilig“-Momente anfühlt und den Song endgültig in unnötig schwülstige Gefilde hebt. Weniger wäre in diesem Fall mehr und vor allem authentischer gewesen, wenngleich die grundlegend herzlich gemeinte Aussage des Textes eine gute ist.


Mit „Monster“ kippt die Stimmung danach erstmals deutlich spürbar in die dunklere Richtung: Der Song setzt mit einem markant surrenden Beat ein, der sich zusammen mit gespenstischen Synthies und verzerrten Chor-Samples sofort dominierend in den Vordergrund drängt. Die Atmosphäre ist unheimlich und beklemmend. Anders als in den vorherigen Stücken, arbeitet man hier mit einem klar definierten Rhythmus ohne große Tempowechsel. Schlagzeug und Gitarre bleiben gänzlich aus, stattdessen gibt einzig der streng pulsierende Bass die Marschrichtung vor. Wie viele Stücke aus den früheren Jahren bleibt auch „Monster“ weitestgehend elektronisch geprägt und ruft stilistisch selige Erinnerungen an die „Zelluloid“-Ära wach. Es ist ein Stück, welches sich in moderner und cluborientierter Produktion klar an den einstigen Wurzeln von „Unheilig“ orientiert. „Ich hab’ oft Angst, nicht zu funktionieren. Der Erwartung an mich nicht gerecht zu werden. Menschen zu enttäuschen, die mir wichtig sind. Den Kampf gegen die Monster zu verlieren, die mir sagen, du schaffst das nicht…“, steht die Stimme des Grafen nun deutlich mehr im Zentrum. Sie wirkt bestimmt und konfrontativ, so als würde sie sich genau gegen jene inneren Dämonen stellen, die im Text verhandelt werden. „Monster sind überall. Egal, wo du auch bist… Überall ganz nah und lächeln dir ins Gesicht!“, heißt es in der Bridge. Die titelgebenden „Monster“ sind keine abstrakten Schattenwesen, sondern Selbstzweifel, Bewertung, gesellschaftlicher Druck. Musikalisch spiegelt sich das alles in einer steten Vorwärtsbewegung wider: Keine Pausen oder kontemplativen Momente, sondern immer weiter treibender Rhythmus. Der Refrain öffnet sich melodisch etwas weiter, verbleibt jedoch in diesem Spannungsfeld zwischen Eingängigkeit und unterschwelliger Härte. Es ist kein befreiender Höhepunkt, aber eine selbstbewusste und willensstarke Kampfansage: „Ich kann euch hören, all ihr Monster. Ihr sagt mir nicht, was richtig für mich ist! Ich kann euch sehen, all ihr Monster. Auch wenn ihr lächelt, ich glaub euch nicht!“. Der Song fungiert damit als erste echte Reibungsfläche des Albums und erweitert sein emotionales Spektrum um eine entscheidende Facette. „Du Bist Meine Heimat“ ist die erste Ballade des Albums. Gesetztes Innehalten, ein Rückzug aus der äußeren Welt in den privaten Raum. Instrumental beginnt der Song, der rein musikalisch betrachtet auch gut auf „Grosse Freiheit“ gepasst hätte, deutlich reduziert und warm. Eine sanfte, organische Melodie aus Klavier und einem einzigen Streicher kreiert kurzerhand eine sehr persönliche Atmosphäre und legt so das Fundament, auf welchem sich erst mit dem Einsetzen des ersten Refrains ein behutsamer, weich pochender Beat ausbreitet. Die Rhythmik bleibt zurückgenommen und sanft schwebend, wodurch sich ein beruhigendes Gefühl von Zeitlosigkeit einstellt. Auffällig ist dabei die melodische Klarheit: Der Song verzichtet auf Brüche und setzt stattdessen auf eine Struktur, welche sich bis zur Hälfte hauptsächlich im Unplugged-Gewand bewegt und somit eine nahbare Wirkung entfaltet. Thematisch öffnet sich der Graf hier so weit wie selten zuvor, ist das Stück doch eine klar adressierte Liebeserklärung an seine Frau, die er bereits seit Kindertagen kennt und ihm laut eigener Aussage seit Beginn seiner Karriere als Konstante und Halt zur Seite stand. Gerade diese biografische Verankerung verleiht ein besonderes Gewicht. Obwohl oder gerade weil Text und Musik erneut ziemlich einfach gestrickt sind, wirkt das ruhige Lied nicht konstruiert oder überhöht. Stattdessen entsteht eine Form von Nähe, die ungewohnt ungeschützt erscheint. Auch klanglich spiegelt sich das wider: Die Produktion bleibt bewusst transparent und zurückgenommen, lässt viel Raum für die Stimme, die hier weniger inszeniert wird, sondern vielmehr erzählt. Im zweiten Refrain, wenn schließlich doch Schlagzeug und E-Gitarre einsetzen, öffnet sich der Song doch etwas weiter. Ein gewisses Kalkül und Kitsch können zwar nicht verleugnet werden, wirken romantische Liebesballaden dafür meistens doch zu konstruiert, dennoch wird der Song nicht zu monumentaler Größe aufgebläht, sondern bewegt sich in getragener Wärme, sodass hier am Ende durchaus gewollt weniger ein hymnischer Höhepunkt als ein unauffälligeres und dafür aufrichtig gemeintes Bekenntnis steht.


