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  • Christoph Lorenz

ASP - Interview Teil I (2019)


Roggenfaenger: Hallo und herzlich Willkommen zurück auf dieser Seite! Dankeschön, dass du dir ein weiteres Mal die Zeit für ein so ausführliches Interview mit mir genommen hast. Wie fühlt es sich denn eigentlich an, wenn ein komplett neues Werk endlich vollendet ist, in welches du abermals all deine Energie, Zeit und Kreativität investiert hast? Ist man danach leer oder doch viel eher aufgeregt und fiebert schon voller Vorfreude der absehbaren Veröffentlichung entgegen?

Asp: Dieses Mal überwog die Leere. Als ich für unser Jubiläumsjahr, zwanzig Jahre "ASP", frecherweise entschieden hatte, nicht nur so etwas wie eine neue Best-Of-CD, sondern direkt ein neues Album zu veröffentlichen, fühlte sich das richtig und gut an. Denn es zeigt, worum es bei "ASP" geht: Neue Musik und neue Geschichten! Dennoch sind wir auch in die Vergangenheit eingetaucht und spielten eine aufwändige Jubiläumstournee, die uns während des Produktionszeitraums der neuen CD am Ende dann doch sehr viel Energie gekostet hat. Man spürt dann, dass man keine dreißig Jahre mehr alt ist, denn Songs zu schreiben ist eine sehr intensive Arbeit. Im Nachhinein weiß ich auch, dass es für unseren Kräftehaushalt besser gewesen wäre, wenn diese neue Platte nicht volle neunundsiebzig Minuten Spielzeit hätte, sondern nur etwa fünfundsechzig Minuten. Wir geben immer zu 100% Vollgas, manchmal auch zu 120%, und am Ende haben wir, speziell unser Gitarrist und Produzent Lutz Demmler und ich, das definitiv gespürt. Wir sind mit allem, was wir hatten, glücklich über die Ziellinie gekommen - und blieben dort dann liegen. Nach der Abgabe der Masterbänder an unsere Plattenfirma Trisol ging zwei Wochen lang erst einmal rein gar nichts mehr. In dieser Zeit war mein einziger Wunsch, ganz viel zu schlafen. Es steckt alles, was wir haben und hatten, in diesem Album. Bei uns ist das nicht nur das Herzblut, sondern jegliche Energie, die wir besaßen. Dieser überlastete Muskel beginnt sich jedoch momentan wieder mehr und mehr zu entspannen.

Roggenfaenger: Hört man das durchweg homogene Ergebnis, so mag für den Rezipienten gefühlt daraus hervorgehen, dass der allgemeine Kreativ- und Produktionsprozess dieses Mal ohne größere Strapazen und Schwierigkeiten verlaufen sein muss. Wie betrachtest du selbst diese Phase rückblickend und welche spontanen Ideen oder langgehegten Wünsche wurden bei dir dadurch zusätzlich befeuert und vielleicht endlich verwirklicht?


Asp: So war es tatsächlich! Dadurch, dass uns dieses Werk so leicht von der Hand ging, passierten auf der Zielgeraden noch Dinge, von denen ich gesagt habe: Dies und jenes darf und muss noch auf das Album kommen. Wenn der Flow mal da ist, muss man ihn auch nutzen. Auch wenn diese Scheibe sehr homogen wirkt, so besitzt sie doch sehr viele, kleine, rebellische Musikmomente, die man in dieser Form bei "ASP" noch nie gehört hat. Es ist schön zu erleben, wie all dies Gestalt annimmt und trotz diverser musikalischer Ausflüge am Ende wieder zu einem Ganzen wird. Was den homogenen Klang betrifft, so hat uns unser alter Freund Vincent Sorg dieses gewisse i-Tüpfelchen bieten können. Bereits von seinen ersten Mixen waren wir vollkommen begeistert. Ich vermute, dass wir uns über die Jahre hinweg so gut kennengelernt haben, dass er mit dieser verqueren "ASP"-Welt seinen Frieden geschlossen hat und sich darauf wirklich total gut einlassen konnte. Am Ende ist es vermutlich ihm zu verdanken, dass die CD vom Sound her so ein tolles, einheitliches Werk geworden ist. Ungeplant war das nicht wirklich, aber das beste Beispiel sind wohl die drei „Abyssus“-Teile, die am Ende dann doch etwas ausufernder ausfielen, aber das durfte dann auch so sein! Hierauf hatte ich die Möglichkeit, noch etwas mehr von der Geschichte zu erzählen und preiszugeben, als ich es ursprünglich vorgehabt hatte. Und seien wir mal ehrlich: Wenn ein Song ohnehin schon über zehn Minuten geht, so kommt es auf zwei bis drei weitere Minuten auch nicht mehr an. Gerade dort entstanden dann auch Dinge, die vorher in dieser Form bei "ASP" noch nicht stattgefunden haben. Glücklicherweise hat das alles super funktioniert und so landeten Passagen darauf, die eigentlich erst für die nachfolgende Veröffentlichung vorgesehen waren.

