Stahlmann - Mesh - Unzucht (2026)

20. Juni
34 Min. Lesezeit


Stahlmann - Schwarz Wie Der Tod (2026)
Genre: Rock / Alternative
Release: 27.02.2026
Label: Sdk777 (Alive)
Spielzeit: 37 Minuten
Fazit:
„Stahlmann“ zählt seit Jahren zu den festen Größen der Neuen Deutschen Härte und steht für einen kompromisslosen Sound und eine unverwechselbare musikalische Handschrift. Musikalisch und inhaltlich knüpft „Schwarz Wie Der Tod“ nahtlos an die bekannten Stärken von „Stahlmann“ an und entwickelt sie konsequent weiter. Wuchtige Riffs, klare Strukturen und markante Refrains prägen den Sound und schaffen eine dichte, durchgängige Atmosphäre. Die Texte spiegeln eine dunkle, intensive Welt, die jedoch nie oberflächlich wirkt, sondern Tiefe und Authentizität transportiert. Die Band zeigt damit einmal mehr, dass sie nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich ihre Position innerhalb der Neuen Deutschen Härte konsequent behauptet. „Schwarz Wie Der Tod“ erscheint am 27.02.2026 über Out Of Line als Stream, Download, CD im Digipak oder limitierte Fan-Box. Diese enthält neben dem Digipak zusätzlich einen Sticker mit dem Album-Motiv, eine unterschriebene Autogrammkarte, ein Plektrum und einen Hipbag (210 x 120 x 50 mm, Länge 850 mm) in einer Stülpdeckel-Schachtel.

Manche Bands verändern sich über die Zeit mit jedem weiteren Album. Andere bleiben sich wiederum stetig treu und schärfen genau dadurch ihr eigenes Profil: Die Göttinger von „Stahlmann“ gehören seit Jahren zur letzten Kategorie. Seit ihrer Gründung in 2008 haben sie sich innerhalb des Genres der Neuen Deutschen Härte mittlerweile nicht nur ein respektables Standing, sondern auch eine ganz klare Identität erarbeitet. Kühl, kantig und visuell immer mit einem gewissen Hang zur industriellen Ästhetik. In den rund achtzehn Jahren des Bestehens hat sich dabei weniger der eigentliche Kern als vielmehr dessen Hülle etwas verändert, denn wo frühe Werke noch stärker mit einem wenig originellen, doch zugegeben sehr launigen Mix aus klassischen NDH-Riffs, schwarzem Dancefloor-Electro, eingängigen Hooks und viel Goth-Pathos spielten, der sich sowohl thematisch als auch klanglich nicht selten an den ganz großen Vorbildern der Szene orientierte, wirkten die letzten Veröffentlichungen geerdeter, direkter, ja, manchmal vielleicht sogar nüchterner und damit etwas gleichförmig in ihrer Wirkung, die schon seit einigen Jahren leider nicht mehr an die doch recht groß Hit-Dichte der ersten drei Alben heranreichen konnte. Mit „Schwarz Wie Der Tod“ knüpfen die stählernen Herren, deren Besetzung sich unterdessen so einige Male geändert hat, genau hier an. Dieses Album erhebt einmal mehr erst gar nicht den Anspruch, das oftmals ohnehin ziemlich stagnierende Genre neu definieren zu wollen, sondern klingt in den meisten Momenten ganz so, wie man es erwarten würde… Was gut und gleichzeitig wenig vorteilhaft ist. So beginnt das neue Album mit der aktuellsten Single „Ohne Heiligen Schein“. Ein Einstieg wie ein Kaltstart: Der Song schiebt bereits nach wenigen Sekunden des Aufbaus direkt vorne. Es gibt raue E-Gitarren mit dem typischen Riff auf Anschlag, einen dunklen Keyboard-Chor und marschierenden Rhythmus, der sofort greift. Alles daran wirkt kompakt und griffig, doch genauso formelhaft kalkuliert und schon oft gehört. Auch textlich bewegt man sich im typischen Spannungsfeld zwischen Moral und Selbstbild. Der Heiligenschein wird abgelegt. Keine Fassade, keine Rechtfertigung. Mit abgedroschenen Phrasen sind die meistgehassten Götter in der Hölle erwacht, kommen aus dem Dunkel zurück, sind natürlich voller Sünde und sowieso die Antwort auf all das Beten und Leben… All das erinnert an „Die Besten“ von „Kinder Der Sehnsucht“ aus 2019 und ähnlich geartete Kandidaten. Ob man mit dergleichen geradezu peinlichen Überhöhungen ernsthaft meint, sich möglichst rebellisch wirkend im Genre-Sprech trotziger Hymnen mit „Wir sind wieder zurück“-Charakter zu bewegen oder jene 08/15-Zeilen bewusst so dermaßen nichtssagend gehalten sind, dass man praktisch jede Adressierung hineininterpretieren kann, sei mal dahingestellt. Oder sind „Stahlmann“ etwa dem „Wahnsinn“ anheim gefallen? Die zweite Vorab-Single macht schon in ihrer Betitelung keinen Hehl aus ihrer Genre-Herkunft: Ein knappes, deutschsprachiges, negativ verortetes Schlagwort, welches irgendeinen Gemütszustand zwischen purer Ekstase, rasender Wut und drohender Eskalation beschreibt. Hatten wir allein in der jüngere Vergangenheit etwa schon die „Mordlust“, „Wollust“ oder „Tobsucht“ zwischen all den sinnlich-süchtigen Sadisten und Sündern, so… Ach, egal! Es dominieren stampfende Drums und fette Gitarren-Wände im schwer schleppenden Mid-Tempo. „Wahnsinn“ ist wuchtig und massiv, aber auch weitaus weniger eruptiv als es der Titel vermuten lassen würde. Inhaltlich geht es in gewohnter NDH-Poesie um Kontrollverlust und den Moment, in dem Denken und Handeln voneinander getrennt werden. Als dritten Vorgeschmack aus Januar 2026 hat man sich für „Ein Letztes Glas“ entschieden, welches das Gaspedal jetzt deutlich stärker durchdrückt und das Tempo mit seinen rasenden Gitarren sofort um so einige Nuancen erhöht. Das Fundament bleibt gleich, verschiebt den Stil aber eher in Richtung Deutsch-Rock. Kernige Riffs, straighter Groove und ein betont eingängiger Refrain zum Mitsingen sorgen immerhin für eine Hauch musikalischer Abwechslung. Die Lyrics schüren, wie der Titel es bereits andeutet, ordentlich Melancholie. Eskapismus, Abschied, ein Hoch auf die Freundschaft, alte Zeiten, alte Liebe, die ungewisse Zukunft und überhaupt. Ein Grund zum Feiern mit einer nostalgischen Träne im Knopfloch findet sich ja immer. Musikalisch bleibt alles zugänglich und hymnisch. Mit „Von Sehnsucht Zu Sehnsucht“ geht es dann wieder zurück zur klassischen NDH. Der Sound ist bewusst rau und kantig gehalten, das Tempo gedrosselt und der stampfende Rhythmus schwer. In seiner musikalischen Gestaltung erinnert das Stück an einige ähnlich geartete Nummern von „Quarz“ aus 2021. Textlich zeichnet der Song ein Bild permanenter Suche nach Nähe, Sinn und etwas, das sich nie vollständig greifen lässt. Immer weiter. Von einem Punkt zum nächsten. Ohne Ankommen. Wirkliche Höhepunkte gibt es hier ob der Gleichförmigkeit zwar nicht, dafür entwickelt der obligatorische, treibende Viervierteltakt doch eine gewisse Sogwirkung, die einen schnell mitzieht und im Ohr hängenbleibt.