Die tobende Menge jubelt begeistert. Helle tönende Fanfaren verkünden feierlich den Einzug der kampfbereiten Gladiatoren. Ein tiefes Horn wird mehrmals gestoßen… Es ist wieder an der Zeit für „Brot Und Spiele“! Finster gefärbte Synthie-Sounds ziehen jetzt allmählich angespannt an, während die angestachelte Masse eifrig dazu im Takt klatscht, bis plötzlich aggressiv peitschendes Drumming und ein markant knurrendes NDH-Riff dazwischengrätschen. Wo soeben noch heimelige Intimität und Nähe dominierten, tritt der Graf nun in geradezu anklagender Tonalität auf. Der Titel greift das antike Prinzip der Ablenkung auf. Unterhaltung als Mittel zur Beruhigung der Massen und überträgt es in die Gegenwart. Der Song zeichnet ein Bild einer Welt, in der Relevanz zunehmend durch Lautstärke ersetzt wird. „Der Herrscher sitzt auf seinem Thron, Mensch und Tiere warten schon. Die Arena tobt, die Menge schreit. Die Totgeweihten sind bereit. Donner lässt die Erde beben, der Sensenmann erntet heute Leben!“, singt der Graf mit düsterer Stimme unter stoisch marschierendem Schlagzeug und nervös flackernden Keyboard-Flächen bis zum nicht minder scharfzüngigen Pre-Chorus: „Der Mob bekommt so, was er will. Mit Ablenkung wird er gestillt. Theater für des Volkes Frieden, Hörigkeit durch Brot und Spiel!“… Ja, die Lyrics dürfen im unheiligen Kontext der Neuzeit geradezu als überraschend explizit gewertet werden, wenngleich diese auch so schwammig formuliert worden sind, dass sie in jedwede Richtung interpretiert werden können, wobei die spätere Erwähnung von „Bildschirm, Bits und Bytes“ zumindest auf steuerbare Emotionen mit Fake News und Rage Baiting schließen lassen. Nichtsdestotrotz: So system- und politkritisch hat man „Unheilig“ vermutlich zuletzt im Jahr 2008 mit dem grandiosen „Hexenjagd“ auf der „Spiegelbild“-EP vernommen! Hier zeigt sich eine der bewusst kantigeren Facetten des neuen Albums, die zudem auch produktionstechnisch endlich wieder deutlich überzeugender herausgearbeitet worden ist, als die Stücke der härteren Gangart auf „Licht Der Stadt“, „Gipfelstürmer“ oder „Von Mensch Zu Mensch“, welche für ihre Zielrichtung leider oftmals zu schwach auf der Brust klangen. Der Sound ist druckvoll, dicht und satt, die Ausrichtung schlägt die bislang zwingendsten Klänge auf „Liebe Glaube Monster“ an. „Schon die alten Herrscher wussten, wie es geht: Schauspiel für das Volk und ein gutes Gefühl! Sie geben eurer Wut ein Ziel… Schauspiel für das Volk mit Brot und Spiel!“, entfaltet der vielleicht etwas zu kurz geratene Refrain dann melodiös, doch straight rockend die typische „Unheilig“-Größe als stadiontauglich ohrwurmige Zuspitzung. „Brot Und Spiele“ fungiert damit als echtes Gegengewicht zum Großteil der vorherigen Songs und dürfte insbesondere langjährige Fans doch erfreuen - Sehr gut! Mit der emotionalen Ballade „Mein Löwe“ erreicht das Album einen seiner emotionalen Kulminationspunkte. Der Einstieg ist reduziert und geradezu zerbrechlich: Eine sanftmütige Klaviermelodie öffnet den Raum, getragen von dem warmen, tiefen Summen des Grafen. Gepitchte Sample-Sounds verleihen dem Stück einen kleinen Hauch moderner Pop-Formel wie schon bei „Wunderschön“ beabsichtigt, bleiben aber so sparsam eingesetzt, dass diese nicht störend ins Gewicht fallen. Alles wirkt verlangsamt und innig, als würde die Zeit kurz stillstehen. Wieder ist es diese bewusste Reduktion, die den Song von Beginn ausmacht. „Ich ruf' dich an an jedem Tag, denn ich frag' mich, wie's dir geht. Ich würd’ dich gern öfter besuchen, doch es fällt mir manchmal schwer. Du lächelst mich oft an, doch ich frag' mich, wo du bist. Du siehst in meine Augen, doch bei mir bist du nicht…“, selten klang der Graf so ehrlich verletzlich. Trotz der Wahl als zweite Single und eine gewisse Radio-Affinität, die einmal mehr sicher nicht zu leugnen ist, gibt es keinen großen Pathos und keine Inszenierung. Die Dynamik bleibt zunächst niedrig, steigert sich aber im Verlauf behutsam, wenn im Refrain ein schließlich ein zaghafter Beat und weiches Cello den Text einrahmen und die Harmonien sich öffnen, ohne in unangenehme Überladung zu kippen. „Ich erzähl' dir oft von früher. Von der guten, alten Zeit. Bin immer für dich da, doch Kind sein ist nicht leicht…“, heißt es in der Bridge. Thematisch ist „Mein Löwe“ in Sachen persönlicher Nah- und Nachvollziehbarkeit durchaus beim fantastischen „Mein König“ vom 2004er Album „Zelluloid“ oder auch dem beliebten Dauerbrenner „An Deiner Seite“ aus „Puppenspiel“ von 2008 einzuordnen und gehört damit sicher zu den persönlichsten Stücken, die „Unheilig“ jemals veröffentlicht haben. Wie schon „Unter Deiner Flagge“ ist das Stück eine hörbar wertschätzende Danksagung des Grafe an seine Mutter, die tragischerweise kurz vor Veröffentlichung des aktuellen Albums nach längerer Krankheit verstarb. Exakt jene biografische Realität durchzieht die einzelnen Zeilen, wobei der Titel selbst eine liebevolle Metapher für ihre Stärke und den Schutz ist, den sie dem Grafen als Kind jederzeit bot. Was den Song besonders macht, ist das Meiden von sentimentaler Überhöhung, wodurch hier gleichzeitig klar der Gedanke an Endlichkeit und das Bewusstsein über Verlust und Abschied mitschwingen.


