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  • Christoph Lorenz

Welle:Erdball - „Film, Funk & Fernsehen"-Tour - Fabrik, Coesfeld - 28.10.2022


Veranstaltungsort:

Stadt: Coesfeld, Deutschland Location: Fabrik Kapazität: ca. 1.000 Stehplätze: Ja Sitzplätze: Nein Homepage: https://www.fabrik-coesfeld.de/ Einleitung:

Heute haben wir den 28.10.2022, Ende Oktober und damit das letzte Wochenende vor meinem lange schon herbeigesehnten Herbsturlaub. Die Laune könnte also weitaus schlechter sein, als meine Begleitung und ich mit dem Auto durch die spätabendlichen Umlande des Ruhrgebiets und dann Münsterlandes rollen. Unser Ziel: Coesfeld. Genauer genommen eine Lokalität namens „Fabrik“. Sehr passend, wie wir finden, als uns das Navigationsgerät quer durch ein mäßig beleuchtetes Industriegebiet lotst und wir schließlich auf einem recht großen, doch fast leeren Parkplatz zum Stehen kommen. Sind wir hier richtig? Und wenn ja, sollte es hier nicht voller sein? Der für 19.00 Uhr anberaumte Einlass ist mittlerweile nämlich seit einer guten halben Stunde vorüber, doch nirgendwo ist jemand zu sehen. Dafür sieht das längliche, vor uns liegende Gebäude definitiv nach einer Fabrik aus. Als wir aussteigen und näher treten, bemerken wir zudem ein rötlich leuchtendes Neon-Schild auf dem Dach. Aus dem Inneren wummert laute Musik, hier muss es offenbar sein. Die schweren Tore stehen offen. Wir passieren sie und gehen einen langen Gang mit weitestgehend kahlen Wänden entlang, ab und an kündet mal ein Poster von einer der kommenden Veranstaltungen: Unter anderem „Lordi“ oder „Völkerball“ werden hier in den nächsten Wochen noch aufspielen, das kann sich sehen lassen! Zugegeben, das alles sieht schon etwas abgerockt aus, hat aber auch Charme und trägt irgendwie der Atmosphäre bei. Am Ende des Tunnels angekommen, stehen wir vor einem Tisch mit einem netten Herren dahinter, der unsere Karten erfreulicherweise gegen zwei Hard-Tickets eintauscht und diese dann entwertet. Nach einer kurzen Kontrolle dürfen wir weiter. Genau vor uns befinden sich die Sanitäranlagen, links daneben ist ein kleines Kassenhäuschen. Hier können relativ preisgünstig Wertmarken erworben werden, denn bezahlt werden die Getränke in def Fabrik nicht mit Bargeld, sondern mit entsprechenden Bons. Immer etwas umständlich, aber okay. Zur rechten Seite geht es dann direkt in den Saal, der, ganz anders als zunächst von uns vermutet, extrem geräumig ausfällt! Im hinteren Bereich ist die lange Theke zu verorten, die mit ausreichend viel Personal besetzt worden ist, welches beim Ausschank nicht nur ziemlich schnell, sondern obendrein auch total freundlich ist. Die Preise sind äußerst human, für ein Softgetränk oder mittleres Bier zahlt man 2,50 Euro. Etwas weiter links sind die beiden Verkaufsstände mit viel Merchandising von „Alienare“ und „Welle:Erdball“, rechts davon liegt auf einer leichten Erhöhung eine weitere Theke, die aufgrund der mangelnden Auslastung jedoch ebenso geschlossen ist, wie auch der darüberliegende Balkon mit viel Platz für weitere Gäste. Gut für uns, denn so steigen wir die paar Stufen zur verwaisten, seitlichen Bar hinauf und haben einen prima Platz recht weit vorne mit viel Bewegungsfreiheit und allerbester Aussicht auf die Bühne - Toll! Weniger schön ist hingegen der gerade schon erwähnte Grund für den verblüffend leeren Parkplatz vor dem Gebäude und das ist die erschreckend geringe Anzahl an Besuchern, die heute Abend zum Auftakt der neuen „Film, Funk & Fernsehen“-Tournee erschienen ist. Geschätzt sind es nämlich gerade einmal knapp einhundert Fans, wenn überhaupt. Unglaublich, wenn ich mit gemischten Gefühlen so an die restlos ausverkauften und rappelvollen Shows in Bochum oder Oberhausen zurückdenke. Klar, aus der Gast-Perspektive ist es so deutlich familiärer und damit um ein Vielfaches entspannter, für den angereisten Künstler dürfte dieser Umstand hingegen einer finanziellen Katastrophe gleichkommen… Eventuell ist das münsterländische Einzugsgebiet oder die hier ansässige Fan-Base ja nicht groß genug? Aus dem Ruhrgebiet, das mit einem Konzert im vergleichsweise kleinen Kulttempel Oberhausen immerhin nur einen einzigen Termin zu verzeichnen hat, scheinen außer uns jedenfalls kaum Fans angereist zu sein. Schade, denn die Feuertaufe so einer neuen Tour ist ja per se schon ziemlich spannend und jede Sendung von „Welle:Erdball“ immer lohnend. Ein extrem gelungener Abend soll es für alle Beteiligten aber trotzdem noch werden…

