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BEITRÄGE:

  • AutorenbildChristoph Lorenz

Laibach - Tüsn - Maerzfeld (2023)



Laibach - Sketches Of The Red Districts (2023)


Genre: Alternative


Release: 01.01.2023


Label: God Records


Spielzeit: 44 Minuten


Fazit:


Das neue Studioalbum von „Laibach“ untersucht durch eine neue und frische Interpretation den von Konflikten getriebenen Ursprung des Kollektivs in der Industriestadt von Trbovlje im Jahr 1980 und hinterfragt damit die bandeigene Ästhetik, den Nachhall und die ideologischen Wurzeln mit zeitlicher Distanz. „Sketches Of The Red Districts“ erscheint ab dem 01.01.2023 unter GOD Records als klassische CD im Digisleeve und auf schwarzer Vinyl inklusive Download-Code und ist vorerst exklusiv über den WCT-Shop der Band erhältlich.

Vorab: Um „Sketches Of The Red Districts“ beim Hören auch nur annähernd verstehen und, ja, vielleicht sogar fühlen und nachempfinden zu können, bedarf es, wie so oft in der Welt von „Laibach“, zunächst erstmal einiges an Hintergrundwissen und zusätzlichen Informationen, welches dem (hoffentlich) aufmerksamen Rezipienten den Zugang zum vorliegenden Material gegebenenfalls ein wenig erleichtert, sofern in diesem speziellen Kontext davon überhaupt die Rede sein kann. Wer tatsächlich mehr über den musikalisch-inszenatorischen Part des berühmt-berüchtigten Künstlerkollektivs erfahren möchte, dem sei neben der Recherche im Internet und entsprechender Fachliteratur gerne auch mein aktueller Konzertbericht aus dem eben erst vergangenen Jahr zur neuen „The Coming Race - Love Is Still Alive“-Tournee ans Herz gelegt. Was vornehmlich für den jüngsten Output wichtig ist, nun kurz zusammengefasst in den folgenden Zeilen: „Laibach“ wurde einst im Sommer der frühen Achtzigerjahre, nämlich am 01.06.1980, als musikalischer Flügel des vier Jahre später aus der Taufe gehobenen Kunst-Zusammenschlusses „NSK“, kurz für „Neue Slowenische Kunst“, gegründet. Ihnen ebenbürtig zur Seite standen die Maler „IRWIN“ und die Theatergruppe „Gledališče Sester Scipion Nasice“, heute unter dem Namen „NOORDUNG“ aktiv. Alleine die berechnende Benennung des ambitionierten Projekts nach dem deutschsprachigen Namen der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, die im damaligen Jugoslawien als äußerst unerwünscht galt, sowie die bewusst provokante Verwendung verschiedener Symboliken aus diversen Ideologien, Religion und Politik, setzten ein (nicht immer ganz) eindeutiges Zeichen und erregten damit rasend schnell die Aufmerksamkeit von Bevölkerung und System. Als ursprünglicher Dreh- und Angelpunkt des Geschehens der Anfangsphase galt die damals noch jugoslawische Stadt Trbovlje. Direkt an der Bahnstrecke Spielfeld-Straß-Trieste Centrale gelegen, bestimmte hier insbesondere das von Steinkohle betriebene und 2014 endgültig geschlossene Kraftwerk mit dem höchsten Schornstein Europas das industriell geprägte Stadtbild. Die Promo-Version von „Sketches Of The Red Districts“ kommt nicht mit der handelsüblichen Tracklist von insgesamt sieben einzelnen Stücken daher, sondern verbindet diese zu einem einzigen Long-Track von über vierzig Minuten Spielzeit. Ein harter Brocken, dem es sich da in voller Länge zu widmen gilt und das gleich in mehrerer Hinsicht: Nicht nur, dass dieses Konzeptalbum, das ohnehin wie aus einem Guss anmutet, seine größte und effektivste Wirkung nämlich genau dann entfaltet, wenn es chronologisch in einem kompletten Durchlauf gehört wird. Nein, „Laibach“ kehren mit dieser Veröffentlichung ganz und gar zu ihren Wurzeln im abgrundtief düsteren Industrial zurück! Angesichts der Tatsache, dass es sich hier um originale Entwürfe aus den Achtzigern handelt, die erst jetzt von einstigen Skizze zu vollständig ausproduzierten Versionen herangereift sind, ist der prägende Sound also selbsterklärend. Eingefasst wird die turbulente Reise in die Vergangenheit von einem Intro und einem Outro: „01.06.1924“ ist nicht nur der einschüchternde Auftakt, sondern auch das Datum an welchem sich der Konflikt zwischen der jugoslawisch-unitaristischen Organisation „ORJUNA“ (Kurzform für „Organizacija Jugoslavenskih Nacionalista“) und der Arbeiterklasse Trbovljes ereignete. Dieser Tag gilt als einer der ersten organisierten Widerstände gegen den Faschismus in ganz Europa. Eine Revolution, welche die Stadt so nachhaltig prägte, dass dieser Tag in die Geschichte einging und noch immer als nationaler Feiertag gilt. Nun jeden Song nach und nach aus dem Gesamten zu lösen, um sie dann in klassischer Manier einzeln zu besprechen, wäre zwar möglich, würde dem