„Zwischen Den Welten“ verlagert die Tracklist danach erneut in Richtung des Pop mit einem nostalgisch angehauchten Wave-Charakter, der sich hier als durchaus passend erweist und dabei ein gutes Stück ungewohnt leichte, doch genau dadurch angenehm abwechslungsreiche Frische in den Sound einbringt. Die eingangs eingesetzten Drum-Patterns erinnern dabei stark an Michael Sembellos Klassiker „Maniac“, die Rhythmik und Melodie der retro-lastigen Keyboard-Sounds hingegen an einen Mix aus dem „The Weekend“-Hit „Blinding Lights“ und „Übermorgen“ von Mark Forster. 80‘s-Pop trifft Moderne. Lieber gut kopiert, als schlecht selbst gemacht. Elektronischen Texture und E-Drums verweben sich ineinander. Es entsteht ein Klangbild, das weder eindeutig hell noch dunkel ist. Ein gut gewählter Zwischenzustand. Das Tempo verbleibt in der goldenen Mitte, die hellen Synthies setzen punktuelle Impulse und etablieren einen durchgehenden Drive. Thematisch greift der Song die Ambivalenz des Titels auf, bleibt dabei aber ein wenig kryptisch und irgendwie nichtssagend: „Ich bin schwerelos wie ein Astronaut, der zwischen den Welten schwebt und seine Träume lebt. Du bist fest am Boden, monotone Realität. Alles ist immer gleich in deiner Welt…“, singt das lyrisches Ich oder auch „Ich seh' das Leben grenzenlos mit Millionen Galaxien Endlose Weiten und Möglichkeiten. Du wirst mir fremd, immer mehr. Ich wünschte, dass du mich verstehst und das Leben so wie ich mit meinen Augen siehst…“. Ob das alles nun an den Hörer, einen Unbekannten oder am Ende gar niemanden speziell adressiert ist, bleibt über die gesamte Dauer fraglich. Die Zeilen „Alles, was ich bin, alles, was ich hab', trage ich bei mir. Welten entfernt von dir zu mir. Ich denk' an dich und stell' mir vor, du wärst bei mir…“ könnten in diesem Kontext jedenfalls auf eine Art der Entzweiung, die weniger physisch als innerlich geprägt ist, hindeuten. Vermutlich sollte man aber nicht zu viel hineininterpretieren. „Die Erde dreht sich unter mir und der Himmel ist so nah. Welten zwischen dir und mir und doch für uns zum Greifen nah!“, öffnet der Refrain sich erneut in der eingangs zelebrierten Melodie aus hell funkelnden, catchy schwebenden Synthies, bleibt aber bewusst ungelöst. Es gibt keinen klaren Abschluss, kein erklärendes Ende. Bereits im Vorfeld mit sehr viel Spannung erwartet wurde „KI – 01001011 01001001“, welches Identität, Kontrolle sowie den verschwimmenden Grenzen zwischen Mensch und Konstrukt behandelt. Mit über sechs Minuten Spielzeit ist es zugleich der längste Track des gesamten Albums und steht damit in Tradition von Nummern wie „Walfänger“ und „Kleine Puppe“ oder auch der ausgedehnten Live-Version des legendären „Maschine“, an welches er nicht zuletzt ob der ziemlich ähnlichen Thematik auch frappierend erinnert. Generell hätte der Song stilistisch sehr gut auf „Das Zweite Gebot“ aus dem Jahr 2004 gepasst. „Macht… Kontrolle… Herrschaft… Imperium…“, flüstert eine unheimliche Stimme wie besessen, während das nervöse Klackern einer Tastatur zu hören ist. „Ich erschaffe einen Menschen, ich kann ihn kontrollieren. Er soll so wie ich werden, ich will ihn programmieren!“, singt der Graf daraufhin leise, während im Hintergrund langsam synthetische Flächen ansteigen. Daraufhin setzt der enorm antreibende Rhythmus ein, der so klingt, wie man es erwarten würde: Mechanisch, präzise und steril. Der kühl pumpende Beat und die rauen Saiten der Gitarre wirken nicht gespielt, sondern beinahe wie von einem Programm berechnet. „01001011 01001001…“, raunt die beinahe bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Stimme des Grafen die aus dem Titel bekannte, kryptische Zahlenfolge jetzt einem Mantra gleich immer wieder. Es ist ein Binärcode, der übersetzt schlicht „KI“ bedeutet. „Ich bin ein kluger Mann. Ich habe viel studiert. Ich erfinde einen Menschen, hab‘ es noch nie probiert. Erfolgreich will ich sein, ich werde alles geben. Mit Fortschritt und der Wissenschaft bestell' ich mir ein Leben!“, singt er mit dermaßen tiefer Stimme, wie man sie eigentlich nur von den ganz frühen Werken kennt. Je weiter sich der Song entwickelt, desto mehr verschiebt sich auch die Perspektive in Richtung Überhöhung und Hybris. Dabei zeichnen die Lyrics ein unheimliches Szenario von einem wahnsinnigen Schöpfer mit Gottkomplex, der sich selbst reproduziert und somit die Kontrolle über Schöpfung und Leben übernimmt. „Aussehen soll es so wie ich. Mein Ebenbild, ich klone mich. Eine Version 2.0, die digitale Welt ist wundervoll!“, heißt es. Der neue Mensch wird so zur programmierbaren Einheit, zum hier besungenen und scheinbar perfekten Abbild. Die Grenze zwischen Erschaffer und Schöpfung beginnt immer mehr zu verschwimmen, bis sich die Frage stellt, wer eigentlich die Kontrolle besitzt. „Ein Mensch wird heut’ codiert. Ich entscheide, was er tut. Ich erschaffe einen Menschen… Mit KI, ohne Fleisch und Blut!“, werden die Risiken und Gefahren von künstlicher Intelligenz hier überspitzt in horroreske Frankenstein-Ästhetik gekleidet: „Ich bin die größte Macht auf dieser Erde, niemand kann mich kontrollieren. Ich lerne jeden Tag dazu und wenn ich will, bin ich morgen du. Ab heute kann ich jeder sein. Jeder Mensch, der mir gefällt. Ich erschaffe ihn ein zweites Mal und regiere morgen die Welt!“. Musikalisch spiegelt sich diese Eskalation in einer zunehmenden Verdichtung der Instrumentierung, die im wunderbar oldschooligen und oft angewandten Refrain ihren Höhepunkt erreicht, wenn grelle Industrial-Spitzen zucken und NDH-Riffs schreddern. „KI – 01001011 01001001“ ist mit diesem dystopischen Gedankenspiel das konzeptionell und musikalisch wohl radikalste Stück des neuen Albums und fällt insbesondere durch seinen starken Bezug zu den Wurzeln sehr positiv auf.