„Schwarz wie der Tod“ ist der aktuelle Titeltrack und wurde im Vorjahr als erste Single ausgewählt. Hier werden so ziemlich alle bekannten Elemente gebündelt, die zuvor aufgebaut wurden: Das stampfende Schlagzeug erzeugt mächtig Druck, dreckig tönende E-Gitarren schreddern ungeschliffen drauf los, die NDH kippt beinahe in den Metal. Die von Percussion und sphärischer, kaum wahrnehmbarer Elektronik grundierten Strophen fokussieren nun mehr auf die dunkel raunende Stimme von Martin Soer, bis in der zweiten Hälfte das Tempo dann deutlich angezogen wird. Musikalisch wirkt die Nummer vor allem durch ihre kleinen Breaks etwas mutiger und breiter aufgestellt, auch der hymnisch rockende Refrain geht recht gut ins Ohr. Die zusätzliche Dynamik durch den kurzen Shouting-Gastbeitrag von Bianca Herrmann, ihres Zeichens Sängerin der Modern-Metal-Newcomer „About Monsters“, weiß nicht nur zu überraschen, sondern auch zu gefallen. Hier passiert im Kleinen doch deutlich mehr als zuvor, ohne dass das „Stahlmann“-Terrain verlassen wird. Der Text trieft hingegen wieder vor scheinbar wahllos zu Sätzen verquickten, lautmalerischen Schlagworten aus dem Genre-Bingo. Die „Cyberwelt“ täuscht zumindest durch ihren Titel ganz kurz an, jetzt musikalisch vielleicht mehr Abwechslung zu bieten. Fehlanzeige! Dabei hätte eine etwas elektronischere Ausrichtung durch die Hinzunahme von elektrisierenden Synths oder tanzbaren Beats im Stil der ersten Alben hier durchaus viel Sinn gemacht. Inhaltlich gibt‘s praktisch auch nichts wirklich Neues, wobei hier keine Dystopie einer düsteren Zukunft, in der Maschinen den Menschen ersetzen, geschaffen wird, sondern der Titel als Überzeichnung der voll digitalisierten, doch zugleich leeren Gegenwart steht: Identitäten ohne Substanz, Nähe ohne Berührung, Kommunikation ohne Bedeutung. Wie vorhin bereits angerissen, scheinen „Stahlmann“ wohl allmählich die Begriffe aus dem NDH-Einmaleins auszugehen: Wurde das gelungene „Adamant“ aus dem Jahr 2011 damals noch von der „Dämonin“ beschlossen, so gibt es nun einen Song namens „Dämonen“. Nur geht es dieses Mal nicht um Verführung, sondern die inneren Feinde: Dunkle Gedanken, Impulse, tiefe Abgründe. Rasende Power-Riffs legen sich in erhöhtem Tempo über die dezent surrenden Electro-Fragmente, während Soer, wie mittlerweile schon seit einigen Alben üblich, so leise und undeutlich nuschelt, dass er kaum mehr zu verstehen ist. Musikalisch gehört der Song durchaus zu den härteren Momenten des Albums und etwas weniger kontrolliert. Wer sich vielleicht noch an „Sadist“ vom 2015 erschienenen „Co2“-Album erinnert, bekommt mit „Meister – Sadist Part II“ nun die Fortsetzung, die zwar ebenfalls nicht gerade den Innovationspreis gewinnt, dafür aber ein Stück weit mehr Laune als der Vorgänger macht. Der Titel lässt wenig Raum für Interpretation und genau so funktioniert auch der Song: Musikalisch erneut ziemlich kompakt gehalten, durchweg aggressiv und auf brachiale Riffs konzentriert. Die Struktur ist einmal mehr archetypisch geraten, dafür werden die auf dem neuesten Longplayer sonst eher minimalistischen Strophen nun von einem pumpenden Electro-Beat gefüllt und auch der beschwörende Chorus, in welchem Soers Stimme endlich an Volumen gewinnt, macht wieder mehr Laune. Natürlich geht es im plakativ geratenen Text um Macht, Kontrolle, das Überschreiten von Grenzen und Dominanz, was dem Song eine rohe Präsenz verleiht. „Stahl Und Sünde“ wirkt im Titel wie eine Kombination aus einem Teil des Bandnamens und einem der Worte, die Soer beim Texten wohl am häufigsten und liebsten verwendet. Über den kürzesten Song in der Tracklist gibt es demnach nur wenig zu sagen: Da tanzen in Lack fein gemachte Gestalten durch die Stadt, ziehen voller Stahl, Energie und natürlich Sünde durch die Straßen, sind vom Teufel inspiriert und die Nacht verbrennt in Gier… Wahrscheinlich als eine Art einende Szene-Hymne im Band-Ästhetik-Duktus gedacht, hat man hier nur Fragezeichen im Gesicht, wirken doch mittlerweile viele der Lyrics so, als seien sie nur da, weil die Lieder sonst reine Instrumentals wären. Dass den silbernen Herren sowieso seit einigen Jahren nicht nur die Keywords aus dem begrenzten NDH-Vokabular und erfrischende Melodien, sondern auch allgemein die Themen ausgehen, zeigt „Süß Ist Der Schnitt“, welches sich nach „Die Klinge“ und „Jeder Schnitt“ von vorherigen Longplayern einmal mehr mit Selbstverletzung in absolut vorhersehbaren Worten auseinandersetzt und abgegriffene Szene-Klischees geradezu unpassend romantisiert. Instrumental geschieht dies wie bei den meisten neuen Stücken hier sehr viel rougher und dank der absolut überproduzierten Gitarren zudem weniger melodisch, wenn der Gesang unter dem dumpfen Geschrammel beinahe vollständig untergeht. Vermutlich nur ein witziger Zufall: Eine Woche zuvor brachten „Universum25“ ihr zweites Werk „Die Maschinen Wollen Leben“ auf den Markt, dessen erste Single „Wenn Roboter Träumen“ betitelt ist. Der Closer des aktuellen „Stahlmann“-Albums heißt hier wiederum „Wenn Maschinen Träumen“ und fügt sich damit äußerst gut in die Liste der silbernen Songtitel ein. Immerhin existieren im eigenen Backkatalog ja schon sowohl die „Tanzmaschine“ als auch die „Gottmaschine“, wobei Worte wie „Maschine“, „Gott“ und „Tanzen“ im begrenzten Lyric-Pflichtprogramm der stählernen Mannen mindestens so oft vorkommen, wie „Asche“, „Blut“, „Himmel“, „Hölle“, „Teufel“, „Götter“, „Lust“ und „Sünde“. Das alles klingt ja so schön neu, deutsch und hart… Oder!?

Auch auf die nicht gerade geringe Gefahr hin, mich in einer Review zum neuen „Stahlmann“-Output ebenso sehr zu wiederholen, wie die Band sich mittlerweile selbst, muss vor allem langjährigen Hörern aufgefallen sein, dass die Göttinger, deren einzige Konstante im Line-Up Gründungsmitglied Martin Soer ist, die Qualität der Singles bis circa 2017 bereits seit knapp zehn Jahren nicht mehr erreichen. Ob „Hass Mich… Lieb Mich“ und „Stahlwittchen“, „Spring Nicht“, „Tanzmaschine“ und „Süchtig“ oder „Schwarz“, „Plasma“ und „Nichts Spricht Wahre Liebe Frei“… Aber auch neben diesen Auskoppelungen fanden sich auf jedem Album einige weitere ziemlich gute Stücke, die als schnell ins Ohr gehen und damit einfach Laune machen. Klar, die genannten Songs haben schon damals in keiner Kategorie irgendetwas grundlegend anders gemacht, keine neuen Themen außerhalb der jeweiligen Genre-Bubble angesprochen und erst recht keine musikalischen Innovationen hervorgebracht, um sich von bereits etablierten Genre-Kollegen abzuheben. Es war durch und durch klassische NDH mit kernigen Riffs, einem tanzbaren Electro-Einschlag, catchy Refrains und enorm eingängigen Melodien, die vor allem live Spaß macht… Mehr muss es manchmal auch gar nicht sein! Seit „Kinder Der Sehnsucht“ aus 2019, welches zwar keine besonders herausragenden Highlights, dafür aber immerhin noch eine Handvoll recht solide Nummern enthielt, hat sich jedoch eine Gleichförmigkeit eingeschlichen, die sich auf dem farblosen Nachfolger „Quarz“ schließlich vollends manifestiert hat. Seitdem setzt es hauptsächlich uninspirierte Standard-NDH-Riffs, während die elektronische Club-Note, welche zugegebenermaßen großen Anteil an den Hit-Qualitäten hatte, mittlerweile nahezu vollständig fehlt und höchstens noch als atmosphärische Grundierung dient. Auch die oftmals so einprägsamen Refrains bleiben weitestgehend aus und gestalten sich dafür als immer gleiche Wiederholungen des jeweiligen Titels oder schon dutzend Male besser gehörte Phrasendrescherei, die in Summe kaum hängen bleiben. Die alle ähnlich grollenden Melodien sind austauschbar geworden und die Gitarren teils heillos schrammelig überproduziert, sodass die eigentlich recht markante Stimme von Soer, dessen Gesang über die Jahre ohnehin mehr und mehr in raunende Nuschelei übergegangen ist, stellenweise kaum oder nur wie durch einen Wattebausch zu verstehen ist. Leider finden „Stahlmann“ aus jener kreativen Stagnation scheinbar nicht mehr heraus und damit zu alter Stärke zurück. Die Jubiläums-EP „Addendum“ und das vor zwei Jahren erschienene „Phosphor“ krankten dann zwar ebenfalls an der mittelmäßigen Produktion, boten aber beispielsweise mit „Tanzen“ und „1000 Gründe“ oder „Interstellar“, „Asche Zu Asche“, „Luxusuniform“ und „Am Firmament (1000 Stimmen Part II)“ immerhin wieder ein paar melodiöse Hoffnungsschimmer, die etwas an alte Tage zu erinnern wussten. Doch davon ist jetzt auf „Schwarz Wie Der Tod“ praktisch nichts mehr zu hören, das mit allen elf Songs das kleine NDH-Einmaleins standardisiert runterbetet und in allen Belangen nur so vor Einfallslosigkeit strotzt. Zwar funktionieren diese grundlegend und direkt, wodurch der gesamtheitliche Sound stellenweise entschlackt und nicht zu überladen wirkt, was jedoch wiederum seinen Preis hat: Was auf den ersten Blick noch wie Konsequenz wirkt, entpuppt sich über die gesamte Laufzeit in dieser Vehemenz zunehmend als Gleichförmigkeit, die aus zu ähnlichen Mustern und dafür zu wenig Momenten, die wirklich herausstechen, resultiert. Auch thematisch zeigt sich ein ganz ähnliches Bild, bleibt die Ausarbeitung der bereits oft aufgegriffenen Themen doch lediglich an der Oberfläche. Viele Motive wiederholen sich auch hier in leichter Variation, werden aber nicht weitergedacht oder gar vertieft. Nahezu alle Lieder wirken dadurch weniger wie eigenständige Perspektiven mit individueller Geschichte, sondern mehr wie unterschiedliche Facetten desselben Gedankens. Kein Text, kein Riff, keine Melodie und kein Refrain bleibt wirklich langen hängen, kein einziger Song sticht hier auch nur annähernd aus dem Einheitsbrei heraus… Und das will schon etwas heißen, erwartet der geneigte Hörer doch erst gar keine bahnbrechenden Neuerungen, sondern einfach gute Genre-Kost mit Wiederhörwert. „Schwarz Wie Der Tod“ ist ein Album, das seine klare Identität zu keinem Zeitpunkt infrage stellt. „Stahlmann“ bleiben sich in jeder Hinsicht treu, was immerhin als Stärke zu werten ist. „Schwarz Wie Der Tod“ ist in diesem Sinne kein kompletter Fehlgriff und funktioniert für den treuen Fan, allerdings nur im eigenen, mittlerweile sehr eng gestreckten Kosmos, der inhaltlich wie musikalisch leider nie an alte Stärken heranreicht oder gar über sich hinauswächst, da sich zu sehr auf Bewährtes verlassen wird. Wer den letzten Alben von Soer und Co. etwas abgewinnen konnte, wird hier aber zweifelsfrei weiterhin seine Freude haben. Alle anderen greifen vermutlich lieber zu den zahlreichen Alternativen. Demnach bleibt auch in dieser Beziehung alles so, wie‘s vorher war.
