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  • Christoph Lorenz

VNV Nation - „Special 30th Anniversary Open-Air Gala" - Amphitheater, Gelsenkirchen - 30.07.2022


Veranstaltungsort:

Stadt: Gelsenkirchen, Deutschland


Location: Amphitheater Nordsternpark


Kapazität: ca. 6.000


Stehplätze: Ja Sitzplätze: Ja Homepage: https://amphitheater-gelsenkirchen.de/


Einleitung:

Ursprünglich hätte die deutsch-irische Future-Pop-Koryphäe „VNV Nation“ ihr großes Jubiläum zum dreißigjährigen Bestehen am 15.08.2022 feiern wollen. Es sollte eine große, ausgelassene Geburtstagsfeier mit vielen illustren Gästen vor der malerischen Kulisse de Amphitheaters in Gelsenkirchen, der ehemaligen Heimat des beliebten und von vielen Szene-Anhängern zurecht schmerzlich vermissten Blackfield Festivals, werden. Die Vorfreude unter den Fans und Bands war riesig und die Enttäuschung dann nur umso größer, als plötzlich wie aus dem Nichts eine weltweite Pandemie zuschlug und so ziemlich alle Träume von Live-Musik für die nächsten Jahre auf Eis legte. Von dem enormen Schaden, den das große „C“ dabei insbesondere in der gesamten Kultur- und Eventbranche anzurichten vermochte, fangen wir lieber erst gar nicht an… So weit, so tragisch, so bekannt. Umso schöner also der Fakt, dass sich zu Beginn des aktuell laufenden Jahres in dieser Hinsicht zumindest etwas ändern würde und das livehaftige Erleben von Musik endlich wieder möglich sein sollte. Lässt man die schmerzhaften und kostenintensiven Nachwehen für die Kunstschaffenden kurz außer Acht, könnte man fast von einem „ganz wie früher“ sprechen. Nicht alleine und als Stream vor dem heimischen Bildschirm, nicht mehr länger rein digital und ohne Distanz, Abstand oder Maske, sondern gemeinsam. Nicht weiter erwähnenswert, dass exakt das der große Moment ist, auf den alle Musikliebhaber hinter und vor den Bühnen diverser Konzerte und Festivals so lange warten mussten. Und auch, wenn in dieser Hinsicht wohl längst nicht alles überstanden, sondern lediglich für ungewisse Zeit in den Hintergrund gerückt ist, so soll diese nun doch vollends dafür genutzt werden, Verwehrtes und Verschobenes auf- und nachzuholen. Dementsprechend groß ist natürlich bei allen Beteiligten die Freude, dass der neue Termin am 30.07.2022, der zuletzt immer weiter in greifbare Nähe rückte, tatsächlich realistisch schien und sich heute endlich als durchführbar erweisen sollte. Wobei gesagt sein muss, dass dieses Jubiläum, das erst wenige Tage nach dem Amphi Festival in Köln und somit auch nur eine knappe Woche vor dem M‘era Luna angesiedelt wurde, wider Willen relativ unglücklich gelegt ist. Denn so schön die aufkeimende Vielfalt an möglichen Events auch ist, so sorgen nun sowohl die um sich greifende Inflation als auch der schiere Überschuss an diversen Nachholterminen für ein ungesundes Gleichgewicht. Es ist ein bisschen so, als stolpere man in dieser unglücklichen Kettenreaktion von einem Problem direkt in das nächste… Vor einem leeren Haus müssen sich „VNV Nation“ heute glücklicherweise nicht fürchten, ganz im Gegenteil, das Jubiläum ist bereits zum Einlass gegen 14.00 Uhr erfreulich gut besucht und wird im weiteren Verlauf des Tages immer voller, sodass man fast ein „Ausverkauft!“ an der Abendkasse vermuten könnte - Schön! Die verbleibende Zeit bis zum ersten Support verbringen die gut gelaunten Fans derweil an den zahlreich vorhandenen Essens- und vor allem Getränkeständen, um der brennenden Hitze kühlend entgegenzuwirken. Auch das gastronomische Angebot kann sich unter anderem mit Pommes, Bratwurst, Nudeln und sogar Döner Kebab wirklich sehen lassen, sodass für alle gesorgt sein dürfte. Ebenfalls gut besucht sind die aufgebauten Merchandising-Auslagen von „Heldmaschine“, „Apoptygma Berzerk“ und natürlich den großen Gastgebern selbst, die unter anderem spezielle T-Shirts und Zipper-Jacken im Design des dreißigjährigen Bestehens anbieten, die ihnen förmlich aus den Händen gerissen werden. Klasse, denn ein funktionstüchtiger Online-Shop für Europa ist leider noch immer nicht verfügbar. Sei’s drum.