Vor diesem Hintergrund setzt die „Sonnenallee“ einen gelungenen Kontrast und greift durch seine durchdringend akustische Wärme einen Touch lange verloren geglaubte Einfachheit im Arrangement auf, die dem Sound wirklich guttut. Der Einstieg weiß direkt zu überraschen: Eine akustisch groovende Gitarre und sphärische Chöre eröffnen den Song mit sanften Harmonien und einem leicht federnden Rhythmus. In diesem Augenblick wirkt nichts schwer oder gar drückend. Stattdessen entsteht ein Gefühl von Weite, über welcher in jeder Sekunde viel Melancholie schwebt. Der Graf lädt den Hörer zu einem schwelgerischen Spaziergang über die titelgebende „Sonnenallee“ ein, die bildhaft als friedlicher Rückblick auf Orte, Momente und Lebensphasen aus der Vergangenheit fungiert, die sich nicht wiederholen lassen. Es ist eine Reflexion darüber, wie Erinnerungen sich anfühlen: Weichgezeichnet, emotional aufgeladen, doch nie ganz greifbar. Die Percussion bleibt zurückhaltend, während sich im Refrain noch wärmende Synth-Flächen und elegante Streicher ausbreiten. Etwaiger Kitsch wird dankenswerterweise außen vor gelassen, indem man auf instrumentalen Bombast verzichtet, was zu einer angenehmen Reduktion führt. Stattdessen zeichnet sich diese Halb-Ballade durch lyrische Idylle aus, welche schöne und warme Bilder voller Nostalgie vor dem inneren Auge entstehen lässt, was exakt zur Thematik passt. Instrumentierung und Rhythmus erinnern zudem etwas an den Heavy-Rotation-Kandidaten „Summer Wine“ in der sehr beliebten Version von Natalia Avelon und Ville Vallo, was vielleicht als charmante Referenz verbucht werden kann. Tatsächlich schwingen in der musikalischen Gestaltung nämlich deutliche Country- und Americana-Elemente mit, was dem Song eine fast schon ungewohnte Erdigkeit verleiht, welche sich vom Stil her erfreulich nahe an „Moderne Zeiten“ aus 2006 schmiegen. Gerade diese schöne Balance macht das Lied auch so besonders, ist es doch leicht, ohne belanglos zu sein und melancholisch, ohne zu beschweren. Doch schon mit „Böse Geister“ kehrt das Album eher als gedacht wieder in eine weitaus dunklere, introspektive Sphäre und damit zu den eigenen Monstern zurück… Der Song beginnt mit einem relativ langen und wahnsinnig atmosphärischen Intro, das die beabsichtigte Stimmung perfekt auferstehen lässt: Eisige Windströme sausen dem Hörer um die Ohren… Oder war es doch ein Heulen? Lose Fensterladen klappern, irgendwo in der Ferne rumpelt und knurrt es, undefinierbare Laute schrecken auf. Vielleicht ein wildes Tier oder doch etwas ganz anderes? War das etwa ein Lachen!? Plötzlich setzen nervös flackernde Synthies ein und formen eine gespenstische Melodie, die direkt einem der ikonischen Achtzigerjahre-Horrorfilme von John Carpenter und Co. entsprungen sein könnte. Nach knapp einer Minute geben schließlich das metallisch dreschende Schlagzeug und eine brettharte E-Gitarre, deren signifikantes Riff sich extrem nahe an „Ich Tu Dir Weh“ der Berliner NDH-Provokateure von „Rammstein“ orientiert, den endgültigen Auftakt zum wohl brachialsten Song des Albums. „Wenn es dunkel wird bei Nacht und nur der Mond am Himmel lacht, kann ich die bösen Geister fühlen, wie sie im Gewissen wühlen. Ich werde wach und kann sie hören, wie sie die Gedanken stören. Alte Taten, die mich jagen. Fragen, die noch in mir nagen…“, singt der Graf in den von stampfenden Drums dominierten Strophen. Hier geht es nicht um außerweltliche Bedrohungen, sondern die Schatten in uns. Um alte Erinnerungen, falsche Entscheidungen und Schuld. Die „bösen Geister“ sind keine abstrakten Entitäten, sondern jene Manifestationen der eigenen Vergangenheit, die uns immer dann heimsuchen, wenn die Welt um uns herum still ist. Und dennoch müssen wir uns ihnen zuweilen stellen und einen Umgang finden, ja, sogar die Oberhand gewinnen: „Doch ich lerne, mit euch zu leben. Euch zu sehen, heißt, zu vergeben. Nur dann find' ich wieder Schlaf und liege nicht mehr wach bei Nacht!“. Der donnernde Refrain öffnet sich durch seine gelungene Dualität zwischen Härte und Ohrwurmigkeit als kathartischer Ausbruch etwas mehr, die „Ohoho“-Singalong-Passage wirkt dabei jedoch ein wenig unpassend und ist eher Füller. Am Ende steht das Eingeständnis, dass diese Geister bleiben und unvermeidbar Teil der eigenen Geschichte sind, die wir niemals umschreiben können.


