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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

ASP - „Zaubererbruder - Der Krabat-Liederzyklus - Live & Extended"-Tour - Turbinenhall


Veranstaltungsort:

Stadt: Oberhausen, Deutschland

Location: Turbinenhalle 1

Kapazität: ca. 3.500

Stehplätze: Ja

Sitzplätze: Nein

Homepage: http://www.turbinenhalle.de

Einleitung:

Wir schreiben Freitag, den 12.10.2018. Obwohl ich mich bereits die ganze Woche schon sehr auf das heutige Konzert gefreut habe und Vorfreude die Zeit bekanntlich um ein Vielfaches zu verlangsamen scheint, sind die letzten Stunden auf der Arbeit praktisch wie im Fluge vergangen. Der späte Nachmittag gehört längst wieder der Vergangenheit an, es ist unversehens Abend geworden. Die Uhr im Büro zeigt 17.20 Uhr an und ich beginne damit, meine Sachen zusammenzupacken. Anders, als sonst so bei mir üblich, mache ich heute keinen kurzen Abstecher zurück nach Bochum, um mich zuvor nochmals etwas frisch zu machen. Dafür ist mein Plan einfach zu knapp, zumal es auf dieser Tournee augenscheinlich keinen Support-Act gibt. Außerdem ist noch etwas anders, denn dieses Mal kommt noch eine Arbeitskollegin mit. Wie der ein oder andere Leser vielleicht weiß, habe ich in meinem Beruf tagtäglich nicht gerade wenig mit Büchern zutun und so liegt es natürlich nahe, sich gelegentlich genau darüber untereinander auszutauschen. So erfuhr ich just vor einigen Monaten, dass sie selbst großer Fan der bekannten Literatur- und Filmvorlage um den titelgebenden „Krabat“ ist, sowohl des Originals als auch des 2008er Remakes, und zudem sogar die Band „ASP“ kennt, weswegen sie die angesetzte Show in Oberhausen schon vor längerer Zeit ins Auge gefasst hatte... Und das, obwohl sie eigentlich nur sehr, sehr selten auf Konzerte geht und demnach auch schon einige Jahre auf keinem mehr war. Wenn das NRW-Gastspiel der Gothic-Novel-Institution um den (ehemaligen) Frankfurter Frontmann nicht die Gelegenheit schlechthin ist, diesen misslichen Umstand kurzerhand wieder zu ändern und stattdessen in pure Euphorie zu verwandeln, dann weiß ich es auch nicht mehr. Nachdem ich zuletzt erst einige Tage zuvor nochmals an den entsprechenden Tag erinnerte und sie sich schließlich eine Karte kaufte, war es also beschlossene Sache und wir planten, direkt nach dem Feierabend loszufahren. Da der örtliche Hauptbahnhof glücklicherweise nicht allzu weit entfernt ist, laufen wir die Strecke dorthin einfach entspannt zu Fuß und kaufen uns zuvor noch einen kleinen Snack, den wir aber nicht mehr essen können, weil wir uns scheinbar etwas in der Zeit verschätzt haben und dringend unseren Zug bekommen müssen, den wir aber wiederum fast verpassen, weil wir unser Zusatzticket noch nicht am Automaten abgestempelt haben. Habe ich gerade eben etwa „entspannt“ geschrieben? Nun ja, letzten Endes geht doch noch alles gut und wir finden trotz der hektisch schiebenden Menschenmenge einen Sitzplatz am Fenster. So pendeln wir dann lediglich mit marginaler Verspätung rund fünfundzwanzig Minuten in Richtung Oberhausen und langsam setzt sie bei mir doch ein, die liebe Entspannung. Diese hält jedoch nur so lange an, bis wir kurz vor unserem Zielort an entsprechender Konzerthalle vorbeifahren und ich im Affekt den großen Fehler begehe, genau in jenem Moment aus dem Fenster zu schauen: Obwohl es noch über eine halbe Stunde dauert, bis die Tore sich endlich öffnen sollen, hat sich bereits eine beachtliche Schlange an Besuchern gebildet, die sich weit über den halben Vorplatz zieht. Das war‘s also auch schon wieder mit der Entspannung. Zum Glück dauert es jetzt nicht mehr lange. Schließlich am Hauptbahnhof angekommen, geht es weiter zur Bus-Insel, von dort aus zur Haltestelle „Im Lipperfeld“ und einen kurzen Marsch später stehen wir auch schon vor der Turbinenhalle 1 und reihen uns ein. Im Gegensatz zur „zutiefst“-Tournee aus dem vergangenen Jahr, beanspruchen „ASP“ dieses Mal nämlich die Größere der beiden Venues für sich, während im angrenzenden Neubau die Kollegen von „Hämatom“ abermals ihre „Bestie Der Freiheit“ von der Kette lassen. Wenig verwunderlich also, dass sich vorab so manch ein Besucher im Zwiespalt befand, zu welcher Veranstaltung es ihn letzten Endes wohl ziehen würde. Da ich persönlich die vier maskierten Franken allerdings schon diesen Frühjahr in Essen bei einem ihrer intimen Club-Gigs erleben durfte, fiel die Entscheidung denkbar einfach.