Alienare:


Ab 20.00 Uhr heißt es „Bühne frei!“ für den Support. Und wer bereits schon mal ein Konzert des Senders besucht hat, der weiß, dass dieser eigentlich so gut wie immer eine Überraschung ist… Also natürlich nicht nur der Sender selbst, sondern eben auch seine Gäste! So gab es in den letzten Jahren beispielsweise Artverwandtes von „Melted Moon“ oder „Kid Knorke“ zu hören, die sich ebenfalls ganz dem Minimal Electro verschrieben haben, mit „Hertzinfarkt“ dann ein paar alte Bekannte von vergangenen Hörerclub-Treffen oder zwar durchaus Genre-affine, doch zugleich auch völlig andere Kost beim „Agonoize“-Nebenprojekt „The Sexorcist“ oder dem Synthie-Pop-Trio „Rroyce“. Das gilt auch für die „Film, Funk & Fernsehen“-Tournee, denn für diese wurde das Hamburger und Hannoveraner Duo „Alienare“ als Reisebegleitung ausgewählt, die seit 2014 im Bereich der elektronischen Musik von sich Reden machen. Deren Ankündigung stieß im Vorfeld nicht unbedingt auf durchschlagende Gegenliebe unter den Fans, ist der clubtauglich ausgerichtete Mix aus Future Pop Dark Wave doch sehr weit vom speziellen Welle-Sound entfernt… Was wiederum nicht allzu schwierig ist. Also: Dieses Mal leider kein Retro und auch kein Minimal, dafür ganz viel Neongrün, wie der Blick auf die Bühne verrät, denn Keyboarder T.Imo und Sänger T.Green machen wahrlich keinen Hehl aus ihrer auffälligen Signature-Farbe, wie allein die beeindruckende Frisur des quirligen Fronters aufzeigt. Auch die Outfits, das ausgestellte Merchandising oder die gesamten Cover-Artworks zeugen stilsicher vom ro… ähm… grünen Faden bei der farblichen Präferenz. Doch genug der Optik, her mit der Musik! Diese ist wiederum nicht ganz so schillernd, sondern eher gewöhnlich und erinnert an bekannte Genre-Vertreter wie „Chrome“ oder „Solitary Experiments“. So präsentieren sich etwa das eröffnende „Perception“ und „Wunder Dieser Welt“ von der 2021 erschienenen EP „Perception“ als solide Dancefloor-Nummern im Mid-Tempo: Catchy, gediegen, tanzbar. Stört nicht und tut keinem weh. Wirklich herausstechend tut bis dato allerdings auch kein Song, wie auch die eher verhaltenen Reaktionen zeigen. „Hallo, Coesfeld! Wir freuen uns, heute für „Welle:Erdball“ eröffnen zu dürfen. Wir sind übrigens eine Mitmach-Band… Hände hoch!“, lächelt T.Green und dann darf zum etwas schnelleren „Diamonds“ geklatscht werden. Und siehe da: Allmählich wird’s! Der kurzweilige Track gefällt durch seinen treibenden Beat und die einprägsame Melodie, die durch kleine Kniffe und schöne Kontraste nie zu clean und austauschbar wirkt. Coesfeld bewegt sich. „Schön, darauf kann man aufbauen!“, freut sich auch der sympathische Sänger. Mit „Everything Will Be Alright“ und „The Colour Of My Soul“, in dessen Refrain nach Aufforderung tatsächlich so einige Arme im Takt über den Köpfen der Besucher wiegen, wird es dann erstmal wieder ruhiger. „Könnt ihr noch?“, erkundigt sich Green. „Ah, ganze Drei können noch!“, witzelt er bei den wenigen Meldungen. Dieser Umstand liegt jedoch nicht zwingend an „Alienare“, sondern viel mehr an der noch immer wirklich spärlichen Menge an Gästen, die sich in die Fabrik verirrt haben. Ein trauriges Bild. Zu den deutlich basslastigeren „Wrong“ und „Move“ darf sich ordentlich bewegt und mitgesungen werden. Erst die Männer, dann die Frauen und alle zusammen. Klassisch. Funktioniert immer. Dass es „just move!“ und nicht „just muuuh!“ heißt, weil der Song mal so gar nichts mit Kühen zutun hat, wird nebenbei auch gleich witzelnd klargestellt. Langsam kommen einige Zuschauer aus sich heraus, tanzen und klatschen. Schön! Auf „Mission Abort“ folgt mit „Emerald“ der gleichnamige Titeltrack des im Januar erscheinenden Albums. Auf der zugehörigen Tour käme man überdies auch in Wuppertal vorbei, wie angekündigt wird. „Die Reise lohnt sich!“, zwinkert T.Green, bevor das kleine Set mit der indirekten Band-Hymne „#Neon“ und „Arrival“ nach etwa vierzig Minuten endet. „Danke, dass ihr uns durch den Tour-Start getragen habt. Wir sind „Alienare“. Dankeschön!“, freuen sich die beiden Musiker glücklich lächelnd über den erstarkten Zuspruch und können sich nicht zuletzt ob ihrer grundsympathischen Art künftig bestimmt über den ein oder anderen Hörer aus Coesfelder Umfeld freuen.

