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  • Christoph Lorenz

ASP - Interview (2017)


Roggenfaenger: "Wir standen gemeinsam am Abgrund und wir lauschten... Fortsetzung folgt! Dann kam die Verbeugung, wir sind noch ganz berauscht, denn: Fortsetzung folgt! Wir wissen heute schon, es gibt bald ein Wiederhören, diese magische Verbindung lässt sich nicht so leicht zerstören - Fortsetzung folgt!". So lauten die verheißungsvollen Textzeilen des Refrains von "Fortsetzung folgt... (1)", dem abschließenden Song auf eurem vorletzten Studioalbum. Tatsächlich ist es nach nur anderthalb Jahren schon soweit und es gibt das versprochene Wiederhören, welches mit großer Wahrscheinlichkeit von vielen Fans bereits herbeigesehnt wurde. Doch das war noch lange nicht alles: Nachdem ihr Anfang 2016 den mit Spannung erwarteten, zweiten Teil der Geschichte rund um Hauptfigur Paul und das Hotel Astoria veröffentlicht hattet, standen mit dem Re-Release der, nun zum vollwertigen Album erweiterten, "GeistErfahrer"-EP und der umfassenden 4CD-Box "Live Auf Rauen Pfaden" im Herbst weitere Punkte auf der Agenda. Zusätzlich gab es neben der "Verfallen"-Tournee im Frühjahr noch eine weitere Sonder-Konzertreihe im Oktober, dieses Mal unter dem Motto "Ich Bin Ein Wahrer GeistErfahrer". Extra für diese Shows, mit welchen ihr aus aktuellem Anlass ein klares Zeichen setzen wolltet, hast du, wie vorab zu lesen war, den Entschluss gefasst, stattdessen ein anderes Projekt zu verschieben. Wann genau hast du dazwischen also die notwendige Zeit für "zutiefst" gefunden und die Arbeiten daran aufgenommen? Oder einmal anders gefragt: Wie und warum fiel die Entscheidung, so zeitnah ein weiteres Werk zu veröffentlichen?

Asp: Aus der puren Lust heraus! Ich dachte erst nicht, dass so schnell ein nächstes Album folgen könnte, hatte ich mich im und am Gruselhotel doch extrem verausgabt. Es überraschte mich selbst, dass ich einen extremen Drang verspürte, das "Fremder"-Abenteuer fortzusetzen. Ich reime mir das selbst so zusammen: Die beiden "Verfallen"-Alben waren eher wie ein musikalischer Roman, die Songs folgten einer konkreten Story, erzählten sehr kontinuierlich und konsequent eine Geschichte. Ich muss irgendwie vergessen haben, dass ich das Liederschreiben aber auch als eine Art selbsttherapeutische Seelenhygiene brauche, und mir fehlte auf eine gewisse Weise tatsächlich ein Ventil, welches mir andere Alben eher ermöglicht haben. Dabei hätte ich nur an den Entstehungsprozess von „Zaubererbruder“ zurückdenken müssen, da war es schon ähnlich. Aber so sind die Musiker. Sie vergessen schnell. Vor allem die negativen Dinge. Sonst wären sie vermutlich längst ausgestorben. Auf jeden Fall fand ich nach „Astoria“ und „Fassaden“ eine Menge Ideen in mir, die ich umgesetzt haben musste. „zutiefst“ ist das Ergebnis davon… Ein echter Befreiungsschlag. Aber ich muss gestehen: Ich musste mir auch selbst versprechen, nach diesem Arbeitsmarathon dann tatsächlich eine kurze Pause einzulegen. Es schlaucht ganz schön, egal wie toll es ist. Wie ein Rausch es manchmal tut.

Roggenfaenger: Wie bereits erwähnt, hast du dich im Jahr 2015 auf ein weiteres Abenteuer eingelassen und in enger Kooperation mit Autor Kai Meyer die zweiteilige Geschichte zu "Verfallen" erschaffen. Wie genau unterschieden sich die Arbeiten in kompositorischer Hinsicht und Herangehensweise im direkten Gegensatz zu eurer aktuellen Veröffentlichung?