Pünktlich um 19.00 Uhr beginnt der Einlass, welcher erstaunlicherweise deutlich schneller abläuft, als zunächst noch gedacht und keine Viertelstunde später stehen wir auch schon im weiten Foyer. Der separate Eingang für die Gästeliste befindet sich nicht etwa wie bei seinem baugleichen Pendant etwa schon vor den Türen, sondern erst im Inneren direkt neben der Abendkasse. Ich ziehe mein kleines Portemonnaie hervor und suche darin schnell nach meinem Personalausweis, denn auch bei dieser Tournee habe ich erneut die große Ehre, von Stamm-Label Trisol für eine offizielle Zusammenarbeit zu Berichtzwecken akkreditiert worden zu sein. Und das ist längst nicht alles: Auch mein geschätzter und langjähriger Kooperationspartner Jobst Meese von „Jodocus Obscurus Photography“, mit welchem ich mir gemeinsam speziell für diese Event-Reihe eine ganz besondere Kooperation überlegt habe, ist nun wieder mit an Bord. Erst kürzlich besuchte er den Auftakt im Pavillon zu Hannover und obwohl ihn derzeit eine starke Erkältung niederzustrecken droht, hat er sich ganz fest vorgenommen, das Abschlusskonzert in Hamburg ebenfalls zu dokumentieren. Während ich hier nun diese Zeilen tippe, weiß ich, dass er allen Widrigkeiten mehr als erfolgreich getrotzt und das alles auch tatsächlich geschafft hat - Hut ab! Wie ihr lest, nehmen wir unsere jeweiligen Aufgaben nach wie vor sehr ernst und sind um ein bestmögliches Ergebnis bemüht. Bis jetzt sieht es also gut aus und die erste Hürde ist jedenfalls schon mal genommen. Wie bereits vergangenen Herbst in meinem Konzertbericht erwähnt, habe ich es mir mittlerweile erfahrungsgemäß angewöhnt, sicherheitshalber „Ich müsste eigentlich auf der Gästeliste stehen!“ zu sagen, falls mal jemand vergessen haben sollte, mich darauf zu notieren und ich demnach dann nirgendwo drauf- und stattdessen vor allen Anwesenden wie ein gemeiner Betrüger dastehe. Weil beim letzten Mal aber alles so dermaßen prima geklappt hat, sage ich heute einfach nur höflich lächelnd „Guten Abend, ich stehe auf der Gästeliste!“, nenne meinen Namen und warte gespannt ab. Warten kann ich jedoch wohl lange, denn nachdem die freundliche, junge Frau an der Kasse jede Liste mehrmals umgedreht hat, sagt sie mir mit fragendem Gesichtsausdruck nämlich das genaue Gegenteil: „Sorry, aber ich kann dich hier leider gar nicht finden...“. Irgendwie ist dieser Satz selbst nach über drei Jahren Hobby-Journalismus der Letzte, den man hören will. Zum Glück bin ich vorbereitet und habe die jeweiligen E-Mails auf dem Handy schon geöffnet. Nun kommt ein Mann mit einem Funkgerät, bespricht kurz etwas und plötzlich geht alles ganz schnell. „Schreib ihn bitte dazu.“, sagt er und nachdem ich der Dame nochmals meinen Namen genannt habe, hält sie alles schriftlich auf dem kleinen Notizblock fest und wünscht mir viel Spaß.