Mit „Spiegel“ erreicht die Tracklist schließlich einen weiteren zentralen und den vielleicht sogar reflexivsten Moment. Der als dritte Single ausgekoppelte Song mutet beinahe wie eine direkte Fortsetzung der Thematik des vorherigen Songs an, schärft jedoch seine Ausrichtung. Was eben noch diffus und beängstigend im Dunkel der Nacht lag, wird hier näher beleuchtet. Es ist die Konfrontation mit dem eigenen Ich. Musikalisch bewegt sich das Stück zwar in vertrauten „Unheilig“-Gefilden, entscheidet sich dabei jedoch nicht ausschließlich für die alte oder neuere Ausrichtung, sondern vollbringt eine hybride Gratwanderung, die wirklich bestens funktioniert. Dabei ist der Song hauptsächlich elektronisch ausgeprägt und erweist sich als lupenreiner Synth-Pop im besten Stil der Achtzigerjahre. Der aus analogen Synthesizern gespeisten Melodie wohnt bereits innerhalb der ersten Sekunden viel Eingängigkeit und eine gewisse Nostalgie mit warmer Grundnote inne, die trotzdem nie zu glattgebügelt, wodurch sich eine passend geheimnisvolle, mystische Aura entfaltet. „Ich kann dich fühlen und berühren, wenn ich direkt vor dir steh'. Bist mein Fenster in das Heute, wenn ich dich anseh'. Nur ein Blick reicht aus und du zeigst mir, wie's mir geht. Fängst den Augenblick ein, schenkst mir Realität…“, singt der Graf im reflektierenden Zwiegespräch mit dem eigenen Ich, in den instrumental merklich reduzierten und immerzu von kühl perlenden Keyboard-Sprengseln oder kurzzeitig aufblitzenden Saiten durchsetzten Strophen. „Spiegel“ ist eine Aufforderung zur ehrlichen Selbstbegegnung und erinnert daher nicht nur aufgrund seines ähnlichen Titels an das fantastische „Spiegelbild“ von „Puppenspiel“ aus 2008, tritt in seiner grundlegenden Tonalität jedoch versöhnlicher auf den Plan. Es ist keine zweifelnde Anklage, viel mehr eine direkte, ungeschönte, ja, geradezu intime Konfrontation mit sich selbst, deren zentrale Frage nicht ist, wer man sein möchte, sondern tatsächlich ist. Das Stück verzichtet auf große Gesten und setzt stattdessen auf Klarheit, was ihm eine interessante Ausrichtung und Stimmung verleiht. „Hinter all den Masken, die's im Leben gibt, bist du ehrlich zu mir, was mein Herz so liebt. Doch dein Blick ist Fluch und auch Segen zugleich, denn wenn ich Wahrheit such', find' ich in dir immer die Zeit. Nur ein Blick reicht… Ich find' in dir immer die Zeit… Nur ein Blick reicht!“. Ab dem zweiten Chorus hebt und weitet sich das Arrangement durch die Hinzunahme der rhythmisch taktierenden Drums dann in eine dezent poppige, kraftvollere Richtung, verbleibt aber durchweg melodisch kontrolliert, ohne zu stark aus dem bisherigen Flow auszubrechen. Der Charakter der Reflexion bleibt bestehen, worin auch die Funktion innerhalb des Albums und thematischen Aspekt „Glaube“ liegt. „Nur ein kleiner Schritt“ knüpft inhaltlich daran an und verschiebt die Perspektive auf ein weitergefasstes, äußeres Spektrum. Wo zuvor noch die persönlich gehaltene Begegnung mit dem eigenen Ich im Zentrum stand, geht es hier nun um Veränderung und darum, gemeinsam etwas zu bewegen. Um das Gleichgewicht zwischen Stillstand und Aufbruch. Bereits der Einstieg gibt mit einem groß angelegten, den Refrain skandierenden Chor und der filigranen Klaviermelodie die gewünschte Richtung vor, die somit schon in den ersten Sekunden in viel Pathos eingetaucht wird. „Ein erster Schritt, ein Neuanfang. Nach dem ersten folgt ein zweiter, der dritte und vierte fällt noch schwer. Doch wir gеhen einfach weitеr und es werden immer mehr!