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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

AnnA Lux - Scarlet Dorn - Stoneman (2018)


AnnA Lux - Wunderland (2018)

Genre: Pop / Rock

Release: 24.08.2018

Format: CD

Anzahl Ton- / Bildträger: 1

Label: NoCut

Spielzeit: 45 Minuten

Fazit:

Wie der ein oder andere Leser über die letzen Jahre vielleicht schon mitbekommen haben dürfte, freue ich mich immer ganz besonders darüber, musikalische Bemusterungen von weniger bekannten Künstlern und insbesondere Newcomern in meinem Mail-Postfach vorzufinden. Dabei ist es nicht ausschließlich nur darin begründet, dass man aus seinen gängigen Hörgewohnheiten angenehm herausgerissen wird und sich somit völlig neutral ohne eine spezifische Erwartungshaltung auf unbekannte Materie einlassen kann, sondern auch so manches Mal die ungeahnte Möglichkeit dazu hat, mitunter echte Perlen für sich zu entdecken. Das ist zwar längst nicht immer der Fall, aber doch gibt es sie: So etwa geschehen mit „Tüsn“, „Sündenrausch“ und „Palast“ oder eben unlängst auch bei den erst 2016 gegründeten „AnnA Lux“. Das sympathische Schweizer Trio aus Schlagzeuger Rico H, unter anderem bekannt durch seine Hauptband „Stoneman“, Gitarristin Lara Lumière und der namensgebenden Sängerin AnnA, machte im vergangenen Jahr durch die vorab erfolgte Veröffentlichung der drei Singles „Mädchen Im Koma“, „Zuhause“ und „7 Fragen“ erstmals von sich reden, eine ausgedehnte Tournee als Support von NDH-Ikone „Megaherz“, welche schon diesen Herbst fortgesetzt wird, sowie der Release der EP „Luxus“ schlossen sich nahtlos daran an. Mittlerweile haben der vielbeschäftigte Drummer und die charismatische Frontfrau, die all ihre Songs selbst schreibt, einen mutigen Neuanfang gewagt und sich gemeinsam mit ihrer Tochter nach Mallorca abgesetzt, von wo aus sie nun arbeiten und sogar ein eigenes Musikstudio betreiben. „Mit ihrem unverkennbaren Sound gelingt „AnnA Lux“ der Spagat zwischen Dark Rock und radiotauglichem, deutschen Pop-Rock wie noch keiner anderen Band zuvor. Eingängige Melodien, singbare Chöre und kumulierte Energie machen Lust auf mehr.“, kündet der offizielle Pressetext des Labels vollmundig und soll tatsächlich nicht zu viel versprechen: „Wunderland“, heißt das von „Lord Of The Lost“-Kopf Chris Harms aufwändig produzierte Debütwerk, das ab dem 24.08.2018 offiziell im Handel erhältlich sein wird. Und passender hätte jener verheißungsvolle Titel dafür wohl kaum gewählt worden sein können...

