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BEITRÄGE:

  • AutorenbildChristoph Lorenz

Joachim Witt - „Album Release Show“ - Kulturkirche, Köln - 16.09.2023


Veranstaltungsort:

Stadt: Köln, Deutschland


Location: Kulturkirche


Kapazität: ca. 250


Stehplätze: Ja


Sitzplätze: Ja


Homepage: https://www.kulturkirche-koeln.de/


Einleitung: Es ist Samstag, der 16.09.2023, und wir sind gegen frühen Abend auf dem Weg nach Köln. Um genauer zu sein in den Stadtbezirk Nippes, wo sich unter anderem auch der botanische Garten und der Zoo als wohl bekannteste Sehenswürdigkeiten befinden. Wir sind allerdings nicht fürs Sightseeing hier, sondern beabsichtigen, eine der insgesamt nur vier Release Shows von Joachim Witt zu besuchen, der erst am Vortag sein neues und nunmehr zwanzigstes „Der Fels In Der Brandung“ veröffentlicht hat. Für die Live-Vorstellung der neuen Songs hat man sich dabei allen voran große Medienstädte ausgesucht. So sind auf dem Tour-Plan neben Köln dieses Mal etwa noch Leipzig, Berlin und natürlich auch Hamburg vertreten. Hier sollen vornehmlich kleine Clubs, wie beispielsweise die vom WGT bekannte Moritzbastei, bespielt werden. Möglichst nah und familiär soll es sein, bevor es ab Februar 2024 dann auf große Tournee mit fünfzehn Terminen in Deutschland, Österreich und die Schweiz geht, auf welcher größere Hallen bespielt werden. Ursprünglich war heuer für den NRW-Termin Club Volta in Köln Mülheim nahe dem Carlswerk Victoria und Palladium vorgesehen, doch aus unerfindlichen Gründen wurde eine Woche zuvor angekündigt, dass der Veranstalter die Show stattdessen in die Kulturkirche auf der anderen Seite des Rheins verlegen lässt. Für alle Besucher, die vor Ort erst zu spät davon erfahren, wird der Beginn der heutigen Show aus Kulanz um eine halbe Stunde verlegt. Glücklicherweise haben wir uns vorab ausreichend über Parkmöglichkeiten informiert, denn da die Kulturkirche quasi inmitten eines Wohngebiets liegt, tendiert die Chance auf einen Stellplatz gegen Null. Als wir von der Autobahn abfahren, gäbe es laut Internet zwar die Möglichkeit, unter einer langen Brücke neben einer Kleingartensiedlung zu parken, allerdings stünde dann ein recht langer Fußmarsch bevor. Aus diesem Grund entscheiden wir uns für das Parkhaus eines Krankenhauses, das gleich auf dem Weg liegt und lange geöffnet hat. Von dort aus ist es nur noch knapp eine Viertelstunde bis zum Ziel. Immerhin! Nur wenige Meter vor uns laufen zufälligerweise zwei Personen mit Witt-T-Shirts in dieselbe Richtung. Da sie so zielstrebig aussehen, als würden sie den Weg bereits kennen, nehmen wir die Verfolgung durch Nippes auf und stehen bereits wenige Minuten später auch schon vor der Kulturkirche. Ganz schön ist es hier. Bunt, belebt, ein wenig rummelig, aber friedlich und irgendwie beschaulich. Multi-Kulti und urban. Hier reihen sich direkt an der Hauptstraße gelegene Restaurants und Bars an urige Cafés und kleine Kioskbuden in den mit Ranken bewachsenen Seitengassen. Unser schneller Ersteindruck: Nippes hat schon Flair. Vor den hohen Eingangstoren werden die Taschen erst von zwei sehr netten Sicherheitskräften kontrolliert, dann geht es von hinten über den lauschigen Außenbereich einmal um die Kirche herum. Unter einem offenen Pavillon stehen einige Bänke, wo es sich schon einige Fans gemütlich gemacht haben. Leider wird es schon kurz nach dem Konzert keinen Ausschank mehr geben und auch die Venue selbst wird recht zügig geleert werden, sodass ein geselliges Beisammensein zum Ausklang des Abends an einem der letzten wärmeren Tage nicht möglich ist. Klar, jeder möchte irgendwann Feierabend haben. Dafür ist genau an dieser Stelle später noch Joachim Witt höchstpersönlich anzutreffen, der gerne für das ein oder andere Foto und Gespräch mit den Fans bereitsteht - Toll! Anscheinend haben wir den Hintereingang genommen, denn jetzt stehen wir direkt vor dem Haupteingang. Da das Doppeltor zur Straße allerdings fest verschlossen ist, haben wir unbeabsichtigt wohl alles richtig gemacht. Hier wird sich später der Ausgang befinden. Der Einlass hat überdies schon vor über einer halben Stunde begonnen, die viele Gäste sind also schon da. Der Kontrolleur an der Pforte verweist uns für die Gästeliste an einen kleinen Stehtisch im schmalen Eingangsbereich, wo wir unsere Stempel auf den Handrücken erhalten. Gleich gegenüber ist der Merch-Stand, der trotz des wirklich knapp bemessenen Platzes ein riesiges Angebot an Artikeln auftürmt: Neben zwei neuen T-Shirts und einer Zipper-Jacke gibt es dort etwa auch Aufkleber, Magneten, Buttons, Taschen, Tassen, Handtücher, Fahnen und viele CDs. Natürlich auch das gestern erschienene „Der Fels In Der Brandung“ in verschiedenen Konfigurationen. Leider zu recht teuren Kursen, so kostet die Box-Version hier etwa stolze sechzig Euro! Wir passieren den schmalen Gang und stehen dann auch schon im hohen Saal, der allerdings doch weitaus kleiner als erwartet ausfällt. Auf der rechten Seite befindet sich die Getränketheke und das Mischpult, links durch einen Gang anscheinend die Sanitäranlagen. Das Mittelschiff ist wie üblich zu zwei Seiten aufgeteilt, seitlich befinden sich ebenfalls vereinzelte Bänke. Da die dortige Einsicht der Bühne aber durch die Säulen versperrt wird, entscheiden wir uns für die goldene Mitte, wo glücklicherweise noch ein paar Plätze frei sind. Also dann!