Asp: Man ist einfach etwas freier. Ich halte die beiden "Verfallen"-Alben für das Abwechslungsreichste, das Komplexeste und aus diesem Grund vermutlich auch für das Sperrigste aus dem Hause "ASP". Bisher, hehehe. Auf „zutiefst“ wird der Hörer natürlich auch nicht nur leichte Kost vorfinden, aber ich glaube, es gibt doch viele sehr starke Einzelsongs, die man wunderbar losgelöst von irgendwelchen Konzepten genießen kann. Ich glaube außerdem, dass sich der Hörer sehr viel einfacher selbst in den Songs wiederfinden kann als in Pauls Charakter, der ja eine Art psychedelische Horrorstory erlebt. Ich habe das Meeres-Thema als Aufforderung an den Schreiberling in mir verstanden und wollte allen, die sich an der Oberfläche aufhalten möchten, ein starkes Album liefern, aber denjenigen, die den Mut und die Lust haben, tiefer einzudringen, ebenfalls diese Möglichkeit bieten. Schicht um Schicht darf man sich tiefer einarbeiten und neue Dinge entdecken. Oder man lässt es und darf sich einfach schamlos unterhalten lassen. Das ist nichts Schlimmes.

Roggenfaenger: Das eingangs rezitierte Lied enthält nicht nur einige charmante Querverweise auf euer bisheriges Schaffen, sondern auch einen direkten Bezug zum rätselhaften Ende von "Maskenhaft", dem vorerst letzten Teil des "Fremder"-Zyklus, welcher nun schon ganze vier Jahre zurückliegt. Das große Finale setzt sich dort aus den zwei zusammenhängenden Parts "Die Klippe - Teil 1: Stimmen Im Nebel" und "Die Klippe - Teil 2: Hang" zusammen, in Letzterem heißt es abschließend "Wir halten den Atem an...". Warum genau, erfährt der Hörer direkt zu Beginn im Intro von "zutiefst". Wusstest du bereits 2013, wohin dich die thematische Reise später führen würde und du dich vom Abhang in die Tiefen hinab begibst oder planst du nicht soweit im Voraus? Immerhin unterliegen die einzelnen Alben der Zyklen stets einer konzeptionell angelegten Orientierung, ergänzen und setzen sich erzählerisch fort.

Asp: Ja. Ich wusste das damals schon. Das Konzept greift immer einige Alben voraus, und ich weiß ziemlich genau, wohin die Reise gehen soll und wird. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass nicht noch ein wenig Spielraum unterwegs wäre, denn es muss auch Raum für Spielereien, Umwege, Abzweigungen und sonstige Abenteuer bleiben. Man darf auf keinen Fall die Energie unterschätzen, die durch Spontaneität und Lust am Handwerk frei werden kann. Das habe ich bei „zutiefst“ ganz besonders gespürt.

Roggenfaenger: Gleich zum Anfang des Monats August habt ihr mit der ersten Single-Auskopplung einen spannungssteigernden Vorboten entsandt, welcher auch in Verbindung mit dem Artwork zumindest ansatzweise schon ein wenig erahnen ließ, in welche Richtung es dieses Mal inhaltlich geht. Bei diesem Song begibst du dich, nicht ausschließlich nur im übertragenden Sinne, einmal mehr in die Tiefen der menschlichen Gedanken, Psyche und Seele, sondern auch wortwörtlich in die ungewissen Abgründe so mancher Gewässer. Woher genau hast du dieses Mal die Inspiration für exakt diesen konzeptionellen Leitfaden bezogen? Würdest du dich selbst als maritim geprägte Persönlichkeit bezeichnen und hast somit einen besonders engen Bezug zum Meer oder waren für die aktuelle Thematik ganz andere Einflüsse maßgebend?

Asp: Ganz genau ist es ja hauptsächlich die Tiefsee, deren Schwärze mir als großes Fanggebiet für die Netze meiner Metaphern- und Allegorienwelt dienen durfte. Das Thema reizt mich schon sehr lange, ich kann mich aber nicht an den ersten Impuls erinnern. Der Inspirationskeim ist nicht erklärbar. Es wachsen Ideen im Himmel und manchmal stürzen welche herab wie Sterne, schlagen an der Oberfläche auf und sinken dann leuchtend zu mir herunter, erwischen mich und wollen geschrieben werden. Ich kann dazu nix sagen. Es kommt einfach, und ich lasse es dankbar geschehen.

