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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Laibach - „Also Sprach Zarathustra"-Tour - JunkYard, Dortmund - 07.03.2018


Veranstaltungsort:

Stadt: Dortmund, Deutschland

Location: JunkYard

Kapazität: ca. 500

Stehplätze: Ja

Sitzplätze: Nein

Homepage: http://junkyard.ruhr

Einleitung I:

Es ist der 07.03.2018, früher Mittwoch Abend. Obwohl mir mein Handy erst kurz nach 19.00 Uhr anzeigt, als ich aus dem großen Foyer des Dortmunder Hauptbahnhofs hinaustrete, ist es am Himmel auch schon wieder dunkel geworden. Ich überlege kurz, mir ein Taxi in Richtung des jeweiligen Veranstaltungsorts zu nehmen, entscheide mich aus reiner Nostalgie aber doch dagegen und laufe los. Noch vor einigen Jahren bin ich hier ganz in der Nähe zur Berufsschule gegangen und kenne mich daher recht gut in der Gegend aus. Bei passablen Temperaturen spricht ja selten etwas gegen einen kleinen Spaziergang an der frischen Luft, nur leider soll sich das Wetter in wenigen Minuten schon wieder ändern. Als ich den großen Platz vor dem mir bekannten Gebäude erreiche, zieht ein kühler Windzug auf und die ersten Regentropfen prasseln auf die Breite Straße nieder. Da ich nicht genau weiß, ob die benachbarte U-Bahn auch die angestrebte Schlägelstraße kreuzt, fasse ich kurzerhand den Entschluss, eisern durchzuhalten und die Straße einfach weiter entlangzulaufen. Nachdem ich eine Brücke passiert habe, befinde ich mich schließlich in der Nordstadt. Dieser Teil von Dortmund gilt allgemein hin als besonders gefährlich, zahlreiche Überfälle und Schlägereien sind an der Tagesordnung und selbst die Polizei fährt hier schon lange nicht mehr Streife. Man sollte also in etwa wissen, wo genau man hingehen darf und wo eben nicht. Für den Unkundigen wäre es wahrscheinlich nicht gerade die beste Idee, hier um diese Uhrzeit allein noch herumzulaufen. Es geht vorbei an hohen Plattenbauten, verwitterten Sex-Kinos, grell erleuchteten Spielhallen, mäßig besuchten Shisha-Bars und gelangweilt dreinschauenden Obsthändlern. Es wird vermutlich dem Ruf der Gegend geschuldet sein, aber obgleich sonst keinerlei unschöne Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen, so hat man doch damals wie heute das unwohle Gefühl, dass jeden Moment ein Bandenkrieg ausbrechen oder etwas ähnlich Schlimmes geschehen könnte. Immer wieder werfe ich einen Blick auf Google Maps und überprüfe, ob ich nicht vielleicht vom Weg abgekommen bin. Offensichtlich nicht, denn es geht ja praktisch auch nur geradeaus. Von Freundlichkeit scheinen die meisten Personen hier wohl auch nicht viel zu halten: Mal brüllen sich ein paar Passanten an, irgendwo wird eine Mülltonne umgetreten und als ich jemanden fragen möchte, ob ich auf der richtigen Fährte bin, geht er einfach kopfschüttelnd weiter. Auch gut. Nach etwa einer halben Stunde sehe ich zu meiner Linken ein niedriges, von viel Bauzaun eingesäumtes Gebäude, vor dem das Wrack eines ausrangierten Schulbusses liegt. Seine Türen sind mannigfaltig mit Graffiti besprüht, die Scheiben eingeschlagen. Dahinter stehen zwei hohe Container, über denen ein langes Schild mit einem Schriftzug darauf angebracht worden ist. „JunkYard“ ist in dünnen Lettern darauf zu lesen. Es sieht nicht so aus, als ob gleich hier der Eingang wäre und so biege ich in die kleine, dunkle Seitenstraße daneben ein. Als ich den langen, schwarzen Tourbus neben dem Bürgersteig erblicke, weiß ich, dass ich offenbar richtig bin.