Joachim Witt:

Es ist kurz nach 20.30 Uhr, als die warm leuchtenden Lampen in der Kulturkirche langsam blockweise ausgeschaltet werden und die Stätte des heutigen Geschehens somit schon bald in tiefer Dunkelheit und vor allem knisternder Spannung versinkt, die überall spürbar ist. Für wenige, doch quälend lang erscheinende Sekunden geschieht nichts. Es ist still. Zu still. „Propaganda! Nichts als Propaganda!“, ist jetzt plötzlich der Gesang hochgepitchter Kinderstimmen aus den Boxen zu hören, der von den hohen Innenwänden als helles Echo widerhallt. Stille. Und dann nochmal. Vereinzelt jubeln Fans kurz auf, die den Songs anscheinend bereits kennen. Tiefer Bass setzt wummernd ein und lässt den kalten Steinboden in wellenartigen Schüben erzittern. Irgendwie einschüchternd. Geradezu bedrohlich. Während die Bühne allmählich in dunkelrotes Licht eingetaucht wird, betreten Schlagzeuger Jörn Schwarzburger, Keyboarder Felix Wunderer, Bassist Frank Binke und Gitarrist Marcel Zürcher fast ungesehen die Szenerie und nehmen ihre Positionen ein. Der Hintergrund wird von einem großen Backdrop mit dem Cover-Artwork des neuen Studioalbums „Der Fels In Der Brandung“ ausgefüllt, ansonsten ist wie schon beim Großteil der vergangenen Tourneen alles sehr puristisch gehalten und auf das Notwendigste reduziert. Mit einem signifikant groovenden Riff eröffnet „Propaganda“, welches just am Vorabend mit einem eigenen Video als vierte Single premiert wurde, das Konzert. Es dauert nicht mehr lange, bis unter viel Applaus auch Joachim Witt selbst im langsamen Gang auf die Bretter schreitet. Er trägt ein weißes Hemd und darüber ein langes, schwarzes Jackett, um den Hals hängt eine silberne Kette mit der neuesten Variation seines Logos in Sternform, was seit Jahren mit jeder weiteren Veröffentlichung zu einer Art traditionellem Markenzeichen des Nordlichts geworden zu sein scheint. Die Stimmung scheint relativ gut, der anschließende Beifall ist ordentlich. Doch noch sitzen fast ausnahmslos alle Gäste, lediglich zu den Seiten wagen wenige Fans aufzustehen und sich gegen die steinernen Säulen zu drücken, um anderen Gästen nicht die Sicht zu nehmen. Die Hemmschwelle scheint angesichts der ungewöhnlichen Lokalität groß, zumal ein beträchtlicher Teil des Publikums im höheren Alter angesiedelt ist und um die Sitzgelegenheiten verständlicherweise ganz froh zu sein scheint. Das lyrisch gewohnt kryptische und hauptsächlich von der sehr dominanten Gitarre getragene „Weg Ins Licht“ präsentiert dann gleich einen weiteren Song vom aktuellen Release und punktet insbesondere mit dem schönen Spiel aus Licht in gedeckten Rot- und Blautönen und Schatten, das die Akteure oftmals nur als zu erahnende Silhouetten darstellt. Zum ausufernden Solo lässt es sich Witt natürlich nicht nehmen, einen seiner unnachahmlich eigenen Tänze aufs Parkett zu legen. „Vielen Dank!“, nickt er knapp und trinkt einen kleinen Schluck aus der hinter ihm stehenden Wasserflasche. „Hörst Du Mich?“ markiert danach gleich den dritten neuen Song in Folge: Die anmutig schöne Melodie der gezwungenermaßen leider nur am Keyboard erzeugten Violinen-Melodie wird durch den sehr druckvollen Rhythmus der Drums gut getragen und wirkt relativ stimmig. Ziemlich unnötig ist hingegen die zarte Stimme der Duettpartnerin, die hier natürlich nur vom Band kommt und es damit zumindest live nun wirklich nicht gebraucht hätte. Einerseits, weil die lauten Instrumente samt viel Bass diese fast bis zur schieren Unkenntlichkeit übertönen und andererseits, weil es Witt mit seiner markanten Stimme mühelos gelingt, das ansonsten schöne Stück alleine zu bestimmen. Wahrscheinlich mit ein Grund, warum „Sebelele“ und „In Unserer Zeit“, in denen die jeweiligen Gast-Parts natürlich nochmals umso präsenter sind, es heute Abend als einzige Songs des neuen Albums nicht ins Set geschafft haben. Selbstverständlich sind Features ohne das entsprechende Gegenstück oftmals nur schwer ebenbürtig auf die Bühne zu bringen, doch ist es in solchen Fällen immer deutlich authentischer und runder, gleich ganz auf Sampling zu verzichten und die Parts stattdessen komplett selbst zu übernehmen. Vielleicht eine kleine Überlegung für die kommende Tournee in 2024?