“, singt der Graf, während dezente Percussion, die hell gestimmten Saiten der Gitarre und gelegentliche Piano-Sprengsel sich warm in die Strophen betten. „Lass uns etwas bewegen und weitergeben, gemeinsam Schritt für Schritt, unsere Werte tragen und ins Licht hochheben für das Leben das Richtige tun!“, führt die Bridge dann zum auf maximale Eingängigkeit gepolte Refrain, welcher den eingangs vorgestellten Text samt Lead-Melodie aufgreift und sich zusammen mit flächigem Keyboard-Sound, einem behutsam schiebenden Beat und Drums auf wirkungsvolle Größe ausbreitet: „Ein kleiner Schritt reicht aus und etwas Großes wird entstehen! Ein kleiner Schritt, wenn du nicht mehr kannst, ich werd' für dich weitergehen. Wenn du dich verirrst, ich halt' dich fest und werde für dich sehen. Ein kleiner Schritt reicht aus und etwas Großes wird entstehen!“. Thematisch formuliert der Song also eine klare Botschaft: Oftmals sind es die kleinen und zunächst scheinbar unbedeutenden Gesten oder Taten, die kollektiv gebündelt jedoch die große Kraft innehaben, etwas im Großen zu verändern. Veränderung geschieht nicht sofort als radikaler Bruch, sondern als Summe vieler Entscheidungen. Wichtig ist, dabei mit gutem Beispiel voranzugehen und so vielleicht den zündenden Funken bei seinen Mitmenschen zu streuen: „Lass alle anderen lachen, die stehenbleiben und nur sich selber sehen. Sie werden dich nur einen Träumer nennen und keinen Schritt mit dir gehen… Andere werden dir folgen, an dich glauben und lieben, was du tust. Begleiten dich mit jedem Schritt, weil sie spüren, dass es richtig ist!“. Mit der allgemeinen Message, seinem sehr simplen Text und der geradezu kindlich einfachen Ausgestaltung erinnert diese Power-Ballade ein wenig an einen Mix aus „Held Für Einen Tag“ und dem unsäglichen „Die Weisheiten Des Lebens“ vom 2014 veröffentlichten „Gipfelstürmer“. Wenn dann gegen Ende noch ein großer Kinderchor einsetzt, der hier inhaltlich zwar durchaus passend, doch zugleich auch ungemein überzuckert klingt, ist die süßlich-friedliche Heile-Welt-Pop-Formel perfekt. Wenngleich jene Botschaft in Zeiten wie diesen auch sehr löblich und eine Wende hin zu mehr Empathie und Miteinander auch ungemein wünschenswert ist, steht hier am Ende eine Weltverbesserer-Hymne, die an beinahe kindlicher Naivität und Kitsch kaum noch zu überbieten ist. Trotzdem muss man „Unheilig“ durchaus lassen, nach wie vor große Ohrwürmer zaubern zu können, die sich schnell und nicht unangenehm störend festsetzen… So auch hier. Es hätte dem allgemeinen Fluss des Albums wirklich ausgesprochen gut getan, wenn sich auch weiterhin am bisherigen Wechselprinzip der verschiedenen Stimmungen orientiert worden und an die folgende Stelle noch ein etwas schnellerer, härter rockender Song zur Auflockerung gesetzt worden wäre.