Ich rauche meine Zigarette schnell auf und gehe zu einem kleinen Bauwagen, an dessen Fensterscheibe ein kleiner Zettel mit der Aufschrift „Kasse“ prangt. Da mir vor ein paar Tagen noch nicht gänzlich klar war, ob ich das Konzert auch wirklich wahrnehmen könnte, habe ich mich nicht vorsorglich akkreditierten lassen und greife stattdessen auf ein Ticket an der Abendkasse für neununddreißig Euro zurück. Sowohl die Verkäuferin als auch die Sicherheitsbediensteten am Einlass sind ausgesprochen freundlich und heißen mich herzlich Willkommen. Sehr schön. Plötzlich drängt sich ein anderer Besucher dazwischen: „Ist schon klar, wann die Band spielt?“, fragt er hektisch. „Hoffentlich bald!“, scherzt einer der Türsteher. „Naja, wenn die Künstler es wollen. Die holen sich wohl gerade noch etwas zu essen, glaube ich...“, heißt es da nur. Mit diesem wagen Halbwissen gehe ich unter dem kleinen Zeltdach hindurch und finde mich schlussendlich in einer äußerst ungewöhnlichen, aber dafür sehr charmanten Kulisse wieder: Ich stehe inmitten eines recht schmalen Innenhofs, der von einigen weiteren aufgestapelten Containern eingekesselt wird. Von den Backsteinmauern hängen flackernde Lichterketten und Lampion herunter, hinter den Fenstern ist nichts und niemand zu sehen. Ob hier tatsächlich jemand wohnt? Auf dem Schotterplatz liegen einige Reifen herum, daneben stehen leere Fässer und ein paar Plastikstühle. Die Garderobe und Sanitäranlagen sind unterdessen in weiteren Wagen untergebracht, direkt dahinter steht ein waschechtes Zirkuszelt. Warum auch immer. So etwas sieht man auch nicht alle Tage. Der Club macht seinem Namen in atmosphärischer Hinsicht jedenfalls alle Ehre und ist auf morbide Art irgendwie schon interessant und sogar seltsam heimelig, unterscheidet er sich doch ziemlich von den gängigen Veranstaltungshallen, die man sonst so kennt. „Keine Fotos und Videos! Behaltet eure Kameras und Handys in den Taschen und genießt das Konzert.“, steht auf einem Aushang an der schweren Tür, die ich jetzt quietschend öffne, bevor ich ins Dunkel hineintrete. Der Saal ist zwar relativ geräumig, aber dafür vergleichsweise niedrig. Direkt neben dem Eingang wurde das Mischpult errichtet, blutrote Beleuchtung huscht über die kahlen Wände. Links vorne neben der Bühne befindet sich eine lange Theke und der Merchandising-Stand. Ich bestelle mir ein Bier und bekomme sogar eine kleine Pfandmarke, die ich schnell in meinem Portemonnaie unterbringe. Mit dem Getränk in der Hand, widme ich mich den Fanartikeln. Neben klassischen T-Shirts und Hoodies, finden sich hier auch ein paar schöne Motive zum neuen Album aus dem letzten Jahr. Insbesondere bei den Kleinigkeiten fährt man dann umso kreativere, da unübliche Produkte auf: In zwei mittelgroßen Schaukästen liegen nicht nur CDs, DVDs, Pins und Aufnäher bereit, sondern auch sechs verschiedene Zigarettenschachteln mit themenbezogenen Aufdrucken, wie etwa „Think Negative“ oder „Life Is Life“, eine Seife und Armbinde mit Logo oder auch ein echtes Parteibuch. Etwa um 20.00 Uhr erklingt ein tiefes Summen aus den Boxen, das in den folgenden Minuten immer weiter zu einem bedrohlichen Dröhnen ansteigt. All jene, die gerade noch im Außenbereich verweilten, strömen jetzt, in der Hoffnung, dass es endlich losgeht, erwartungsfroh nach drinnen. Doch Fehlanzeige! Die düster-monotonen Klanginstallation soll für eine weitere Stunde andauern, denn wie üblich, gibt es auch an diesem Abend keine Support-Band. Der Fokus liegt allein auf dem Schaffen einer einzigen Formation und nichts soll davon ablenken. Nach einer Viertelstunde verlasse auch ich die Halle wieder, trete hinaus an die kühle Abendluft und lasse mich auf einen der Stühle sinken. Doch wer oder was genau erwartet das Publikum heute Nacht eigentlich? Eine kleine, historische Lehrstunde für den Unwissenden gefällig?

Einleitung II:

„Laibach“ erwachte einst im Jahr 1980 in der zentralslowenischen Stadt Trbovlje zum Leben und ist neben den Malern „IRWIN“, sowie der Theatergruppe „Gledališče Sester Scorpion Nasice“, heute bekannt als „NOORDUNG“, der musikalische Teil des interdisziplinären Kunstzusammenschlusses „Neue Slowenische Kunst“, kurz „NSK“. Noch im Gründungsjahr arbeitete das Kollektiv am multimedialen Projekt „Eine Alternative zur slowenischen Kunst“, welches jedoch schon weit im Vorfeld von der Regierung verboten wurde. Schon allein der bloße Name an sich ist eine reine Provokation, galt die deutschsprachige Nennung der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, übersetzt „geliebte Stadt“, im ehemaligen, titoistischen Jugoslawien als unsittlich und verboten. Frei abgeleitet aus dem Slawischen, war jene Titulierung vor allem 1804 unter dem Kaisertum von Österreich gebräuchlich. Ihr Logo ist das schwarze Kreuz von Kasimir Malewitsch, der als russischer Maler und Begründer des Suprematismus bekannt war. Der bewusst konstruierte Ärger war perfekt geplant und somit vorprogrammiert. So kam es etwa 1982 während eines laufenden Konzerts in Zagreb zu einem der ersten Skandale, als gegen 05.00 Uhr am frühen Morgen der gesamte Veranstaltungsort von der jugoslawischen Armee und kroatischen Polizei gewaltsam geräumt wurde. Der Grund: Eine parallel zur musikalischen Darbietung abgespielte Videoprojektion, die aus Szenen des Films „The Future Continues“, sowie einem Porno bestand und somit den kürzlich verstorbenen Staatspräsidenten im direkten Zusammenspiel mit einem männlichen Geschlechtsteil zeigte, woraufhin „Laibach“ sofort die Republik wieder verlassen musste. Ein anderes Mal erschien die Band etwa in SS-Uniformen zur Neueröffnung eines Kaufhauses in Ljubljana, um die Kernelemente und Säulen des Kapitalismus intensiv auszuloten. Diese regelmäßige Grenzüberschreitung führte gerade zur Anfangszeit zu Auftrittsverboten in der Spanne von 1983 bis 1987, wie gleichermaßen zahllosen Indizierungen, die Musiker waren fortan als staatsgefährdende Provokateure gebrandmarkt. Erste mediale Bekanntheit erlangte man dann durch eine Teilnahme an der Fernsehshow „TV Tednik“, wo man die Massen durch das martialische Auftreten weiterhin spaltete. In 1985 erschien unter ŠKUC Records das Debüt, welches bezüglich des Verbots keinen Bandnamen enthielt. Noch im selben Jahr folgte dann „Rekapitulacija 1980-1984“ über das Label Walter Ulbricht Schallfolien, was den Slowenen einen Auftritt auf dem Neu Konservatiw Festival in Hamburg und eine Tournee durch weitere deutsche Städte ermöglichte. Der Aufhänger: „Die erste Bombardierung - Laibach über dem Deutschland“. Auch die Musik, allen voran die augenöffnenden Neuinterpretationen bekannter Welthits, erhöhten die Aufmerksamkeit zunehmend. So wurde „Life Is Life“ von den Österreichern „Opus“ zum symphonisch militanten Bombast-Epos „Leben Heißt Leben“ oder „One Vision“ der berühmten Rock-Legende „Queen“ plötzlich zur inhaltlich fragwürdigen „Geburt Einer Nation“. Das strikte Konzept und dessen wirkungsvolle Strategie beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Konzerte allein, sondern setzt sich auf beim öffentlichen Auftreten, dem verwendeten Artwork, den raren Interviews und selbst dem angebotenen Merchandising-Sortiment fort, welches beispielsweise mit „Anti-Semitism“ bedruckte Kondome oder Pflegeprodukte mit der Aufschrift „Schwitz Aus!“ führt. Die Mitglieder fielen nie aus ihrer Rolle, was ihnen schnell den Ruf geistiger Brandstifter und die Unterstellung der Verwendung rechten Gedankengutes einbrachte. „Laibach“ galten als eine der umstrittensten Formationen weltweit. Auf die vielfachen Vorwürfe äußerten sie sich knapp mit den Worten: „Wir sind so sehr Faschisten, wie Hitler ein Maler war.“. Obgleich von Beginn der eigene Anspruch an ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk bestand, wurde man im Laufe der Zeit viel eher als Band wahrgenommen, deren Musik sich aus verschiedensten Einflüssen wie (Neo-)Klassik, Metal, Techno oder Pop zusammensetzt. So steht das Kollektiv heute als Pionier für Avantgarde, Industrial und EBM, inspirierte einst unter anderem sogar die berühmten Berliner von „Rammstein“. Bei ihrem gesamten Schaffen berufen sich „Laibach“ nicht etwa auf das Praktizieren von Ironie, Satire oder Parodie, sondern machen sich die Methodik der affirmativen Über-Identifikation zu Eigen.