eigentlichen Grundgedanken jedoch immens widersprechen und den aufkommenden Fluss nur unnötig zerlegen. Hauptsächlich regieren in den vornehmlich rein instrumentalen Stücken extrem finstere Sound-Landschaften mit dichten Collagen aus bedrohlichem Schaben, gespenstischem Pulsieren und unheilvollem Dröhnen. Metallisch, mechanisch. Schlag auf Schlag. Obgleich auch wieder viele elektronische Elemente ihren Weg zurückgefunden haben, steht hier kein Stil zu erwarten, der „Nato“, „Kapital“ oder sogar „WAT“ gleichkäme. Nein, die Installationen tragen eher einen grundierenden Charakter in sich, reichen viel weiter und tiefer zum Kern und gemahnen damit beispielsweise an die legendäre „Nova Akropola“-Ära. So umfasst die bespielte Klaviatur des Schreckens und Leidens vornehmlich Dark Ambient und Oldschool-Industrial, der sich zunächst schleichend anpirscht, nur um dann im nächsten Moment brutal zuzuschlagen. Kurze Samples reihen sich ohne klar erkennbares Muster oder ein erkennbar geführtes Arrangement an rasselnde Percussion. Das alles wirkt nicht konstruiert und ist dabei doch niemals plan- oder ziellos. Gerade diese Experimental-Note ist auch das großes Plus und essenzieller Teil dieser Erfahrung. Erst bei „Glück auf!“, einem der wenigen Songs, die zumindest ansatzweise klassische Strukturen aufweisen, ist Sänger Milan Fras zu hören, welcher den Titel unter flirrenden Keyboards und marschierenden Drum-Rhythmen immer wieder als gestrenges Mantra skandiert, bis der einstige Minimalismus schließlich in alles zermürbender, krachiger Tobsucht aufgeht. „Lepo - Krasno“ weist durch sein gemäßigtes, geradezu entschleunigtes Zeitraffer-Tempo, die schwer schleppende Percussion und schrägen Synthies hingegen einen merkwürdigen Groove auf, der fast schon balladeske Züge in sich trägt, ohne den Hauch gefährlicher Schönheit dabei auszulassen. „Moralna Zaslomba“ wird von zahlreichen Störgeräuschen und unheimlichen Keyboard-Sounds begleitet, denen kaum verständliche Funksprüche nachgeschickt werden. Mit „Smrt In Pogin“ wird es nochmals deutlich elektronischer: Unter den drängenden Beat mischen sich bald die Female Vocals, die in ihrer Intonation auch direkt einer Nachrichtensendung entstammen könnten und sonderbar anzüglich klingen, was ein nicht weniger ungutes Gefühl beim Hörer hinterlässt, wie auch das tosende „Nekaj Važnih In Načelnih Misli O Bodoči Usmeritvi“. Das Outro markiert im weitesten Sinne den Ursprung von allem. Es ist jenes Datum, an welchem sich „Laibach“ mit ihrer ersten Live-Performance debütierend dem öffentlichen Publikum im Delavski Dom präsentieren wollten. „Eine Alternative zur slowenischen Kunst“ nannte sich das multimediale Event aus anarchischer Industrial-Musik, das Hand in Hand mit einer Ausstellung von thematisch passenden Collagen, Gemälden und Kurzfilmen ging. Ein alternativer Gegenentwurf zur zentralen slowenischen Kultur, welche damals unter dem großen Einfluss des sozialistischen Realismus stand und den „roten Distrikt“ schocken und gleichermaßen aufrütteln sollte. Allein die Blitz-Plakatierung in der Stadt zu Werbemaßnahmen, die das schwarze Kreuz von Kasimir Malewitsch verwendete, das bis heute als markantes Logo fungiert, sorgte für einiges an Aufruhr und so verboten die lokalen Autoritäten die Veranstaltung, noch bevor sie überhaupt stattfinden konnte. Dennoch konnten „Laibach“ dieses erste Lebenszeichen als vollen Erfolg verbuchen. Sie wurden gehört. Sie wurden gesehen. Und Aufmerksamkeit, ganz gleich in welcher Form, ist für ein solches Vorhaben niemals schlecht. Ganze dreißig Jahre später, 2010, kehrte die Band an exakt diesen Ort zurück, um ihr damaliges Werk unter dem Banner „Red District + Black Cross“ zu vollenden… Der „27. 09. 1980“, die Geburtsstunde von „Laibach“. Was man zugeben muss, ist, dass die Musik auf „Sketches Of The Red Districts“ als solche über weite Strecken nur sehr schwer zu fassen ist und angesichts ihrer ungebändigten Roh- und Ungeschliffenheit seltsam aus der Zeit gefallen erscheint, gleichzeitig aber weder altbacken noch modern wirkt. Eher abstrakt und irgendwie unwirklich, typisch für „Laibach“. Zumal die Slowenen ohnehin nie wirklich auf den gängigen Pfaden schritten, sondern stets überraschend und vor allem unberechenbar agierten, sodass sich auch in Zukunft nicht annähernd vorausahnen lässt, womit als Nächstes zu rechnen ist… Und gerade das macht ihre Kunst auch so unglaublich einzigartig und spannend. Fakt ist: Selten konnte man der Quelle und dem eigentlichen Grundgedanken hinter dem Mysterium „Laibach“ wohl näher sein, als mit diesem besonderen Album!

