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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Joachim Witt - „Thron"-Tour - Matrix, Bochum - 11.02.2017


Veranstaltungsort:

Stadt: Bochum, Deutschland

Location: Matrix (The Tube)

Kapazität: ca. 700

Stehplätze: Ja

Sitzplätze: Nein

Homepage: http://matrix-bochum.de/startseite.html

Einleitung:

Ein eisig kalter Windhauch zieht auf, fegt über den gesamten Platz und wirbelt dabei einige umherliegende Papierfetzen und Blätter umher. Nur wenige Sekunden später wiederholt sich dieser naturgewaltige Vorgang und das auch nicht zum ersten und letzten Mal an diesem bewölkten Samstag Nachmittag. Der Winter steckt dem Ruhrgebiet noch immer in den zitternden Knochen, wovon man schon in den vergangenen Wochen tagtäglich Zeuge werden durfte. Mir fröstelt es allmählich und ich ziehe den Reißverschluss meines Mantels ein Stück weiter nach oben. Abwechselnd richte ich den Blick auf die nähere Umgebung und das dauerhaft geöffnete Mail-Postfach des Handys in meiner Hand. Immer noch keine Antwort. Obwohl ich schon am äußersten Rand des Gehweges stehe, zischen in regelmäßigen Abständen einige Autos nur ganz knapp an mir vorbei. Der große Supermarkt zu meiner Linken ist in vollem Betrieb, hektisch suchen einige Fahrer die Ein- und Ausfahrt auf. Direkt vor mir erhebt sich der unübersehbare Altbau der Matrix in die Höhe. Direkt davor stehen ein schwarzer Nightliner und ein Anhänger, in der Nähe der Eingangstür tummelt sich eine überschaubare Gruppe, deren Mitglieder angeregt miteinander plaudern. Eigentlich war ich um 17.30 Uhr zu einem Interview verabredet. Zwar pünktlich, aber dafür ohne weitere hilfreiche Informationen, stehe ich jetzt ratlos vor dem Veranstaltungsort und weiß nicht so recht weiter. Bevor weitere wertvolle Zeit verstreichen kann, wähle ich erst die Nummer meiner Kontaktperson, dann die des Labels und zum Schluss sogar die der Lokalität selbst. Keine Chance und offen gestanden auch nicht ansatzweise verwunderlich. Es geht auf den Abend zu und darüber hinaus ist Wochenende. Plötzlich komme ich mit einem Paar mittleren Alters ins Gespräch, die mir von einem Band-Contest im Rockpalast berichten. Sie seien zur Unterstützung ihrer Jungs gekommen und es müsse schon geöffnet sein. Glück muss man haben! Zielstrebig gehe ich zum Eingang, zieh an der Klinke und stehe nur wenig später an den Kassen im kleinen Foyer. Nachdem ich einem Mitarbeiter meine originale Bestätigungsmail vorgezeigt habe, lässt er mich ausnahmsweise passieren und ich steige die vielen Stufen hinunter. Auch wenn sich das in etwas mehr als einer Stunde erheblich ändern soll, liegen die Gänge hier noch in lebloser, halbdunkler Stille. Ein ungewohntes Gefühl. Im untersten Bereich angelangt, stehe ich dann auch schon unmittelbar vor dem Merchandising-Stand, vor dem sich zwei Männer miteinander unterhalten. Meine bisherigen Erfahrungswerte sagen mir, dass man in den Gewölben der Matrix ohnehin kein Netz hat, um den erneuten Versuch eines Anrufs zu starten und so stelle ich meine Frage ein wenig zögerlich in den Raum hinein: "Entschuldigung, ich habe um 17.30 Uhr ein Interview mit Joachim Witt. Wissen Sie vielleicht, wer mir da weiterhelfen kann? Ich konnte vorher leider niemanden erreichen.". Kaum ausgesprochen, drehen sich beide um. Der eine von ihnen ist Bassel Hallak, der Produzent des aktuellen Albums "Thron" und zudem Gitarrist auf der laufenden Tour. Freundlich lächelt er mir zu. "Warte mal, ich kläre das eben.", antwortet er und verschwindet. In der Zwischenzeit sehe ich mich ein wenig um und unterhalte mich mit dem Betreuer des Merchs, der mir berichtet, nur einen Tag zuvor noch bei den brandneuen "Wacken Winter Nights" gewesen zu sein. Neben vier verschiedenen T-Shirts, gibt es unter anderem auch einen Zipper, einige CDs, Aufkleber, Schlüsselbänder, Taschen, Beutel und einen handsignierten Wandkalender zu erstehen. Ein schönes Angebot. Auf einmal kommt eine weitere Person auf mich zu und gibt mir die Hand. "Hi, ich bin Torben!", stellt er sich vor und checkt sein Postfach auf dem Handy. "Du, es kann sein, dass sich das Interview auf 18.30 Uhr verschiebt. Wir hatten Soundcheck und essen gerade noch etwas, sorry. Aber du kannst hier gerne schon mal Platz nehmen und dich vorbereiten. Hier ist's wenigstens warm.", schlägt der Tourmanager vor. Ich setze mich auf eine bequeme Ledercouch, packe die Materialien aus und gehe meine Notizen erneut genauestens durch. Im Hintergrund hat die Support-Band "Palast" gerade ihren Soundcheck, welchem ich interessiert lausche. Eine halbe Stunde später ist es dann auch soweit und Torben kehrt zurück. "Na, wie sieht's aus? Bist du bereit? Dann gehen wir jetzt gemeinsam in den Backstage, komm!". Ich stimme freudig zu und folge ihm zu einer unscheinbaren Seitentür neben den Theken. Die Wände in dem schmalen Korridor sind voller Plakate, auf denen zahlreiche Bands zu sehen sind. So unterschiedlich sie auch auf den ersten Blick erscheinen mögen, so haben sie doch eines gemeinsam: Ihr Gastspiel in der Matrix Bochum. Wir gehen an Tischpaaren vorbei, an denen die Crew- und Bandmitglieder zum Abendessen beisammen sitzen, dann geht es in einen weiteren Gang. Auf dem Weg läuft mir noch Sascha Pace, Sänger der Band "Palast", entgegen. Schließlich öffnet Torben die Tür zur Künstlergarderobe. "Schau mal, das ist Joachim. Joachim, das ist Christoph!", macht er uns miteinander bekannt. Der Mann in dem dunkelblauen Jackett blickt interessiert zu mir herüber, dann erhebt er sich von dem roten Sofa und gibt mir zur Begrüßung die Hand. "Magst du vielleicht etwas trinken? Ein Bier vielleicht? Ein Wasser mit oder ohne Kohlensäure? Bitte sag "ohne Kohlensäure", was anderes haben wir nämlich nicht mehr.", fragt er lachend. Natürlich entscheide ich mich für das Wasser ohne Zusatz und nehme es dankend entgegen. "Ich komme dann später wieder. Viel Spaß euch beiden!", verabschiedet sich der Tourmanager und schließt die Tür hinter uns. Ich gebe Joachim einen schnellen Überblick bezüglich des Ablauf, holen das Diktiergerät hervor und lege es auf den Tisch. Sekunden später klickt die "Record"-Taste. Über was genau wir uns in der folgenden Viertelstunde alles unterhalten haben, erfahrt ihr hier.

