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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Deine Lakaien - Dual (2021)


Genre: Alternative

Release: 16.04.2021

Anzahl Ton- / Bildträger: 2

Label: Chrom Records

Spielzeit: 87 Minuten

Pressetext:

Mit ihrer eigenwilligen Cover-Version des von Patti Smith und Bruce Springsteen komponierten Klassikers "Because The Night" und der damit korrespondierenden Eigenkomposition "Because Of Because" haben Alexander und Ernst bereits den Weg für ein außergewöhnliches Konzeptalbum geebnet, das einerseits aus einer faszinierenden Auswahl an Cover-Songs besteht, mit der man selbst als langjähriger Lakaien-Fan, der mit der enormen Bandbreite an musikalischen Ausdrucksformen des Duos vertraut ist, kaum rechnen würde. Auf der anderen Seite steht vor allem aber auch ein weiteres Album mit eigenen Songs, die sich allerdings musikalisch oder thematisch auf die jeweiligen Cover-Songs beziehen. Ihrer beeindruckend umfangreichen, musikalisch vielschichtig schillernden Werksbiografie, die mit den beiden jüngsten Jubiläums-Compilations "XXX. The 30 Years Retrospective" (2016) und "The 30 Years Retrospective: Live" (2018) mehr als adäquat zusammengefasst worden ist, fügen sie nun mit dem Doppel-Album "Dual" ein weiteres charismatisches Schmuckstück hinzu.

Kritik:


„At the shore of our sea

Our deep old sea

Where your heartbeat

Drums endless peace

Don’t tell me who I am

Keep it in your heart

If not, truth will fall apart“


Die klagenden Töne einer sehnsüchtig bespielten Mundharmonika schweben durch die Leere. Kurz darauf mit einem hellen, doch genauso verlorenen Pfeifen auf dem bislang noch unbebauten Fundament behutsam schwingender, sanft vibrierender Elektronik gepaart. Einsam, isoliert, wehmütig und dennoch wunderbar erwärmend, füllen jene geringen Mittel in ihrer minimalistischen Struktur die einst kargen Landschaften mit einer enormen, melancholischen Sogwirkung aus. Es ist das äußerst stimmungsvolle, kurze Preludium für „Because Of Because“, den ersten eigenen Song des neuen Albums. Jetzt soll es nicht mehr lange dauern und schon setzt die sehr vertraute Stimme von Sänger Alexander Veljanov gewohnt ruhig und melodisch ein, um sich fortan behände auf das bestehende Arrangement, welches nun im Klimax langsam immer mehr aufbricht, zu schwingen. Unterdessen flackern kurze Sound-Samples experimenteller Einschübe, improvisierte Percussion und hintergründig agierende, analoge Synthesizer zum vorsichtig klopfenden Beat auf, der im Mittelteil dann von verstärkten Streichern eingerahmt wird, bis das balldeske Stück schließlich so bedacht endet, wie es zuvor begonnen hat. „Ich habe mich bei „Because Of Because“ thematisch am Original orientiert, also an Selbstbestimmung, Zugehörigkeitsgefühl und die Energie, die man gemeinsam entwickeln kann, gegen die Widerstände aus der Gesellschaft, die bestimmte Dinge nicht akzeptiert, die man als selbstverständlich erachtet.“, verrät Veljanov selbst über die Hintergründe und den lyrischen Bezug zum Pendant. Der eröffnenden Eigenkomposition steht die erste Single-Veröffentlichung, das Cover von „Because The Night“ der US-amerikanischen Musikerin Patricia Lee „Patti“ Smith, als verbindendes Gegenstück zur Seite. Der einzigartige Charakter des weltbekannten Pop-Hits wird, wie grundsätzlich auf „Dual“, respektvoll gewahrt und ist demnach schon an den ersten Tönen zu erkennen, die eingangs natürlich in Form des markanten Pianos erklingen. Unterstützt durch die zusätzlichen, harmonisch beschwingten Akkorde einer Akustikgitarre, orientiert sich der ungemein pointierte Gesang von Veljanov ebenfalls exakt am Original und sorgt somit gleich während der ersten Sekunden für viel Gänsehaut bis zur sich steigernden Bridge. Dazwischen fiepen und knistern die Synthesizer. Sofort weicht die zarte und bittersüß verträumte Note einer merklich dunkleren Schattierung, wenn plötzlich drängend hämmerndes Drumming und eine mächtig donnernde Orgel, die dann auch in der zweiten Strophe aufflammt, auf das bislang noch klassisch gehaltene Arrangement niederfahren. Die gotisch-sakrale Atmosphäre aus wirkungsvollen Bombast-Anleihen und dem immensen Nachdruck steht im klaren Kontrast zu der verletzlich zarten Ader der anschmiegsamen, gefühlig intonierten Strophen. „Ich war zwar nie ein großer Patti-Smith- oder Bruce-Springsteen-Fan, aber es sind natürlich beeindruckende Persönlichkeiten, die ihr Leben lang bis heute aktiv waren und sind. „Because The Night“ ist ebenso natürlich ein Klassiker - und ein Stück, das so sicherlich keiner von uns erwartet hätte.“, gesteht Veljanov und führt dann weiter aus: „Ich wollte den Song nicht dekonstruieren und daraus keine besonders dunkle Nummer machen, aber er verfügt über eine sehr melancholische und energiegeladene Romantik und handelt von einer verschworenen Liebesgemeinschaft, die selbstbestimmt zeigen möchte, dass die Kraft der Liebe alles überstrahlt.“. Wie sehr die Lakaien jenen Vorsatz wirklich beherzigen, spiegelt sich nicht nur in der fast schon unverschämt hohen Eingängigkeit, die auch im Avantgarde-Gewand noch gewahrt wird, sondern auch bei den folgenden Stücken. Ein metallisch klirrendes Glocken-Geflecht surrt blechern zu den exotischen Klängen orientalischer Zupfinstrumente und vereint sich sodann mit der zunächst noch samtigen Stimme von Veljanov, um die Türen zum finsteren „Sick Cinema“ aufzustoßen. Schon bald werden der Rhythmus und unterschwellige Beat jedoch deutlich fordernder und münden in einem gar bedrohlich walzenden Orgelspiel, welches sich nach dem wütenden Chorus immerzu hypnotisch wiederholt, bevor man relativ abrupt wieder zum gediegenen Eingangsprinzip zurückkehrt. Ein erster, absoluter Höhepunkt auf „Dual“! Welches Puzzleteil von der zweiten Disc in thematischer oder instrumentaler Hinsicht zu dieser zynischen Anklage gehört, wird in diesen Zeilen hier aber ebenso bewusst offengelassen, wie bei den meisten Folgetiteln, die nicht zu den bereits vorab veröffentlichten Paaren gehören, sind es doch gerade die verschiedenen vielschichtigen Ebenen der Interpretation, die viel vom Reiz an „Dual“ ausmachen.