Informationen:


http://www.laibach.org


https://www.facebook.com/Laibach/

 

Tüsn - Am Ende Bleibt Dir Nichts (2023) Genre: Indie / Pop / Alternative


Release: 13.01.2023


Label: Redfield Records


Spielzeit: 37 Minuten

Fazit:

„Am Ende Bleibt Dir Nichts“ - ein passender Albumtitel für eine Band, die sich bevorzugt in schwarz-weiß ablichten lässt und die es versteht, mit ihren Songs den Finger in die Wunde zu legen. Spoiler-Alarm: Es ist nicht alles, wie es auf den ersten Blick aussieht. Mit dem (scheinbaren) Ausblick auf die Hoffnungslosigkeit, lenken „Tüsn“ in Wahrheit den Fokus auf die Dinge, die wirklich entscheidend sind. „Am Ende bleibt dir nichts als die Liebe!“, heißt es schließlich im Titelsong des neuen, dritten Albums der Berliner. Mit dieser Feststellung geht noch lange nicht die Sonne auf, sie beschert dem Hörer aber eine neue inhaltliche und musikalische Schärfe. „Tüsn“ beschwören mit „Am Ende Bleibt Dir Nichts“ weder eine Rückkehr noch die Relativierung früherer Werke, dafür gehen sie ihren Weg mit neuerlangter Klarheit und befreit von Zweifeln. „Am Ende Bleibt Dir Nichts“ erscheint am 13.01.2023 über Redfield Records als Stream, Download, CD im klassischen Digipak mit zwölfseitigem Booklet, auf jeweils dreihundert Einheiten limitierte, schwarze oder kristallklare Vinyl oder als exklusiv im Label-Shop erhältliches Bundle, welches neben der genannten CD und LP noch einen aufwändigen DIN-A4-Siebdruck auf 580g Holzschliffpappe mit einem Motiv aus dem neuen Artwork, eine 0,75l Flasche trockenen Spätburgunder Rotwein aus dem Hause Siering und ein T-Shirt oder einen aus 100% Bio-Baumwolle bestehenden Pullover mit Logo-Stick gegen Aufpreis enthält.