Diese definiert sich durch die Aneignung, Kopie und dem Gebrauch politischer, ideologischer und symbolischer Ästhetik aus Diktatur, Faschismus oder eines totalitären Regimes und übersteigert die Simulation derer Mittel in erhöhtem Maße bis hin zur Reizüberflutung. Dazu greift man auf ein Höchstmaß akustischer und visueller Elemente zurück, um die Faszination und Anfälligkeit jedes Einzelnen dafür aufzuzeigen und jene Instrumente als das zu demaskieren, was sie letzten Endes sind: Schall und Rauch. Dieses Vorhaben soll zur intensiven Auseinandersetzung des Rezipienten mit den jeweiligen Inhalten führen, wodurch das System eigens in Frage gestellt und von innen heraus in seinen Grundfesten angegriffen wird. Wenngleich „Laibach“ nie wirklich massenwirksam oder salonfähig geworden sind, öffneten sie sich im neuen Jahrtausend schließlich auch anderen Themen und sind heute nicht nur ein kulturelles Phänomen, sondern auch ein absolutes Aushängeschild für ihr Land. So begründeten sie sogar einen „NSK“-Staat, in dessen Zuge eigene Konsulate und Botschaften in Ljubljana, Moskau, Berlin oder Mailand für die offizielle Ausgabe von Ausweispapieren eröffnet wurden, auf den eigenen Konzerten kann zudem das Parteibuch erstanden werden. Weiterhin wurden man zur Expo 2000 in Hannover geladen, um im slowenischen Pavillon aufzutreten. Die Ausstellung „Laibachkunst 1980-2010 - Red District + Black Cross“ in Trbovlje, eine umjubelte Aufführung samt Aufzeichnung in der Tate Gallery of Modern Art zu London und die Arbeit am Soundtrack zur vielbeachteten Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“ waren weitere Schlüsselpunkte auf der Agenda, die mit der „Liberation Day“-Tournee auf dem Höhepunkt gipfelte. Am 19. und 20.08.2015 bereisten „Laibach“ die demokratische Volksrepublik Nordkorea und gaben im Rahmen des Gwangbokjeol-Feiertags, anlässlich des siebzigsten Jahrestags des Endes der japanischen Besatzung, dort als erste westliche Band ein Konzert im abgeriegelten Pjöngjang. Das Ergebnis dieses Unterfangens ist die Dokumentation „Liberation Day“, welche im vergangenen Jahr erschien. Wie schon mit dem 1989 über Mute Records erschienenen „Macbeth“, welches für die Inszenierung von Peter Zadek im Hamburger Schauspielhaus verwendet wurde, nahm man sich mit „Also sprach Zarathustra“ zuletzt einer weiteren Literaturvorlage an. Ursprünglich für die Theaterproduktion, welche ab März 2016 im Anton Podbevšek Teater zu Novo Mesto seine Uraufführung fand, von Regisseur Matjaž Berger geschrieben, veröffentlichten „Laibach“ im Herbst des vergangenen Jahres das gemeinsam mit dem RTV Slovenia Symphonic Orchestra eingespielte Stück zum gleichnamigen Werk von Friedrich Nitzsche. Dieses gilt als das erste Nicht-Sachbuch des bekannten Philologen und handelt vom fiktiven Denker Zarathustra, der darin seine Lehren vom Übermenschen in vier Teilen propagiert. Einst als Bewohner der Berge, ging er zum Markplatz, um seine Weisheiten zu teilen. Doch erntete er nur Spott und zog anschließend aus, auf der Suche nach Geistesverwandten. Interessant ist dabei der Bezug und die Reflexion auf die eigenen Theorien Nitzsches: So seien vor Gott zwar alle gleich, doch gäbe es nach dessen Tod eine Chance für eine neue Inkarnation der Gesellschaft. „Der Mensch ist etwas, was überwunden werden will.“, heißt es. Neben den erstrebenswerten Tugenden, wie dem Vertrauen in seine Fähigkeiten und Selbstliebe, solle nach Zarathustras Ideal aber auch der individuelle Wille als einziger Maßstab gelten und der Mut zur Härte bei der Durchsetzung aller Ziele vorherrschen. Obwohl es zwischen den Aussagen des Autoren und der Kunstfigur zu unterscheiden gilt, ließ die sozialdarwinistisch geprägte Intention einige Missverständnisse zu und wurde beispielsweise von den Nationalsozialisten als Vorbild für die Herrenrasse missbraucht. Ein Umstand der zeigt, dass Nietzsche seiner Zeit damals voraus war und es auch heute, viele Jahre später, wahrscheinlich noch immer ist. Sein Wunsch nach Lesern, die des gleichen Pathos befähigt sind, dürfte daher noch immer bestehen, wie auch der Untertitel „Ein Buch für Alle und Keinen“, somit deutlich zeigt.

„Laibach“:

Pünktlich um 21.00 Uhr erlischt die ohnehin schon fahle Beleuchtung in der JunkYard und somit auch endgültig die Hoffnung, dass in der Zwischenzeit noch mehr Publikum seinen Weg in den Dortmunder Club gefunden hat. Obg