Eine Ausnahme davon bildet zunächst aber noch „In Your Eyes“, welches auf erfrischend andere Art eine Brücke zu „Black Hole Sun“ der Seattlener Grunge-Rock-Band „Soundgarden“ schlägt. Jenes erzeugt mit seiner sonderbar unheilvollen, kryptischen Bildsprache selbstverständlich auch in der vorliegenden Lakaien-Version ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Auf die eindringlich grundierende Elektronik folgen abwechselnd verquere, kräftig peitschende Klassik-Salven, während die Intonation erst gefährlich zwischen Verletzlichkeit, Verzweiflung und Verheerung wankt und sich im weiteren Verlauf dann immer mehr zu einer bedrohlichen Essenz destilliert, wenn sich plötzlich das gesamte Instrumentarium beängstigend aufbäumt und schlussendlich in einem hörbaren Strudel aus Angst, Not und Depression driftet. Einen anderen Ansatz verfolgt hingegen die vergleichsweise beruhigte Erwiderung von Horn und Veljanov, die einleitend von einer fragilen Harfe und melancholischen Klaviermelodie bestimmt wird. Die elektronische Komponente sucht sich zeitgleich behände einen Weg und bricht dann im Chorus in Fusion mit kräftiger Percussion und kantiger E-Gitarre aus. Wer mit dem tragischen Schicksal von „Soundgarden“-Frontmann Chris Cornell vertraut ist, erkennt die beabsichtigte Wendung, die hier genommen wird. Der Text offenbart derweil viel sensibles Verständnis und festigt das Gefühl, nicht allein zu sein. Die Zeilen zeigen ein alternatives Szenario mit einem anderen Um- und Ausgang der Situation auf, machen Hoffnung auf einen Ausweg und bekräftigen indirekt, dass es immer einen solchen gibt, wenngleich es oft zuerst nicht so scheinen mag. Nicht minder feinfühlig danach „Snow“, welches nach einem kurzen Synthesizer-Intro einen märchenhaften Klangteppich mit einem wundervoll darin eingearbeiteten Folk-Anteil webt. Der daraufhin einsetzende Beat simuliert ein aufgeweckt lebensbejahendes Herzklopfen, immerzu rhythmisch schlagend. Die elegischen Streicher vermögen es nicht nur, die anmutig gezeichneten Bilder voll purer Schönheit angemessen zu stützen, sondern ebenso sehr zu Tränen zu rühren. So auch im Folgenden das durch und durch tragische „Happy Man“, hat man erst einmal das zugehörige Äquivalent dazu erfasst, das die emotionale Intensität nur noch umso mehr verstärkt. Das lyrische Geflecht aus Trauer, Schmerz, Endlichkeit und Verlust, aber auch Trost und dem sehnlichen Wunsch danach, das Geschehene rückgängig machen zu können, spiegelt sich auch im wankelmütigen Drahtseilakt der Musik selbst wieder. Zieht sich durch die Strophen eine angespannte Strenge, so entgleitet der Refrain unversehens in die bittersüße Realitätsflucht einer schwelgerisch romantisierten Traumwelt, veredelt mit mehrstimmigem Gesang und einer zauberhaft verspielten Piano-Weise, welche die tieftraurige Dramatik nur umso greifbarer und schwerwiegender macht. Eine minimalistische Synthesizer-Spur versprüht retroeskes Flair und ganz viel Charme, der nicht umhin kommt, sogleich unweigerlich an das Kernelement einer wohlbekannten Melodie aus den frühen Achtzigerjahren zu erinnern, welche die Basis für den Text um einen legendären Spaziergang schafft. Wie sich herausstellen