Informationen:
http://www.stahlmann-band.de
https://www.facebook.com/Stahlmann-138756019513864/

Mesh - The Truth Doesn't Matter (2026)
Genre: Electro / Pop / Alternative
Release: 27.03.2026
Label: Dependent (Alive)
Spielzeit: 71 Minuten
Fazit:
„Mesh“ reflektieren unter anderem das Zeitalter der postfaktischen Lügen im Titel ihres neuen Albums „The Truth Doesn't Matter“. Damit wird auch der dunkle Unterton erklärbar, der wiederholt in ihren neuen Songs erscheint. Doch es spiegelt sich auch eine Wahrheit wider, nämlich die unbestreitbare Tatsache, dass das britische Duo über ein beinahe unheimliches Talent verfügt, ebenso elegante wie packende elektronische Hits zu schreiben. „The Truth Doesn't Matter“ detoniert wie ein funkelndes Feuerwerk am Musikfirmament und nimmt dabei subtil Bezug auf drei Jahrzehnte elektronischer Sounds, die von Giorgio Moroder, „Yazoo“ und „Depeche Mode“ über „Garbage“ und „Massive Attack“ bis hin zu zeitgenössischen Künstlern reichen. Gleichzeitig bewahren „Mesh“ stets ihre auf Anhieb erkennbare, einzigartige musikalische Identität. Ihr charakteristisches Klangbild haben die Engländer seit den fulminanten Anfängen in den frühen Neunzigern kultiviert. Mit „The Truth Doesn't Matter“ erklimmen „Mesh“ weitere Sprossen auf der Leiter zum Himmel der elektronischen Musik. Jeder einzelne Song wurmt sich unerbittlich ins Ohr und bleibt dort stecken, was zu spontanem Mitpfeifen der Melodien, lautstarkem Mitsingen der eingängigen Refrains und akutem Tanzdrang führt. Warnhinweis: „The Truth Doesn't Matter“ ist hochgradig ansteckend und kann bei wiederholter Anwendung zu einem glücklicheren Leben führen! „The Truth Doesn't Matter“ erscheint am 27.03.2026 via Dependent Records als Stream, digitaler Downlaod, CD, 2-CD im achtundvierzigseitigen Hardcover-Artbook mit neun exklusiven Bonus-Songs, alternativen Versionen, Mixen und Neuinterpretationen, Doppel-Vinyl in Schwarz oder Blau sowie als auf fünfhundert Exemplare limitierte Complete Edition, welche neben der 2-LP zudem eine exklusive Vinyl mit dem Inhalt der Bonus-CD, ein Postkarten-Set, ein Poster, das komplette Artbook und ein nummeriertes, von der Band handsigniertes Zertifikat enthält.

Es gibt Bands, die sich mit jedem Album immer wieder neu erfinden. Und dann gibt es noch jene, die ihren Sound über all die Jahre hinweg perfektionieren… „Mesh“ gehören ohne jeden Zweifel seit jeher zur zweiten Kategorie! Seit Anfang der Neunzigerjahre steht das Duo aus Richard Silverthorn und Mark Hockings für eine Form elektronischer Musik, die sich bewusst zwischen Club und Kontemplation, tanzbarer Eingängigkeit und emotionaler Tiefe bewegt. Nie so ganz Szene, nie so ganz Mainstream, nie so ganz EBM, nie so ganz Future Pop, sondern immer irgendwo dazwischen, damit irgendwie doch etwas von allem und wahrscheinlich gerade deshalb so ungemein eigenständig. Mit „The Truth Doesn't Matter“ setzen die Zwei aus Bristol nach zehn Jahren des langen Wartens diesen Weg endlich fort. Sofort wirkt alles vertraut und doch seltsam anders. Wo frühere Alben oftmals noch von einem Mix aus gewissem Pathos und melodischer Beschwingtheit getragen wurden, muten jetzt viele Stücke in ihren Inhalten merklich ruhiger und reflektierter, ja, stellenweise beinahe resignativ an. In den bisherigen Interviews wird deutlich, dass sich diese Haltung natürlich nicht rein zufällig entwickelt hat: Die letzten Jahre waren geprägt von globalen Krisen, gesellschaftlicher Fragmentierung sowie einem zunehmenden Verlust an Empathie, Zusammenhalt und Menschlichkeit in einer Welt, die sich ohnehin viel schneller dreht, als ihr guttun würde. So ist der Titel selbst viel mehr äußerst programmatisch und eine beinahe nüchterne Beschreibung des aktuellen Zeitgeists, denn plakativ lautmalerische Effektheischerei. Es geht nicht länger darum, was wirklich wahr ist, sondern darum, dass Wahrheit immer mehr an Bedeutung verliert. Ein bedenklicher Zustand, in dem individuelle Wahrnehmung wichtiger als Realität scheint und Meinungen augenscheinlich stärker als bloße Fakten wiegen, wodurch die Orientierung zunehmend schwerfällt. Eine thematische Grundlage, die sich durch das gesamte Album zieht. Musikalisch bleiben „Mesh“ ihrem charakteristischen Sound aus warmen Synth-Flächen, meist im Mid-Tempo angesiedelten Beats sowie kölllar strukturierten und melancholischen Melodien treu. Gewisse Veränderungen offenbaren sich eher wohl nuanciert im Detail: Wenngleich sich in der Tracklist insbesondere mit den zuvor ausgekoppelten Singles auch viel Cluborientierung zeigt, zielt das Duo hier trotz einer durchgängig hohen Qualität weniger offensichtlich auf große Hits ab, sondern konzentriert sich stattdessen viel auf eine zurückgenommene Dynamik und stärkere Betonung der Atmosphäre, sodass alle dreizehn Songs und die drei Interludien hervorragend als geschlossenes Gesamtwerk funktionieren. Diese entwickeln sich oft langsam, verzichten auf schnelle Höhepunkte und setzen stattdessen auf Verdichtung und subtile Veränderungen. Das Ergebnis ist ein homogenes Klangbild, welches sich nach und nach wunderbar entfaltet. Inhaltlich bewegt sich das Album in einem klar umrissenen Spannungsfeld, das nahezu typisch für die sympathische Band aus Bristol ist und die eingangs erwähnten Konflikte zwischen Wahrheit und Wahrnehmung, Hoffnung und Resignation oder auch Nähe und Entfremdung in Form fragmentarischer Momentaufnahmen umspannt. Typisch für „Mesh“ bleiben viele der Texte offen für die eigene Interpretation, aber ebenso präzise genug, um eine emotionale Richtung und Identifikation vorzugeben. Der Titeltrack beginnt zunächst zurückhaltend und eröffnet das Album mit einer beinahe schon verdächtigen Ruhe. Keine große Geste, kein Ausbruch. Stattdessen schichten „Mesh“ langsam ihre typischen Klangflächen aus warm schwebenden Trademark-Synthesizern und tiefen Basslinien übereinander, bis schließlich ein reduzierter Beat tragend einsetzt. Die Stimme von Hockings wirkt zunächst ruhig, erscheint im weiteren Verlauf dann aber immer progressiver, ja, fast schon aufgebracht, während sich die zentrale Aussage immer weiter entfaltet. Das Leben in einer zunehmend postfaktischen Realität, in der Wahrheiten durch Narrative, Echokammern und digitale Verzerrung ersetzt werden. Die Wahrheit verliert ihren Wert. Nicht durch Lüge, sondern durch Gleichgültigkeit und das Vorenthalten von Informationen: „The truth only works if no one gets hurt!“. Die soundtechnische Ausgestaltung ist bemerkenswert transparent, wird doch jedem Element sein benötigter Raum zugestanden. Nichts drängt sich hier zu sehr in den Vordergrund, wodurch eine ganz eigene Spannung entsteht, die sich mit zunehmender Dauer klimaxartig zu cineastischer Größe aufbaut. Dabei formuliert das Duo nicht unbedingt direkt eine offene Anklage, sondern gibt sich scharfsinnig beobachtend, sodass die titelgebende Aussage erschreckend selbstverständlich erscheint. Daraus geht anschließend „A Storm Is Coming“ hervor, welches durch seinen starken Vorwärtsdrang noch dynamischer daherkommt. Eingeleitet durch verquere Synth-Sounds und Sampling entfaltet sich eine pulsierend treibende Sequenz, die sich sodann durch den gesamten Track zieht und dabei einen geradezu hypnotischen Drive offenbart. Der durch die wechselnden Elemente besonders vielseitige Up-Tempo präsentiert sich vor allem in den Strophen ungewohnt zwingend und dunkel, in Bridge und Refrain klart sich die Stimmung jedoch in klassischer Manier hochmelodisch wieder auf. Musikalisch erinnert die Mischung aus melancholischer Weite und unterschwellig Power an klassische „Mesh“-Momente der frühen Jahre, doch bleibt das Stück atmosphärisch über weite Strecken recht angespannt. Der angekündigte Sturm ist hier weniger wahrhaftige Naturgewalt als gesellschaftlicher Zustand, kollektive Unruhe und möglicher Wandel, womit das Duo, wenn auch nur indirekt, überraschend kritisch und politisch agiert. Gerade die Verbindung dieser beiden ersten Songs zum Auftakt funktioniert hervorragend: Der Titeltrack beschreibt den Status Quo, sein Nachfolger die mögliche Konsequenz daraus. „I Lost a Friend Today“ ist einer der wohl emotionalsten Momente des ganzen Albums. Schon die ersten Takte sind schwer, die Synthesizer-Linien melancholisch und fragil, während der Rhythmus zurückhaltend bleibt und sich die daraus ergebende, zarte Melodie behutsam erschließt. „Mesh“ vermeiden sowohl musikalisch als auch lyrisch jede Form übertriebener Dramatik und genau jene emotionale Ehrlichkeit ist es auch, weswegen diese Ballade auch so präzise ins Herz trifft. Das Stück stellt weniger die Trauer um eine konkret benannte Person als das stille und dabei nicht weniger schmerzvolle Begreifen eines unwiederbringlichen Verlusts in den Vordergrund, welches musikalisch vor allem durch die warmen Flächen sowie eine zurückgenommene Stimmungsdynamik unterstrichen wird. Exakt dadurch entsteht jene Form von Melancholie, die „Mesh“ seit vielen Jahren nahezu einzigartig beherrschen.