Steril + Wires & Lights:


Der erste Act des Tages, „Steril“ aus Oldenburg, kann mittlerweile selbst auf eine über dreißigjährige Karriere mit bisher sieben veröffentlichten Studioalben zurückblicken und obwohl dem Trio aus Jan Wilking, Axel Tasler und Mähne Meenen ab 15.30 Uhr nur ebenso viele Minuten zur Verfügung stehen, scheinen auch durchaus einige eigene Fans mit dabei zu sein, die sich schon sichtlich auf die Show freuen. Jedenfalls füllt sich der Raum vor der Bühne bereits kurz nach Einlass beständig, wenngleich die meisten Gäste auch hauptsächlich an den begehrten Schattenplätzen unter dem schützenden Zeltdach interessiert sind. So präsentieren sich die Besucher auf den noch recht leeren und sonnendurchfluteten Rängen des Amphitheaters verständlicherweise eher kräftesparend für alles Kommende, nur vereinzelt wird etwas getanzt. Der harsche Sound irgendwo zwischen Oldschool-Industrial und EBM stößt mit Songs wie „Drop It“, „Tanz“ oder „No Remission“ jedenfalls auf offene Ohren und bringt ersten Schwung nach Gelsenkirchen… Die zuerst angekündigten Kanadier von „Actors“ mussten ihre Konzerte innerhalb Europas für 2022 leider canceln, doch mit „Wires & Lights“ aus Berlin konnte ein adäquater Ersatz im Bereich Post-Punk und New Wave gefunden werden. Die junge, vierköpfige Kombo kann bislang lediglich auf ein Debütalbum und eine EP zurückblicken, was aber natürlich nichts an der Güte der Musik ändert. Diese ist, sofern man das so schreiben kann, in ihrer Machart richtig schön „gruftig“ ganz im Stil der alten Schule, melancholisch und stets leicht tanzbar. So zaubert der Vierer kurzerhand eine erstaunlich dunkelschöne Atmosphäre mitten ins grelle Sonnenlicht und kann sich einiger neuer Hörer mit Sicherheit bewusst sein.

Heldmaschine:


Etwa gegen frühen Abend steht mit der in den letzten Jahren immer weiter aufstrebenden „Heldmaschine“ aus Koblenz dann ziemliches