wird, soll der Hörer mit dieser Vermutung tatsächlich Recht behalten, denn auch das ist natürlich alles andere als reiner Zufall. Dazu gräbt sich Veljanovs sonore Stimme mit teils dualen Gesangsspuren, die zwischenzeitlich wie ein leise beschwörendes Echo nachhallen, in den rhythmisch pochenden Bass. Der sanfte Nachdruck zieht Intensität und Tempo ein gutes Stück weit an, ansonsten verbleibt der Song großteilig in bewusst von den Synthesizern getriebenen Monotonie. Zum Ende hin perlt ein glasklares, helles Glockenspiel so mystisch wie erhaben und verleiht dem Arrangement hoffnungsfrohe, doch zerbrechliche Nuancen. „Run“ wohnte bereits am Anfang der kompositorischen Arbeiten der musikalische Bezug zu „The Walk“ inne, wie Ernst Horn bestätigt. „Auch hier war die Freude am Einsatz meiner alten Schätzchen aus den Siebzigern und frühen Achtzigern groß, wobei die musikalischen Steigerungen diesmal von Strophe zu Strophe vollzogen wurden.“, erklärt er den musikalischen Ansatz weiter. „Es war ein Blick in unsere Waver-Vergangenheit mit ihren typischen Minimal-Motiven und Sequenzen.“, so heißt es. Auch der Text greift das von „The Cure“-Frontmann Robert Smith inspirierte Motiv eines Spaziergangs in ungewöhnlicher Umgebung auf, verkehrt dabei jedoch nicht nur die Art der Fortbewegung von Gehen zu Rennen, sondern auch das gesamte Gefühl in eine deutlich abstraktere Stimmung. „Musikalisch hat Ernst „Run“ ja stilistisch an die Entstehungszeit des „The Cure“-Songs angelehnt und ich habe versucht, einen Text zu schreiben, der der Ästhetik des „The Walk“-Textes nahekommt. Eine Geschichte, die bestenfalls an die Stimmung von Jean Cocteau- oder Luis Bunuel-Filmen erinnern lässt.“, äußert sich Veljanov. Dass das Cover zu „The Walk“ sich in seinen Grundfesten demnach sehr eng an der ursprünglichen Originalvorlage hält, ist nur wenig verwunderlich. Die Interpretation des unsterblichen Klassikers vom 1983 veröffentlichten Kult-Album „Japanese Whispers“ ersetzt die groovenden Wave-Gitarren hier hauptsächlich durch kratzige, flirrende Synthesizer und allerlei verspielte Sounds als unterschwellige Reminiszenz an Fernost. Ganz besonders fällt Veljanovs wunderbar entrückte Intonation auf, die dem breiten Spektrum seiner Stimme die verschiedensten Facetten abverlangt. Für einen ausgeschriebenen „Synthesizer-Altfreak“ sei dieses Cover eine äußerst willkommene Gelegenheit gewesen, um den alten Sounds in einfach gehaltenen Tonfolgen ihren Tribut zu zollen, wobei die Umsetzung der Hook am schwierigsten gewesen sei, so Ernst Horn. „So schön schmutzig wie auf dem Original habe ich es wohl nicht hinbekommen. „The Walk“ ist eine wirklich klingende Werbung für den Originalsound eines Vintage-Synthesizers. Viel Spaß hat auch der Instrumentalteil, eine Steigerung zum letzten „Take me to The Walk“ hin, gemacht, wo man seine Gerätschaften mal ordentlich von der Leine lassen konnte.“, freut er sich. Gar keine Frage, das Cover ist enorm tanzbar, sehr eingängig und wirklich gelungen, wenngleich die Erwartung der meisten Hörer hier wohl etwas anders gewesen sein dürfte, ist eine dergleichen straighte und wenig verkopfte Richtung doch eher untypisch für die Lakaien.