Welle:Erdball:


Bis kurz vor Start war hinter, neben und natürlich auch auf der großen Bühne immer wieder geschäftiges Treiben in der rund zwanzigminütigen Pause zu beobachten. Hier wurde etwas von A nach B geräumt und dort noch etwas feinjustiert, bis es dann relativ pünktlich um kurz nach 21.00 Uhr endlich heißt: Showtime - „Welle:Erdball“ gehen nach mehrjähriger Abstinenz und erzwungener Verschiebungen wieder auf Sendung! Der elektronisch pulsierende Loop der neuen Intro-Variation sorgt schnell für eine mystische und stark vereinnahmende Atmosphäre, die das ohnehin schon hohe Maß an Spannung nun endgültig sogleich bis aufs absolute Maximum katapultiert. „Einschalten!“, raunt die bekannte Stimme von Sänger Hannes „Honey“ Malecki verschwörerisch flüsternd vom Band über die Boxen bis in den gesamten Saal hinein. Es knistert, fiept und klickt. Von irgendwoher schrillt ein altes Telefon, das wie die dringliche Aufforderung zum Empfangen der Botschaft aus den Weiten des Äthers tönt. Wird Coesfeld den Hörer abheben? „Hallo, hier spricht „Welle:Erdball“!“, dringen jetzt jene ikonischen Worte in mechanischer Manier zu Gehör, bis das Publikum plötzlich Zeuge eines vorbereitenden Dialogs zwischen den vier Moderatoren wird: „Hauptschalter ein!“ - „Hauptschalter ist ein.“ - „Feldverstärker an!“ - „Feldverstärker ist an.“ - „Mikrofon einschalten!“ - „Mikrofon ist eingeschaltet.“ - „Station funkbereit! Wir gehen auf Sendung…“. Na dann, los geht’s! Und zwar mit dem sehr treffenden Opener „Wir Sind Elektronisch“ von der zweiten CD der brandneuen Trilogie-Sendung „Film, Funk & Fernsehen“. Wie könnte es bitte auch anders sein? Während dichte Nebelwolken über die vor stroboskopischen Lichtern wild zuckend erhellte Bühne wabern, werden hinter den vor dem überdimensionalen Backdrop positionierten, halbtransparenten Leinwänden abwechselnd die markanten Silhouetten der vier Bandmitglieder in enger Fusion mit aufleuchtenden Projektionen sichtbar. Die Marschrichtung für den heutigen Abend wird klar definiert: „Bewege deinen Körper, bewege dein Gehirn!“… Für einen Moment kehrt die Erinnerung zurück, wie just im Refrain besungen Coesfeld jubelt, dass man fast meinen könnte, der Sender würde vor einem restlos ausverkauften aufspielen dürfen. „Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie nervös wir eigentlich sind… Das letzte reguläre Konzert war immerhin 2019.