„Polygraph“ fungiert eher als atmosphärisches Interludium, denn als vollwertiger Song. Mit seiner kurzen Laufzeit, den elektronischen Fragmenten und den verzerrten Klang-Schichten entsteht ein atmosphärischer Moment des Übergangs. Entscheidend ist dabei der Titel selbst: Der Lügendetektor als Symbol für Wahrheitssuche in einer Welt, in der Wahrheit längst schon manipuliert wird. Das großartige „Trying to Save You“ birgt wieder deutlich mehr Struktur durch einen warmen Beat im Mid-Tempo, fließende Synth-Linien und einen dieser melodisch eingängigen Refrains, die „Mesh“ seit jeher so dermaßen unverwechselbar machen. Gleichzeitig bleibt die Grundstimmung auch hier ambivalent. Textlich kreist der Song um den Versuch, jemanden emotional zu erreichen, ihn zu retten, obwohl die Vergangenheit bereits gezeigt hat, dass genau das vielleicht unmöglich ist. Demnach klingen die Lyrics einerseits hoffnungsvoll und gleichzeitig doch erschöpft. Besonders stark ist die Kombination aus der melodischen Wärme und den verzweifelt tönenden 80’s-Melodiebögen mit den konterkarierend kühlen Sprengseln, welche die emotionaler Ohnmacht perfekt spiegeln. Gerade dieses Spiel mit den Gegensätzen und der großartige Refrain machen den Song zu einem der zugänglichsten und zugleich tragischsten Momente der ersten Hälfte. Mit über sechs Minuten Spieldauer entfaltet sich „Bury Me Again“ deutlich langsamer als die vorherigen Lieder. Der Song baut sich mit tiefen Bassbewegungen, schwebenden Flächen und einer introvertierten, beinahe sakralen Atmosphäre, hier zusätzlich verstärkt durch die elegische Stimme von Mari Kattman, allmählich auf. Dabei wird der Gesang der talentierten US-Amerikanerin im Refrain weniger wie bei einem klassischen Feature-Duett eingesetzt, sondern mehr wie ein Echo, ein Gegenüber, vielleicht sogar ein innerer Dialog. Inhaltlich geht es in dem Song um Selbstaufgabe. Kein einmaliger Schmerz, sondern das wiederholte Zurückfallen in dieselben emotionalen Muster. Immer wieder begraben werden, immer wieder zurückkehren als Sinnbild für einen ewigen Kreislauf. Im Folgenden tritt der gesellschaftliche Aspekt der ersten Songs zumindest auf den ersten Blick in den Hintergrund, stattdessen wird es noch persönlicher und intimer. Was jedoch bestehen bleibt, ist das grundlegende Gefühl, welches sich durch das gesamte Album zieht: Unsicherheit. Distanz. Und das langsame Schwinden von echter Verbindung. Musikalisch gesehen, hebt sich das Klangbild alsbald in etwas heller instrumentierte, tanzbare Momente, die gewohnt melodisch im Ohr bleiben, während die Inhalte weiterhin von Verlust, Isolation und innerer Erschöpfung geprägt sind. „I Bleed Through You“ gehört zu den unmittelbar eingängigsten Momenten des Albums. Die ersten Sekunden arbeiten durch ihren monoton-schrägen Synthesizer-Loop und die hallenden Amboss-Schläge zunächst mit EBM-Ästhetik, bevor sich jener typische „Mesh“-Sog entfaltet: Warme Sequenzen, ein poppig pulsierender Beat und eine catchy Melodie, die sich sofort einprägt. Es ist die Verbindung von klassischem Synth- und Future-Pop mit dem New Wave der Achtzigerjahre, ohne wehmütig in Nostalgie zu verfallen oder sich zu verbiegen und es dabei dennoch zu vollbringen, sich nicht zu reproduzieren. Dazu kommt abermals ein melancholisch behafteter Refrain und dieser eigentümliche Signature-Mix aus elektronischer Power und beschwingter Traurigkeit. Zu „Kill Us With Silence“ kippt die Emotionalität des vorherigen Songs, denn auch wenn musikalisch vieles zunächst vertraut bleibt, verändert sich die Atmosphäre hier doch schlagartig. Trotz gewohntem Mid-Tempo und kontrollierter Dynamik wirkt die Instrumentierung in den Nuancen kühler und distanzierter. Insbesondere dann, wenn im aufbrausenden Chorus auch fragmentierte E-Gitarren ihre Verwendung finden. Dabei beschreibt der Track einen der zentralen Gedanken des Albums besonders präzise, wenn gesellschaftliche Zerklüftung nicht zwingend durch Lautstärke oder Gewalt, sondern Schweigen, Rückzug und mangelnden Kommunikation stattfindet. Das kurze Instrumentalstück „1031030“ funktioniert sehr ähnlich wie zuvor bereits „Polygraph“ als stimmungsvolles Interludium-Bindeglied im Fluss der Tracklist. Elektronische Texturen aus schrillem Fiepen, Knarzen und kurzen Sample-Sequenzen werden von reduzierten Drum-Rhythmen getragen und erzeugen eine bewusst sterile Atmosphäre, welche durch den kryptischen Titel selbst nur noch verstärkt wird. Mit der zweiten Single namens „This World“ verbinden sich abermals viele Elemente, die „Mesh“ schon seit Jahren auszeichnen und ihre stärksten Songs so zeitlos wirken lassen: Eine wunderschöne Melodie, breite Flächen und eine melancholische Wärme, welche hier insbesondere durch die hellen Piano-Tupfer inmitten der sphärischen Kulisse zum Tragen kommt. Musikalisch gehört die entschleunigte Ballade zu den ruhigsten Momenten der Tracklist. Erst der Refrain hebt sich dann deutlich hervor und bündelt die Grundthematik des Albums besonders klar. Es geht um eine Welt, in der Wahrheit, Orientierung und der gesellschaftliche Zusammenhalt zunehmend verschwinden, doch anstatt einer wütenden Anklage und der Suche nach Schuld, wirkt der Text hier viel mehr wie ein wehmütiger Blick auf das Geschehen. Die letzte Vorab-Auskopplung nennt sich kurz „Exile“ und bereits die ersten Sekunden tragen jene Sequenzen in sich, die Silverthorn selbst als entscheidendes Element des Songs beschrieben hat. Ein pulsierendes Arpeggio zieht sich durch den gesamten Track und erzeugt so einen permanenten, catchy Vorwärtsdrang in beinahe schon tranceartiger Manier, der natürlich einerseits extrem clubtauglich daherkommt, gleichwohl aber emotional schwer. Inspiriert von literarischen Motiven wie „The Man who Fell to Earth“ und „Stranger in a strange Land“ kreist das Stück inhaltlich zwischen Aufbruch, Isolation und Entfremdung. Musikalisch gehört „Exile“ zu den stärksten und rundesten Songs von „The Truth Doesn‘t Matter“, verbindet er doch eine hochgradig vereinnahmende Melodie mit ganz wunderbar tanzbarer Dynamik, die den Hörer in dieser Symbiose atmosphärisch nochmals anders als vieler der vorherigen und dabei nicht weniger hervorragenden Tracks packt! Die zweite Hälfte des neuen Albums unterstreicht mit ihrer emotionalen Ambivalenz, warmen Melancholie, großen Melodien und ausgewogenem Dancefloor-Fingerzeig ganz besonders deutlich, worin „Mesh“ schon immer außergewöhnlich stark waren und bleiben. Hier sind die Songs besonders zugänglich, teilweise hymnisch und bleiben dennoch von einer lyrisch tiefen Unsicherheit durchzogen.

