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BEITRÄGE:

  • AutorenbildChristoph Lorenz

Subway To Sally - Himmelfahrt (2023)


Genre: Metal / Alternative

Release: 24.03.2023

Label: Napalm Records (Universal Music)

Spielzeit: 52 Minuten

Pressetext:

SUBWAY TO SALLY veröffentlichen am 24.03.2023 ihr 14. Studioalbum Himmelfahrt über Napalm Records. Seit Beginn ihrer Kariere setzt sich die Band mit den Abgründen der menschlichen Seele auseinander und feierte damit großartige Erfolge. Himmelfahrt markiert jetzt einen Wendepunkt: Hoffnung ist das Leitmotiv des neuen Albums. Zuversicht wird zelebriert, die jedoch im Angesicht des tagesaktuellen Weltgeschehens nicht ohne Wermutstropfen und Verbitterung auskommt.


SUBWAY TO SALLY beweisen auf Himmelfahrt, dass sie auch nach über 30 Jahren Bandgeschichte am Zahn der Zeit und innovativ sind. Getreu dem Motto „niemals zurück, immer voraus“ aus „Leinen Los!“ liefern die Potsdamer einmal mehr ein musikalisches Werk höchster Qualität ab. Große Arrangements, tiefgründige Texte, mal mitreißende, mal zurückhaltende Melodien sowie ein ständiger Drang nach vorn charakterisieren SUBWAY TO SALLYs Songs auf Himmelfahrt. Mal laut, mal leise, aber immer mit den vertrauten Trademarks gespickt läutet die Band einen Neuanfang ein.


Die Band sagt: „Das Songwriting für Himmelfahrt begann lange vor Corona, kurz nach der Veröffentlichung des letzten Albums Hey! (2019), das rückblickend im Angesicht von Pandemie und Krieg prophetisch und bedrückend wirkt.“ Mit Blick auf das danach entstandene Material musste sich die Band ab einem gewissen Punkt mit der Frage auseinandersetzen, ob nicht gerade jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist, um die Hoffnung zu feiern. „Hoffnung ist Treibstoff für die Zukunft“ (SUBWAY TO SALLY), und so wurde das ursprüngliche Material für das neue Album als unzeitgemäß eingestuft und entsorgt, und ebnete den Weg für das, was heute auf Himmelfahrt zu hören ist.


SUBWAY TO SALLY: „Viele Songs des neuen Albums handeln jetzt von Aufbruch und Reise, davon, anderen Menschen die Hand zu reichen, um sie aus dunkelster Tiefe ins Licht zu führen. Die aktuellsten Ereignisse in der Weltstellen diese Hoffnung allerdings auf eine schwere Probe. Wermutstropfen und Verbitterung trüben die Hoffnung. So muss auch Gott auf dem Album zu Wort kommen, um seiner Enttäuschung über sein Werk Luft zu machen.“


Himmelfahrt fügt der imposanten Diskographie von SUBWAY TO SALLY ein weiteres großes Werk hinzu. Fans können sich auf Hits wie „Was Ihr Wollt“, „Leinen Los!“ oder „Weit ist das Meer“ freuen.


Kritik:

„Denn was ihr wollt, ist nicht umsonst


Ihr müsst bezahlen, mit Lachen und Weinen


Nicht Geld und Gold, nicht Hab und Gut


Gebt uns am Ende den letzten Tropfen von eurem Blut“

Ein Klopfen. Ein Pochen. Viel mehr ein Schlagen, nein, gar ein Hämmern auf scheinbar natürlichen, hölzern anmutenden Untergrund. Stetig fordernd, dringlich und unablässig. Unter dem unvermeidbaren Einfluss von ein wenig Kopfkino entsteht das innere Bild hunderter Beine, die sich nun, angesteckt von dieser entfesselten Energie, einfach tragen und treiben lassen, um dann rhythmisch und fast schon manisch im ekstatisch treibenden Takt aufzustampfen. Immer und immer wieder. Ohne Unterlass. Dieser organisch geerdeten, irgendwie rituellen Art der Percussion wohnt allein dadurch viel Ursprüngliches inne, wodurch sie schnell an die äußersten Wurzeln des Genres gemahnt. Losgelöst, frei, wild. Dahinter steigen derweil atmosphärisch rahmende Sounds zunehmend an und katapultieren den Hörer auf ihrem vorzeitigen Höhepunkt dann direkt in die erste Strophe hinein: „Ihr wollt wieder uns're Lieder. Eines, das die Seele wärmt. Eines, das zum Tanze bittet. Eins, von dem ein jeder schwärmt…“, erklingt nun die charismatisch-markante Stimme von Sänger Erik-Uwe „Eric Fish“ Hecht gewohnt durchdringend und legt sich über die zusätzlich um eine akustische Gitarre, welche sich äußerst passend in den aufgebauten Flow einfügt, angereicherte Melodie. Doch dann: Eine unerwartete Wendung. Ganz so, als sei der Band plötzlich der Strom ausgegangen. Eine kurze Pause von nur etwa einer Sekunde, bis es schließlich umso energischer weitergeht. Dieser moderne Break wirkt gerade vor dem Hintergrund des bisherigen Retro-Charmes wie ein gewollter Fremdkörper und fällt ganz bewusst aus dem Rahmen. Schlägt eine kleine Brücke von alten Traditionen hin zum Hier und Jetzt und erinnert damit kurz an die recht ungewöhnliche, doch im Nachgang sehr stimmungsvolle Verquickung aus Folk, Elektronik und Glam-Rock der beiden vorherigen Alben „HEY!“ und „MitGift“, die sich auch in die Bridge schleicht, wenn Fish synthetisch verzerrt „Ihr wollt das alles, doch ihr bekommt nur das, was ihr auch verdient!“ flüstert. Mit dem folgenden Einsatz des Refrains halten auch Schlagzeug, Bass und E-Gitarre ihren erwarteten Einzug, welche sich zusammen ab zweiten Strophe fest einklinken und damit für eine ungleich härtere Gangart sorgen. Und das mit einer solch metallisch geballten Kraft, dass es den Hörer wahrhaft in den Sitz drückt. „Denn was ihr wollt, ist nicht umsonst. Ihr müsst bezahlen mit Lachen und Weinen. Nicht Geld und Gold, nicht Hab und Gut… Gebt uns am Ende den lеtzten Tropfen von Eurem Blut!“, heißt es darin mit einem gewissen Augenzwinkern und veredelt durch das filigrane Violinen-Spiel von Ally Storch. Zusätzlich untermauert wird dieses Ära-Gipfeltreffen immer wieder von kleinen, versteckten Reminiszenzen und Selbstzitaten an große Hits und Fan-Favoriten vergangener Tage, wenn die Zeilen etwa von „Ihr wollt schreien, ihr wollt toben. Wollt den Veitstanz im Vulkan!“ oder „Ihr wollt unsеr schwarzes Meer sein, treu an unserer Seite steh'n!“ sprechen. Ganz klar: „Was Ihr Wollt“ ist ein durch und durch mitreißender Song mit absolutem Hymnen-Charakter und schlägt genau den richtigen Ton zur lang ersehnten Wiederkehr der Band zu den Fans und umgekehrt an. Jene dürfte dieses Mal umso bedeutender für beide Seiten ausfallen, denn zwischen dem 2019 veröffentlichten Vorgänger und der „Himmelfahrt“ liegt nicht nur die übliche Durststrecke zu neuem Material, sondern bekanntermaßen auch die weltweite Pandemie, die in diesem Kontext nicht nur für ein auf unbestimmte Zeit verdammtes Wiedersehen während der (fast) unmöglich gewordenen Live-Konzerte sorgte, sondern tatsächlich auch verworfenes Material zur Folge hatte. Die nach dem dystopischen „HEY!“ fertiggestellten Songs für das Folgewerk schlugen ursprünglich nämlich in eine ähnliche Kerbe finsterer Endzeitstimmung, wurden in der Zwischenzeit angesichts ihrer schieren Negativität allerdings von der Band für ungeeignet betrachtet. Viel mehr wollten „Subway To Sally“, die sich in diesen schwierigen Jahren laut eigener Aussage erst in einer aus Unsicherheit und Existenzangst resultierenden Schaffenskrise befanden, dann aber wieder neuen Mut fassen konnten, das lodernde Feuer der Hoffnung auch beim Hörer wieder entfachen.