Kontrastprogramm auf dem heutigen Plan: Wuchtig rockende NDH anstelle von tanzbarem Electro! Kann das gut gehen? Ja, es kann und wird! Spätestens seit dem 2016 erschienenen Album „Himmelskörper“ sind die fünf sympathischen Maschinisten auf der absoluten Überholspur und überzeugen stetig reihenweise Zuhörer bis weit über die Genre-Grenzen hinaus. Ein paar treue Fans aus dem eigenen Lager sind heute sogar ebenfalls anwesend und nehmen das Quintett zum eröffnenden „Luxus“, zu welchem es natürlich wieder viel Papiergeld in den gut ausgelastetem Zuschauerraum regnet, aus dem Infield heraus herzlichst in Empfang. Zu „Kein Zurück“ werden die Arme rhythmisch im Refrain geschwenkt und wenn „Die Maschine Spricht“ wird beherzt im Takt auf dem Betonboden aufgestampft. Der Applaus ist schon jetzt äußerst wohlwollend und das Interesse anscheinend geweckt, also Zeit für einen echten Hit aus dem eigenen Repertoire: „Radioaktiv“ weiß schnell mitzureißen, auch wenn die grünen Laserstrahlen aus der obligatorischen Apparatur auf Sänger René Anlauffs Schultern durch das Sonnenlicht leider nicht zu sehen sind, wodurch dieser eigentlich schöne Effekt sich etwas im Nichts verliert. Nach dem brettharten Banger „Auf Allen Vieren“ folgt mit dem bekannten Drum-Solo, bei welchem alle Bandmitglieder im Rhythmus auf die vor ihnen stehenden Fässer einprügeln, jedoch eine weitere Showeinlage, die auch im Hellen sehr gut zur Geltung kommt und nun Motiv zahlreicher Fotos ist. „Heldmaschine“ sind sich ihrem Status als musikalische Außenseiter des Tages sehr wohl bewusst und kaschieren die insbesondere zu Beginn spürbare Unsicherheit mit viel charmanter Selbstironie und bissigem Witz, was den fünf Koblenzern schnell zahlreiche Sympathien einbringt. So wird jetzt auch bei „Ich, Ich, Ich“ kräftig gefeiert, gemeinsam das „®“ gerollt und dem gut gelaunten Frontmann, trotz anfänglicher Zögerlichkeiten hinsichtlich des lückenhaft gefüllten Innenraums, das Stage-Diving samt kleiner Crowdsurfing-Runde zum Set-Closer „Weiter!“ ermöglicht. Sehr erfrischend und ganz bestimmt nicht fehl am Platz, wie sich abschließend viele Gäste einig sind!

Apoptygma Berzerk:


Bei den nächsten und gleichzeitig letzten Gästen vor den zu feiernden Jubilaren nur von einem Support zu sprechen, würde der Realität nicht einmal annähernd gerecht werden. Dafür sprechen jetzt vor allem der fast bis zum Zerbersten gefüllte Innenraum und die nicht minder vollen Ränge des scheinbar fast ausverkauften Amphitheaters. Viele Plätze sind nicht mehr frei, alles drängt sich mit Blick zur Bühne und doch geht es gewohnt friedlich zu. Die Bezeichnung „Co-Headliner“ ist hier wohl treffender und das hat einen ziemlich guten Grund, denn für die Position des letzten Anheizers konnte