„Ach, da seid ihr! Ja, wir sind heute umgezogen von der einen Hälfte auf die andere… Einige von euch haben den Weg hierher gefunden, wie ich sehe. Nur ganz kurz zur Erklärung, das war nicht unser Fehler, sondern ein Missgeschick des örtlichen Veranstalters. Nun haben wir also hier unseren Platz gefunden. Vielen Dank auch nochmal an die Kirche, es ist wirklich wunderschön hier!“, begrüßt Joachim Witt das Publikum lächelnd und lässt sich erstmals an diesem Abend zu ein paar mehr Worten hinreißen, bis es dann mit dem melancholisch-poppigen „Es Regnet In Mir“ vom 2014 erschienenen Erfolgsalbum „Neumond“ weitergeht. Allein dessen erste Klänge sind augenscheinlich den meisten Anwesenden vertraut, wie sich am euphorischen Beifall ablesen lässt und dann dauert es auch nicht mehr lange, bis mit einem Mal alle ruckartig aufstehen und etwas Bewegung aufkommt. Zumindest so weit es die doch recht engen Zwischenräume vor den Kirchenbänken zulassen. „Eigentlich hätte ich jetzt gerne einen Witz gemacht, der mir gerade eingefallen ist…“, lächelt Witt verschmitzt und natürlich wollen ihn alle hören. „Auf keinen Fall, der ist absolut unter der Gürtellinie… Wenn ich den erzähle, dann ist der Saal leer. Na, seid ihr gespannt? Aber ich möchte doch noch mit euch zusammen den Abend verbringen…“, lacht er und erspäht dann einen langjährigen Fan in der ersten Reihe, den er gleich einmal namentlich vorstellt. Mit „Signale“ folgt dann die zweite Single des heute vorgestellten Werks, die vielen Besuchern schon weitaus geläufiger zu sein scheint. Wirklich textsicher und feierwillig scheinen allerdings nur die ersten zwei, drei Reihen. Der Rest hat sich unterdessen wieder gesetzt und bleibt auf den Bänken. „Wirklich ein schöner Abend! Es war schön mit euch… bisher.“, witzelt der Sänger und wendet sich dann abermals augenzwinkernd an einen Fan aus der ersten Reihe: „Du redest auch immer dazwischen, oder? Dass ich das ertragen muss. Jetzt kommt einer meiner größten Hits. Das sagen alleine die Klickzahlen!“, ruft er schelmisch aus. Es folgt „Ohne Dich“ und wieder hat Witt den Saal binnen Sekunden voll im Griff. Alles springt blitzartig auf, singt, bewegt sich und klatscht, sodass sich die Kirche spätestens ab Mitte des Stücks in einem wahren Händemeer wiederfindet - Schön! Dieses Bild wird sich über den Abend in gewisser Regelmäßigkeit noch mehrmals wiederholen: Bei den brandneuen und etwas ruhigeren Liedern wird brav gesessen, bei den elektronischen Nummern von „Neumond“ und den beliebten Klassikern später aufgestanden, nur um sich dann bei der nächstbesten, jeder noch so kurzen Ansage gleich wieder zu setzen. Zugegeben, im Rahmen eines ganz normalen Konzerts ist es schon ein merkwürdiges und ungewohntes Bild. Mit Sicherheit vor allem für den Künstler selbst. „So, es wird jetzt Zeit für etwas Besinnliches. Das habe ich mir extra ausgesucht, weil wir ja noch vor Karneval sind… Alaaf!“, ruft Witt und erntet prompt ein kölsches Echo. „Noch einmal für mich bitte!“, lacht er und lässt sich dann zu „Geh Deinen Weg“, dem einzigen Stück von „Thron“ an diesem Abend, zum ersten Mal auf einem halbhohen Barhocker nieder.

