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BEITRÄGE:

  • Christoph Lorenz

Onenine - Funker Vogt - Solar Fake (2021)


Onenine - Sceadu (2020)

Genre: Electro / Alternative

Release: 19.12.2020

Format: Digital

Anzahl Ton- / Bildträger: 0

Label: Noiselab / Studio600

Spielzeit: 37 Minuten

Fazit:


Für alle jene, welche die Rezension zum 2019 veröffentlichten Debüt „Hirato“ und dem letztjährig erschienenen Nachfolgewerk „3 3 3“ verpasst haben sollten, kommt hier eingangs nochmal die Kurz-Biografie zum Projekt: Im Jahr 1993 gründen Kay Jäger und Oliver Müller das gemeinsame Projekt namens „Cyber Axis“, arbeiteten fortan an einigen Demos. Ein Vertrag beim Label Paradise Rising ging danach dem Debüt „The Final Sign“ voraus. Neben Julie Schott brachte man zudem wechselnde Live-Gitarristen, wie etwa Thorsten Scheuermann, der später noch fest ins Line-Up integriert werden sollte, ins angestammte Ensemble ein, um dem Sound mehr Druck und Härte zu verleihen. So eröffnete man alsbald sogar für die heute weltberühmten Berliner Provokateure von „Rammstein“, der Nachfolger „Fool Energy“ brachte weiterhin mehr Aufmerksamkeit ein. Alles schien auf einem sehr guten Weg, bis Jäger und Schott später aus unterschiedlichen Gründen ihren Ausstieg entschieden und Müller somit 1997 das jähe Ende bekannt gab. Obgleich dessen wandte er sich der Musik aber nicht vollends ab, sondern war fortan hinter den Kulissen als Produzent tätig, wodurch er Matthes Ewald kennenlernte, mit dem er beschloss, das Projekt wiederzubeleben. Auf einer Release-Party von „Megadump“ traf das frisch zusammengeschlossene Duo dann auf Axel Kleintjes, der durch sein bisheriges Engagement als Keyboarder und Stimme von „Page12“ bereits einiges an Erfahrung mitbrachte. Das daraus resultierende „Skin“ zelebrierte 2003 den Crossover-Style der späten 90er und gemahnte damit unter anderem an Größen wie „Nine Inch Nails“... Zeitsprung: 2011. Ich stehe nichtsahnend am Bochumer Hauptbahnhof und werde durch die kurze Werbeschaltung auf einer übergroßen LCD-Reklametafel auf die lokale Band „Held der Arbeit“ aufmerksam, die ich mir, zuhause wieder angekommen, über einen Streaming-Dienst sofort anhöre. Es ist eine ziemlich stimmige Mischung aus Oldschool-EBM und Synthie-Pop mit melancholischen, ehrlichen Texten, die das Leben so manches Mal selbst schreibt. Ich bin begeistert. So sehr, dass ich direkt beschließe, über deren zweites Album „In Anno Futuro“ pünktlich zum Release eine Rezension zu verfassen. Zusätzlich vereinbare ich mit Sänger Oliver Müller ein persönliches Interview beim Gig in der Rotunde, bei welchem ich noch alle anderen, wirklich sympathischen Mitglieder und somit auch Kleintjes selbst kennenlerne. Der „Held der Arbeit“ ist mittlerweile übrigens zum Quintett angewachsen, lässt eine erhebliche Steampunk-Note in seine Musik einfließen und arbeitet momentan am nunmehr dritten Album. Zeitsprung: 2019. Vor wenigen Tagen erhalte ich via Facebook die Einladung, eine neue Seite mit dem berüchtigten „Gefällt mir“ zu markieren. Soweit nichts Ungewöhnliches, aber in diesem speziellen Fall deshalb so überraschend, weil die Anfrage hier von Axel Kleintjes direkt stammt, der sich im reizüberflutenden News-Wahn sämtlicher Social-Media-Kanäle sonst angenehm zurückhält. Ein kurzer Blick verrät mir, dass es sich dabei um ein neues Solo-Projekt von ihm handelt. Da ich mit seinen musikalischen Wurzeln spätestens nach dem Interview gut vertraut bin, klicke ich nur zu gerne auf die Weiterleitung zu SoundCloud. Nur wenig später bekomme ich auch schon eine Nachricht über den Messenger, die erfreulicherweise einen Dropbox-Link zum vollständigen Album enthält, welches am 19.04.2019 digital und komplett kostenlos über Bandcamp veröffentlicht werden wird... Zeitsprung, die Zweite: 2020. Und eigentlich ist (fast) alles beim Alten geblieben: „Held Der Arbeit“ sind unterdessen ein Sextett geworden und arbeiten noch immer am dritten Album, dafür gibt es via Bandcamp mit „3 3 3“ etwas Neues von „Onenine“! Zeitsprung, die Dritte: 2021. Die Helden aus dem Ruhrgebiet haben mittlerweile längst ihren dritten Fulltime-Release namens „Weiland“ in die Welt entsandt und ganz nebenher war scheinbar auch Kleintjes mit „Onenine“ wieder alles andere als untätig. So gab es also vor wenigen Wochen dann abermals einen Link mit dem vollständigen Material zum bereits letztjährig auf der eigenen Website still angeteasten und (vorerst?) finalen Teil der Trilogie. Dieses Mal unter dem mystischen Titel „Sceadu“ und abermals mit der eindrucksvollen Macro-Fotografie von John-Oliver Dum im Artwork und einem prominenten Mastering von „Rotersand“-Mastermind Krischan Wesenberg im Studio600 veredelt. Ab dem 19.12.2020 abermals digital und komplett kostenlos via Bandcamp erhältlich!