Eines der Ergebnisse dieses rettenden Umdenkens ist die zweite Single-Auskopplung unter verheißungsvollem Namen. Wie der Titel vielleicht schon erahnen lässt, klingt auch der Song selbst nach neu erlangter Zuversicht, einem starken Willen und vor allem Aufbruchstimmung. Atmosphärische Trommeln und die sehr präsente, doch zunächst noch etwas zurückhaltende, Drehleier bilden hier den stimmungsvollen Auftakt voller unterschwellig brodelnder Power, die sich schon sehr bald zielstrebig ihren Weg an die Oberfläche suchen will und wird, während Fish mit gefilterter Stimme die ersten Zeilen besingt, die später auch einen Teil des Refrains bilden werden: „Wir setzen die Segel, wir lichten die Anker, fahr'n hinaus. Wir gehen neue Wege. Niemals zurück, immer voraus…“. Was folgt, ist der mit ungemeiner Innbrunst intonierte Titel, bald einem Schlachtruf gleich, der zudem als Leitmotiv für den gesamten Schaffensprozess des neuen Albums angesehen werden kann und damit gleich auf mehreren Ebenen wegweisend ist. Das unmissverständliche Kommando lautet: „Leinen Los!“. Schlagzeug und E-Gitarre sind in diesem kraftvoll pumpenden Up-Tempo natürlich wieder sehr präsent, werden dabei aber von der herrlich folkenden Lead-Melodie aus Leier und Geige fast überschattet, welche ein bisschen an das instrumentale Zwischenspiel aus „Das Rätsel II“ erinnert und sich im weiteren Verlauf sogar noch ein brachiales Soli-Duell zu dramatischen Chor-Samples bieten soll. „Wir saßen lang am Ufer und schifften in den Wind. Wir wurden fett und träge, wir wurden taub und blind. Vergaßen die Versprechen, verloren Lust und Mut. Erloschen war die Flamme, kalt die Glut.“, findet man lyrisch treffende und schonungslos ehrliche Worte, um das trost- und kraftlose Gefühl der überwältigenden Ohnmacht zu beschreiben, aber auch den Triumph der Überwindung und des Aufschwungs, wenn später die Rede davon ist, mit leichtem Herzen allen Naturgewalten zu trotzen und kein Riff mehr zu scheuen. Scheitern und die ein oder andere Kollision bei hartem Wellengang auf dem oftmals tobenden, unberechenbaren Meer des Lebens gehören fraglos mit dazu, doch ist das Entdecken von Neuland nahezu unmöglich, wenn man kampflos aufgibt und stattdessen im sinkenden Heimathafen alter Gewohnheiten verharrt. Es ist ein Risiko, welches immer dazugehört. Es zähle „allein die Reise, nicht das, was man erreicht“, konstatiert Fish überzeugend und regt zum Nachdenken an. Ist die Zukunft auch ungewiss: Lichtet die Anker, hisst die Segel und wagt die Fahrt hinaus, denn „wer Leben sucht, der braucht ein schnelles Schiff“! Auch bei den nächsten zwei Stücken verbleibt die Band thematisch in der dankbaren Metaphorik der Seefahrt und Nautik. Ein durchaus bewährtes und fest verankertes Stilmittel im Subway-Kosmos, welches etwa bei „Arche“, „2.000 Meilen Unterm Meer“ oder „Knochenschiff“ immer wieder mal aufblitzte, beim Erfolgsalbum „Nord Nord Ost“ aus 2005 schließlich seinen Höhepunkt und auch danach auf „Bastard“ und „Schwarz In Schwarz“ noch Verwendung fand. „Weit Ist Das Meer“ bricht nicht mit dieser Tradition und gestaltet sich nach seinem hoffnungsvoll-sphärischen Beginn aus sanfter Elektronik und einem Echo-Effekt als erste Ballade der Tracklist. Der Song erinnert in seinem reduzierten Stil an die balladeske Seite von „Kreuzfeuer“: Die Drums agieren hier nun hörbar zurückgenommener, ansonsten sorgen eine Akustikgitarre und später die schwermütige Violine für zarte Untermalung der melancholischen Zeilen, die viel Reflexion und Zerbrechlichkeit offenlegen. So bezeichnet sich das lyrische Ich als in den Wogen verlorenes Schiff, durchweicht von all den Schauern und die Tiefe voller Unheil fürchtend. Sehnsüchtig nach Ankommen und sein Ziel doch niemals findend. Erschöpft von Rastlosigkeit und (Sinn-)Suche. Kraftlos, matt und leer treibt es wie angekettet auf dem Wellengang, stets im Angesicht des Sturms. Das zermürbende Fernweh nach unerfüllten Wünschen, Träumen und Sehnsüchten wird dann ganz besonders im herzzerreißenden Chorus mit leicht poppiger Note deutlich und schürt dabei doch den gebrochenen Willen, sich nicht aufzugeben und eines Tages zu alter Stärke zurückzukehren.