Es folgen der routinierte Body-Check und die Taschenkontrolle seitens der Securitys, dann bin ich drin und warte noch kurz auf meine Begleitung. Die meisten anderen Besucher haben sich unterdessen an der Theke angestellt, um sich vorab einige Wertmarken für kühle Getränke zu sichern oder tummeln sich zuhauf am ausladenden Merchandising-Stand, an dem es mal wieder wirklich sehr schöne Sachen zu erstehen gibt. Als ich mir einen flüchtigen Überblick verschaffen will, fällt mir ein kleines Plakat an der Wand dahinter ins Auge, auf welchem zu lesen ist, dass an diesem Abend die Aufnahmen für die angekündigte und durch Crowdfunding finanzierte Live-DVD stattfinden sollen. Besuche man das Konzert, würde man sich damit einverstanden erklären, auf dem endgültigen Bildmaterial zu sehen zu sein. Hätte man etwas dagegen einzuwenden, so würde einem das Ticket an der Kasse zurückerstattet. Ich freue mich riesig, denn obgleich ich in meinem Leben bereits schon zahllose Konzerte gesehen habe, so war ich bei einer solchen Aufzeichnung noch nie dabei. Da wir die zu erwartende Menschenmenge nur schlecht abschätzen können, einigen wir uns darauf, die geplanten Einkäufe auf später zu verschieben und uns stattdessen um einen guten Platz zu kümmern. Im Saal angekommen suchen wir uns zügig einen Weg durch die bereits Wartenden und kommen schließlich unerwartet weit vorn zur rechten Seite zum stehen. Die Taschen hängen wir über das hüfthohe Geländer hinter uns. Es kann ja manchmal so einfach sein und plötzlich setzt die Entspannung doch noch ein. Ich schaue mich in der ehemaligen Industriehalle um und staune nicht schlecht: Der gesamte, obere Rang ist nahezu komplett gefüllt und auch die seitlich davon liegenden Balkone sind schon längst besetzt. Ein kurzer Blick aufs Handy verrät mir, dass die Turbinenhalle auf einmal tatsächlich „ausverkauft“ meldet. Also scheinen doch noch so einige Kurzentschlossene spontan das restliche Kontingent erschöpft zu haben... Derweil strömen jetzt unablässig immer mehr Fans ins Innere, was mich für die Band und ihre geplante DVD wirklich ungemein freut. „Man merkt die Aufregung hier richtig, oder?“, freut sich meine Kollegin strahlend und ist offensichtlich selbst schon ganz gespannt auf das bald Folgende. Ich finde das vor allem deswegen so schön, weil es mich irgendwie doch sehr an die eigene Nervosität vor meinen ersten Konzerten erinnert. Vor allem dann, wenn ich einen bestimmten Künstler noch nie zuvor live gesehen hatte. Im abgetrennten Bereich am Mischpult wurden große Kameras positioniert, zwei Weitere sind im Graben vor der Bühne zu sehen, in der Mitte ragt gar ein beeindruckend hoher Kran empor. Es kann also nichts mehr schiefgehen! Ungeachtet der für diese Jahreszeit ungewöhnlich hohen Außentemperaturen, wird es mit steigender Besucherzahl auch hier nun zunehmend wärmer und so gehe ich erstmal los, um in Ruhe zwei Bier zu ordern. Wie erwähnt, gibt es heute Abend ausnahmsweise keinen Support-Act als Anheizer und somit bleibt den Gästen noch über eine Dreiviertelstunde zum regen Austausch miteinander.

ASP:

Es ist punktgenau 20.00 Uhr geworden. Noch immer erscheint die just beschriebene Vorfreude nahezu in der gesamten Turbinenhalle deutlich spürbar und dabei fast schon wie zum Greifen nahe, wenngleich die zahllosen, teilweise arg aufgeregten Gesprächsfetzen mittlerweile auch viel eher einem andächtig gespannten, kollektiven Tuscheln gewichen sind, welches temporär nur in jenem Moment nochmals in seinen euphorischen Ursprungszustand umschwenkt, als die schale Beleuchtung langsam gelöscht und es somit für kurze Zeit zunehmend dunkel wird. Aus dem scheinbar endlosen Nichts beginnt es nun sanft zu zischen: Erste Nebelschleier ziehen plötzlich aus allen Ecken herbei und verdichten sich zu einer gleichmäßig wabernden Wolke, während die große Bühne nun langsam in dunkelblaues Licht eingetaucht wird. Der Hintergrund wird von einem malerischen Backdrop mit dem Artwork des entsprechenden Studioalbums darauf dominiert, welches hier abermals traditionell in fünf Teile aufgespalten worden ist und von links nach rechts die Motive einer alten Mühle, eines verwitterten Grabsteins, eines pechschwarzen Rabens, eines reißenden Bachs und das eines düsteren Himmels zeigt. An den langen Säulen dazwischen sind diverse Scheinwerfer und Strahler in verschiedenen Formen montiert worden, davor ragen wuchtige Podeste in der Optik im Wind wogender Weidenfelder in die Höhe, an denen gleich mehrere, schwere Jutesäcke mit einem aufgedruckten Mühlrad darauf lehnen. Unmittelbar neben dem mittig aufgestellten Mikrofonstativ türmt sich ein Berg aus Gebein und Knochen, am vorderen Rand blickt unterdessen ein übergroßer Rabenschädel aus seinen leeren Augenhöhlen tief in den Zuschauerraum hinein. Unter anerkennendem Applaus betreten nun Multiinstrumentalist Thomas Zöller und Drehleierspielerin Patty Gurdy die Bretter und begeben sich sogleich auf ihre Position, um eine klagende Folk-Weise anzustimmen, die sogleich eine raue, trostlose Atmosphäre transportiert und das aufmerksame Publikum an den anfänglichen Spielort der bekannten Geschichte, die Lausitz während des nordischen Krieges, versetzt. Plötzlich schälen sich die unverkennbaren Umrisse eines großen Mannes aus der Dunkelheit, der sich jetzt mit bedächtigen Schritten dem Zentrum der Bühne nähert. Es ist Frontmann und Sänger Alexander „Asp“ Spreng, der nun unter gar tosendem Beifall von der einen zur anderen Seite schreitet, seine Hand schützend über das Gesicht hebt und den prüfenden Blick durch die dichten Reihen der Gäste fahren lässt. Er trägt ein weißes Leinenhemd, darüber eine schwarze Wams aus festem Leder und gibt den titelgebenden Protagonisten, der auf seiner langen Reise im Koselbruch bei Schwarzkollm fröstelnd umherstreift. Als der Jubel allmählich abklingt, greift er nach dem Mikrofon und erfüllt den Saal zum eröffnenden „Betteljunge“ mit seiner zerbrechlichen Stimme. „Brot, Brot, Brot. Gebt mir nur ein Stückchen Brot!“, haucht er verzweifelt. Die ersten Fans hängen bereits an seinen Lippen und singen unüberhörbar mit. Im finalen Part betreten dann auch die übrigen Musiker geschlossen die Bühne, um sich zielstrebig an ihre Instrumente zu begeben: Schlagzeuger Stefan Günther-Martens, Violinist Nikos Mavridis, Bassist Andreas „Tossi“ Gross, sowie die beiden Gitarristen Sören Jordan und Lutz Demmler. Sie alle tragen ebenfalls die obligatorischen, weißen Hemden und versinnbildlichen so die Gemeinschaft und Zugehörigkeit zur starken Einheit der fest verschworenen Zaubererbrüder. Mit dem Quasi-Titeltrack des heute zu feiernden Liederzyklus, dem allseits beliebten Klassiker „Krabat“, gelingt das Eintauchen in die komplexe Romanvorlage anschließend endgültig, ehe sich der industrielle Bau abermals mit schallenden Jubelstürmen füllt, die einfach nicht mehr abklingen wollen. „Ihr schönen Menschen hier in Oberhausen! Wie wundervoll, euch heute an diesem ganz besonderen Abend begrüßen zu dürfen, an dem ich euch mithilfe von Freunden die Geschichte von Krabat erzählen möchte... meine Version der Geschichte. Die meisten von euch kennen sie sogar schon, oder?“, begrüßt der Mastermind das Publikum lächelnd und sichtlich ergriffen, ob es hohen Zuspruchs der rund dreitausend Anhänger. „Nun, als ich damals das ein oder andere Stück geschrieben habe, wusste ich noch nicht, dass dem ein ganzer Zyklus folgen sollte. So wie ich das sehe, ist das aber kein Problem und scheint keinen zu stören, immerhin sind so unfassbar viele von euch hier.“, fährt er freudig kokettierend fort. „Wie dem auch sei, denn wie es sich für einen guten, bösen Müllermeister gehört, habe ich noch so einige Überraschungen für euch in petto. Aber vor allem hoffe ich, dass ihr die Zeit mit uns genießen werdet und wir mit euch. Willkommen in der schwarzen Mühle!“. Spätestens jetzt gibt es kein Entkommen mehr und mit den ersten Takten baut sich „Die Teufelsmühle“ vor den Augen der Besucher auf. Wie auch schon in der regulären Album-Version, dominiert hier gerade der folkloristische Anteil im semi-akustischen Soundgewand, welcher nicht nur an die damalige Unplugged-Tournee gemahnt, sondern insbesondere auch dem historischen Organismus aus Geige, Leier und Sackpfeifen ihren verdienten Raum gibt. Im blutroten Schimmer ziehen Scheinwerfer ihre weiten Bahnen und kleine LED-Lichter funkeln zum schwerfälligen Rhythmus des besungenen Mühlrades bedrohlich im Uhrzeigersinn, während aberhunderte Hände im Takt der donnernden Percussion von Günther-Martens mitklatschen. Ein atmosphärischer Genuss für Auge und Ohr gleichermaßen!

„Dort liegt sie, die Mühle. Wie ein geducktes Tier zum Sprung bereit. Mir aufzulauern, kann kaum noch atmen. Was tu‘ ich hier, was wartet wohl hinter ihren Mauern? Da öffnet sich die Tür. Wirkt wie ein Scheusal, halb erblindet. Der Blick Drohung in sich birgt. Gleich wo ich auch sein mag, er