Höchst atmosphärisch verbreiten unnachgiebig flimmernde Synthies die „Tüsn“-typische Schwermut und bilden so das zunächst noch zurückhaltende Fundament. Doch trotz des ruhigen Anfangs ist „Jetzt & Für immer“ keine melancholische Ballade, sondern eine existenzialistische Indie-Pop-Nummer mit einem schönen Drive, der für eine sehr gelungene Dynamik sorgt. Eines der absoluten Highlights neben dem unweigerlich mitreißenden Refrain inklusive seiner harmonischen Electro-Tupfer ist aber einmal mehr die wirklich hervorragende Textarbeit, die mit poetischen Worten und fantasievollen Fragestellungen kleine Wunderwerke kreiert. Für das kritische „741 Millionen“ dient ein schrammelig-schiefer, mechanisch zitternder Beat als äußerst passende Grundlage für einen Song über eine kaputte (Ellenbogen-)Gesellschaft. Die markante, exzentrische Intonation der durchweg zynischen Zeilen erinnert schnell an das Debüt „Schuld“ oder den gleichnamigen Opener des letzten Albums „Trendelburg“. Lyrisch weit weniger verklausuliert als sonst üblich, scheuen „Tüsn“ sich hier nicht, sehr direkt reichlich Systemkritik am weit auseinanderklaffenden Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und -geber, ungleicher Vermögensverteilung, innerbetrieblichen Wettbewerb und hohen Zielen, die doch niemals erreicht werden bis hin zur totalen Selbstaufgabe zu üben. Die umgangssprachlichen, ungeschönten Wortspiele im besten Business-Sprech à la „Wer sich anstrengt, ist das nächste Mal dabei“ über „Wer verhungert, ist wohl selber schuld daran“ oder auch „Von dem Kuchen ist genug für alle da“ präsentieren sich herrlich ironisch und bissig. Die Denkanstöße treffen, gehen aber oft nicht tief genug. Am Ende steht so die Frage: „Wann bin ich ein Arsch?“, mit welcher sich jeder beizeiten auseinandersetzen sollte. „Die Regeln sind hier doch für alle gleich“? Bei weitem nicht! Noch mehr Gesellschaftskritik gibt es danach bei „Blinde Scheiben“, dessen finster lauernde Synthies den Hörer in seiner Digital-Bubble direkt verloren, einsam und isoliert fühlen lassen. Obwohl sich insbesondere die Strophen in relativ unauffälligem Minimalismus ergeben, kann die Atmosphäre eine verhohlene Bedrohlichkeit nicht leugnen. Der beruhigende Gesang von Stefan „Snöt“ Fehling bildet mit seinen aufrüttelnden, doch nicht annähernd verurteilenden, ja, viel mehr ermutigenden Worten mit wärmendem Heimathafen-Charakter einen schönen Kontrast zur grauen Tristesse aus Bits und Bytes. Alles virtuell. Nichts ist echt… Zumindest so lange nicht, bis du es willst! „Was Hast Du Heute Abend Vor“ markiert quasi die selbsternannte Party-Hymne des neuen Albums und präsentiert sich im tanzbar beseelten Stil des charmanten „Küsn“ vom Vorgänger. Synthetische Blechbläser sorgen zum leicht bekömmlichen Beat und schmissigem Rhythmus für das gewisse Etwas irgendwo zwischen verträumt-verrauchter Indie-Disco und (spät-)jugendlicher Naivität, die mit ihrer auflockernden Art so zwischendrin einfach guttut und sich trotzdem erstaunlich passend in die ansonsten eher nachdenkliche Tracklist fügt. Manchmal liegt die größte Effektivität eben doch in der Einfachheit. Das großartig eskapistische „Ruinieren Wir Uns Heile“ lässt dann endgültig alle Vernunft fahren und gibt sich zur Abwechslung ganz dem gedankenlosen, puren Hedonismus hin. Anstelle von „schwarzen Gedanken“, Herz- und Weltenschmerz setzt es jetzt zur elegant umher tänzelnden, extrem catchy Piano-Melodie (fast) ohne erhobenen Zeigefinger ein Hoch auf Nikotin, Alkohol und den Exzess, wenn die „Schwermut in unendlich leichte Teile“ zerlegt wird. Nichtsdestotrotz schwebt doch beständig ein deutlich wahrnehmbarer Hauch von Tragik und Gefahr über dem kurzzeitigen Quasi-Ausweg aus der eigenen Lebenskrise. Lieber vergessen, statt Aufarbeiten. Lieber Betäubung, statt klarer Fokus. Eine (auf Dauer) ungesunde Flucht aus dem Alltag auf Zeit… Von einer ebensolchen Krise, nämlich dem innerlich quälenden Gefühl, auf der nahenden Ausfahrt zum eigenen Glück die falsche Abzweigung genommen und sich verrannt zu haben, handelt das bedrückend balladeske „Vernavigiert“. Das Hauptaugenmerk liegt auch hier wieder ganz eindeutig auf den tiefgehenden Lyrics voller Zerrissenheit, die wunderbar stimmig, da sehr authentisch, vorgetragen werden. Auch das durchdachte Arrangement weiß mit seinem dramaturgischen Aufbau voll zu punkten, wenn die zarte Klaviermelodie zum behutsamen Klimax übergeht und später noch auf leise Background-Vocals und einen zaghaften Beat trifft. Deutlich poppiger und vor allem temporeicher geht es beim Titeltrack „Am Ende Bleibt Dir Nichts“ zu: Sofort geben die wild flackernden Synthies den Tanzrhythmus vor und stellen die Weichen energiegeladen groovend in Richtung Eskalation. Obwohl es nicht der kürzeste Song des Albums ist und auch sonst weder Langeweile noch Länge vorherrschen, wirkt der Track sehr kompakt, jedoch ohne zu kurz geraten zu sein. Eben einfach wie aus einem Guss. Textlich gefällt vor allem das simple, aber gekonnte Spiel mit den Erwartungen, welche im Refrain ihre zuversichtliche Auflösung erfahren. Inhaltlich stehen die Zeichen