Eine dunkle Electro-Melodie erhebt sich und wir schon bald von süßlich pumpenden Beats abgelöst, die sich dann bis zum Refrain immer mehr aufhellen und schließlich in ermutigenden Worten enden. Die schnell vorgetragenen, kurzen Verse muten zwar zeitweise dezent schlagersek an, bieten in ihrer erfrischenden Poetry-Slam-Attitüde aber genügend tiefsinnig motivierte Substanz, um interessant zu sein. Ein ungemein mitreißender Opener über erdrückenden Anpassungswahn, gesellschaftliche Fehl-Konventionen und das Gefängnis der schmerzlich beengenden Alltagstrott-Maschinerie, wie auch die notwendige Befreiung aus ebendieser. Über das Suchen und Finden des eigenen Platzes in der Welt, des Glücks und nicht zuletzt des eigenen Ichs. Großartig! Das folgende „Eifersucht“ offenbart sowohl klanglich als auch inhaltlich anschließend einige starke Parallelen zu mainstreamaffinem Pop, jedoch gänzlich frei von überdosiertem Pathos und den sonst so bekannten, peinlichen Klischee-Fettnäpfchen. Eher im absoluten Gegenteil, denn „AnnA Lux“ greifen in ihren Songs typische Szenarien auf, mit denen sich der Hörer ohne Weiteres jederzeit identifizieren kann, was der emotionalen Nahbarkeit enorm zuträglich ist. Zudem kommen hier erstmals die harten Gitarren besonders markant und klar zur Geltung und lassen die Grenzen zwischen den Genres flüssig und homogen verschwimmen, als gäbe es sie gar nicht erst. Das gilt ebenso für das melancholisch-kritisch behaftete „Spiel Der Gier“, bei dem sich die musikalische Ausrichtung deutlich von den beiden vorausgegangen Songs absetzt: Merklich schwerer wiegt nun der epochal schleppende Rhythmus und fokussiert klar auf atmosphärische Klangwelten aus donnernden Drums, tief gestimmten Saiten und majestätischem Bombast, zu nachdenklichen Zeilen über egozentrische Machthaber, die den Blick für das Wesentliche längst aus den Augen verloren zu haben scheinen und eine gewaltsame Kriegsführung ohne Rücksicht auf Verluste. Einem gänzlich anderen, dafür aber nicht weniger sensiblen Thema nimmt sich das Trio bei der ersten Single „Mädchen Im Koma“ an, welches sich, dieses Mal zusätzlich unterstützt von klagenden Streichern, ein tragisches Einzelschicksal verarbeitet und verrät, wozu unerwiderte Gefühle im schlimmsten aller Fälle führen können. „Weiße Lichter“ bietet dem Hörer danach ganz andere Kost und ist im Vergleich zu den vorherigen Songs behutsam, zurückhaltend und komplett auf die akustische Komponente reduziert arrangiert worden. Vor diesem Hintergrund wird das Hauptaugenmerk einzig und allein auf die zarte, aber doch umso präsentere Stimme gelegt. Eine echte Unplugged-Perle, die das Gefühl von bedingungsloser (Mutter-)Liebe beeindruckend nachvollziehbar transportiert und einen schönen Kontrast zum bisherigen Material setzt. Leicht perlende Piano-Tupfer markieren die Ruhe vor dem nächsten, musikalischen Sturm, denn schon bald darauf bricht ein infernalischer Orkan aus klar schepperndem Schlagzeug, hymnischen Chorälen und aufstrebend rockenden Gitarren los. Eine Power-Ballade der Extraklasse: „Verbrannt“... Wie Phönix aus der Asche! Das ebenfalls bekannte „7 Fragen“ ist dann wieder sehr tanzbar und clubtauglich geraten, was den flotten Rhythmen und der verstärkt elektronischen Ausrichtung zuzuschreiben ist, zwischen welcher die anderen Instrumente nur geringfügig Platz finden. Ebenso auch bei „Tanz Durch Die Nacht“, das instrumental wie das lyrische Ich zwischen Trauer, Wut und Euphorie balanciert. Merke: Aus jeder noch so großen Enttäuschung erwächst immer neuer Mut, der einen gestärkt aus der Situation hervorgehen lässt und die Lebensfreude neu zu vergeben weiß. Die ersehnte Flucht aus der kalten „Festung“ enthält, wie der aufmerksame Hörer bemerken kann, überraschend erzählerische Bezüge zu einer der vorangegangenen Nummern und kann sowohl für sich allein stehen als auch als eine Art inoffizielle Fortsetzung gesehen werden, die zum eigenen interpretieren einlädt. Während die Strophen mit ihren leichten Beats und fordernden Streichern noch eher minimalistisch sind, zieht die sich beständig aufbauende Kraft bis zum Refrain deutlich an und mündet in einem wirkungsvollen Hauptteil. „Kleiner Mann“ ist danach der wohl düsterste Track des gesamten Albums. Der druckvoll stampfende Takt legt finster pulsierende Elektronik frei, unterdessen umzingeln aggressiv beißende Saiten den stark verzerrten Gesang, um gewaltig schnell Atmosphäre aufzubauen und ihren Höhepunkt schlussendlich im grandiosen Chorus zu finden, der offenbart, dass hinter jeder noch so bösen Gräueltat letztlich nur unverstandene Verletzlichkeit steckt. Der zerbrechliche Titeltrack lässt abermals begrüßenswerte Stille einkehren und kommt lediglich durch den feinsinnigen Einsatz des Klaviers aus, bis zum Abschluss nochmals alle Versatzstücke harmonisch fusionieren und sich zu einer energiegeladenen Hymne verdichten, die sich an Band und Fan gleichermaßen richtet: Glaubt an euch, bleibt stets ihr selbst und spendet euch dafür verdienten „Applaus“! Und, wie war der Besuch im „Wunderland“ also? Definitiv alles, insbesondere aber ganz anders, als zunächst gedacht. Hier trifft wohldosierte Dunkelromantik auf intelligente Texte, melancholischer Goth-Rock und radiotauglicher Ohrwurm-Pop auf starke 80er-Vibes. „AnnA Lux“ haben offenbar eine klare Vision wie sie klingen und wer sie sein wollen, was sich beeindruckend selbstbewusst darin äußert, sich zu keiner Zeit irgendwelchen abgedroschenen Klischees bedienen oder bereits Bekanntes kopieren zu müssen. Im Gegenteil, das Trio legt sich nicht einmal annähernd auf ein vorgeschriebenes Genre fest, spielt und bricht gerne mit den Erwartungen, verzaubert durch einen individuellen Charme. Engstirniges Schubladendenken oder konservative Limitierung sind mehr als fehl am Platz, denn erlaubt ist alles, was gefällt. Umso frischer, runder und authentischer ist somit das, in jeder nur erdenklichen Hinsicht, wundersame Endergebnis, welches den drei Musikern hoffentlich die verdiente Aufmerksamkeit zukommen lässt. Das wohl beste Debüt seit Jahren!

Informationen:

https://www.facebook.com/annaluxmusic/