Etwa fünfzehn Minuten später bringt Joachim mich in den Speiseraum zurück und winkt Torben zu sich heran. Wie immer habe ich ein kleines Gastgeschenk mitgebracht, das ich ausgerechnet heute allerdings im Auto vergessen habe. Da Glasflaschen in so ziemlich allen Konzertsälen aber berechtigterweise verboten sind, ist ein Veto am Einlass notwendig, um meinen Wiedereinlass damit zu gewährleisten. Das funktioniert erfreulicherweise absolut problemlos, auch wenn ich bei meiner Rückkehr schwer daran tue, den missmutigen Sicherheitsdienst von meiner Berechtigung zu überzeugen. Eine Nachfrage bei der jungen Frau an der Abendkasse schafft diese Vorbehalte jedoch relativ zügig aus der Welt und so übergebe ich Torben, der im Eingangsbereich auf mich gewartet hat, die Rotweinflasche. Er verspricht, sie in meinem Namen zu überreichen und wünscht mir für die bald beginnende Show ganz viel Spaß. Nachdem wir uns verabschiedet haben, wird es allerhöchste Zeit, denn mittlerweile ist die Matrix durch die ersten Besucher mit blühendem Leben gefüllt und es werden immer mehr. Ich habe Glück und erhasche einen der begehrten Plätze auf der Treppe, von wo aus man den besten Überblick hat. Ich verstaue mein Equipment und blicke erleichtert nach vorn. "Die Stürme schrein', die Massen brülln'..." - Es kann also losgehen!