„Everything as It Should Be“ - Schon der Titel selbst mutet beinahe zynisch an und auch musikalisch steht der Song gleich von Beginn an genau entgegen jener anschmiegsamen Wärme und Eleganz, die man mit klassischen „Mesh“-Stücken sonst verbindet. Die Melodie zeigt sich von Anfang an unruhig und zirkuliert unter den energetisch zuckenden Beats, die ungewöhnlich viel Punch mit sich bringen. Auch in den bissig intonierten Strophen wird der titelgebende Widerspruch dann weiter als Versuch enttarnt, die bröckelnde Fassade der eigenen Komfortzone aufrechtzuerhalten, um zu suggerieren, dass alles funktioniert. Der Refrain ist wieder gewohnt eingängig und bleibt der treibenden Rhythmik durchweg treu, wodurch sich ein runder Flow ergibt, der nicht abreißt. Als erste Single-Veröffentlichung übernimmt das fantastische „Hey Stranger“ natürlich eine ganz besondere Rolle innerhalb des neuen Albums, welche sich in der großen Tracklist-Riege hochqualitativen Outputs sicher nicht verstecken muss und darin sogar nochmals eine Prise greifbarer mit einem gewissen Extra an Zugänglichkeit aufwartet. Das Stück ist einmal mehr lupenreiner Synth-Pop mit melancholisch behafteten, balladesken Zügen im mittleren Tempo angesiedelt. Die sanften Flächen sind gewohnt hell und warm gestaltet und tragen einen angenehmen, fein nuancierten Hauch aufrichtiger Tragik in sich, wenn Hockings von gemeinsamen Erinnerungen, Distanz und daraus resultierender Stille erzählt. Der Rhythmus ist unterschwellig präsent, aber deutlich zurückgenommen, während der Gesang die Strophe klar bis zum Chorus trägt, der einmal mehr jene emotional aufgeladene Eingängigkeit offenlegt, welche die Briten seit Jahrzehnten so zuverlässig beherrschen, und diese mit der nachdenklich-introvertierten Grundstimmung des Albums verknüpft, denn inhaltlich weichen „Mesh“ von dieser auch hier nicht ab. So richtet sich die freundlich annähernde Ansprache an die Titelfigur nicht etwa an eine spezifische Person, sondern ist hier viel mehr stellvertretendes Symbol für die zunehmende Entfremdung und soziale Isolation allgemein. Zwischenmenschliche Beziehungen, die nebeneinander existieren, ohne sich jemals wirklich zu erreichen oder verstehen zu lernen… „Cipher“ markiert das letzte Interludium in der Tracklist vor dem nahenden Abschluss. Verzerrte Saiten der E-Gitarre und ein mechanisch bebender Beat sorgen für eine elektronisch-abstraktere Richtung, die vor allem viel mit rhythmischen Wiederholungen, reduzierten Strukturen, kleinen Samples und fragmentierten Mustern arbeitet, wodurch das rund zweiminütige Stück weniger emotional greifbar, sondern atmosphärisch ungewöhnlich kühl und distanziert scheint. Sowohl jene Stimmung als auch der Titel selbst, welcher auf eine zu entschlüsselnde Codierung verweist, passt hervorragend zur übergeordneten Thematik des Albums, die immerzu um Kommunikation und Entfremdung kreist. Daraus entwickelt sich „Not Everyone Is Lonely“, das beinahe wie eine gefühlige Antwort darauf wirkt. Die Klaviermelodie und Gitarren-Akkorde vereinen sich zusammen mit dem Mid-Tempo-Beat zu einer wunderschönen Melodie, die das Spektrum nun stimmungsvoll weit öffnet und mit ihren ungleich warmen Harmonien weich, ja, geradezu tröstend auf den Hörer einwirkt. Der Titel mag zunächst zwar hoffnungsvoll klingen, doch je mehr man dem Text in den Strophen lauscht, desto melancholischer erscheint die Aussage, bleibt die eigentliche Frage doch unausgesprochen: Was ist mit denen, die es doch sind? Das Lied gehört zu den leiseren und etwas zurückhaltenderen Momenten, entfaltet aber gerade dadurch auch seine enorme Wirkung. Die Benennung des Abschlusssongs mutet auf den ersten Blick überraschend schlicht und beinahe schon naiv an: „Be Kind“. Nach Themen rund um Wahrheit, Entfremdung, Verlust und gesellschaftliche Zerklüftung endet „The Truth Doesn‘t Matter“ nicht etwa mit einem bombastischen Paukenschlag-Finale, sondern einer kurz formulierten Bitte, deren Erfüllung zunächst vielleicht einfach scheint, sich mit einem Blick auf das aktuelle Weltgeschehen jedoch schnell jeder Selbstverständlichkeit entzieht, womit „Mesh“ auch hier absolut den Zeitgeist treffen. Der wohlig poppige Song mit Message reduziert dabei vieles auf das Wesentliche. Musikalisch bleibt es warm, fließend und schwerelos leicht. Die Synthflächen bleiben offener und weniger bedrückend oder treibend, während sich die schöne Melodie mit ruhiger Beharrlichkeit zum sanften Gesang von Hockings langsam entfaltet. Dabei liegt gerade in dieser Einfachheit auch die enorme Stärke, denn nach einem Album voller Unsicherheit, Distanz und emotionaler Kälte wirkt dieser Titel fast schon radikal. Dennoch kann auch hier eine unterschwellig mitschwingende Traurigkeit nicht verleugnet werden. Der Song klingt alles andere als grenzenlos optimistisch, sondern eher wie die Erkenntnis, dass Freundlichkeit vielleicht das Menschlichste und Einzige ist, was uns noch bleibt.

Zehn Jahre nach ihrem letzten Studioalbum „Looking Skyward“ beweisen die beiden Briten von „Mesh“ mit „The Truth Doesn‘t Matter“ einmal mehr, warum genau sie seit mittlerweile über dreißig Jahren zu den beständigsten Vertretern des elektronischen Szene-Pop zählen. Während einige Weggefährten ihrer Generation entweder nostalgisch behaftet die eigene Vergangenheit verwalten oder sich krampfhaft an aktuelle Trends anzunähern versuchen, verfolgen Richard Silverthorn und Mark Hockings weiter unbeirrt ihren eigenen Weg. Das Ergebnis ist ein Album, welches sich weder dem Zeitgeist anbiedert noch offensiv dagegen rebelliert, sondern den Status Quo stattdessen mit einer Mischung aus Melancholie und Skepsis sorgsam beobachtet. Dabei ist „The Truth Doesn‘t Matter“ vielleicht eines der erwachsensten und gleichsam spannendsten Alben der Band überhaupt, welches im Verlauf einige erfrischende Nuancen offenbart, ohne den klassischen Signature-Style dabei zu verleugnen. Wo frühere Werke wie „Who Watches Over Me?“ oder „Automation Baby“ noch häufiger auf große Refrains, offensichtliche Ohrwürmer und emotionale Höhepunkte setzten, konzentriert sich das Duo hier noch stärker auf detailreich arrangierte Atmosphäre, musikalische Kontinuität und konzeptionelle Geschlossenheit, sodass die Songs weniger wie einzelne Kapitel, sondern mehr wie ein großes Ganzes wirken. Dazu trägt mit Sicherheit auch bei, dass sich viele Fragen immer wieder durch die gesamte Tracklist ziehen: Was bleibt von der Wahrheit in einer Welt permanenter Informationsflut? Wie verändern sich zwischenmenschliche Beziehungen unter den Bedingungen zunehmender Technologisierung und gleichzeitigen Entfremdung? Und vor allem: Wie bewahrt man sich die Menschlichkeit in einer Umgebung, die schon längst immer komplexer, lauter und gleichzeitig emotional leerer wird?Auch musikalisch setzen „Mesh“ diese Themen mit beeindruckender Konsequenz in Perfektion um: Die Produktion gehört zweifellos zu den größten Stärken des Albums. Jede Schicht sitzt präzise an ihrem Platz, jede Melodie entfaltet sich mit Geduld und ohne unnötig überladene Effekthascherei. Die warmen Flächen der Synthesizer, subtil abgestimmte Sequenzen und über allem natürlich die unverwechselbar sanfte Stimme von Mark Hockings erzeugen in Summe genau die melancholische Atmosphäre, welche seit jeher das Markenzeichen der Band darstellt. Gleichwohl fällt positiv auf, wie souverän „Mesh“ mit dieser Form der Reduktion umgehen, verzichten viele Stücke doch bewusst auf Klimax und den ganz großen Ausbruch, wodurch diese nur umso mehr an Tiefe gewinnen. An diesem Punkt liegt zugleich auch die größte Herausforderung des Albums, denn so thematisch geschlossen und stimmig „The Truth Doesn‘t Matter“ über seine gesamte Spieldauer auch ist, so selten gönnt es sich Momente, die sich unmittelbar ins Gedächtnis brennen. Während frühere Veröffentlichungen mit Songs wie „Crash“, „Only Better“, „Born To Lie“, „You Couldn’t See This Coming“ oder „Kill Your Darlings“ immer wieder ganz offensichtliche Höhepunkte besaßen, verschwimmen die Stärken vieler Songs hier miteinander. Das ist keineswegs ein Zeichen schwachen Writings, sondern offensichtlich eine bewusste Entscheidung zugunsten eines runden Flows. Trotzdem entsteht so an einigen wenigen Stellen der Eindruck, dass einzelne Tracks weniger für sich selbst stehen als am Ende dem Gesamtwerk dienen sollen, was sich insbesondere im Mittelteil bemerkbar macht. Das große Ganze bleibt durchgehend faszinierend, doch nicht jedes Lied entwickelt unbedingt eine unverwechselbare Identität. Es wäre jedoch ein fataler Fehler, dem Album dies als Schwäche auszulegen, ist „The Truth Doesn‘t Matter“ doch keines, welches auf die schnelle Befriedigung und Fließband-Bedienung abzielt. Es möchte nicht als Pool ausgewählter Singles samt Beiwerk überzeugen, sondern als zusammenhängendes Werk funktionieren. Und gerade damit erinnert es an klassische Alben jener Zeit, aus der „Mesh“ ursprünglich stammen. Veröffentlichungen, die man nicht alle dreißig Sekunden auf der Suche nach dem Hit aus dem Club wahllos durchskippte, sondern ihre Gesamtheit liebte. In einer schnelllebigen Zeit, in der Musik ob kurzer Aufmerksamkeitsspannen nur allzu häufig bestenfalls nuancenartig als loses Puzzleteil in Playlists aufflackert, liefern „Mesh“ hier ein Werk ab, das manchmal Geduld verlangt. Und belohnt. Eines, das sich nicht aufdrängt, sondern langsam erschlossen werden möchte. So bleiben am Ende weniger Einzelstücke als viel mehr ein Gefühl im Gedächtnis des Hörers haften. Eines, das sich mit dem Zauber warmer Synthesizer gegen die kühle, analytische Welt stellt und melodisch-gefühlig leise Zweifel anstelle lautmalerischer Antworten preisgibt, um an die Menschlichkeit in Zeiten zunehmender Entfremdung zu appellieren. Damit mag „The Truth Doesn‘t Matter“ vielleicht nicht das unmittelbar eingängigste, spektakulärste oder hitlastigste Werk des Duos sein und auch ist es keines, welches mit betont großen Gesten viel Aufmerksamkeit erzwingen will. Doch dafür besitzt es mit seiner Würde, Reife und geschärften Geschlossenheit etwas, das wesentlich schwerer zu erreichen ist. Während manch andere Band sich in der wilden Jagd nach Trends verliert oder immer lauter und aufmerksamkeitserregender werden müssen, um ausreichend Gehör zu finden, genügen „Mesh“ hingegen noch immer die leisen Töne.