nämlich voll und ganz auf Hoffnung, denn auch, wenn alles zerbricht und dir am Ende vielleicht nichts mehr bleibt, ist sie doch immer da, die Liebe. Hinter „Auf Wiedersehen“ verbirgt sich zur Abwechslung mal genau das, was man erwartet: Ein letztes Lebewohl in Form einer Ballade. Allerdings entfaltet sich das Stück als nicht zu getragen und kommt ohne pathetischen Kitsch-Überzug daher. Wohl aber mit leicht maritimem Flair, das nicht nur durch das zugehörige Musik-Video, sondern auch die sehnsüchtige Grundnote der Instrumentierung transportiert wird, die für viel natürliche Erdung sorgt. Zum dystopischen Gedankenspiel „Algorithmen“ werden dann nochmal die musikalischen Achtzigerjahre von der Leine gelassen, wenn nebulöse Retro-Synthies auf geheimnisvollen Wave prallen. Im Kern beschäftigt sich der unterschwellig recht düster geratene Song mit der althergebrachten Zukunftsvision, in der sich die einst von Menschenhand gemachten Maschinen plötzlich von ihren eingespeisten Programmiermustern lossagen und stattdessen eigenständig denken, fühlen und handeln können, um ihre Schöpfer irgendwann als neue, intelligentere Spezies zu ersetzen. Klar, der dahinterstehende Kritik-Wink mit dem berüchtigten Zaunpfahl in Richtung zunehmender Digitalisierung, Datenschutz und der Frage, ob wir aus reiner Bequemlichkeit und Fortschrittsdrang wirklich für alles eine technische Hilfe benötigen, ist längst nicht mehr neu, aber durch die Vermenschlichung der selbstlernenden Software lyrisch recht kreativ umgesetzt. Vielleicht sollten wir gut darauf aufpassen, dass der Ersatz nicht irgendwann uns selbst ersetzen wird, denn ganz egal, wie perfekt ein Automatismus noch entwickelt ist, wird dieser doch niemals ein konkurrierendes Äquivalent zu Empathie und Herz aus Fleisch und Blut sein. Den Abschluss bildet „Regentag“, das angesichts seines Titels zwar ebenfalls kein sprudelnder Quell des Frohsinns ist, dem aber trotzdem überraschend viel Hoffnung innewohnt. Diese melancholisch-verträumte Indie-Pop-Ballade beginnt mit einer schwelgerisch schönen Klavier-Melodie, die gleichzeitig auch als richtungsweisendes Herzstück fungiert und ab der ersten Strophe von einem leichten Beat unterstützt wird. Der positiv aufgeladene Refrain schiebt die dunklen Wolken aus Einsamkeit und den tiefen Wunden des Lebens dann schnell beiseite und klart das einst so bedeckt erscheinende Firmament durch seine herzerwärmend schwingende Harmonie aus dezenten Drums, Bläsern und Background-Gesang gehörig auf. Der Song gefällt durch seine bloße Unaufgeregtheit und dem romantisiert beschworenen Gefühl von Verständnis, Wärme, Nähe und Zusammenhalt gegen die täglichen Hürden dieser Welt, ohne dabei (zu) kitschig zu sein. Ein ganz wunderbar akzentuierter Schlussakkord eben. „Tüsn“ sind schon ein kleines, wenn auch leider noch eher wenig beachtetes, Phänomen in ihrem etwas eigenwilligen Tun, aber vielleicht ist es auch gerade dieser Independent-Status, der ihnen so viel sorglosen Freiraum zur Entfaltung gewährt. Kam das wirklich bemerkenswert gute, aber eben doch klar durchgestyltere Debüt „Schuld“ noch sehr viel ernster, bedeutungsschwangerer, schwermütiger und zuweilen unterschwellig düsterer daher, suchten sich mit dem Nachfolger „Trendelburg“ erste Veränderungen ihren Weg in den schwer zu kategorisierenden Sound. Das Trio wurde hörbar offener und lockerer, rückte deutlich vom unnahbaren Schwarz-Weiß-Mythos der einstigen Promo-Kampagne ab. Mit „Am Ende Bleibt Dir Nichts“ schreitet jene Metamorphose jetzt noch ein gutes Stück weiter voran und lässt die junge Band befreit aufatmen. Dennoch oder gerade deswegen besitzen die Drei mehr als genug Eigenständigkeit, um sich im Bereich des Indie-Pop und auch darüber hinaus zu behaupten, wie die zehn neuen Songs perfekt veranschaulichen. Nein, die etwas eigenbrödlerisch verkopfte und doch wunderbar eingängige Musik von „Tüsn“ bedarf mit Sicherheit keiner sorgsam inszenierten Dramaturgie und stilisierter Gefühle, sprechen diese doch schon aus den Liedern selbst. Dazu trägt neben den offeneren und breiteren Sound-Strukturen auch die sehr viel natürlichere und ungezwungenere Art des Gesangs bei, die nun weit mehr auf Thematik und Momentum akzentuierte Rücksicht nimmt und damit mehr greifbare Nähe herstellt. Was von den Anfängen geblieben ist, ist der herrlich erfrischende, schwer zu fassende und manches Mal charmant aus der Zeit gefallene Stil-Mix irgendwo zwischen Indie, Dance, Synthie-Pop und Rock in enger Bindung mit der traumhaft poetischen Signature-Lyrik, die niemals zu direkt oder gewollt hochtrabend daherkommt. Selten war ein stetes Wechselbad der Gefühle von tiefer Melancholie bis eruptiver Euphorie zuletzt so passgenau in die deutsche Sprache eingebettet, wie hier. Mal analytisch, mal verklärt. Mal kritisch distanziert, mal einfühlsam nahe. Mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt. „Tüsn“ verstehen das volle Spektrum wahrhaft kennerisch für sich zu nutzen und daraus etwas ganz Eigenes zu schaffen, das noch lange in Ohr, Hirn und Herz nachhallt, wenn man sich dem nur gewillt öffnet. Volle Empfehlung!