Palast:

Um 20.00 Uhr verdunkelt sich der schlauchartige Konzertsaal zum ersten Mal an dem noch jungen Abend und somit wird es Zeit, für den Support der "Thron"-Tour. Zuerst einmal nur oberflächlich betrachtet, ist dieser zumindest in namentlicher Hinsicht äußerst passend erwählt worden, ist es doch an den jungen Newcomern von "Palast", die anwesenden Gäste für das bevorstehende Programm stimmungstechnisch aufzuwärmen. Lässt man seinen Blick jedoch einmal etwas penibler über die bisherige Schaffensperiode des Berliner Trios schweifen, wird schnell deutlich, dass die musikalische Exekutive hier deutliche Kontraste zum Sound des Mainacts setzten wird. Anstelle vorrangig organisch erzeugter Melancholie-Epik, soll nun vorrangig verspielte Elektronik im Vordergrund stehen. Daran wird kein Zweifel gelassen und das sogar, noch bevor der erste Ton aus den zahlreichen Boxen erklingt. Denn einen ersten Hinweis auf den als "Post-Hipster" bezeichneten Sound, liefert nicht nur die im vergangenen Herbst veröffentlichte EP "Hush", sondern auch das ganz in Weiß durchgestylte Equipment an der Frontseite, welches formschön von drei Reflexschirmen eingerahmt wird. Neben einem klar erkennbaren Keyboard samt Halterung und Verkabelungen, warten nämlich auch zwei sperrige E-Drum-Sets auf ihren Einsatz im palast'schen Synthie-Pop-Universum. Dementsprechend voreingenommen und skeptisch zeigt sich so mancher Besucher im Voraus, doch zeigt sich das Dreigespann umso ehegeiziger, den Gegenbeweis anzutreten. Wie gut die ungleiche Kombination nämlich zusammenpasst, zeigt schon der erste Titel, das noch unveröffentlichte "Initiation", zu dem Frontmann Sascha Pace, Tommy Apus und Marc Engel nacheinander ins Rampenlicht treten. "Listen to the beat!", hallt der eindringlichen Schlachtruf des einprägsamen Refrains durch die Reihen, während sich mystische Choräle zu hämmernden Schlagzeug-Passagen in die Lüfte schrauben. "Hallo Bochum! Seid ihr bereit für Joachim Witt? Wenn ihr es jetzt noch nicht seid, dann seid ihr es später!", begrüßt Pace mit verschmitzter Mine die Menge. "Crucify" setzt das kurze Set dann entspannt verpoppt fort, dessen charmante 80er-Reminiszenz nicht zu überhören ist und durchweg gut ankommt. Einen passenden Song für "all die Liebenden, die besser Freunde geblieben wären", gibt es dann mit dem druckvoll rhythmischen "Just Friends", das, anders als seine veröffentlichte Version, zunächst durch ein sanft getragenes Intro eingeleitet wird. Bereits nach kurzer Zeit entwickelt sich ein enormer Drive in der Tube, der nicht nur ausschließlich Freunden elektronischer Musik vorbehalten bleiben dürfte. Die Melodien wahren jederzeit die ihnen innenwohnende Leichtig- und Eingängigkeit, siedeln sich durch ihren puren und ehrlichen Charakter gleichzeitig aber niemals zu sehr im allzu plastischen Mainstream-Einheitsbrei an. Gerade deswegen bleiben sie immerzu unabhängig und einzigartig, denn konstruiert und verbraucht. Die dezenten Querverweise auf Vorbilder und offensichtliche Jugendhelden sind bewusst Retro, jedoch ohne dabei anmaßend oder altbacken zu wirken, geschweige denn stumpf abzukupfern. "Palast" sind längst ihr eigenes Genre! Das zeigt auch das enorm starke "Get Me", bei dem nicht nur Apus punktgenauen Background-Gesang beisteuert, sondern auch ein Remotekeyboard mit ausuferndem Solo seitens Pace zum Einsatz kommt. "Das nächste Stück ist von unserem kommenden Album, das wir bald über "NoCut" veröffentlichen. Das ist für all die Leute, auf die immer von oben nach unten herabgeschaut wird, für all die Penner die an einem zerren. Jeder sollte sein dürfen, wer er ist!“.