man doch tatsächlich das norwegische Synth-Rock-Projekt „Apoptygma Berzerk“ gewinnen! Die Band um die Gebrüder Groth ist eine wahre Institution des Genres und gerade wegen der eher seltenen Auftritte hierzulande ein stets gern gesehener Act. Kein Wunder, dass sich das niemand entgehen lassen will, zumal es für die Szene-Lieblinge die erste Deutschland-Show seit Beginn der Pandemie ist. Mit einem würdigen Applaus, der das Amphitheater beinahe zum Beben bringt, entern schließlich Schlagzeuger Ted Skogmann und Gitarrist Audun „Angel“ Stengel die Bühne. Am Keyboard wartet mit Gier Bratland, der bis 2009 festes Mitglied war und heute für den leider verhinderten Jonas Groth einspringt, eine echte Überraschung für langjährige Fans. Auch Sänger Stephan L. Groth ist mit seinem naturellen Kurzhaarschnitt und dem Bart fast nicht mehr zu erkennen. Jedenfalls dauert es nach seinem Erscheinen auf der Bühne erst einige Sekunden und genauere Blicke, bis das Publikum zu jubeln beginnt. Doch entgegen so manch ungefragter Meinung unter den Zuschauern, die sich über den „ungotischen“ Look pikieren, sieht Goth nun sehr viel natürlicher und auch gesünder aus, normal eben. Mit „Weight Of The World“ vom 2009 erschienenen Album „Rocket Science“ und dem rockigen „Unicorn“ startet das Set. Die Begeisterung ist allerorts greifbar, doch noch üben sich die meisten Zuschauer in Zurückhaltung. Das ändert sich mit den ersten Takten des Szene-Klassikers „Love Never Dies“ jedoch schlagartig und auch das energiegeladene „Non-Stop Violence“ vom gleichen Album hebt die Feierlaune maßgeblich. Das Eis scheint gebrochen! Bei „Stitch“ und „A Battle For The Crown“ von der jüngsten EP „Nein Danke!“, die Bratland und Groth beide alleine performen, wird es dann elektronischer. Spätestens jetzt werden nur noch Hits ausgepackt: Auf „Shadow“ folgen „In This Together“ und das bekannte „The House Of Love“-Cover „Shine On“. Gelsenkirchen ist in Partystimmung und es gibt kein Halten mehr, selbst auf den Rängen stehen jetzt nahezu alle Zuschauer und bewegen sich zu den rhythmischen Klängen von „Bitch“ und dem unschlagbaren „Kathy‘s Song (Come Lie Next To Me)“, das einen weiteren Höhepunkt in erstaunlich langen Set markiert. Viele Worte gibt es von der Bühne aus nicht, es darf keine Zeit verloren werden und doch merkt man dem glücklich lächelnden Vierer stets an, wie viel Spaß die Show machen muss. Die gelungene Cover-Version von „Enjoy The Silence“ treibt die gute Laune weiter nach oben und ist ein schönes Tribut an „Depeche Mode“ und den kürzlich verstorbenen Andrew Fletcher. Das Hit-Doppel aus „Starsign“ und „Until The End Of The World“ beschließt das umjubelte Gastspiel dann nach über einer Stunde und alle sind glücklich - So soll’s sein!