Das düsterste und zugleich am komplexesten arrangierte Lied auf „Dual“ ist fraglos die Gegenüberstellung zu „La Chanson Des Vieux Amants“ des belgischen Chansonniers Jacques Brel: „Les Oiseaux“. Jenes greift zwar ebenfalls auf den betrüblichen Status Quo und die Gedankenspiele eines nunmehr entliebten Paares zurück, ja, offenbart auch eine ebensolche Nüchternheit, dennoch präsentieren die Lakaien ihre Variante um ein Vielfaches aggressiver und insbesondere instrumental radikaler. Alarmierend schrille Synthesizer-Spitzen heulen auf, wechseln dann in gleichmäßigen Abständen die Tonhöhen und -tiefen, dazwischen immer wieder verstörend bizarre Sound-Collagen aus kreischenden Samples, die, getreu der wortwörtlichen Übersetzung des Titels, an überzeichnetes Vogelzwitschern erinnern sollen. So erschafft Horn tiefschwarze Welten voller Trauer und Enttäuschung, aber auch Abgeklärtheit und Kälte. Einzig in den letzten Zügen blitzt ein kurzer Hoffnungsschimmer auf, der zwar alles andere als Versöhnlichkeit in Aussicht stellt, aber das Ende offen lässt... „Ich habe mich sehr schnell dazu entschieden, diesen neuen Song als Pendant zu „Dust In The Wind“ zu betexten.“, erklärt Alexander Veljanov zum Lakaien-eigenen „Unknown Friend“. Der retro-futuristisch anmutende Sound der zärtlich säuselnden Synthesizer, in diesem Falle der PPG Wave 2.2, hebt diese Ballade gleich von Beginn an in sphärische Dimensionen, dazwischen verzaubern die gezupften Klänge der wärmenden Sitar und stellen der Elektronik so einen organischen Folk-Anteil zur Seite. Die friedlich verträumte Atmosphäre wird jeweils im zweiten Part der Strophen mit klanglicher Variation behutsam aufgebrochen, während die Bridge wieder introvertierte Zwischentöne liefert, welche die Zeit für wenige Augenblicke reflektierend still stehen lassen. Später rücken die Synthesizer dann etwas mehr in den Vordergrund und geben vielen verspielten Details ihren Raum. „Die Thematik verbindet beide, die Frage nach dem, was am Ende bleibt, was und wie wir gelebt haben, und wie und wo wir das Ergebnis unseres Seins erleben werden.“, führt der Sänger zum inhaltlichen Bezug weiter aus. Die eigens komponierte Antwort auf den beliebten „Kansas“-Song bezieht sich vornehmlich durch „eine ähnlich harmonische, ruhige Stimmung, mit einer etwas melancholischen Melodie in der Strophe und dem Aufstieg in eine stillstehende Klanglandschaft“ auf ihr Gegenstück, ergänzt Ernst Horn dazu. Tatsächlich kommt das ungemein anrührende „Dust In The Wind“ musikalisch zwar ähnlich sanftmütig und ruhig, aber dennoch anders genug daher. Wunderbar von warmen Akkorden eingeleitet, führt lange einzig Veljanovs ergreifender Gesang durch die Strophen, bis später ein synthetisches Streicher-Solo vor dem finalen Refrain mitten ins Herz trifft. Definitiv ein emotionaler Glanzpunkt auf der zweiten CD! „Es ist ein Lied, das ich in jungen Jahren schon gern gesungen habe, ohne dass ich die Band „Kansas“ damals besonders intensiv gehört hätte. Letztendlich war entscheidend, es mit der Interpretation zu versuchen, ohne großartig zu überlegen, wie ich es gesanglich anlegen sollte.“, berichtet der Sänger zur Auswahl dieses Klassikers. Das Bauchgefühl habe von Anfang an gestimmt, sagt er und lobt gleichzeitig insbesondere das sehr gelungene Arrangement von Horn. Dieser ergänzt: „Wie immer habe ich versucht, den Aufbau, die Abfolge von Strophe, Brücke und Refrain des Originals zu erhalten, den Song in unser Gewand zu kleiden und mir natürlich in den Instrumentalteilen gewisse Freiheiten zu nehmen. Das heißt, in diesem Fall versuchte ich mit kurzen Motiven in Gegenrhythmen einen Weg nach oben, in eine helle Klangsphäre, für die letzte Strophe zu bauen. Wer „Deine Lakaien“ gut kennt, wird sicher immer wieder eine, vielleicht manchmal versteckte, Liebe zu folkigen Harmonien und Melodien bei uns entdecken. Insofern war „Dust In The Wind“ eine sehr naheliegende Wahl.“.