„Hier ist gleich noch eine Messe, wir müssen uns ein bisschen beeilen!“, spaßt der Sänger gewohnt trocken. Zum introvertierten „Bäume“ wird die Bühne passend in tiefgrünes Licht gehüllt. Nach wie vor sitzen so gut wie alle Fans, doch die Band lässt sich davon nicht beirren. „Ich find‘s einfach geil, hier auf der Bühne wird es immer lauter. Ich kann euch schon gar nicht mehr richtig sehen!“, gibt Witt den Verwirrten. „Hast du Mitleid mit mir? Bin ich alt?“, fragt er einen Fan betont senil und hat mit dieser herrlichen Selbstironie so einige herzliche Lacher auf seiner Seite. Mitleid hat aber niemand. „Ach, kommt schon. Nur ein bisschen! Ihr richtet mich auf heute Abend hier in Köln…“, schüttelt er den verständnislos den Kopf, bevor es mit der melancholisch reflektierenden Halb-Ballade „Jung“ in Bezug auf die vorausgegangene Ansage thematisch äußerst passend weitergeht. Nein, alt wirkt Joachim Witt wahrlich nicht, wenngleich sich auch einige deutliche Veränderungen in seinem Auftreten bemerkbar machen, wie ich während und auch später nach dem Konzert feststelle. So bewegt sich der gebürtige Hamburger mittlerweile doch deutlich weniger, vor allem aber langsamer und bedachter über die Bretter, als es etwa noch auf vorherigen Touren der Fall war. Auch die erwähnten Sitzpausen sind sicher nicht mehr ausschließlich nur als Stilmittel bei ruhigeren Stücken gedacht und häufiger geworden. Das soll bitte alles andere als Kritik darstellen und ist nur allzu verständlich, nur fällt in Momenten und gerade bei authentischen Songs wie diesen eben besonders auf, dass die Zeit leider nicht stehen bleibt. Immerhin wird Witt im kommenden Februar stolze Fünfundsiebzig, sein Live-Comeback als geheimer Überraschungsgast auf dem Blackfield Festival Gelsenkirchen 2013 liegt knapp zehn Jahre zurück und doch legt der Altmeister eine derart kreative Produktivität und scheinbar unermüdliche Umtriebigkeit an den Tag, wie es (gerade) nicht einmal aufstrebende Youngsters vermögen. Von seiner generellen Präsenz ganz abgesehen… Meinen allerhöchsten Respekt dafür! „Ja, das Trinken nervt manchmal. Ich kann’s nicht verhindern.“, genehmigt sich Witt erneut einen Schluck Wasser. Tatsächlich ist es mittlerweile richtig warm in der kürzlich noch so angenehm kühlen Kulturkirche geworden. Also so richtig. Was natürlich auch daran liegt, dass der schmale Saal voll ist. Vielleicht voller, als er sein sollte, denn ursprünglich wurde die Ticketzahl ja noch für ein reines Stehkonzert mit immerhin rund fünfhundert Plätzen im Club Volta kalkuliert. Alle, die keinen Platz mehr im zugegeben recht kleinen Mittelschiff gefunden haben, sind auf die Bänke zu den Seiten ausgewichen. Blöd nur, dass dort relativ knapp hintereinander gesetzte Säulen die Einsicht versperren. Alle anderen stehen derweil im kleinen Mittelgang oder im hinteren Bereich an der Getränketheke kurz nach dem Eingang, wo es sich ordentlich staut. Es kann also längst nicht jeder Besucher das Geschehen gut verflogen, zumal das alles für einen etwaigen Notfall unschön und nicht unbedingt sicher ist. Eine Klimaanlage gibt es selbstredend nicht und anderweitiges Belüften ist auch nur schwerlich möglich. Also schade für alle, die eine weitere Anfahrt hatten oder aus sonstigen Gründen später an der Location angekommen sind. Vermutlich dennoch lange kein Vergleich zum Hamburger Kent Club, der bei der Release Show am Vorabend wohl gnadenlos überfüllt und noch um einiges heißer war. Der Stimmung tut das jedenfalls keinen allzu großen Abbruch. Schön!