VNV Nation:


Dass der heutige Abend ein ganz besonderes Event werden soll, verheißt nicht nur die online geschaltete Beschreibung, die das viel und mittlerweile vor allem sehr lang erwartete Event vorab als spezielles Open-Air-Gala-Konzert zum dreißigjährigen Jubiläum mit allerhand Favoriten, Raritäten, Gastauftritten und mehr bewarb, sondern auch das schier beeindruckend große Set-Up auf den weiten Brettern des Amphitheaters zu Gelsenkirchen, die in nur wenigen Minuten endlich für über zwei Stunden die Welt des Future Pop bedeuten werden: An den meterhohen Pfeilern der überdachten Bühne erstrecken sich insgesamt drei lange LED-Lichtbalken, welche die gesamte Szenerie stimmungsvoll in einen großen Rahmen fassen. Ein Backdrop mit dem klassischen VNV-Logo gibt es heute nicht, dafür ragt jedoch eine unfassbar massive Leinwand in die Höhe, die in ihrer schieren Größe den kompletten Hintergrund ausfüllt. Davor reihen sich wie gewohnt die drei Podeste für das zentrale Drum-Set und die beiden Keyboards zu den Seiten auf, hinter denen ein mittelhoher Turm mit jeweils vier Scheinwerfern aufgebaut ist - Wow, das gab es zuvor in diesem Ausmaß noch nie! Von den meisten Gästen noch gänzlich unbeachtet, bahnen sich langsam die ruhigen Klänge des als Intro eingesetzten „Firstlight“, das eröffnende Stück des im Jahr 1999 erschienenen „Empires“, ihren bedächtigen Weg zu Gehör. Erst als sich auch der pochende Beat unter die elegische Symphonie mischt und der Sound aus den Boxen allmählich lauter wird, richten sich mehr und mehr Blicke in Richtung der Bühne. Die großen Ziffern, die jetzt hell leuchtend auf der Leinwand gezeigt werden, zählen sekündlich von der Gründung im Jahr 1990 bis zum aktuellen Jahr 2022 hoch. Plötzlich ertönen schrille Sirenen, dichte Nebelschwaden ziehen auf und ein altbekannter Loop aus fordernden Chorälen schallt hallend durch das Rund des Amphitheaters, als die dreiköpfige Live-Band aus Schlagzeuger Sebastian Rupio und den beiden Keyboardern David Gerlach und André Winter gegen 20.40 Uhr unter tosenden Jubelstürmen ins Licht tritt. Ihnen folgt wenige Sekunden später Frontmann und Sänger Ronan Harris, wie immer in ein schickes Bowlinghemd gekleidet, der sein breites Grinsen schon jetzt nicht mehr verleugnen kann und das überwältigende Bild erstmal kurz auf sich wirken lassen muss. „Seid ihr soweit? Seid ihr gut drauf!?“, fragt er verschmitzt und schon geht die große Zeitreise mit „Joy“ los, während sich auf der Leinwand ein riesiges Inferno aus züngelnden Flammen und gleißenderen Feuerstößen aufbäumt. Ein bisschen schade nur, dass der große Überraschungseffekt leider ausbleibt, fand entsprechender Song doch schon die letzten Jahre über immer wieder als Opener seine Verwendung. Mit dem beliebten „Chrome“ geht es weiter und schon jetzt wird überall auf den Rängen und im Infield getanzt - Toll! Wer sich noch an das wunderbare Blackfield Festival erinnern kann, welches seit 2015 leider nicht mehr veranstaltet wird, dürfte sich bei diesem Anblick sichtlich wohlfühlen und nostalgisch in seligen Erinnerungen schwelgen… „Ich liebe euch!“, bekundet Harris glücklich, bevor er „Wir feiern heute Geburtstag… Prost!“ hinzufügt und sein Glas auf das Publikum erhebt, das es sich natürlich nicht nehmen lässt, fleißig mit anzustoßen. Nach „Sentinel“ und den treibenden EBM-Rhythmen von „Nemesis“ lässt sich der Sänger ein neues Mikrofon aushändigen: „Hört ihr mich jetzt besser?“, fragt er und alle stimmen zu. Der Sound ist zwar nicht perfekt, aber für die Größe der Location ziemlich gut und klar. Nichts dröhnt, nichts hallt. Gleiches gilt für den Gesang, wenngleich dieser auch stellenweise etwas zu leise abgemischt worden ist. Dennoch eine tolle Arbeit der Technik-Crew, die Respekt verdient.