Ein kurzes Knistern, ein Knacken, ein nebulöses und kaum wahrnehmbares Sample aus dem Hintergrund. Wiederholung. Pause. Los! Der Opener des mittlerweile dritten, digitalen Longplayers, „dForced“, macht gleich von Beginn an keine Gefangenen und erst recht keinen Hehl aus seiner Herkunft oder gar beabsichtigten Richtung. Hier gibt es krachenden Industrial der alten Schule! Schon sehr bald setzt ein nervöses Flirren ein, nimmt dann rasend schnell an Fahrt auf und geht in einem mächtig stampfenden Bass über, der sofort ordentlich drückt und bei vollem Volumen die Wände knallend wackeln lässt. Ein unheimliches, gespenstisches Heulen mischt sich allmählich unter und fusioniert mit kleineren Spielereien und kratzigen Sound-Fragmenten, welche hier als chaotischer Kontrast zum aufgeräumten, gestreng marschierenden Rhythmus in bester EBM-Manier stehen. Das folgende „Surface“ nimmt sich da keineswegs aus, erweitert den treibend wummernden Sound aber um grell scheppernd taktierende Drum-Pads und fiependen Minimalismus und lässt so eine gehörige Portion Drum'n'Bass in den stoisch prügelnden Dark Electro einfließen, der wie ein beständig pumpender Schauer-Organismus tönt, dessen klopfendem Puls der Hörer im tiefsten Maschinenraum lauscht. Das schwer schleppende „Perception“ und „Those Runes“, welches ab seiner Hälfte mit vielen futuristischen Sounds ein etwas breiteres Spektrum zulässt, gleichen sich dem in behäbig walzender, angestrengt ächzender Manier an. Generell fallen die ersten Nummern auf „Sceadu“ relativ gleichförmig aus, was jedoch nicht negativ aufgefasst werden sollte. Die ineinander fließenden, kurzen Übergänge zwischen den Songs lassen den Aufbau so wirken, als gehörten diese unzertrennlich zusammen. Wie aus einem Guss manifestiert sich die immer dichter werdende Atmosphäre zu einem sich beständig steigernden, großen Ganzen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Die grundlegende Essenz speist sich dabei aus intelligent miteinander verquickten Komponenten des Experimental und Noise, welche die Grenzen mehr und mehr verschwimmen lassen und auch angedeutete Abstecher in artverwandte Gefilde des breit gefächerten Genres nicht scheuen. Das dringliche Pochen der Drums und sphärisch beruhigende Synthies, die schnell einen breiten Klangteppich erzeugen, bestimmen maßgeblich den Kern von „Unexpected Proceeding“, das recht kurz daherkommt und somit eher als Interludium, als eine Art Brückenschlag, zum nächsten Stück gesehen werden kann: „Pretender“ beginnt mit einem wispernden Gewirr aus allerhand undefinierbaren Lauten und Stimmen, bis die knurrende Elektronik etappenweise tröpfelnd aus allen Lücken rinnt und daraufhin auch sogleich zum großen Rundumschlag ansetzt. Technoid surrende Beats in ständig wechselnden Variationen prallen auf donnernde Bässe, das Tempo wird jetzt erheblich angezogen und schießt in halsbrecherischer Geschwindigkeit los. Wie in den Credits zu lesen, steuerte „Held der Arbeit“-Sänger Oliver „Der Müller“ Müller, mit dem Kleintjes bereits weit vor der Entstehung des Steampunk-Projekts auf Electro-musikalischer