„Das muss ja irgendwie rein, ich muss ja auch schwitzen können. Hm, leicht und locker fühle ich mich hier. Jetzt sind wir schon fast beim neunzigsten Geburtstag angekommen… Endzeit. Hallo, seid ihr jetzt auch schon so richtig depressiv?“, stichelt er zur Auflockerung und nimmt dann nochmals sarkastisch Bezug zur vorherigen Nummer: „Jung… Jung… Das ist alles schon so lange her und vorbei. Oh, alles so furchtbar. Wie in Hamburg. Da sind auch alle so depressiv. Es wird Zeit, dass der Karneval kommt. Dann geht’s los, dann wird sich hier zugeschüttet. Das haben wir jeden Abend hinter der Bühne und das schon vor Karneval!“, lacht er und ehe sich Witt versieht, singt tatsächlich die halbe Kirche ausgedehnt „Viva Colonia“. Zumindest die stolzen Ur-Kölner. Lokalpatriotismus von seiner sympathischsten Seite! Die damalige Vorab-Single zu „Neumond“, nämlich das wunderbar emotionale „Mein Herz“, ist ebenfalls wieder zurück im Set und besticht mit seinen warm schillernden Keyboard-Flächen und hellen Chorälen im Refrain. Schön, sich wieder zu hören! „Öffnet die Tür… Ich bin bereit!“, stammelt Witt wirr und blickt nach oben, ehe er Zürcher regungslos anstarrt. Verwirrte Blicke im Publikum von Neu-Fans. Zugegeben, der teils arg zynische Humor von Joachim Witt ist gelegentlich schon sehr speziell und sicher nicht jedermanns Sache. Nicht immer weiß man direkt, auf was er hinaus will… Oder ob er überhaupt auf etwas hinaus will. Ich persönlich mag die improvisierte, augenzwinkernde Ironie aber sehr gerne, wenn Witt etwa mit seinem Alter kokettiert und plötzlich den Senilen mimt. Sehr erfrischend und stets für ein breites Schmunzeln gut. Das lässig groovende „Revolution“ von „Der Fels In Der Brandung“ zieht das Tempo nun wieder ein Stück weit an und geht bestens nach vorne. Generell muss an dieser Stelle unbedingt gesagt sein, dass bisher ausnahmslos alle der neuen Songs in ihrer Live-Version nochmals umso stärker und wirkungsvoller daherkommen. Habe ich in der ausführlichen Rezension zum neuen Album noch die künstliche Überproduktion und das Fehlen echter Instrumente als größte Kritikpunkte genannt, was natürlich ohnehin rein subjektive Wahrnehmung ist, so bekommt die neue Stilrichtung heute insbesondere durch das kräftige Schlagzeug gleich sehr viel mehr Tiefe und eine natürliche Dynamik, wodurch sich der Gesamteindruck nochmals erheblich verändert. Leider meint es nur die Kirche mit einem normalen Rock-Konzert anscheinend nicht allzu gut und so hallt der Bass ordentlich von den hohen Wänden wider, wodurch der Sound oftmals übersteuert wirkt und den Gesang unter einer dichten Wand aus Drums und Gitarre vergräbt. Durchaus schade, aber sieht man von den typischen Lesungen, Klassik- und Unplugged-Konzerten einmal ab, sind derartige Gebäude rein von der Akustik her nahezu unmöglich perfekt zu bändigen. Was bei kräftigeren und schnelleren Tracks wie eben „Revolution“ zudem auffällt, ist, dass im Hintergrund recht gut hörbar ein Backing Track mitläuft, der Joachim Witt im Gesang unterstützt. Beim Refrain bin ich aufgrund der Entfernung hingegen nicht ganz sicher, ob die Stimme hier nicht sogar komplett durch das Teil-Playback ersetzt wird. Dieses kleine Hilfsmittel kommt an diesem Abend gelegentlich immer wieder zum Einsatz, so etwa auch später beim finalen Part in „Goldener Reiter“, und soll vermutlich in den anspruchsvoller und anstrengend zu singenden Passagen für Entlastung der Stimme sorgen. Auch hier sei nochmals gesondert erwähnt, dass dies keine böswillige Kritik ist, sondern im Vergleich zu vorherigen Konzerten einfach nur auffällt. Gerade deshalb stimmt es mich persönlich nun umso nachdenklicher, da ich Joachim Witt beispielsweise von den „Refugium“- oder „Rübezahl“-Shows immer als äußerst stimmgewaltig in Erinnerung habe. Irgendwie ist es doch erschreckend, wie unbemerkt die Jahre vergehen. Wie hieß es kürzlich in „Jung“? „Ein tödliches Virus, nennt sich Zeichen der Zeit!“… Umso dankbarer sollte man sein, manch altgedientem Szene-Heroen live noch lauschen zu dürfen.