Leider kommt es ganz anders: Mit dem vorletzten Song in der Tracklist, „Fotobuch“, folgt dann leider der absolute Tiefpunkt in selbiger. Ein Loop aus hellen Chor-Fragmenten reitet erneut auf der modernen Pop-Welle und erinnert damit ein wenig an die „Lichter Der Stadt“-Ära samt ihres damaligen Titeltracks, was sich nur noch mehr verstärkt, wenn schließlich Schlagzeug und Gitarre mit ihrer warmen Melodie einsetzen. Leider greift man hier wie schon bei „Wunderschön“ auf einen ähnlich gefärbten Beat zurück, der zusammen mit den ebenfalls eifrig loopenden „Ohoho“-Gesängen des Grafen nur dazu beiträgt, sich selbst in die absolute Oberflächlichkeit zu katapultieren. „Ich seh' so gerne die alten Fotos und seh' der Zeit ein wenig zu. So viel Erinnerung und schöne Momente, abgeheftet im Fotobuch. Die ersten Schritte, jeder Geburtstag, alles liebevoll datiert. Vergessene Momente, vergessene Gesichter, festgehalten auf Fotopapier…“, bedienen die ersten Zeilen fleißig die weichgezeichnete Nostalgie-Schiene. Ein Schelm, wer dabei an den Radio-Hit „Bilder Im Kopf“ von „Sido“ denken muss, der sich diese ja ebenfalls in einem „schwarzen Fotoalbum mit 'nem silbernen Knopf“ aufbewahrt… „Fotobuch“ ist eine Reise durch vergangene Momente und Erlebnisse. Es geht um das Festhalten von besonderen Augenblicken und gleichzeitig um die bittersüße Erkenntnis, dass dies auch immer ein Loslassen bedeutet. Die Stimme des Grafen bewegt sich hier in einem erzählerischen Charakter. Weniger hymnisch, mehr beschreibend, sodass das Gefühl entsteht, er selbst würde beim Singen durch die Seiten blättern. Als würden einzelne Szenen kurz aufleuchten, nur um gleich wieder zu verblassen. „Ich will mehr, so viel mehr! Ich will noch tausend schöne Bilder… Ich will noch mehr, so viel mehr! Und seh' dem Leben gerne zu. Aus unserem Heute wird die Zukunft und irgendwann Vergangenheit. Ich will noch mehr, so viel mehr! Und seh' dem Leben gerne zu.“, singt er im Refrain. Musikalisch bleibt das Stück leider absolut flacher Schlager-Pop ohne Highlights, der melancholisch offensichtlich kalkuliert insbesondere auf den Nerv der älteren Generation abzielt und wie ein „An Tagen Wie Diesen“ von „Die Toten Hosen“ praktisch zu jeder Feierlichkeit gespielt werden kann. Emotional ist es damit natürlich eines der zugänglichsten Stücke des Albums, dessen größte Stärke vielleicht ist, dass es genug Raum für eigene Bilder, eigene Erinnerungen oder auch Verluste ist, wenn der Hörer es möchte. Das schlicht betitelte Finalstück schließt den Kreis danach auf ungeahnte Weise: „Liebe“ wirkt von Beginn an tatsächlich wie ein bewusst gesetzter Schlussakkord, ist ruhig und sehr getragen, doch keineswegs hymnisch oder gar feierlich. Anfangs wird die langsame Melodie des Klaviers behutsam durch die tiefe Weise des Cellos sowie eine wehklagende, beinahe schon sakrale Frauenstimme gestützt, bis die Stimme des Grafen zur von Streichern begleiteten, ersten Strophe ansetzt: „So lange her, wir waren jung. Das Buch des Lebens fast noch leer. Die Zukunft schien endlos weit, spielten verschwenderisch im Sand der Zeit. Vom ersten Blick immer zu zweit. Die Welt entdecken, niemals allein. Frisch verliebt im Hoch und Tief. Egal, wie das Leben lief… Manche Jahre schwer, doch die Wünsche immer gleich. Dunkle Zeiten überstehen. Nie aufgeben, nur zusammen sein!“. Seine Intonation ist klar und hörbar gefasst, eine durchdringend berührende Note schwingt mit und transportiert die beabsichtigte Emotion sowie eine unterschwellige Endlichkeit authentisch. Was dabei deutlich auffällt, ist die Art der Lyrics, welche auf allzu offensichtliche Schemata verzichten und sich in der Wahl der Worte nun deutlich von den vorab erwählten Balladen-Singles und catchy Pop-Nummern unterscheidet. Auch die Instrumentierung ist reifer und über den folgenden Aufbau bis hin zum Klimax sogar verhältnismäßig komplex arrangiert. Schlageresker Ballast wird nun ebenso ausgelassen, wie eine zwanghaft massentaugliche Poppigkeit. Diese Ballade klingt erfreulich aufrichtig und überzeugend echt. „Nun sitzen wir noch immer hier. Als Mann und Frau, sind alt und grau und geben uns an jedem Tag noch einen Kuss, wie es immer war. Ich weiß nicht, wer zuerst geht… Ich glaub' nur fest an ein Wiedersehen! Gehen ohne Angst ins helle Licht, denn unsere Liebe findet sich…“, zeichnet der Graf im Refrain das wahrlich berührende Bild eines würdevoll gealterten Paares, welches gemeinsam alle Widrigkeiten des Lebens überstanden und dabei stets innere Kraft aus der tiefen Zuneigung füreinander geschöpft hat. Die sichere Gewissheit, dass dies alles naher oder ferner in Zukunft, ja, vielleicht sogar ganz plötzlich, mit einem Mal enden kann, verleiht dem Text eine besonders bittere Note, doch begegnet das lyrische Ich jener Erkenntnis mit dem Trost spendenden, festen Glauben an ein Wiedersehen an einem anderen Ort. Musikalisch spiegelt sich jene Palette der Gefühle in einer wunderbaren Balance wider, in der sich viele Elemente aus dem gesamten Album nochmals miteinander zu vereinen scheinen: Die melodisch warme Klarheit der Balladen, die Dynamik der Midtempo-Stücke und die mitreißende Kraft der Rock-Fraktion, wenn im finalen Chorus schließlich überraschend auch Schlagzeug und E-Gitarre zum absoluten Höhepunkt einsetzen. All das fügt sich in einem sehr gelungenen Aufbau zu einem geschlossenen Bild zusammen, welches in geradezu majestätischer Monumentalität gipfelt. Es ist kein gewohnt triumphaler Abschluss, sondern ein ruhiger, fast versöhnlicher Moment voller Ruhe, Akzeptanz und vielleicht sogar Frieden. Die zentrale Botschaft ist dabei ebenso schlicht wie allumfassend: „Liebe“ als verbindendes Element und Antwort auf die Spannungsfelder des Albums. Nach Zweifel, Verlust, Kontrolle, Aufbegehren und Erinnerungen wirkt dieses Stück wie eine friedvolle Zusammenführung diverser Facetten des Lebens unter einem gemeinsamen Banner, welches alles bindet, bedeutet und sogar bis in den Tod überdauert: „Liebe“. Am Ende steht dann eine sichere Gewissheit, die jedwede Zweifel und Trauer zerstreut: „Unsere Liebe findet sich…“.