Informationen:
http://www.mesh.co.uk
https://www.facebook.com/meshtheband

Unzucht - Neon Dom (2026)
Genre: Rock / Metal / Alternative
Release: 15.05.2026
Label: Metalville Records
Spielzeit: 44 Minuten
Fazit:
Mit ihrem neuen Studioalbum „Neon Dom“ läuten „Unzucht“ eine neue Ära musikalischer Finsternis ein – ohne die Suche nach dem erlösenden Licht aufzugeben. Das Werk vereint brachiale Intensität mit tiefschwarzer Emotionalität und erschafft ein Klangpanorama, das herausfordert, überwältigt und zugleich fasziniert. Die Songs führen wie ein kontrollierter Sturz in eine von Schatten durchdrungene Welt: Getragen von wuchtigen Gitarren, kompromisslosen Rhythmen und der neuen Stimme von Frontmann Timm, der Schmerz, Wut und unerschütterliche Stärke in pure Energie verwandelt. „Neon Dom“ ist mehr als ein Album – es ist ein Befreiungsschlag. „Auf Dunkelheit folgt Licht und ich brenne alle Brücken nieder“, heißt es in „Feuerregen“. Wie ein Phoenix aus der Asche erhebt sich „Unzucht“ neu: Ein musikalischer Monolith, der seine wahre Wucht erst entfaltet, wenn man bereit ist, sich den eigenen Dämonen zu stellen. Thematisch bewegt sich das Album an den Grenzen menschlicher Existenz: innere Konflikte, ein Schlachtfeld aus Ängsten und der Zerfall vermeintlicher Sicherheiten – und dennoch die unermüdliche Suche nach Hoffnung in einer Welt, die zunehmend entgleitet. „Neon Dom“ atmet Dunkelheit in all ihren Formen — nie mehr zurück. Oder: Hier beginnt die Reise in das Herz der Finsternis — nie mehr zurück. Erschaffen aus den Scherben menschlicher Zerbrechlichkeit, neu geschmiedet im Feuer eines unnachgiebigen Willens. Am 15.05.2026 lädt der „Neon Dom“ über Metalville Records zu einer Besichtigung als Stream, Download, CD im Digipak und limitierte Vinyl in transparentem Pink mit Purple-Splatter-Optik ein. Die ultimative Vollbedienung gibt es mit der Fan-Box: Diese enthält neben dem Standard-Album im Digipak gleich zwei Bonus-CDs mit allen Instrumentals, Remixen und dem exklusiven, bisher unveröffentlichten Song „Totes Land“, drei Buttons, passend gebrandete Spielkarten, ein Wristband und einen Patch.

Nicht viele Bands der deutschsprachigen Dark-Rock-Szene dürfte in den vergangenen Jahren einen derart einschneidenden Umbruch erlebt haben wie die „Unzucht“. Nach der Trennung von Gründungsmitglied und Frontmann Daniel Schulz, welcher seitdem bei den NDH-Veteranen von „OOOMPH!“ hinter dem Mikrofon steht, schien plötzlich vieles offen. Nicht wenige Fans fragten sich, ob eine Formation, deren Wiedererkennungswert so eng mit der markanten Stimme ihres Sängers verbunden war, überhaupt weitermachen könne. Die Antwort darauf geben „Unzucht“ dieser Tage nicht mit großen Statements, sondern mit zwölf neuen Songs! „Neon Dom“ ist alleine deshalb schon weit mehr als nur das nächste Kapitel der mittlerweile rund siebzehnjährigen Bandgeschichte, sondern ein gewichtiger Teil-Neustart mit dem man sich weder von der eigenen Vergangenheit lossagt und ebenso nicht versucht, diese zu kopieren. Stattdessen wirkt das Album wie eine feinsäuberliche Justierung des Selbstverständnisses: Die vertraute Mischung aus Dark Rock, elektronischen Industrial-Flächen, Elementen der NDH und auch das Metal bleibt musikalisch erhalten, bekommt jedoch geschärfte Konturen und eine neue Kompaktheit. Gefühlt härtere Gitarren, noch aggressiveres Riffing und ein insgesamt etwas metallischerer Zugriff verleihen den Liedern mehr unmittelbare Wucht, während Neuzugang Timm Hindorff mit seiner variablen Stimme zwischen verletzlicher Melodik, rauem Nachdruck und wütenden Ausbrüchen die ganze emotionale Bandbreite abruft. Dabei ist der Titel des neuen Albums nicht nur hinsichtlich der behandelten Themen, sondern auch jener musikalischen Gestaltung äußerst treffend gewählt. So verbindet der kryptische „Neon Dom“ künstlich grelles Licht und moderne Architektur mit sakraler Erhabenheit und Spiritualität. Zwischen diesen Gegenpolen bewegt sich auch der neue Langspieler, wenn hier immer wieder technisierte Electro-Klangflächen und die organisch rockende Schlagseite sowie zutiefst menschliche Themen trifft, welche sich von inneren Kämpfen über gesellschaftliche Entfremdung, Wut und Selbstzerstörung bis hin zu Sehnsucht und Hoffnung erstrecken. Dass Schlagzeuger Toby Fuhrmann den aktuellen Output als eine „Reise an die Grenzen menschlicher Existenz“ beschreibt, erscheint daher nur allzu schlüssig. Ein besserer Opener als „Katharsis“ ist eigentlich kaum denkbar, denn schon das erste, durch die E-Gitarre angedeutete Lebenszeichen, das sich schon bald darauf zu einem raubeinigen Riff formt, um dann zusammen mit den gehetzt peitschenden Stakkato-Drums zu einem metallischen Bollwerk zu mutieren, lässt ebenso wie die nervösen Electro-Sprengsel in den Strophen keinen einzigen Zweifel daran, welche Formation hier am Werk ist. Dem Sound, der sich erfreulicherweise zwar noch immer seine unbequemen Ecken und Kanten zugesteht, gleichzeitig aber nicht die Eingängigkeit außen vor lässt, wohnt bereits ab Sekunde Eins die unverkennbare „Unzucht“-DNA inne. Eine sehr gute Wahl für die erste Single also, um langjährigen Fans insbesondere nach dem einschneidenden Wechsel des Sängers den Einstieg zu erleichtern, steht hier musikalisch doch vertrautes Terrain zu erwarten. Inhaltlich greift der Song mit dem titelgebenden Begriff aus der Antike die Reinigung durch die Konfrontation mit den eigenen Abgründen auf. Doch versteht die „Unzucht“ diesen Prozess nicht als ruhige Selbstreflexion, sondern bietet stattdessen eine Explosion aufgestauter Emotionen wie Wut, Schmerz und Verzweiflung auf, die nicht mehr länger unterdrückt, sondern bewusst freigesetzt werden. Eine echte Gratwanderung, die wild zwischen aggressiven Tönen und emotionaler Note pendelt, ohne dabei je in stumpfsinniges Gebolze oder zu gefühligen Pathos abzudriften. Gerade diese knisternde Verbindung aus brachialer Energie und einem gewohnt melodischen Refrain als Gegenpol macht die unzüchtige „Katharsis“ am Ende auch so wirkungsvoll und sorgt für einen gelungenen Auftakt! Willkommen im „Neon Dom“!, exakt so begrüßt Gitarrist Daniel De Clercq die Hörerschaft mit seinen typisch stark verzerrten Vocals und schon geht’s los: Musikalisch mutet der Titeltrack gegenüber dem Vorgänger weniger organisch, doch dafür deutlich industriell rockender an, wenn grollendes Saitenwerk und das schwer pumpende Schlagzeug zu Samples von gellenden Amboss-Schlägen im maschinell schleppenden Rhythmus eine futuristisch-kalte Kathedrale vor dem inneren Auge entstehen lassen. Auch hier agiert Neuzugang Hindorff stimmlich ziemlich überzeugend und facettenreich, indem er zunächst leicht kehlige Akzente in den Strophen setzt, in der Bridge wieder etwas sanfter wird , nur um dann kraftvoll im abermals sehr eingängigen und von kühl perlenden Synthies ausgefüllten Chorus daraus hervorzugehen. Der Song übernimmt die vorgelegte Energie, verschiebt den inhaltlichen Fokus als kritische Betrachtung aber vom Inneren hin zu den Herausforderungen und Geschehnissen der Außenwelt. So zeichnen die vier Hannoveraner das Bild einer Gesellschaft, die sich hinter dem schönen Schein aus bunten Lichtern, digitalen Fassaden und technologischer Perfektion versteckt. Das Titel-Konstrukt wird dabei zum Symbol des modernen Glaubens, in dem nicht etwa Spiritualität die Orientierung vorgibt, sondern grelle Bildschirme, Algorithmen und permanente Reizüberflutung, die uns nicht miteinander verbinden, sondern immer mehr voneinander isolieren. Das anfängliche Riff vom folgenden „Feuerregen“ erinnert eingangs frappierend an den Beginn von „Der Dunkle See“ von der „Neuntöter“ aus dem Jahr 2016, dessen elektronisch klirrende Fragmente im langen Vorspiel so auch beim vorherigen „Neon Dom“ hätten auftauchen können. Ein bisschen Oldschool-Feeling gibts also on top, wenn das Album sich nach den beiden eher kompromisslosen Stücken zum Auftakt nun musikalisch etwas weiter öffnet. Die E-Gitarre rockt sich clean und hochmelodisch ihren Weg frei und