“, begrüßt Honey das Publikum freudig. „Nicht, dass wir ein bisschen eingerostet sind, aber es wird schön heute… Da sind aber noch ein paar Sachen, die wir Ihnen erst erklären müssen, bevor es richtig losgeht.“, führt der Frontmann aus und kommt so schnell auf das stets beliebte Prinzip der variierenden Live-Songs zu sprechen. „Wir sind ja nicht „Depeche Mode“, die immer nur das gleiche Set spielen!“, feixt er grinsend und erläutert dann das neue und etwas zeitsparendere Modell der verschiedenen Setlisten: „Wir hatten ja sonst immer diese Wunschlisten ausliegen, dann gab es noch diese Wahlurnen und all so etwas. Dieses Mal machen wir es etwas anders, ja? Wir haben hier nämlich drei Umschläge mit den Nummern Eins, Zwei und Drei. In jedem davon ist eine andere Playlist mit unterschiedlicher Länge und Form. Sie dürfen jetzt abstimmen!“. Auf diese Weise werden folglich alle drei Briefumschläge nacheinander vorgestellt und verschieden stark bejubelt. „Was sagt der Notar?“, fragt Honey und dreht sich interessiert zu Keyboarder c0zmo um, der ihm knapp mit „Umschlag Drei!“ antwortet. „Sie haben eine gute Wahl getroffen… Einen wunderschönen guten Abend, Sie hören heute Abend „Welle:Erdball“!“, lächelt der Sänger und gibt damit den endgültigen Startschuss für die neue Sendung. Diese fokussiert sich im ersten Part in alter Tradition natürlich vornehmlich auf das erst kürzlich veröffentlichte Studioalbum, für dessen Live-Darbietung man sich erneut so einiges hat einfallen lassen: So bestreiten die vier Moderatoren das dystopische und dabei längst nicht mehr unrealistische „Ich Habe In Eine Zukunft Gesehen“ mit vor den Gesichtern montierten Tablets, welche die ausdruckslosen Konterfeis des jeweiligen Trägers auf ihren Screens zeigen. Auf den Leinwänden drehen sich währenddessen hypnotische Wirbel in schwarz-weißen Mustern. „Sagen Sie mal… Sah das gerade eigentlich gut aus oder war’s scheiße!?“, erkundigt sich Honey lachend und erntet direkt viel positives Feedback. Ja, so ein Tour-Auftakt kann manchmal für beide Seiten sehr aufregend sein. Das bereits auf der „Mumien, Monstren, Mutationen“-Reihe gespielte „Die Unsichtbaren“ kommt dieses Mal im schnelleren Tax-5-Remix daher, dafür scheint leider der nette Effekt mit den leuchtenden Sonnenbrillen nicht ganz zu funktionieren, der die sich im Halbdunkel befindlichen Musiker sonst perfekt zum Gesungenen in Szene setzt. Bis auf die Videos auf den Leinwänden bleibt jedoch alles duster… Schade!