Basis zusammenarbeitete, dieses Mal zusätzliche Keyboard-Parts bei, was dem satten, abwechslungsreichen weiterhin zuträglich gewesen sein wird. Später dann noch ein knapper Break, die geballte Power setzt zugunsten eines kurzen Innehaltens entschleunigend aus... Und es geht weiter - Wow! Das ausnahmsweise deutschsprachig betitelte „Apparat“ präsentiert sich von Beginn als extrem basslastig, was sich im weiteren Verlauf als Hauptelement herausstellt. Jedoch bleibt der Low-Tempo-Stampfer nicht einmal annähernd so eindimensional, wie man vielleicht meinen könnte. Als Kontrast zum extrem harten Nachdruck steht ein kurzer, verspielter Synth-Jingle, der einen exotischen, leicht asiatisch angehauchten Vibe mit sich bringt. „Deployment“ zieht die Geschwindigkeit dann wieder deutlich an und paart dabei einschneidende Breaks im zeitweise vehement treibenden Rhythmus, maschinell flimmernden, analogen Retro-Sounds und einigen beklemmenden Hall-Effekten, bevor mit „Nine“ an neunter Stelle der letzte Song naht. Im kantigen Industrial-Style regieren hier nun nochmals verzerrt knarzende Beats, metallisches Knallen und kreative Samples aus klirrendem Glas und einem hellen Fiepen wie bei einem EKG-Monitor. Experimentell und zugleich klassisch, aber keineswegs langweilig. Im direkten Vergleich zu seinem verhältnismäßig zugänglichen Vorgänger nähert sich der aktuelle Trilogie-Abschluss zumindest in rein musikalischer Hinsicht über weite Strecken viel mehr dem doch recht sperrigen Debüt „Hirato“ an. Brach „3 3 3“ die hauptsächlich bedrückend dunklen Klangwelten noch hin und wieder überraschend optimistisch auf und ließ dabei sogar teils dezent synth-poppige Elemente zu, so führt die nunmehr dritte Veröffentlichung von Axel Kleintjes nun wieder verstärkt zu den einstigen Wurzeln zurück: Vereinzelte Vocal-Parts gibt es dieses Mal keine und auch das im Genre sonst so gern und viel genutzte Sampling hält sich vornehm zurück, ebenso sehr wie verspielte oder nur allzu catchy aufgezogene Sequenzen. Dafür bewegt sich „Onenine“ abermals in sehr charmant umgesetzten, reduzierten Oldschool-Gewässern und fährt dahingehend mit gehörig viel brutalem Bass und minimalistischen Beats auf. Insbesondere zu Anfang hat dieser Kniff zur Verdichtung der somit erzielten Atmosphäre zwar weitaus weniger Variation zur Folge, ab der Mitte des Albums erwartet die Rezipienten dann aber schließlich doch ein ausgewogener, pointiert abgestimmter Genre-Mix, dem man die langjährige Erfahrung definitiv sofort anhört. Bequem oder gar leicht zugänglich ist „Sceadu“ für gängige Hörgewohnheiten deshalb noch lange nicht und erfordert dringend den Willen, sich mit der Materie aufmerksam auseinandersetzen zu wollen, die danach umso ergiebiger wirkt. Alles in allem kreiert Kleintjes mit „Sceadu“ nicht nur die logische Fortsetzung zu „Hirato“ und „3 3 3“, sondern auch eine herrlich kaputte, finstere Klang-Collage mit ungemein dichter Atmosphäre, wie aus einem fiebrigen Albtraum. An alle Fans von wahrem Industrial, eindringlichen Noise-Eskapaden und brettharten EBM-Rhythmen: Reinhören!