Ähnlich emotional geht es im Folgenden auch bei „So Tief“ zu, wenngleich die stimmungstechnische Ausrichtung hier auch eine gänzlich andere ist. Eingangs entsteht über die ersten Sekunden ein nebulös wabernder, schnell vereinnahmender Klangteppich, über welchen sich alsbald fragiles Geigenspiel legt, das vor den tiefen, dunklen Ambient-Flächen seltsam verloren wirkt. „Marianengraben-Mädchen, sag, warum bist du hier? Die Kälte und die Dunkelheit sind rau wie Sandpapier…“, fragt Eric Fish besorgt zu den wärmenden Klängen der von Ingo Hampf gespielten Laute, die in all der just erzeugten Finsternis wie ein hell gleißender Hoffnungsschimmer oder das ferne Signal eines Leuchtfeuers anmutet. Lyrisch fühlt man sich durch die rätselhafte Ansprache an das nicht näher definierte, scheinbar aber in große Not geratene Mädchen zu so manch erzählten Geschichten vorheriger Alben zurückversetzt. Zuerst denkt man in diesem Fall vermutlich an bekannte Klassiker wie „Kleid Aus Rosen“, doch beispielsweise auch bei „So Rot“, „Kleine Schwester“, „Bis In Alle Ewigkeit“ oder zuletzt „Königin Der Käfer“ standen immerzu geheimnisvolle Protagonistinnen im inhaltlichen Zentrum, deren jeweilige Schicksale vom Hörer dechiffriert werden wollten. In Momenten wie diesen kommt die unverwechselbare Handschrift von Texter Michael „Bodenski“ Boden besonders stark zur Geltung. Wenn der verhohlene Beat und leichte Percussion einsetzen, fühlt man sich musikalisch zudem schnell an die mystisch-heimelige Atmosphäre eines „Herrin Des Feuers“ erinnert. Versinnbildlichend für die schwere Last, die Isolation und Verlorenheit der Besungenen, haben sich „Subway To Sally“ hier dem Marianengraben als Szenerie angenommen. Eine Tiefseerinne im pazifischen Ozean, in welcher mit einer maximalen Tiefe von etwa 11.000 Metern unterhalb des Meeresspiegels die tiefste Stelle des Weltmeeres liegt und um die sich verständlicherweise seit jeher viele Mythen ranken. „Nimm dir meinen Atem ganz. Nimm alles, was ich hab. Steig mit mir zum Licht empor, wirf all die Schwere ab. Nach dir bin ich, nach dir bin ich getaucht. So tief hinab…“. Mit diesen Worten klart das Arrangement erstmals auf, indem das lyrisch Ich dem Mädchen ermutigend seine rettende Hand reicht, um gemeinsam aus der endlosen Schwärze der Tiefen zu entkommen. Auf die so verheißene Hoffnung, die als exemplarische Kernaussage zu verstehen ist, folgt ein wunderbar melodiöses