Das gleich in vielerlei Hinsicht komplex aufgebaute „Qubit Man“ konfrontiert gleich zu Beginn mit einem aufbrausenden Angriff energetisch vorschnellender Streicher, deren mächtige Bombast-Inszenierung an so manche Klassik-Größe à la Wagner erinnert. Erhaben und eindringlich legt sich der Gesang, hier streckenweise gedoppelt oder in der Bridge auch elektronisch verfremdet, über die packenden Strophen, um dann in den kurzen, elegischen Chorus überzugehen. Der ausgiebige Instrumentalteil ringt jene symphonische Grundlage mit viel analoger Elektronik nieder und zersetzt sie fortan immer weiter in ihre Einzelteile, bis sie sich in einem fast schon chaotischen Konglomerat der Disharmonien zu überschlagen droht. Ganz anders der Abschluss der ersten Hälfte, „Someone To Come Home To“, eine so romantisch wie friedvolle Ballade gleichwohl. Zum angenehm reduzierten Instrumentarium gesellen sich geerdete Ehrlichkeit und authentisches Gefühl. Klassisch und pur, ohne einen besonders auffälligen Spannungsaufbau und sonstige pompöse oder entartende Züge, was die lyrische Botschaft am besten unterstützend trägt. Fand „Spoon“ auf internationaler Ebene eher wenig Beachtung, so zählte der Song hierzulande hingegen zum erfolgreichsten Hit der Krautrock-Legende „Can“ in den frühen Siebzigern, was nicht zuletzt darin begründet sein dürfte, dass der Song zur Titelmelodie der Krimi-Trilogie „Das Messer“ auserkoren wurde. Die Auswahl für einen Platz auf „Dual“ ist dabei auf Ernst Horn zurückzuführen, wenngleich der klassisch ausgebildete Komponist laut eigener Aussage eher von den Frühwerken der Kölner Ausnahme-Band geprägt ist. Alexander Veljanov empfand für entsprechenden Song seit Kindertagen sowohl Befremdung als auch Begeisterung. Ein grelles Klirren und Klingeln, so als rasselten Tonnen silberner Kleinteile oder eben Besteck zu Boden, verbinden sich mit dem Knacken und Piepen der Maschinen, was für ein exotisch-diffuses Klangbild sorgt. Später kommen noch die bezaubernden Klänge einer verspielten Flöte und die fidel bespielten Saiten der Sitar hinzu. Zum rhythmisch stampfenden Beat setzt Veljanov seine klangvolle Stimme hypnotisierend und einem Mantra gleich ein. Die treibend psychedelische Note des von viel Dadaismus geprägten Textes wird nach dem Chorus von der wild tänzelnden Synthie-Melodie, allerhand Details und kreativen Instrumental-Parts verstärkt. Auch der kryptische Kate-Bush-Song „Suspended In Gaffa“ bedient sich wahrlich ungewöhnlicher Methoden, pendelt experimentell und abgedreht zwischen pumpendem Polka und elegantem Walzer, welche auch direkt einem längst aus der Zeit gefallenen Jahrmarkt oder Zirkus entsprungen sein könnten. Während Bush ihrer Zeit für die höheren Töne bekannt war, setzt Veljanov hier einerseits mit seinem deutlich tieferen Gesang gelungene Akzente, vermag es zum Ende hin aber genauso, mehrstimmig zwischen Heiterkeit und Wahn zu agieren, was in einem herrlich humoristischen, konstruierten Chaos gipfelt. Sehr unterhaltsam, augenzwinkernd und selbstironisch. Das hochgradig tragische „Lady D‘Arbanville“ von Cat Stevens, in welchem der schleichend nahende Abschied und Verlust von der titelgebenden Figur durch das trauernde, lyrische Ich als letzte Liebesbekundung besungen wird, darf sich fraglos als weiterer Glanzpunkt bezeichnen: Fiebrig flackernde Synthies branden sogleich melancholisch auf und nehmen bald die Züge betrübt Klagenfurt Streicher an, eine sanfte Flöte steuert unterdessen eine dezente Prise Folk bei und unterstreicht somit den samtigen Balladen-Charakter. In der zweiten Strophe setzt dann ein einschneidender Kontrast ein, wenn sich ein bebender Beat vibrierend in die Magengrube schraubt. Neben der Komposition an sich ist auch der Gesang von allerhöchster Güte und vermittelt den tiefen Schmerz und die Trauer des Liebenden wirklich hervorragend und nachvollziehbar, sodass diese Interpretation sogar um einiges emotionaler als das ohnehin schon wunderbare Original daherkommt - Ein ganz großes Kino der Gefühle!