Bei der nächsten Ansage kann Honey es sich natürlich nicht nehmen lassen, auf den gloriosen Einstieg des Senders in die Top-20 der Media-Control-Charts hinzuweisen, was äußerst verdient mit viel Applaus seitens des Publikums bedacht wird. Mit charmanten „Das Letzte Hemd“, welches allein vom fünften Bandmitglied, dem Commodore 64, instrumentiert wird, gibt es den Album-Favoriten des Sängers zu hören, der anschließend unumwunden zugibt, bereits am Vorabend in Coesfeld angekommen zu sein und im Hotel aus reiner Langeweile so viel Fernsehen wie schon seit Jahren nicht mehr geschaut zu haben. Darauf muss natürlich das zynisch-kritische „Wo Kommen All Die Geister Her?“ folgen. Ein echter Oldschool-Klassiker, neben dem das neue „Das Tor Zur Wirklichkeit“ ebenfalls eine ziemlich gute Figur macht. Coesfeld findet offensichtlich viel Gefallen an den jüngsten Stücken und nimmt diese erfreulicherweise ebenso sehr begeistert auf, wie langgediente Hits der Marke „Alles Lüge“ oder den absoluten EBM-Gassenhauer „Arbeit Adelt!“, der sich zum Glück im ausgewählten Umschlag verborgen hat. „Danke, meine Damen und Herren… Dann haben wir dieses Scheiß-Teil ja wenigstens nicht umsonst extra mitgeschleppt!“, spaßt Honey, als er das sperrige Fass eigenständig auf die Bühne wuchtet, welches er fortan im aggressiv prügelnden Rhythmus mit einer Metallstange bearbeitet. Danach darf es aber auch wieder ruhiger zugehen, als Moderatorin Lady Lila ins Zentrum tritt: „Auch einen wunderschönen guten Abend von meiner Seite. Für mich ist es sogar noch länger als 2019 her. Es ist also gleich doppelt aufregend!“, berichtet sie über ihre Zwangspause beim Sender, bevor sie die sphärische Ballade „1000 Engel“ intoniert, bei der die übergroßen Flügel natürlich auf gar keinen Fall fehlen dürfen. Wie immer ein tolles Bild und neben dem herrlich nostalgischen „Drogenexzess Im Musikexpress“ im Duett mit M.A. Peel die wohl schönste Art, zur Welle-Familie zurückzukehren. „Wir machen das heute wieder in zwei Teilen. Die meisten von Ihnen sind ja immerhin über Fünfundzwanzig, Sie können dann gleich Pipi machen, eine rauchen gehen, noch etwas trinken oder sich unterhalten, während wir hier alles vorbereiten!“, schlägt Honey vor und lobt dabei auch einen sehr sympathischen Coesfelder Fan, der vor der Show alle Gleichgesinnten zum Austausch zu sich nachhause eingeladen hatte. „Das finde ich wirklich toll, das macht mich stolz. Auch diese ganze familiäre Atmosphäre heute Abend… Genau darum geht’s!“, freut er sich sichtlich begeistert über das einzigartige Engagement der Hörerschaft, ehe das bissige „Dr. Mabuse“ den ersten Part gebührend beschließt und nochmals alle Energie der Fans einfordert. So muss das sein!