„When Is The Future?“ vom aktuellen Studioalbum „Noire“ und „Space & Time“ entführen anschließend in die jüngere Schaffensphase, natürlich darf hier beliebte Animation zum Mitklatschen im Mittelteil nicht fehlen. „Wir sind alle Kumpels hier!“, freut sich Harris herzlich und weil das so ist, wird zu „Primary“ auch gleich ein ganz junger Fan namens Jonas aus dem Innenraum auf die Bühne gebeten. „Na, junger Mann… Hast du Spaß? Willst du zu mir auf die Bühne kommen? Hab keine Angst, ich hatte auch Angst!“, ermutigt er ihn freundlich und zeigt ihm das Geschehen dann einmal von der anderen Seite aus. „So, das hier ist mein Arbeitsplatz. Liebe Leute, das ist die Zukunft!“, lacht er vergnügt und auch wenn Jonas verständlicherweise vor lauter Nervosität den Text des Songs vergessen hat und alsbald lieber wieder zu seinen Eltern ins Publikum zurückkehren möchte, so kann er sich doch eines einzigartigen Erlebnisses sicher sein. Toll gemacht! Beim folgenden „Farthest Star“ schaut auch René Anlauff von der „Heldmaschine“ kurz am äußeren Bühnenrand vorbei und kommt nicht umhin, mit Ronan bei einem weiteren Glas Scotch anzustoßen. Der erste emotionale Höhepunkt folgt mit einer der wohl bekanntesten VNV-Balladen: „Illusion“, zu welchem Ronan laut eigener Aussage seinen Frieden mit seinem fünfzehnjährigen Ich gemacht hat. Wie es die Tradition verlangt, werden jetzt tausende Feuerzeuge und Handylichter gen Himmel gereckt und eigentlich braucht es da am Schluss auch gar keine Aufforderung zum gemeinsamen Singen des Refrains mehr. Gelsenkirchen wird zu einem großen Chor und Harris fällt es sichtlich schwer, seine Emotionen zurückzuhalten. „Wir feiern heute dreißig Jahre, oder? 1999…“, kündigt er das großartige „Standing“ an, welches den Auftakt für den wirklich interessanten Oldschool-Teil im Set gibt, auf den sich natürlich schon viele Fans der ersten Stunden sehr gefreut haben. Weiter geht es im blitzenden Strobo-Gewitter mit dem manisch stampfenden Bass und kühlen Beats von „Frika“, das mit seiner Veröffentlichung auf dem Debüt „Advance And Follow“ der älteste Track des heutigen Abends ist. „Mir ganz egal, ob ihr das nächste Lied kennt oder nicht… Hauptsache wir feiern!“, stellt der Frontmann dann zum mit viel Begeisterung angenommenen „Solitary“ klar, das zudem ein absoluter Fan-Favorit ist, der sich über die letzten Jahre immer wieder gewünscht worden ist. Die begnadete Power-Ballade „Beloved“ und das elektrisierende „Darkangel“ markieren dann leider auch schon das viel zu frühe Ende des kurzen Trips zu längst vergangenen Tagen. Die durch und durch euphorischen Reaktionen im Publikum sprechen allerdings klar für sich.