Der „Song Of The Flea“, übersetzt also das „Flohlied“ oder oft auch „Flohlied des Mephisto“, ist unbestritten das speziellste und zunächst am schwierigsten zugängliche Stück auf „Dual“. Nur wenig verwunderlich, stammt es doch aus dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts und wurde originalgetreu aus dem Russischen in den Lakaien-Kosmos transferiert. Nachdem Modest Mussorgski seinen Dienst im Beamtentum niedergelegt hatte, verdingte er sich über Monate hinweg als musikalische Begleitung der Sängerin Darja Leonowa, welcher er kurz nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg das Lied widmete. Eigentlich geht dessen Ursprung sogar noch viel weiter zurück, nämlich auf einen Text aus „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe, in welchem der Teufel höchstselbst das Lied eines Flohs singt, der von seinem König zum Minister ernannt worden ist. Auf diese Weise kommentierte Mussorgski auf eine arg sarkastische Weise die ihm bekannten, politischen Verhältnisse. Ursprünglich für Sopran komponiert, wurde es sodann hauptsächlich von Bass und Bariton intoniert. Um auch hier den Geist der Vorlage so authentisch wie nur möglich einzufangen, haben sich die Lakaien dazu entschlossen, sehr eng am Original zu interpretieren und den Text demnach nicht ins Englische oder Deutsche zu übersetzen, was insbesondere Veljanov sehr gut zu Gesicht steht. Obgleich er die Sprache nach eigenen Angaben zwar gut versteht, aber alles andere als perfekt zu sprechen vermag, liefert er wirklich überzeugende Arbeit! Insbesondere stellte das äußerst aufwändig zu bearbeitende Stück jedoch Horn vor eine immense Herausforderung: „So zu klingen wie die Originale wäre natürlich der völlig falsche Ansatz gewesen. Wir wollten mit unseren Mitteln und Vorstellungen zum Kern dieser Lieder vordringen und es zu unserem Eigen machen. Dieses Floh-Lied war zum Beispiel sehr schwer so zu machen. Das lebt ja von den Tempo- und Stimmungswechseln. Das lässt sich nicht einfach geradebügeln, um einen Techno-Song daraus zu machen. Das war eine schwierige Arbeit am Computer, diese Wechsel so zu programmieren!“, betont er nachdrücklich. „Wir haben aber aus Respekt vor den Künstlern den Aufbau der Songs, der Länge von Strophe und Refrain beibehalten, abgesehen davon, dass wir in den längeren Zwischenspielen auch unsere eigene Geschichte erzählen. Uns war es ganz wichtig, dass wir den Song respektieren und nicht an den Texten oder so herumpfuschen.“, unterstreicht er das Ansinnen einmal mehr. Besonders hervorzuheben ist der fast schon kabarettistische Charakter des Flohlieds, welches trotz dem mahnenden Fingerzeig der Geschichte stets humorvoll gewitzt und augenzwinkernd daherkommt. Wie bereits erwähnt, leistet Veljanov großartige Arbeit mit seiner sehr eigenen Interpretation, die streckenweise operettenhafte Züge annimmt und auch Ernst Horn übertrifft sich mit einem verschachtelten, extrem facettenreichen Aufbau voller Überraschungen einmal mehr selbst. Mit einem überraschend weiten Sprung in die Neuzeit endet schließlich die zweite Seite von „Dual“, wenn final das zerbrechliche „My December“ von „Linkin Park“ angestimmt wird. Ein Vorschlag von Horns Tochter, den das Duo dankend annahm. Wer hier aufmerksam zuhört, kann sich durch eine spezielle Textzeile im Refrain den thematischen Bezug zum jeweiligen Lakaien-Pendant erschließen. Als ganz besonders einzigartig gestaltet sich hier die entschleunigende Rhythmik, die durch Samples schwer stapfender Schritte durch den Schnee äußerst kreativ und zugleich stimmungsvoll realisiert wurde. Nicht minder ausdrucksstark auch Veljanov, der die introvertierte, zarte Atmosphäre mit seiner warmen Stimme trägt. Die Instrumentierung verbleibt mit dem sehr bedachten Einsatz des Synthesizers und der hauchdünn perlenden Harfe durchweg reduziert. Ein wirklich wunderbarer Ausklang für eine so spannende wie gleichzeitig auch erfrischend andere Reise durch die Welt der Musik in all ihrer bunten Vielfalt, die auf so unvergleichliche Weise zum Entdecken und Wiederentdecken wenig bekannter und untypischer, aber auch ikonischer oder sogar ganz neuer Songs einlädt, wie vermutlich kein zweites Werk...

Tracklist:


CD 1


01. Because Of Because


02. Sick Cinema


03. In Your Eyes


04. Snow


05. Happy Man


06. Run


07. Les Oiseaux


08. Unknown Friend


09. Qubit Man


10. Someone To Come Home To


CD 2


01. Because The Night


02. Spoon


03. The Walk


04. Dust In The Wind


05. Suspended In Gaffa


06. La Chanson Des Vieux Amants


07. Black Hole Sun


08. Lady D’Arbanville


09. Song Of The Flea


10. My December