Instrumental-Zwischenspiel, welches nach der zweiten Strophe erst in einer verkürzten Variation zurückkehrt und danach final in einem unerwarteten Klimax von cineastisch geprägten Ausmaß zu implodiert. So schraubt sich die Dramaturgie in ungeahnte Höhen, wenn die Geige mit der Übermacht eines ganzes Streichorchesters die Fusion mit prügelndem Doublebass-Drumming und erbarmungsloser E-Gitarre eingeht, was zu einem hochemotionalen Gipfel führt, der die Tränen in die Augen treiben möchte. Ganz großes Kino! Mit hell klingelnden Schellen beginnt das rund anderthalbminütige Interludium namens „Gaudens In Domino“, welches sich als stimmungsvoller Übergang zum direkten Folgestück versteht. Die sakrale Thematik des hier interpretierten, historischen Kirchenliedgutes gestaltet sich vornehmlich durch mächtig nachhallende Percussion, läutende Glocken und den dreistimmigen Gesang von Simon Levko, Michael Boden und natürlich Eric Fish und steht damit in bester Tradition ähnlicher Bindeglieder, wie „Alle Psallite Cum Luya“, „Drei Engel“ oder „Canticum Satanae“ aus der bisherigen Diskographie. Das himmlische Jubilieren mündet daraufhin jedoch unvermittelt in einer schockierenden und sehr viel finstereren Ausgangssituation, als mit einem Mal erschütternde Trommelschläge und abgrundtief tönende Posaunen, welche sich im infernalischen Gespann aus gnadenlos hämmerndem Drumming und harsch rockender E-Gitarre schon bald als leitendes Kernelement herausstellen sollen, im schwer walzenden Rhythmus das Gesamtbild bestimmen, sodass der Hörer beinahe spüren kann, wie sich die Wolkendecke über ihm im pechschwarzen Sog zunehmend verdunkelt. Das musikalische Gebilde von „Gott Spricht“ ist, gemäß seiner kritischen Thematik, pompös und extrem einschüchternd. Schnell breitet sich eine apokalyptische, verheerende Stimmung aus, wenn Fish in der überzeugenden Rolle des großen Schöpfers seine schiere Enttäuschung über die Handlungen der Menschheit äußert, die nicht zuletzt auch in seinem Namen immerzu grausame Taten begehen und lieber an „Altären der Lüge“ beten und ihre Sünden beichten, anstatt wirklich Gutes zu tun. Kein Kind sei je verdorben geboren worden, kein Mensch für den Tod in der Schlacht bestimmt… „Niemand von euch kommt mir jemals nah! Ihr seid der Fehler meiner Schöpfung. Was habe ich getan!?“, fragt Fish erzürnt im martialisch niederdonnernden Refrain, der alle Wut entfesselt und nichts als Asche zurücklässt - Wow!