auch der tiefe Bass rückt jetzt etwas präsenter in den Vordergrund, während helle Synthesizer breite Flächen zeichnen und Raum geben. Unter jener Oberfläche verbirgt sich eine erstaunlich melancholische Grundstimmung, die von Hindorffs nuancenreicher Gesangsleistung einmal mehr wirklich treffend getragen wird. Eine für die „Unzucht“ recht klassische, wenn auch etwas zurückhaltende Dark-Rock-Nummer! Wenngleich die dramatische Titelgebung anderes vermuten lassen könnte, geht es weniger um Zerstörung und physische Vernichtung als um einen emotionalen Ausnahmezustand, in welchem Leidenschaft und Schmerz untrennbar eng miteinander verbunden scheinen, wenn das, was einst gewärmt hat, uns schließlich verbrennt… Mit der dritten Vorab-Auskopplung, nämlich „Krieger“, schlägt die Tracklist dann endgültig in eine andere Richtung aus und wandelt stark auf den düsteren Pfaden des 2012 erschienenen Debüts „Todsünde 8“. Die markant knurrende E-Gitarre und ein stampfender, beinahe marschartiger Drum-Groove erinnern bewusst an die Anfänge der Band und beliebte Tracks wie „Kleine Geile Nonne“ oder „Nein“, wozu wahrscheinlich auch viel beiträgt, dass die Strophen ausschließlich von De Clercq gesungen werden. Hindorff übernimmt mit klarer Stimme hingegen den Refrain als Konterpart und setzt so einen einschneidenden Kontrast zu den finster verzerrten Passagen des Gitarristen. Ohne Pause geht es danach ins „Chaos“ über, was wie die endgültige Eskalation dessen wirkt, was „Krieger“ soeben vorbereitet hat. Tempo und Härte werden jetzt nochmals streng angezogen. Aggressiv rasende Gitarrensaiten treffen auf kurze Electro-Sequenzen, die den Song in ihrer Vehemenz schnell in ein stählernes Industrial-Metal-Gewand kleiden. Einen krassen Gegenentwurf dazu stellt der Refrain dar, welcher nicht nur einmal mehr sehr eingängig ausfällt, sondern zudem einen unerwarteten, gefühlvoll klagenden Ruhepol mitten im sonst so rastlosen Arrangement verankert, um die in den Lyrics thematisierte Orientierungslosigkeit zu unterstreichen. Nicht nur eine der bisher härtesten, sondern auch besten Nummern des neuen Albums! Nach all dieser brachialen Wucht folgt mit „Nie Mehr Zurück“ schließlich ein Moment des Innehaltens. Dabei zählt die introvertierte Ballade mit gerade einmal drei Minuten Spieldauer nicht nur zu den kürzesten, sondern wohl auch emotionalsten Songs des gesamten Albums. Die Instrumentierung reduziert sich Rein auf das Wesentliche. Kein Schlagzeug, keine Elektronik und kein eruptiver Ausbruch. Die Gitarre ist es dieses Mal ganz allein, die den gesamten Song trägt und mit ihrer zurückhaltenden Rhythmik den ruhigen Gesang von Timm Hindorffs Stimme den Raum gibt, den sie benötigt. Inhaltlich erzählt der Song dabei von endgültigem Loslassen im Moment, wenn sowohl der Blick zurück als auch jeder noch so kleine Schritt nach vorne irgendwann zu schwer wiegen. Gerade weil die „Unzucht“ hier auf einen Twist mit schwermetallischer Eruption oder ganz großen, überzogenen Gefühl-Pomp verzichten und sich stattdessen auf die reine Emotion selbst verlassen, ist dieses kurze Stück auch so authentisch und nicht weniger intensiv als vorherige Songs - Im Gegenteil!

Mit „1000 Scherben“ bleibt man zunächst zwar noch eine kleine Weile im etwas ruhigeren Fahrwasser verortet, durch die in den Strophen unterschwellig zirkulierenden Synthies ist aber dennoch eine gewisse Anspannung spürbar, bis dann doch ein Riff einsetzt, das fraglos zu den erinnerungswürdigsten des gesamten Albums gehört! In Momenten wie diesen fällt besonders stark auf, wie dermaßen souverän „Unzucht“ auch in neuer Besetzung noch immer zwischen eingängig modernem Dark Rock, grollendem Industrial Metal und hymnischen Passagen mit Ohrwurm-Charakter und ordentlichem Drive wechseln. Auch inhaltlich gesehen passt die Nummer ganz und gar hervorragend zum Grundgedanken hinter „Neon Dom“, stehen die im Titel erwähnten Scherben doch stellvertretend für die vielen kleinen Risse im großen Mosaik, durch welche die Identität langsam immer mehr zerfällt. Enttäuschungen, Verletzungen und brachliegende Hoffnungen sammeln sich an, bis irgendwann nichts mehr übrig bleibt. Trotzdem schwingt hier weitaus weniger Resignation mit, als man erwarten würde. Stattdessen festigt sich nicht zuletzt durch den wunderbar ermutigenden, kraftvollen Power-Refrain das innere Gefühl, dass aus jenen Überresten auch Neues entstehen kann. Ein beruhigender Gedanke, der sich beinahe als Leitmotiv durch das gesamte Album zu ziehen scheint und indirekt auch die Ereignisse innerhalb der Band nach dem Sängerwechsel spiegelt. Weiter geht’s mit „Gegen Die Zeit“. Ein Song, der mit absoluter Sicherheit zu den geradlinigsten Stücken des neuen Longplayers zählt. Das Schlagzeug legt einen sofortig antreibenden Rhythmus vor und die kernige E-Gitarre dominiert mit ihrem drängenden Spiel straight das gesamte Geschehen mit einem enormen Vorwärtsdrang, während Keyboard-Flächen im Hintergrund symphonischen Charakter aufbauen. Ohne direkt Vergleich ziehen zu wollen, spielt Hindorff die breiten Facetten seiner Stimme hier abermals voll aus und intoniert an einigen Stellen doch sehr „Unzucht“-typisch, ohne seinen Vorgänger damit bewusst kopieren zu wollen. Nein, viel mehr klingt sein Gesang überraschend vertraut und so passend, als wäre es niemals anders gewesen, was nur umso mehr zeigt, wie gut der Kemptener eigentlich zur Band passt. Der eingängige Refrain verleiht dem Song dann mühelos das Potential zu einem zukünftigen Fan-Favoriten zwischen ausbalancierter Härte und Melodie. Die Zeit erscheint als unerbittlicher Gegner, dem nichts entgegenzusetzen ist. Doch anstatt diesen Wettlauf gewinnen zu wollen, ruft der Text dazu auf, sich ihr und den Konsequenzen überhaupt erst bewusst zu werden… Mit „Koloss“ ziehen „Unzucht“ die Härte-Schraube anschließend noch einmal spürbar stark an, denn bereits das auf die industrielle Intro-Percussion folgende Riff kommt ungemein massiv daher. Musikalisch erinnert der Song etwas an den aktuellen Titeltrack in Kreuzung mit Schwerfällige E-Gitarre, donnernde Drums und ein beinahe walzender Groove verleihen dem Song tatsächlich etwas Monumentales. Die satte Produktion lässt dennoch jedem Instrument genügend Raum, sodass die enorme Wucht niemals im tosenden Lärm oder gar Sound-Matsch untergeht. Die Strophen erweisen sich dabei als sehr konträr, werden diese doch fast ausschließlich von Hindorff bestimmt, der seine ruhige Stimme über die eisig perlenden Synth-Tupfer legt, bis erst die Elektronik knurrend anzieht und danach in einen herrlich hymnischen Chorus übergeht. Besonders die extrem ausdrucksstarke, emotionale Intonation im kurzen Mittelteil vor dem finalen Refrain bleibt hängen und zeigt, was der Neue am Mikrofon alles drauf hat und auch der stete Wechsel zwischen massiven Metal-Riffs und überraschend hymnischen Bögen ist eine der absoluten Stärken dieser Nummer über mächtige Strukturen und eigene Ängste, die immer weiter anwachsen, bis sie schließlich den gesamten Blick auf die Welt bestimmen. „Apokalypsis“ schließt sich an. Der rasante Up-Tempo mit maximalem Nackenbrecher-Potential erinnert sowohl musikalisch als auch aufgrund seines Titels zwar unweigerlich an Weltuntergangsszenarien, tatsächlich greift der Song aber den ursprünglichen Wortsinn des Begriffs auf, nämlich Offenbarung. Masken fallen und verschleierte Wahrheiten treten hinter dem schönen Schleier hervor. Was lange verborgen blieb, lässt sich nicht mehr länger ignorieren oder verstecken… Instrumental zählt die Nummer zu den wohl aggressivsten Momenten des neuen Albums und vereint rasend schnelles Riffing, kraftvolle Drums und Hindorffs variable Stimme, die zwischen klarem Gesang, rohen Ausbrüchen und tiefen Growls switcht, was für eine fließende Dynamik voller Intensität sorgt. Nach diesem Ausbruch überrascht der „Neon Dom“ erstmals in der Bandgeschichte mit einem Finale in zwei Teilen, wobei „Nachtschatten 1“ das Tempo im direkten Vergleich mit den vorausgegangenen Songs drastisch nach unten