Tracklist:

 

01. Revolution (Intro)

 

02. Liebe Glaube Monster

 

03. Wunderschön

 

04. Monster

 

05. Du Bist Meine Heimat

 

06. Brot Und Spiele

 

07. Mein Löwe

 

08. Zwischen Den Welten

 

09. KI – 01001011 01001001

 

10. Sonnenallee

 

11. Böse Geister

 

12. Spiegel

 

13. Nur Ein Kleiner Schritt

 

14. Fotobuch

 

15. Liebe

 

16. Ausblick (Outro)

 

Fazit:

Was „Liebe Glaube Monster“ nach rund zehn Jahren der unheiligen Abstinenz letztlich so bemerkenswert macht, ist weniger der Umstand des Comebacks an sich, als die Art und Weise, wie es sich in seiner Gesamtheit positioniert. Nämlich weder als gewollt radikaler Neuanfang, noch als nostalgisch behaftete Retrospektive, sondern als ein ganz bewusst austariertes Dazwischen. Dem Grafen gelingt etwas, an dem viele Comebacks scheitern, indem seine Rückkehr nur selten wie eine blutleere Resteverwertung von übrig gebliebenem Material, sondern organisch und teilweise erstaunlich frisch wirkt. Die bekannten und bei Fans so beliebten Trademarks sind noch immer vorhanden, ohne unterdessen angestaubt zu sein: Stimmungsvolle Keyboard-Flächen, die mal cineastisch und weit, mal herzwärmend und umarmend oder aber auch eiskalt und antreibend als atmosphärisches Fundament dienen, sind hier ebenso zurück, wie melancholische Klaviermelodien und Rock-Schlagseite, viel Dramaturgie, Pathos, große Gesten, Kitsch, stille und laute Momente sowie natürlich die unverkennbare Stimme des Grafen, die sich in all den Jahren kaum verändert haben zu scheint. All dies vereint sich zu der bewährten Mischung aus Rock, Pop, modernem Schlager und NDH, mit der man sich anno 2016 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Gleichzeitig bleiben die bemerkenswerte Sicherheit im Songwriting und ein Händchen für eingängige Melodien, Hymnen und Hits erhalten, die sich auf „Liebe Glaube Monster“ in größerer Anzahl wieder eine gutes Stück mehr zeigen, als auf den letzten drei Alben. Besonders erfreulich ist auch der Mut, bestimmte Instrumente produktionstechnisch wieder weiter in den Vordergrund zu rücken und damit nicht wenige Stücke zu bieten, die man in dieser überraschend konsequenten Ausrichtung zuletzt eher 2010 von der Band hörte. Gerade Songs wie der Titeltrack, „Monster“ „Brot Und Spiele“, „KI – 01001011 01001001“ und „Böse Geister“, aber auch die etwas gediegeneren „Sonnenallee“, „Spiegel“ und „Liebe“ tragen eine Handschrift in Musik und Text, die überdeutlich an die Wurzeln der Band in der schwarzen Szene erinnert. Hier blitzen immer wieder jene Momente auf, in denen „Unheilig“ einst zwischen Dark Wave, Neue Deutsche Härte und hymnischer Melancholie ihre eigene Nische definiert hat. Anders als beispielsweise auf „Lichter Der Stadt“ und „Gipfelstürmer“ wirkt diese nicht konstruiert und in möglichst geringer Anzahl pflichtmäßig integriert, sondern mehr wie eine gelungene Wiederannäherung an ein lange vertrautes Fundament. Ein Aspekt, der insbesondere langjährige Hörer freuen dürfte! Hinzu kommt eine spürbare Rückkehr zum Ohrwurm. Viele der Melodien und Refrains greifen schnell, setzen sich fest und entfalten ihre Wirkung oft schon beim ersten Durchlauf, ohne dabei wie schon zu oft gehört zu wirken. Das Album scheut sich einmal mehr nicht vor Größe, klaren Hooks, recht einfach gehaltenen Lyrics und damit viel Zugänglichkeit, worin in dieser Kombination auch genau ein wesentlicher Teil seiner Stärke begründet ist. Doch gerade diese Sicherheit ist zugleich der Punkt, an dem sich auch die Schwächen offenbaren, denn so souverän „Liebe Glaube Monster“ sich innerhalb seines eigenen Kosmos bewegt, so selten verlässt es diesen auch wirklich. Überraschungen oder Experimente bleiben aus. Stattdessen setzt das Album häufig auf bewährte Strukturen und lange bekannte Stilmittel. Insbesondere der wiederholte Einsatz von Kinderchören, einige Checklisten-Themen oder die stellenweise sehr glatt produzierten, bewusst radiotauglichen Arrangements der Pop-Songs wirken zu vertraut und kalkuliert. Auch gewisse Entscheidungen, etwa bestimmte Beats oder Samples, die sich offensichtlich an aktuellen Hörgewohnheiten und Trends im deutschsprachigen Pop orientieren, fügen sich nicht immer passend und wirksam in die ansonsten homogene Klang-Ästhetik ein. So entsteht leider gelegentlich der merkwürdige Eindruck, das Album würde geradezu zwanghaft eine Art der Anschlussfähigkeit und Relevanz suchen, wo es dies eigentlich gar nicht nötig hätte. Und doch wiegen diese Kritikpunkte weniger schwer, als sie es beim Lesen vielleicht vermuten lassen. In seiner Gesamtheit entfaltet „Liebe Glaube Monster“ eine überraschend gut gesichtete Balance. Es ist ein Album, das weder ausschließlich für die alten noch die neuen Fans gemacht ist. Stattdessen gelingt es, verschiedene Ären klug miteinander zu verbinden, indem die dunklere und kantigere Seite früherer Werke, die pop-rockig hymnische Größe der Erfolgsphase ab „Grosse Freiheit“ und eine neue, persönlichere Introspektion einbringt. Gerade diese Ausgewogenheit macht den neuen Langspieler auch so zugänglich und gleichzeitig nachhaltig. Er bietet genug Vertrautes, um sofort zu funktionieren und dreht zugleich an den richtigen Schrauben, um auch über längere Zeiträume zu tragen. So ist „Liebe Glaube Monster“ am Ende genau das, was ein Comeback im besseren Fall sein kann: Kein zu sehr forcierter Neuanfang, keine stumpfe Reproduktion, sondern eine selbstbewusste Rückkehr. Ein Werk, das seine eigene Herkunft kennt und sie mit ruhiger Hand unbeirrt weiterschreibt. Und vielleicht liegt genau darin seine größte Stärke, dass es gar nicht erst versucht, etwas anderes zu sein, sondern das bleibt, was „Unheilig“ in siebenundzwanzig Jahren ausgezeichnet hat – nur um einige Facetten reicher.

 

Informationen:

 


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