Roggenfaenger: Die ersten Zeilen auf dem neuen Studioalbum überhaupt lauten: „Zurück zum Start, zurück zum Start, zurück zum Start..." in einer sich fortwährend wiederholenden Schleife. Es sind nur wenige und zugleich doch sehr gewichtige Worte, die darüber hinaus auch eine große Bedeutung inne haben können. Ein kompletter Neubeginn, eine tiefgreifende Rückbesinnung oder sogar der Anfang von etwas ganz Großem. Welche spezielle Bedeutung haben sie für dich im direkten Bezug auf den aktuellen Zyklus-Abschnitt? Immerhin endete der direkte Vorgänger im spektakulären Finale "Sog" mit exakt jenem Mantra. So, wie ich dich kenne, ist das doch mit Sicherheit kein Zufall, oder?

Asp: Diese Idee stand schon zu Beginn, denn so endete das Vorgängeralbum „zutiefst“, und genau dort wollte ich anknüpfen. Das erste Stück heißt „Rückfall“, und eben dieser bezieht sich auf die Entwicklung, die wir auf „zutiefst“ vollzogen haben, einem Album, das gezielt auf einen Höhepunkt zusteuert, ehe es in sich zusammenfällt und von ganz unten wieder neu beginnt. Aus diesem Grund sind diese Alben so eng miteinander verknüpft. Ich wollte das Gefühl vermitteln, das jeder von uns kennt, wenn all unsere Bemühungen auf einen Schlag in sich zusammenfallen. Oder wenn wir in alte Muster zurückfallen, obwohl wir uns in gewissen Dingen sehr viel Mühe geben, sei es eine Sucht zu überwinden oder Menschen aus unserem Leben zu bekommen, die uns nicht guttun. Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, wie man auf den Nullpunkt zurückfallen kann und dann wieder von ganz vorne beginnt. Auf diesem Null-Niveau wollte ich das nächste Album beginnen und eine neue Entwicklung auslösen. Der Song nimmt über seine Spielzeit hinweg enorm an Energie zu und stellt für mich einen unglaublich intensiven Moment dar, weil ich über dieses sich aufbauende Energie-Level die Hörer zu mir holen und in die Erzählung zurückführen möchte. Im Grunde ist es der Auftakt einer Fortsetzung, und ich versuche die Leute durch diesen Song wieder einzubinden.

Roggenfaenger: Hast du die entsprechende Thematik oder zumindest gewisse Passagen des jeweiligen Songs bereits persönlich durchlebt, den „SOS-Ruf, der nur ins Leere funkt“ selbst schon abgegeben?

Asp: Ja, denn das Autobiographische ist natürlich immer mit dem verwoben, was man erzählt. Aber wenn ich als Erzähler „denke“, dann denke ich nicht nur daran, was ich erlebt habe, sondern auch daran, was mich mit dem Hörer verbindet. Das sind oftmals allgemeine Situationen, die jeder von uns erleben kann. Es ist bekannt, dass bei "ASP" sehr vieles kryptisch und rätselhaft ist. Umso entscheidender ist es, auf emotionaler Ebene eine Bindung zum Hörer herzustellen. Das ist mir unheimlich wichtig, denn ich glaube fest daran, dass nur mit dem Hörer das Werk komplett ist. Was den „Fremder“-Zyklus so stark ausmacht, ist, dass er immer emotional nachvollziehbar ist, ganz gleich wie rätselhaft alles scheint. Ich glaube auch, dass ich über die emotionale Ebene den Hörer viel eher erreiche, als über das anspruchsvolle Lyrische oder Musikalische. Es öffnet die Türen. Letztendlich ist es immer eine Frage der Perspektive. Für Leute, die sehr viel Prog-Metal hören, sind "ASP" vermutlich nicht so verquer. Aber für Leute, die aus der anderen Richtung kommen und viel Gothic hören, sind wir schon ganz weit über das hinaus, was sie gewohnt sind zu hören. Wir haben diese düsteren Welten zwar schon ein wenig miteinander verbunden, dadurch dass wir nicht zu platt und unbedingt eingängig sind. Es gibt immer wieder Leute, die fragen, wie "ASP" erfolgreich sein kann, obwohl es doch so verkopfte Musik ist. Irgendwann stellte dann jemand fest, dass es wohl genau deswegen so ist. Vielleicht ist das unsere Nische.