Informationen: https://tuesn.de https://www.facebook.com/tuesn/

 

Maerzfeld - Alles Anders (2023)


Genre: Rock / Alternative


Release: 24.02.2023


Label: Metalville Records (Rough Trade)


Spielzeit: 38 Minuten


Fazit:

„Alles Anders“, so der bewusst plakativ gewählte Titel des neuen „Maerzfeld“-Albums: Die Welt ist nicht mehr die gleiche, wie vor drei Jahren und auch für die Musiker gab es prägende Erlebnisse und damit verbundene Veränderungen, die in den neuen Songs verarbeitet werden und einen oft sehr persönlichen Einblick in das Gefühlsleben der einzelnen Künstler erlauben. So hört und spürt man eine Mischung aus Depression, Hoffnung, Wut, Verzweiflung, Freude und Mut. Dabei macht „Maerzfeld“ gleich zu Beginn des Albums mit dem Titelsong klar, dass die Band neugierig auf die Zukunft blickt und Veränderung als Chance versteht, um mit Gewohnheiten zu brechen. Daher ist nun im positiven Sinne „Alles anders“! Das neue und mittlerweile fünfte Studioalbum mit dem verheißungsvollen Titel „Alles Anders“ erscheint am 24.02.2023 via Metalville Records als Stream, Download, CD im Digipak, Vinyl in transparentem Rot und limitierte Fan-Box inklusive CD, Aufkleber, Autogrammkarte, Logo-Bandana und Sonnenbrille.