In der Pause tut das Coesfelder Publikum dann wie ihm geheißen: Sichtlich glücklich strömen die Gäste zahlreich an die nahegelegene Bar oder stöbern am Merchandising-Stand, sie unterhalten sich angeregt über die Live-Wirkung der neuen Songs oder schnappen etwas frische Luft vor den Toren der Fabrik. Die Stimmung untereinander ist durchweg ausgelassen, friedlich und gut. Dem tut das leider relativ geringe Besucheraufkommen keinen Abbruch, im Gegenteil: So dermaßen entspannt und beseelt geht es selten zu, wenngleich die wenigen Ticketverkäufe für die Band selbst selbstverständlich sicher mehr als tragisch sind. Zumindest stimmungstechnisch sind die Hörer jedoch auch weiterhin gewillt, alles Mögliche herauszuholen. „Alles was drin ist!“, wie Honey sonst immer so schön sagt. Eingeleitet wird der zweite Teil der Sendung durch Moderatorin M.A. Peel, die nun ein kleines Solo am Theremin darbietet, bis es mit „Tote Frauen Kommen Leise“ und dem obligatorischen „23“ auf die Spur der hier besungenen Illuminaten geht. „Es macht heute wirklich Spaß bei Ihnen! Das hat etwas Privates, sehr gemütlich.“, freut sich Honey über das enorm begeisterungsfähige Publikum und berichtet dann von einem „sehr hübschen, intelligenten Mann“, genannt Josef Ganz, und seiner wegweisenden Erfindung, dem „VW Käfer“, die heute noch „läuft und läuft und läuft“, wie es dann im gleichnamigen Lied heißt. Einem verheirateten Paar in der ersten Reihe, welches sich offenkundig einst in Coesfeld getroffen hat, würde Honey zwar gerne das gewünschte „Deine Augen“ widmen, verweist dann aber auf den dritten Umschlag: „Sie haben gewählt!“, lacht er spaßend und widmet sich stattdessen einem quadratischen, schwarzen Requisit. Es ist eine VHS-Kassette. Diese schlägt alsbald den Bogen zum düster-amüsanten „Mama, Papa, Zombie“, das auch sogleich von einem Sample der gleichnamigen Kult-Dokumentation aus dem Jahr 1984 mit dem Zusatztitel „Horror für den Hausgebrauch“ eingeleitet wird. Diese hatte es sich damals tatsächlich auf unfreiwillig komische Art und Weise selbst zur Aufgabe gemacht, die besorgten Erziehungsberechtigten mit viel unqualifizierten Untermauerungen über Gruselfilme und deren mögliche Nachwirkung auf den Nachwuchs aufzuklären. Ein riesiger Spaß, wie Honey die vor Sarkasmus triefenden Textzeilen überzeugend mit aufgesetzter Grabesstimme intoniert, während aus allerlei illustren Horrorfilmen bekannte Sound-Schnipsel den druckvollen Beat durchbrechen und immer wieder bunte FSK-Logos im Hintergrund aufblitzen… Gruseln ja, doch Psycho nie! Das damals wie heute extrem eindringliche „Der Telegraph“ wird anschließend mit der beliebten Showeinlage aus durch das Megaphon gesprochenen Strophen und beweglichen Plattformen am seitlichen Bühnenrand präsentiert, auf welchen sich die zwei Moderatorinnen jeweils mechanisch im Kreis zu drehen beginnen. Seit jeher ein wahrer Stimmungsgarant. Nicht minder spitzzüngig und gesellschaftskritisch auch „Liebe Gegen Leistung“, das erneut allein von Lila gesungen wird.