Roggenfaenger: Ich habe ja gerade schon einmal das Thema der Maxi-CDs leicht angerissen. Kürzlich erhielt ich eine Mail, durch die ich erfuhr, dass zum Ende des Jahres noch etwas in diese Richtung geplant ist, aber möchte dir in dieser Angelegenheit nicht allzu viel vorwegnehmen. Der Startschuss für diese Aktion fällt am 27.10.2017, dem Releasetag eurer neuesten Veröffentlichung. Möchtest du den Lesern an dieser Stelle vielleicht verraten, was genau es damit auf sich hat und wie sie sich daran beteiligen können? Warum habt ihr euch überhaupt zu diesem Schritt entschieden, immerhin scheint sich dieses Format ja heutzutage zunehmend weniger zu rentieren?

Asp: Ach, lass uns lieber nicht über das Rentieren sprechen. Sonst muss ich panisch in eine Tüte atmen. Das mit den Singles ist freilich kein lohnendes Geschäft, aber dadurch, dass unsere herausragend freundlichen Fans sie brav kaufen und uns unterstützen, geht das Ganze mit einer roten Null und einem blauen Auge gerade irgendwie auf. Wenn man eine Schar Milchmädchen einlädt und nicht allzu genau nachrechnet. Wir wollten gerne zwei Vorab-Singles veröffentlichen, weil wir darauf Lust hatten und weil wir die Fans gerne schon einmal zu uns in die Tiefe locken wollten. Ob das gelungen ist, wird die Zeit zeigen. Da wir mit den beiden ersten Single-Tracks natürlich zwei Songs veröffentlicht haben, die zum einen früh fertig waren und zum anderen auch recht eingängig geraten sind, dachten wir, nun dürfen unsere Fans entscheiden, welchen Song sie gewählt hätten vom Album. In Zeiten, in denen alle immer alles besser wissen und ihre Meinung auch gerne nörgelnd im Netz kundtun eine gute Idee, ihnen einmal die Wahl zu lassen. Ich fürchte nur, sie werden die Konsequenzen nicht spüren, wenn die Entscheidung falsch war. Nein, Scherz beiseite: Auf der Platte sind meines Erachtens mindestens neun Singles zu finden, und nun dürfen unsere Fans sich etwas wünschen. Die Herausforderung ist dabei: Einen Tag nachdem das Ergebnis feststehen wird, bin ich mit Illustrator Timo verabredet, und wir haben genau vierundzwanzig Stunden, um das Artwork gemeinsam zu erschaffen. Hurra, das wird spaßig… Man muss sich seine Pause ja verdienen.

Roggenfaenger: Wo wir gerade schon einmal bei den Veröffentlichungen sind: Auch dieses Mal habt ihr euch wieder etwas ganz Besonderes für eure treuen Fans einfallen lassen. Es gibt so viele Editionen, wie vermutlich noch nie zuvor in der Geschichte von "ASP" und für jeden Geldbeutel ist gewiss etwas passendes dabei. Wie entstand die Idee, neben der standardisierten und limitieren Version dieses Mal auch zahlreiche weitere Varianten anzubieten? Zwar gehören "ASP" sicher zu den größten und bekanntesten Künstlern innerhalb der schwarzen Szene, dennoch betonst du oft, dass es gerade sogenannte "Nischenmusiker" denkbar schwer haben, was in den Charts und am Markt selbst deutlich zu sehen ist. Insbesondere die Käufe physikalischer Tonträger gehen immer mehr zurück, die Leute sind immer weniger bereit dazu, Geld für die Musik auszugeben, auch wenn in diesem Genre scheinbar noch verhältnismäßig mehr Wert auf den Erwerb gelegt wird. Was bewegt dich in diesen Zeiten des Umbruchs dennoch dazu, an diesem Konzept festzuhalten, dieses finanzielle Risiko einzugehen und auf dich zu nehmen? Immerhin geht ihr gemeinsam mit eurem Label jedes Mal erneut aufs Ganze und scheut weder Kosten noch Mühen. Wo genau liegt euer Antrieb, auch und gerade fernab der ganz großen Umsätze so dermaßen liebevoll zu Werke zu gehen?<