Die sich anschließende Halb-Ballade „Auf Dem Hügel“ versprüht unter dem Einsatz zunächst rein akustischen Instrumentariums aus Percussion, Violine, Drehleier und Schalmei sofort eine enorm einnehmende, mystische Atmosphäre und entführt damit zu einem nächtlichen Spaziergang über einen Friedhof. Zur seltsam bedrückenden Melodie, die hier einmal mehr um dröhnende Glockenschläge angereichert wird und in ihrer wunderbar puristischen Ausrichtung den ursprünglichen Folk-Charakter eines „Foppt Den Dämon!“ oder „Bannkreis“ in sich trägt, führt Fish die Hörer in den Strophen über den verlassenen Totenacker und enthüllt mit je einem Fingerzeig auf die Grabsteine die unterschiedlichen Schicksale der Verstorbenen, die hier begraben liegen. Angefangen von einem Bergarbeiter, der unter Tage verendete und einem alten Trinker, der bei einem wüsten Gelage im Streit erschlagen wurde, über eine Mutter, die zusammen mit ihrem Kind bei der Geburt verstarb, bis hin zu gebrochenen Herzen. Als ganz besonders ergreifend stellt sich aber der gesanglich und musikalisch wirklich grandios dargebrachte Refrain mit wohligem Schauer-Potential heraus, dessen berührende Lyrik die Toten als auf dem Hügel ruhend und dabei immerzu auf Besuch hoffend zeichnet, denen alsbald Flügel für den Aufstieg ins Himmelreich wachsen, wenn sie eines Tages „ausgeschlafen“ und damit von ihren Angehörigen vergessen worden sind… Seit den 2014 veröffentlichten Mördergeschichten wurde im Haus „Subway To Sally“ der neue Standard etabliert, ein reines Instrumentalstück in den Mittelteil der Tracklist zu integrieren. Dies hat nicht nur zum Zweck, etwas experimentellere Ideen gelöst von klassischen Strukturen verwerten zu können, sondern auch das hörenswerte Zusammenspiel der verschiedenen Instrumente untereinander, vor allem aber auch das virtuose Geigenspiel, einmal verstärkt in den Fokus zu rücken. So folgt auf „Vela Dare!“ und „Anna‘s Theme“ nun das englischsprachig betitelte „Autumn“, welches entgegen einiger Vermutungen allerdings ohne Text auskommt. Ein absolutes Novum ist dabei der Einsatz der E-Geige, die im direkten Vergleich natürlich nicht nur deutlich anders klingt, sondern zudem auch mit einem extrem facettenreichen Spektrum im Spiel von Storch aufwartet, die hier wahrlich alle Register zieht. Zusätzlich unterstützt wird das Solo von spektakulären, großen Sound-Landschaften voller Bombast, die vor allem zu Beginn an den weltberühmten Soundtrack der Bond-Filme erinnern. Gegen Ende des gut fünf Minuten langen Stücks setzen dann Ambient-Samples von Wind- und Wettergeräuschen in den ruhigen Passagen ein, bevor sich das Stück seinem Höhepunkt annähert. Das folgende „Eisbrecher“ bietet schon eingangs die geballte Kraft von druckvoll knallenden Drums und unbarmherzigen Gitarren auf, die sich mit aggressiv knurrendem Riff einen Weg mitten durch die kühlen Gletscher fräsen zu scheinen. Nur wenig später gehen der hart kickende Presslufthammer-Metal mit überdeutlicher NDH-Note und die packend einsetzende Folk-Seite eine explosive Mischung ein, während Fish uns an Bord begrüßt und fortan über unruhigen Wellengang führt. Die von gezupften Saiten der Laute gesäumten Strophen räumen seinem charismatischen Gesang jederzeit genügend Platz zur Entfaltung ein, wenngleich es im Maschinenraum unter Deck hörbar kocht. Nicht nur aufgrund der angewandten Bildsprache, die den Hörer als unsinkbares Schiff skizziert und ihn dazu ermutigt, sich gegen jede noch so gefährliche Widrigkeit zu behaupten, sondern auch durch seine imposante Inszenierung zwischen tobender Härte und dramatischem Pathos, werden lebhafte Erinnerungen an „S.O.S.“ von „Nord Nord Ost“ wach, das doch sehr große Parallelen aufweist. Der extrem mitreißende Refrain samt seiner kräftigen „Eis bricht!“-Shouts rundet diesen Power-Up-Tempo mit hohem Live-Potential schließlich ab.