Mittlerweile hat die sommerabendliche Dämmerung fast gänzlich unbemerkt ihren allmählichen Einzug am wolkenfreien Himmel über dem Gelsenkirchener Amphitheater gehalten, was der extrem stimmungsvollen und perfekt ausgefeilten Lichtshow sehr zugute kommen soll: Diese entfaltet jetzt nämlich beim schwermütigen „Carbon“ erst so richtig ihre wahre Pracht und lässt damit sichtlich viele Münder vor lauter Staunen für sehr lange Zeit offen stehen. Im Schutze der einkehrenden Dunkelheit scheinen die bis gerade eben noch so klar gesetzten Grenzen zwischen den futuristischen Projektionen auf der riesigen Leinwand und den ihre langen Bahnen ziehenden Kegeln der Scheinwerfer nicht nur zu verschwimmen, sondern im neongrünen Schimmer auf mysteriöse Art miteinander zu verschmelzen. Rein optisch gesehen, präsentiert sich hier ohne jeden Zweifel einer der absoluten Höhepunkte des gesamten Abends - Wow! Dass das hochprofessionelle Video- und Lichtdesign über jeden Zweifel erhaben ist und zu dieser späten Stunde seine jeweiligen Stärken voll ausspielen kann, veranschaulicht auch das wunderbar drückende Power-Doppel aus den nächsten beiden Songs: „Immersed“ ist mit seinen von Ronan Harris höchstpersönlich angezählten Tanz-Runden nach jeder Strophe quasi schon zu einem modernen Klassiker geworden und nutzt jene aufgeheizte Stimmung klug für die folgende Eskalation im Großformat aus: „Control“. Völlig klar, dass es hier nahezu kein Halten mehr gibt, als die ersten Takte des unverzichtbaren Über-Hits ertönen. Zur großen Überraschung aller Gäste, entert jetzt „Eisbrecher“-Kapitän Alexander Wesselsky die Bretter, um die ekstatisch feiernde Menge zusammen mit Harris bis zum Limit anzuheizen. So erfreulich der kleine Gastauftritt für viele Fans mit Sicherheit auch ist, so muss man doch ehrlich zugeben, dass Wesselsky das unvergleichliche Live-Erlebnis dieses wichtigen Songs durch seine hörbar mangelnde Vorbereitung und viele Texthänger eher schmälert, als das er dieses bereichern würde. So verkommt dieser Moment leider ein wenig zum chaotischen Akt, wovon sich die wogende Masse aber nicht großartig beirren lässt. Beste Partystimmung ist natürlich trotzdem weiterhin garantiert! Das hochmelodische „Resolution“ greift die vorherrschende Energie danach sorgsam auf und verwandelt sie mit den einprägsamen Zeilen „Give up your fear, these senseless longings. Let this pain inside you die!“ zu purem Seelenbalsam. „Wir haben heute Abend auch viele internationale Gäste hier, also werde ich in Englisch weitererzählen…“, verkündet Harris und fährt dann fort. „Ich erkenne heute so viele bekannte Gesichter wieder. Es gibt so viele Länder, in denen wir schon Konzerte gespielt haben… Doch manchmal werde ich immer noch nervös und vergesse die Texte auch nach so vielen Jahren. Ich bin so dermaßen überwältigt davon, was hier gerade passiert. Liebt, tanzt, weint… Gebt eurem Schmerz einen Namen und lasst ihn gehen! Freunde kommen und gehen über die Jahre, wenn ihr versteht. Aber ihr, ihr habt mich gerettet!“, gesteht Harris aufrichtig mit zitternder Stimme und Tränen in den Augen. „Ich war in meinem Leben an einem dunklen Punkt und bin lange Zeit weggelaufen… Harte Entscheidungen sind hart aus einem Grund. Aus einem dieser Gründe schrieb ich damals das Album „Empires“ und „Arclight“ war mein Leitbild. Als das Album rauskam, spielten wir es im Jahr 2000 zum ersten Mal in Gelsenkirchen. Heute wird’s ein bisschen anders, also los geht’s!“. Auf diese ergreifende Hintergrundgeschichte folgt nun das finale Stück des genannten Meilenstein-Albums in einer bis dato noch nie zuvor gehörten und wirklich wunderbar arrangierten Piano-Version, begleitet von David Gerlach an den Tasten. Ein fantastischer und sehr berührender Moment! Das schon viele Jahre nicht mehr live gespielte „Where There Is Light“ vom 2009 erschienenen „Of Faith, Power And Glory“ glänzt erneut mit einer hervorragenden Komposition aus Video- und Lichtinstallation. „Dein Lächeln beschreibt meinen Tag!“, freut sich der noch immer ganz ergriffene Sänger beim Anblick eines Fans in der ersten Reihe und kann sich sicher sein, dass es in diesem Moment noch sehr vielen weiteren Menschen ganz genauso ergeht. Beim rein instrumentalen Dancefloor-Filler „Electronaut“ darf sich wieder ausgiebig bewegt werden. „Hände hoch, heute ist auch eure Party!“, ruft Harris und alles folgt seinen Worten wie auf Kommando. „Ich will jedem Einzelnen danken, der heute Abend dabei ist. Wir danken euch für diese Nacht, die ihr so besonders gemacht habt. Dreißig Jahre…“, schüttelt er fast etwas ungläubig den Kopf. „Als ich damals in meinem Schlafzimmer saß und komponiert habe, hatte ich mir keine Vorstellung davon gemacht, welche Ausmaße das alles jemals annehmen würde. Ich habe heute so viele von euch gesehen, die ich schon seit den Anfängen kenne… Danke. Aber es interessiert nicht, ob ihr uns schon seit zwanzig Jahren besucht oder heute euer erstes Konzert ist. Es ist ganz egal, wie lange ihr schon dabei seid, ob ihr alle Lieder kennt oder vielleicht nur ein einziges. Wenn dieser eine Song dir aber hilft oder dein Leben verändert, wenn du ihn brauchst, dann ist meine Arbeit getan, das ist alles.“, bekennt der sympathische Sänger und stellt danach seine drei Kollegen an den Instrumenten mit viel lobenden, warmen Worten näher vor.