„Ja, wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören…“, beginnt Honey und wir sofort von einigen Zwischenrufen unterbrochen, sodass er erstmal lieber das Thema wechselt. „Schauen Sie mal, bei dieser Wärme hier fliegen die übrigens ganz besonders gut!“, zeigt er den Fans einen kleinen Papierflieger und alle wissen sofort, welcher Song jetzt folgen muss: Zum unverzichtbaren Mega-Hit „Starfighter F-104G“ segeln nun zahllose von der Band selbstgebastelte Mini-Flugzeuge geradewegs in den wogenden Innenraum, in dem zu den elektrisierenden Beats mächtig getanzt und abgegangen wird, was sich beim folgenden „Schweben, Fliegen, Fallen“ umso mehr intensiviert, sodass die riesigen Ballons, die von Peel und Lila im ersten Refrain in die Menge geworfen werden, nur so über den Köpfen der Fans hin- und herfliegen. In einem davon wurden wie immer fünfzig Euro versteckt. Klar, dass fortan hier und da ein lauter Knall zu hören ist. Nachdem Coesfeld den „Mumien Im Autokino“ samt von der Bühne aus verschenkten Popcorn-Tüten erfolgreich entkommen ist, geht es mit der nostalgisch-dramatischen Stimmung des selbsterklärten „Milf-Stücks“ namens „Am Ende Der Zeit“ und „Ich Bin Nicht Von Dieser Welt“ langsam auf die nahende Zielgerade zu. Natürlich nicht, ohne alsbald von den tobenden Besuchern für die eine oder andere Zugabe zurückgerufen zu werden. Der erste Bonus an diesem Abend wird durch die sehr gelungene Cover-Version von „Space Oddity“ markiert, mit dem der Sender Ikone David Bowie auf äußerst charmante Weise im minimalistischen Commodore-64-Gewand huldigt. Sehr schön! Nach einem kleinen Hinweis auf die am Merch ausliegenden Unterschriftenlisten für den deutschen Tierschutzverbund legen „Welle:Erdball“ dann noch mit dem gefeierten „Wir Wollen Keine Menschen“ nach. Für das endgültige Finale wurde sich jedoch wieder etwas Besonderes ausgedacht, denn ähnlich der vergangenen Tour, deren Konzerte von der launigen Billy-Bragg-Interpretation „A New England“ im Duett mit „Rroyce“ beschlossen wurden, werden dieses Mal ebenfalls wieder die Support-Gäste zurück auf die Bretter gebeten, um „Der Goldene Reiter“ von Joachim Witt in einer elektronisch verpoppten Version zum Besten zu geben. Es wird natürlich nochmal kräftig gesungen und getanzt, bis die heutige Sendung nach rund zweieinhalb Stunden leider endet, aber dafür viele glückliche Gesichter und verschwitzte Körper in die kühle Herbstnacht entlässt. Nicht verwunderlich, ist doch so ziemlich jedes weitere Konzert des Senders mit seiner nahezu perfekten Mischung aus humorvollen Ansagen, wahnwitzigen Ideen und extravaganten Show-Elementen ein Erlebnis für sich. Auch die (anteilig) vom Publikum gewählte Setlist ließ mit einem echten Best-Of-Feuerwerk, kleinen Raritäten und natürlich vielen neuen Songs, die durch die Bank weg zündeten, kaum Wünsche offen. Was will der geneigte Hörer bitte mehr!?

Setlist:


01. Welle:Erdball (Intro)

02. Wir Sind Elektronisch

03. Ich Habe In Eine Zukunft Gesehen

04. Die Unsichtbaren

05. Das Letzte Hemd (C=64)

06. Wo Kommen All Die Geister Her?

07. Das Tor Zur Wirklichkeit

08. Alles Lüge (C=64)

09. Arbeit Adelt!

10. 1000 Engel

11. Drogenexzess im Musikexpress

12. Dr. Mabuse

13. Tote Frauen Kommen Leise

14. 23

15. VW Käfer

16. Mama, Papa, Zombie

17. Der Telegraph

18. Liebe Gegen Leistung

19. Starfighter F-104G

20. Schweben, Fliegen, Fallen

21. Mumien Im Autokino

22. Am Ende Der Zeit

23. Ich Bin Nicht Von Dieser Welt

25. Space Oddity (C=64)

26. Wir Wollen Keine Menschen Sein

27. Der Goldene Reiter Impressionen: Wanja B. Wiese - Wanja B. Wiese Photography https://www.wanjawiese.de https://www.facebook.com/wanjaphoto/

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