Das harmonische Zusammenspiel von Flöte, Geige und Akustikgitarre bringt anschließend wieder etwas friedvolle Ruhe und lässt in all seiner schwelgerischen Zartheit im ersten Moment an eine weitere Ballade denken, doch weit gefehlt! Im Hintergrund schleicht sich verzerrt knisternder Electro an das Trio heran und manifestiert sich kurz darauf zu einer unerwarteten Kehrtwende, als plötzlich Schlagzeug und E-Gitarre metallisch aufbäumend hinzutreffen und sich damit einhergehend auch die zuvor so zaghafte Melodie der Violine in ein deutlich bedrohlicheres Spiel verkehrt. In diesem Stil trägt sich „Halt“ nun rasant fort: Die kernig rockenden Strophen tönen ordentlich gesellschaftskritisch und düster, erst die nahende Bridge öffnet jene Struktur wieder und resultiert dann im emotionalen Chorus, der bedingungslosen Zusammenhalt und Eintracht auch in schwersten Zeiten beschwört, bevor es dann wieder zum Eingangsprinzip zurückgeht. Hier trifft Weltuntergangsromantik à la „HEY!“ auf das feurige Spiel mit allerhand überraschenden Kontrasten zwischen zart und hart, zwischen damals und heute. Das als dritte und vorerst letzte Single veröffentlichte „Ihr Kriegt Uns Nie“ wandelt wiederum auf klassischen Pfaden und nimmt die Position des eingängigen Up-Tempos mit ganz viel positiver Energie und hohem Gute-Laune-Faktor ein, wie 2009 schon „Besser Du Rennst“. Hier sind direkt alle bekannten und beliebten Elemente der neueren Subway-Ära vertreten: Schlagzeug, Bass und Gitarre sorgen zusammen mit der fidelen Violine für einen powernd rockenden Spirit, der im geradlinigen Verlauf zwar keinerlei Abzweigungen oder sonstige Schnörkel zulässt, dafür aber ab Sekunde Eins sofort zündet. Inhaltlich konstatieren „Subway To Sally“ auf augenzwinkernde Art und Weise hier ihren Status als dienstälteste Formation des Genres und warten dazu selbstbewusst mit einem hohen Maß an Hymnenhaftigkeit auf. Die schnelle Zugänglichkeit ist für den soliden Song leider nicht nur Segen, sondern zugleich auch Fluch, denn durch die bloße Catchyness und Überraschungsarmut wirkt er bereits nach wenigen Durchläufen etwas zu gewöhnlich und wie schon ein- oder mehrmals gehört. Dennoch ein Garant für eine ausgelassene Party auf den bald kommenden Konzerten! Als krönenden Abschluss hat man sich abermals für eine Ballade entschieden und tatsächlich ist „Lass Die Himmel Fall‘n“ zugleich auch das ruhigste Stück des gesamten Albums. Hervorzuheben ist, dass der Closer neben der ungemein überzeugenden Gesangsleistung von Fish ausschließlich von der Violine begleitet wird, was der hochemotionalen Ausrichtung nur allzu zuträglich ist und zusammen mit dem tragischen Text neben viel authentisch unverfälschter Nahbarkeit auch eine gewisse Klaustrophobie und Ausweglosigkeit mit sich bringt. In gewohnt poetischen Bildern wird hier eine Geschichte erzählt, in welcher der Gevatter Tod das Haus des lyrischen Ichs betritt und einen geliebten Menschen für immer mit sich nimmt. Insbesondere an der Position des Schlusspunkts macht sich so eine zunehmende Leere breit, die auch lange nach Verklingen des letzten Tons noch wirksam nachhallt und ein großes Loch in Herz und Seele reißt…