Zu „Nova“ wird dann wieder um rege Beteiligung gebeten, immerhin würde das heutige Konzert gefilmt werden. So sollen dann, wie gehabt, mit dem Einsetzen des ersten Refrains, alle Handytaschenlampen eingeschaltet und geschwenkt werden. Gesagt, getan. Wie immer ein faszinierendes Bild, dieses sanft wogende Lichtermeer. Einen kleinen Dämpfer gibt es dann aber doch noch: Eigentlich wollte man zu diesem feierlichen Anlass einen brandneuen Song vom im Februar 2023 erscheinenden Studioalbum uraufführen, was durch technische Schwierigkeiten, die „VNV Nation“ laut eigener Aussage jedoch seit dreißig Jahren unliebsam begleiten und somit schon fast irgendwie dazugehören, aber leider verhindert wurde. Trotzdem verspricht Ronan, diesen Vorgeschmack „schon sehr sehr bald“ und für alle online verfügbar zu machen. Mit der irischen Tradition, vor allem auf die eigene Gesundheit zu trinken, wird nun nochmals zusammen angestoßen und dann geht es langsam auf die Zielgerade zu: „All Our Sins“ bildet natürlich das Grande Finale, zu welchem die Band um vier zusätzliche Percussionisten an den Trommeln unterstützt wird - Episch! Doch beim epochalen Outro verschwindet ganz plötzlich mittendrin einfach so der Sound und bis auf das Mikrofon geht jetzt gar nichts mehr… Die Lichter auf der Bühne gehen wieder an und alles ist still. „Was habe ich eben noch über die Technik gesagt?“, fragt Harris leicht zerknirscht mit einer Mischung aus Ärger und Belustigung. Am leichtesten ist so eine unschöne Situation aber wohl zu verschmerzen, wenn man sie einfach nicht allzu ernst nimmt und so lachen nun alle gemeinsam über das rätselhafte Versagen der Systeme. Unter viel Applaus kommen auch nochmal die Musiker aller Bands des heutigen Tages auf die Bühne, die ihre Glückwünsche zum Jubiläum aussprechen und sich nacheinander für den großen Zuspruch des Publikums bedanken, ehe man zusammen die Szenerie verlässt. So endet das ansonsten sehr schöne Mini-Festival leider viel zu abrupt, ja, beinahe schon unwürdig, und irgendwie wird man das unbefriedigende Gefühl nicht los, dass da am Ende eigentlich noch mehr hätte kommen sollen… Schade. Was den heutigen Abend gegenüber den sehr langen „Compendium“-Shows aus 2015 zudem abschwächt und einen wirklich runden Gesamteindruck leider verhindert, ist die mit zwei Stunden und zwanzig Minuten etwas zu kurz geratene Spielzeit, die unweigerlich zur Folge hat, dass einige sehr bedeutende und eigentlich unverzichtbare Songs, wie beispielsweise „Tomorrow Never Comes“, „Epicentre“, „The Great Divide“ und insbesondere „Honour (2003)“, welches mit seinem „I hate war“-Mantra als klares Statement wohl nicht besser in die heutige Zeit hätte passen können, vernachlässigt wurden. Zusätzlich wären ein paar alte und seltene Nummern wie „Procession“ oder „Fearless“ zu diesem Anlass noch sehr wünschenswert gewesen und auch hinsichtlich der angekündigten Gastauftritte blieb es lediglich beim „Eisbrecher“-Sänger. Warum aber ausgerechnet der absolute Fan-Liebling, Evergreen und Stimmungsgarant „Pepertual“ zum Jubiläum vor dieser atemberaubenden Kulisse eingespart wurde, bleibt wohl ein unerklärliches Geheimnis, das leider den Eindruck erweckt, dass an diesem Tag trotz langer Vorbereitung bei weitem nicht alles rund lief. Ein lückenloser und umfassender Querschnitt durch alle wichtigen Abschnitte aus dreißig Jahren „VNV Nation“ sieht anders aus, auch wenn es natürlich beinahe unmöglich ist, den Ansprüchen aller Fans gleichermaßen gerecht zu werden. Großes Lob verdienen hingegen das sehr abwechslungsreiche Line-Up, der ausgewogene Sound sowie die wirklich fantastischen Video- und Licht Installationen, welche die Stimmung der jeweiligen Songs perfekt eingefangen und in Szene gesetzt haben - Respekt an alle Beteiligten! So bleibt mir am Ende nur zu schreiben: Herzlichen Glückwunsch zum dreißigjährigen Jubiläum und vielen Dank für die schöne Geburtstagsfeier bei bestem Wetter im Amphitheater Gelsenkirchen - Auf die nächsten Dreißig, Cheers!

Setlist:


01. Firstlight (Intro)

02. Joy

03. Chrome

04. Sentinel

05. Nemesis

06. When Is The Future?

07. Space & Time

08. Primary

09. The Farthest Star

10. Illusion

11. Standing

12. Frika

13. Solitary

14. Beloved

15. Darkangel

16. Carbon

17. Immersed

18. Control

19. Further (Piano)

20. Where There Is Light

21. Resolution

22. Electronaut

23. Nova

24. All Our Sins Impressionen: Cynthia Theisinger - Sharpshooter Pics https://sharpshooter-pics.de/ https://www.facebook.com/sharpshooterpics.de2

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