„Dankeschön. So, Opi muss wieder sitzen. Mein Enkelkind hat übrigens heute Geburtstag, der Lenny. Und ich kann nicht bei ihm sein… Soll ich mal ehrlich sein? Er wird mich wahrscheinlich nicht vermissen! Er hat so viel um die Ohren.“, lacht der Sänger. „Irgendwann mache ich das wieder gut. Ich hatte ja erst kürzlich Video-Kontakt mit ihm aus dem Auto heraus.“, erzählt er weiter und ahmt dann auf sehr sympathische Weise das vergangene Gespräch nach: „Hallo, Opi!“. Witt winkt. „Ja, mein Kleiner, Feiner, Schöner… Du schaffst es auch ohne den Opi und ohne die Omi. Die ist heute Abend nämlich auch hier!“, lächelt er und deutet zur Seite. Wer es bis dato noch nicht bemerkt hat: Auf der aus Bühnensicht rechts gelegenen Kanzel steht schon die ganze Zeit über seine Ehefrau Juliane Witt, die das Konzert mit einem kleinen Laptop begleitet, von welchem aus sie vermutlich die Beats beisteuert. Sie lächelt leicht verlegen, Köln applaudiert. „Seid froh, dass ich nicht euer Vater bin! Ich kann nämlich auch ganz anders…“, poltert Witt scherzhaft. Man hört ihm gerne zu. Das erbauende „Königreich“ vertritt in diesem Set als Einziger das Comeback-Album „DOM“ aus 2012 und fügt sich wirklich organisch ins Set ein. Generell wurden die älteren Songs für die Release Shows so ausgewählt, dass sie in den musikalischen Rahmen des neuen Werks passen, wodurch ein gelungener Flow aufkommt, was gleichzeitig auch bedeutet, dass Highlights wie „Das Geht Tief“ oder „Supergestört & Superversaut“ dieses Mal schmerzlich vermisst werden müssen. Leider fehlt auch, wie ursprünglich angedacht, ein Stück von „Pop“ aus 2004, welches sich stilistisch bestimmt gut gemacht hätte. Somit beschränkt sich die Auswahl lediglich auf die neueren Veröffentlichungen und deckt überraschend nur die Phase 2012 bis 2016 ab, die üblichen Klassiker zum Finale ausgenommen. Für alle eher neu dazugekommenen Fans sicher sinnig, doch dabei gäbe es eigentlich so viel Auswahl und die Möglichkeit, zusätzlich noch die ein oder andere spannende Perle mal wieder ins Rampenlicht zu rücken. Auch hier: Vielleicht ja in 2024? Immerhin sind die vier Club-Gigs im September lediglich Promotion für „Der Fels In Der Brandung“ und auch dazu da, dessen Stücke vor Publikum zu testen. „Vielen Dank! „Nicht dafür“, müsstet ihr jetzt eigentlich sagen. Das gehört sich einfach so!“, blödelt Witt. Auf das enorm livetaugliche „Schwör Mir“ folgt „Die Erde Brennt“, bei welchem natürlich direkt wieder alle Fans von ihren Plätzen aufspringen und tanzen. Das orchestrale „Träume Im Gegenwind“ beschließt danach majestätisch den Hauptteil und gefällt mit viel druckvoller Percussion ab der zweiten Strophe.