Tracklist:

01. Was Ihr Wollt

02. Leinen Los!

03. Weit Ist Das Meer


04. So Tief

05. Gaudens In Domino


06. Gott Spricht


07. Auf Dem Hügel


08. Autumn

09. Eisbrecher

10. Halt


11. Ihr Kriegt Uns Nie


12. Lass Die Himmel Fall‘n

Fazit:

„Subway To Sally“ lichten den Anker, hissen die Segel und gehen vier Jahre nach dem letzten Output gemeinsam mit ihren Fans auf große „Himmelfahrt“! Kündete der dystopische Vorgänger mit seinen sehr konträr anmutenden, doch passend eingewobenen Versatzstücken aus Glam-Rock und mitgift‘schen Electro-Einflüssen noch wütend und nicht selten pessimistisch von (un)menschlicher Dekadenz, ausgeträumten Utopien und Weltuntergang, so haben die sieben Potsdamer die vollendeten Ergebnisse zur Entstehung des Nachfolgers während der Pandemie über den Haufen geworfen und ihre Koordinaten für die Reise in Richtung Zukunft nochmals neu berechnet. Entgegen der weltlich und intern vorherrschenden Stimmung, die ein tiefes Loch in die einstige Motivation riss und für eine regelrechte Schaffenskrise sorgte, sollte das neue Leitbild fortan stattdessen „Hoffnung“ heißen und die Fans auch in schwersten Zeiten bestärken. Ein sehr schöner Vorsatz, der zumindest auf den ersten Blick jedoch nicht immer so offensichtlich umgesetzt worden ist. Das neue Album hält fast ausschließlich wirklich starke Songs bereit, die mit ihrem großen Hymnen-Potential und hörbar viel Energie die Seele der so lang erträumten Live-Shows atmen, überdeutlich Aufbruch verheißen, Sehnsucht aufzeigen und Zusammenhalt selbst in finsteren Stunden beschwören. Der erste Thematik-Stilbruch naht dann mit dem brachialen „Gott Spricht“ samt vorausgehendem Preludium „Gaudens In Domino“, in welchem der heilige Vater der Enttäuschung über seine verdorbene Schöpfung mächtig Luft macht. Mit dem spektakulär in Szene gesetzten Geigen-Solo von Ally Storch flacht der bis dahin sorgsam aufgebaute Flow des atmosphärisch dichten Spannungsbogens kurzzeitig zu einem - wohlgemerkt noch immer hochklassigen - Standard ab, nimmt dann aber schnell wieder an Fahrt auf. Während die umspannende Album-Thematik und der maßgeschneiderte Sound als sich ergänzende Melange aus Vergangenheit und Moderne in der ersten Hälfte nahezu perfekt aufeinander abgestimmt ineinandergreifen, wodurch sich entsprechende Songs jeweils auf ihre ganz eigene Weise facettenreich und teils unerwartet komplex gestalten, beruft man sich später hingegen mehr auf zuletzt Bewährtes, wodurch der ein oder andere Überraschungsmoment leider ein wenig verloren geht. Was bei genauerem Hinhören zudem auffällt, ist die lyrisch sehr präsente Verwendung maritimer Metaphorik mit all ihren bildhaften Bezügen zu Meer, Wasser, Unwetter, Häfen und Schiffen, die es bei „Subway To Sally“ so zwar immer schon gab, die auf „Himmelfahrt“ aber doch überraschend häufig auftritt, was dem ursprünglichen Vorhaben geschuldet sein dürfte, ein Konzeptalbum ausschließlich über die Seefahrt zu kreieren. Auch der Tod, der untrennbar zum Kreislauf des Lebens und damit auch zu den übergeordneten Themen wie Hoffnung und Neubeginn dazugehört, nimmt oft eine bedeutende Rolle in den gewohnt hervorragend geschriebenen Texten ein und sorgt somit für einen unerwartet düsteren, schwermütigen Grundton in der Tracklist. Generell dürfte „Himmelfahrt“ also all jene Fans, die mit dem experimentelleren Klang von „MitGift“ und „HEY!“ eher weniger anfangen konnten, wieder versöhnlich gestimmt jubeln lassen, während gegen Schluss auch Hörer neueren Datums voll auf ihre Kosten kommen. Neben dem erstarkten Fokus auf Storytelling sind auch erstmals wieder mehr gemäßigtere Stücke als kleine Ruhepole auf dem Album vertreten, die dem neuesten Werk zwischen den übrigen Stücken, die in all ihrer Power, Hymnenhaftigkeit und cineastischen Ausrichtung selten so dermaßen bombastisch und groß klangen, den finalen Schliff verleihen. Auch 2023 halten die sieben Potsdamer ihr Niveau also durchgehend hoch und erheben sich damit ein weiteres Mal zur (himmel-)hohen Referenz-Spitze des Genres!


Informationen:

https://subwaytosally.com

https://www.facebook.com/subwaytosally/

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