NDH. In der Szene und unter Kennern des Genres die allgemein hin bekannte Kurzbezeichnung für harte, hauptsächlich von Gitarren dominierte Musik mit deutschsprachigen Texten und kritischen Tabuthemen: Neue Deutsche Härte. Ihre Hochzeit erlebte die Sparte im weitesten Sinne in den späten Neunziger- und frühen Zweitausenderjahren mit den damals aufstrebenden und heute noch immer bekannten Bands wie etwa „Oomph!“, „Megaherz“, „Eisbrecher“ und natürlich dem absoluten Hauptstadt-Flaggschiff „Rammstein“. Daneben tummelten sich zwischenzeitlich immer wieder mal neue Gruppen, wie unter anderem „Richthofen“, „Riefenstahl“, „Weissglut“ und viele weitere Akteure, die nur zu gerne auf den äußerst erfolgsversprechenden Zug aufsprangen, die zahlreich vorhandene Konkurrenz mit ihrem deutlichen Vorsprung jedoch nie auch nur annähernd einholen konnten und damit heute weitestgehend der Vergangen- und Vergessenheit angehören. Das polarisierende und florierende Genre erlebte einen ungesunden Boom samt folgender Übersättigung des Marktes und anschließend tiefem Fall in die Bedeutungslosigkeit, vor welchem sich nur die bereits etablierten Größen unbeschadet abfedern konnten. Der Rest dümpelte entweder weiter im trüben Fahrwasser vor sich hin oder entfremdete sich rechtzeitig in artverwandte Spielarten. Es wurde also allmählich still im neu-deutsch-harten Haifischbecken. Erst ab 2010 und damit im perfekten Zeitraum der damals noch nicht absehbar langen Pause des großen „R“ aus Berlin, erfuhr die schwächelnde NDH mit frischem Nachschub wieder eine kleine Renaissance frei nach dem Motto „Totgesagte leben länger“. Die neuen Senkrechtstarter hießen beispielsweise „Stahlmann“, „Ost+Front“, „Heldmaschine“ oder eben „Maerzfeld“ und sind bis heute nicht nur ziemlich aktiv, sondern auch relativ erfolgreich! Klar, bei vielen der genannten Acts ist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem bereits Bekannten nicht von der Hand zu weisen, was unter anderem aber auch in der Limitierung der Spielart begründet ist. Insbesondere Letztgenannten haftet dieser Ruf aber ganz besonders an, was wahrscheinlich auch an deren Haupteinnahmequelle, nämlich den spektakulären „Rammstein“-Tribute-Shows, liegt, die live jährlich tausende Zuschauer vor die Bühnen des Landes locken. Natürlich braucht es mit eigener Musik jedoch erstmal seine Zeit, um langsam aus dem Schatten des übergroßen Vorbilds herauszutreten und sich dementsprechend einzugrooven. Umso schöner, dass beide Kandidaten insbesondere in den letzten Jahren individuell einen Weg gefunden zu haben scheinen, sich streckenweise abzukapseln und einem breiteren Spektrum zu öffnen. Mit ihrem nunmehr fünften Album wollen die sechs Nürnberger „Maerzfeld“ laut Titel jetzt gar „Alles Anders“ machen, aber gelingt das auch oder liegt hier Etikettenschwindel vor? Elektronisch blubbernde Synthies täuschen anfangs kurz an, bevor plötzlich eine massive Sound-Wand aus kraftvoll bespielten Drums, dichtem Bass und natürlich ganz viel rougher Gitarren-Power durchbricht, die ordentlich Dampf innehat und den überraschten Hörer geradezu in den Sitz drückt. Ja, der unverblümt direkte Start mit dem Titeltrack „Alles Anders“ macht ab Sekunde Eins definitiv keine Gefangenen und zeigt schon früh, wohin die Reise dieses Mal geht. Durch das musikalische Donnerwetter fräst sich bald die markant gereifte Stimme von Heli Reißenweber, die sich einmal mehr als erfreulich stark von den rammstein‘schen Wurzeln abgenabelt zeigt und sich den angestauten Frust der letzten zwei Jahre in treffenden Worten von der Seele singt. Der verdammt hymnische Refrain inklusive ganz viel lebhaftem Live-Potential rundet die kurzweilige Rock-Nummer dann gelungen ab. In eine relativ artverwandte Kerbe schlagen beispielsweise auch „Von 100 Auf 0“ und die erste Vorab-Single „Lange Nicht“, denen hörbar die nachsinnende Reflexion und schiere Verzweiflung der weltweiten Pandemie anhaftet. Diese schöpfen sich aus melancholisch aufgezogenen Strophen voller Hoffnungslosigkeit und Sorge, die auf ungeschönte und persönliche Art vieles in Frage stellen. Ihnen wird jeweils ein aufbegehrender Refrain entgegengestellt, der schnell zum Mitsingen animiert, den so lang vermissten Esprit von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit einfängt und damit die sehnlichst erwartete Reunion zwischen Band und Publikum feiert. Das ideale Material für die kommenden und (hoffentlich) nicht aufgeschobenen Konzerte! Als eine ganze Spur härter erweisen sich dann etwa das albtraumhafte „Wach Auf“, bei welchem zumindest lyrisch das große Vorbild wieder umso stärker durchkommt, das rockig treibende „Ich Bin Der Tod“, das heftig walzende „Keinen Sinn“ samt deutlichem „Zorn“-Vibe oder auch das vehement gesellschaftskritisch tänzelnde „Schönen Weltuntergang“. Die klassische NDH-Dröhnung für alle Oldschool-Veteranen gibt es mit dem fiesen „Bakkushan“, dem japanischen Begriff für eine Frau, die von hinten schöner als von vorne aussieht, und dem charmant-konform umbetitelten „Hübschler:in“, einer technisch überarbeiteten und modernisierten Fassung der ersten „Maerzfeld“-Single vom Debüt „Tief“. Dass man hier hinsichtlich eventuell geschwungener Sexismus-Keulen das Genre-typische Augenzwinkern nicht übersehen sollte, erklärt sich dabei praktisch von selbst. Eines der absoluten Highlights ist die von wunderbaren Piano-Strophen getragene, emotionale Power-Ballade „Ich Steige Auf“, die genau wie das mitreißende „Plötzlich Tut Es Weh“ klar von Reißenwebers intonierter Ausdrucksstärke lebt. Der, zugegeben, vielleicht etwas reißerisch anmutende Titel des neuen Albums ist im Hinblick auf das soundtechnische Erscheinungsbild von „Maerzfeld“ natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen, was im Umkehrschluss wohl viele Fans freuen dürfte. Eine einschneidende Umorientierung steht jedenfalls nicht zu erwarten. Dafür nimmt „Alles Anders“ die gelöste Leichtigkeit, die erstmals auf „Ungleich“ ihren zaghaften Einzug hielt, sich befreit von der metallisch rockenden Schwere abzustoßen und verbindet sie schlüssig mit der bereits auf dem Vorgänger eingeführten Revival-Fusion mit den Wurzeln. Diesem logischen Prinzip folgen die sechs Süddeutschen auch 2023, öffnen sich der Genre-Überschreitung aber nochmals weiter, was der Abwechslung und einem gewissen Flow hörbar zuträglich ist. Auch wenn die NDH in einigen Songs so pflichtbewusst wie durchweg solide immer wieder aufblitzt, lässt sich der Großteil bis auf wenige Ausnahmen doch mittlerweile eher im Deutsch-Rock einkategorisieren. Die Texte kommen oftmals persönlicher, direkter und damit auch echter daher, die Melodien rocken sich hingegen mit einer Balance aus ruhigen und kraftvolleren Passagen durch die Tracklist, bis mit den durch die Bank weg eingängigen Refrains das veredelnde Sahnehäubchen folgt. „Maerzfeld“ sind nämlich immer dann am stärksten, wenn sie ganz ihrem eigenen Weg folgen, anstatt sich an festgefahrenen Regeln zu orientieren. Das funktioniert überaus stimmig und macht ordentlich Laune, auch wenn der eine richtig große Hit dieses Mal leider fehlt. Ob es den allerdings immer zwingend geben und auf Teufel komm raus „Alles Anders“ sein muss, wenn das Ergebnis am Ende doch ein so gelungenes Album ist, muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Fakt ist: Die Musik von „Maerzfeld“ funktioniert einfach und zwar genau so, wie sie ist. Und das verdammt gut!

Informationen: http://www.maerzfeld.de/ https://www.facebook.com/Maerzfeld/

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