Anschließend verlassen die fünf Musiker für wenige Minuten geschlossen die Bühne, doch allzu lange wird es nicht dauern, bis die Band alsbald zurückkehrt, denn noch fehlen einige beliebte Klassiker. Nach einer Zugabe muss heute Abend niemand verlangen, schon bald sind alle wieder da und es kann weitergehen. „Ich wollte euch noch gerne jemanden vorstellen. Die Leute, die hier täglich so malochen…“, schmunzelt Witt und stellt seine diesjährigen Live-Mitglieder vor, die manch ein Fan zum Teil noch von der letztjährigen „Rübezahls Reise“-Tour kennen dürfte. Als die ersten, schweren Takte von „Die Flut“ erklingen, stehen natürlich alle sofort von den Bänken auf. Es bleibt auch keine Zeit, sich danach in alter Gewohnheit wieder niederzulassen, denn direkt darauf folgt der ikonische NDW-Hit „Goldener Reiter“. Völlig klar, dass die mittlerweile recht ausgelassene Stimmung im Saal spätestens jetzt ihren absoluten Siedepunkt erreicht und sich Witt binnen weniger Sekunden vor einem klatschenden Meer aus hunderten Händen wiederfindet. Viel der Animation bedarf es wahrlich nicht, bereits zum ersten Refrain stimmt das gesamte Publikum mit ein und feiert diesen unsterblichen Gassenhauer lautstark ab. Gut so! „Vielen Dank für einen schönen Abend. Ich danke euch!“, freut sich Joachim Witt und verlässt die Bühne, die nun in dunkelblauem Licht und zuckenden Scheinwerfern versinkt, welche die Musiker lediglich noch als schemenhafte Umrisse erkennen lassen. Langjährige Hörer und alle Kinder der Achtziger erkennen den letzten Song des heutigen Abends natürlich direkt an den ersten Akkorden und jubeln laut. Es ist, wie könnte es auch anders sein, „Tri Tra Trullala (Herbergsvater)“ vom Zweitling „Edelweiss“ aus dem Jahr 1982! Erfreulicherweise macht sich Witt hierbei die räumlichen Gegebenheiten dieser doch sehr besonderen Lokalität auf charmante Weise zunutze und erscheint überraschend auf der nun leeren Kanzel rechter Seite über dem Kölner Publikum. „Ey, lasst das sein; Kinder! Ihr seid wohl ganz versessen!“, predigt er mahnend mit erhobenem Zeigefinger und sorgt für begeistertes Johlen. Eine tolle Idee, die herrlich verschrobenen Song wohl nicht kreativer und wirkungsvoller inszenieren könnte! Und so endet die Release Show für NRW schließlich gegen 22.10 Uhr gefühlt ein bisschen zu früh, dafür vor einem größtenteils sehr zufriedenen Publikum, das die Band nicht ohne einen langanhaltenden Applaus samt stehender Ovationen entlässt. Auf ein Wiedersehen in 2024!

Setlist:


01. Intro

02. Propaganda

03. Weg Ins Licht

04. Hörst Du Mich?

05. Es Regnet In Mir

06. Signale

07. Ohne Dich

08. Geh Deinen Weg

09. Bäume

10. Jung

11. Mein Herz

12. Revolution

13. Königreich

14. Schwör Mir

15. Die Erde Brennt

16. Träume Im Gegenwind

17. Die Flut

18. Goldener Reiter

19. Tri Tra Trullala (Herbergsvater)

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