regelt und zusammen mit „Nie Mehr Zurück“ zu den wohl intimstenMomenten der Tracklist zählt. Ganz ähnlich der oben genannten Ballade wird das sonst so metallisch prügelnde Bollwerk hier komplett zurückgehalten. Dafür bestimmen jetzt nur die ruhigen Akkorde der handzahmen Gitarre und sanfte, sich sphärische ausbreitende Synth-Flächen das Geschehen, um so ein atmosphärisch bittersüßes Fundament für den behutsamen Gesang zu erschaffen, während der Text sich um Vergänglichkeit, Akzeptanz und Loslassen dreht. Gerade diese gediegene, ruhige Form der Selbstannahme verleiht dem mit drei Minuten recht kurzen Song eine wirkungsvolle Tiefe. Doch „Unzucht“ entscheiden sich auf den letzten Metern doch noch ganz bewusst gegen einen leisen Ausklang. „Nachtschatten 2“ greift das Motiv seines direkten Vorgängers auf und setzt diesen mit metallischem Instrumentarium im schweren Rhythmus fort. Schlagzeug und E-Gitarre gewinnen wieder deutlich an Präsenz, Druck und Tempo ziehen deutlich an und verleihen dem zweiten Akt des großen Finales nochmals einiges an Auftrieb. Allerdings gibt es in den rund zweieinhalb Minuten keinen völlig eigenständigen Song zu hören, wie die „2“ im Titel vielleicht schon verrät, sondern eine logische Fortsetzung, die praktisch als Klimax des ersten Parts beginnt und dann zur Hälfte als rein instrumentales Intermezzo daherkommt, ehe jenes im bereits bekannten Refrain mündet. Musikalisch der konsequente Abschluss eines Albums, welches sich permanent zwischen berührender Melancholie und wildem Aufbruch bewegt. Dabei steht der titelgebende „Nachtschatten“ sinnbildlich für jene dunklen Abschnitte des Lebens, die man niemals vollständig überwinden kann und damit als Teil des eigenen Daseins annehmen muss. Die Dunkelheit verschwindet zwar nicht, aber verliert ihren Schrecken, wenn man sich ihr stellt. So wird aus anfänglicher Resignation plötzlich pure Entschlossenheit und aus bloßem Überleben wächst der starke Wille, den eigenen Weg trotz aller Narben weiterzugehen. Und so schließt der „Neon Dom“ mit jener stillen Zuversicht seine Pforten, die sich schon durch das gesamte Album zieht: Der Weg aus den dichten Schatten beginnt nicht immer direkt mit dem ersten Schritt ins Licht, sondern der Entscheidung, überhaupt erst weiterzugehen…

Mit der Veröffentlichung von „Neon Dom“ standen die 2009 in Hannover gegründeten und zwischenzeitlich zum Trio geschrumpften „Unzucht“ vor einer nicht gerade geringen Herausforderung, an der bereits manch anderer Act mit gleichem Schicksal gescheitert ist, denn der wie auch immer geartete Verlust einer seit Beginn an prägenden Stimme bedeutet sowohl für die Musiker als auch Fans gleichwohl oft weit mehr als nur einen internen Wechsel. Wenngleich diese Aussage die Leistung der anderen Mitglieder keineswegs schmälern soll, ist nicht zu leugnen, dass gerade der Sänger einen großen Teil der Identität und des Wiedererkennungswerts definiert, sodass eine solch einschneidende Veränderung durchaus die gesamte Zukunft einer Band infrage stellen kann. Umso bemerkenswerter ist es, wie selbstsicher und im besten Sinne routiniert sich „Unzucht“ auf ihrem mittlerweile neunten Studioalbum präsentieren! Anstatt nur die eigene Vergangenheit festgefahren und ängstlich zu kopieren oder den Neuanfang übermäßig im Vordergrund zu inszenieren, konzentriert sich das Quartett stattdessen auf seine eigentliche Stärken: Kraftvolle Riffs, eingängige Refrains, eine stimmige Verbindung aus dunklem Rock, donnernden Metal-Passagen und elektronischen Elementen sowie eine Atmosphäre, die dunkel wie zugänglich zugleich ist. Dabei gelingt es Neuzugang Timm Hindorff erstaunlich schnell, sehr überzeugend und beinahe wie selbstverständlich, seinen ganz eigenen Platz innerhalb des bestehenden Gefüges einzunehmen, da er zu keinem Zeitpunkt versucht, Daniel „Der Schulz“ Schulz nachzueifern oder diesen gar zu imitieren, sondern den neuen Songs eine individuelle Note verleiht. Mal kehlig, rau und druckvoll, mal nachdenklich und ruhig. Dennoch weicht der Gesang zugleich nicht zu stark von den Hörgewohnheiten ab, fügt sich sehr organisch in die Kompositionen ein und wirkt trotz definitiv gegebener Eigenständigkeit überraschend vertraut. Dass so auch die alten Klassiker und beliebten Gassenhauer funktionieren, wurde live bereits unter Beweis gestellt. Also: Ein mehr als gelungener Reset und vermutlich das Beste, was der „Unzucht“ passieren konnte! Auch musikalisch präsentiert sich „Neon Dom“ insgesamt nicht weniger hart und metallisch als viele der vorausgegangenen Alben, wobei besonders die E-Gitarre deutlich stärker im Mittelpunkt steht, während elektronische Elemente zwar weiterhin eine wichtige Rolle spielen, nun jedoch noch häufiger eher als atmosphärischer Unterbau fungieren. Gerade treibende Songs wie „Katharsis“, „Chaos“, „Koloss“ oder „Apokalypsis“ profitieren von dieser Ausrichtung und verleihen dem Album eine Wucht, die in dieser Konsequenz auf früheren Veröffentlichungen seltener zu hören war. Was direkt positiv auffällt ist, dass ausnahmslos alle zwölf Songs angenehm kompakt gehalten sind. Jedoch ohne, dass dabei das unbefriedigende Gefühl entsteht, das sich nicht die nötige Zeit genommen und stattdessen gerusht wurde. Nein, nichts wirkt unvollständig oder gar lieb- und ideenlos überhastet. Stattdessen ist hier alles geradeaus auf den Punkt arrangiert worden, wodurch das Material nicht so zerfahren und weniger überambitioniert als noch manch ein Stück der letzten Platten tönt. Gleichzeitig beweisen die Vier, dass Härte allein kein Qualitätsmerkmal sein muss. Immer wieder lockern melodische Höepunkte, ruhige Passagen und emotionale Zwischentöne das sonst so ruppige Geschehen fein nuanciert auf. Stücke wie „Nie Mehr zurück“, „1000 Scherben“ oder die beiden „Nachtschatten“-Kapitel sorgen dafür, dass das Album trotz aller Kraft niemals eindimensional wirkt. Vielmehr entsteht ein abwechslungsreiches Spannungsfeld zwischen inneren Konflikten, gesellschaftlichen Beobachtungen und persönlichen Aufbruchsgeschichten. Rein inhaltlich bewegt sich „Neon Dom“ dabei häufig auf sehr vertrautem Terrain. Themen wie Selbstzweifel, Widerstand, Verlust, Aufbruch und innere Zerrissenheit gehören seit jeher zum Repertoire der Hannoveraner Band, doch gänzlich neue Perspektiven eröffnet das Album dabei nicht. Einige Texte bleiben vergleichsweise allgemein gehalten und verlassen sich stärker auf Atmosphäre als auf inhaltliche Tiefe. Wer nach viel Komplexität oder überraschenden lyrischen Wendungen sucht, wird hier nicht immer fündig. Ähnliches gilt stellenweise auch für das Songwriting, denn so überzeugend die Produktion und die Energie des Albums auch ausfällt, folgen viele Stücke doch bereits bekannten Mustern und bewegen sich innerhalb jener Komfortzone, die „Unzucht“ über die Jahre erfolgreich für sich etabliert haben. Dadurch fehlt es dem Album an manchen Stellen an außergewöhnlichen Momenten, die es klar über die Konkurrenz innerhalb des Genres hinausheben würden. Dennoch überwiegen die positiven Seiten überdeutlich, denn „Neon Dom“ gelingt etwas, das in der aktuellen Dark-Rock- und NDH-Landschaft keineswegs selbstverständlich ist: Es wirkt authentisch! Die Songs wollen keine aktuellen Trends bedienen oder mögliche Erwartungen erfüllen und eben diese Art der Aufrichtigkeit zieht sich durch das gesamte Album. Im Zuge dessen ist es nur absolut folgerichtig, dass man gar nicht erst versucht, das bisher experimentellste Werk vorzulegen und den bekannten Sound auf Zwang neu zu definieren, sondern sein Standing nach einer einschneidenden Veränderung zu festigen. Somit ist „Neon Dom“ zumindest auf offensichtlicher Ebene nicht das mutigste, vielleicht aber bisher wichtigste Album. Nicht, weil es alles neu und anders macht, sondern weil es beweist, dass „Unzucht“ auch nach einem so harten Umbruch noch immer ganz genau wissen, wer sie sind und wo sie in Zukunft hin wollen.
Informationen:
https://www.facebook.com/Unzucht/
http://www.unzucht-music.com

