Informationen:

https://www.onenine.de

https://www.facebook.com/Onenine-465304927136730/

Funker Vogt - Element 115 (2021)

Genre: Electro / EBM / Alternative

Release: 29.01.2021

Format: CD

Anzahl Ton- / Bildträger: 1

Label: Repo Records (Alive)

Spielzeit: 59 Minuten

Fazit:


Der Funker ist tot - Lang lebe der Funker! Vier Jahre ist es her, dass Chris L. das herrenlose Mikrofon bei „Funker Vogt“ aufgriff und die Funker, Gerrit Thomas, René Dornbusch und eben Chris L., ein knallhartes Statement gaben, weshalb sie eindeutig an die Speerspitze dieser Szene gehören. Leise können und wollen sie auch 2021 nicht sein, und so feuern sie auf dem neuen Album „Element 115“ ordentlich Zündstoff in die Massen. Kernpunkt der Thematik ist die Theorie der Prä-Astronautik, die kurz gesagt beinhaltet, dass die Götter der Menschen außerirdische Besucher waren und bereits seit Jahrtausenden die Erde besuchen. Mit dem titelgebenden „Element 115“ wird laut Bob Lazar, einem ehemaligen Wissenschaftler der Area 51, der schon in den Achtzigetjahren durch das Veröffentlichen geheimer Informationen in Erscheinung trat, ein Gravitationsantriebssystem mit Antimateriereaktor als Energiequelle angetrieben. Erstaunlich hierbei ist, wie detailreich er seine Arbeit in der Area 51 und was er dort erlebte, beschreibt. „Funker Vogt“ werden aber jetzt nicht mit selbstgenähten Stretchanzügen und Aluhütchen durch die Innenstädte laufen und versuchen, Menschen zu bekehren. Hier geht es nur um die Möglichkeit dieser Theorien - Was wäre, wenn... „Prepare For Invasion“ dröhnt es aus den Boxen und so nehmen die Funker nicht nur bei dem knallharten „Invasion“ keine Gefangenen, denn „Jedes Andersdenken ist Verschwörungstheorie“, wie es in dem Clubkracher „Olympus“ heißt, und so stehen auch Songs wie „The Grey“, „A.I.“ und „Abducted“ unter dem Motto „Wir verhandeln nicht mit Terroristen“ und heißen geradezu willkommen zum Krieg auf den Tanzböden. Doch „Funker Vogt“ wären nicht „Funker Vogt“, würden sie nicht ordentlich Denkanstöße in alle Richtungen verteilen. Dort angesetzt wo sie mit der „Conspiracy“-EP schon angefangen haben, greift gleich der cineastische Opener „What If I'm Wrong?“ Fragen über unsere Existenz und unsere Bedeutung in diesem Universum auf. Und dieser rote Faden zieht sich bis zum abschließenden, bedrohlichen „A Step Into The Dark“ durch. Nicht nur musikalisch werden wir auf den dreizehn Tracks, plus fünf Bonus-Tracks auf der Limited Edition, der „Element 115“ eingeladen, in neue musikalische und textliche Weiten vorzudringen, der Funker präsentierte sich produktionstechnisch nie ausgereifter und prägnanter. Dass Gerrit, Thomas und Chris L. wesentlich mehr Zeit in die Produktion investiert haben, hört man nicht nur an dem in drei Sprachen gesungenen „To The Sun“ oder den beinah sphärisch anmutenden Tracks wie „GAIA“ oder „Lost“. Ausnahmetitel wie „The Wanting“ beweisen die ausgereifte, klangliche Vielfalt die „Funker Vogt“ final zu einer Einheit hat verschmelzen lassen. „Funker Vogt“ 2021 gehören auch im fünfundzwanzigsten Jahr der Bandgeschichte noch lange nicht zum alten Eisen - Ausgereifter und stärker denn je zuvor! Das sagenumwobene „Element 115“ kommt am 29.01.2021 über Dependent Records zu euch. Erhältlich als Download, CD im Digipak, 2-CD-Version mit sieben Bonus-Tracks und als exklusiv über Fantotal erhältliches Bundle inklusive handsignierter Autogrammkarte, gewebtem Aufnäher, einem Beutel im Album-Design und einem Schlauchschal.