Roggenfaenger: Grundsätzlich besitzt „Kosmonautilus“ wieder einen übergeordneten, roten Faden und dennoch steht jeder einzelne Song ebenso wieder ganz eigenständig für sich alleine. Das ist ein Kunstgriff, der dir inzwischen sehr gut gelingt. Dein erklärtes, übergeordnetes Ziel war es jedoch, den vierten Teil des „Fremder“-Zyklus und damit die direkte Fortsetzung von „zutiefst“ zu kreieren?

Asp: Das ist richtig, und das für mich sehr Komfortable am „Fremder“-Zyklus ist dieses kaleidoskopartige Erzählen. Das heißt, alles, was ich erzähle, muss nicht in einer logischen Abfolge stattfinden, wie es zum Beispiel bei einem Roman oder einem Film der Fall wäre. Nun nähern wir uns allmählich dem Punkt, an dem sämtliche Fäden, die ich gesponnen habe, für den aufmerksamen Hörer so langsam zusammenlaufen. Das macht es für mich in der Erzählung zwar nicht unbedingt leichter, wenn ich mich später in Interviews um die berühmte Frage „Worum geht es denn auf dem Album?“ herumdrücken muss. Nun tauchen Dinge auf, welche die "ASP"-Fans, die uns schon lange begleiten, wiedererkennen werden. Gewisse Motive tauchen auf, finden ihre Fortsetzung sowie auch Endpunkte und geben dem Hörer dieses gewisse "Kurz-vor-dem-Höhepunkt-Gefühl", da sie erkennen, dass nun gleich etwas geschieht. Deshalb wird das nächste Album den „Fremder“-Zyklus abschließen, wodurch sich sehr vieles von den Dingen, die jetzt erzählt werden, auflösen wird. Dann kommt zum ersten Mal der Moment, in dem vieles konkreter wird, und dennoch muss mir dabei abermals die Gratwanderung gelingen, dass viele Songs erneut für sich alleine stehen können. Das wird nicht einfacher, wenn man auf das Ende einer Geschichte zusteuert, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass das hinhaut.

Roggenfaenger: Es scheint, als würde dich der „Fremder“-Zyklus keinesfalls in ein Konzept-Korsett zwingen lassen und dass du darüber hinaus auch eine dynamische Thematik gefunden hast, in der du dich vollkommen befreit auslassen kannst.

Asp: Vielleicht liegt das daran, dass der „Fremder“-Zyklus konkreter mit mir selbst zu tun hat als beispielsweise der „Schmetterlings“-Zyklus. Das Gefühl, in dieser Welt fremd zu sein, ist ein zentraler Punkt in meinem Leben und stellt etwas dar, das sich nicht eben löst. Natürlich hofft man immer, dass man sich irgendwann einfügt und anpasst, doch bei mir hat sich das nie wirklich eingestellt. Ich fühle mich selbst als Fremder, weshalb mir diese Erzählung wohl so leichtfällt. Ich brauche nur ein Blinzeln, um wieder in meiner eigenen Erzählwelt drin zu sein. Das hilft, und das Thema verliert dadurch auch nie an Dringlichkeit. Würde ich mich plötzlich in dieser Welt wohlfühlen, könnte ich die Geschichte unter Umständen gar nicht mehr weiter bzw. zu Ende erzählen... Es ist sowohl eine Angst als auch eine Hoffnung. Natürlich möchte man sich nicht als Außenseiter fühlen, denn das ist im Endeffekt nichts Schönes. Wir alle suchen Anschluss und in irgendeiner Form Akzeptanz in der Gesellschaft. Oder auch einfach diese Gleichvibration, die man mit dem Universum, in dem man sich befindet, braucht. Wenn man das nicht hat, fühlt man sich so, als stünde man weder mit sich selbst noch mit der Welt im Einklang. Ich selbst habe mir eingestanden, dass es letztendlich diverse kleine Bereiche gibt, in denen ich mich zu Hause fühlen kann.

Roggenfa